Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Augenrollwoche

Letzten Sonntag wurde das letzte Weihnachtsplätzchen, ein Wochen vorher unter viel Gegiggel gemeinsam ausgerolltes und verziertes Riesenplätzchen, geschwisterlich geteilt und verzehrt.

Na, wer hat Trudes Tier erkannt?!

Am Montagmorgen fingen Gebrüll und Gezänk direkt am Frühstückstisch an. Montag ist der einzige Tag, an dem Morgenmuffel, Pulverfass und Springinsfeldalle drei Kinder gleichzeitig frühstücken, und es war der erste normale Montag seit langem: die letzten drei Montage waren Ferien, am Montag vor den Ferien waren sie direkt von der Fähre aus in die Schule gegangen, am Montag davor waren wir im Erzgebirge, und wenn ich mich recht erinnere, war am Montag davor mindestens ein Kind krank gewesen und im Bett geblieben.

Es folgte eine Woche mit extrem viel geschwisterlichem Gezänk und unzähligen nachmittäglichen Beschwerdeanrufen über den jeweils anderen bei mir auf Arbeit. Das Pulverfass war noch explosiver als sonst und explodierte ausserdem besonders lautstark.

(Apropos Pulverfass. Einst sagte der Motorsägenmann, als er einen der zahlreichen Brüllanfälle des vierjährigen grossen Herrn Maus miterlebte und ich augenrollend zu ihm sagte, dass ich eigentlich gedacht hätte, dass diese Anfälle in dem Alter langsam wieder aufhörten, scherzhaft zu mir: „Bei manchen dauert das Trotzalter eben, bis sie 18 sind.“ Ich lachte damals schon ein bisschen schief darüber, aber offensichtlich hatte er recht, der Motorsägenmann.)

Schnee wäre sicher hilfreich. Aber ach.


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Wollsocken im Klassenzimmer (8)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten. Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Schulkindern, die derzeit die Klassen 3, 5 und 7 besuchen, basierend. Heute mit einer lustigen Frage, die eine lange Antwort nach sich zieht.

Gibt es in Finnland Schulfächer, die es anderswo nicht gibt? Eishockey zum Beispiel?

Hihi. Eishockey ist zwar durchaus eine wichtige Sache hierzulande, aber ein extra Schulfach gibt es dafür nicht.

Es wird aber tatsächlich Eishockey gespielt im Sportunterricht, und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr Beispiele fielen mir ein, dass es zwar keine anderen Unterrichtsfächer gibt als anderswo, aber dass sich der Inhhalt vielleicht tatsächlich ein bisschen unterscheidet. Dass Schule hierzulande nicht nur Wissen vermitteln, sondern vor allem aufs Leben vorbereiten soll.

Fremdsprachen: Schwedisch statt Latein

Ich musste als erste Fremdsprache Russisch lernen. Sechs Jahre lang habe ich im Russischunterricht gesessen und immer die besten Noten dafür bekommen – und am Ende trotzdem nicht das Gefühl gehabt, mich im Ernstfall auch nur ansatzweise auf Russisch verständigen zu können. Der Englischunterricht war am Anfang so ähnlich: in unserem Lehrbuch fanden sich so essentielle Sätze wie Mike is a mechanic. Mike is out of work. Dann kam die Wende, ich wechselte von Russisch zu Französisch, und schon nach zwei Jahren Unterricht – von denen ich das erste wegen Schulwechsel quasi nochmal wiederholte – konnte ich mich im Urlaub in Frankreich leidlich verständigen. (Und habe zum ersten Mal erlebt, wie motivierend das ist. Und dass es völlig wurscht ist, ob man alles immer ganz perfekt ausspricht und alles immer grammatikalisch korrekt ausdrückt.) Später habe ich noch Tschechisch und Finnisch gelernt – keine Weltsprachen, aber Sprachen, die ich aus Gründen gern können wollte – und ja, es ist tatsächlich so, dass sich jede neue Sprache leichter lernt.

Ich bin jedenfalls ein grosser Fan von praktisch anwendbaren Fremdsprachen, und deswegen finde ich es nicht nur toll, dass die Kinder hier seit neuestem schon ab der ersten Klasse Englisch lernen (unsere allerdings haben alle erst in der dritten damit angefangen), sondern ich finde auch den eher unbeliebten Schwedischunterricht ab der 6. Klasse gut. Schwedisch ist nun mal zweite Amtssprache in Finnland – und vor allem ist es eine Sprache, die man auch wirklich gebrauchen kann: denn wenn man Schwedisch kann, dann kommt man auch in Norwegen und Dänemark zurecht und wird höchstens in Schweden wegen seines Muminschwedischs ein bisschen belächelt.

Es gibt in Turku auch eine Schule, in der man in der Abiturstufe Latein und Altgriechisch lernen kann – aber sonst beschränkt sich das Sprachenangebot neben Englisch und Schwedisch je nach Schule auf Spanisch, Russisch, Deutsch und Französisch. Und ja, mir hat man damals auch gesagt, wenn man Biologie studieren will, dann muss man Latein lernen – das muss man aber überhaupt nicht: das bisschen Latein, das man braucht, um sich Fachbegriffe auch mal selbst erschliessen zu können, lernt man auch nebenher, dafür braucht man wirklich kein Latinum.

Sport: Orientierungslauf, Schlittschuhfahren und Skilanglauf

Sportunterricht ist am Anfang der Grundschule ziemlich spielerisch, später wird auch ernsthafter Geräteturnen und Leichtathletik betrieben und verschiedene Ballspiele gelernt. (Baseball (!) ist ein grosses Ding in Finnland.) Ausserdem machen sie von Anfang an Orientierungslauf – in zumutbarer Laufentfernung zu jeder Schule gibt es mindestens ein kleines Stück Wald mit für den Orientierungslauf fest installierten Posten.

Im Winter werden alle Sportplätze vereist und im Sportunterricht schlittschuhgelaufen, wobei auch Bremsen, Rückwärtsfahren etc. geübt und Eishockey gespielt wird. Ausserdem wird im Winter Skilanglauf betrieben – bei den Finnen ähnlich beliebt wie der obligatorische Schwedischunterricht – in Turku allerdings mangelt es normalerweise an der entsprechenden Witterung und/oder der Ausrüstung der Schüler.

In der Vorschule und allen ungeraden Klassenstufen wird ausserdem jeweils für einige Tage schwimmen gegangen, denn möglichst früh ordentlich schwimmen zu können gilt als überlebenswichtige Fähigkeit in Finnland.

Handarbeiten: Nähen und Werken für alle

Handarbeits- und Werkunterricht sind hier sehr viel mehr als Topflappenhäkeln und Kerzenständer basteln. In den ersten beiden Schuljahren wird eher gebastelt, aber ab der dritten Klasse wird ernsthaft gehandarbeitet und gewerkelt.

Unsere Schule hat einen extra Handarbeitsraum mit Zuschneidetisch, Nähmaschinen, Bügeleisen und -brettern und was man sonst noch so alles benötigt. In der dritten Klasse haben unsere Kinder jeweils ihren Nähmaschinenschein gemacht. Genäht werden Kuscheltiere, Taschen, Blockflötenhüllen, Mützen, Schlafanzüge, ausserdem wird gestrickt, gehäkelt und gebatikt.

Werkräume sind ähnlich umfassend ausgestattet (leider fehlt mir das entsprechende Vokabular, um alle Maschinen hier aufzuzählen), und den Kindern wird auch echt was zugetraut: das Fräulein Maus hat neulich geschweisst!

Werken und Handarbeiten sind selbstverständlich für Jungs und Mädchen und gehen oft auch Hand in Hand: in der fünften Klasse bekam jedes Kind aus des Fräulein Maus‘ Klasse ein Brett einer bestimmten Grösse in die Hand gedrückt. Daraus sollte im Laufe des Schuljahres ein Haus entstehen – sie hat ein Puppenhaus gemacht, aber der Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt, man hätte sich auch von Minecraft oder wovon auch immer inspirieren lassen können – und eingerichtet werden. Sie musste also erstmal planen, wie ihr Haus aussehen soll, und in welcher Grösse sie die dafür benötigten Teile zusägen muss, damit das Brett dafür auch reicht. Ausserdem hat sie Möbel gebaut, Kissen, Tischdecken und Vorhänge genäht und am Ende noch Licht verlegt, samt Schaltern und dimmbaren LED-Lämpchen.

Sachkunde: Brandschutz und Pilze bestimmen

Auch Sachkunde ist eher praxisorientiert: Leben retten, Pilze korrekt bestimmen oder angeln steht schon für Erst- und Zweitklässler auf dem Programm. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse ihren Fahrradführerschein gemacht, für den ein echter Fahrlehrer aus einer Fahrschule die Theorie- und Praxisstunden abhält und am Ende einen (fast echten) Fahrradführerschein ausstellt. (Den der grosse Herr Maus schon zweimal irgendwo verloren hat und den ihm beide Male nette Menschen wieder haben zukommen lassen, indem sie erst mit seinem Namen irgendwelche Kontaktdaten gesucht – unser ungewöhnlicher Nachname war da vermutlich hilfreich – und mich dann über SMS oder Facebook kontaktiert und den Führerschein schliesslich seinem Besitzer entweder zurückgebracht oder per Brief zurückgeschickt haben. Finnland…! ♥)

Karriereberatung: Wie es nach der 9. Klasse weitergeht

Gleich im ersten Halbjahr der Oberstufe hatte das Fräulein Maus ein Fach, unter dem wir uns alle zusammen nichts vorstellen konnten, und das ich jetzt, wo ich um die Inhalte weiss, am ehesten Karriereberatung nennen würde. (Wobei ich den Wortbestandteil „Karriere“ dabei eher unpassend finde, weil es eben nicht darum geht, eine möglichst gute „Karriere“ in einem aussichtsreichen Beruf anzustreben, sondern herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen und was man sich nach der Schule als erfüllende Tätigkeit vorstellen könnte.) Natürlich waren eventuelle schon vorhandene Berufswünsche auch kurz Thema am Anfang, aber insgesamt geht es vor allem darum, den Schülern aufzuzeigen, wie es für sie nach der 9. Klasse weitergehen könnte und welche Noten schon jetzt wichtig sind für z.B. die Bewerbung an einem Gymnasium. In der 8. und 9. Klasse müssen die Schüler auch für drei Tage bzw. eine Woche ein Praktikum machen, um schon mal ein bisschen ins Berufsleben (und vielleicht den Beruf, den sie sich für sich vorstellen könnten) hineinzuschnuppern. In der 7. Klasse arbeitet jeder einen Tag lang in der Schulküche mit.

Hauswirtschaft: Für sich selbst sorgen lernen

Das Fräulein Maus hatte Hauswirtschaft ja schon mal als Wahlfach, aber in der 7. Klasse steht Hauswirtschaft für alle auf dem Lehrplan. Selbstverständlich mit Lehrbuch, Tests und allem Drum und Dran wie in anderen Fächern auch. Die Schüler lernen so grundlegende Dinge wie Hygieneregeln, wie man Wäsche sortiert, wie man den Geschirrspüler am sinnvollsten einräumt oder wie oft man Bettwäsche wechseln sollte. Und jede Woche wird im Unterricht gekocht oder gebacken und zum anschliessenden Essen auch der Tisch fein gedeckt. Und neulich hatte das Fräulein Maus einen Monat lang Hausaufgaben für Hauswirtschaft – sie musste einen Zettel mit verschiedenen Haushaltstätigkeiten abarbeiten: staubsaugen, ihren Kleiderschrank aufräumen, Klo putzen, Wäsche waschen, etwas backen…

(Find‘ ich alles prima. Die Frage allerdings, wieviel davon bei den Schülern hängenbleibt, stelle ich mir jedes Mal, wenn ich unseren Zivi beobachte, der jegliche Putzaufgabe zwar beflissen, aber komplett unbeholfen ausführt. Aber so ist das ja mit jedem Schulfach.)

***
Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien
Wollsocken im Klassenzimmer (6): Wilma
Wollsocken im Klassenzimmer (7): Kältefrei


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Fürs Leben lernen

Der kleine Herr Maus riss heute in einem Anfall von Jux und Dollerei den Aufhänger von des Fräulein Maus‘ Badetuch ab.

„Den nähst du aber selbst wieder an, kleiner Herr Maus, klar?!“
„Ja, mach‘ ich.“ Kurze Pause. „Mama? Darf ich den mit Fräulein Maus‘ Nähmaschine annähen?“
„Wenn sie Lust hat, dir zu zeigen, wie das geht, gerne.“
„Nee, Mama! Ich kann das! Das hab‘ ich doch in der Schule gelernt!“

Hatte ich fast vergessen, dass ja die Drittklässler alle ihren Nähmaschinenschein machen in der Schule. (Womit mir alle drei Kinder weit voraus sind.)


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Heiligabend 2019

Heute erst guckten wir die am Heiligabend aufgenommene Spezial-Maus an. Warum die denn so lang sei, fragten die Kinder. „Damit es die deutschen Kinder ein bisschen einfacher haben beim Warten auf die Bescherung“, antwortete ich.

Verstanden sie nicht, unsere Kinder. Denn bei uns ist Heiligabend immer ruckzuck um.

9:00 Uhr: Der Ähämann hat uns den Wecker gestellt. Hier schlafen schon seit Beginn der Weihnachtsferien alle bis mindestens um zehn. Aber heute müssen wir ein bisschen eher aufstehen. Zu Heiligabend haben wir immer viel vor. Viel Ruhiges und viel Schönes.

10:00 Uhr: Der Ähämann hat den Frühstückstisch gedeckt, ich habe Milchreis vorgekocht. Die Kinder sind nach und nach aufgestanden, ich bringe den Milchreis zu Bett, wir frühstücken.

11:15 Uhr: Wir steigen in den Bus. Er wird an jeder Haltestelle voller; wir haben alle das gleiche Ziel. Weil unsere Buslinie ja seit einem Jahr eine veränderte Route fährt, beschliessen wir, diesmal noch eine Haltestelle weiter zu fahren zu sonst. Dort werden gerade zwei Sisu-LKWs in Stellung rangiert, die Ampeln blinken gelb, und mitten auf der grossen Kreuzung tänzeln zwei Polizisten und schwenken wie immer in solchen Situationen eher unbeholfen ihre Stäbe, um den Verkehr zu regeln.

(In meiner Geburtsstadt gab es noch lange Zeit mehrere grosse Kreuzungen, auf denen der Verkehr von Hand geregelt wurde. Die Polizisten standen würdevoll in der Mitte und vollführten eine exakte Choreographie, die alle verstanden. Einmal versuchte ich, mich mit dem Fahrrad an einer T-Kreuzung einfach hinter dem Rücken des Verkehrspolizisten vorbeizuschleichen, was mir einen sofortigen Anpfiff desselben, ohne dass er seine Handzeichen auch nur eine Millisekunde dafür unterbrochen hätte, einbrachte.)

12:00 Uhr: Weihnachten fängt an.

12:30 Uhr: Unser Bus ist der erste, der sich durch die sich auflösende Menschenmenge geschoben hat. Fast alle Busfahrer tragen Wichtelmützen (einmal fuhr uns auch der Weihnachtsmann nach Hause) – unser Busfahrer fährt ein echtes kleines Weihnachtsbäumchen mit sich herum.

13:00 Uhr: Wir decken schnell den Tisch, wecken den Milchreis auf und essen. In einer Stunde müssen wir ja schon wieder los.

14:30 Uhr: Kinderkirche. Weihnachten muss ja sein wie immer.

15:15 Uhr: Leider ist gestern der Einkaufsbeutel mit dem frischen Fisch fürs Weihnachtsessen unausgepackt in der Küche stehengeblieben – wir knobeln noch aus, wer daran schuld ist – und wir merkten es erst, als heute nach dem Frühstück jemand nach Bananen fragte, die sich auch nicht im Obstkorb befanden. Wir brauchen also neuen Fisch. Nicht unbedingt sofort, weil wir an Heiligabend eigentlich schon seit Jahren nichts Besonderes mehr essen, weil keiner Zeit und Lust zum Kochen und auch niemand wirklich Hunger hat abends, und weil man, seit die Ladenöffnungszeiten hier noch weiter gelockert wurden, auch an den Weihnachtsfeiertagen einkaufen könnte, aber dann haben wir wahrscheinlich noch weniger Lust dazu als jetzt. Im Prisma sind die Regale voll, vier Kassen geöffnet und zehn Leute am Einkaufen, und wir beschliessen spontan, dass wir ab nächstem Jahr unseren gesamten Weihnachtseinkauf immer um diese Zeit machen.

15:45 Uhr: Bevor wir heimfahren, besuchen wir noch die beiden Über-Weihnachten-Pflegekatzen. Sie bekommen natürlich ein extra Weihnachtsleckerli.

16:30 Uhr: Es liegen Geschenke unterm Weihnachtsbaum!

17:30 Uhr: Alle Geschenke sind ausgepackt und bejubelt. Der Ähämann räumt zum zweiten Mal heute den Geschirrspüler ein, das Fräulein Maus schneidet Gemüse und rührt Dippi an, ich verräume Geschenkband und mache einen Pappmüllpappkarton für Legoverpackungen und Packpapier auf, mit dem wir wohl in den nächsten Tagen zum grossen Container hinterm Supermarkt fahren werden müssen, weil unser hausgemeinschaftseigener Pappcontainer schon seit Tagen überquillt und sich die Situation erfahrungsgemäss an Heiligabend drastisch verschärft.

18:30 Uhr: Weihnachtssauna. Die Herren Maus wollen eigentlich lieber an ihrem neuen Lego weiterbauen, kommen dann aber doch für zwei Saunagänge mit, weil es so schön ist, dampfend auf der Gartenbank neben dem Weihnachtsbaum zu sitzen. Nebenher essen wir, süss und salzig und gesund und ungesund durcheinander, draussen, drinnen, wie jeder will. (Ich trinke alkoholfreie Bierbrause – die mit den hübschen Kronkorken – und verstosse damit wenigstens gegen eine deutsche Saunaregel nicht.)

20:00 Uhr: Es wird ein Märchenfilm gewünscht. Zum Glück wurden und werden gerade mehrere neue ARD-Märchenfilme gesendet. Die „Regentrude“ ist schon immer mein Lieblingsmärchen gewesen, und der Film ist auch ganz prima. Wenn auch vielleicht nicht so gaaanz zu Weihnachten passend. Zum ersten Mal heute haben wir Zeit rumzubringen. Als der Film zu Ende ist, haben wir noch eine Viertelstunde Zeit, um uns anzuziehen. Gutes Timing!

22:00 Uhr: Wir waren dieses Jahr noch gar nicht Weihnachtslieder singen, und deshalb nutzen wir die allerletzte Chance. Womit wir nicht gerechnet hatten: in der Kitschkirche zweitgrössten Kirche der Stadt haben sich um diese Uhrzeit noch um die tausend Leute versammelt, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, und wir finden kaum noch einen Platz. (Und leider quetschen sich dann kurz vor knapp direkt hinter uns noch zwei Männer, die zum traditionellen Weihnachtschinken offensichtlich schon reichlich Alkohol genossen haben und besonders lautstark und… äh… schön… mitsingen.) Eine Stunde lang singen wir fast das gesamte Weihnachtsliederheftchen durch, der Pfarrer ist sehr cool, und wir erfahren, dass Finnlands einziger Kantor, der sowohl Orgel spielen als auch Dampflok fahren kann, unser Singen begleitet, und er antwortet mit einem sehr echt klingenden Dampflokpfeifen von der Orgelempore.

23:30 Uhr: Die Kinder sind jetzt dermassen bettreif, dass sie direkt vom Flur ins Bad ins Bett gescheucht werden müssen. Wir wollten doch noch Bowle trinken, beschwert sich der kleine Herr Maus. Und er wolle eigentlich noch bis in die Nacht mit seinen Weihnachtsgeschenken spielen.

Hör zu, kleiner Herr Maus, sage ich, als ihm schon fast die Augen zufallen, zum Glück fängt Weihnachten ja gerade erst an.


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Im Weihnachtsbaumwald

Seit heute morgen 10 Uhr – wegen Zeugnisausgabe grundsätzlich samstags mit Eltern – haben wir Ferien. Ich habe meine Flunssa vom 1. Advent über den ganzen Erzgebirgsurlaub verschleppt, es nieselt und wird den ganzen Tag nicht richtig hell, und ich fühle mich gerade so, als ob ich bis zum 7. Januar einfach durchschlafen möchte.

(Der kleine Herr Maus baute sich auch direkt nach der Zeugnisausgabe ein Deckenlager im Wohnzimmer, nahm seinen Riesenriesig in den Arm und schloss die Augen. Leider kam dann das Fräulein Maus von ihrer Zeugnisausgabe heim, woraufhin der kleine Herr Maus wieder hochschnipste und ein paar Stunden später von uns zu einem Mittagsschlaf gezwungen werden musste.)

Während alle Welt in die Einkaufszentren strömte, fuhren wir in den Wald. Wir sind spät dran dieses Jahr mit einem Weihnachtsbaum, aber im Weihnachtsbaumwald muss man sich nicht mit einem übriggebliebenen, schon seit Wochen ohne Wasser herumstehenden Kümmerling begnügen. Wir fanden eine ganz perfekte mittelgrosse Fichte, die wir morgen schmücken werden, und die ganz sicher auch in diesem Jahr wieder bis zum 13. Januar bei uns bleiben darf.

Im Wald war’s schön. Trotz Nieselregen und Finsternis war ich dort für eine Stunde kein bisschen müde.


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Advent, Advent

Pünktlich Freitagmittag vorm ersten Advent ging der schon vier Tage andauernde Regen von einer Minute zur anderen in Schnee über. Kurz darauf waren die ersten Dächer und Wiesen weiss. Abends begrüsste uns ein Schneemann vorm Haus, und die Kinder konnten das ganze Wochenende schlittenfahren.

Das Adventswochenende begann Freitagabend mit einem Weihnachtskonzert der Musikklassen 7 bis 12 in der Kitschkirche zweitschönsten Kirche der Stadt. Die Schule hat ein eigenes Orchester! Und einen riesigen Chor – oder wahlweise verschiedene kleinere – weil alle Schüler der Musikklassen im Chor singen! Ein bisschen getrübt wurde die Freude, weil die Herren Maus es nicht erwarten konnten, zur am gleichen Abend stattfindenden Kinderradionacht zu kommen und das ganze Konzert über mehr oder weniger durchmotzten.

Als wir dann alle drei Kinder samt Schlafsäcken und Krempel zur Radionacht abgeliefert hatten, nutzten der Ähämann und ich die Chance und gingen aus. Das neue georgische Restaurant hat nicht nur sehr leckeres Essen, sondern dankenswerterweise auch nicht schon halb zehn – weil sich danach sowieso alle nur noch besaufen wollen – Küchenschluss wie sonst sämtliche finnische Lokalitäten. Ganz romantisch teilten wir uns sowohl Vor-, Haupt- als auch Nachspeise, denn nach unserem ersten Besuch dort hatten wir noch eine Woche lang von den mit nach Hause genommenen Resten leben können.

Am Sonnabend machten wir die Wohnung adventsfein, der Ähämann stieg in den Baum (und spendierte ihm eine sechste Lichterkette), und dann fuhren wir mit dem Bus in die Stadt, um dem Anzünden Anschalten der Lichter des Weihnachtsbaums vor dem Dom beizuwohnen. Die Zeremonie war dieses Jahr ein bisschen lieblos und albern, aber dafür schneite es die ganze Zeit wie verrückt!

Am Sonntag streckte mich die blöde Flunssa nieder, die das Fräulein Maus schon eine Weile gequält hatte, aber die Kinder waren einfach den ganzen Tag mit dem Schlitten unterwegs, und abends fuhren wir – Was muss, das muss! – „Hosianna!“ singen in eins unserer liebsten Kirchlein.

Schon schön, die Adventszeit hier bei uns.

(Ich hab‘ auch nur vielleicht ein- oder zweimal ganz, ganz hinten im Hinterkopf gedacht, wie doof das eigentlich ist, genau jetzt wegzufahren. Aber der Advent ist ja noch lang.)


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Wochenende mit Herzchenaugen

Irgendwie hatten wir ja angenommen, des Fräulein Maus‘ Wettkampfkarriere sei zumindest vorläufig erstmal beendet.

Aber dann sassen wir Anfang Oktober in Rauma in einer Pizzeria und mein Handy piepste und die Trainerin des Fräulein Maus fragte, ob das Fräulein Maus eigentlich mitfahren wolle auf einen Wettkampf nach Tallinn, und das Fräulein Maus nickte mit funkelnden Augen und die Trainerin fragte, ob einer von uns Eltern mitkommen würde, und wir beschlossen spontan, alle fünf zu fahren.

Als ob wir uns eine Gelegenheit, nach Estland zu fahren, entgehen lassen würden! Und in Tallinn waren wir – abgesehen von den kurzen Besuchen bei den Wollsachenverkäuferinnen an der Stadtmauer auf dem Rückweg von unseren jeweiligen Herbsturlauben – schon ewig nicht mehr!

Ich quietschte vorfreudig, als der Ähämann uns eine Ferienwohnung in einem alten Holzhaus aufgetan hatte, und es war dann genauso schön, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Von aussen, zugegeben, eher eine Bruchbude, die vor allem dem grossen Herrn Maus ziemlich suspekt war. Und man fragt sich, warum das Ding unter Denkmalschutz steht. Also natürlich nicht. Aber warum keiner was dran tut. Es ist aber so, dass in Estland allüberall unter Hochdruck höchst futuristisch neu gebaut und Altes wunderbar renoviert wird. Aber es dauert eben. Und für manches ist vielleicht auch einfach kein Geld da, obwohl ich noch nie so viele tolle von der EU finanzierte Projekte gesehen habe wie in Estland.

Jedenfalls lieben wir Estland sehr dafür, dass es nicht so ein gelecktes Urlaubsland ist, dass sich da überall Altes neben Neuem, Verfallenes neben Restauriertem findet.

Wie auch bei unserer Ferienwohnung diesmal. Innen war sie höchst modern. Aber das grüne Treppenhaus…! Und der blaue Kachelofen…! <3

Kann jedes Hotel einpacken dagegen!


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Novembersamstag

Letztes Jahr im November haben wir uns eigentlich nur nach den Weihnachtsferien gesehnt: das Fräulein Maus hatte andauernd Training oder Wettkampf, der Ähämann hatte auf Arbeit ein schwieriges Projekt, das ihn auch abends und am Wochenende noch beschäftigte, und ich hatte fürchterlich lange Tage zwischen Arbeit, Praktikum, Schule und vorzubereitenden Lehrproben. Wir waren erschöpft von all dem Gerenne, und müde von der Dunkelheit.

Dieses Jahr stelle ich fest, dass ich sogar den November wieder geniessen kann, mit all seiner Dunkelheit und seinem Nieselregen und Noch-nicht-Weihnachtszeit. Es ist so schön, noch drei Kerzen mehr anzuzünden, während draussen um vier schon die Nacht hereinbricht und der Regen ans Fenster sprüht. Es ist so schön, abends gegen die Müdigkeit einfach zeitig ins Bett zu gehen, statt noch eine Hausarbeit fertigschreiben oder über die besten Phrasen für den nächsten HENSU nachdenken zu müssen.

Heute schliefen wir lange, dann ging der kleine Herr Maus auf einen Kindergeburtstag, Mittagessen fand der Einfachheit halber im am Weg gelegenen IKEA statt und dann gingen wir – auch das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht, weil wir schon lange nicht mehr alle fünf gleichzeitig Zeit dafür hatten – auf Wunsch dreier Kinder in die Schwimmhalle.

Der Beutel begleitet uns schon, seit der grosse Herr Maus noch ganz klein war und die liebste Freundin ihn mir zum Geburtstag schenkte. Ich freue ich immer noch jedes Mal, wenn ich ihn benutze – auch wenn sich mittlerweile niemand mehr an der Kinderschlaufe festhält.

Und zwar in die im Nachbarort, weil es da freitags und wochenends Wasserspielzeug zur freien Verfügung gibt. (Also nicht so ein paar Bälle und Giesskännchen, sondern riesige schwimmende Gebilde, auf denen man herumturnen, und riesige Schüsseln, in denen man durchs Schwimmbecken paddeln, und riesige Ringe, durch die man hindurchspringen kann.) Die Entscheidung stellte sich als Volltreffer heraus, denn während unsere Schwimmhalle am Wochenende immer brechend voll ist, war die Schwimmhalle im Nachbarort so leer, dass nicht nur die Kinder nicht am Wasserspielzeug Schlange stehen mussten, sondern quasi jeder Schwimmbadbesucher eine Bahn für sich hatte, und genau, wir Eltern konnten auch einfach mal ein paar Bahnen schwimmen, weil kein Kind mehr beaufsichtigt werden muss. (Als sie genug gespielt hatten, brachte der kleine Herr Maus seinen Geschwistern den Startsprung bei.) Ein sehr schönes, eisiges Aussenbecken für nach der Sauna hat die Schwimmhalle auch. Und sehr schönes helles Licht. ;-)

Dann fuhren wir heim und gossen aus den gesammelten Kerzenresten des letzten Jahres neue Kerzen für die Laternen im Vorgarten und zukünftige Eislichter.

Was man eben so macht an einem Novembersamstag.


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Wünsche

Wünsche, die wir leichtens abschlagen können (oder könnten, denn eigentlich gibt es solche Forderungen eher selten): Pokemonkarten, Spielzeug, Markenklamotten, Eis am Kiosk, Eintrittskarten zu Indoorspielplätzen.

Wünsche, die wir nicht abschlagen können: wenn das Kind, das seit diesem Schuljahr auch einen weiteren Schulweg hat, gerne wieder Spikereifen fürs Fahrrad hätte.

(Und ich freu‘ mich so für den kleinen Herrn Maus, dass er von Anfang an nicht so verkrampft auf dem Fahrrad hockt im Winter wie ich.)