Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


Ein Kommentar

Zahnfest

Am Montag hatte der grosse Herr Maus seine Abschlussuntersuchung in der Kieferorthopädie der Lieblingszahnklinik.

In den letzten acht Jahren hat er alle Arten fester und loser Zahnspangen im Mund gehabt, die man sich nur denken kann. Zuletzt musste noch ein bleibender Backenzahn um 90 Grad gedreht werden. Zwei der ihn behandelnden Studentinnen haben in der Zeit ihre Ausbildung als Kieferorthopädin abgeschlossen. Die Zahnarzthelferin kann jetzt viel besser Finnisch als vor acht Jahren (sagt der grosse Herr Maus).

Gekostet hat uns der ganze Spass keinen Cent. Nicht, weil die Behandlung als Versuchskaninchen in der Ausbildungszahnklinik erfolgte, sondern weil Kinder hierzulande generell nichts für Arztbesuche zahlen müssen. Stattdessen gibt es recht strenge Kriterien, wann Patient*innen überhaupt zum Kieferorthopäden, zur Augenärztin oder zur Physiotherapie geschickt werden. Das ist prima, weil es so bei echtem Bedarf keine monatelangen Wartezeiten gibt, bis man einen Termin bei einem Spezialisten bekommt, und ich andererseits als Patientin oder Patientenmutter garantiert nicht darüber nachdenken muss, ob die vorgeschlagene Behandlung wirklich nötig oder nur für die involvierten Ärzte recht lukrativ ist.

Jedenfalls. Als wir am Montag ins Behandlungszimmer kamen, hatte man uns dort schon eine Tüte mit allen seinen Zahnabdrücken der letzten acht Jahre zurechtgelegt. (Erwähnte ich schon, dass ich diese Zahnklinik sehr liebe?!)

Und als der grosse Herr Maus am Abend von den Pfadfindern heimkam, gab es ein kleines Zahnfest.

Wir haben nie ein grosses Ding aus ausgefallenen Milchzähnen gemacht. (Jedes Kind hatte eine Zahndose, in der die ausgefallenen Zähne gesammelt wurden, und war jeweils sehr stolz, dass es nun schon so gross ist. Manchmal muss auch so ein Gefühl reichen.) Aber das jetzt, das war wirklich ein Grund zum Feiern.


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Lieblingskinderbuch 2022

Der kleine Herr Maus liest gern – nicht so manisch alles was ihm unter die Finger kommt wie der grosse Herr Maus, aber gern abends im Bett vorm Einschlafen; was vielleicht daher rührt, dass er und ich früher so oft Leseclub im Elternbett gemacht haben – und beauftragt mich gern mit der Beschaffung neuen Lesestoffs.

Nun ist das in unserer wunderbaren Bibliothek überhaupt kein Problem. (Wir werden es nie und nimmer schaffen, uns durch das deutschsprachige Angebot unserer Bibliothek durchzulesen; auch weil ständig neue Bücher angeschafft werden.) Aber in gleichem Masse, wie mich der hohe Anteil an Krimis in der Erwachsenenabteilung nervt, nerven mich die ganzen Harry-Potter-Abklatsche in der Kinderabteilung.

Und so habe ich mich neulich sehr gefreut, als mir eine der Neuanschaffungen ins Auge stach.

Das Buch beginnt damit, dass der Vater der drei Kinder der Familie Wolf – die elfjährige Liesl, der siebenjährige Otto und die anderthalbjährige Mia – im Oktober 1944 doch noch einberufen wird, obwohl er ein kaputtes Bein hat, seit er als kleines Kind unter ein Pferd geraten ist; und auch Herr Wagner, dem an einer Hand drei Finger fehlen, Herr Schmidt mit dem Glasauge und der erst sechzehnjährige Jakob müssen aus dem ostpreussischen Dorf an die Front. Zwei Monate später werden alle vier als vermisst gemeldet, einen weiteren Monat später marschiert die Rote Armee in Ostpreussen ein und die Familie Wolf – Grosseltern, Mutter, Kinder – versucht, über das Stille Haff nach Westen zu fliehen. Nach einem Bombenangriff auf den Flüchtlingstreck finden sich die drei Geschwister allein im Schneesturm wieder und müssen sich ab da allein durchschlagen.

Fast ein Jahr lang sind die Geschwister auf sich gestellt: sie leben in einem verlassenen Bauernhof (wo sie sich um die verlassenen Kühe kümmern und vier Kälbchengeburten miterleben), später bei russischen Soldaten (bis ihr Kommandant die kleine Mia seiner Frau nach Russland mitbringen will), den Sommer über in einer Holzhütte im Wald (zusammen mit anderen Kindern, die ohne ihre Eltern in Ostpreussen zurückgeblieben sind), und als der Herbst mit den ersten Frostnächten anbricht, versuchen sie, sich nach Litauen durchzuschlagen, weil sie gehört haben, dass es dort mehr zu essen gibt. Am Ende stehen sie vor der schweren Entscheidung, für ein Zuhause ihre Namen und ihre Sprache und damit die Hoffnung, dass ihre Mutter sie je wiederfinden könnte, aufzugeben, weil dem litauischen Ehepaar, das ihnen Ersatzeltern sein möchte, im besten Fall die Deportation nach Sibirien droht, wenn herauskommt, dass es deutsche Kinder sind, die bei ihnen untergekommen sind.

Das ist harter Stoff für ein Kinderbuch. Aber dass die Geschichte aus Liesls Sicht erzählt wird, macht sie für Kinder gut aushaltbar: Liesl beobachtet ziemlich unvoreingenommen, was um sie herum vorgeht. Nichts ist schwarz-weiss. Immer ist Hoffnung. Und oft erzählt sie so, dass der Geschichte trotz ihrer Tragik die Schwere genommen wird:

„Wir sind schon an mehreren Häusern vorbeigekommen, aber überall gab es knurrende Hunde und misstrauisch dreinblickende Bauern und handgemalte Schilder an den Toren, auf denen vielleicht „Betteln verboten“ steht oder „Wir hassen dreckige Deutsche“. Andererseits kann es auch sein, dass etwas anderes darauf steht: „Brot zu verkaufen“ oder „Hier Gratis-Schokolade“. Wir wissen es nicht, weil wir Litauisch nicht lesen können.“

Und weil es ein Kinderbuch ist, gibt es ein Happy End; aber kein kitschiges, bei dem alles gut wird, sondern eins, bei dem alles bestmöglich gut wird, das aber gleichzeitig auch ein bisschen traurig ist.

Es ist ein Buch, das man seinen Kindern ruhig zutrauen kann.

Der kleine Herr Maus und ich haben noch Wochen, nachdem wir es beide gelesen hatten, viel über das Buch geredet. Und als neulich der grosse Herr Maus mäkelte, sagte der kleine Herr Maus zu ihm: „Damals, nach dem Krieg, weisst du, da haben die Kinder rohe Schnecken gegessen, weil sie nichts anderes hatten!“ So soll ein Buch sein.

Katrina Nannestad (Text), Martina Heiduczek „(Illustration) „Wir sind Wölfe“. cbj, 2022. Gebundene Ausgabe, 352 Seiten.


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Paar mehr Tasten

Neulich, ich glaube, nach dem Weihnachtsgottesdienst, fragte der kleine Herr Maus: „Kann ich eigentlich auch mal Orgel spielen?“

Vor zehn Jahren waren wir mal zu einer Orgelvorführung in Turkus zweitgrösster Kirche, bei der man nach einem kurzen Konzert nicht nur erklärt bekam, wie eine Orgel funktioniert, sondern die Orgel auch von innen angucken und sie sogar ausprobieren durfte.

„Da könnten wir mal wieder hingehen“, antwortete ich dem kleinen Herrn Maus.

Und als ich letztes Wochenende am Samstag in den Veranstaltungskalender der Stadt Turku guckte, um den letzten Ferientag eventuell mit etwas anderem als „Wir gucken uns das Mistwetter von drinnen aus an“ zu füllen, fand passenderweise gleich am Sonntag so eine Orgelvorführung statt.

Ich weiss auch nicht, warum wir so lange nicht mehr da waren, denn allein für das kleine Konzert am Anfang lohnt es sich.

Der Kantor sucht dafür immer drei, vier eher moderne, eher wohlklingende kurze Stücke aus, die die vielfältigen Möglichkeiten, die so eine grosse Orgel bietet, tatsächlich auch hören lassen. (Hier kann man einen Eindruck davon bekommen, was er so spielt. Und ja, da sind Eisenbahnvideos zwischendrin, denn, wir wussten das schon, er ist Finnlands einziger Kantor, der sowohl Orgel spielen als auch Dampflok fahren kann.) Diesmal hat mir eine moderne Version von Freude schöner Götterfunken am besten gefallen.

Und wann hat man schon mal die Gelegenheit, in eine Orgel reinzugehen und sich auch die allerkleinsten Pfeifen – die kleinste gerade mal einen Zentimeter lang – und die allergrössten – nicht etwa die, die vorne zu sehen sind, sondern die, die hinter der Orgel an der Wand befestigt sind wie zu einer Tuba gewickelte Regenrohre – anzugucken?

Ausserdem gefällt mir die Mikaelinkirkko von Mal zu Mal – seit das Fräulein Maus auf die Musikklasse geht, finden dort zum Beispiel auch die Weihnachtskonzerte ihrer Schule statt – besser: Diese gemalten, geschnitzten und in Stein gehauenen Ornamente überall! Diese aussergewöhnlichen Lampen! Und natürlich, ein Votivschiff hängt da auch!

Als dann am Ende der Orgelvorführung die Hälfte der Besucher*innen mal zum Probieren ein paar Tasten gedrückt hatte, sah der kleine Herr Maus seine Gelegenheit gekommen.

(Dass der Kantor kurz vorher auf die Frage eines Besuchers, ob man denn auch dies oder jenes auf der Orgel spielen könne, geantwortet hatte: „Das hängt einzig und allein vom Können des Organisten ab. Man kann sogar Rockmusik auf der Orgel spielen“, hat sicher nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass der kleine Herr Maus, der sich nicht sicher war, ob er sich wirklich trauen würde und was er eigentlich spielen solle, sich dazu ermutigt fühlte.)

Er lehnte sich über die Orgelbank und begann sein derzeitiges Lieblingsstück zu spielen, der Kantor zog ihm ein paar passende Register, dann noch ein paar andere, und als der kleine Herr Maus das Stück zu Ende gespielt hatte, zog er seine dicken Winterstiefel aus, kletterte auf die Orgelbank und spielte beim nächsten Stück die linke Hand – wenn schon Orgel spielen, dann richtig! – mit den Füssen. („Das ist doch nicht schwierig, Mama! Das ist doch eine ganz normale Klaviertastatur!“)

Das war dann wohl sein schönstes Ferienerlebnis.
(Meins vielleicht auch.)


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Anfang November

Eine Woche lang haben die Vorräte an Licht und Wärme, die wir in den Herbstferien getankt haben, gereicht. Dann kamen Zeitumstellung und Novemberwetter, es wurde noch finsterer und wir schlagartig müde.

Zum Glück gibt es Anfang November gleich zwei Gelegenheiten, viele Kerzen anzuzünden.

Geburtstag.

Und Allerheiligen.

Wir nehmen, was wir kriegen können.

***
Kurze Erinnerung: Heute letzte Gelegenheit, finnische Pfadfinderadventskalender zu bestellen!


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Es gibt wieder Adventskalender! [Nichtkommerzielle Werbung]

Wie schon angekündigt, gibt es ab heute und nur für kurze Zeit wieder finnische Pfadfinderadventskalender.

Dieses Jahr wegen ungünstiger Lage der Herbstferien leider keine Zeit gehabt für ein schönes Werbefoto mit Pfadfindertuch und allem Drum und Dran, dafür ist die Kalenderillustration besser zu erkennen. ;-)

Auch in diesem Jahr ganz sicher wieder der schönste und unkitschigste Bilderadventskalender, den es gibt. Hinter jedem Türchen befindet sich ein sich genau ins Gesamtbild einfügendes Bildchen, es werden die Adventssonntage, der Unabhängigkeitstag und der Luciatag bedacht, und ausserdem wird er dieses Jahr ganze vier Bonustürchen haben: da der Kalender immer entweder am 1. Dezember oder am 1. Advent – je nachdem, was eher ist – anfängt, wird er dieses Jahr auch ein Türchen für den 27., 28., 29. und 30. November haben.

Der Kalender wird auch in diesem Jahr 10 € kosten, die ohne Abzug den finnischen Pfadfindern zugute kommen: 4,50 € gehen direkt an den eigenen Pfadfinderstamm, der Rest an den jeweiligen Regionalverband sowie den Landesverband.

Wie sich langjährige Kalenderbesteller*innen denken können, hat die finnische Post natürlich schon wieder die Preise erhöht – immerhin schiebt sie es nicht auf pandemie- oder kriegsbedingte Zulieferprobleme oder die Strompreise, sondern macht das wie seit Jahren heimlich, still und leise.

Die Preistabelle für die Adventskalender inklusive Verpackung und Versand nach Europa sieht also dieses Jahr – was mir wirklich leid tut, weil dieses Jahr ja sowieso alles teurer geworden ist – folgendermassen aus:

1 Stück: 15,00 €
2 Stück: 27,00 €
3 Stück: 37,00 €
4 Stück: 47,00 €
5 Stück: 61,50 €
6 Stück: 71,50 €

(Versandkosten nach ausserhalb Europas oder für mehr als 6 Kalender teile ich gern auf Anfrage mit.)

Da Briefe von Finnland nach Deutschland seit zwei Jahren nicht mehr nur zwei Tage, sondern bis zu zwei Wochen brauchen und das erste Fensterchen schon am 27. November geöffnet werden kann, muss ich leider dieses Jahr die Bestellzeit ziemlich kurz halten. Bestellungen also ab heute bis 6. November bitte per Mail an myyratohtori(klammeraffe)web.de. Wie gewohnt schicke ich dann eine Antwort mit den Kontodaten und dem Gesamtpreis. Nach Geldeingang verschicke ich die Kalender möglichst schnell.

Der Pfadfinder der Familie und seine Kumpels danken schon mal im Voraus!


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Lustigstes Lehrbuch

Das Fräulein Maus „lernt“ jetzt am Gymnasium Deutsch.

Ich fand die Idee erst ein bisschen seltsam, aber zwei ihrer Karriereberatungslehrerinnen hatten ihr zugeredet: sie würde ja in keinem Anfängerkurs sitzen, sondern gemeinsam mit Schüler*innen, die schon seit der ersten oder spätestens der dritten Klasse Deutsch gelernt haben. Ausserdem hat sie bei theoretischem Wissen über zum Beispiel deutsche Grammatik durchaus noch Bildungslücken, und ganz ehrlich: wer sich seit sechzehn Jahren tapfer und klaglos zweisprachig durchs Leben schlägt, darf es sich in einem einzigen Schulfach auch mal leicht machen.

Fun fact: Sie hat an ihrem eigenen Lehrbuch mitgearbeitet. :D

(Ihre Lehrbücher sind jetzt am Gymnasium alle digital, weswegen sie sich früh mit nichts als einem Stoffbeutel mit ihrem von der Schule gestellten Laptop drin auf den Schulweg macht.)


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Herbst

… ist die schönste Jahreszeit im Wald.

(Leider war der uns anstelle unseres langjährigen Lieblingswanderwegs empfohlene Spaziergang kein angemessener Ersatz.)

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Autofährenliebe.

Autofähre fahren wird mir nie langweilig werden.

Wir bekommen übrigens demnächst eine zweite Elektrofähre. ♥

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Grosse Kinder.

Der grosse Herr Maus verbrachte das Wochenende mit einem Schulfreund und dessen Familie im Mökki. Er kam mit einem Eimer Preiselbeeren und einem Eimer Pfifferlinge zurück.


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Wünsch dir was

Und dann kann man ja auch, wenn man so tut, als wären noch Sommerferien, an einem Samstagabend nochmal richtig lange aufbleiben und auf Sternschnuppen warten.

Zwar ist ein Teil der finnischen Der-Sommer-ist-zu-Ende-Panik die Tatsache, dass es nachts schon wieder dunkel wird, aber es wird eben doch erst sehr spät dunkel, und immer noch nicht vollständig. Zum Glück sind unter den Perseiden ein paar wirklich grosse Brocken, so dass wir rund um Mitternacht zwischen dem noch sommerorangeblauen Himmel im Norden und dem fast vollen Mond im Süden wenigsten die hellsten, grössten und beeindruckendsten Sternschnuppen über den Himmel huschen sehen konnten.