Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Gewusst wie

Woran freut sich ein Kind, das an der Ostsee aufgewachsen ist – aber an der Seite der Ostsee, wo sie aussieht wie ein grosser See, wo sie keinen Horizont hat und sich sommers nie zu grossen Wellen auftürmt?

Daran, dass es seine Familie davon überzeugen kann, abends so lange am Lieblingsstrand zu bleiben, bis die drei Schwedenfähren vorbeiziehen, um dann in die jeweils 12 Minuten später anrollenden Bugwellen zu hüpfen.

(Mama und Papa zucken nachsichtig mit den Schultern, wenn die Kinder „Wellen! Wellen!!!“ juchzen.)


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Tschüss, Coronaschuljahr!

Am Sonnabend, während die Kinder bei ihren Zeugnisausgaben waren, kochte ich das letzte Maskensüppchen des Schuljahres. Sie brauchten für die anderthalb Stunden jede*r nur noch eine, und so hatte ich am Freitagabend alle Viere grade sein lassen.

Ich weiss nicht, was ich gedacht hatte, als wir alle mit Schuljahresbeginn anfingen – freiwillig, denn eine Maskenempfehlung, geschweige denn eine Maskenpflicht, gab es da noch nicht – Masken in der Schule und auf Arbeit zu tragen. Dass ich von da an jeden Abend Maskensuppe kochen und jeden Morgen Filtereinlagen in die getrockneten Masken friemeln würde, an jedem einzelnen Schultag, ein ganzes Schuljahr lang, das habe ich zu dem Zeitpunkt glücklicherweise nicht einmal geahnt.

Die Kinder hatten über das Schuljahr verteilt mehrere Wochen Distanzunterricht – weil ihre Klasse in Quarantäne war oder einfach nur prophylaktisch – und waren doch die meiste Zeit in der Schule. Manchmal fühlte es sich an wie Russisches Roulette. Als endlich eine Maskenempfehlung für Schüler*innen kam – erst nur für 7. bis 9. Klasse, dann auch für Sechstklässler*innen, ab Ende Januar endlich auch für die 4. und 5. Klasse – atmeten wir alle ein bisschen auf. Für drei Wochen mussten sogar die kleinsten Schulkinder und somit auch unsere Hortkinder Maske tragen – danach war es zum Glück leidlich warm, so dass wir alle Fenster aufreissen konnten. Dass die Schulen hier fast durchgängig auf waren und es trotzdem zu keinen nennenswerten Ausbrüchen unter Schulkindern gekommen ist, haben wir, denke ich, vielleicht dem effizienten Lüftungssystem, mit dem jedes finnische Gebäude ausgestattet ist, zu verdanken.

Wir gewöhnten uns daran, die Kinder beim kleinsten Halskratzen zu Hause zu lassen, waren unzählige Male im Krankenhausparkhaus, trugen „Wartet auf das Coronatestergebnis“ als Abwesenheitsgrund ins Wilma ein und verschickten erleichterte „Negativ!“-SMSe an den Klarinettenlehrer, die Harfenlehrerin und die beste Chefin.

Apropos Musikschule. Eine der besten Errungenschaften dieses Schuljahres war für mich, dass wir für ein hustendes, schniefendes oder zu Quarantäne verpflichtetes Kind jederzeit, zur Not zwei Minuten vor Beginn der Stunde, eine Klavier-, Klarinetten- oder Harfenstunde per Skype vereinbaren konnten.

Das Schuljahr glitt vorbei als eine Aneinanderreihung gleichförmiger Schultage, gespickt mit Hygienemassnahmen. Als die Herbstferien anfingen, hatte ich das Gefühl, es sei gerade mal September. Die Weihnachtsferien fühlten sich eher wie Herbstferien an. Im März sagte der grosse Herr Maus: “Jetzt ist es schon ein ganzes Jahr her, dass wir zum ersten Mal Distanzunterricht hatten!“, und es fühlte sich an wie höchstens ein halbes. Keiner der geplanten Ausflüge ins Museum, ins Konzert, in die Oper nach Helsinki fand statt, die Wissenschaftskreuzfahrt wurde dreimal verschoben und dann endgültig abgesagt, es gab keine Weihnachtskonzerte, keine Frühlingsfeste und keine Zeugnisausgabe mit Eltern und gemeinsamem Suvivirsi-Singen. Vor allem der große Herr Maus, der ohne Eltern und die sonst üblichen Feierlichkeiten in die Oberschule verabschiedet wurde, tat mir leid.

Die Kinder waren zweieinhalb Wochen vor den Ferien komplett durch mit ihrem Schulstoff, gaben ihre Lehrbücher zurück und mussten dann, weil der Kalender so komisch verschoben ist dieses Jahr, sogar noch eine Woche länger als sonst in die Schule, bis in den Juni hinein. Die Vorfreude auf die Sommerferien war gross und hielt sich gleichzeitig in Grenzen. Kein Aufbruch zum Hafen gleich am Abend nach der Zeugnisausgabe. Überhaupt keine Reisepläne. Höchstens die unbestimmte und innige Hoffnung, vielleicht im Juli wenigstens nach Estland fahren zu können. Während letztes Jahr das der beim Schopfe gepackten Gelegenheiten war, wird es diese in diesem Jahr für noch nicht Vollgeimpfte nicht geben. Warum auch, es gibt ja schon genug vollgeimpfte Rentner Menschen. Der Preis für die unempathischste Aussage geht übrigens an den Chef der finnischen Gesundheitsbehörde: „Plant euren Sommerurlaub so, dass er erst nach der zweiten Impfung stattfindet!“, empfahl er letzte Woche. Zur Erinnerung: unsere Zweitimpfung bekommen der Ähämann und ich eine Woche nach Ende der Sommerferien. Und für die Kinder, so sie denn überhaupt geimpft werden, ist noch lange kein Impfstoff vorhanden, noch nicht einmal für eine Erstimpfung vor Beginn des nächsten Schuljahres.

Es war ein seltsames Schuljahr.
Aber immerhin sind wir gesund geblieben.


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Partnerlook in Pandemiezeiten

Erstklässlerin: „Wir haben heute deine Tochter gesehen!“

Ich: „???“
(Das Fräulein Maus war vor Corona manchmal im Hort, um Zeit zwischen Schule und Hobbyterminen rumzubringen und Hausaufgaben zu machen, aber noch nie, seit die diesjährigen Erstklässler*innen bei uns sind.)

Erstklässlerin: „Weisst du, woran wir sie erkannt haben? Sie hatte die gleiche Maske auf wie du!“


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Wochenende auf Rädern

Ich denke ja manchmal ein bisschen wehmütig an die Zeiten zurück, als sie alle noch klein waren. Aber grosse Kinder sind echt toll!

Samstag.

Mit drei grossen Kindern kann man mit dem Fahrrad nicht nur die wichtigsten Einkäufe im nächstgelegenen Einkaufszentrum erledigen – einer brauchte eine Regenjacke, eine eine Regenhose, einer einen neuen Fahrradhelm, eine neue Rollschuhe, einer kaufte sich von seinem Taschengeld ein Skateboard – sondern sogar hinterher noch den Wocheneinkauf im Supermarkt machen.

(Weil.)

Dass es im Einkaufszentrum jetzt ein Fahrradparkhaus gibt, war recht praktisch, denn es, nun ja, schneeregnete.

Sonntag.

Als ich nach dem Frühstück zu klein gewordene Rollschuhe aussortieren und die am Vortag neu erstandenen Rollschuhe in die Rollschuhkiste einräumen wollte, beschlossen der Ähämann und ich spontan, dass unsere 25 Jahre alten und in den letzten Jahren hauptsächlich von Nagetieren als Unterkunft genutzten Rollschuhe jetzt dann doch mal ausgedient haben.

Der Ähämann ergatterte das vorletzte und ich das letzte Paar in der passenden Grösse. (So ging es uns letzte Saison schon mit zwei Paar neu anzuschaffenden Skiern.)

Bei der anschliessenden Probefahrt stellten wir fest, dass wir einen weiteren Meilenstein erreicht haben: sechs Jahre, nachdem der Osterhase ihnen ihre ersten Inlineskates gebracht hat, kann man mit den Kindern richtige Touren fahren. Direkt von zu Hause aus eine Stunde am See entlangrullern, zack, 8 km!

(Es kam direkt die Frage auf, ob wir jetzt immer rullern statt wandern gehen können.)

Presseschau.

Schon bisschen älter, aber passend zum Thema: Finnlands berühmtester Inlineskater ist übrigens Sauli höchstpersönlich.


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Frühling!

Dieses Wochenende ist der Frühling ausgebrochen.

Freilich, der Kompost ist noch gefroren. (Weswegen aus dem Erdesieben und Kompostumsetzen dann doch noch nichts wurde.) In dunklen Ecken liegen noch letzte angegraute Schneereste. Auch der Waldboden ist bis auf die oberste dünne Schicht noch steinhart gefroren.

Aber wir hatten fast 20 Grad. Und Sonnenschein von früh um sechs bis abends um neun. Und wolkenlosen Himmel.

Wir fanden die ersten Gänseblümchen im Garten und die ersten Leberblümchen im Wald. Hummeln und Zitronenfalter torkelten von Blüte zu Blüte. Wir assen alle Mahlzeiten auf der Terrasse. Wir tauschten die dicken Federbetten gegen die dünnen Sommerdecken aus. Ich wusch alle unsere Anoraks und Winterstiefel (Kein Satzbaufehler – unsere kuscheligen finnischen Kinderwinterstiefel kann man in der Waschmaschine waschen!), um sie dann jetzt endgültig wegzuräumen. (Ich war schon mal so weit gekommen, aber dann fuhren wir sechs Stunden übers Meer und verbrachten vier Tage auf Utö, wofür wir beides nochmal dringend brauchten.)

Auf dem Hof ist, wie jedes Jahr, Bullerbü ausgebrochen. Die 15 Nachbarskinder zwischen 6 und 16 verbringen immer noch am liebsten jede warme Minute gemeinsam draussen. (Der 16-Jährige und der 12-Jährige spielen neuerdings draussen gemeinsam Schach.) Am liebsten hätten sich unsere Kinder von Freitagnachmittag bis Sonntagabend nicht von unserem Hof wegbewegt.

Sie waren dann aber doch einverstanden, für zwei, drei Stunden in den Wald mitzukommen, dorthin wo der Berg mit der tollen Aussicht ist und wo wir letztes Jahr waren, als Uusimaa zugemacht wurde.

Die nächste Kaltfront kommt ganz sicher. Am Donnerstag voraussichtlich. Aber fürs erste war der Frühling schon mal ganz wunderbar.


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Sowas wie Berge

„Wandern…!“, stöhnte der kleine Herr Maus gestern am Frühstückstisch. „Skifahren macht Spass! Aber Wandern…! Ausser in den Bergen. Auf hohe Berge wandern! Und über Felsen klettern! An Seilen und mit Leitern! Das ist toll!“

Tjanun. As close as  it gets.

(Der Wanderweg hatte zudem eine unseren Wünschen für den sonnigen Sonntag angemessene Länge. Lang genug, um Sonne, Waldluft und Vogelgezwitscher zu tanken. Kurz genug, um nachmittags noch im Garten werkeln (wir Eltern) und sich mit den Nachbarskindern austoben (die Kinder) zu können. Alle glücklich abends.)


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Russisches Roulette

Dass die britische Virusmutante sich nördlich vom Weltuntergang genauso schnell ausbreiten würde wie anderswo auch, damit konnte ja wirklich keiner rechnen. Und wenn man dann merkt, oh, Mist, wir haben da ja jetzt ganz unerwartet doch ein sehr grosses Problem, dann ist es natürlich ungemein hilfreich, erstmal wochenlang zu beraten, ob man Bars und Restaurants ganz zumachen oder doch lieber erstmal nur Tanzen und Singen Karaoke verbieten sollte, ob man Fitnessstudios ganz schliessen oder doch lieber erstmal nur auf zehn Kunden gleichzeitig beschränken sollte.

Während Schulen ganz normal auf sind und unter Zwölfjährige auch ganz normal ihren Hobbys nachgehen können, wohlgemerkt.

Wenn ich anfange, darüber nachzudenken, wieviele ungewollte Sozialkontakte unsere Familie hat und was für ein Rattenschwanz weiterer Sozialkontakte da dran hängt, wird mir ganz schlecht: ich treffe täglich mehr als 30 nicht masketragende Hortkinder, die beste Chefin und den Zivi. Die Hortkinder haben Eltern, Geschwister, eine Lehrerin, gehen zum Schwimmtraining, zum Kunstkurs, werden von den Grosseltern abgeholt. Die beste Chefin hat zwei Kinder, die in den Kindergarten gehen, wo sie wiederum auf Kinder mit Eltern und Geschwistern in Kindergarten oder Schule treffen. (Der Zivi lebt allein und verlässt aus Angst vor Ansteckung das Haus nur zum Einkaufen und Arbeiten.) Jedes unserer drei Kinder trifft täglich 18 bis 25 Klassenkameraden, die wiederum Eltern, Geschwister und Hobbys haben. Zwei unserer Kinder treffen wöchentlich ihre insgesamt drei Instrumentenlehrer*innen, die ihrerseits jeweils zig Schüler*innen haben, eins spielt einmal in der Woche im immerhin halbierten Blas(!)orchester. Eins trifft wöchentlich seine zwölf Pfadfinderkollegen (immerhin seit Schuljahresanfang konsequent draussen) und dürfte theoretisch zum Judo(!)training gehen, weil es noch nicht 13 ist, wo es dann jeweils wieder auf Kinder mit noch anderen Hobbys sowie Eltern, Geschwistern und Klassenkameraden, die wiederum Eltern, Geschwister und Hobbys haben, trifft.

Das ist keine Ansteckungsvermeidung. Das ist russisches Roulette.

Ich übertreibe?

Der grosse Herr Maus ist mit seiner Klasse seit gestern in Quarantäne. Weil seine Banknachbarin am Donnerstag positiv auf Covid-19 getestet wurde. (Und das ist nun schon der zweite derartige Fall in unserer Familie innerhalb von drei Monaten.)

Bleibt nur noch zu hoffen, dass es auch diesmal nur eine Platzpatrone war.


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Was vom Winter übrig blieb

Wir haben den Winter genutzt, jede Minute.

Wir haben jede Menge Eislichter gebaut. Wir waren skifahren, auf nahezu allen Loipen in und um Turku, bei Tages- und bei Laternenlicht, im Lieblingsskigebiet, im Moor. Wir waren Tretschlitten fahren auf dem Tretschlittensee. Wir sind gerodelt. Wir waren auf unserem Stadtteilsportplatz eislaufen und auf dem zugefrorenen See.

Nur nach Naantali auf das zugefrorene Meer haben wir es nicht mehr geschafft.

Unsere Skiferien verbringen wir statt mit Skifahren oder anderen Winteraktivitäten mit Kochen (die Kinder), Backen (die Kinder), Brettspielen (wir alle), Hausarbeit (wir Eltern), Filme gucken (die Kinder), Fotobuchgestalten für eine bald Fünfzehnjährige (ich) und Arbeit (der Ähämann).

Gestern bin ich mit dem Ähämann, dem nach fast einem Jahr Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt, wenn er nicht täglich einmal rauskommt, durch das triefende Citymoor gestapft. Heute beschlossen wir spontan, einen Spaziergang durch Naantalis Altstadt zu machen, weil das vielleicht wenigstens ohne Gummistiefel mit Spikes dran zu machen wäre.

Aber dann sahen wir das Meer: auf dem Eis stand zehn Zentimeter hoch das Wasser wie ein auf dem Meer ausgelegter Spiegel, zwischen den Inseln hingen Nebelfetzen, und es waren noch jede Menge Eisangler unterwegs. (Jedes Jahr wird gewarnt, sie sollen wenigstens Schwimmwesten anziehen. Aber was lässt sich so ein Eisangler schon sagen.) Das war so faszinierend, dass wir unsere Schritte nicht nach links Richtung Altstadt, sondern nach rechts auf die Mumininsel lenkten.


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Bis zur allerletzten Minute

Sechs Wochen lang hatten wir wunderbarsten Winter.
Diese Woche haben wir „Ski“ferien.

Gestern gleich nach dem Aufstehen fragten die Kinder vorsichtig: „Ob das Eis auf dem Sportplatz noch okay ist?“ „Geht gucken!“, sagte ich, und sie zogen mit Schlittschuhen, Helmen und Eishockeyschlägern los und kamen erst zwei Stunden später wieder heim. Der Regen vom Sonntag war einfach wieder gefroren.

Heute früh um zehn kroch der kleine Herr Maus zu mir ins Bett und fragte: „Ob wir heute auch nochmal schlittschuhfahren gehen können?“ „Heute ist es zu warm“, sagte ich, „jetzt geht es wirklich nicht mehr.“ „Aber es sind drei Grad minus!“, insistierte der kleine Herr Maus.

Also gingen wir. Bis der Südwind das Eis weich pustete.

Bis zur allerletzten Minute.