Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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„Du musst keine Angst haben!“, sagt die Zweitklässlerin zur Erstklässlerin, die ich heute von der Schule zum Hort begleite, und nimmt sie an der Hand. „Das war nur ein einzelner geisteskranker Mann. Weisst du, was geisteskrank heisst? Der hat irgendeinen Fehler im Gehirn. Aber du musst keine Angst haben, die Polizei hat ihn festgenommen. Er liegt im Krankenhaus, weil die Polizei ihn angeschossen hat. Da kann der nicht raus. Die haben da so Stoffbinden, so ähnlich wie Handschellen, damit ist er am Bett festgebunden. Und da sind auch Polizisten, die ihn bewachen. Der kann niemandem mehr was tun. Wenn er wieder gesund ist, kommt er vom Krankenhaus ins Gefängnis, und vom Gefängnis wird er in sein Heimatland zurückgeschickt. Du musst wirklich keine Angst haben!“ Und dann beschliessen wir drei einstimmig, den üblichen Weg quer über den Markt zu nehmen.

Die Kinder können’s vielleicht noch retten.

Während wir Erwachsenen Morddrohungen per Telefon ins Krankenhaus schicken. Während wir hysterisch herumschreien, dass die Politik viel zu lasch mit Ausländern umgeht, dass die Regierung versagt hat, dass alle Muslime gefährlich sind und die EU sowieso an allem schuld, dass man endlich die Grenzen dichtmachen muss und dass es ja wohl nicht sein kann, dass Verbrecher auch noch menschenwürdig behandelt werden. Während wir drei Tage lang den Markt meiden und dann vergessen werden. Während wir selbstmitleidg verkünden, die Welt würde nie wieder so sein wie vorher, und dennoch einfach so weitermachen wie bisher, unseren Wohlstand mit Zähnen und Klauen verteidigen und weiterhin glauben, es sei unser persönlicher Verdienst, in einer Gegend der Welt geboren zu sein, in der Demokratie, Frieden und Wohlstand herrschen.

Vielleicht können’s die Kinder noch retten.


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Schlagzeilen

Grösste Tageszeitung Finnlands: Wölfe bissen Jungen im Zoo in die Hand
Finnisches Bild-Zeitungs-Pendant: Wölfe zerfleischten Jungen*

Danke, liebe Presse! Ein besseres Beispiel, um den Kindern den Unterschied zwischen seriösem und Boulevardjournalismus zu erklären sowie ihnen klarzumachen, warum man immer den ganzen Artikel lesen sollte statt nur der Überschrift, hätte es gar nicht geben können.


*Es gibt in Finnland freilebende Wölfe, die natürlich nicht von allen gern gesehen werden. Vor diesem Hintergrund finde ich die Schlagzeile noch fürchterlicher verantwortungsloser als so schon.


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Unwort der Saison

Als ich gestern Abend das Bücherpaket von der Post geholt und ausgepackt hatte und kurz durch das wirklich sehr hübsche Weihnachtsbuch blätterte, sprang es mich wieder an, das Wort, das seit Harry Potter und dem Herrn der Ringe auch in das deutsche Weihnachtsvokabular wabert und mich seit Jahren wütend macht:

Weihnachtselfen.

Es. Gibt. Keine. Weihnachtselfen!!!

Elfen [engl. fairy] sind die libellenartigen, zarten Frauengestalten. Die kleinen pummeligen Wesen mit den roten Zipfelmützen heissen Wichtel [engl. elf].

(Ich werde versuchen müssen, das Wort umzuändern. Oder das Buch wird leider zurückgehen müssen.)


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Gegen Windmühlenflügel

Lieber Vater, der du immer den Motor laufen lässt, während du dein Kind aus dem Kindergarten abholst, liebe Eltern, die ihr früh eure Kinder nicht etwa auf eurem Arbeitsweg, sondern extra in die Schule fahrt, lieber Nachbar, der du deiner Familie die 50 m Weg bis zum Parkplatz nicht zumuten willst und sie mit laufendem Motor vor der Haustür erwartest, liebe finnische Autofahrer, die ihr euch Autos mit benzinbetriebenen Standheizungen kauft, obwohl es hier an jedem Parkplatz Steckdosen zum Autovorheizen gibt…

… der Ähämann und ich fahren auch für eure Kinder jeden Tag Fahrrad.


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Hat ja keiner ahnen können.

„Die Turnmädchen schicken sich per WhatsApp Kettenbriefe mit falschen und verstörenden Angaben über die Gruselcrowns und zumindest mein Kind ist jetzt verängstigt…“
„Diese Kettenbriefe sind leider auch unter den Klassenkameraden rumgegangen…“
„Also wir kontrollieren die Nachrichten immer. Unser Kind scheint auch nicht so wirklich aktiv an den Chats teilzunehmen, sie hat derzeit 258 ungelesene Nachrichten auf ihrem Handy….“
„Naja, kontrollieren… ich habe gerade geguckt, sie hat schon wieder 100 neue Nachrichten bekommen.“
„Ja, A. wird auch noch mal mit der Nase an ihrem Telefon festwachsen…“

Äh… nun… ja.


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Scheissmontag

Die halbe Nacht wegen blödem Husten nicht geschlafen.

Hundemüde auf Arbeit herumgehangen.

Mittags erfahren, dass meine Eltern, die uns am Donnerstag für zwei Wochen besuchen kommen wollten, nicht kommen können, weil meine Mutter die Grippe hat.

Nach Feierabend mit einer Horde Jungs herumgeschlagen, die – von der krankhaft eifersüchtigen und intriganten Klassenkameradin angestiftet – vor dem Haus dem Fräulein Maus auflungerten (Zustände, ey…!), und deshalb diverse Gespräche geführt und Anrufe getätigt statt Vesper zu essen und fünf Minuten die Beine hochzulegen.

Anschliessend vier Stunden mit dem von der Wippe gefallenen grossen Herrn Maus in der Notaufnahme verbracht, aus der er kurz vor elf mit einem neuen Gipsarm herauskam.

Ich habe fertig.