Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


5 Kommentare

Leben auf der Baustelle

Nicht nur, dass wir seit drei Jahren um die Grossbaustelle fürs neue Krankenhaus herumkurven.

(Die, nebenbei bemerkt, ein echtes Schilda ist:
Nach einem Jahr stellte man fest – als einem Passanten (!) die grossen Poren auffielen – dass das Fundament aus minderwertigem Beton gegossen worden war. Woraufhin alles wieder abgerissen werden musste und sich die Bauarbeiten um mindestens ein Jahr verzögerten.
Der brandneue Hubschrauberlandeplatz auf einem schon vor einigen Jahren fertiggestellten neuen Gebäude des Krankenhauses war ein Jahr lang nicht in Betrieb, weil man plötzlich feststellte, dass er dafür, dass direkt daneben ein wirklich hohes neues Krankenhausgebäude entstehen sollte, zu niedrig lag, um die Hubschrauber sicher starten und landen zu lassen, und erstmal nachträglich drei Stockwerke höher gebaut werden musste.
Dass seit drei Jahren die Ampeln an einer Kreuzung, die wegen der Baustelle überhaupt nicht mehr befahrbar ist, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag grün leuchten und Strom fressen, ist da ja schon fast eine Lappalie.)

Nun haben wir eine zweite Grossbaustelle für die nächsten mindestens drei Jahre in der Stadt. Mitten in der Stadt. Auf dem Markt nämlich.

Nicht nur, dass die Marktstände jetzt alle irgendwo auf dem ehemaligen Taxistand zusammengedrängt sind und man wegen der ganzen Bauzäune und -absperrungen da kaum noch hinkommt. Viel schlimmer ist, dass die Busse, die bisher alle am Markt hielten – der auch ausschliesslich Bussen und Taxis vorbehalten war – jetzt durch irgendwelche Nebenstrassen fahren müssen und der zentrale Umsteigeplatz sich auf eine enge, vielbefahrene Parallelstrasse verlagert hat, wo es gerade mal Haltestellenschilder gibt, aber keine Wartehäuschen, keine Bänke, nichts. Unser Schuljahresanfangsprojekt war völlig für die Katz. Zum Glück waren wir schon so oft zu Fuss im Stadtzentrum unterwegs, dass wir den Kindern genaue Erklärungen geben konnten, wo sie ihre neuen Bushaltestellen finden würden. Und noch besser: während wir ihnen erklärten, mit dem Busroutenplaner auf der Hand, wo die Busse jetzt entlangfahren und halten würden, stellten wir fest, dass sie alle drei problemlos Karten lesen und interpretieren können, und so machten sie sich die erste Woche mit ausgedruckten Karten auf den Weg ins Konservatorium und zum Deutschunterricht. Uff.

Und warum das Ganze? Weil die unsägliche Tiefgarage unterm Markt, die keiner will und keiner braucht – und wenn ich sage „keiner“, ist das nicht nur meine persönliche Einstellung dazu, sondern tatsächlich ist die Mehrheit der Turkuer dagegen – nun doch gebaut wird.

Tampere baut eine Strassenbahn.
Helsinki will bis 2025 autofrei sein.
Turku baut eine Tiefgarage mitten ins Stadtzentrum.

Man kann gar nicht so viel mit den Augen rollen, wie man eigentlich möchte.


13 Kommentare

.

„Du musst keine Angst haben!“, sagt die Zweitklässlerin zur Erstklässlerin, die ich heute von der Schule zum Hort begleite, und nimmt sie an der Hand. „Das war nur ein einzelner geisteskranker Mann. Weisst du, was geisteskrank heisst? Der hat irgendeinen Fehler im Gehirn. Aber du musst keine Angst haben, die Polizei hat ihn festgenommen. Er liegt im Krankenhaus, weil die Polizei ihn angeschossen hat. Da kann der nicht raus. Die haben da so Stoffbinden, so ähnlich wie Handschellen, damit ist er am Bett festgebunden. Und da sind auch Polizisten, die ihn bewachen. Der kann niemandem mehr was tun. Wenn er wieder gesund ist, kommt er vom Krankenhaus ins Gefängnis, und vom Gefängnis wird er in sein Heimatland zurückgeschickt. Du musst wirklich keine Angst haben!“ Und dann beschliessen wir drei einstimmig, den üblichen Weg quer über den Markt zu nehmen.

Die Kinder können’s vielleicht noch retten.

Während wir Erwachsenen Morddrohungen per Telefon ins Krankenhaus schicken. Während wir hysterisch herumschreien, dass die Politik viel zu lasch mit Ausländern umgeht, dass die Regierung versagt hat, dass alle Muslime gefährlich sind und die EU sowieso an allem schuld, dass man endlich die Grenzen dichtmachen muss und dass es ja wohl nicht sein kann, dass Verbrecher auch noch menschenwürdig behandelt werden. Während wir drei Tage lang den Markt meiden und dann vergessen werden. Während wir selbstmitleidg verkünden, die Welt würde nie wieder so sein wie vorher, und dennoch einfach so weitermachen wie bisher, unseren Wohlstand mit Zähnen und Klauen verteidigen und weiterhin glauben, es sei unser persönlicher Verdienst, in einer Gegend der Welt geboren zu sein, in der Demokratie, Frieden und Wohlstand herrschen.

Vielleicht können’s die Kinder noch retten.


15 Kommentare

Schlagzeilen

Grösste Tageszeitung Finnlands: Wölfe bissen Jungen im Zoo in die Hand
Finnisches Bild-Zeitungs-Pendant: Wölfe zerfleischten Jungen*

Danke, liebe Presse! Ein besseres Beispiel, um den Kindern den Unterschied zwischen seriösem und Boulevardjournalismus zu erklären sowie ihnen klarzumachen, warum man immer den ganzen Artikel lesen sollte statt nur der Überschrift, hätte es gar nicht geben können.


*Es gibt in Finnland freilebende Wölfe, die natürlich nicht von allen gern gesehen werden. Vor diesem Hintergrund finde ich die Schlagzeile noch fürchterlicher verantwortungsloser als so schon.


5 Kommentare

Unwort der Saison

Als ich gestern Abend das Bücherpaket von der Post geholt und ausgepackt hatte und kurz durch das wirklich sehr hübsche Weihnachtsbuch blätterte, sprang es mich wieder an, das Wort, das seit Harry Potter und dem Herrn der Ringe auch in das deutsche Weihnachtsvokabular wabert und mich seit Jahren wütend macht:

Weihnachtselfen.

Es. Gibt. Keine. Weihnachtselfen!!!

Elfen [engl. fairy] sind die libellenartigen, zarten Frauengestalten. Die kleinen pummeligen Wesen mit den roten Zipfelmützen heissen Wichtel [engl. elf].

(Ich werde versuchen müssen, das Wort umzuändern. Oder das Buch wird leider zurückgehen müssen.)


9 Kommentare

Gegen Windmühlenflügel

Lieber Vater, der du immer den Motor laufen lässt, während du dein Kind aus dem Kindergarten abholst, liebe Eltern, die ihr früh eure Kinder nicht etwa auf eurem Arbeitsweg, sondern extra in die Schule fahrt, lieber Nachbar, der du deiner Familie die 50 m Weg bis zum Parkplatz nicht zumuten willst und sie mit laufendem Motor vor der Haustür erwartest, liebe finnische Autofahrer, die ihr euch Autos mit benzinbetriebenen Standheizungen kauft, obwohl es hier an jedem Parkplatz Steckdosen zum Autovorheizen gibt…

… der Ähämann und ich fahren auch für eure Kinder jeden Tag Fahrrad.


12 Kommentare

Hat ja keiner ahnen können.

„Die Turnmädchen schicken sich per WhatsApp Kettenbriefe mit falschen und verstörenden Angaben über die Gruselcrowns und zumindest mein Kind ist jetzt verängstigt…“
„Diese Kettenbriefe sind leider auch unter den Klassenkameraden rumgegangen…“
„Also wir kontrollieren die Nachrichten immer. Unser Kind scheint auch nicht so wirklich aktiv an den Chats teilzunehmen, sie hat derzeit 258 ungelesene Nachrichten auf ihrem Handy….“
„Naja, kontrollieren… ich habe gerade geguckt, sie hat schon wieder 100 neue Nachrichten bekommen.“
„Ja, A. wird auch noch mal mit der Nase an ihrem Telefon festwachsen…“

Äh… nun… ja.


31 Kommentare

Scheissmontag

Die halbe Nacht wegen blödem Husten nicht geschlafen.

Hundemüde auf Arbeit herumgehangen.

Mittags erfahren, dass meine Eltern, die uns am Donnerstag für zwei Wochen besuchen kommen wollten, nicht kommen können, weil meine Mutter die Grippe hat.

Nach Feierabend mit einer Horde Jungs herumgeschlagen, die – von der krankhaft eifersüchtigen und intriganten Klassenkameradin angestiftet – vor dem Haus dem Fräulein Maus auflungerten (Zustände, ey…!), und deshalb diverse Gespräche geführt und Anrufe getätigt statt Vesper zu essen und fünf Minuten die Beine hochzulegen.

Anschliessend vier Stunden mit dem von der Wippe gefallenen grossen Herrn Maus in der Notaufnahme verbracht, aus der er kurz vor elf mit einem neuen Gipsarm herauskam.

Ich habe fertig.