Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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In der Fahrradwerkstatt

Während ich gestern auf Arbeit war, war das geflügelte Ross in der Lieblingsfahrradwerkstatt. Das passte gut, da sich mein Arbeitsplatz jetzt wieder in Laufentfernung zur Fahrradwerkstatt befindet.

Ich war ein bisschen sauer, dass nach nur vier Jahren Kette und Zahnkränze völlig hinüber waren. Ja, ich fahre täglich und viel – aber beim inzwischen 20 Jahre alten Pe-u-ge-ot, der immer noch als Winterfahrrad im Einsatz ist, hat es 16 (!) Jahre gedauert, bis die Zahnkränze ersetzt werden mussten:

Grmpf.

Die Fahrradwerkstatt hat mir vor Jahren übrigens meine ebenfalls vielfahrradfahrende Bürokollegin und ehemalige Mitdoktorandin recherchiert, nachdem ich sie nach einer guten Werkstatt gefragt hatte. Sie konnte mir keine empfehlen – nur von einer abraten; zu Recht, denn einmal ging ich trotzdem hin, weil sie am Weg lag und ich eine neue Glühbirne fürs Vorderlicht brauchte, möglichst noch vor dem Heimweg, und der Werkstattbetreiber warf nur einen flüchtigen Blick auf mein Fahrrad und schickte mich mit den Worten „Nabendynamo mach‘ ich nicht“ quasi wieder weg – aber fing wie immer, wenn ich sie nach irgendwas gefragt oder eine Sache auch nur erwähnt hatte – wo man eine Regentonne herbekäme oder ob es in Finnland Modelleisenbahnläden gibt oder wie man denn an Minkkacke kommen könne – sofort an, das finnischsprachige Internet für mich nach dieser Sache zu durchforsten.

Ich finde die Werkstatt jedenfalls prima. Sie machen Reparaturen vergleichsweise preiswert, dafür umso besser, weil dort, so mein Eindruck, ausschliesslich Enthusiasten arbeiten. Einer hat mir mal eine Stunde lang einen Fahrradständer für mein Fahrrad passend umgearbeitet, weil ich, als ich noch mit Kindersitz hinten drauf rumfuhr, einen Ständer wollte, mit dem mir nicht jedesmal das Fahrrad beim Kind-in-den-Sitz setzen fast umkippt. Ausserdem kann man dort die guten deutschen Spikereifen kaufen, Kettenölfläschchen umweltfreundlich wiederauffüllen lassen und sogar vereinbaren – und das ist sensationell in Finnland! – dass man erst zehn Minuten nach Ladenschluss sein Fahrrad wieder abholen kommt, weil man es eher nicht von Arbeit oder vom Zug dahin schafft.

Gestern stand dort ganz unverhofft eine ehemalige Nachbarin aus unserer alten Wohnung hinterm Tresen. Wir freuten uns beide unheimlich über das Wiedersehen und redeten erstmal eine halbe Stunde. „Ihr habt damals unseren Kindern so tolle Süssigkeiten zu Halloween geschenkt!“, sagte sie, und ich konnte mich erst gar nicht daran erinnern, bis sie sagte: „Da hattet ihr noch gar keine Kinder.“ Und dann fiel mir wieder ein, wie wir gerade in die neue Wohnung eingezogen waren und der Flur voller Kisten stand und es plötzlich an der Tür klingelte und wir nicht nur erstmal die Kisten umstapeln mussten, um die Tür überhaupt öffnen zu können, sondern uns auch einfiel, dass wir überhaupt nicht auf süssigkeitensammelnde Hexen und Gespenster vorbereitet waren und dass die „tollen Süssigkeiten“ deshalb wahrscheinlich irgendwas aus unserem deutschen Vorrat waren. Und wie nett ich gleich von Anfang unsere neue Nachbarschaft fand. Die ehemalige Nachbarin ist übrigens eine weitere der unzähligen Biolog*innen, die ich kenne, die mittlerweile glücklich in einem völlig anderen Beruf arbeiten. Und das kleine Gespenst von damals studiert inzwischen Maschinenbau in Tampere.

Die Reparatur war übrigens teuer. Sie kostete so viel wie dreieinhalb Monatskarten für den Bus. So gesehen war es fast geschenkt. Das letzte Mal Bus gefahren bin ich in den Skiferien vom Bahnhof nach Hause . Das letzte Mal einen ganzen Monat Bus gefahren bin ich vorletzten Winter, als es in Turku unerwartet so oft und viel schneite, dass auf den Radwegen wochenlang erst zehn Zentimeter hoch der Schnee lag und dann der übliche gefrorene Turkuer Schneematsch.


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Kuoppatori

So sieht es aus derzeit, das Herzstück unserer Stadt:

Kein Kauppatori*, sondern ein Kuoppatori**.

Das Loch hat sich ausgeweitet bis an die Fundamente der umstehenden Häuser, weil erst an ihnen das Nachrutschen des Erdreichs gestoppt wird. (Der drei Meter hohe Sichtschutz Bauzaun ist somit hinfällig geworden. Er wurde aber unverdrossen noch monatelang immer wieder versetzt und jedes kleinste Guckloch sorgfältig abgedichtet.) Das kleine Fleckchen vor der orthodoxen Kirche, das den Marktverkäufern noch übriggelassen wurde, ist überwiegend leer. Der Nistkastenbauer verkauft schon lange nur noch online und ab und zu in Einkaufszentren. Es steht kein einziger Blumenverkäufer mehr auf dem Markt, nicht einmal die zwei oder drei, die sogar bei -15°C mit Heizlüfter in ihren Ständen ausharrten. Neulich zählte ich zwei Fischstände und einen Kartoffel-Rüben-Möhren-Stand. Sonst nichts.

Man kommt aber auch nicht hin. Der Wegeverlauf ändert sich nahezu täglich. Für Radfahrer ist quasi die ganze Umgebung des Marktplatzes gesperrt. („Schieben erlaubt“ steht unter allen „Radfahren verboten“-Schildern. Wie gnädig!) Normalerweise umfahre ich die Grube weiträumig, aber neulich wollte ich… ich weiss gar nicht mehr so genau… vermutlich zu einem Blumenverkäufer, der dann nicht mal da war… stieg brav von meinem Rad und schob durch den schmalen Durchgang zwischen Grube und Kaufhaus, und als ich schon 3/4 dieser Marktseite passiert hatte, stand da ein armewedelnder Bauarbeiter und leitete alle Fussgänger durch die angrenzende Einkaufspassage, und mich mit meinem Fahrrad schickte er zurück. Die Grube andersum zu umgehen ging auch nicht, weil die andere Marktseite wegen Abriss eines Hauses auch voll gesperrt war. Es blieb mir nichts übrig, als einen Umweg um ein ganzes Häuserviertel zu fahren, um zu den Marktständen zu gelangen. Ich war dann auch ein bisschen ungehalten, als mir eine Frau hinterherrief, hier dürfe ich aber nicht radfahren. „Wenn dieser…“ – und hier wäre mir fast ein böses finnisches Schimpfwort herausgerutscht – „…Toriparkki nicht wäre, gäbe es auch Radwege!!!“, rief ich zurück.

Manchmal möchte man diese Stadt einfach nochmal anzünden.


*wortwörtlich: Kaufmarkt
**wortwörtlich: Grubenmarkt


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Yours to open, yours to keep

Gestern, als mir ein Newsletter vom Smartphonehersteller meines Vertrauens* ins Mailfach flatterte, musste ich sehr lachen.

Ein Punkt darin war nämlich „Pflege und Wartung deines Telefons“ und ein Unterpunkt „Manchmal kann ein Problem ganz einfach mit Auseinander- und wieder Zusammenbauen deines Telefons gelöst werden“.

Genau so.
Und mit einer Lage Klebeband unterm Mikrofonmodul zum Beispiel.

Überhaupt liebe ich es ja, in Dinge reinzugucken.
(Die Karte vom Kongo…! ♥)

***
Unbeauftragte, unbezahlte Werbung. Is‘ klar, oder?


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Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte (3)

„Bauarbeiten an der Tiefgarage unterm Markt wegen Absackgefahr für mindestens eine Woche unterbrochen“

Spätestens seit dieser Woche ist klar, dass wir wirklich in Schilda leben.

Die Grossbaustelle im Stadtzentrum, die keiner braucht und keiner will, ist fürs Erste stillgelegt. Überraschung, Überraschung steht Turku nämlich nicht auf Fels, sondern auf Ton. „Wir wussten, dass es nicht der geeignetste Platz ist, um eine Tiefgarage zu bauen. Das Ausmass der Absackungen und Erdrutsche hat uns dennoch überrascht.“

Schon vor Wochen war Passanten aufgefallen, dass der Fussweg zwischen Markt und angrenzenden Gebäuden ganz offensichtlich deutlich abgesackt ist. Kein Grund zur Sorge, informierte die Baufirma, alles ganz normal, und wir haben auch brav die betroffenen Gehwegplatten erneuert, damit niemand stolpert.

Kurz darauf war auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes der drei Meter hohe Sichtschutz Bauzaun in die Baugrube gestürzt. Nur wegen der starken Regenfälle und des vielen Schmelzwassers, liess die Baufirma wissen, und der Zaun stand eben sehr nahe am Grubenrand, kein Grund zur Sorge, warum auch, alles ganz normal, wenn man auf Ton baut.

Vielleicht brauchen wir ja bald keine Tiefgarage unterm Markt mehr, weil alle angrenzenden Einkaufszentren und Kaufhäuser in die Tiefgaragenbaugrube gestürzt sind.
Nur um die orthodoxe Kirche wäre es schade.


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Leben auf der Baustelle

Nicht nur, dass wir seit drei Jahren um die Grossbaustelle fürs neue Krankenhaus herumkurven.

(Die, nebenbei bemerkt, ein echtes Schilda ist:
Nach einem Jahr stellte man fest – als einem Passanten (!) die grossen Poren auffielen – dass das Fundament aus minderwertigem Beton gegossen worden war. Woraufhin alles wieder abgerissen werden musste und sich die Bauarbeiten um mindestens ein Jahr verzögerten.
Der brandneue Hubschrauberlandeplatz auf einem schon vor einigen Jahren fertiggestellten neuen Gebäude des Krankenhauses war ein Jahr lang nicht in Betrieb, weil man plötzlich feststellte, dass er dafür, dass direkt daneben ein wirklich hohes neues Krankenhausgebäude entstehen sollte, zu niedrig lag, um die Hubschrauber sicher starten und landen zu lassen, und erstmal nachträglich drei Stockwerke höher gebaut werden musste.
Dass seit drei Jahren die Ampeln an einer Kreuzung, die wegen der Baustelle überhaupt nicht mehr befahrbar ist, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag grün leuchten und Strom fressen, ist da ja schon fast eine Lappalie.)

Nun haben wir eine zweite Grossbaustelle für die nächsten mindestens drei Jahre in der Stadt. Mitten in der Stadt. Auf dem Markt nämlich.

Nicht nur, dass die Marktstände jetzt alle irgendwo auf dem ehemaligen Taxistand zusammengedrängt sind und man wegen der ganzen Bauzäune und -absperrungen da kaum noch hinkommt. Viel schlimmer ist, dass die Busse, die bisher alle am Markt hielten – der auch ausschliesslich Bussen und Taxis vorbehalten war – jetzt durch irgendwelche Nebenstrassen fahren müssen und der zentrale Umsteigeplatz sich auf eine enge, vielbefahrene Parallelstrasse verlagert hat, wo es gerade mal Haltestellenschilder gibt, aber keine Wartehäuschen, keine Bänke, nichts. Unser Schuljahresanfangsprojekt war völlig für die Katz. Zum Glück waren wir schon so oft zu Fuss im Stadtzentrum unterwegs, dass wir den Kindern genaue Erklärungen geben konnten, wo sie ihre neuen Bushaltestellen finden würden. Und noch besser: während wir ihnen erklärten, mit dem Busroutenplaner auf der Hand, wo die Busse jetzt entlangfahren und halten würden, stellten wir fest, dass sie alle drei problemlos Karten lesen und interpretieren können, und so machten sie sich die erste Woche mit ausgedruckten Karten auf den Weg ins Konservatorium und zum Deutschunterricht. Uff.

Und warum das Ganze? Weil die unsägliche Tiefgarage unterm Markt, die keiner will und keiner braucht – und wenn ich sage „keiner“, ist das nicht nur meine persönliche Einstellung dazu, sondern tatsächlich ist die Mehrheit der Turkuer dagegen – nun doch gebaut wird.

Tampere baut eine Strassenbahn.
Helsinki will bis 2025 autofrei sein.
Turku baut eine Tiefgarage mitten ins Stadtzentrum.

Man kann gar nicht so viel mit den Augen rollen, wie man eigentlich möchte.


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„Du musst keine Angst haben!“, sagt die Zweitklässlerin zur Erstklässlerin, die ich heute von der Schule zum Hort begleite, und nimmt sie an der Hand. „Das war nur ein einzelner geisteskranker Mann. Weisst du, was geisteskrank heisst? Der hat irgendeinen Fehler im Gehirn. Aber du musst keine Angst haben, die Polizei hat ihn festgenommen. Er liegt im Krankenhaus, weil die Polizei ihn angeschossen hat. Da kann der nicht raus. Die haben da so Stoffbinden, so ähnlich wie Handschellen, damit ist er am Bett festgebunden. Und da sind auch Polizisten, die ihn bewachen. Der kann niemandem mehr was tun. Wenn er wieder gesund ist, kommt er vom Krankenhaus ins Gefängnis, und vom Gefängnis wird er in sein Heimatland zurückgeschickt. Du musst wirklich keine Angst haben!“ Und dann beschliessen wir drei einstimmig, den üblichen Weg quer über den Markt zu nehmen.

Die Kinder können’s vielleicht noch retten.

Während wir Erwachsenen Morddrohungen per Telefon ins Krankenhaus schicken. Während wir hysterisch herumschreien, dass die Politik viel zu lasch mit Ausländern umgeht, dass die Regierung versagt hat, dass alle Muslime gefährlich sind und die EU sowieso an allem schuld, dass man endlich die Grenzen dichtmachen muss und dass es ja wohl nicht sein kann, dass Verbrecher auch noch menschenwürdig behandelt werden. Während wir drei Tage lang den Markt meiden und dann vergessen werden. Während wir selbstmitleidg verkünden, die Welt würde nie wieder so sein wie vorher, und dennoch einfach so weitermachen wie bisher, unseren Wohlstand mit Zähnen und Klauen verteidigen und weiterhin glauben, es sei unser persönlicher Verdienst, in einer Gegend der Welt geboren zu sein, in der Demokratie, Frieden und Wohlstand herrschen.

Vielleicht können’s die Kinder noch retten.


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Schlagzeilen

Grösste Tageszeitung Finnlands: Wölfe bissen Jungen im Zoo in die Hand
Finnisches Bild-Zeitungs-Pendant: Wölfe zerfleischten Jungen*

Danke, liebe Presse! Ein besseres Beispiel, um den Kindern den Unterschied zwischen seriösem und Boulevardjournalismus zu erklären sowie ihnen klarzumachen, warum man immer den ganzen Artikel lesen sollte statt nur der Überschrift, hätte es gar nicht geben können.


*Es gibt in Finnland freilebende Wölfe, die natürlich nicht von allen gern gesehen werden. Vor diesem Hintergrund finde ich die Schlagzeile noch fürchterlicher verantwortungsloser als so schon.