Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

satakahdeksankymmentäyksi

7 Kommentare

Jeden Morgen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit am Krankenhaus vorbeifahre, wird mir ganz warm ums Herz.

Ich muss dann immer daran denken, wie wir dreimal zu zweit da reingingen und zu dritt wieder rauskamen. Wie ich dort mit dem erst ein paar Stunden alten kleinen Herrn Maus auf dem Bauch den ganzen Tag schlief und endlich meine Erkältung auskurierte. Wie das Fräulein Maus im Solarium lag. An die Schwester, die mir erklären wollte, dass draussen am Morgen wieder beissender Frost gewesen sei – und das Ende März! – die aber keine englischen Zahlen konnte und erst nach einem Zettel rannte, auf den sie dann “-15ºC” schrieb. Wie ich den schlafenden grossen Herrn Maus, zwei Tage alt, auf dem Arm zu einer Untersuchung auf die Kinderstation trug und die Schwester, die uns abholte, nachdem sich unsere Blicke im Fahrstuhl auf ihren Schuhen getroffen hatten, lachend sagte: “Die habe ich extra, weil die Kinder die so lustig finden!” Wie das Fräulein Maus aufs Bett kletterte und gar nicht wieder aufhörte mit Streicheln und Küsschengeben, als sie ihren kleinen Bruder zum ersten Mal sah. An die Sockentafel. An die riesigen Kohlköpfe im Kühlschrank auf der Neugeborenenstation. Wie ich mit dem Ähämann über die schweizer Melkmaschine elektrische Milchpumpe gelacht habe. (Und wie mich beides vorm Platzen bewahrt hat.)

Selbst an die paar Male, an denen wir wirklich mit einem sehr kranken Kind im Krankenhaus waren, denke ich dankbar zurück. Wie jedes fiebernde Kind in der Notaufnahme zuallererst nicht nur fiebersenkende Medizin, sondern auch soviel Zuckerwasser aus Trinkpäckchen Pillimehu verabreicht bekommt, wie es will. Wie ich dem kleinen Fräulein Maus beim Röntgen die Hand halten durfte. Wie der grosse Herr Maus, als er neulich da eintraf, noch vor der fiebersenkenden Medizin und dem Pillimehu auf jeden Handrücken ein Emla-Pflaster geklebt bekam. Wie sich jede Schwester und jeder Arzt mit Vorname bei ihm vorstellten und ihm erklärten, was sie jetzt machen würden. Daran, dass ich noch nie im Krankenhaus irgendwelche Formulare ausfüllen musste. Wie der grosse Herr Maus – mit 40 Grad Fieber und am Tropf – plötzlich Hunger schrie und die Notärztin daraufhin schnell auf der Kinderstation anrief, dass sie ihm was vom Mittagessen aufheben sollen bis er hinkommt. An die Schwester, die dem grossen Herrn Maus, als er dann doch nichts davon ass, noch einen Pillimehu brachte, und noch einen, dann einen Joghurt, dann ein Eis: “Ganz egal, was, Hauptsache du magst es!” An die Muminbettwäsche auf der Kinderstation und die beiden Kuscheltiere, die schon im Bett warteten. An den Spieleschrank auf dem Flur. An die Gewitternacht, die wir dort verbrachten.

Dass ich die 181, die mir gestern am Krankenhaus entgegenkam, überhaupt gesehen habe, ist fast ein Wunder. Normalerweise gucke ich nämlich, wenn ich am Krankenhaus vorbeifahre, auf die andere Seite und zähle die Fenster im Erdgeschoss ab – auch wenn ich weiss, dass ich nie mehr ganz genau sagen können werde, hinter welchen davon die Mäusekinder auf die Welt gekommen sind.

Wenn der veraltete, hässliche Betonklotz des Turkuer Uniklinikums – neben dem selbst das Karl-Marx-Städter Bezirkskrankenhaus ein hübsches Bauwerk ist – wie geplant in ein paar Jahren abgerissen werden sollte, dann werde ich sehr traurig sein. Dem Stadtbild wird er nicht fehlen. Aber mir.

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7 Kommentare zu “satakahdeksankymmentäyksi

  1. Das klingt so supertoll, da verstehe ich jedes Sentiment.

    • Ich erinnere mich noch gut an deine Frage vor der Geburt des Fräulein Maus, ob es denn in Finnland keine Geburtshäuser und keine Hausgeburten gäbe, und was ich dir darauf geantwortet habe. Jetzt, drei Geburten später, kann ich sagen, dass ich immer noch der Meinung bin, dass man kein Geburtshaus braucht, wenn die Geburt und die erste Zeit mit einem Neugeborenen so sein können wie hier in unserem Krankenhaus. :-)

      (Zumindest, wenn es einem egal ist, ob da nun nebenher Kerzen leuchten oder eine Neonlampe, und es einem mehr darauf ankommt, was für eine Atmosphäre Hebammen und Krankenschwestern verbreiten. ;-) )

  2. *lach* Ich musste erstmal eine Weile über die Kohlköpfe nachsinnen – zu meiner Verteidigung führe ich an, dass ich vor 12,5 Jahren zuletzt gestillt habe :)

    Die ÄrztInnen und PflegerInnen an unserer pädiatrischen Klinik sind auch Gold wert – an der Stelle habe ich deine Gedanken sofort nachvollziehen können.

    Schönes WE und viele Grüße,

    Britta

  3. Verständlich, dass man da sentimental wird, wenn so viele Erinnerungen mit einem Gebäude verbunden sind…
    Meine Schule bspw. wurde auch abgerissen. Als ich mal wieder dort war, fühlte sich das echt komisch an, nun vor einer Wiese zu stehen, wo einmal das Gebäude stand, in dem ich nicht nur viele Jahre verbracht habe, sondern mich auch in meinen späteren Ehemann verliebt habe ;-)

    Liebe Grüße, MamEla

  4. Du wirst lachen: Das heutige Klinikum sieht nicht sehr viel anders aus. Klar ist es saniert und umgebaut worden und hat einen „wunderschönen Turm“ bekommen, aber letztlich sind es noch die alten Gebäude.
    Aber Deine Gedanken kann ich gut verstehen. Den Raum in dem das kleine Waldkind geboren wurde gibt es auch nicht mehr (Geburtshaus ist umgezogen).

    • Ja, den „wunderschönen Turm“ sah ich auf einem Foto, als ich für den Link recherchierte… Ich meine, der ist ja vielleicht gar nicht so schlecht – aber dem Gesamtbild tut er jedenfalls nicht gut.

      (Da bin ich dann immer froh über das Prinzip „nordisch schlicht“ – den Turkuer Krankenhausneubau finde ich jedenfalls recht gelungen. So ganz ohne Schnörkel und Türme.)

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