Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Sommerferien minus 6

Finnland hat 6579 bestätigte Coronafälle.

Wir sind jetzt wieder bei den „Egal wie das Wetter ist, abends kommt noch für ein paar Stunden die Sonne raus“-Sommerabenden angekommen.

Weil es den ganzen Tag geregnet hatte, beschlossen wir, abends die Sauna anzumachen, und dann war das so ein Abend, an dem die Kinder in Badehose von der Sauna in die Hängematte und auf die Schaukeln auf dem Spielplatz rennen und an dem es auf der Gartenbank so warm ist, dass man erst nach einer halben Stunde wieder in die Sauna reingeht.

Wir haben wieder Saunabier.
(Die 10% sind nicht der Alkoholgehalt!)

***

Presseschau.

Die erste Strassenbahn wurde gestern vom Werk in Kajaani knapp 600 km über Landstrassen nach Tampere gefahren.


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Sommerferien minus 16

Finnland hat 6154 bestätigte Coronafälle.

Der Wecker klingelte heute eine halbe Stunde eher als in den letzten acht Wochen. Der grosse Herr Maus musste um acht in der Schule sein. Fröhlich radelte er von dannen.

Das Fräulein Maus stand auf wie immer, hatte dann aber nicht viel zu tun, weil die Hausaufgaben für den Tag immer erst nach der jeweiligen Unterrichtsstunde ins Wilma kommen. Ausserdem hatte sie die ersten zwei Stunden Handarbeiten, und ihr Handarbeitsprojekt für dieses Halbjahr ist abgeschlossen. Sie fand es gewöhnungsbedürftig, dass sie um acht nicht vorm Laptop sitzen musste. Stattdessen war schon vormittags Zeit zum Harfeüben. Auch nicht schlecht.

Der kleine Herr Maus wachte aussergewöhnlich zeitig auf und fing sofort nach dem Frühstück an mit Arbeiten. Seine Lehrerin schickt weiterhin Tagespläne wie in den letzten acht Wochen. Der Unterschied ist, dass der kleine Herr Maus jetzt nach seinem eigenen Zeitplan arbeiten darf. Wie erwartet war er nach einer Stunde fertig: zu einem Zeitpunkt – weil er heute eine halbe Stunde früher angefangen hatte als sonst – zu dem die anderen, wie er vermutete, gerade erstmal bis zur Belehrung über die Schul-Coronaregeln vorgedrungen waren und noch gar nicht mit Unterricht angefangen hatte. Dann spielte er ein bisschen Klavier und entwarf und baute die nächsten anderthalb Stunden etwas Tatu-und-Patu-Mässiges aus Lego Duplo.

Dann musste ich auf Arbeit. Am Flussufer sassen die Leute in der Sonne, aber brav an verschiedenen Enden der Bänke. Am Kaffeefahrrad hatte sich eine kleine Schlange mit grossen Lücken gebildet. Zwei ältere Frauen unterhielten sich mit Stoffmaske vorm Mund.

Im Hort lief alles nach Plan. Das mag aber hauptsächlich daran gelegen haben, dass wir gerade mal dreizehn Kinder hatten. (Was ich so von der Schule gesehen habe, fand ich weniger überzeugend. In Zweierreihe, dem Vordermann jeweils fast in die Ferse tretend, wand sich zum Beispiel eine Klasse aus dem Speisesaal durchs enge Treppenhaus zu ihrem Klassenzimmer. Hm.) Die beste Chefin hatte sich lauter Spiele ausgedacht, die man mit Abstand spielen kann. Ich rannte den Kindern mit der Handdesinfektionsflasche hinterher. Der Zivi putzte den ganzen Nachmittag Bälle, Springseile und Reifen, bevor sie den Benutzer wechselten. Wir verbrachten keine Minute drin, sondern assen sogar draussen. Die Kinder sassen mit ihrer Pirogge und ihrem Pillimehu wie die Hühner auf der Stange – aber mit viel grösseren, gleichmässigen Abständen – auf dem Mäuerchen in der Mitte des Schulhofs. Und alle gingen viel früher als sonst nach Hause.

Noch bevor ich heimkam, waren die Medien voll von Berichten über tausende glückliche Schüler*innen, die endlich wieder in die Schule durften. Ich war gespannt, was der grosse Herr Maus zu berichten haben würde.

Nun. Als ich heimkam, teilte mir der grosse Herr Maus als erstes mit, er fühle sich krank – und er sah auch wirklich ganz schlecht aus; er war offensichtlich völlig unter Stress und in Panik – und er gehe morgen nicht wieder in die Schule, weil ausser ihm keiner auf Abstandsregeln achte, da könne er soviel er wolle versuchen, den anderen aus dem Weg zu gehen. Ach, Kind.

Der Tag endete mit dem Stellen eines dritten Antrags auf Freistellung von der Schule bis zu den Sommerferien. Er wurde umgehend genehmigt.


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Coronaklausur, Tag 43

Finnland hat 4906 bestätigte Coronafälle.

Also Politiker*in möchte ich in diesen Zeiten nicht sein.

Gerade eben wird in Finnland über die Wiederöffnung der Schulen beraten.

Die Lehrergewerkschaft ist dagegen. Finnische Kinderärzte – interessant ist ja, dass es plötzlich Kinderärzte gibt in Finnland, wo doch sonst hierzulande Kinder grundsätzlich zu den gleichen Ärzten wie Erwachsene geschickt werden – sowie die Gesundheitsbehörde sind dafür.

Ich kann die Argumente beider Seiten nachvollziehen.

Nur wegen des Zeitpunkts, um den es geht, finde ich die ganze Diskussion völlig absurd.

Die Schulen werden, wie Ende März beschlossen, auf jeden Fall bis 13. Mai zu bleiben. Der letzte Schultag vor den Sommerferien ist am 30. Mai. Das macht genau elf Schultage – oder im Falle der Herren Maus, die den Freitag nach Himmelfahrt schon an einem Dezembersamstag rausgearbeitet haben, sogar nur zehn.

Elf Tage, in denen man ganz sicher nichts mehr wird aufholen können. (So denn überhaupt was aufgeholt werden muss.) Elf Tage, die den Kindern, die es jetzt zu Hause nicht so schön haben, auch nicht wirklich helfen werden, wenn hinterher direkt wieder elf Wochen Ferien sind. Elf Tage, in denen die Lehrer*innen sicher keine Probleme feststellen werden, die ihnen nicht auch schon bei der hiesigen Art des Fernunterrichts aufgefallen wären.

Elf Tage, in denen die Schüler*innen schrittweise in die Schule zurückkehren sollen – die letzten Klassenstufen dann für zwei Tage oder wie!?

Sommercamps und Ferienbetreuung im Juni sind übrigens weiterhin abgesagt. Die Kinder sollen also elf Tage in die Schule gehen und sich dann zurück in Isolation begeben?!

Wegen diesen elf Tagen werden ja nicht nur die Schüler*innen zurück in die Schule müssen, sondern logischerweise auch Kinder von Lehrer*innen, Horterzieher*innen, Schulschwestern, Putzfrauen und -männern, Köch*innen und Lebensmittelzulieferern in den Kindergarten. Und wenn erstmal so viele Menschen wieder draussen unterwegs sind, werden sich auch schnell alle anderen nicht mehr an irgendwelche Regeln halten.

Es wäre so leicht, die Schulen einfach bis zu den Ferien zuzulassen und erst im August weiterzumachen, statt ein elftägiges Experiment zu starten, um herauszufinden, ob Kinder das Coronavirus wirklich nicht weiterverbreiten. Im August könnten wir schon so viel weiter sein, mit allem.

Sollen sie halt statt der Schulen die Restaurants wieder aufmachen, deren Schliessung zu so grossem Unmut geführt hat. Da können dann die, die an Herdenimmunität glauben, ja gerne hingehen.


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Coronaklausur, Tag 38

Finnland hat 4395 bestätigte Coronafälle.

Heute gab die finnische Regierung eine vierzigminütige Pressekonferenz extra für Kinder. Ministerpräsidentin Sanna Marin, Bildungsministerin Li Andersson und Wissenschafts- und Kulturministerin Hanna Kosonen sprachen über die Coronasituation in Finnland und beantworteten Fragen von Kindern.

(Den Frage-Antwort-Teil gibt’s auch als Skript.)

Wir guckten uns das gemeinsam an, und man hätte in unserem Wohnzimmer eine Stecknadel zu Boden fallen hören können, während die Kinder den Reden der Ministerinnen zuhörten und mich ab und zu verstohlen anstupsten, wenn sie sich besonders angesprochen fühlten.

Eine Regierung, die sich extra Zeit nimmt für Kinder, ernsthaft auf ihre Fragen eingeht und ihnen dafür dankt, wie gut sie das alles meistern zur Zeit, ist aber auch wirklich sehr… hach. Und ganz eventuell habe ich neulich auch schon mal erwähnt, wie froh ich bin, unser Land derzeit von all diesen jungen Frauen regiert zu sehen?!


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Coronaklausur, Tag 31

Finnland hat 3489 bestätigte Coronafälle.

Am Dienstag hätten wir fast des kleinen Herrn Maus‘ Klavierstunde vergessen.

Nach fünf Wochen kann ich mich nicht mehr daran erinnern, zu welcher Uhrzeit er eigentlich Schwimmtraining hätte, ich denke montagabends nicht dran, dass der grosse Herr Maus jetzt eigentlich zu den Pfadfindern radeln würde, und ich wundere mich jeden Dienstagabend, warum das Fräulein nicht aus ihrem Zimmer kommt, bis mir einfällt, dass sie ja gerade über ihren Musiktheorieaufgaben sitzt. Der Löwe Balthasar steht tagelang unbewegt auf dem Parkplatz, fast so wie damals, als Nachbarn fragten, ob wir wohl verreist gewesen seien .

Es ist nicht alles schlecht. ;-)
(Aber der kleine Herr Maus vermisst die Schwimmhalle sehr.)

***

Presseschau.

Viele, die jetzt rufen „Ich muss meine Kinder endlich wieder in den Kindergarten bringen dürfen!“ und „Aber die Wirtschaft…!“ und „Die Kinder müssen doch vor den Sommerferien nochmal in die Schule!“ (Warum sollten sie?!), denken offensichtlich, mit fünf Wochen gar nicht mal so strengen Restriktionen ist die Sache gegessen die Coronaepidemie ausreichend bekämpft. „Wir wären froh, wenn sich unser Modell als zu pessimistisch herausstellen sollte“, sagt eine Gruppe von Wissenschaftlern, die den Epidemieverlauf in Finnland neu modelliert hat und zu eher niederschmetternden Ergebnissen gekommen ist. Soviel dazu.


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Coronaklausur, Tag 28

Finnland hat 3161 bestätigte Coronafälle.

Die vier freien Tage haben gutgetan.

Nicht, dass wir heute früh alle fünf begeistert aus dem Bett gesprungen wären – das verhinderte schon allein die über Nacht erneut weiss gewordene Landschaft draussen – aber wir gingen alle wieder mit einer gewissen Motivation an die Arbeit und in die Schule.

Der kleine Herr Maus hat jetzt, nach ein paar Testläufen letzte Woche, auch regelmässig Videounterricht. Ich habe kurz in sein Zimmer gelunzt und einen herzerwärmenden Blick auf lauter aufgekratzte Drittklässler erhascht, für die es der Höhepunkt der vergangenen vier Wochen gewesen sein muss, sich endlich wieder zu sehen und miteinander reden zu können. Nebenher schicken sie sich im Klassenchat lauter kleine alberne Nachrichten, wie sie Drittklässler eben schreiben. Es erinnert mich ein bisschen an die Zettelchen, die wir früher von Bank zu Bank warfen, und die uns ähnlich glücklich machten und zusammengehörig fühlen liessen.

Auch das Fräulein Maus hängt an ihren Videounterricht oft noch einen Videochat mit ihrer besten Schulfreundin dran.

Ich habe das Gefühl, gerade dieser geregelte Unterricht und das regelmässige „Treffen“ der Klassenkameraden erleichtert den Kindern die Situation ungemein. Und sie können ihr immer noch Gutes abgewinnen: länger schlafen, nicht bei jedem Wetter zum Bus müssen, die Zeit für den Schulweg sparen, die Aufgaben ein bisschen schneller abarbeiten können als in der Schule.

Die Klasse des grossen Herrn Maus machte heute Pläne für die letzten zweieinhalb Schulwochen, sollten die Schulen doch ab 14. Mai wieder geöffnet werden. „Ihr seid alle so fleissig und nehmt den Fernunterricht so ernst“, sagte ihre Lehrerin, „dass wir in diesen letzten Tage sicher nicht in die Schule gehen werden. Wir werden Lesepicknick machen und Ausflüge und Eis essen und lauter solche schönen Sachen!“ ♥

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Presseschau.

„Um neun gibt es den ersten Videochat.“ Der Tagesspiegel hat die finnische Botschaftsrätin in Berlin über den Unterricht in Finnland während der Schulschliessungen interviewt.


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Coronaklausur, Tag 23

Finnland hat 2605 bestätigte Coronafälle.

Die erste Etappe Ausnahmezustand ist geschafft.

Schule läuft, Arbeit läuft, so wenig wie möglich unter Menschen und nicht mehr als einmal in der Woche einkaufen gehen läuft auch. Wir haben noch keinen Lagerkoller und haben uns alle noch gegenseitig lieb.

Mit dem Puzzle geht’s auch voran.

Bisher haben wir es als Abenteuer genommen. (Und das werden wir auch weiterhin tun!) Aber manchmal tut es jetzt doch ein bisschen weh.

Heute wäre ich eher aus dem Hort gegangen, der Ähämann und die Kinder hätten mich abgeholt, dann wären wir nach Helsinki gefahren und hätten eine Fähre nach Tallinn bestiegen. Wir wollten über die Osterfeiertage nach Tartu, da waren wir noch nie. (Käse, Bier, Rhabarberlimo und Britakuchen sind auch alle. Und überhaupt.)

Auch unsere Sommerferienpläne sind, womit wir sowieso schon länger gerechnet hatten, hinfällig.

Wie immer wollten wir gleich nach der Zeugnisausgabe losfahren, um rechtzeitig zum Musiklager wieder dazusein. Dieses Jahr ist ja nicht nur das Fräulein Maus dort angemeldet, sondern auch der kleine Herr Maus. Ausserdem wollten diesmal die Grosseltern anreisen, um bei den vielen tollen Konzerten dabeizusein. Es steht noch völlig in den Sternen, ob das Musiklager überhaupt stattfinden kann – und auf jeden Fall wird es ohne Oma und Opa stattfinden, denn deren Flüge wurden diese Woche schon gecancelt.

Unsere Sommerreise wäre diesmal (zum Glück!) eher unspektakulär gewesen: wir wollten zwei Wochen in die Lieblingsheimatstadt fahren und anschliessend noch ein paar Tage in die Nähe von Dresden, den Kindern endlich mal die Frauenkirche und das Grüne Gewölbe und das Hygienemuseum zeigen, und natürlich ein paar Stiegen in der Sächsischen Schweiz beklettern. Die Grenzvorschriften in Finnland wurden gerade diese Woche so verschärft, dass uns vor Juni – gebucht hatten wir für den 30. Mai – keine Fähre nach Stockholm bringen würde; heute erhielt ich ausserdem eine Mail, dass unsere Fährüberfahrt von Trelleborg nach Rostock ersatzlos gestrichen ist. Und selbst wenn wir hinkämen – ich glaube nicht, dass wir in irgendein Freibad, ins Planetarium, mit dem Zug nach Halle in den Zoo, in die Lieblingsstudentenkneipe, die Dresdner Museen und was sonst noch alles schon auf unserem Plan gestanden hatte, könnten. Vielleicht können wir alles noch auf Ende der Sommerferien verschieben, aber vermutlich wird diese Reise dieses Jahr ganz ausfallen.

Wahrscheinlich können wir froh sein, wenn wir wenigstens unsere Herbstferien wieder in Estland verbringen können. Eigentlich wollten wir unsere ersten neun- statt viertägigen Herbstferien in diesem Jahr mit einer Zugreise nach Venedig feiern, aber wir wollen mal nicht übermütig werden. 2021 dann. Seufz.

Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten. Zum Beispiel erhielt ich heute morgen einen Bescheid von meiner Arbeitslosenkasse, mit dem ich frühestens in zwei, drei Wochen gerechnet hatte. Seit ich im Hort arbeite, aus auf der Hand liegenden Gründen nur 80%, bekomme ich von meiner Arbeitslosenkasse eine Art Ausgleichszahlung dafür, dass ich keinen Vollzeitjob habe. Diese 200 € im Monat sind für uns unheimlich wichtig – jahrelang gingen sie zum Beispiel direkt für das Training des Fräulein Maus drauf. Letzte Woche las ich, dass die Arbeitslosenkassen wegen der vielen Beurlaubungen zur Zeit nicht mehr hinterherkommen mit der Bearbeitung der Anträge und dass sich die Zahlungen bis zum Jahresende hin verzögern können. Offensichtlich ist es aber a) von Vorteil, bei einer eher kleinen und speziellen Arbeitslosenkasse zu sein, und b) so, dass ebendiese sofort reagiert hat und entweder zusätzliche Mitarbeiter angestellt hat oder ihre Mitarbeiter mehr arbeiten lässt – jedenfalls bekomme ich mein Geld diesen Monat schon am 14., obwohl es unter normalen Umständen nie vor dem 24. ausgezahlt wird, wenn ich es sofort beantrage, wenn ich meinen aktuellen Lohnzettel erhalten habe.

Apropos Beurlaubungen. Die liebste Freundin hat vorgestern schon geschrieben, wie das mit dem Schulessen in ihrer Stadt gerade abläuft. Das kostenlose Schulessen ist in Finnland eine Institution, und gerade jetzt, wo viele Familien finanziell schlechter gestellt sind als normalerweise, ist es besonders wichtig. Deswegen gibt es trotz Fernunterricht weiterhin Schulessen für alle Schüler, die das möchten, natürlich den Umständen angepasst: An manchen Orten bekommen die Schüler ihr Essen als aufwärmbares Take-away. In manchen Orten bekommen Schüler, deren Schulweg länger als 10 km ist, das Essen sogar nach Hause geliefert. Manche Gemeinden geben ihren Schülern Lebensmittelgutscheine, zahlen einen Essenszuschuss oder verteilen, wie bei der liebsten Freundin, Lebensmitteltaschen an die Schüler.

Ach so, fast hätte ich’s vergessen: die Fertigstellung von Olkiluoto 3 wird sich wegen Corona auch verzögern. Das fällt 11 Jahre nach geplanter Inbetriebnahme jetzt natürlich so richtig ins Gewicht!


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Coronaklausur, Tag 20

Finnland hat 2176 bestätigte Coronafälle.

Heute früh wachte ich kurz nach fünf auf. Auf unserem Dachfirst flötete eine Amsel aus voller Kehle ins Morgenblau. Ich wälzte mich ein bisschen hin und her, hörte ihr zu und freute mich, dass das 5:25-Uhr-Propellerflugzeug nach Riga ihren Gesang heute nicht stören würde, dann war ich wieder eingeschlafen. Dank Fernunterricht können wir jetzt früh immer eine Stunde länger schlafen; der Ähämann, der sonst schon um 5:40 Uhr aufstehen muss, um zum Bahnhof zu radeln, sogar zwei.

Ich glaube, ich habe noch gar nicht gesagt, wie glücklich ich darüber bin, dass wir alle die ganze Zeit zusammen sind gerade. Ich weiss natürlich, dass wir in einer sehr privilegierten Lage sind, weil meine Arbeit nicht sehr zeitaufwändig ist zur Zeit, unsere Kinder schon vergleichsweise gross und selbstständig sind und wir uns nicht um den Unterricht der Kinder kümmern müssen. Aber ich geniesse es gerade wirklich sehr, dass wir jeden Morgen alle fünf zusammen frühstücken, jeden Tag gemeinsam Mittagessen, jeden Abend gemeinsam „Maus“ gucken, mit Büffchen auf dem Sofa als Abendbrot. Und heute gab es Kaffee auf der Terrasse, als die Herren Maus Schulschluss und der Ähämann und das Fräulein Maus eine kurze Pause hatten.

Danach sprang der kleine Herr Maus von der Terrasse auf den Spielplatz, wo schon ein Nachbarskind, das noch nicht in die Schule geht, wartete, und ich blieb in der Sonne sitzen und sah den Hummeln bei ihrem Torkelflug von Krokus zu Krokus zu.

Im Hintergrund zwei Freunde beim social physical distancing im Sandkasten.

Dann hatte der kleine Herr Maus noch Sportunterricht und Schwimmtraining. (Montags kann er das verbinden.) Für beides sollte er eine Stunde gehen oder laufen, für den Sportunterricht unterwegs Fotos machen und hinterher seine Route und die Orte, an denen er Fotos gemacht hatte, in eine digitale Karte eintragen, fürs Schwimmtraining musste er anschliessend noch eine Viertelstunde Dehnungsübungen machen.

Wir spazierten auf die andere Flussseite, am Fluss entlang, zu Finnlands ältestem Kirchplatz und wieder zurück nach Hause.

Was für ein Glück, in der Stadt zu wohnen und hinter der Haustür gleich auf dem Lande zu sein!

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Presseschau.

Die New York Times berichtet über Finnlands Notlager. Es ist nicht nur eins, sondern viele, an geheimgehaltenen Orten. Und auch was genau und in welchen Mengen sich darin befindet, ist Staatsgeheimnis – aber ausser medizinischer Ausrüstung, die jetzt aus dem Notlager geholt wird, finden sich darin grosse Mengen Brennstoff, Rüstungsbedarf, Saatgut sowie zum Beispiel Brotmehl für den Bedarf eines halben Jahres.

Lahtis Sinfonieorchester spielt die Finlandia. Alle 62 Musiker*innen sind dafür zu Hause geblieben.

• Ein finnischer Coronatoter ist offensichtlich wiederauferstanden. Dabei ist noch gar nicht Ostern!

Coronasituation in Finnland: Gesamtzahl der bestätigten Coronaansteckungen, Anzahl der Coronapatienten, die im Krankenhaus behandelt werden bzw.  die in intensivmedizinischer Betreuung sind sowie die Gesamtzahl der Todesfälle. Dahinter jeweils der Unterschied zum Vortag.


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Coronaklausur, Tag 14

Finnland hat 1384 bestätigte Coronafälle.

Seit zwei Wochen machen wir Schule zu Hause gehen die Kinder zum Unterricht nicht mehr ausser Haus.

Es ist ein bisschen wie zu Ferienbeginn: da gibt es auch immer geschwisterliche Kämpfe und Verwerfungen, die es sonst nicht gibt, weil sie sich erst wieder daran gewöhnen müssen, so viel Zeit miteinander verbringen. Aber jetzt ist nach zwei Wochen ein gewisser Frieden unter den Geschwistern eingezogen. Nicht, dass es kein Gezänk mehr gäbe (haha, niemals!), aber wir sind alle entspannter miteinander als vor zwei Wochen.

Gut, dass es so ist, denn uns stehen, wie wir seit gestern Abend wissen, weitere vier Wochen Schulschliessung, also acht insgesamt, bis 13. Mai, bevor. (Und ich wette ja, dass für die letzten zweieinhalb Wochen die Schulen dann auch nicht mehr aufgemacht werden. Diese Möglichkeit wurde jedenfalls gestern abend auch schon mehr als angedeutet.)

Grosse Finnlandliebe bei mir ob der Tatsache, dass hier trotz Schulschliessung ganz bewusst nicht von kotiopetus, also Homeschooling, gesprochen wird, sondern von etäopetus, also Fernunterricht, und dass es auch tatsächlich so ist. Das letzte Mal mit dem Schulkram eines der Kinder habe ich mich am Freitag beschäftigt, als das Fräulein Maus Hilfe beim Umstellen von Gleichungen brauchte. (Die hätte sie sich aber vermutlich ganz genauso für die Hausaufgaben erbeten, wenn sie normal in die Schule gegangen wäre an dem Tag.)

Es ist jetzt schon klar und wird auch so eingeplant, dass es im nächsten Schuljahr mehr Ressourcen für den Förderunterricht geben muss, damit die Kinder, die mit dem Fernunterricht nicht so gut klarkommen, Lücken schnell schliessen können. Und ich bewundere wirklich die Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt neben der ganzen Organisation des Fernunterrichts fast täglich anbieten, zusätzlich zum täglichen Videounterricht bei Fragen und Problemen immer auch für den Einzelnen erreichbar zu sein. Die Klassenlehrerin des grossen Herrn Maus rief heute innerhalb von zwei Stunden alle ihre Schüler*innen reihum an, um mit jedem persönlich darüber zu sprechen, wie sich der Fernunterricht für sie anfühlt, was gut daran ist, wo sie mehr Unterstützung bräuchten.

Wenn mir eins wirklich überhaupt gar keine Sorgen macht derzeit, dann Schule.

Nachmittags auf Wunsch der Herren Maus fünf Bleche Griesskekse mit ihnen gebacken. Danach brachen sie beide vorm dienstäglichen Musikschulmarathon schnell noch gemeinsam zu einer kurzen doch recht langen Radtour auf. Die Strassen sind schon wieder schneefrei.

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Presseschau.

Heute entdeckt, dass es die Lieblingsheimatstadt bis in die finnischen Nachrichten – auf die Seite mit den weltweiten Coronanews – gebracht hat, dem dortigen Link gefolgt, zufällig ein dort verlinktes Video entdeckt und dann einen kurzen Heimwehanfall – die Müllabfuhr ist vor unserem Haus! gefilmt – erlitten.

Wenn ich einen grossen Wunsch freihätte, dann den, dass wir im Juni wie geplant hinfahren können.

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Ausserdem: Sanna Marin, unsere Premierministerin, in der Vogue.


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Coronaklausur, Tag 6

Finnland hat 700 bestätigte Coronafälle.

Heute war ein komischer Tag. Die Regierung hatte nämlich noch am Freitag verkündet, die Beschränkung, dass nur Erst- bis Drittklässler von – wie sagt man in Deutschland so schön? – Eltern mit systemrelevanten Berufen in die Schulen zum Unterricht kommen dürfen, ab heute wieder aufzuheben.

Es sei diskriminierend, diese Option nur für bestimmte Berufsgruppen anzubieten. Und es gäbe Kinder, die ohne Schulunterricht einfach zurückgelassen werden, weil ihre Eltern sie nicht beim Fernunterricht von zu Hause aus unterstützen können. Chancengleichheit für alle, das sei auch in dieser Situation wichtig.

(Ähnlich gelagert die Tatsache, dass sogar jede*r Schüler*in, sogar bei Fernunterricht von zu Hause aus, zum Mittagessen in die Schule kommen dürfte, weil das kostenlose Mittagessen eben zum finnischen Schultag dazugehört.)

Ich liebe Finnland für diese strikte Gleichbehandlung aller auf jeglichem Gebiet. Aber jetzt hoffe ich inständig, dass das gutgeht. Dass die meisten Eltern trotzdem gesunden Menschenverstand walten lassen – und zwar auch dann noch, wenn in ein, zwei Wochen alle Schulkinder zu Hause die Wände hochgehen. Die Kultusministerin hat am Wochenende auch nochmal sehr deutlich darauf hingewiesen, dass man trotz allem seine Kinder, wann immer irgendwie möglich, zu Hause lassen soll, und vom Rektor der Herren Maus kam auch prompt nochmal eine eindringliche Wilma-Nachricht.

Es ist mir übrigens täglich eine Freude, in den Nachrichten alle diese jungen Frauen zu sehen, die unsere derzeitige Regierung bilden.

Von vorn nach hinten:
Innenministerin Maria Ohisalo, Finanzministerin Katri Kulmuni, Premierministerin Sanna Marin, Kultusministerin Li Andersson, Justizministerin Anna-Maja Henriksson

Fast wie in Deutschland. ;-)

Jedenfalls sind wir im Hort jetzt in der schönen Situation, dass täglich mindestens einer von uns da sein muss, um auf nicht erscheinende Kinder zu warten für den Fall, dass doch ein Kind im Hort auftaucht. Am absurdesten ist, dass wir nicht einmal die Eltern zu einer Voranmeldung verpflichten können, sondern wirklich auf Verdacht da sein müssen.

Heute nahmen die beste Chefin und ich gleich mal das nächste Buch fürs Vorleseprojekt auf, und ab morgen wechseln wir uns dann ab. Und vielleicht kommt ja doch noch jemand zur Vernunft und einer gesetzeskonformen Lösung, die nicht völlig absurd ist.

Zu Hause liefen der Fernunterricht der Kinder und des Ähämanns Homeoffice derweil ziemlich gut. Lücken im Tagesprogramm der Kinder schliessen wir übrigens derzeit mit Naturdokumentationen. Wir werden alle unheimlich viel gelernt haben, wenn diese Zeit vorbei ist!

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Presseschau: Finnische Lösungen für notgedrungenes Homeoffice.