Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Willkommen im Land der Birkenwälder!

Auf dem Helsinkier Flughafen gibt es neue Toilettenräume.

Nun auch mit eigenen Augen gesehen (und mit eigenen Ohren das Vogelzwitschern gehört):

Schön. Aber hey, das mit den Birken ist eigentlich meine Idee! ;-)

(Finnische Toilettenschlösser werden übrigens immer nach links verriegelt und nach rechts aufgeschlossen – unabhängig davon, wierum die Tür eingebaut ist. Soll schon zu grosser Panik bei dem einen oder anderen vermeintlich in der Toilette eingeschlossenen Touristen geführt haben. Ich hab‘ dann hiermit mal gewarnt.)


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Kinderarbeit

Die beiden Herren Maus waren heute im Kindergarten nicht erwünscht.

Der grosse Herr Maus nicht, weil er gestern ein bisschen gefiebert hatte, der kleine Herr Maus nicht, weil er gestern mit Verdacht auf Ringelröteln heimgeschickt worden war. (Pah! Wenn ein Kind bei eisigem Wind eine Stunde auf dem Spielplatz rumtobt, dann hat es hinterher im Warmen natürlich rote Wangen!)

Papa war aber schon gestern zu Hause, und Mama, die hatte für heute eigentlich auch eigene Arbeitspläne. „Wollen wir gemeinsam Eichhörnchen füttern gehen?“ fragte ich deshalb beim Frühstück, um sie wenigstens nicht vollständig über den Haufen werfen zu müssen. „Ja, ja!“ jubelten die beiden Herren Maus im Chor.

(Es gab dann auch nur einmal grosses Drama, als ich die Tüte Erdnüsse, die der kleine Herr Maus in seinem Beutelchen trug, öffnete, um… Eichhörnchen zu füttern eben. „Die soll wieder zuuuu sein!“ heulte er, warf sich auf den Boden und schmiss den Beutel durch die Gegend. Als ich ihm die angebrochene Tüte durch eine frische, ungeöffnete ersetzt hatte, war wieder alles gut. Die trug er begeistert durch den Wald. So als Schaustück.)

Ich hätte natürlich auch zu Hause bleiben und mich neben der Krankenpflege Betreuung zweier die Wände hochgehender Kinder den drei oder vier Körben zu legender Wäsche widmen können…


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Kleine Reisende

Vorletzte Woche erzählte ich einer anderen Mutter in der Musikschule, dass wir ein paar Tage nach Prag fahren würden, in den Frühling, hoffentlich. „Oh, wie schön!“ sagte sie. Dann zögerte sie kurz und fragte: „Mit allen drei Kindern?!“

Wir sollten das während der Tage in Prag noch öfter hören. „Guck mal, mit drei so kleinen Kindern!“ hörte ich im Vorbeigehen eine amerikanische Touristin zur anderen sagen. „Wir haben auch zwei Kinder“, erwähnte das deutsche Ehepaar am Nachbartisch beim Frühstück, „aber die sind bei Oma und Opa.“

Ich sag‘ mal so: mal ein Tag ohne Kinder täte dem Ähämann und mir sicherlich gut. Aber Urlaub ohne die Kinder?! Ohne die Kinder, die seit Wochen vorfreudig von den „schönen Häusern“ und „goldenen Kirchen“ in Prag gesprochen hatten? Ohne die Kinder, die schon seit Wochen für die Reise gepackt hatten? Ohne den kleinen Herrn Maus, der jeden von uns, der sagte: „Wir fahren nach Prag!“ sofort berichtigt hatte: „Wir fliiieeegen nach Prag!“?
Wir hätten in jeder Kirche gesagt: „Wenn der grosse Herr Maus das sehen könnte!“ Wir hätten im Flugzeug gesessen, oder in der Metro, oder in der Strassenbahn, und gedacht: „Wieviel Spass der kleine Herr Maus da dran hätte!“ Wir hätten durch keinen Park spazieren können ohne zu denken: „Hier würde das Fräulein Maus jetzt ein Rad nach dem anderen schlagen!“

Prag ist meine allerliebste Lieblingsstadt. Ich war so alt wie der kleine Herr Maus jetzt, als ich das erste Mal in Prag war. (Halt, stimmt nicht. Meine Mutter trug mich schon im Bauch durch Prag. So wie ich bei unserem letzten Besuch das Fräulein Maus.) Als wir ein Jahr später wieder hinfuhren, soll ich sofort gefragt haben, ob wir auch wieder in die Kirche mit den bunten Fenstern und die goldene Kirche gehen. Unsere erste gemeinsame Reise machten der Damals-noch-nicht-Ähämann und ich: nach Prag.

Es war höchste Zeit, die Lieblingsstadt den Kindern zu zeigen.

Natürlich besichtigten wir die Kirche mit den schönen bunten Fenstern und die goldene Kirche. Noch besser gefielen uns allen aber all die Kirchen, die ein bisschen abseits der Touristenstrassen liegen, die Kirchen, für die man keinen Eintritt bezahlen muss. Der grosse Herr Maus, der kleine Kirchenfan, der in seinem Leben noch keine einzige katholische Kirche gesehen hat, stand staunend vor den goldenen Heiligenstatuen. Die Kinder suchten in jeder Kirche um die Wette, wer uns als erstes zeigen konnte: „Da ist das ewige Licht!“ Wir verglichen geschnitzte Jesusse: „Der da ist mit vier Nägeln ans Kreuz genagelt!“ Wir sprachen darüber, was auf den Kreuzwegbildern und auf den Deckengemälden dargestellt ist. Im Veitsdom übte jemand an der Orgel. „Ist das Kirchenmusik, Mama?“ fragte der kleine Herr Maus, andächtig lauschend. In einer Kirche winkte uns eine Nonne in die Sakristei und liess die Kinder eine zweihundert Jahre alte Wachspuppe – das Jesuskind darstellend – in einer Wiege schaukeln. Früher, ohne diese Kinder, waren Kirchenbesichtigungen eigentlich langweilig.

Wir kletterten auf den Turm des Veitsdoms, auf den Aussichtsturm auf dem Petřín, auf den Altstädter Rathausturm und sahen uns satt an roten Dächern.

Zwischendurch gingen wir stundenlang auf Spielplätze. Ich dachte, wir seien verwöhnt, was Spielplätze betrifft. Aber an die Prager Spielplätze kommt keiner unserer Spielplätze hier heran. Einer war vollständig aus Holz, einer sah aus wie eine Musteraustellung eines bekannten dänischen Spielplatzausstatters, alle waren eingezäunt, die meisten hatten Toiletten, einer sogar einen eigenen Parkwächter. Wir liessen die Kinder laufen, sassen auf der Bank und hielten das Gesicht in die Sonne. Und während die Mäusekinder oft entsetzt sind über die Ellenbogenmentalität auf deutschen Spielplätzen, geht es auf den Prager Spielplätzen zu wie auf unseren finnischen.

Ich hatte überhaupt ganz vergessen, wie viele Kinder es in Tschechien gibt und wie kinderfreundlich die Tschechen sind. Wenn wir in eine Strassenbahn oder die Metro einstiegen, machte sofort jemand einen Sitzplatz frei für den grossen Herrn Maus und das Fräulein Maus, und gleichzeitig bot mir – mit dem kleinen Herrn Maus auf dem Rücken – jemand anders einen Sitzplatz an. Einmal schlief mir der kleine Herr Maus so in der Strassenbahn ein. Die Bahn ruckelte und hüpfte fürchterlich, des kleinen Herrn Maus‘ Kopf flog genauso hin und her. Ich angelte nach dem an der Trage festgenähten Tuch, das man dem schlafenden Kind über den Kopf ziehen und an den Trägern festknöpfen kann, was allein ein bisschen schwierig ist – der Ähämann sass mit den beiden Grossen mehrere Reihen weiter hinten – da reichte mir schon eine ältere Frau das Band zum Festknöpfen nach vorn und fragte, ob das so richtig sei. Als der kleine Herr Maus kurz darauf das Tuch überm Kopf doof fand und ich beschloss, den schlafenden kleinen Kerl lieber samt Trage von meinem Rücken auf meinen Bauch zu drehen, sprang mir sofort eine andere Frau zu Hilfe, eine weitere bückte sich gleichzeitig nach unserer dabei auf den Boden gefallenen Wasserflasche. Kann ich empfehlen, mit drei Kindern nach Prag zu reisen.

Wir versuchten, die grössten Touristenanziehungspunkte zu meiden. Klar, wir liefen auch einmal über die Karlsbrücke und guckten die „minikleinen Häuser“ im Goldenen Gässchen an. Aber sobald man eine Gasse neben den üblichen Touristentrassen betrat, in eine Kirche ging, die in keinem Reiseführer genannt ist, oder auf einen Turm kletterte, auf den kein Fahrstuhl führte, war es wunderbar ruhig. Wir suchten uns Restaurants abseits der üblichen Touristenkneipen und fuhren dafür kreuz und quer mit Metro und Strassenbahn durch die Stadt. Etwas, das sich die Kinder sowieso ausdrücklich gewünscht hatten. Wir verbrachten viel Zeit in Gärten und Parks. Es war ja auch Frühling! „Ich dachte, da liegt noch Schnee!“, sagte das Fräulein Maus verblüfft zu den blühenden Kirschbäumen auf dem Petřín. Wir führten Kleider, Röcke und kurze Hosen spazieren. (Nur in den Kirchen war es noch bitterkalt.) An einem besonders lauen Abend überkam uns auf dem Weg von der Metrostation zu unserer Wohnung, quer über den Vyšehrad, das dringende Bedürfnis nach einem Bier irgendwo draussen. Wir pfiffen auf Schlafenszeiten und tranken Bier und Erdbeersaft bei Glockenspiel und Abendläuten von der Vyšehrader Kirche. „Wollt ihr nicht heute wieder ein Abendbierchen trinken?!“ fragte der grosse Herr Maus am nächsten Tag. Ihm hatte das offensichtlich gefallen. Wir fanden es ein bisschen zu kalt dafür – aber wir beschlossen spontan, unser unterwegs gekauftes „Abendbrot“ – lauter Zuckerbäckerteilchen – gleich auf einer Bank oben an der Festungsmauer des Vyšehrad einzunehmen – und sahen, wie die Lichter angingen im gegenüberliegenden Park, auf dem Petřín und auf der grossen Brücke, die einen ganzen Stadtteil überspannt und durch deren Betonröhre die Metro fährt, sahen, wie die Burg angestrahlt wurde und nach und nach die unzähligen Kirchen, und hörten die Amseln im Chor singen.

Wir reisten mit Kindern, die sich selbständig ihr Frühstück vom Buffet holten und die man auch schon mal allein im Restaurant aufs Klo schicken kann. Wir waren auch unterwegs mit Kindern, die schon vor dem Frühstück zeterten, weil ihnen die bereitgelegte Kleidung nicht zusagte, mit Kindern, die unter gar keinen Umständen auch nur einen Augenblick irgendwo still stehen bleiben konnten, mit Kindern, von denen das eine Drahtseilbahn fahren, das zweite endlich essen gehen, das dritte nirgendwohin ausser auf einen Spielplatz wollte, mit Kindern, die brüllten und stritten und sich an den Haaren zogen und dann doch jeden Abend, einander umarmend, selbsterdachte Lieder grölend und sich ausschüttend vor Lachen, durch die stille Strasse zurück zu unserer Wohnung wankten. Der grosse Herr Maus trug ausdauernd seinen Stadtplan – auf dem er uns jeweils zeigte, wo wir uns gerade befanden und wo wir noch hinwollten – durch die Gegend, dazu diverse Stöcke, die er bereitwillig vor Restaurants und Kirchen abstellte, um sie hinterher weiterzutragen. Der kleine Herr Maus belud sich die Hosentaschen mit Steinen und trug imaginäre Autoschlüssel in den Händen mit sich herum. „Nein, kann dich nich‘ anfassen, Mama, hab‘ keine Hand frei!“ Wir reisten zum ersten Mal seit langem ohne Kinderwagen. Der kleine Herr Maus lief und lief und lief. Nur zum Mittagsschlaf, auf Aussichtstürmen, an zu gefährlichen Strassen und bei zu grossen Menschenmassen musste er in die Trage. Widerwillig, versteht sich. Für mich war das daher eher so eine Art Aktivurlaub, mit den 13 kg auf dem Rücken Hügel und Türme zu erklettern.

Ich war so alt wie der grosse Herr Maus jetzt, als ich zum ersten Mal auf einem Flughafen zum Flugzeugeangucken war. In Prag. Bei jedem landenden Flugzeug sprang ich auf die Bank der Aussichtsterrasse, bei jedem startenden wieder herunter. Ich stand lange Zeit auf oder vor der Bank, denn sehr viel los war damals dort nicht. Beeindruckt war ich trotzdem. Und deshalb ein bisschen gerührt, als ich jetzt selbst in einem dort landenden Flugzeug sass.

Die Kinder gingen routiniert durch den Sicherheitscheck. Wir leerten – die immer gleich nervige Prozedur! – vorher alle drei Trinkflaschen aus und füllten sie danach wieder auf – und vergassen den Tetrapack mit dem halben Liter Ananassaft, der sich noch in des Fräulein Maus‘ Rucksack befand – was dann auch niemanden störte. Der kleine Herr Maus, der bisher auf meinem Schoss fliegen musste, setzte sich, als hätte er nie etwas anderes getan, neben den grossen Herrn Maus und versuchte sich anzuschnallen. Das Fräulein Maus hörte Musik, der grosse Herr Maus machte „Aufgaben“, der kleine Herr Maus turnte ein bisschen herum. Auf dem Rückflug musste ich ein paar Mal mit ihm das Flugzeug vermessen, „Nochmal wo der Pilot sitzt!“ und „Nochmal wo die Küche ist!“ und wieder zurück und nochmal von vorn. Dann fand er einen leeren Platz und untersuchte zehn Minuten lang das Gurtschloss. Dann ging das Flugzeug in den Sinkflug, und der kleine Herr Maus eilte beflissen zurück zu seinem Sitz und versuchte sich anzuschnallen. Wir flogen über das verschneite Riesengebirge, wir sahen einen wunderbaren Sonnenuntergang und ein glitzernd erleuchtetes Helsinki. Beim Aussteigen winkte der Pilot die Kinder ins Cockpit. „Überall sind da Knöpfe! Oben und unten und in der Mitte und vorne! Und sogar an den Sitzen! Mama, überall!“, berichtete das Fräulein Maus begeistert.

Wir hätten ungestörter essen, länger in der Sonne sitzen, sorgloser am Metrobahnsteig stehen können, der Ähämann und ich, ohne die Kinder. Aber den Teufel im Veitsdom hätten wir glatt übersehen. Wir hätten nicht mit dem grossen schwarzen Hund auf der Restaurantterrasse Wurfscheibe gespielt. Wir hätten nicht erlebt, wie der kleine Herr Maus winkend „Na shledanou!“ krähte. Keiner hätte auf der Wiese im Park Rad geschlagen. Und keiner wäre gleich nach dem Aufstehen ans Fenster gesprungen und hätte freudig gerufen: „Da! Eine Strassenbahn! Da! Ein Zug!“

Das Wichtigste hätte gefehlt.


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Vom Frühling in den Frühling

Anders als die letzten beiden Frühlingsurlaube war das diesmal einer, der diesen Namen wirklich verdient hat.

Und während wir letztes Jahr ins finnische Aprilgrau heimkehrten, ist diesmal während unserer Abwesenheit hier der Frühling ausgebrochen.

Wir alle schliefen heute früh – halb elf waren wir gestern Abend in Helsinki gelandet, halb zwölf sassen wir im Auto, fünf nach halb zwölf schliefen alle Kinder, halb zwei lagen wir alle zu Hause im Bett – bis halb elf!

Draussen strahlte die Sonne. Im Garten fand sich kein bisschen Schnee mehr. Dafür jede Menge blühende Krokusse. Und Narzissen. Und grosse Tulpenspitzen. Der Schnittlauch hat schon wieder ausgetrieben, und die Gänseblümchen haben auch ihren zweiten finnischen Winter überlebt. Die Kehrmaschine war auch schon da. Und der Nachbar hat seine Weihnachtsbeleuchtung vom Zaun gepflückt.

Wir verbrachten den ganzen Tag vom Frühstück bis zum Abendbrot – mehr Mahlzeiten gab es heute dann auch nicht – im Freien. Wir hängten sämtliche Urlaubswäsche draussen zum Trocknen auf. Die Kinder fuhren unermüdlich Fahrrad, Laufrad und Roller. Wir harkten allen Splitt, alle Vogelfutterreste und alle Herbstblätter von der Wiese. Wir beobachteten Familie Kohlmeise bei der Wohnungsbesichtigung. Der Ähämann musste die Ostereier vom Vogelbeerbaum holen, die ich leichtsinnigerweise unter Zuhilfenahme des riesigen Schneehaufens unter dem Baum viel zu hoch aufgehängt hatte.

Ich fühle mich erholt wie seit langem nicht mehr.
Und ich habe überhaupt gar keine Lust auf das Hamsterrad morgen.


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Staubige Aussichten

Eine der Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte:

“[…]Mit dem Waschen der Strassen kann aus Verkehrssicherheitsgründen erst dann begonnen werden, wenn kein Nachtfrost mehr auftritt. In Turku hat sich deshalb dieses Jahr der Beginn der Reinigungsarbeiten bereits um mehrere Wochen verzögert. Sie werden voraussichtlich bis Juni (Juni?!!!) andauern. […]“

Heute sind dann aber auch gleich an jeder Ecke Wasserwerfer Strassenwaschautos bei der Arbeit zu sehen.

(Im Übrigen finde ich es jedes Jahr wieder faszinierend, dass die dezimeterdicken Splittschichten im Frühling mit übergrossen Staubsaugern Kehrmaschinen von den Wegen gesaugt, gesammelt, gesiebt, gewaschen und im nächsten Winter wiederverwendet werden. Ohne dieses Recycling allerdings, denke ich manchmal, da würde vielleicht nicht bei jeder Gelegenheit ohne Nachzudenken tonnenweise Splitt auf die Wege gekippt werden.)

((Offizielle Schneehöhe: noch 7 cm.))


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Ohne Salz. Ohne Fett. Ohne Zucker.

[Diesen Text habe ich als Gastbeitrag für familienkost.de geschrieben.]

Ich sag’s gleich mal vornweg: wegen des Essens sind wir ganz bestimmt nicht nach Finnland ausgewandert.

Essen in Finnland hat weniger mit Genuss zu tun. Essen in Finnland soll vor allem der Gesundheit dienen – und ist streng reglementiert.

Am Anfang konnten wir noch nicht so viel falsch machen. Babys werden voll und nach Bedarf gestillt, mindestens bis sie vier Monate alt sind, aber gern auch, bis sie sechs Monate alt sind. Sollte sich das Baby allerdings ein bisschen schwertun mit der normgerechten Gewichtszunahme – und das taten sich alle unsere Kinder, die genetisch nicht darauf getrimmt sind, jedes aufgenommene Gramm Fett sogleich zur Lebenserhaltung unter arktischen Bedingungen in Babyspeck umzusetzen – dann wird man doch von der Neuvolatante, die für alle Vorsorgeuntersuchungen im Vorschulalter zuständig ist, eher sanft dazu gedrängt, lieber früher als später mit Beikost anzufangen.

Beikost heisst: pürierte Sachen.
Der empfohlene Klassiker zur Beikosteinführung: zermantschte gekochte Kartoffel mit ein wenig Muttermilch. Sieht aus wie Pappmaché, schmeckt wie Pappmaché und ruft beim Baby erwartungsgemäss keine Begeisterungsstürme hervor. Soll aber gesund sein.
Beim zweiten Kind widersetzte ich mich der Empfehlung. Das zweite Kind bekam als erstes Möhrenbrei – was sich angesichts seines Beikostbeginns im späten Herbst insofern als tückisch erwies, als dass wir erst im Mai des Folgejahres die Möhrenflecken wieder aus diversen Kinder- und Erwachsenenkleidungsstücken herausbekamen: vorher gab es keine Möglichkeit, die Wäsche draussen in der Sonne trocknen und bleichen zu lassen.
Beim dritten Kind pfiff ich sogar auf die Warnung, niemals als erste Beikost Obst zu geben, weil das Kind dann nie wieder Gemüse essen würde. Das dritte Kind bekam als erstes Birnenbrei. (Und ass zwei Wochen später problemlos Brokkoli-Kartoffel-Brei.)

Wenn das Baby sich daran gewöhnt hat, Pappmaché… äh… Kartoffeln zu essen, diverse Gemüse- und Obstsorten probiert hat, darf es mit fünf Monaten zum ersten Mal essen, was es vorzugsweise sein Leben lang zum Frühstück essen sollte: Puuro. Getreidebrei. Mit Wasser angerührt, ungesüsst, ungesalzt. Dem Baby darf man zur Geschmacksverbesserung ein bisschen Obstbrei hineinrühren, der Erwachsene isst seinen Puuro üblicherweise höchstens mit einem Klecks Erdbeermarmelade.

Brei selbst kochen kam für mich nicht in Frage. Wir kauften Breigläschen und Puuropulver. Da war ich zum ersten Mal froh über die strengen Kein-Salz-kein-Zucker-Regeln: ich musste nicht stundenlang die Packungsbeilagen studieren. Im Urlaub in Deutschland stand ich etwas ratlos vor den vielfältigen Gläschen und Milchbreipulverpäckchen, die alle hauptsächlich aus Zucker zu bestehen schienen. Sehr froh war ich auch über die kleinen 125g-Gläschen, in denen hier der Obst- und Gemüsebrei für Beikostanfänger verkauft wird. Auch bis die alle waren, brauchten wir manchmal drei Tage – aber 250g-Gläser hätte ich immer teilen und einfrieren müssen. Es gibt in finnischen Supermärkten auch keine speziellen Tees oder Säfte für Babys. Zum Essen bekommen Babys entweder Muttermilch (bzw. Muttermilchersatz) oder Wasser. Find‘ ich gut.

So mit zehn bis zwölf Monaten isst ein finnisches Kind vom Familientisch mit.

Und ich hörte auf, darüber Auskunft zu geben, wann und was unsere Kinder essen. Ich nickte freundlich lächelnd zur Empfehlung, zum Essen stets nur fettfreie Milch zu reichen, und kaufte mindestens Halbfettmilch. Ich nickte freundlich lächelnd zur Empfehlung, dem ersten Kind, das bis heute äusserst zierlich ist, Rapsöl in den Puuro zu mischen, um die Gewichstzunahme ein bisschen zu beschleunigen, und zeigte der Neuvolatante innerlich einen Vogel. Ich hörte mir freundlich lächelnd von der Zahnärztin, die die Zähne unserer jeweils einjährigen Kinder zählte, an, wie wichtig es sei, dass die Kinder Süssigkeiten ausschliesslich am Süssigkeitentag bekommen – dachte dabei an die vielen erwachsenen Finnen, die unter der Woche auch nie einen Tropfen Alkohol trinken, sich dafür aber freitagnachts bis zur Besinnungslosigkeit besaufen – und reichte zu Hause ungerührt Schokoladenstückchen und Gummibärchen, wann immer die Kinder zu einer vertretbaren Zeit und in einer vertretbaren Menge danach fragten.

Ein Finne nimmt am Tag fünf Mahlzeiten zu sich – zwei davon warm – und schätzungsweise zehn Tassen Kaffee; jedenfalls halten die Finnen schon seit Jahren den Weltrekord im Kaffeeverbrauch.

Zum Frühstück gibt es entweder Puuro, oder Roggenbrot mit Käsescheiben, Gurken und Tomaten. (Einmal trafen wir in einem litauischen Motel eine finnische Familie, die, völlig verzweifelt angesichts der Frühstückskarte, die sich bog von süssen Croissants über Toast mit Honig und Marmelade bis zu Pfannkuchen mit Vanilleis, die Kellnerin anflehte, ob man ihnen nicht einfach ein paar kleingeschnittene Tomaten und Gurken bringen könne.) Dazu Kaffee oder – fettfreie, versteht sich – Milch.

Mittagessen gibt es zeitig, zwischen elf und zwölf. Ausser warmem Essen (Fisch / Fleisch, Beilage, Gemüse) gehört zum Mittagessen auf jeden Fall frischer Salat und Butterbrot. (Wobei es sich beim Butterbrot gewöhnlich um Margarinebrot handelt, das Fleisch vorzugsweise in durchgedrehter Form angeboten wird und das Essen so sparsam gewürzt wird, dass es nach gar nichts schmeckt.) Dazu getrunken wird Wasser oder Milch, manchmal Kotikalja, eine Art Malzbier. Kaffee und Kuchen gelten als angemessener Nachtisch, gibt es aber nicht immer. (Wenn aber ein Kind z.B. einen Geburtstagskuchen mit in den Kindergarten bringt, dann wird der nach dem Mittagessen gemeinsam gegessen, nicht zum Frühstück oder zum Vesper.) Donnerstags gibt es traditionell Erbsensuppe und zum Nachtisch Pannukakku (Eierkuchen / Pfannkuchen aus dem Ofen) mit Marmelade.

Gegen zwei bekommen zumindest die Kindergartenkinder eine kleine Zwischenmahlzeit, die mal aus Joghurt, mal aus Obstgrütze, mal aus einem Stück Pizza oder einem Wurstbrötchen bestehen kann, dazu wie immer fettfreie Milch. Die Erwachsenen begnügen sich zu dieser Uhrzeit meist mit Kaffee.

Gegen fünf, wenn die ganze Familie aus dem Kindergarten, aus der Schule und von Arbeit heimgekommen ist, gibt es die für eine finnische Familie wichtigste Mahlzeit: warmes Abendbrot. Wenn man mal den Spielplatz ganz für sich allein haben möchte, dann sollte man gegen 17 Uhr hingehen – fluchtartig verlassen alle den Spielplatz fürs Abendbrot. Unter der Woche ist das für viele Familien die einzige Mahlzeit, die sie gemeinsam einnehmen; gerade kleine Kinder frühstücken oft erst im Kindergarten. Finnisches Abendbrot unterscheidet sich nicht vom Mittagessen, und mir ist es bis heute ein Rätsel, wie gerade die meist voll arbeitenden finnischen Eltern diese Kocherei schaffen…

Vorm Schlafengehen isst man dann nochmal eine Scheibe Brot mit Käse oder Wurst, mit Tomaten und Gurken, oder auch nur einen Joghurt. Getrunken wird – genau! – fettfreie Milch oder Wasser. Und manch einer schafft es sogar, kurz vorm Schlafengehen noch eine Tasse Kaffee zu schlürfen…

In der Kindergartengebühr sind alle Mahlzeiten enthalten (also Frühstück, Mittagessen, Vesper; bei Kindergärten mit Abendbetreuung bis 22 Uhr auch das warme Abendbrot), man muss seinen Kindern keine Brotbüchsen oder gar Lunchpakete packen. Viele finnische Kinder leiden unter Laktoseintoleranz, Milchunverträglichkeit, sind allergisch auf Ei / Birnen / Nüsse…, manche Kinder sind Vegetarier, manche dürfen aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen. Alles kein Problem, die Kindergartenküche plant das ein. In der Schule gibt es ein kostenloses Mittagessen.

Zu den Tischmanieren gehört – rein theoretisch – dass man sich Guten Appetit wünscht und erst dann anfängt zu essen. (Rein praktisch ist es meist so, dass jeder anfängt, sobald er sich sein Essen auf den Teller geladen hat.) Aufessen wird von Kindern nicht erwartet, wohl aber Probieren – und auch das Einschätzen des eigenen Appetits. Schon im Kindergarten darf jedes Kind für jeden Essensbestandteil angeben, ob es davon „Viel“, „Wenig“ oder „Zum Probieren“ auf seinen Teller möchte. Wer fertig ist mit Essen, sagt „Danke!“ und räumt sein Geschirr selbst weg. Sich das Essen selbst von einem Buffet oder direkt aus den Töpfen in der Küche zu holen und sein Geschirr hinterher selbst vom Tisch zu räumen, ist – mit Ausnahme der wenigen À-la-carte-Restaurants – überall üblich, sogar bei privaten Essenseinladungen.

In unserer Familie gibt es übrigens weiterhin Honigbrot zum Frühstück, Kakao aus Halbfettmilch und nur einmal am Tag warmes Essen. Dafür esse ich durchaus ganz gern mal Erbsensuppe, das grosse Kind liebt geschredderten Eisbergsalat und Gurkenscheiben, das mittlere Kind Pannukakku, das kleine Kind isst sowieso alles. Und der Mann trinkt gern mal Kotikalja. Und wenn wir uns doch einmal zu sehr nach einem anständigen Schnitzel, einer gut gewürzten Suppe oder einem richtigen Stück Kuchen sehnen, dann gibt es das ja immerhin schon im südöstlichen, nur eine kleine Schiffsreise entfernten, Nachbarland.


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Februarmorgen

Das sah ja schon sehr schön aus, wie sich heute früh der Nebel auflöste und ein strahlendblauer Himmel zum Vorschein kam, wie die frische Schneedecke in der Sonne leuchtete und der Reif auf den Bäumen glitzerte.

Zwei Monate früher hätte ich mich allerdings mehr darüber freuen können.

(Wo ich doch den Kindern schon halb versprochen hatte, dass wir diese Woche mit dem Fahrrad fahren, in den Kindergarten und auf Arbeit…!)