Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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7. Dezember

Bei uns gibt es schon immer – schon seit die Kinder noch wirklich klein waren – Bilderadventskalender.

Schokoladenkalender finde ich nämlich furchtbar langweilig – ganz davon abgesehen, dass unsere Kinder sowieso quasi unbeschränkten Zugang zu Süssigkeiten haben – und all die fertig gepackten Lego-, Playmobil-, Pixibuch-, Schmuck- und sonstigen Kramskalender nicht nur furchtbar überteuert, sondern auch furchtbar lieblos. Gut, zwei Jahre lang haben wir auch eine Ausnahme gemacht, aber langsam nimmt der Legokram hier überhand.

Apropos. Dieses „Zeit statt Zeug“ finde ich prima. Also generell. Aber ganz bestimmt nicht als Adventskalender. Lichteln, Weihnachtslieder singen gehen, vorlesen, gemeinsam Weihnachtspost schreiben, abendliche Spaziergänge um die beleuchteten Häuser, Plätzchenbacken, weihnachtliche Museumsbesuche… machen wir alles sowieso. So wie wir Zeit haben und uns der Sinn danach steht. Den Kindern jeden Tag eine Aktivität zu bieten empfinde ich nur als eine neue (immerhin ressourcenschonende) Variante des Geschenkewahns.

Dafür habe ich auch komische Ansprüche an Bilderadventskalender: ich finde, wenn man die Türchen aufmacht, darf da nicht nur irgendein Symbol rauskommen, sondern es muss schon zum Gesamtbild passen. Die Pfadfinderadventskalender haben uns zu völlig verwöhnten Konsumenten gemacht, die Buchhändler in Verwirrung stürzen, weil sie genau danach fragen („Äh? Was meinst du?! Nee, also das kann ich dir nicht sagen…“) und die sich im Supermarkt verdächtig machen, weil sie jeden Adventskalender erstmal umgedreht unters Licht halten.

Es war dann am 1. Dezember bei uns jedenfalls so, dass der grosse Herr Maus einen kurzen Wutanfall bekam, weil er sich schon darauf eingestellt hatte, dass es wieder was zum Zusammenbauen gibt. Das Fräulein Maus und der kleine Herr Maus aber jubelten über ihre „soooo schönen“ Kalender, und das Fräulein Maus gestand mir, dass so ein Kalender, wo man täglich was zusammenbauen muss, ja auch ganz schön anstrengend sei. Auch der grosse Herr Maus hatte sich dann bald wieder beruhigt und präsentiert mir seither jeden Morgen fröhlich die neuesten Details, die es im Schärenmeer zu sehen gibt.

Gestern übrigens waren in allen drei Kalendern finnische Fahnen.


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Das war ein sehr schöner Geburtstag gestern.

Erst schliefen wir aus. Dann leerten wir die Nikolausstiefel. Dann assen wir jede Menge blauweisse Köstlichkeiten. Dann gingen die Kinder im Schnee spielen. Dann assen wir weitere blauweisse Köstlichkeiten. Dann ging der grosse Herr Maus auf eine Zwillingsmädchengeburtstagsfeier. Dann zündeten wir blauweisse Kerzen an. Dann holten wir den grossen Herrn Maus ab und fuhren zur blauweiss beleuchteten Turkuer Burg.

Es war übrigens ganz Finnland blauweiss beleuchtet!

Als wir vier Stunden später wieder zu Hause waren, gab es Abendbrot vorm Fernseher. Das Fräulein Maus ist jetzt übrigens so alt, dass sie gern Kleider und Frisuren gucken und kommentieren möchte. Im Gegensatz zu ihr gingen die Herren Maus halb zehn freiwillig ins Bett, und ich kam gerade rechtzeitig zu Finlandia und Feuerwerk und zum Auftritt der Semmarit wieder aus dem Jungszimmer raus. Dann musste auch das Fräulein Maus endlich ins Bett, und der Ähämann und ich stiessen mit einem Glas Wein auf das Geburtstagskind an.

Das war wirklich ein sehr schöner blauweisser Geburtstag!


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kaksisataaneljäkymmentäkuusi

Oder: Langes Wochenende. (Haha!)

Hier ist es ja so – vermutlich, weil es so wenige Ferien übers Schuljahr verteilt gibt: wir haben ausser den 10 oder 11 Wochen Sommerferien nur 2 Tage (!) Herbstferien, ein bis zwei Wochen Weihnachtsferien sowie eine Woche Skiferien – dass die Schulkinder einmal im Schuljahr an einem Samstag Unterricht haben, um damit irgendeinen Brückentag vorzuarbeiten. Bisher war das immer der Freitag nach Himmelfahrt. Das ist sehr praktisch, weil im Mai schon langsam auf Sommer und Ferien umgestellt wird und z.B. kein Training am Wochenende stattfindet – schliesslich will die finnische Familie ja ihre Sommerwochenenden im Mökki verbringen – und man hat tatsächlich ganze vier Tage frei.

Diesmal jedoch arbeiteten die Schulkinder* schon im Oktober den Montag vor dem Unabhängigkeitstag vor. Nun ist es ja so, dass wir im Dezember mitten im Weihnachtsfeiermarathon gut mal vier freie Tage gebrauchen könnten – wenn sie denn frei wären…!

Am Samstag schafften wir es immerhin bei schönstem Wintersonnenschein in die Eisbadesauna, bevor der kleine Herr Maus zum Fussballtraining musste.

Am Sonntag fanden die finnischen Turnmeisterschaften statt – organisiert von unserem Sportverein, was heisst, dass das Fräulein Maus mit ihrer Mannschaft nicht nur einen Auftritt hatte, sondern nachmittags noch Dienst als „Zettelmädchen“. Der Ähämann als engagierter Turnvater tat Dienst als Aufsichtsperson in der Turnhalle. Ich chauffierte wechselnde Familienmitglieder zwischen Turnhalle und Zuhause hin und her, und immerhin schaffte ich es nebenher noch, mit den Herren Maus eine Stunde lang ein paar Runden auf der Eisbahn neben der Turnhalle zu drehen.

Am Montag konnten noch nicht mal alle ausschlafen, weil der Ähämann eine Vorlesung zu halten hatte. Studenten bekommen keine Brückentage, und das Lehrpersonal guckt somit auch in den Mond. (Danke auch.) Ich reichte den Kindern das zweite Kilo Tiefkühlplätzchenteig zum Ausstechen und buk währenddessen drei Bleche Sternkekse. Während die Kinder mit Zuckerguss und Streuseln matschten die Plätzchen verzierten, kam der Ähämann heim und kochte schnell ein Mittagessen, das wir, weil der Tisch ja belegt war, auf der Picknickdecke auf dem Küchenboden einnahmen. Grosser Spass. Als die letzten Plätzchen verziert und alle Kinder umgekleidet waren, mussten der grosse Herr Maus, das Fräulein Maus und ich schon wieder los. Der grosse Herr Maus und das Fräulein Maus gingen gemeinsam zur Harfenstunde, weil sie auf dem Weihnachtskonzert am Montag ein Stück gemeinsam spielen werden und das mal unter Anleitung üben sollten. Danach hatte das Fräulein Maus noch Training. (Und auf dem Weg begegnete uns die 246.)

Immerhin der Dienstag war ganz und gar frei von Verpflichtungen. Wir gingen in der – sehr tiefstehenden – Mittagssonne nochmal alle gemeinsam schlittschuhlaufen und verzichteten ansonsten – bis auf das Anzünden einer eigenen blau-weissen Kerze – auf die obligatorischen Programmpunkte zum Unabhängigkeitstag.

Irgendwann muss man ja auch mal wirklich frei haben.


* Unsere Kinder waren fein raus: die gingen an dem Samstag gar nicht in die Schule, denn der grosse Herr Maus war im Pfadfinderlager, und das Fräulein Maus hatte einen Wettkampf. Ich kann da ja noch immer nicht aus meiner deutschen Haut und fragte gleich beim Elternabend, als ich den Termin erfuhr, sehr vorsichtig, wie man denn den Schultag und das Pfadfinderlager unter einen Hut bekommen könne, aber die Lehrerin winkte gleich ab und sagte: „Natürlich fährt er ins Pfadfinderlager! Das ist ein ganz normaler Abwesenheitsgrund.“

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„Danke, Gott, für unser schönes Land“

Einmal war ich im Juni zu einem finnischen Konfirmationsgottesdienst. Noch nie zuvor hatte ich so viele Kirchenlieder mit so weltlichem Inhalt gesungen.

Vogelgesang. Grüne Wälder und Wiesen. Blumen. Sonne.

Gestern war ich – weil der grosse Herr Maus da mit seiner Pfadfindergruppe hinging – zum ersten Mal am Unabhängigkeitstag in der Kirche. Noch nie zuvor habe ich so viele Kirchenlieder mit so patriotischem Inhalt gesungen.

Vaterland. Wälder und Seen. Der Kampf der Vorfahren. Frieden. Freiheit.

Aber von Dankbarkeit für ein Zuhause, für wilde Wälder und glänzende Seen, von der Bitte um Weisheit für die Regierung (!) und um Frieden auf der ganzen Welt kann ich aus vollstem Herzen mitsingen.

(Und die Predigt der Pfarrerin fand ich im Übrigen sehr viel eindringlicher als alles, was ich gestern vom Präsidenten gehört habe.)


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Traditionen

Dieses Jahr waren wir seit langer Zeit mal wieder am Abend des Unabhängigkeitstages spazieren, im Stadtteil mit den vielen, kleinen Holzhäusern und den krummen Strässschen, um uns die blau-weissen Kerzen in den Fenstern anzusehen. Die Strassen waren ganz still und leer, und die Kinder sprangen begeistert von einem Haus zum anderen – „Da sind Kerzen!“ „Und dort auch!“ „Wo? Zeig!“- und von Knallerbsenstrauch zu Knallerbsenstrauch.

Wir hatten keine Eile, denn der Empfang beim Präsidenten, den sich am Abend alle im Fernsehen ansehen – und der auch für uns viele Jahre fester Programmpunkt am 6. Dezember gewesen war – lockt uns seit zwei Jahren nicht mehr übermässig. Vor zwei Jahren hatte ich ihn in einer Mädchenrunde angeschaut, das war natürlich nett. Voriges Jahr war ich mit den Kindern allein und nach einem aufregenden Tag froh, als ich sie ins Bett stopfen konnte. Ausserdem guckte in Turku sowieso keiner. „Dieses Jahr? Nee! Da organisiere ich keinen gemeinsamen Fernsehabend! Ganz bestimmt nicht!“, hatte die Kollegin gesagt. „Nein, wir haben keine Eile!“, hatten die Lieblings-Ex-Nachbarn gesagt, als sie uns den frischen Weihnachtsbaum noch nach Hause gefahren hatten und wir sie zum Dank zu Kaffee und Stollen hereinbaten. „Dieses Jahr gucken wir den Empfang nicht. Wirklich nicht!“ Letztes Jahr wurde nämlich der Präsidentenpalast renoviert, und der Empfang nach Tampere verlegt. In ein Konzerthaus! (Nicht mal Tanz gab es anschliessend!) Die Turkuer waren sauer: ausgerechnet Tampere, die ewige Rivalin! Und ist nicht Turku schliesslich mal Finnlands Hauptstadt gewesen?! Und haben wir hier nicht ein wunderbares Schloss?!

Wir liefen also von Fenster zu Fenster und Lichterkette zu Lichterkette und zertraten Knallerbsen und hüpften, und dann kamen wir wieder an dem Fenster vorbei, durch das man auf den riesigen Flachbildfernseher gucken konnte, und da stand der Präsident und schüttelte feingekleideten Leuten die Hand. „Das haben wir uns gestern in der Schule angeguckt! Mama, können wir heimfahren und uns das angucken?!“, hüpfte das Fräulein Maus. „Tanzen die dann da auch?“, fragte der grosse Herr Maus, der am Tag vorher im Kindergarten sein ganz eigenes Unabhängigkeitstagsfest gefeiert hatte: alle Jungs durften mit Hemd und Krawatte kommen, die Mädchen mit „Abendkleid“, und sie hatten gefeiert und Walzer getanzt. „Ich will das auch sehen!“ Also fuhren wir heim und guckten doch den Empfang an.

Die Kinder kommentierten begeistert Abendkleider und Trachten. Der Ähämann regte sich auf, für welche Verdienste eigentlich sein Ex-Oberchef eingeladen worden sei, der gerade Einheiten in vier Städten hat schliessen lassen und damit über 300 Leute arbeitslos gemacht hat. Ich für mein Teil weiss jetzt, dass ich mit dem derzeitigen Präsidenten wohl nicht mehr warm werden und “Muminmama“ noch lange vermissen werde.

Der kleine Herr Maus schlief irgendwann auf dem Sofa ein. Der grosse Herr Maus und das Fräulein Maus aber hielten aus, bis gegen halb zehn dann wirklich getanzt wurde.