Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Schon mal Probesingen

Heute, als ich den kleinen Herrn Maus abholte, war die Kindergartenleiterin als Aushilfe in seiner Gruppe, und beide erzählten mir begeistert, wie der kleine Herr Maus zuerst damit angefangen hätte, „Stille Nacht“ zu singen – das muss am Monat liegen; letztes Jahr lag er zum Schulanfang des grossen Herrn Maus allen Gästen damit in den Ohren – und wie sie beide dann gemeinsam alle Weihnachtslieder, die ihnen eingefallen seien, durchgesungen hätten.

Am 30. August.


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Sonnengelb

Wenn der Sommer vorbei ist, wenn die Farben blasser werden und der Himmel grau, dann finde ich das Gelb der Autofähren besonders tröstlich.

Heute war das Schönste allerdings – als der kleine Herr Maus und ich ein bisschen voreilig auf die Fähre gelaufen waren, der Kapitän die Autos hinter der Schranke warten liess und für fünf Minuten den Motor ausmachte – wie die kleinen Wellen, die von unten an die Bugklappe schwappten, die ganze Fähre zum Klingen brachten. Blimm. Blimm. Blamm. Blimm.


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Nur für besonders gute Eltern

Es gibt da jetzt also ein privates, deutsches KELA-Kisten-Imitat.

Prima Sache. Oder?

Es ist eine Geschäftsidee. Kann man machen. Eltern geben ja bekanntermassen bereitwillig sehr viel Geld für die nötigsten und unnötigsten Dinge aus. Was ich daran allerdings grundfalsch finde, ist, dass mit dem Imitat die finnische Idee eines Babyerstausstattungspaketes – die ausdrücklich als Vorbild und Inspiration genannt wird – durch ihre Kommerzialisierung ins genaue Gegenteil verkehrt wird.

Die Kela-Kiste ein Geschenk vom Staat (oder den Steuerzahlern, wenn man’s so nimmt) an Mutter und Kind – und kein „Ich bin besonders hip“-Accessoire für die, die es sich leisten können.

Die finnische Erstausstattungskiste war zuallererst eine Notmassnahme gegen geringe Geburtenraten und hohe Säuglingssterblichkeit. Seit ihrer Einführung 1949 bekommt man die Kiste nur, wenn man vor dem fünften Schwangerschaftsmonat zu einer Vorsorgeuntersuchung beim Arzt oder der Hebamme in der Neuvola erschienen ist. Und es war damals wohl wirklich wichtig, dass das Neugeborene mit der Kiste ein eigenes, sicheres Bett bekam – und wenn man einmal in einem finnischen Freilichtmuseum gewesen ist und gesehen hat, wie ärmlich und beengt die Finnen noch in den 50er und 60er Jahren gelebt haben, dann versteht man das sofort. Über die Jahre wurde der Inhalt immer wieder an die wechselnden Bedürfnisse angepasst: am Anfang enthielt die Kiste keine fertige Kleidung, sondern Stoffe zum Selbstnähen. In den 70er Jahren gehörte noch eine Waschschüssel zur Erstausstattung. In unserer ersten KELA-Kiste war noch ein Fläschchen, in der zweiten nicht mehr, weil man das Stillen noch mehr fördern wollte. In unseren beiden Kisten – eine dritte nahmen wir dann nicht mehr, sondern entschieden uns für die 140 € in bar, von denen wir dann z.B. noch ein paar dringend benötigte Wollsachen und einen Babyschalenfusssack für unser einziges Winterneugeborenes kauften – waren noch kleine Probepackungen Windeln; die sind seit ein paar Jahren durch ein Stoffwindelset ersetzt. Jahrzehntelang gehörte eine rote Rassel mit Gesicht zur KELA-Kiste – bis das kleine Familienunternehmen, das sie hergestellt hatte, aus Altersgründen aufhörte. (Ich ärgere mich bis heute, dass ich die zweite verschenkt habe.) Für mich persönlich waren die beiden wichtigsten Dinge in der KELA-Kiste der kleine Schneeanzug samt „Stiefelchen“ und Handschuhen und der Kinderwagenschlafsack. (Die beiden Dinge übrigens, an denen man am leichtesten erkennt, in welchem Jahr ein Baby geboren wurde. Oder seine grossen Geschwister. Ich finde das bis heute sehr lustig.)

Die KELA-Kiste mit ihrem umfangreichen Inhalt beinhaltet trotz allem nicht die gesamte Erstausstattung. Aber sie bildet einen guten Grundstock. Für Babys, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden, genauso wie für Babys, die sich besser von Anfang daran gewöhnen, dass für sie nur das Preiswerteste und Nötigste angeschafft werden kann.

Die finnische Kiste fördert Chancengleichheit von Geburt der Schwangerschaft an. Das deutsche Imitat fördert allenfalls das gute Gewissen von Eltern, die sich die Kiste leisten könnnen, und das schlechte Gewissen von Eltern, die die 349 € für einen Pappkarton, eine Matratze, drei Bodys, eine Hose, zwei Paar Söckchen, einen Strampler, ein Strickjäckchen, eine Mütze, ein paar Hygieneartikel und einen Strampelsack nicht aufbringen können (oder wollen; allerdings haben die dann vielleicht kein schlechtes Gewissen).

Geschlafen haben unsere Kinder übrigens fast nie in der Kiste. Und ich finde es auch merkwürdig, dass jemand, der auf seinem Blog Familienbett und Tragen propagiert, eine Babyerstausstattung ausgerechnet in einen zu einem Bettchen umfunktionierbaren Karton packt, der zudem bei den Deutschen zuverlässig bei jeder Erwähnung alle Plötzliche-Kindstod-Alarmglocken schrillen lässt.

Aber Finnland zieht ja immer.


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kaksisataaneljäkymmentäyksi

Ich gehe seit letzter Woche aus Gründen wieder stundenweise arbeiten – der kleine Herr Maus ist bis Ende August ja noch offiziell zu Hause und geht nur in die Vorschule, also muss ich ihn mittags abholen – und da, wo ich mein Fahrrad abstelle, steht da jetzt immer die 241.

Das heisst, lange wird sie da nicht mehr stehen, denn ab September muss man für alle Parkplätze auf und um den Campus bezahlen, Monatsmiete zwischen 15 und 60 € pro Stellplatz. Nun ist natürlich das Geschrei gross, aber ich finde, wer jeden Schritt mit dem Auto fahren muss, der kann auch dafür bezahlen. Scheint aber niemandem wirklich etwas auszumachen, denn nach zwei Tagen waren von 400 buchbaren Stellplätzen 360 schon weg. Anscheinend ist es noch zu preiswert.

(Ich bin ja ein grosser Freund des finnischen Bussgeldsystems, das die Bussgelder nach Tagessätzen – also nach Höhe des Einkommens – festlegt.)

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kaksisataaneljäkymmentä

Am Freitag, als ich ins Krankenhaus zur Physiotherapeutin radelte, kam mir die 240 entgegen.

Es war das letzte Mal, dass ich wegen der Schulter dort hin musste. Der Arzt hatte mich schon im Mai nach einem allerletzten Röntgen für geheilt erklärt; die Physiotherapeutin hatte mir für die Sommerferien viel Schwimmen verordnet, mich aber – weil die Schulter immer noch ein bisschen steif war – nach den Sommerferien doch nochmal sehen wollen.

Fast war ich ein bisschen wehmütig, als ich zum letzten Mal dort im Wartebereich unter der Spiegeldecke sass.

Und ich ärgerte mich, dass das öffentliche Gesundheitssystem so einen schlechten Ruf hat in Finnland.

Ich habe auch schon skurrile Erfahrungen mit Ärzten in der kommunalen Poliklinik gemacht („Also, ich weiss auch nicht, was es ist, aber es ist nichts Schlimmes!“) – aber davor ist man im privaten Ärztehaus schliesslich auch nicht gefeit. (Schon allein deshalb, weil in Finnland Ärztemangel herrscht und fast jeder Arzt sowohl in der kommunalen Poliklinik als auch in irgendeinem privaten Ärztehaus arbeitet. Was dann dazu führt, dass man im privaten Ärztehaus auch keine „besseren“ Ärzte und keine wirklich freie Arztwahl hat – weil manche Ärzte eben nur alle paar Tage überhaupt da sind.) Ich habe mich auch schon geärgert, wenn für das Kind mit Ohrenschmerzen erst am nächsten Tag ein Termin zu bekommen war oder weil die Standardbehandlung in der Gabe von Antibiotika und Schmerzmitteln besteht.

ABER. Meiner Erfahrung nach bekommt man, wenn es sich um ernstere Sachen handelt, die beste Behandlung, die man sich nur vorstellen kann, und zwar schnell und unkompliziert.

Als ich im Januar da ankam in der Notaufnahme mit meiner ausgerenkten Schulter und mich vor Schmerzen kaum noch auf den Beinen halten konnte, kam ich sofort dran, vorbei an den zwanzig wartenden Leuten, die ihre Nummer vor mir gezogen hatten. Eine Krankenschwester führte mich zum Röntgen („Kannst du laufen?“ „Ja, aber nur langsam, sonst tut es zu sehr weh.“ „Das macht nichts, wir haben Zeit!“), ich bekam ein starkes Schmerzmittel gespritzt und die Schulter wieder eingerenkt. Erste Hilfe innerhalb einer halben Stunde.

Drei Tage später trudelte der erste dicke Brief ein: Einladung zum nochmaligen Röntgen, Einladung zum Arzt, Einladung zur Physiotherapie. Ort, Zeit und behandelnder Arzt zugewiesen, bei Bedarf absagbar. Ich fand es wunderbar, nicht erst herumtelefonieren zu müssen, um mir das alles selbst zu organisieren.

Kurz darauf trudelten jeweils die Rechnungen ein: Röntgen und Arzt zusammen 36,50 €, Physiotherapie 10,00 €. Angesichts unserer verschwindend kleinen Krankenkassenbeiträge faire Preise.

Als ich den Termin für die Computertomographie verpasste – am Montag wäre er gewesen, am Dienstag rief ich unter tausend Entschuldigungen an – hätte ich am Mittwoch einen neuen bekommen können. Da hatten wir aber einen Kinderbetreuungsengpass, also durfte ich am Donnerstagabend kommen, halb sieben, wenn ich mich recht erinnere. Auch das ein Vorteil davon, dass solche Sachen zentral im Krankenhaus erledigt werden. (Und die Strafzahlung für den nichtabgesagten Termin hat man mir auch erlassen.)

Stichwort Krankenhaus. Ich habe es ja an der einen oder anderen Stelle schon mal erwähnt, wie ruhig und freundlich es hier im Krankenhaus zugeht. Es wird jetzt nicht gerade überschwänglich viel geredet – aber immer haben die Schwestern und Pfleger Zeit für ein aufmunterndes Lächeln, ein beruhigendes Wort. Ich fühle mich da in guten Händen, jedes Mal.

Das Beste für mich am finnischen Gesundheitssystem ist inzwischen, dass man das bekommt, was man braucht – nicht mehr und nicht weniger.

Beispiel: Letztes Frühjahr hatte ich eine Erkältung – Schnupfen, Husten, volles Programm – nur der Husten, der ging nicht wieder weg. Ich ging zum Arzt, der fragte mich, ob ich das öfter so hätte, und ja, sagte er, das ist ein bekanntes Problem bei Heuschnupfenpatienten. Er verschrieb mir Cortison zum Inhalieren, nach einer Woche war der Husten verschwunden – während eine deutsche Freundin – auch sie heuschnupfengeplagt – erst eine monatelange Odyssee durch verschiedene, auf Monate ausgebuchte Arztpraxen zwecks Röntgen und Lungenbelastungstest hinter sich bringen musste, um dann letztendlich die gleiche Diagnose und Behandlung zu bekommen wie ich.

Anderes Beispiel: Die gleiche deutsche Freundin erzählte mir, wie sie für ihr Kind nach viel Herumtelefoniererei einen Augenarzttermin in der übernächsten Stadt ergattert hatte. „Braucht er eine Brille?“, fragte ich. „Nö, nur mal so zum Durchchecken, hat uns der Kinderarzt dazu geraten.“ Nur mal so Durchchecken, das macht man hier in der Neuvola. Sollte sich dabei irgendwas Auffälliges herausstellen – der kleine Herr Maus z.B. schielt ein bisschen – dann bekommt man ohne Probleme eine Überweisung zum Augenarzt. Ich war da mit dem kleinen Herrn Maus zweimal – die Einladungen kamen auch automatisch; die erste zwei, drei Wochen nach der Überweisung, die zweite ein Jahr später zur Kontrolle – jeweils fast zwei Stunden lang, sie haben ihn wirklich sehr, sehr gründlich untersucht.

Noch anderes Beispiel: alle fünf Jahre bekomme ich eine automatische Einladung zum Frauenarzt zur Krebsvorsorge. Die Schwester dort fragte beim letzten Mal für die Statistik, wie oft denn so ein Abstrich bei mir schon gemacht worden sei, und ich musste erstmal rechnen, wie lange ich in Deutschland alle halbe Jahre zum Frauenarzt gegangen war und dabei jedes Mal… die finnische Krankenschwester wollte es gar nicht glauben.

Man muss hier vielleicht manchmal ein bisschen für seine Behandlung kämpfen („Es tut wirklich sehr weh!“), aber was man keinesfalls muss, ist selbst abzuschätzen, ob die Behandlung jetzt wirklich nötig oder nur für die involvierten Ärzte recht lukrativ ist. Wenn einem eine von Steuergeldern finanzierte Behandlung angeraten wird, dann ist sie sehr wahrscheinlich auch wirklich notwendig. Dafür muss man sich dann auch nicht mit so Bürokratiekram wie Einverständniserklärungen zu OPs (Wenn der Patient die Behandlung nicht wollte, dann wäre er doch nicht da?!) oder komplizierten Abrechnungen mit der Krankenkasse wegen einer Zahnspange herumschlagen.

Ich kann das natürlich nicht für ganz Finnland verallgemeinern. Vielleicht haben wir auch nur Glück hier in Turku mit unserem riesigen Uniklinikum und mit der Ausbildungszahnklinik.

Aber ich finde, man muss nicht meckern. Eher im Gegenteil.

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