Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Spontaner Wahltag

Als der kleine Herr Maus und ich heute zwischen Klavierstunde und Fräulein-Maus-vom-Training-abholen kurz in den Supermarkt sprangen um die Milch- und Tomatenvorräte aufzustocken, stolperten wir hinter den Kassen fast über zwei Wahlkabinen, die dort mitten im Gang aufgebaut waren.

„Ach“, sagte ich zu einer freundlich lächelnden Frau aus dem kleinen Heer gelbgekleideter Wahlhelfer, die um die beiden Wahlkabinen herumwuselten, „wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich meine Wahlbenachrichtigung mitgebracht…!“ (Ich hätte es natürlich wissen können, weil sämtliche Vorwahlstellen auf der Wahlbenachrichtigung aufgeführt sind.) „Aber die Wahlbenachrichtigung brauchst du doch gar nicht!“, teilte mir die freundlich lächelnde Frau mit. „Ein Ausweis mit Foto genügt!“

Und so kam es, dass ich heute Abend kurz vor sieben ganz kurzentschlossen und innerhalb von zwei Minuten gewählt habe. (Unsere gemeinsame Wunschkandidatin natürlich.) Und ja, liebe Leute, das ist auch ein Weg, die Wahlbeteiligung zu erhöhen!

Pop-up-Wahlkabine im Supermarkt.

„Mama“, fragte der kleine Herr Maus, der brav mit den ihm anvertrauten Einkäufen neben der Wahlkabine gewartet hatte, hinterher auf dem Weg zum Auto, „warum musstest du denn in so ein Ding reingehen? Und warum hat die Frau dann hinter dir noch den Vorhang zugemacht?“

Noch während ich zu einer Erklärung über das Prinzip „Geheime Wahl“ ansetzte, stellte ich fest, dass seine Frage eher rhetorisch war. Er weiss das ja alles längst! Denn: „Wir haben heute im Kindergarten auch gewählt, Mama!“

Nachdem sie nämlich in der Vorschule jetzt seit einiger Zeit über Fossilien und Ausgrabungen (und den Unterschied zwischen Archäologie und Paläontologie) gesprochen haben und die ganze Vorschulgruppe zur besseren Veranschaulichung mehrere Tage lang ein echt fossiles Plastikfischskelett in Einzelteilen aus einem Klumpen Mörtel herausgemeisselt und anschliessend zusammengesetzt hat, musste sich nur noch geeinigt werden, wie die neuentdeckte Spezies benannt werden soll. Über die fünf Favoritennamen wurde heute also demokratisch und geheim abgestimmt.

„Riikka hat aus Rollschränken so ein koppi gebaut, und dann haben wir alle ein äänestyslappu bekommen, und dann mussten wir uns anstellen, und dann durfte immer nur einer in das koppi gehen und auf das äänestyslappu eine Zahl schreiben, also „Kiukkukala“ hatte die Nummer 1 und „Hohtava hirviökala“ hatte die Nummer 2 und so weiter, und dann mussten wir den Zettel noch in so einen Karton mit Schlitz stecken, und als alle ihre Zettel da reingetan hatten haben wir gezählt, wie oft welche Nummer aufgeschrieben wurde, und leider ist mein Namensvorschlag nur auf den zweiten Platz gekommen.“

(Ich habe ganz eventuell schon das eine oder andere Mal erwähnt, wie grossartig ich diesen Kindergarten und das Prinzip Vorschule hierzulande finde, oder? Oder?!)


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Zeitumstellungsverwirrung

Na? Heute jemand irgendwohin eine Stunde zu spät gekommen?!

Ich nicht. Ich war heute wegen der Zeitumstellung – und das muss man ja überhaupt erstmal fertigbringen! – eine Stunde zu früh mit dem kleinen Herrn Maus vor der Fussballhalle.

(Fragt nicht…)

Gestern Abend hatte ich ein bisschen gestöhnt, weil der kleine Herr Maus schon wieder sonntagfrüh ein Fussballspiel hat. Dann aber rechneten wir aus, dass wir immerhin bis um acht schlafen könnten – das ist anderthalb Stunden länger als in der Woche und besser als gar nichts.

Bis mir die Zeitumstellung einfiel und mir aufging, dass um acht ja dann quasi um sieben wäre und wir doch sehr zeitig aufstehen müssten. Und irgendwie blieb in meinem Kopf nur das „um sieben“ hängen, und ich stellte den Wecker folgerichtig auf… um sieben.

Erst als wir vor der stockfinsteren Fussballhalle standen, wurde mir mein Fehler bewusst.

Aber noch während der kleine Herr Maus und ich berieten, was wir denn nun machen sollten – nochmal nach Hause fahren lohnte eigentlich nicht, allerdings kann man sonntagsfrüh um acht hierzulande ja noch nichtmal in irgendein Café gehen – ging die Tür auf, der Hallenwart kam raus und fragte, ob wir zum Turnier kämen. „Eigentlich ja…“, begann ich ihm meinen Irrtum zu erklären. „Kommt ruhig rein!“, winkte uns der Hallenwart hinter sich her, schloss uns einen Umkleideraum auf und schaltete – „Damit du schon mal ein bisschen kicken kannst!“, sagte er zum kleinen Herrn Maus – die Flutlichter in der finsteren, riesigen Halle, in der sonst immer mindestens 100 Menschen gleichzeitig durcheinanderwuseln, an.

Das war dann schon sehr cool. Und alles gar nicht mehr so schlimm.


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Eis statt Schnee

Kindergeburtstag im März ist in Finnland eher doof.

Während man im Mai prima im Garten feiern und im November spannende Sachen im Finstern machen kann, liegt im März üblicherweise noch Schnee. Allerdings kein schöner Schnee, mit dem man was anfangen könnte, sondern eher so graue Matschepampe.

Dieses Jahr wollte ich mit dem Fräulein Maus und den eingeladenen jungen Damen ins Eiscafé gehen. Also… Eiscafé… ist ja eher eine Übertreibung. Die Finnen sind zwar Weltmeister im Eisessen, allerdings gibt es überall nur überteuerte Kugeln. Allerhöchstens mit ein paar Streuseln drauf; kostet dann das Doppelte. Deshalb war ich gar nicht so enttäuscht, als ich eine Woche vor Einladungschreiben feststellen musste, dass das ins Auge gefasste Eiscafé inzwischen schon wieder pleite ist.

Wir können das selbst ja eigentlich viel besser!

Nachem jede der jungen Damen zwei Eisbecher verspeist hatte, rannten sie auf den Spielplatz und entledigten sich nach und nach ihrer Mützen, Schals und dicken Jacken. Der Ähämann und ich schmissen Reste zusammen und verspeisten sie auf der Terrasse.

Gibt eben solchen und solchen März in Finnland.


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Nägel mit Köpfen, Teil 2

„Warum hängen denn da schon wieder die ganzen Fotos, Mama?“, fragt der grosse Herr Maus heute im Auto. „Sind schon wieder Wahlen?“

„Jaaaha! Kuntavaalit!“, leiert das Fräulein Maus genervt eine Antwort, denn ihr ist am Dienstag schon das Gleiche aufgefallen und wir haben ausführlich darüber gesprochen. Auch darüber, dass wir auch als Ausländer bei den Kommunalwahlen wählen dürfen.

„Hast du dich schon entschieden, wen du wählst?“, fragt sie jetzt. „Nee, noch nicht,“ gebe ich zu, „aber ich muss jetzt wirklich mal anfangen, Kandidaten zu vergleichen!“

„Kinder dürfen doch nicht wählen, oder?“, fragt das Fräulein Maus weiter. Ich verneine. „Dann möchte ich, dass du jemanden wählst, der sich für die Umwelt einsetzt. Und für Flüchtlinge“, teilt sie mir mit.

„Ja, genau, das will ich auch!“, meldet sich der grosse Herr Maus von der anderen Seite der Rückbank zu Wort. „Für den Umweltschutz. Und dass die Flüchtlinge hierherkommen dürfen.“

Ich verspreche, so jemanden auszusuchen.

Damit wir auch bei den übernächsten Wahlen – nächstes Jahr wird der Präsident gewählt, übernächstes das Parlament – unsere Stimme abgeben dürfen, fahren wir jetzt aber erstmal – den Ähämann sammeln wir unterwegs ein – in den Nachbarort zur Einwanderungsbehörde.

Der erste Teil der Beantragung der finnischen Staatsbürgerschaft war ja denkbar einfach. Online-Antrag ausfüllen, online die erforderliche Gebühr überweisen, fertig.

Hinterher aber muss man sich noch persönlich ausweisen und die dem Online-Antrag beigefügten Dokumente – Sprachzertifikat und letzter Arbeitsvertrag, bei Kindern als Mitantragsteller noch die Einverständniserklärung des jeweils anderen Elternteils – im Original vorlegen. FrüherBis letztes Jahr machte man das noch einfach bei nächster Gelegenheit auf der nächsten Polizeidienststelle, neuerdings muss man dafür eine der landesweit neun Zweigstellen der Einwanderungsbehörde aufsuchen. (Unsere befindet sich glücklicherweise direkt am Stadtrand im Nachbarort, aber andere Leute müssen dafür neuerdings auch mal ein-, zweihundert Kilometer fahren.) Der nächste freie Termin dort – ebenfalls online gleich mit dem Antrag reservierbar – fand sich erst zwei Monate nach Antragstellung. Also heute.

Wir müssen – wie das hier so üblich ist – keine fünf Minuten warten, dafür müssen wir uns dann die nächste Dreiviertelstunde zu fünft in ein 1×2 Meter grosses Kabuff mit nur zwei Stühlen quetschen. (Gut, dass man bei der Terminreservierung angeben muss, wie viele Personen kommen…!) Die Herren Maus – der grosse Herr Maus auf dem Fussboden, der kleine Herr Maus auf dem Schoss der grossen Schwester – lesen brav die ganze Zeit in ihren mitgebrachten Büchern, das Fräulein Maus guckt interessiert zu und kommt dem in regelmässigen Abständen vom kleinen Herrn Maus geflüsterten Befehl „Kraul mich!“ nach. Und immerhin dauert das Ganze nur eine Dreiviertelstunde statt der für uns fünf veranschlagten anderthalb Stunden. Die Sachbearbeiterin studiert minutenlang jeweils einen Abschnitt unseres Antrags, stellt dann – vermutlich nach dem Zufallsprinzip – ab und zu mal eine Nachfrage: „Charlotte Monika ist deine Mutter?“, fragt sie mich, und: „Dein Vater ist auch Deutscher?“, fragt sie den Ähämann, dann guckt sie kurz über die drei benötigten Dokumente und ein bisschen länger in die Pässe und entlässt uns mit den Worten: „Das war’s. Der Bescheid kommt dann in ungefähr einem Jahr.“

Mal sehen, ob das noch was wird mit der finnischen Staatsbürgerschaft im Jubiläumsjahr…


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kaksisataakuusikymmentäyksi

Als ich vorhin im Schneetreiben (ja, richtig gelesen) mit dem kleinen Herrn Maus schnell ins Einkaufszentrum fuhr, um noch drei Geschenke für einen Kindergeburtstag am Freitag zu besorgen, waren wir beide recht froh, dass es dort eine Tiefgarage gibt und wir uns nicht dicke, nasse Schneeflocken in den Nacken wehen lassen mussten. (Aus der Tiefgarage kam uns, genau in dem Augenblick, als wir hineinfuhren, eine 261 entgegen.)

Jetzt allerdings steht der kleine Herr Maus schon seit einer Stunde im Schneeregen im Hof und guckt den echten Akselis dabei zu, wie sie den Splitt wegmachen.

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Das Fräulein Maus, an einem Sonntag geboren, hatte heute zum ersten Mal in ihrem Leben an einem Sonntag Geburtstag.

Genützt hat es ihr nicht viel. Der Wecker klingelte kurz vor sechs, weil der erste Wettkampf der Saison in der benachbarten 50 km entfernten Kleinstadt anstand. Immerhin: fast volle Punktzahl, unter den ersten Dreien, Ehrenurkunde für einen nahezu perfekten Auftritt – alle sprangen vor Freude im Dreieck.

Und Geschenke gab es dann eben am Nachmittag.