Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Wollsocken im Klassenzimmer (6)

6 Kommentare

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 2, 4 und 6 besuchen, basierend. Heute mit einer Frage, die mir besonders oft gestellt wird.

Wer ist Wilma?

Wilma lernten wir im Dezember 2012 kennen. Sie schickte dem Ähämann und mir jeweils einen Brief mit komplizierten Codes und versprach, sich fortan um die Angelegenheiten unseres angehenden Schulkindes zu kümmern. Und so sassen wir am Neujahrstag 2013 mit ihr auf dem Sofa und meldeten unser erstes Schulkind in der Schule an, und seither ist Wilma, die Beflissene, aus unserem Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken.

Nüchterner betrachtet könnte man auch sagen: Wilma ist ein elektronisches Klassenbuch. Ein digitales Muttiheft. Der Aktenordner mit Anträgen auf einen Hortplatz, auf Teilnahme am Muttersprachunterricht und auf Freistellung von der Schule.

Für jedes angehende Schulkind bekommen jeweils alle Sorgeberechtigten einen komplizierten Zugangscode mit der Post geschickt. Beim ersten Schulkind muss man sich erstmal selbst einen Wilma-Account anlegen und dann das angehende Schulkind hinzufügen, alle weiteren Schulkinder fügt man dann nur noch mit den zugeschickten Zugangscodes hinzu. Und das erste, was man mit Wilma macht, ist, sein Kind für die Schule anzumelden. Drei Klicks vom Sofa aus, zack, erledigt. Bei Bedarf auch gleich noch die Hortanmeldung und die Anmeldung für den Muttersprachunterricht.

Ab Mittsommer finden sich die Stundenpläne fürs kommende Schuljahr im Wilma. (Die sich, zumindest in unserer Schule, dann auch tatsächlich das ganze Schuljahr über nicht mehr ändern!)

Wenn das Schuljahr angefangen hat, manchmal auch schon ein paar Tage vorher, trudeln ab sofort jede Menge Nachrichten ein: von der Klassenlehrerin, vom Rektor, von der Schulschwester… wer eben den Eltern was mitzuteilen hat. Umgekehrt können auch die Eltern jedem Angestellten der Schule jederzeit eine Wilma-Nachricht schreiben, Dinge mitteilen, Fragen stellen.

Ist das Schulkind krank und muss zu Hause bleiben, teilt man das auch einfach über Wilma über ein spezielles Formular mit: bis 12 Uhr für den gleichen Tag, oder ab 12 Uhr für den Folgetag.

Steht übrigens ebenfalls im Wilma: wann das Kind gefehlt hat und warum. Ob es etwas besonders gut gemacht hat oder ob es die Hausaufgaben vergessen hat. (Und das ist dann sehr vom Lehrer abhängig, was er da einträgt: Fehlstunden immer, klar. Aber manche Lehrer tragen jedes Heft-zu-Hause-vergessen und jedes Du-hast-heute-gut-mitgearbeitet ein, andere nutzen die Zeit lieber, um die Dinge direkt mit den Schülern zu klären.)

Auch Klassenarbeitstermine und Noten kann man sich direkt im Wilma angucken. Bisher bringen unsere Kinder immer noch die Zettel mit ihren korrigierten Tests nach Hause zum Unterschreiben, aber wenn der Lehrer die Note ins Wilma einträgt, kann man auch einfach dort ein Häkchen setzen, dass man es zur Kenntnis genommen hat.

Wilma ist übrigens nicht nur für Lehrer und Eltern da, sondern auch für Schüler. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse angefangen, Wilma selbst zu nutzen. (Sie bekommen dann am Anfang der dritten Klasse auch schon mal die Hausaufgabe, ihrem Lehrer eine Wilma-Nachricht zu schreiben.) Die Lehrer schreiben dann Nachrichten mit wichtigen Terminen oft nicht nur an die Eltern, sondern an Eltern und Schüler, so dass die Schüler selbst nachlesen können. Und auch die Hausaufgaben stehen fast alle – je nachdem, wie der jeweilige Fachlehrer das handhabt – im Wilma. Das hilft zum Beispiel sehr, wenn das Kind krank ist, aber wegen individualisierter Hausaufgaben nicht einfach ein Klassenkamerad die Hausaufgaben vorbeibringen kann.

Wilma gibt es übrigens als Browserversion und – ein wenig abgespeckt – als App. Die App ist super, weil man da verschiedene Wilmas – jede Stadt hat zum Beispiel ihr eigenes Wilma, und die Herren Maus haben ein Musikschulwilma und ich selbst habe als Schülerin in meiner Schule auch ein Wilma – in einer Anwendung vereinen kann, ohne sich dauernd bei einem Wilma ab- und bei einem anderen Wilma wieder anmelden zu müssen. Dafür spinnt die App gerne mal, und man kann da nicht alles machen, was in der Browserversion möglich ist.

Wilma hat uns übrigens sogar ein neues Wort beschert: es passiert öfter, dass der Ähämann oder ich abends vorm Schlafengehen oder vom Frühstückstisch plötzlich hektisch aufspringen und rufen: „Ich muss doch noch wilmaen!“. (Dann ist entweder ein Kind krank oder hat am nächsten Tag während der ersten Schulstunde einen Zahnarzttermin und muss deshalb noch aus der Schule abgemeldet werden, oder eine dringende Wilma-Nachricht bedarf einer Antwort bis zum nächsten Schultag.)

Ich wilmae übrigens gerne.

***

Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien

6 Kommentare zu “Wollsocken im Klassenzimmer (6)

  1. Toll – da hätte ich ja super gerne mal eine Testversion für die knapp 130 Schüler an meiner Schule …
    Weiterhin viel Freude beim Wilmaen,
    Slo

  2. Das klingt total gut. Ich bin beeindruckt. Warum gibt es bei uns keine Wilma? 😬

  3. Faszinierend! Was alles möglich und einfach sein kann, wenn die Digitalisierung nicht verteufelt wird.
    Ich schätze, so in fünfzehn bis zwanzig Jahren, wird es sowas in Deutschland auch geben. Wenn meine Kinder aus der Schule sind.

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