Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Sowas wie Berge

„Wandern…!“, stöhnte der kleine Herr Maus gestern am Frühstückstisch. „Skifahren macht Spass! Aber Wandern…! Ausser in den Bergen. Auf hohe Berge wandern! Und über Felsen klettern! An Seilen und mit Leitern! Das ist toll!“

Tjanun. As close as  it gets.

(Der Wanderweg hatte zudem eine unseren Wünschen für den sonnigen Sonntag angemessene Länge. Lang genug, um Sonne, Waldluft und Vogelgezwitscher zu tanken. Kurz genug, um nachmittags noch im Garten werkeln (wir Eltern) und sich mit den Nachbarskindern austoben (die Kinder) zu können. Alle glücklich abends.)


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Windstärke 7

Am Ostersonntagnachmittag, als der Wind mit 15 m/s vom offenen Meer her pfiff, gingen der Ähämann, der kleine Herr Maus und ich auf die äusserste südwestliche Landzunge Utös, legten uns, um nicht umgepustet zu werden, flach auf die Felsen und bestaunten die riesigen Wellen, die sich an der felsigen Landzunge, auf der wir am Tag vorher noch herumgeklettert waren, brachen.

Seit ich nicht mehr mit einer Nussschale dort draussen unterwegs sein muss, kann ich mich uneingeschränkt über dieses Schauspiel freuen.


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Lieblingsinsel

Ich habe ein sehr sentimentales Verhältnis zu Utö, diesem winzigen, südlichsten Aussenposten Finnlands.

Das erste Mal war ich im April 2004 da, als ich zum allerersten Mal auf den ganz kleinen Schären da draussen Mäusefangen war für meine Doktorarbeit.

Utö war das komfortabelste unserer vier Basislager. Auf Utö gab es Strom. Einen winzigen Laden, der zwar jeden Tag nur ein, zwei Stunden geöffnet hatte, in dem man aber nach einer Woche Tütennudeln und Wasser aus dem Kanister so Luxusgüter wie frisches Obst, Saft und Brot erstehen konnte. Eine Fähre, die uns einmal eine Seekarte brachte, die der Bürokollege nachgeschickt hatte, ein andermal einen leeren Benzinkanister zur Tankstelle zwei Stunden weiter mitnahm und ihn uns am nächsten Tag gefüllt zurückbrachte, und die mir in Sturm und Nebel vor allem das beruhigende Gefühl gab, uns zur Not heimbringen zu können. Und einen Leuchtturm, den ich von Anfang an als Symbol für das Gefühl des Geborgenseins, das ich auf dieser Insel hatte, empfand.

Zwei meiner Bootfahrer Feldassistenten hatten ihren Wehrdienst auf Utö abgeleistet und versorgten mich mit Fakten und Anekdoten über Utö und das äussere Schärenmeer. Einer stand mit den Lotsen auf gutem Fuss – vielleicht auch deshalb, weil er sich mit ihnen auf Schwedisch über alles Mögliche unterhielt – weswegen wir die Sauna in der Lotsenstation benutzen durften. Der andere war mit der Lehrerin und ihrem Mann befreundet, weswegen wir in Finnlands kleinster Schule duschen und manchmal auch, wenn unser Hüttchen von Vogelguckern belegt war, im Klassenzimmer schlafen durften.

Als ich zum ersten Mal auf Utö war, war dort noch die finnische Armee aktiv und man konnte nur ca. ein Drittel der Insel betreten. Die jeweils wachhabenden Wehrdienstleistenden fuhren immer mit dem Fahrrad von der Kaserne zum Wachturm an unserem Hüttchen vorbei und winkten uns freundlich zu. Wenn wir mit unserem kleinen Motorboot in den Hafen einfuhren, mussten wir zwei monströse Kanonen passieren. Seit die Armee die Insel vor 15 Jahren verlassen hat, darf man fast überall hin, und die Kanonen stehen nur noch für alle Fälle, abgedeckt und die Kanonenrohre nicht mehr drohend aufs Meer gerichtet, auf ein paar der höchsten Felsen.

Den Vogelguckern, die lieber auf die Nachbarinsel Jurmo fahren, ist Utö zu zivilisiert. Den typischen Touristen bietet Utö vermutlich zu wenige Attraktionen. (Und auch zu wenig Unterkunftsmöglichkeiten.)

Aber wir fanden, es war allerhöchste Zeit – fünf Jahre, ha! – mal wieder hinzufahren.

Wir haben auf Utö das sonnigste Ostern seit Jahren erlebt. Wir sind über Felsen geklettert, haben uns den Wind um die Ohren pusten lassen, haben dem Meeresrauschen zugehört und am Ostersonntagnachmittag riesige Wellen bestaunt. Der kleine Herr Maus ist fast immer, wenn ein Lotsenboot hinausfuhr oder zurückkam, auf den Steg gerannt und wäre am liebsten mal mitgefahren. Die Kinder haben sich gegenseitig im Milchwägelchen – das Transportmittel auf der autofreien Insel für Einkäufe, Gepäck oder eben Kinder – spazierengefahren. Wir haben Ostereier zwischen Felsen und Wacholder gesucht. Wir haben zum ersten Mal in diesem Jahr auf der Terrasse gefrühstückt (und nicht gefroren dabei). Und jeden Abend sind wir noch einmal zum Leuchtturm hinaufgestiegen, um seine funkelnde Linse zu bestaunen und seine vier dicken Lichtarme über uns hinwegziehen zu lassen.

Es ist schon wirklich sehr, sehr schön da.


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Statt Kreuzfahrt

Auch 2021 wird wohl ein Jahr der beim Schopfe gepackten Gelegenheiten werden.

Sonntagabend überlegten der Ähämann und ich, ob wir nicht doch über Ostern irgendwohin fahren sollten. Nur wohin? In Finnland bleibt einem über Ostern eigentlich nur, nach Lappland zu fahren und dort die Skisaison zu beenden, oder im Süden zu bleiben, wo es mit viel Glück wenigstens ein bisschen frühlingshaft ist.

(Tartu steht seit vielen Jahren auf dem Plan. Erst konnten wir jahrelang über Ostern nicht verreisen, weil das immer mitten in des Fräulein Maus‘ Wettkampfsaison lag. Jetzt wäre schon das zweite Ostern, an dem wir könnten. Und wieder nicht können.)

Sonntagnacht schickten wir eine Anfrage nach Utö, ohne uns allzugrosse Hoffnungen zu machen. Montagfrüh bekam ich einen Anruf, jemand hätte wegen Corona seine Mökkibuchung abgesagt, ob wir interessiert wären. Montagmittag hatte ich mehrere Telefonate geführt und ein Mökki auf Utö gebucht.

Es gab nur noch ein Problem. Wir mussten auch hinkommen.

Nach Utö kommt man, wenn man kein eigenes Boot hat, mit einer Schärenfähre. Die fährt etwa alle zweieinhalb Tage. Über Ostern war der Fahrplan so geändert worden, dass sie statt Freitagabend schon Gründonnerstagabend vom Festland nach Utö fahren würde, und statt Sonntag- erst Montagmittag zurück. Das Problem war diesmal, überhaupt mitgenommen zu werden, denn wegen Corona dürfen die Fähren zur Zeit nur die Hälfte der Passagiere mitnehmen. Ich verliess am Donnerstag zum frühestmöglichen Zeitpunkt hastig meine Arbeit. Den kleinen Herrn Maus liessen wir für die letzte Schulstunde freistellen. Das Fräulein Maus absolvierte ihre letzte Schulstunde – Distanzunterricht macht’s möglich! – im Auto.

So richtig auf Utö vorfreuen konnten wir uns aber erst, als wir, anderthalb Stunden vor Abfahrt, im Hafen fünf „Eintrittskarten“ – Tickets gibt es nicht, weil die Schärenfähren – wir zahlen gern Steuern! – kostenlos sind; im Voraus Plätze reservieren durfte man auch nicht – für „Baldur“, die isländische Fähre, die nun schon seit vielen Jahren ihren Dienst statt in der Gröndlandsee in unserem Schärenmeer tut, in die Hand gedrückt bekommen hatten.

Schärenfähre fahren ist das Schönste, was man hier draussen machen kann. Die Fahrt vom Festland nach Utö dauert sechs Stunden, und unterwegs legt die Fähre an vier anderen ganzjährig bewohnten Inseln an. Die Bewohner warten auf Post und Zeitung, die kleinen Inselläden bekommen ihre Waren mit der Fähre geliefert, auf Aspö wurde abends halb zehn eine grössere Menge Baumaterial abgeladen.

Es ist keine Kreuzfahrt. Aber es ist so viel schöner als jede Kreuzfahrt.

Suchbild: Wo ist die „Grace“?

Kurz vor Mitternacht kamen wir auf Utö an. Die Strassenlaternen waren schon ausgeschaltet. Aber der Leuchtturm leuchtete uns den Weg.

***
Zehn Stunden Schärenrundfahrt (April 2005)
Übers vereiste Meer nach Utö (März 2010)


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Frühling, so eine Art

Die Buchten sind noch lückenlos zugefroren. Das Eis trägt nicht mehr – ausser Eisangler und andere Verrückte, von zehn Schutzengeln getragen – aber es liegt als eine solide, blendende Platte auf dem Wasser und lässt den Gedanken, dass in reichlich zwei Monaten schon Sommerferien sind, dass man in reichlich zwei Monaten vielleicht schon wieder im Meer baden kann, völlig absurd erscheinen. Die ersten Leberblümchen im Wald sind nur eine Sinnestäuschung, weil die Sonne so hell strahlt. Im Gegenteil, der Waldboden ist noch viel lückenloser mit Schnee bedeckt, als wir alle – der kleine Herr Maus, der mit Turnschuhen loszog, und wir Eltern, die ihn gewähren liessen – uns vorher vorstellen konnten.

Aber nicht mehr lange.


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Wasserski

Gestern hatten wir die Wahl zwischen Wandern mit Gummistiefeln oder Wasserski.

(Es ist nämlich nicht so, dass, nachdem der ganze Schnee erstmal weggetaut ist, nun der Frühling kommen würde. Es gibt frühlingshafte Tage, aber dann sind eines Morgens wieder -18 Grad und dann schneit es drei Tage lang Schneematsch, mit dem man nichts anfangen kann.)

Wasserski in Klein-Lappland war gar nicht so schlecht. Vor allem da, wo die Loipen vor dem Wochenende nochmal frisch gespurt worden waren, fuhr es sich überraschend gut. Sogar ein bisschen Sonne sahen wir. (Während es in Turku regnete.)

„Achtung! Loipen gefährlich!“ Naja. Damals stand das nicht dran.

Jetzt liegt schon so deutlich Frühling in der Luft – die Vögel piepsen, und es ist hell, so hell, selbst wenn die Sonne hinter Wolken ist, und die Weiden strecken ihre pelzigen Kätzchen der Sonne entgegen – dass ich diesmal auch gar nicht so wehmütig war, dass es nun vielleicht wirklich die letzte Skitour für diesen Winter gewesen ist.

Was für einen wunderbaren Winter wir hatten!


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Märzsonne

Ich trauere der dieses Jahr fast in greifbare Nähe gerückten Möglichkeit, mal wieder einen richtigen März zu erleben, bis in den Frühling hinein skifahren zu können, noch hinterher.

Aber diese sonnigen Tage, an denen man nicht weiss – Ist noch Winter? Ist schon Frühling? – die sind schon sehr, sehr schön.


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Was vom Winter übrig blieb

Wir haben den Winter genutzt, jede Minute.

Wir haben jede Menge Eislichter gebaut. Wir waren skifahren, auf nahezu allen Loipen in und um Turku, bei Tages- und bei Laternenlicht, im Lieblingsskigebiet, im Moor. Wir waren Tretschlitten fahren auf dem Tretschlittensee. Wir sind gerodelt. Wir waren auf unserem Stadtteilsportplatz eislaufen und auf dem zugefrorenen See.

Nur nach Naantali auf das zugefrorene Meer haben wir es nicht mehr geschafft.

Unsere Skiferien verbringen wir statt mit Skifahren oder anderen Winteraktivitäten mit Kochen (die Kinder), Backen (die Kinder), Brettspielen (wir alle), Hausarbeit (wir Eltern), Filme gucken (die Kinder), Fotobuchgestalten für eine bald Fünfzehnjährige (ich) und Arbeit (der Ähämann).

Gestern bin ich mit dem Ähämann, dem nach fast einem Jahr Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt, wenn er nicht täglich einmal rauskommt, durch das triefende Citymoor gestapft. Heute beschlossen wir spontan, einen Spaziergang durch Naantalis Altstadt zu machen, weil das vielleicht wenigstens ohne Gummistiefel mit Spikes dran zu machen wäre.

Aber dann sahen wir das Meer: auf dem Eis stand zehn Zentimeter hoch das Wasser wie ein auf dem Meer ausgelegter Spiegel, zwischen den Inseln hingen Nebelfetzen, und es waren noch jede Menge Eisangler unterwegs. (Jedes Jahr wird gewarnt, sie sollen wenigstens Schwimmwesten anziehen. Aber was lässt sich so ein Eisangler schon sagen.) Das war so faszinierend, dass wir unsere Schritte nicht nach links Richtung Altstadt, sondern nach rechts auf die Mumininsel lenkten.


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Bis zur letzten Minute

Wir begannen unsere Skiferien am Freitagebend halb acht mit einem Ausflug zu Turkus bestem Schlittenberg. Wenn die Wettervorhersage recht behalten würde, wäre es nämlich die letzte Gelegenheit. Es war gleichzeitig auch die beste Gelegenheit: ausser uns waren vielleicht zehn andere Leute auf dem sonst meist völlig überfüllten Schlittenberg, und der Schnee war perfekt glattgefahren für unseren Familienschlitten (und alle anderen Rutschgeräte, die wir dabeihatten).

Als wir am Samstag aufstanden, war es in Turku schon so warm, dass die Schneehaufen vor dem Haus schon ganz matschig geworden waren. Im höhergelegenen Lieblingsskigebiet aber, da gab es am Samstag die vermutlich allerletzte Gelegenheit zum Skifahren, bevor auch dort die Temperaturen über Null klettern und der Südwind nicht nur warme Luft, sondern vor allem auch Regen mitbringen würde.

Ich glaube, ich habe noch nie so wehmütig eine letzte Skitour gemacht.
Auf der Heimfahrt regnete es schon in Strömen.