Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Streik, mal wieder

Wenn gestreikt wird in Finnland – und es wird oft gestreikt in Finnland! – dann ist es meistens so, dass alle meckern und ich mich freue.

Ich freue mich, weil ich finde, dass das hier richtig läuft mit dem Streiken: natürlich soll das wehtun! Wenn man von einem Streik gar nichts merkt, welchen Sinn hat er dann?! Es kommt dann auch – Überraschung! – meist recht schnell zu einer Einigung.

Anfang der Woche streikten also zur Abwechslung mal die Grossküchen. Das heisst, ich durfte mich am Montag und Dienstag auch mal wie eine deutsche Mutter fühlen und Schulbrote schmieren und Trinkflaschen befüllen, weil es weder Mittagessen in der Schule noch Vesper im Hort gab.

Nun gehört alles, was mit Essenszubereitung zu tun hat, nicht zu meinen Lieblingsaufgaben, und ja, am Montag musste ich eine halbe Stunde eher aufstehen, um schnell noch „Reis mit Rosinen“ zu kochen, den ich dem kleinen Herrn Maus in einen Thermosbehälter füllte und den sich die beiden Grossen zu Hause nach der Schule einfach selbst wieder aufwärmen konnten, und ja, ich bin ehrlich froh, dass das eine Ausnahme war, aber: was das für einen Aufruhr ausgelöst hat in einem Land, in dem seit 70 Jahren ein kostenloses, warmes Mittagessen zum Schulalltag gehört und kein Schüler je Pausenbrote mitnimmt, hätte ich dann doch nicht erwartet.

Fast ausnahmslos alle Eltern, mit denen ich geredet habe, waren empört.

Man hätte denken können, die armen Kinder wären in Gefahr gewesen, während der zwei Tage zu verhungern! Ich weiss ja nicht, was die Eltern für eine Vorstellung davon haben, wieviel ihre Kinder in der Schule essen – aber gerade das Mittagessen mögen die meisten Kinder – aus leider gutem Grund – sowieso nicht, und das Vesper ist echt knapp und abgezählt. Die Kinder schleppten jedenfalls ganze Essens-, und leider auch Müllberge, an: Pillimehu (der dann noch halb voll im Mülleimer landete), allerlei in Plastik verpackte Fertiggerichte, Weltraumpuuro, einzeln verpackte Vesperkekse… Zu allem Überfluss hatten die Schulen auch noch Wegwerfgeschirr bereitgestellt – was besonders absurd ist, da z.B. die Hortkinder ihr Vesperbrot grundsätzlich einfach auf die Faust bekommen (oder es halt auf dem blanken Tisch ablegen), weil die Küche sich das Abwaschen kurz vor Feierabend sparen will bzw. es gar keine kleinen Teller gibt in der Schulküche. (Also nicht in unserem Hort. Wir haben gleich am zweiten Tag hübsche bunte Plastikteller gekauft, die die Küche netterweise für uns mit abwäscht. Esskultur, Leute!)

Was das auch für eine Belastung für arme Familien sei, empörten sich viele; die könnten sich das schlicht nicht leisten, titelte das finnische Bildzeitungspendant. Ich hatte ja vorher gedacht, eine Flasche mit Leitungswasser, ein, zwei geschmierte Brote und ein bisschen Möhre, Gurke oder Apfel können während zwei Tagen wirklich nicht sooo schlimm aufs Budget drücken – aber nachdem ich gesehen habe, was die Kinder so mithatten, wundert mich auch die Empörung über den finanziellen Aspekt der Sache nicht mehr.

Die Kinder aber, die hatten Spass. Die Herren Maus berichteten begeistert von picknickartigen Mittagessen im Klassenzimmer. Die Klasse des Fräulein Maus – so ist das, wenn man einen coolen Hund zum Lehrer hat – ging am Dienstagmittag, denn der benachbarte Supermarkt hatte die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und einen Grill auf dem Parkplatz aufgestellt, gemeinsam Makkara essen, aus der Klassenkasse. Und lange schon haben wir mit unseren Hortkindern nicht so gemütlich und lange und gutgelaunt beim Essen zusammengesessen wie an diesen beiden Tagen. Das war so schön, dass wir jetzt immer im Hortraum essen statt im ungemütlichen Speisesaal, auch wenn es jetzt wieder Schulessen gibt.

Der Unterschied zwischen einer Zumutung und einem Abenteuer ist die Einstellung.

[Ritterstreik]
[Busfahrerstreik]
[Krankenschwesternstreik]
[Lebensmittelverkäuferstreik]
[Flugcateringzulieferstreik]


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Wollsocken im Klassenzimmer (6)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 2, 4 und 6 besuchen, basierend. Heute mit einer Frage, die mir besonders oft gestellt wird.

Wer ist Wilma?

Wilma lernten wir im Dezember 2012 kennen. Sie schickte dem Ähämann und mir jeweils einen Brief mit komplizierten Codes und versprach, sich fortan um die Angelegenheiten unseres angehenden Schulkindes zu kümmern. Und so sassen wir am Neujahrstag 2013 mit ihr auf dem Sofa und meldeten unser erstes Schulkind in der Schule an, und seither ist Wilma, die Beflissene, aus unserem Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken.

Nüchterner betrachtet könnte man auch sagen: Wilma ist ein elektronisches Klassenbuch. Ein digitales Muttiheft. Der Aktenordner mit Anträgen auf einen Hortplatz, auf Teilnahme am Muttersprachunterricht und auf Freistellung von der Schule.

Für jedes angehende Schulkind bekommen jeweils alle Sorgeberechtigten einen komplizierten Zugangscode mit der Post geschickt. Beim ersten Schulkind muss man sich erstmal selbst einen Wilma-Account anlegen und dann das angehende Schulkind hinzufügen, alle weiteren Schulkinder fügt man dann nur noch mit den zugeschickten Zugangscodes hinzu. Und das erste, was man mit Wilma macht, ist, sein Kind für die Schule anzumelden. Drei Klicks vom Sofa aus, zack, erledigt. Bei Bedarf auch gleich noch die Hortanmeldung und die Anmeldung für den Muttersprachunterricht.

Ab Mittsommer finden sich die Stundenpläne fürs kommende Schuljahr im Wilma. (Die sich, zumindest in unserer Schule, dann auch tatsächlich das ganze Schuljahr über nicht mehr ändern!)

Wenn das Schuljahr angefangen hat, manchmal auch schon ein paar Tage vorher, trudeln ab sofort jede Menge Nachrichten ein: von der Klassenlehrerin, vom Rektor, von der Schulschwester… wer eben den Eltern was mitzuteilen hat. Umgekehrt können auch die Eltern jedem Angestellten der Schule jederzeit eine Wilma-Nachricht schreiben, Dinge mitteilen, Fragen stellen.

Ist das Schulkind krank und muss zu Hause bleiben, teilt man das auch einfach über Wilma über ein spezielles Formular mit: bis 12 Uhr für den gleichen Tag, oder ab 12 Uhr für den Folgetag.

Steht übrigens ebenfalls im Wilma: wann das Kind gefehlt hat und warum. Ob es etwas besonders gut gemacht hat oder ob es die Hausaufgaben vergessen hat. (Und das ist dann sehr vom Lehrer abhängig, was er da einträgt: Fehlstunden immer, klar. Aber manche Lehrer tragen jedes Heft-zu-Hause-vergessen und jedes Du-hast-heute-gut-mitgearbeitet ein, andere nutzen die Zeit lieber, um die Dinge direkt mit den Schülern zu klären.)

Auch Klassenarbeitstermine und Noten kann man sich direkt im Wilma angucken. Bisher bringen unsere Kinder immer noch die Zettel mit ihren korrigierten Tests nach Hause zum Unterschreiben, aber wenn der Lehrer die Note ins Wilma einträgt, kann man auch einfach dort ein Häkchen setzen, dass man es zur Kenntnis genommen hat.

Wilma ist übrigens nicht nur für Lehrer und Eltern da, sondern auch für Schüler. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse angefangen, Wilma selbst zu nutzen. (Sie bekommen dann am Anfang der dritten Klasse auch schon mal die Hausaufgabe, ihrem Lehrer eine Wilma-Nachricht zu schreiben.) Die Lehrer schreiben dann Nachrichten mit wichtigen Terminen oft nicht nur an die Eltern, sondern an Eltern und Schüler, so dass die Schüler selbst nachlesen können. Und auch die Hausaufgaben stehen fast alle – je nachdem, wie der jeweilige Fachlehrer das handhabt – im Wilma. Das hilft zum Beispiel sehr, wenn das Kind krank ist, aber wegen individualisierter Hausaufgaben nicht einfach ein Klassenkamerad die Hausaufgaben vorbeibringen kann.

Wilma gibt es übrigens als Browserversion und – ein wenig abgespeckt – als App. Die App ist super, weil man da verschiedene Wilmas – jede Stadt hat zum Beispiel ihr eigenes Wilma, und die Herren Maus haben ein Musikschulwilma und ich selbst habe als Schülerin in meiner Schule auch ein Wilma – in einer Anwendung vereinen kann, ohne sich dauernd bei einem Wilma ab- und bei einem anderen Wilma wieder anmelden zu müssen. Dafür spinnt die App gerne mal, und man kann da nicht alles machen, was in der Browserversion möglich ist.

Wilma hat uns übrigens sogar ein neues Wort beschert: es passiert öfter, dass der Ähämann oder ich abends vorm Schlafengehen oder vom Frühstückstisch plötzlich hektisch aufspringen und rufen: „Ich muss doch noch wilmaen!“. (Dann ist entweder ein Kind krank oder hat am nächsten Tag während der ersten Schulstunde einen Zahnarzttermin und muss deshalb noch aus der Schule abgemeldet werden, oder eine dringende Wilma-Nachricht bedarf einer Antwort bis zum nächsten Schultag.)

Ich wilmae übrigens gerne.

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien


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Wollsocken im Klassenzimmer (5)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Heute aus aktuellem Anlass.

Wie lange haben finnische Kinder Ferien?

Diese Frage ist schnell beantwortet: Finnische Kinder haben sowohl unheimlich wenig als auch unheimlich viel Ferien.

Das Schuljahr zieht sich manchmal wie Kaugummi. Das Herbsthalbjahr beginnt Mitte August und endet ein, zwei Tage vor Heiligabend. Mitte Oktober gibt es, je nach Gemeinde, zwei bis fünf Tage Herbstferien. Das Frühlingshalbjahr beginnt im besten Fall erst nach dem Feiertag am 6. Januar, im schlimmsten schon am 2. Januar, und endet Ende Mai. Mitte Februar gibt es eine Woche Skiferien – die Skiferien sind übrigens die einzigen Ferien, die gestaffelt stattfinden, weil da alle sehr viele Familien entweder nach Lappland fahren oder in den Süden fliegen – und dann gibt es noch Karfreitag, Ostermontag, Vappu und Himmelfahrt. Einzelne Tage, wohlgemerkt – unsere Schule allerdings lässt die Kinder immer den Freitag nach Himmelfahrt an einem Samstag vorarbeiten, was wenigstens noch ein langes Wochenende ergibt – und Pfingstmontag ist auch kein Feiertag in Finnland.

Aber dann: Sommerferien von Anfang Juni bis Mitte August! Zehn Wochen mindestens; bei uns in Turku – wir bezahlen das dann mit zwei Tagen statt einer ganzen Woche Herbstferien – elf Wochen! Schier unendlich!

(Die Kinder singen tatsächlich zum Schuljahresende immer – ausser dem Suvivirsi natürlich – das Lied von den warmen, unendlichen Ferien.)

Aber es geht auch nicht anders. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der man sich nicht in drölfzig Kleidungsschichten hüllen muss. Es sind die drei Monate im Jahr, in denen man abends einfach nicht ins Bett gehen kann, weil die Sonne die halbe Nacht scheint und das Abendlicht so schön ist, und in denen tatsächlich kein finnisches Kind vor zehn ins Bett geht. „Bis um Mitternacht aufbleiben“ heisst für unsere Kinder: Silvester. Oder Juhannus. Oder „Wenn wir Besuch haben im Sommer“.

Es ist schon okay so, mit den Ferien, wie es hier ist.

Und immer hat man zusätzlich noch die Möglichkeit, auch ausserhalb der Ferien freizunehmen. Es gibt keine Schulpflicht, nur eine Bildungspflicht in Finnland, und so kann man sein Kind mit Genehmigung des Klassenlehrers bis zu drei Tage oder mit Genehmigung des Rektors auch länger von der Schule freistellen lassen. Was übrigens auch für Lehrer gilt: die Lehrerin des grossen Herrn Maus war dieses Jahr zehn Tage im März auf Teneriffa im Urlaub, und der Lehrer des Fräulein Maus macht manchmal ein langes Wochenende bei seiner Freundin in Stockholm. (Was auch deswegen ganz unproblematisch ist, weil es genügend Vertretungslehrer gibt. In den neun Schuljahren, die unsere Kinder insgesamt schon in der Schule verbracht haben, ist noch nie eine einzige Stunde ausgefallen.)

In diesem Sinne: wir fangen unsere Sommerferien schon heute Abend an, eine Woche vor offiziellem Ferienbeginn. Und wenn wir von vier Wochen Reise zu all unseren Lieblingsplätzen „in Europa“, an denen wir schon länger nicht mehr waren, zurückkommen, werden wir immer noch unendliche acht Wochen Ferien vor uns haben.

Ich bin unendlich froh und dankbar dafür!

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester


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Samstagsschultag

Ich musste 6 ¼ Jahre lang samstags zur Schule gehen.

(Jeden Samstag. Nicht nur einen im Jahr!)

Und bekam dafür kein langes Himmelfahrtswochenende frei, der Unterricht fand nie im Freien statt, und die Eltern durften auch nicht mitkommen.

Ja, es war nicht so angenehm, heute früh um halb sieben aufstehen zu müssen. Aber: Was haben es unsere Kinder gut…!

Heute Unterricht draussen. 30 verschiedene Aufgaben lösen. Und den Rest der Zeit spielen.

Die Vermessung des Schulhofs.

In Finnland gibt es jeden Tag ein kostenloses Mittagessen in der Schule. Und wenn samstags Schule ist, auch dann. (Allerdings nur in der Ausflugsversion.)

Erweiterter Schulhof. <3 


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Wollsocken im Klassenzimmer (4)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Heute angeregt von den deutschen Kindernachrichten.

Gibt es an finnischen Schulen eine Schulkrankenschwester?

Wir mussten ja alle fünf ein bisschen lachen, als wir gestern Logo! vom Donnerstagabend nachguckten und Tim so in die Runde fragte: „Wäre eine Krankenschwester an der Schule nicht total praktisch?“

Oh ja!

Das Fräulein Maus hat sich den Fuss verstaucht, und am nächsten Tag tut ihr der Fuss in der Schule doch so sehr weh, dass es sie beim Lernen stört, also humpelt sie zur Schulschwester, die ihr ein Kühlgel draufschmiert. Am nächsten Tag nochmal. Dem grossen Herrn Maus schmerzt der am Vortag eingegipste Arm, die Schulschwester gibt ihm eine Schmerztablette. Das Fräulein Maus hat in der Pause einen Zusammenstoss mit dem Karussel gehabt, die Schulschwester reicht ihr eine Schmerztablette, eine Kühlpackung für die Beule und ruft mich an, damit wir auf mögliche Symptome einer Gehirnerschütterung achten. Der kleine Herr Maus hat sich in der Pause das Knie aufgeschrammt, er bekommt von der Schulschwester ein Pflaster. Das Fräulein Maus hat Kopfschmerzen und bekommt von der Schulschwester eine Schmerztablette. Der kleine Herr Maus ist beim Sportunterricht mit einem Klassenkameraden zusammengestossen und hat sich die Zähne eingeschlagen. Die Schulschwester spült mit ihm das Blut aus, lässt ihn eine halbe Stunde mit einem Kühlbeutel bei sich sitzen, schreibt ihm eine Überweisung und ruft mich an, um zu erklären, was passiert und was als nächstes zu tun ist.

Unsere Kinder sind gute Kunden bei der Schulschwester. Sie haben sich sogar schon unabgesprochen und zufällig bei ihr getroffen!

Die Schulschwestern in Finnland sind aber nicht nur für Notfälle an den Schulen. Sobald ein Kind das Schulalter erreicht hat, finden die Vorsorgeuntersuchungen nicht mehr in der Neuvola statt, sondern bei der Schulschwester. Zur ersten können die Eltern noch mitkommen, wenn sie möchten, zu den folgenden – eine pro Schuljahr – gehen die Schüler üblicherweise während des Schultages selbstständig und allein und bekommen von der Schulschwester einen Zettel über die Untersuchungsergebnisse mit nach Hause. In der 1., 5. und 8. Klasse führt ein Schularzt, der für mehrere Schulen zuständig ist, die Vorsorgeuntersuchungen durch. Mit den Fünftklässlern hat die Schulschwester dieses Jahr – mit jedem einzeln! – sehr ausführlich über die körperlichen Veränderungen während der Pubertät gesprochen. Und die Schulschwester impft die Schüler auch. Bei Impfungen, die nicht im finnischen Impfplan enthalten sind, aber die die Familie trotzdem angefangen hat – bei uns ist das die Impfung gegen FSME – erinnert sie an die Auffrischungstermine und besorgt über den Schularzt ein Rezept. Wir lösen das Rezept in der Apotheke ein, geben den Kindern den Impfstoff am nächsten Tag mit in die Schule, und die Schulschwester verabreicht ihn und trägt die Impfung in den Impfpass ein.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es die Schulschwester gibt.
Ich wünschte nur, sie müsste mich nicht so oft anrufen.

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten


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Wollsocken im Klassenzimmer (3)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend.

Werden die Schüler in Finnland mit Noten bewertet?

Auf diese Frage kann ich leider keine eindeutige Antwort geben.

Die letzte, umfassende Lehrplanreform sah vor, dass die Kinder eher wenig bewertet werden und eventuell sogar erst in der Oberstufe, also in der 7. Klasse, zum ersten Mal Noten bekommen. Ausserdem sollte das Halbjahreszeugnis abgeschafft werden und nur noch zum Schuljahresende eine umfassende Bewertung der erreichten Lernziele gegeben werden.

Bei der Umsetzung des Lehrplans hat aber jede Gemeinde und sogar jede Schule einen gewissen Spielraum, so dass es weiterhin jedes Halbjahr spannend bleibt, wie nun die Zeugnisse unserer Kinder aussehen werden.

Bei uns ist das jetzt jedenfalls so, dass es in den ersten beiden Schuljahren auf jeden Fall keine Noten gibt. Die Schüler werden für – individuelle – Fortschritte vor allem mündlich, aber auch mal mit einem Stempel oder Aufkleber unter einer schriftlichen Aufgabe gelobt. So etwas wie Tests und Klassenarbeiten gibt es in den ersten beiden Schuljahren überhaupt nicht.

Ab der dritten Klasse gibt es Diktate, Vokabeltests, Mathearbeiten und Tests in allen Fächern, die zumindest in unserer Schule mit Noten bewertet werden. Das Fräulein Maus bekam allerdings auch letztes Jahr noch ein Zeugnis, in dem nur angekreuzt war, wie gut sie bestimmte Lernziele in jedem Fach erfüllt hat. Dieses Jahr wird sie, wenn ich das richtig verstanden habe, eins mit Noten bekommen. Beim grossen Herrn Maus weiss ich gar nicht. Wir warten gespannt auf nächsten Freitag. ;-)

Die Zeugnisse mit den Kreuzchen finde ich insofern besser, als sie ein detaillierteres Bild geben: es steht da zum Beispiel unter Englisch nicht nur eine Gesamtnote, sondern es wird getrennt bewertet, wie gut sich das Kind ausdrücken kann und wie gut es versteht. Das kann ja durchaus unterschiedlich sein.

Insgesamt spielen Noten in der Grund- und Mittelschulzeit keine grosse Rolle. Da alle bis zur neunten Klasse gemeinsam zur Schule gehen, braucht man ja auch kein objektives Kriterium für eine Empfehlung für eine bestimmte Art weiterführender Schule. Überhaupt wird sehr bewusst auf Vergleiche der Kinder untereinander verzichtet. Jeder soll motiviert werden, sein Bestes zu geben: und zwar nach seinen individuellen Fähigkeiten – nicht danach, wie gut oder schlecht der Rest der Klasse ist.

Das finnische Notensystem ist für mich persönlich übrigens das beste Mittel, keinen falschen Ehrgeiz bezüglich der Schulleistungen meiner Kinder zu entwickeln. Es gibt Noten von 4 bis 10. (In der Uni wird man dann mit Noten von 1 bis 3 bewertet.) 10 ist dabei die beste Note, und es gibt jede Menge Abstufungen: 10, 10-, 9 ½, 9… Die Kinder haben ein ganz gutes Gespür für die feinen Unterschiede und sind auch schon mal enttäuscht über eine 9 ½, aber für mich klingt irgendwie alles ab 8 phänomenal gut!

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen


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Ich sollte einst, da war ich in etwa so alt wie das Fräulein Maus, den 40. Geburtstag eines Landes feiern. Es kam dann nicht mehr dazu. Aber wir hatten auch den 39. Geburtstag zu feiern und den 38. und alle vorher. Ich erinnere mich an wenig Begeisterung und die immer gleichen Sprüche, Lieder und Gedichte.

Dieses Jahr feiern unsere Kinder den 100. Geburtstag eines Landes.

Unsere Schule ist so gross, dass immer nur zwei Klassenstufen gemeinsam feiern können. Deshalb kamen wir in den Genuss von zwei Geburtstagsfeiern, eine schon letzten Donnerstag, eine gestern.

Die Fünftklässler hatten ein „Präsidentenpaar“ gewählt, das am Eingang stand und jedem Besucher die Hand schüttelte. Der „Präsident“ hielt natürlich auch eine Rede. Die Klasse des Fräulein Maus tanzte Walzer, wofür die Handarbeitslehrerinnen dem Fräulein Maus und einer ihrer Klassenkameradinnen, die noch kleiner ist, extra noch zwei neue Ballkleider genäht hatten. Die Klasse des grossen Herrn Maus tanzte in finnischer Tracht. Der kleine Herr Maus und seine Klassenkameraden sangen und spielten das Lied vom finnischen Löwen, den es ja in den finnischen Wäldern gar nicht gibt, aber im Wappen. Sie hatten dafür selbst Löwenmähnen gebastelt und wochenlang geübt, die Krallen wie der Wappenlöwe auszufahren und laut zu fauchen. Es wurde ein Schauspiel über das Leben von Jean Sibelius aufgeführt, Schattentheater gespielt, und am Ende sangen alle gemeinsam einen selbsterdachten Suomirap frei nach Lauri Tähkä. (Die Schule hat eine eigene Band! Das ist ja mal um Welten besser als ein Blockflötenorchester!) Und weil es an der Schule unserer Kinder Spezialklassen für Gehörlose gibt, wurde das gesamte Programm, inklusive aller Liedtexte, in Gebärdensprache übersetzt. Als am Ende die Nationalhymne gesungen wurde – unsere Kinder hatten sie übrigens seit Wochen vor sich hingesungen, und zwar inklusive der Strophe auf Schwedisch, und wir werden nun bei der Weihnachtsfriedensverkündung dieses Jahr kein Textblatt mehr brauchen – wurde sie in der vordersten Reihe in Gebärdensprache gesungen. So schön!

Ich bin bei jedem dieser Schulfeste wieder erstaunt, wieviel Arbeit und Zeit da reingesteckt wird, wie lange dafür geübt wird und wie perfekt und modern jeder einzelne Auftritt ist. Und mit wieviel echter Begeisterung alle dabeisind.

„Finnland wird nur einmal 100“, sagte der Rektor. „Und es ist wirklich etwas Besonderes, dass wir dabeisein und das feiern dürfen.“