Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Mein Wort zum Freitag

Der Ähämann erfuhr es zuerst aus der New York Times (!!!) und rief mich ganz besorgt an.
(Ich war tatsächlich kurz vorher noch ganz in der Nähe gewesen. Wir waren aber alle schon wohlbehalten zu Hause.)

Aus der New York Times…! Die Süddeutsche und die Tagesschau hatten auch schon berichtet. Ehrlich mal – muss das sein?

Dass auf der ganzen Welt umgehend panisch berichtet wird? Und zwar so, dass alle Welt sofort denkt, es handelt sich um einen Terroranschlag?!

Gerade Messerattacken sind für mich – aber mich fragt ja keiner – ein sehr typisch finnisches Verbrechen. Nur erfuhr davon früher nicht sofort die ganze Welt.

Egal, aus welcher Quelle ihr davon erfahren habt:

– Es war sehr, sehr wahrscheinlich KEIN TERRORANSCHLAG!
– Es war ein einzelner Täter. Die Leute, die man teilweise mit Hockeyschlägern hat herumrennen sehen, wollten den Täter aufhalten.
– Der Täter hat nicht auf Arabisch herumgebrüllt und auch nicht „Allah!“ gerufen. (Was man auf den Videos von Überwachungskameras hören kann, sind undeutliche Warnrufe. Auf Finnisch!)
– Der Täter wurde nicht erschossen. Die Polizei hat ihm ins Bein geschossen, um ihn aufzuhalten, und er befindet sich derzeit im Krankenhaus.
– Turku – man stelle sich vor – hat einen eigenen Flughafen!
– Und: ihr kennt jetzt vermutlich alle den hässlichsten Marktplatz der Welt.

Und vielleicht üben wir uns ab sofort mal alle in ein bisschen weniger Panikmache.


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Traditionen weitergeben

Mein Schulanfang war das wunderbarste Fest meiner Kindheit.

3. September 1983

Und deswegen feiern wir auch die Schulanfänge aller unserer Kinder genau so: mit Verwandten, Freunden und Paten, mit Zuckertüte und Zuckertütenbaum und einem kleinen Schulanfänger, der den ganzen Tag im Mittelpunkt stehen darf.

Auch wenn so ein finnischer Schulanfänger eigentlich ohne viel Aufhebens einfach am ersten Schultag in die Schule marschiert.

Das machen wir dann am Dienstag.


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kaksisataaseitsemänkymmentäseitsemän

Grosse, vernünftige Mädchen dürfen auch um Mitternacht noch mit zum Flughafen kommen, um Oma und Opa abzuholen.

Wir sahen zwei Flugzeuge landen, einen Hubschrauber starten und dem Elektrobus beim Laden zu. (Als ob nichts los wäre an unserem Provinzflughafen! Um Mitternacht!)

Wie immer parkten wir sehr viel länger als eine Viertelstunde vor dem Flughafen. Und als wir mit Oma und Opa aus dem Terminal in die laue, aber schon wieder dunkle Sommernacht hinaustraten, da fuhr gerade eine 277 los, die auch jemanden abgeholt hatte.

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kaksisataaseitsemänkymmentäkuusi

Das Fräulein Maus hat für die letzten drei Ferienwochen gemeinsam mit der deutschen Freundin eine Pflegekatze.

Das Fräulein Maus radelt also fast jeden Tag in den Nachbarort und trifft sich dort mit der deutschen Freundin, um – eigentlich war der Plan, dass sie sich abwechselnd kümmern, aber schliesslich sind sie ja Freundinnen! – gemeinsam der Pflegekatze Gesellschaft zu leisten.

Nur wenn es wie aus Kübeln schüttet, fahre ich sie mit dem Auto hin. Und da kam mir dann auch gleich mal eine 276 entgegen.

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kaksisataaseitsemänkymmentäviisi

Die Kinder haben dieses Frühjahr ihr Spielhäuschen verschenkt. (Sie passten auch nur noch zusammengefaltet rein.)

Und auf das Fundament hat der Ähämann mir – darauf habe ich mich schon seit Jahren gefreut – ein Tomatenhaus Gewächshaus gebaut.

Nach dem Urlaub war leider eine der beiden Gurkenpflanzen vertrocknet. So wie man aber im Januar keine Handschuhe und kein Vogelfutter mehr kaufen kann, so gibt es natürlich im Juli in keinem Gartenmarkt mehr Gurkensetzlinge. Nur auf dem Markt, da gab es noch zwei. Und so fuhren das Fräulein Maus und ich mit einer Gurkenpflanze zwischen uns zufrieden mit dem Bus wieder heim, natürlich wie immer in der ersten Reihe, damit man auch was sehen kann, unter anderem eine 275.

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kaksisataaseitsemänkymmentäneljä

Unser Zeitplan während der letzten vier Urlaubstage war ein bisschen eng.

Nicht nur, dass wir ja zum Tall Ships Race zurücksein wollten, auch der Waschmaschinenmann hatte sich eine Woche vorher telefonisch angekündigt. Wir hätten das natürlich verschieben können, aber im Juli in Finnland nimmt man lieber, was man kriegen kann; weitere zwei Wochen auf die Repararatur der Waschmaschine zu warten war echt nicht drin.

Vor allem aber stellte sich ein gewisser Motivationsschwund bei uns allen ein. Hatten wir am Anfang des Urlaubs noch gedacht, gemütlich durch Finnland zu fahren wäre auch mal wieder ganz nett, fehlte uns nach zweieinhalb Wochen Pass- und Küstenstrassen mit Ausblick auf Fjorde und schneebedeckte Berge völlig der Antrieb, noch lange über Finnlands Landstrassen zu gurken.

Tschüss, Berge!
(Letzter sehnsüchtiger Blick zurück.)

Und so fuhren wir in drei Tagen vom Nordkap nach Hause.

(Wir hätten gern kurzentschlossen den Zug genommen. Leider ist der Herr Picasso mit Dachbox – nicht nur ausgemessen, sondern in Rovaniemi sogar mit echt beladenem Auto am echten Autowaggon unter Aufsicht von drei Autozugbelademitarbeitern getestet – drei Zentimeter zu hoch für die neuen Autowaggons. Knapp daneben ist leider auch vorbei.)

Wir nahmen noch ein Eisbad im Inarisee, zelteten einmal auf einer Wollgraswiese und einmal unter den Brücken der Stadt mit dem lustigen Namen , begegneten ungerührten Rentieren auf der Strasse, äsenden Elchen neben der Strasse und mindestens vier engegenkommenden 274en.

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Urlaubsrückblick (6): Nomadenleben

Ich bin nicht so der übermässig begeisterte Camper. Ich käme nie auf die Idee, Urlaub auf dem Zeltplatz zu machen – aber für diese Art Urlaub, wie wir ihn gerade gemacht haben, gibt es nichts besseres, als einfach ein Zelt dabeizuhaben und in der Wahl der Übernachtungsorte völlig frei zu sein.

Ich hatte vorher zweierlei Bedenken: ob mir das tägliche Ein- und Auspacken nicht schon am zweiten Tag fürchterlich zum Halse heraushängen würde, und ob die Kinder, die ja zu Hause mit Verdunkelungsrollo schlafen, in den hellen Nächten überhaupt ein Auge zutun würden.

Beide Bedenken erwiesen sich als völlig unbegründet. Nach zwei Tagen hatten wir raus, wer am besten welchen Handgriff übernimmt, und wo jede Kiste und jeder Beutel seinen besten Platz im Auto hat. Und die Kinder schliefen wie die Ratze. Weil wir selten vor elf ins Bett in den Schlafsack kamen, waren sie jeden Abend ruckzuck eingeschlafen, und ich war jeden Morgen die erste, die gegen neun oder halb zehn aufwachte.

Manche Nächte waren wir froh um die dicken Schlafsäcke und die langärmelige Wollunterwäsche, in anderen Nächten schliefen wir kurzärmlig und aufgedeckt. Jeden Morgen lagen die Kinder kreuz und quer im Zelt. Wir assen alle Mahlzeiten draussen und kochten nur selten. Wir trockneten unsere Wäsche in der Mitternachtssonne. Wann immer es ging, nahmen die Kinder Morgen- und Abendbäder in Seen und Fjorden. (Manchmal musste danach ein Feuer zum Wärmen angezündet werden.) Sie freundeten sich mit sämtlichen deutschen Kindern an, die wir unterwegs trafen, und sie machten Luftsprünge, wenn wir wieder einen Zeltplatz mit Trampolin fanden.

Wir trafen unheimlich nette Leute. Das deutsche Ehepaar, das uns nach der ersten Regennacht Kaffee aus ihrem Wohnmobil reichte. Den Polen, der sich nach zwanzig Jahren endlich einen Wunsch erfüllt hat und allein, weil seine Frau lieber Strandurlaub macht, mit dem Motorrad zum Nordkap unterwegs war. Die russische Familie, mit der wir uns auf Finnisch unterhielten. All die Radfahrer, die auch nach drei Tagen Regenwetter noch guten Mutes waren.

Manchmal schielten wir ein bisschen neidisch auf die Leute mit den Wohnmobilen: Nicht jeden Morgen komplett alles wieder zusammenpacken zu müssen! Unabhängiger vom Wetter zu sein! Aber dann dachte ich mir: Die müssen ihr Wohnmobil ja putzen! Die müssen ja aufräumen! Die müssen ja das Klo ausleeren! Noch nie habe ich mich, seit wir Kinder haben, so frei von allen alltäglichen Pflichten gefühlt wie in diesem Zelturlaub!

Zelten war wunderbar!


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kaksisataaseitsemänkymmentäkolme

Ich wollte ja schon immer mal ein finnisches Kennzeichen ausserhalb Finnlands finden.

Und als uns dann, als wir kurz vor Alta von einem Fjordarm zum nächsten zuckelten und uns freuten, dass da ja ganz wunderbare Landschaft zu sehen ist, wo wir vor 17 Jahren nur ein Stück Fjord, ein Stück Hang und sehr viel Nebel gesehen hatten, die 273 entegegenkam, da war ich kurz davor, mich in den Allerwertesten zu beissen. Denn ich dachte, ich suche eigentlich die 272.

(Erst als ich, drei Tage später, auch die 274 gesehen hatte und das Ganze immer ärgerlicher wurde, fiel mir wieder ein, dass ja der eine Nachbar die 272 hat und ich die garantiert noch vor dem Urlaub gesehen hatte, weil besagter Nachbar nämlich noch, als wir gerade mit vollgepacktem Auto Richtung Hafen aufbrechen wollte, aus seinem Auto ausgestiegen war und uns eine gute Reise gewünscht hatte.)

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Urlaubsrückblick (5): Ganz im Norden

„Die Leute wissen gar nicht, wie schön Magerøya sein kann, weil sie alle nur auf diesen einen blöden Felsen wollen.“ *

Die Entscheidung, zum Nordkap zu fahren, haben wir sehr demokratisch ausdiskutiert.

Ich wollte nicht, weil ich schon zweimal da war – einmal als Teenager mit einer Reisegruppe, einmal mit dem Damals-noch-nicht-Ähämann, als er mich nach meiner Diplomarbeit aus Mittelfinnland abholte und wir übers Nordkap – den kürzesten Weg kann ja wohl jeder! – zurück nach Deutschland fuhren – und vor allem, weil es eine fürchterliche Touristenhölle ist und zudem ja noch nicht mal der wirklich nördlichste Punkt Europas.

Der Ähämann wollte gern, weil wir damals keine zehn Meter weit gucken konnten und das Ende der Strasse, die sich dutzende Kilomter lang durch – es war Ende Mai! – drei Meter hohe ausgefräste Schneewände gewunden hatte, genausogut irgendwo im Nichts gelegen haben könnte.

Die Kinder waren unentschlossen. Einerseits bekamen sie langsam Sehnsucht nach ihren Freunden und hätten auf zwei Tage Umweg gern verzichtet, andererseits hätten sie das mit dem nördlichsten Punkt Europas schon irgendwie aufregend gefunden. Und weil ich der Meinung bin, dass man – Touristenhölle hin oder her – an manchen Orten ruhig wenigstens einmal im Leben gewesen sein kann, gab ich meine Stimme zugunsten der Kinder dann auch für das Nordkap.

Und es war so schön!

Wenn man nämlich den wohl seltsamsten Tunnel der Welt – drei Kilometer geht er steil nach unten, einen Kilometer geradeaus und dann drei Kilometer steil wieder nach oben – hinter sich gebracht hat und auf Magerøya angekommen ist, dann ist die Landschaft auf einmal nochmal ganz, ganz anders. Nur noch Berge und Tundra. Und Meer drumrum.

Touristen waren gar nicht so viele wie befürchtet da, weil wir schon nachmittags dawaren, die meisten Touristen aber erst zum Begucken der Mitternachtssonne – als ob die woanders nicht zu sehen wäre! – herangekarrt werden. Der Ähämann bekam diesmal seinen Blick aufs Nordmeer, die Kinder fanden es schon durchaus beeindruckend und durften sich zur Erinnerung im Souvenirladen jeder einen Magneten aussuchen, und den Polen mit dem Motorrad, den wir vom letzten Zeltplatz kannten, trafen wir auch wieder.

Der grosse Herr Maus hatte sein schönstes und sein schlimmstes Erlebnis am Nordkap mit einem Flügel, den eine norwegische Musikgesellschaft zur Freude der Besucher und zur freien Benutzung durch die Vorübergehenden in der Nordkaphalle aufgestellt hatte. Stolz und freudig und völlig ohne sich um das Publikum zu kümmern spielte er zwei Stücke, bis ihm beim dritten eine Rezeptionistin mit Dolores-Umbridge-Lächeln den Tastaturdeckel über den Fingern zuklappte und ihm verbot – „Wir erleben das hier jeden Tag, das Kinder auf dem Klavier rumhämmern!“ – weiterzuspielen. (Der grosse Herr Maus spielt ganz sicher nicht perfekt – aber dass er nicht einfach auf dem Klavier rumhämmerte, das hätte auch ein BlinderTauber mit Krückstock gehört.)

„Nie wieder in meinem Leben will ich ans Nordkap!“, war sein abschliessender Kommentar zu dem Vorfall. Und mal ehrlich – wegen des einen blöden Felsens, den man nur nach Zahlung eines horrenden Eintrittpreises überhaupt betreten darf, muss man tatsächlich nicht nach Magerøya.

Aber sonst!

Hinterher gingen wir nämlich – ganz ohne Eintritt und Parkgebühren – ein Stück auf dem Wanderweg, der zum wirklich nördlichsten Punkt Europas führt, und blieben noch eine Nacht auf der Insel und guckten noch hier und bauten Steinmännchen da und erfreuten uns an der gewaltigen Landschaft.

Magerøya ist wirklich wunderschön.
Abseits von diesem einen blöden Felsen.


*Wir zitieren ja oft und gern aus dem Lieblingsfilm – aber noch nie haben wir ein Zitat aus so vollstem Herzen hergesagt wie dieses in diesem Urlaub.