Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Zwischen den Jahren (2)

Plan B.

Eigentlich wollten wir ja dieses Jahr über Silvester wieder ins blaue rote Mökki fahren, weil es letztes Jahr um die Zeit in Lappland so traumhaft schön war. Leider ist das blaue rote Mökki vermutlich schon wieder abgebrannt, und als man uns im Februar mitteilte, dass wir nicht ins blaue rote Mökki fahren könnten, war für Silvester schon nichts anderes mehr zu einem halbwegs akzeptablen Preis buchbar.

Und naja. Fuhren wir eben statt nach Lappland nach Tallinn. Da ist auch das Essen besser.

Weil wir, als wir Plan B fassten, noch damit rechneten, dass Václav nicht vor nächstem Sommer bei uns eintreffen würde, beschlossen wir ausserdem, die Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bestreiten. (Die Ticketpreise der finnischen Bahn und die Benzinpreise hierzulande sind im Moment so, dass es tatsächlich sogar für fünf Personen billiger ist, mit dem Zug statt dem eigenen Auto zu fahren. Das kann bittedanke so bleiben.) Ohne Auto kann man zwar keine Grosseinkäufe machen, aber mit dem Zug zu reisen ist auf jeden Fall angenehmer. Gerade die Autobahn nach Helsinki hängt mir echt zum Hals raus.

Und das neue Fährterminal im Helsinkier Westhafen ist auch viel angenehmer zum Warten als das eigene Auto.

Im Tallinner Hafen liegt die „Isabella“, die Zwillingsschwester der „Amorella“, die lange Zeit zwischen Turku und Stockholm fuhr und jetzt schon seit einem Dreivierteljahr bis zu 1800 ukrainische Geflüchtete beherbergt.

Neulich las ich, dass das kleine Estland sehr schnell sehr viele Möglichkeiten geschaffen hat, um aus der Ukraine Geflüchtete aufzunehmen, aber wenig Möglichkeiten hat, sie dauerhaft aufzunehmen und zu integrieren, weswegen jetzt Finnland Hilfe angeboten hat, aber noch unklar ist, wieviele der Geflüchteten willens sind, nochmal in ein anderes Land umzuziehen (zumal eins, das kulturell nochmal zwei Welten von ihrem eigenen entfernt ist). Man kann es sich nicht ausdenken.

Ukraine.

Generell scheint die Solidarität mit der Ukraine umso stärker zu sein, je mehr sich ein Land historisch mit der Situation dort identifizieren kann.

Sehr schön ist das zum Beispiel an der Menge an Protestplakaten und Ähnlichem vor russischen Botschaften zu sehen: allein vorm russischen Generalkonsulat in Turku gibt es mehr davon als vor der russischen Botschaft in Berlin, und in Tallinn war die ganze Strasse vor der russischen Botschaft voller Plakate, Kerzen, Stofftiere, Flaggen und Blumen.

Sogar das estnische Regierungsgebäude (!) war blaugelb angestrahlt.

Hansehäuser und Pflastersteine.

Im Osten ist mehr Glitter.

Museumsliebe.

Passenderweise kam auch in Tallinn am Tag vor Silvester die Warmfront mit Sturm, Regen und Tauwetter, und wir verbrachten Stunden in Museen.

Zuerst im Strommuseum, wohin die Kinder seit Jahren gewollt hatten. Es befindet sich in einem ehemaligen Elektrizitätswerk, und man kann da sehr viele alte Generatoren angucken und alles mögliche (auch Dinge, die nichts unbedingt mit Elektrizität zu tun haben) ausprobieren. Sehr nett, aber ich hätte mir, wie das sonst eigentlich in estnischen Museen üblich ist, bessere Erklärungen zu den einzelnen Exponaten und Versuchen gewünscht.

Silvester begannen wir im Seefahrtsmuseum. Allein schon die Ausstellungshalle – der Hangar eines ehemaligen Wasserflugzeughafens – ist super beeindruckend.

Neben Bojen und anderen Seezeichen, historischen Booten, einer kleinen Sonderausstellung über die Herstellung von Schiffsmodellen und einer über die Tragödie von Juminda – seit wir das Baltikum bereisen, habe ich das Gefühl, Geschichte noch einmal völlig neu lernen zu müssen – sowie vielen Stationen, an denen man selbst etwas ausprobieren kann, ist dort auch ein echtes U-Boot ausgestellt.

Nun ist ein U-Boot so ziemlich das Gruseligste, das ich mir vorstellen kann, und es hat mich wirklich Überwindung gekostet, durch die enge Torpedoluke in die „Lembit“ hineinzuklettern, aber es war auch wirklich beeindruckend.

Leider war das der Tag, an dem ich befürchtete, mal wieder mit E111 ein estnisches Krankenhaus aufsuchen zu müssen.  Ich war nicht nur immer noch fürchterlich kaputt, sondern mir tat von den Zähnen über die Wangenknochen bis zur Stirn alles verdächtig weh – die Silvestersauna mit viel Dampf hat’s dann aber offensichtlich gerichtet – so dass ich es zum Schluss gerade noch geschafft habe, mich einmal durch alle Räume des historischen Eisbrechers, der draussen vor dem Museum im Hafen liegt, zu schleppen, bevor ich wirklich nicht mehr konnte.

(Man hätte sicher noch ein, zwei Stunden mehr dort zubringen können.)

Ferienwohnung mit Aussicht.

Ferienwohnung mit Aussicht (2).

Neujahrsspaziergang.

Unser Neujahrsspaziergang führte uns von der Linnahall, einem dieser grössenwahnsinnigen sozialistischen Prestigeobjekte, die jetzt vor sich hinrotten, durch den Hafen und über die in den letzten Jahren sehr hübsch gestaltete Strandpromenade, die wir bisher immer nur vom Auto aus bewundert haben, bis zum Strand auf der anderen Seite der Hafenbucht.

Perfektes Timing.

Während wir wegwaren, waren hier 6 Grad (plus!) und Regen. Als wir am Abend des 2. Januar wieder in Turku eintrafen – und Gott sei Dank noch fast eine Woche Ferien vor uns hatten! – schaukelten riesige Schneeflocken vom Himmel.


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Mit dem Zug nach Venedig (9): Berlin-Stockholm-Turku

Und dann begann der letzte Teil der Reise, der uns unweigerlich zurückbringen würde in den Norden, den Herbst, den Alltag.

Über den Berliner Hauptbahnhof bin ich übrigens noch zu keiner abschliessenden Meinung gekommen.

Dieser letzte Teil der Zugreise aber war ganz sicher der erholsamste.

Der Snälltåget ist ein privates schwedisches Unternehmen, weswegen er nur an solchen Tagen fährt, an denen er mit hoher Wahrscheinlichkeiten ausgelastet ist, und die Fahrkarten immer erst recht kurzfristig buchbar sind. Der Ähämann hatte im Spätsommer mehrere Wochen lang immer wieder über den Buchungsseiten gesessen, weil wir hofften, doch noch mit dem Snälltåget fahren zu können, weil der direkt ab Berlin fährt und nicht wie der Euronight der Schwedischen Bahn ab Hamburg, was für uns nochmal umsteigen zu müssen, weniger Zeit in Berlin zu haben und wieder erst um Mitternacht ins Bett zu kommen bedeutet hätte.

Zum Glück (!) war der Plan aufgegangen, und so setzten wir uns erstmal gemütlich hin und verspeisten das im Bahnhofssupermarkt zusammengekaufte Abendbrot, dann klappten wir die Betten runter und bezogen Decken und Kopfkissen – das muss man im Liegewagen selbst machen, dafür sind die Liegeabteile grösser und wir konnten alle zusammen in einem reisen – dann gingen wir Zähneputzen und aufs Klo, zogen uns die Schlafanzüge an und lagen in Hamburg schon im Bett.

Apropos Betten. Der Snälltåget ist ein echter Retrozug: mit ehemaligen Liegewagen der Deutschen Bahn, und von Berlin bis Padborg wurde er von einer 112 gezogen. Dafür gab es viermal so viele und doppelt so moderne Lademöglichkeiten wie im ICE4 (wo sich tatsächlich im Jahr 2022 noch zwei Passagiere eine Steckdose teilen müssen und zwei von drei Steckdosen kaputt waren).

Ich wurde zufällig wach, als wir über die Rendsburger Hochbrücke fuhren, und fand es trotz der mitternächtlichen Dunkelheit wieder sehr faszinierend, so hoch über den Strassenlaternen und den letzten noch beleuchteten Wohnzimmerfenstern dahinzugleiten.

Zweimal pro Waggon hingen übrigens Sicherheitshinweise aus,  auf denen genauestens erklärt wurde, wie man im Notfall alle längeren Brücken und Tunnel, durch die der Zug zwischen Berlin und Stockholm fährt – die Rendsburger Hochbrücke, der Tunnel und die Brücke über den Grossen Belt, der Tunnel und die Brücke über den Öresund – verlassen kann. Ausser natürlich, dass die Rendsburger Hochbrücke „nur mit Hilfe von Rettungskräften verlassen werden kann“. Zum Glück leide ich nicht unter Höhenangst.

Um eins hämmerte der dänische Grenzschutz an die Tür. (Schengen wäre theoretisch eine feine Sache!) Es mussten diesmal keine Kinder geweckt werden, dafür fragte der Grenzbeamte, nachdem er sich gründlich unsere finnischen (!) Pässe angeguckt hatte: „Ihr seid eine Familie? Ihr reist nach Schweden? Ihr macht da Urlaub?“ Das war fast so schön wie 2020, als der dänische Grenzschutz direkt hinter der Fähre aus Island gestanden hatte, um die – damals coronabedingte – Passkontrolle durchzuführen und gefragt hatte: „Wo kommen Sie her?“

Die dänische Mitleserin und die deutschen Dänemarkliebhaber*innen mögen mir verzeihen, aber ich halte Dänemark für kein erstrebenswertes Reiseland.

Das nächste Mal wurden wir früh um sieben geweckt, als der Zug in Malmö einlief und wie auf der „Nils Dacke“ minutenlange Ankündigungen in drei verschiedenen Sprachen durchgesagt wurden. Die Kinder und ich nutzten die Gelegenheit, um gemeinsam zur Toilette zu gehen und gleichzeitig ein bisschen frische Luft zu schnappen. (Fast kam sowas wieTranssib-Feeling auf, als wir im Schlafanzug bei weit geöffneten Zugtüren quasi auf dem Bahnsteig standen.) Dann legten wir uns wieder hin, und als ich um zehn endgültig aufwachte, war ich trotz der ein wenig unruhigen Nacht komplett ausgeschlafen.

Wir klappten die untersten Betten wieder hoch, holten uns vom Schaffner einen Kaffee und packten unser am Vorabend bei einem Berliner Bahnhofsbäcker gekauftes Frühstück aus. Und liessen uns vier weitere Stunden durch herbstliche Landschaft schaukeln.

Ich wiederhole mich, aber das war sicher die erholsamste und angenehmste Art, einen über tausend Kilometer langen Reiseabschnitt hinter uns zu bringen, die wir je erlebt haben.

Und sollte der Snälltåget nächsten Sommer wirklich bis nach Dresden fahren, wären das in der Tat fantastische Aussichten!

In Stockholm war es vergleichsweise eisig kalt (8Grad), aber sonnig. Wir holten Jacken und Halstücher wieder aus den Rucksäcken und schlossen die Rucksäcke – zum zehnfachen Preis dessen, was wir in München dafür bezahlt hatten – für drei Stunden am Bahnhof ein.

Wir wollten den Nachmittag nutzen, um auf den Rathausturm zu steigen. Dort wurden wir aber beschieden, dass das nur in den Sommermonaten möglich sei. Ach, die Nordländer mit ihren Sommermonaten, in denen das Leben stattzufinden hat, und dem Rest des Jahres, in dem man zu Hause bleiben muss…! Also lenkten wir unsere Schritte wieder in die Altstadt, die Mägen knurrten uns nämlich auch.

Dann holten wir die Rucksäcke wieder aus den Schliessfächern und aus den Rucksäcken auch noch Mützen und Handschuhe und machten uns zu Fuss auf den Weg zum Fährterminal.

Leider nicht zur „Amorella“.

Ich hatte ja von Anfang an zwiespältige Gefühle für das chinesische Schiff, aber dann dachte ich, vielleicht ist sie ja doch ganz schön geworden. Leider nein. „Die Glory hat alles, was man nicht braucht“, kommentierte jemand auf Instagram – und das war genau der Gedanke, den ich nach dem Betreten des Schiffes als erstes gehabt hatte. Zumindest, wenn einem andere Dinge wichtig sind als Shoppen, Saufen und Karaoke singen.

Die Inneneinrichtung hat leider überhaupt nichts von nordischem Design, sondern ist… nun ja… chinesisch.

Das Schlimmste aber ist das Sonnendeck, das nicht nur unglaublich klein ist, sondern auch den Charme eines Fabrikhinterhofs hat. (Zum Vergleich: auf dem riesigen, zweistöckigen Oberdeck der „Grace“ gibt es sogar ein Klettergerüst und eine aufgemalte Rennstrecke, die man im Sommer mit Tretautos befahren kann und auf der zu jeder Jahreszeit die Teenager und Fast-Teenager unserer Familie immer noch um die Wette rennen.)

Auf Frühstück mussten wir leider auch verzichten, da es im Café nur überteuerte Sachen – also noch überteuertere Sachen als auf den anderen Fähren – gab und uns nicht mal die finnische Alternative Haferbrei blieb, da Puuro auf der „Glory“ schlicht nicht vorgesehen ist. Und das ist nun das Schiff, das uns fortan aus jedem Urlaub nach Hause bringen soll…! Seufz.

In Turku waren zwei Grad minus, weswegen wir vorm Landgang auch noch die Wollpullover aus den Rucksäcken holen mussten. Der Schock war dann aber gar nicht so gross. Vielleicht war der glitzernde Raureif in der aufgehenden Sonne auch einfach nur zu schön.

Das Fräulein Maus ging direkt vom Hafen aus zur Schule, die Herren Maus mit Umweg über zu Hause. Das war allermaximalste Ferienausnutzung, und bis heute fragen wir uns manchmal, wenn wir an die Reise zurückdenken: Hatten wir vielleicht doch drei statt einer Woche Herbstferien?!

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(1) Turku-Stockholm-Hamburg
(2) Hamburg-München-Venedig
(3) Venedig: Gassen, Kanäle und Boote aller Art
(4) Venedig: Busfahren und im Mittelmeer baden
(5) Venedig: Wolkenkratzer und Sargschränke
(6) Venedig: Don Camillo & Peppone, geflügelte Löwen und jede Menge Wäscheleinen
(7) Venedig-München-Berlin
(8) Berlin, Berlin
(9) Berlin-Stockholm-Turku


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Mit dem Zug nach Venedig (7): Venedig-München-Berlin

Letzter sehnsüchtiger Blick zurück. Als wäre der Bahnhof Santa Lucia, für den einst eine Kirche weichen musste, von der er seinen poetischen Namen hat,  ein Portal zwischen einem Wunderland und der modernen Welt.

Ein bisschen spannend wurde es noch, weil ab 21 Uhr die italienischen Eisenbahner*innen streikten und nicht so ganz klar war, inwieweit unser Zug, zwar von der Österreichischen Bahn operiert, aber immerhin das italienische Schienennetz nutzend, davon betroffen sein würde. Aber das Einzige, was passierte, war, dass statt eines Schlafwagenzuges ein normaler Zug einfuhr, mit dem wir die zehn Minuten nach Mestre fahren mussten, wo wir in den Nachtzug umsteigen durften. (Angeblich war daran aber nicht der Streik, sondern ein Gleisbruch schuld.)

Eine weitere halbe Stunde später hatten wir uns und unser Gepäck in die Kabinen sortiert, dem Schaffner die Fahrkarten und die angekreuzten Frühstückswünsche ausgehändigt und liessen uns in den nach den 18 000 Schritten des Tages wohlverdienten Schlaf schaukeln.

5:48 Uhr hämmerte die Bundespolizei an die Tür, liess sich die Pässe aushändigen und leuchtete uns allen mit der Taschenlampe ins Gesicht – den grossen Herrn Maus mussten wir dafür auf ausdrückliche Anordnung wecken – um zu kontrollieren, ob wir auch berechtigt seien, nach Deutschland einzureisen. Waren wir, nur gewollt habe ich ab dem Zeitpunkt eigentlich nicht  mehr.

(Schengen?! Hallo?!)

Frühstück im Bett. Die ÖBB macht’s möglich.

Um sieben standen wir mit weiteren fünf Prosecco-Fläschchen, drei übriggebliebenen Frühstücksbrötchen, einem Saftpäckchen, zwei angefangenen Marmeladen- und drei noch halbvollen Honiggläschen in den Rucksäcken in München auf dem Bahnhof. (Gepäckminimierung hat, anders als letztes Jahr, diesmal überhaupt nicht funktioniert.)

Wir hatten drei Stunden Zeit, die wir aber nicht einmal für ein ausgiebiges Frühstück beim Bäcker nutzen konnten, weil wir ja schon Frühstück gehabt hatten. Wir freuten uns deshalb besonders, dass es gleich neben dem Bahnhof eine schon früh um sieben geöffnete DM-Filiale gab, in der wir schon mal anfingen, unsere Deutschland-Einkaufsliste abzuarbeiten. (Der Bahnhofs-Buchladen, an den die Kinder grosse Erwartungen gehabt hatten,  war leider eine Enttäuschung.)

Fünf vor zehn standen wir mit fünfhundert anderen Menschen auf dem Bahnsteig, und ich hörte zufällig, wie ein ebenfalls auf dem Bahnsteig wartender Zugbegleiter ins Handy sprach: „Weisst du, wo der Zug ist?!“ Lustig.

Zehn Minuten später hatte sich der Zug gefunden; sehr zu Freude der Kinder, die auf der Hinfahrt ein bisschen enttäuscht gewesen waren über den „alten“ ICE, ein ICE4. Es sollte sich dann aber herausstellen, dass der ICE1 nicht nur schneller fahren kann, sondern auch besser und schöner ausgestattet ist.

Der Schaffner gab ebenfalls sein Bestes, um bei mir akute Fluchtreflexe auszulösen. Eine Durchsage mit dem schlichten Hinweis auf die Maskenpflicht an Bord reichte nicht, er musste noch eine Drohung mit der Bundespolizei, die am letzten Bahnhof schon fünf Maskenverweigerer aus dem Zug geholt hätte, hinzusetzen sowie ein pampiges „Wem das nicht passt, der kann gern am nächsten Bahnhof aussteigen“. Danach sowie nach der ebenfalls recht hitzigen Diskussion, die sich fünf Tage vorher auf Instagram entsponnen hatte, war ich allmählich soweit, zu verstehen, warum in Deutschland so viele Menschen gegen die Coronamassnahmen protestiert haben, während in Finnland, wo es zu keiner Zeit eine Maskenpflicht, sondern nur eine Maskenempfehlung gegeben hat, alle klaglos Masken getragen haben.

Meine Güte, dieser Umgangston! Diese starren, willkürlichen Regeln! Diese ständige Androhung von Konsequenzen!

Überhaupt finde ich, dass man die Fronten gar nicht erst so verhärten lassen müsste: mittlerweile kann jede*r geimpft sein und sich dank FFP2-Masken auch selbst schützen, da muss man sich doch keine Grabenkämpfe mit jemandem liefern, der partout keine Maske tragen will…

In Berlin verliessen wir jedenfalls ohne jede Wehmut den überfüllten Zug, bestiegen eine S-Bahn, in der die Durchsage sich auf ein schlichtes „Bitte tragen Sie eine Maske!“ beschränkte, fuhren zu unserem Hotel, ruhten uns kurz aus, machten einen Abendspaziergang (War das Brandenburger Tor schon immer so klein?!), ergatterten einen Termin für die Besichtigung der Reichstagskuppel am nächsten Tag, assen einen langersehnten Döner und fielen in unsere Betten.

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(2) Hamburg-München-Venedig
(3) Venedig: Gassen, Kanäle und Boote aller Art
(4) Venedig: Busfahren und im Mittelmeer baden
(5) Venedig: Wolkenkratzer und Sargschränke
(6) Venedig: Don Camillo & Peppone, geflügelte Löwen und jede Menge Wäscheleinen
(7) Venedig-München-Berlin
(8) Berlin, Berlin
(9) Berlin-Stockholm-Turku


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Mit dem Zug nach Venedig (6): Don Camillo & Peppone, geflügelte Löwen und jede Menge Wäscheleinen

Da wir um zehn aus unserer Wohnung auschecken mussten – die Rucksäcke durften wir zum Glück wie am Anreisetag im Treppenhaus unterstellen – hatten wir noch zwei Stunden lang gültige Vaporetto-Tickets, die es zu nutzen galt. Wir fuhren von unserer Haltestelle zunächst bis zur Endhaltestelle am grossen Touristenparkhaus, um dann dort neu einzusteigen und einen Sitzplatz ganz vorn zu ergattern. Dann schipperten wir ein letztes Mal den ganzen Canal Grande entlang.

Verkehr wie auf italienischen Strassen.
(Die Polizei fuhr auch mittendrin rum.)

Fünf Öffentliche-Nahverkehrs-Fahrzeuge auf einmal.

Was wir aus finnischer Sicht besonders lustig fanden, war, dass es keine Rettungswesten oder -boote gibt, sondern nur solche quadratischen Rettungskissen mit Seilen dran, an denen sich acht oder zehn Personen gleichzeitig festhalten können. Sogar die grosse Autofähre zum Lido hatte an der Stelle, an der unsere Autofähren Rettungsboote und -inseln befestigt haben, nur jede Menge dieser roten Kissen hängen. Es ist halt warm, das Mittelmeer, und bei dem Verkehr, der in der Lagune und den Kanälen der Stadt herrscht, wird man im Falle des Falles vermutlich sowieso sofort wieder aus dem Wasser gezogen.

An der letzten Haltestelle, bevor das Vaporetto zum Lido übersetzt, stiegen wir aus. Damit waren wir maximal weit von unserer Ferienwohnung und dem Bahnhof entfernt und hatten  viele Gassen, Gässchen, Durchgänge und Brücken  für den Rest des Tages vor uns.

Ausserdem schien in Venedig Waschtag zu sein, denn es hingen ungefähr dreimal so viele Wäscheleinen über den Gassen wie sonst schon, und ich hätte auch einfach den ganzen Tag von Wäscheleine zu Wäscheleine pilgern können.

Don Camillo & Peppone im Jahr 2022.

Nach sechs Stunden Fusslatsche (und dem ein oder anderen Pizzastück, Backteilchen oder Eis) mussten wir dann doch unsere Rucksäcke abholen und uns auf den Weg zum Bahnhof machen.

„Zum Bahnhof. Zum Parkhaus.“
Oder auch: Abreisende Touristen bitte hier entlang!
Seufz.

Ein Hoch auf den Nachtzug, der uns zwei komplette Extratage in Venedig ermöglicht hat!

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(7) Venedig-München-Berlin
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Mit dem Zug nach Venedig (5): Wolkenkratzer und Sargschränke

An Tag 3 in Venedig waren wir soweit, dass wir keine Karte mehr brauchten, um – sogar  auf verschiedenen Wegen! – zur nächstgelegenen Haltestelle zu finden.

Ausserdem hatten wir inzwischen einen groben Überblick bekommen, welche Vaporetto-Linie wo langfährt, und begannen den Tag damit, die Linie 1 als Fähre über den Canal Grande zu benutzen.

Dann liessen wir uns wieder treiben durch Gässchen und an Kanälen entlang.

Eins unserer grob anvisierten Ziele war das ehemalige jüdische Ghetto. Dort hatten sehr viele Menschen auf sehr engem Raum leben müssen, weshalb es dort die höchsten Häuser Venedigs gibt. Das höchste hat unglaubliche acht Stockwerke!

Ausserdem kamen wir an einem Kindergarten vorbei und erfreuten uns am davor abgestellten Fuhrpark. Venezianische Kindergartenkinder erkennt man daran, dass sie mit Rollern unterwegs sind und – ohne zu zögern und keinesfalls an der Hand ihrer Eltern – im Schlusssprung ins Vaporetto hopsen. Die grösseren spielen Fussball zwischen den Kanälen und scheinen keinerlei Angst zu haben, ihren Ball ins Wasser zu kicken. Touristenkinder gibt es – wir kennen das – praktisch gar keine.

Überhaupt waren wir an dem Tag hauptsächlich in „normalen“ Wohngegenden unterwegs, wo wir kaum noch auf andere Touristen trafen. Je weiter wir uns vom Canal Grande entfernten, umso weniger Menschen waren unterwegs.

Als wir an der Lagune angekommen waren, wo es zu Fuss nicht mehr weitergegangen wären, bestiegen wir das nächste Vaporetto und fuhren nach San Michele, der Friedhofsinsel.

Am meisten beeindruckt haben uns die – in Venedig herrscht allerorten Platzmangel – „Sargschränke“.

Dann fuhren wir zurück und stiegen am Krankenhaus aus. So toll, die Krankenboote und die Einfahrt zur Notaufnahme!

Der kleine Herr Maus machte am letzten Abend ein Video von einem Krankenboot, das mit Blaulicht und Signalmelodie – die die beiden musikbegabten Kinder der Familie schwer erträglich fanden, die mir aber viel besser gefiel als das langweilige Pii-paa unserer Krankenwagen – den Canal Grande entlangraste. „Ich hab‘ das E. gezeigt“ – E. hat mit seiner Familie ein Jahr lang in Rom gelebt – erzählte der kleine Herr Maus nach der ersten Schulwoche nach den Ferien, „und er hat gesagt, das hört sich für ihn ganz vertraut an, weil die Krankenwagen in Italien alle so klingen“. Wie toll es die Kinder von heute haben!  Der kleine Herr Maus war auch ganz aus dem Häuschen, wieviel Italienisch er verstehen kann nach zwei Jahren Spanischunterrich.

Wir ernährten uns vier Tage lang hauptsächlich von – für uns unglaublich preiswerten – Pizzateilchen, Backwaren und Eis. Der Ähämann trank jedes Mal einen – ebenfalls unglaublich preiswerten – Cappuccino, wenn wir anderen eine Toilette brauchten. In den Schaufenstern der Bäckereien lag buntes Sankt-Martin-Gebäck aus, und es war völlig unwirklich, bei schönstem Sonnenschein im Sommerkleid davorzustehen. Nur noch Herbstferien im Süden, waren wir versucht zu beschliessen.

Dann liefen wir weiter durch Gassen und Gässchen. Man kann nicht aufhören damit, vor allem in den Aussenbezirken, in denen es wunderbar ruhig ist, Kinder auf kleinen Plätzen spielen, alte Frauen Katzen und Tauben füttern, Leute ihre Wäsche aufhängen, die Müllabfuhr lautlos über einen Kanal zieht, ein Vogel im vors Fenster gehängten Bauer tiriliert.

Der Tag endete deshalb mit dem Abtransport fünf Fusslahmer mit der Linie 1.

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Mit dem Zug nach Venedig (4): Busfahren und im Mittelmeer baden

Die Nacht war ein bisschen unruhig, denn – eigentlich wenig überraschend, aber im Oktober doch irgendwie unerwartet – es gibt Mücken in Venedig! Jedes Stückchen Haut, das unter dem Bettzeug hervorgeguckte, war innerhalb von Minuten zerstochen. Und dieses nervtötende Gesirre! Zum Glück gilt auch bei italienischen Mücken: ab zwanzig Stichen juckt es nicht mehr.

(Es hätte Mückenfallen gegeben in der Wohnung, aber das erfuhren wir erst beim Auszug.)

Apropos Ferienwohnungen mit Ausblick:

Als wir früh die Vorhänge und Fensterläden aufmachten, hing noch Dunst über der Stadt. Boote tuckerten über den Kanal, Strassenkehrer und Lieferanten holperten behände mit ihren Wägelchen über die kleine Brücke, als hätte sie gar keine Treppen, und die Drogerie, über der wir wohnten, wurde mit Klopapier beliefert.

Der Plan für den Tag war: ausgiebig Bus Vaporetto fahren.

Nach dem Frühstück brachen wir zu Fuss Richtung Bahnhof auf, weil es an „unserer“ Haltestelle keinen Fahrkartenautomaten gab.

Dann rechneten wir ein bisschen, erstanden fünf 48-Stunden-Tickets und schipperten zunächst einmal mit der Linie 1 den Canal Grande entlang, die wirklich an jedem Pflaumenbaum dritten Palazzo – mal auf der einen Seite, mal auf der anderen – hält und schon allein dafür über eine halbe Stunde braucht.

Schwimmende Wartehäuschen.

Auf Wunsch der Kinder fuhren wir gleich weiter zum Lido, denn sie wollten wenigstens einmal im Mittelmeer baden.

Ich hatte mir den Lido ja irgendwie als eine riesige Sandbank mit ein paar Strandschirmchen und Eiskiosken drauf vorgestellt, was daher rühren mag, dass ich als Kind „Die seltsamen Abenteuer des Marco Polo“ gelesen habe und zu dessen Zeit ja nun tatsächlich dort noch kein Badeort war.

Am schlimmsten fand ich, dass auf dem Lido Autos fahren dürfen und es auch sonst aussieht wie in einer normalen italienischen Stadt. Wir schwammen alle eine Runde im warmen und ungeheuer salzigen Meer, sammelten ein paar Muscheln und verliessen dann die Insel fluchtartig wieder.

Vaporetto fahren ist tatsächlich wie Bus fahren: es kommt dauernd einer. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendwann einmal länger als 10 Minuten gewartet hätten.

Es gibt nur eine Art, mit Dampfzügen und Wasserbussen zu fahren: draussen.

Weil wir nun einmal auf der Südostseite Venedigs waren, fuhren wir gleich noch nach Murano, wo um die Uhrzeit kaum noch Touristen waren.

Weil in den venezianischen Glasbläserwerkstätten immer wieder Feuer ausgebrochen waren  und auf die Stadt übergegriffen hatten, wurde im Jahr 1295 bestimmt, dass alle Glasbläser auf die Insel Murano übersiedeln mussten. Sie ist auch tatsächlich viel weniger eng bebaut, und da wir alle grosse Fans enger Gässchen sind, waren wir uns am Ende des Tages einig: in Venedig selbst ist es am schönsten.

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Mit dem Zug nach Venedig (3): Gassen, Kanäle und Boote aller Art

Wenn nicht unsere Vermieter irgendwann angerufen hätten, wo wir denn bleiben, hätten wir vermutlich nach einer Stunde noch auf der Bahnhofsbrücke gestanden und uns den morgendlichen Berufsverkehr auf dem Canal Grande angeguckt.

Mehr noch als über enge Gässchen, schmale Durchgänge und malerische Brückchen über kleine Kanäle habe ich vier Tage lang gejuchzt über Boote voller Wäschesäcke, Bierkästen und Klopapier, über die gelben Krankenboote mit Blaulicht, die grünen Boote der Müllabfuhr, die rot-gelben DHL-Boote voller Briefe und Amazon-Päckchen und sogar über das Friedhofsboot, das einen blumengeschmückten Sarg geladen hatte. Denn alles, wirklich alles, was anderswo auf Strassen bewegt wird, wird in Venedig auf dem Wasser transportiert.

Unsere Vermieter hatten uns geschrieben, wie wir mit dem Vaporetto, also sozusagen dem Bus, vom Bahnhof  zur Ferienwohnung gelangen könnten. Aber wir wollten lieber laufen, und wenn wir nicht dauernd hätten stehenbleiben und gucken und fotografieren müssen, wären wir auch in einer Viertelstunde dagewesen.

Dann stellten wir die schweren Rucksäcke ab und machten uns direkt wieder auf den Weg. Ohne Ziel und Plan. Gab es rechts einen schmalen Durchgang, nahmen wir den. Führte nach links eine enge Gasse, bogen wir dort ein. Standen wir plötzlich vor einem Kanal ohne Brücke, kehrten wir um.

Nachdem wir zwei Stunden so ziel- und planlos herumgelaufen waren, kam der Wunsch auf – weil wir in den letzten Herbstferien den „Herrn der Diebe“ gelesen hatten – jetzt zum Markusplatz zu gehen und den Löwen auf der Säule anzugucken.

„Klar“, sagte ich. Und „Ach du Sch…“, dachte ich eine halbe Stunde später, als wir uns mit zweitausend anderen Touristen über die Rialtobrücke kämpfen mussten. Es ist nämlich so, dass es über den Canal Grande, der Venedig in zwei Hälften teil, insgesamt nur vier Brücken gibt, davon zwei gleich am Anfang, eine – die Rialtobrücke – in der Mitte und eine am Ende, und sich dann dort die Touristenströme kanalisieren.

„Venedig ist dreckig und stinkt“, hört man ja öfter. Venedig ist genau dort dreckig und stinkend und unerträglich, wo sich die Touristenströme von der Rialtobrücke zum Markusplatz wälzen. Und zu allem Überfluss – wie kann es anders sein?! – war der Markusplatz aufgebuddelt.

Wir traten fluchtartig den Rückzug an. Denn überall sonst ist Venedig ganz und gar wunderbar und zauberhaft.

Als wir alle schon ganz fusslahm und von der plötzlichen Hitze – einen halben Tag Akklimatisierungszeit brauche sogar ich! – ganz erledigt waren, traten wir den Rückweg zu unserer Ferienwohnung an und legten eine kleine Ruhepause ein. (Der kleine Herr Maus legte sich kurz auf den sehr dicken, weichen Teppich im Schlafzimmer und war nach zwei Minuten eingeschlafen.)

Später gingen wir nochmal zu einem kleinen Supermarkt um die Ecke fünfundzwanzig Ecken, um Abendbrot einzukaufen.

Der kleine Herr Maus und ich warteten draussen und wurden mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, einen venezianischen Hund im Auge zu behalten, während sein Frauchen kurz einkaufen ging.

Das hat mir gut gefallen, dass die Venezianer*innen die Touristen einfach einbeziehen. „Hilf mir mal hier hoch!“, hatte schon am Morgen eine alte Frau mit Krückstock den Ähämann aufgefordert, ihm den Arm hingehalten und sich über die zwanzig Stufen einer Brücke führen lassen.

Der Teil der Familie, der früher am Abend auf einem Teppich einen Powernap gehalten hatte und nun nicht mehr müde war, bat nach dem Abendbrot darum, nochmal einen Spaziergang zum Canal Grande zu machen. Und solche Wünsche werden in unserer Familie ja selten ausgeschlagen.

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(3) Venedig: Gassen, Kanäle und Boote aller Art
(4) Venedig: Busfahren und im Mittelmeer baden
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(6) Venedig: Don Camillo & Peppone, geflügelte Löwen und jede Menge Wäscheleinen
(7) Venedig-München-Berlin
(8) Berlin, Berlin
(9) Berlin-Stockholm-Turku


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Mit dem Zug nach Venedig (2): Hamburg-München-Venedig

Der Ähämann hat ein Händchen für Unterkünfte mit Ausblick.

Als wir vor drei Wochen plötzlich noch eine Übernachtungsmöglichkeit in Hamburg, möglichst in Bahnhofsnähe, brauchten, waren wir froh, überhaupt noch irgendwas buchen zu können. Aber dann stellten wir fest, dass das Hotel auch diesmal ein Glücksgriff gewesen war: in der Mitte eines Gleisdreiecks, mit Ausblick auf passend zum Thema der Reise alle zwei Minuten vorbeifahrende Züge aller Art.

(Wir sahen sogar am Morgen nochmal den Zug, mit dem wir aus Kopenhagen gekommen waren, als er von einem Abstellgleis, auf dem er die Nacht verbracht hatte, zurück zum Bahnhof geschoben wurde.)

Wir schliefen bis halb neun aus, dann machten wir uns auf den Weg zu einem sonntags geöffneten Bäcker, um zu frühstücken, und besorgten den Proviant für den bevorstehenden halben Tag im Zug notgedrungen – ich weiss nicht, ob ich mich jemals noch wieder daran gewöhnen werde, dass man völlig aufgeschmissen ist, wenn man sonntags in Deutschland ankommt – im Bahnhof.

Dann bestiegen wir einen ICE, in dem wir sehr komfortabel in einem eigenen Abteil reisten, und glitten in nur sechs Stunden – vorbei an Windrädern, Kuhherden, sonnenbeschienenen Herbstwäldern und Autobahnen, auf denen die Autos klein wie Spielzeug aussahen und als würden sie Schritt fahren – einmal von Nord nach Süd durch ganz Deutschland.

„Was macht ihr die ganze Zeit im Zug?“ bin ich schon mehrmals gefragt worden.

Wir wollten lesen und vorlesen, Reisetagebuch schreiben und malen, Rommé spielen, dem kleinen Herrn Maus einen riesigen Fitzbatzen auskämmen. Aber dann haben wir geguckt und geguckt und geguckt – und plötzlich waren wir in München.

In München hatten wir reichlich fünf Stunden Aufenthalt. Wir schlossen die schweren Rucksäcke ein und machten uns auf den Weg in die Innenstadt. Die Sonne ging gerade unter, und es war so warm, dass sogar ich Frostbeule im T-Shirt sein konnte. Völlig unwirklich!

Als wir noch in Jena wohnten, war der Damals-noch-nicht-Ähämann einmal auf einer Tagung in München. Ich kam Freitagabend nach, und wir verbrachten das Wochenende dort. Samstagvormittag hörte der Ähämann sich noch Vorträge an, und ich lief durch die Stadt von einer Kirche zur anderen, eine beeindruckender und prunkvoller als die andere. Das wollten wir diesmal im Kleinen wiederholen.

In der ersten Kirche, an der wir vorbeikamen, war gerade der Gottesdienst zu Ende, und über all dem Prunk schwebten noch Weihrauchschwaden und Orgelklänge, und das war nach dem Tag im Zug fast überirdisch schön.

Draussen war es inzwischen dunkel geworden. Wir brauchten eine Weile, um zu begreifen, dass uns die Stadt nicht nur deswegen so dunkel vorkam, weil es für unser Empfinden nach Sonnenuntergang unheimlich schnell dunkel wurde, sondern weil tatsächlich keine öffentlichen Gebäude mehr angestrahlt werden. Das fanden wir prima, vor allem, weil hierzulande zwar seit Monaten vom Stromsparen geredet wird, aber rein praktisch gar nichts passiert. Seufz.

Nach einem Abendbrot, bei dem wir uns sehr viel Zeit gelassen hatten, weil immer noch so viel Zeit rumzubringen war, gingen wir zurück zum Bahnhof, holten die Rucksäcke aus den Schliessfächern und guckten uns ein bisschen an, was zu später Stunde noch los ist auf dem Bahnhof.

Internationales Treffen der Hochgeschwindigkeitszüge. ♥

Schlimm müde waren wir noch nicht, aber doch ganz froh, als unsere Betten in Sicht kamen.

Man muss nur unbedingt den richtigen Wagen nehmen, nicht, dass man am nächsten Morgen in Budapest aufwacht statt in Venedig. ;-)

An Bord herrschte Klassenfahrtstimmung.

Der Ähämann und die Herren Maus hatten ein Männerabteil, das Fräulein Maus und ich mussten uns das Abteil mit noch einer Frau – wir hatten aber sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt sehr sympathische Mitfahrerinnen – teilen. So ein Schlafwagenabteil ist wirklich eng, und noch bevor jeweils drei Personen sich und ihr Gepäck sortiert und irgendwie verstaut hatten, lief die Schlafwagenschaffnerin – es gibt tatsächlich zwei Schlafwagenschaffner*innen pro Waggon bei der ÖBB! – fröhlich „Wolln’s a Prosecco?“ rufend von Abteil zu Abteil. Das war sehr lustig, vor allem, wenn man bisher ausschliesslich in Finnland Nachtzug gefahren ist.

Ausserdem wurden die Fahrkarten eingesammelt und Formulare zum Ankreuzen der Frühstückswünsche, Schlüsselkarten sowie Tüten mit Wasserflasche, Schlafmaske, Handtuch, Hotelpantoffeln und Ohrenstöpseln ausgeteilt.

Dann liessen wir uns in den Schlaf schaukeln.

Um sieben klopfte die Schaffnerin an und fragte höflich, ob sie das Abteil umbauen soll, so dass wir auf dem unteren Bett sitzen und am Klapptisch essen könnten, aber wir drei entschieden uns nach kurzer Beratung, die sich vor allem darum drehte, wie wir so schnell unseren Krempel aus den Betten kriegen und wohin unser Gepäck stopfen sollten, einstimmig für Frühstück im Bett.

Wir waren übrigens sehr begeistert davon, dass es echtes Besteck und echtes Geschirr – Kaffeebecher aus Kahla-Porzellan! – und Honig und Marmelade in Gläschen gab und fast kein Müll anfiel.

(Die Hotelpantoffeln und die Schlafmasken haben wir in der Hoffnung, dass sie dem nächsten Reisenden in die Tüte gepackt werden, im Zug gelassen. Die Handtücher bekommen ein zweites Leben im Hort.)

Als wir das Rollo hochzogen, sahen wir Palmen in Morgennebel. Und Häuser, die keinen Zweifel daran liessen, dass wir  uns in Italien befanden.

Dann hielt der Zug ein letztes Mal in Mestre, und als wir über den Damm in die Lagune hineinfuhren, konnten wir durchs Zugfenster schon die ersten Häuser von Venedig sehen.

Und dann waren wir da. Keine zweieinhalb Tage nach Abfahrt in Finnland standen wir in Venedig auf dem Bahnhof.

Früh halb neun, und die Luft war warm und feucht und das Licht ganz hell und weiss, obwohl sich die Sonne gerade erst durch den Dunst zu kämpfen begann. Wir standen und staunten und hatten keine Eile. Erst als sich alle Passagiere zerstreut hatten, verliessen auch wir den Bahnhof.

Wenn man die Bahnhofstreppen hinuntersteigt, steht man direkt am Canal Grande, auf dem um diese Uhrzeit morgendlicher Berufsverkehr herrschte: Linienboote, Paketausträgerboote, Polizeiboote, Krankenboote mit Blaulicht, Boote voller Obst und Gemüse, die Müllabfuhr…

Es gibt ein Foto, auf dem stehen die Kinder und ich auf den Bahnhofstreppen, und uns allen vieren steht diese völlig ungläubige Verwunderung ins Gesicht geschrieben, die wir bei diesem Anblick, auf den wir nicht unvorbereitet waren, aber der doch alle unsere Erwartungen übertraf, empfunden hatten.

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(1) Turku-Stockholm-Hamburg
(2) Hamburg-München-Venedig
(3) Venedig: Gassen, Kanäle und Boote aller Art
(4) Venedig: Busfahren und im Mittelmeer baden
(5) Venedig: Wolkenkratzer und Sargschränke
(6) Venedig: Don Camillo & Peppone, geflügelte Löwen und jede Menge Wäscheleinen
(7) Venedig-München-Berlin
(8) Berlin, Berlin
(9) Berlin-Stockholm-Turku


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Mit dem Zug nach Venedig (1): Turku-Stockholm-Hamburg

„Möchtest du vor den Herbstferien wieder zeitiger gehen?“, hatte die beste Chefin, mit der ich mir normalerweise die Zeit so aufteile, dass sie kurz nach vier ihre Kinder abholen geht und ich bis um fünf bleibe, gefragt. Musste ich nicht. Diesmal reichte es, halb acht in den Bus zu steigen und zum Hafen zu fahren.

Wir hatten sogar zu Hause noch Abendbrot gegessen und Zähne geputzt, um auf dem Schiff gleich ins Bett fallen zu können. Aber kurz noch gucken, wie die „Grace“ ablegt und sich zwischen dem Badehäuschen auf der einen Insel und den kleinen Häusern auf der gegenüberliegenden Insel aus der Hafeneinfahrt schiebt, mussten wir trotzdem.

Am nächsten Morgen klingelte der selbst gestellte Wecker um halb sieben. Wir hatten Glück, denn zwischen den vielen Kreuzfahrtpassagieren hatte man uns offensichtlich vergessen und uns weder per Durchsage noch An-die-Tür-Hämmern geweckt, und wir konnten mindestens 20 Minuten länger schlafen als man in Stockholm das Schiff verlassende Passagiere sonst schlafen lässt. Wir löffelten im Bordcafé jeder einen Teller Haferflocken Puuro zum Frühstück, um genug Kraft für den anstehenden Weg zum Bahnhof zu haben, schulterten die Rucksäcke und verliessen im Morgengrauen das Schiff.

Falls ich letztes Jahr behauptet haben sollte, durch Tallinn würde der schönste Weg zum Bahnhof führen, so steht dem der Weg durch die Stockholmer Altstadt nicht viel nach. Besonders, weil sich früh um acht noch keine Touristenmassen durch die Gassen wälzen. Wir hatten drei Stunden Zeit, liefen ein bisschen kreuz und quer, fragten uns, ob der König noch schläft, ärgerten uns über Baustellen – Ich. Kann. Keine. Baustellen. Mehr. Sehen! – und assen ein zweites Frühstück.

Dann liefen wir zum Bahnhof und bestiegen einen X2000 – der ja nun schon ein bisschen älter ist, aber dessen Neigetechnik zusammen mit der Strecke durch Wald, Moor und zwischen Seen immer noch so beeindruckend ist wie 2015 – und rauschten in viereinhalb Stunden nach Malmö. So viel besser als mit dem Auto!

In Malmö mussten wir umsteigen, um diesmal in der unteren Etage über die Öresundbrücke zu fahren. In Kopenhagen kauften wir auf dem Bahnhof schnell ein bisschen Proviant nach und bestiegen einen Zug nach Hamburg.

Der dänische Schaffner begrüsste die Fahrgäste dreisprachig mit den Worten: „Wenn Sie keine Platzreservierung haben, müssen Sie sich einen freien Platz suchen. Da Sie aber keinen freien Platz finden werden, werden Sie stehen müssen“ (wir hatten eine) und sagte in am Ende minütlichen Abständen durch, wie lange es noch bis Padborg, dem letzten Halt vor der deutschen Grenze, dauert, und dass ab dort dann Maskenpflicht besteht, was sehr witzig (und völlig sinnlos) war, weil wir im ganzen, bis auf den letzten Platz belegten Zug die einzigen waren, die auch schon vorher Maske getragen hatten.

Am schönsten war, über die Brücke über den Grossen Belt und über die Modellbahnanlage zu fahren.

Als wir bei letzterer ankamen, war es leider schon ziemlich dunkel und wir sassen zudem auf der ungünstigeren Seite, also der Aussenseite der Schleife, aber es war trotzdem ziemlich beeindruckend, wie die Lichter Rendsburgs immer weiter unter uns zurückblieben. „Das ist ein bisschen wie beim Landeanflug im Flugzeug“, sagte das Fräulein Maus. „Oder auf einer Achterbahn“, sagte ich, was mir das Gelächter dreier Kinder einbrachte: „Aber Mama, eine Achterbahn ist ja wohl ein bisschen schneller!“ Na gut.

Kurz nach acht kamen wir in Hamburg an, kurz nach neun fielen wir in unsere Hotelbetten. Die schwankten und ruckelten allerdings ein bisschen komisch .

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(1) Turku-Stockholm-Hamburg
(2) Hamburg-München-Venedig
(3) Venedig: Gassen, Kanäle und Boote aller Art
(4) Venedig: Busfahren und im Mittelmeer baden
(5) Venedig: Wolkenkratzer und Sargschränke
(6) Venedig: Don Camillo & Peppone, geflügelte Löwen und jede Menge Wäscheleinen
(7) Venedig-München-Berlin
(8) Berlin, Berlin
(9) Berlin-Stockholm-Turku


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Noch einmal schlafen

Nachdem wir die geplante Reise zwei Herbstferien lang wegen Corona verschoben haben, ist es nur logisch, dass der kleine Herr Maus uns jetzt kurz vorher – zum Glück ausreichend lange vorher! – die Seuche eingeschleppt und innerhalb von anderthalb Tagen das Fräulein Maus, den grossen Herrn Maus und mich – der Ähämann hat mit zwei Impfungen, einer Infektion und einer weiteren Impfung offenbar so eine Art Superimmmunität – angesteckt hat. Wir sind alle glimpflich davongekommen, aber ich fühle mich immer noch ziemlich schwach und hoffe, dass sich das demnächst noch gibt, denn wir müssen und möchten viel laufen in den nächsten zehn Tagen.

(Wenn wir zurück sind, geht es gleich los mit dem diesjährigen Adventskalenderverkauf, falls sich das jemand schon mal in den Kalender schreiben möchte.)