Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Geschichte zum Anfassen

Weil es letzten Sommer im Tallinner Freilichtmuseum so schön war und wir auf dem weitläufigen Gelände ungefähr nur die Hälfte aller Häuser anzugucken geschafft hatten, gingen wir auch diesmal wieder hin.

Vor allem waren wir gespannt, ob das Mehrfamilienhaus aus Sowjetzeiten, das sich letztes Jahr noch im Bau befunden hatte, jetzt besichtigt werden könnte. Konnte es. Und allein dort hätte man mehrere Stunden zubringen können.

Jeden einzelnen Raum in den vier Drei-Zimmer-Wohnungen, die verschiedene Jahrzehnte – sowohl vor als auch kurz nach der Wende – repräsentieren, kann man betreten, und jede dieser Wohnungen sieht aus, als wäre vor fünf Minuten noch jemand dagewesen. Man darf in Küchenschubladen kramen, in Schulheften blättern, in die Kleiderschränke gucken, und man kann auf kleinen Bildschirmen zugucken, wie die Familie Geburtstag feiert oder wie die Familienmitglieder über ihren Alltag erzählen.

Diese Zeit ist bis heute ein sehr wunder Punkt in der Geschichte Estlands. Schön, dass sie im Museum trotzdem nicht ausgespart wird.


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Auslandsreise, verantwortungslose

Seit Monaten, wenn man den Verlautbarungen der entsprechenden Behörden und der finnischen Presse Glauben schenkt, kommen sämtliche neuen Coronafälle in Finnland aus dem Ausland, und wer jetzt ins Ausland reist, verhält sich höchst verantwortungslos.

Nun ist es so, dass ich mich durchaus privilegiert fühle, die Pandemie in Finnland aussitzen zu können. Es gibt hier keine Panikmache, keinen Impfneid, einen Coronatesttermin zu bekommen ist denkbar einfach und mit den Impfungen geht es auch voran, und zwar ohne dass man seine Ellenbogen einsetzen muss. Die Schulen waren fast durchgängig geöffnet, und wenn nicht, kam der Distanzunterricht so nahe an Präsenzunterricht heran, wie man es sich nur wünschen kann. Wir hatten nie Ausgangssperren, durften uns zu jeder Zeit im ganzen Land – bis auf die drei Wochen, in denen Uusimaa abgeriegelt war – frei bewegen und haben wunderbare Ausflugs- und Reiseziele in der finnischen Natur.

Aber Finnland ist eben doch überall Finnland. Schon seit den ausgefallenen Herbstferien hatten wir Estlandweh, und nach fast einem Jahr war die Sehnsucht nach Tapetenwechsel fast übermächtig geworden.

Wir packten die erstbeste Gelegenheit beim Schopf und bestiegen letzten Dienstag gemeinsam mit den zur Konfirmation angereisten (und zum Glück schon voll geimpften) Grosseltern ein Schiff nach Tallinn.

Unser Verständnis für Reiserestriktionen ist mittlerweile aufgebraucht. Seit anderthalb Jahren trägt unsere Familie Maske – auch da, wo wir nicht müssten. Seit anderthalb Jahren haben wir kein Museum, keine Schwimmhalle, kein Restaurant von innen gesehen – auch dann nicht, als wir es gedurft hätten. Seit anderthalb Jahren können wir die Gelegenheiten, an denen wir oder die Kinder Freunde getroffen haben, an zehn Fingern abzählen – obwohl es hier nie strenge Restriktionen gab, wie viele Haushalte und wie viele Personen sich treffen dürfen. Seit Juni dürften wir wieder Karaoke singen in Bars und auf Konzerte mit hunderten von anderen Leuten gehen – aber ins estnische Moor wandern gehen dürfen wir nicht?!

(Bezeichnenderweise drängelten sich auf der Fähre die Finn*innen, die eine Quarantänefreie Kreuzfahrt ohne Landgang machten, im Tax-Free-Shop und am Buffet, während wir die zwei Stunden Überfahrt in beide Richtungen auf dem Sonnendeck absassen. Und wenn es dann auf einem dieser Schiffe, wie letztes Wochenende auf der „Baltic Princess“, die zwischen Turku und Stockholm pendelt, unter den Kreuzfahrern zu einem Covid-19-Ausbruch kommt, dann wird das auch noch den Auslandsreisenden angelastet. Ich erwähnte schon, dass mein Verständnis für Reiserestriktionen aufgebraucht ist?!)

Tallinn war tatsächlich noch leerer als im letzten Jahr. Es fehlten nicht nur die Touristen, sondern auch die Tallinner selbst, denn sie hatten zwei aufeinanderfolgende Feiertage: den Siegestag am 23. und Mittsommer am 24. Juni. Es fiel nicht schwer, den Anweisungen der finnischen Gesundheitsbehörde – „Im Ausland besondere Vorsicht walten lassen!“ – Folge zu leisten. Wir spazierten durch menschenleere Gassen, die wir uns nur mit Tauben und Möwen teilen mussten, und assen auf Terrassen. Zudem sinkt die estnische 14-Tages-Inzidenz, die sich irgendwann im Winter bei schwindelerregenden 1500 befunden hatte, seit Wochen rapide und ist kaum noch höher als die finnische.

Ich badete in heisser Luft und freute mich am ersten echten Sommergewitter seit Jahren, das zur Mittagszeit den Himmel verdunkelte, die Gassen in Bäche verwandelte, über Gullydeckeln gewaltige Strudel erzeugte und nach einer Stunde der Sonne den Platz wieder räumte. Der Ähämann und ich überliessen einen Abend die Kinder den Grosseltern und gingen im Spätabendsonnenschein aus. Und weil es in Tallinn so leer war, reifte gleich der nächste Reiseplan.

Der dreitägige Ausflug endete offiziell erst gestern mit dem Freitesten aus der Quarantäne.
Wir sind erwartungsgemäss alle negativ – aber wenn wir uns angesteckt hätten, dann garantiert nicht bei unserer verantwortungslosen Auslandsreise, sondern beim Konfirmationsgottesdienst, wo wir dicht an dicht mit rund einhundert grossteils nicht-masketragenden Angehörigen der anderen Konfirmand*innen in der kleinen Kirche sitzen mussten. Ich wünschte, die Leute würden ihren Verstand benutzen, statt Sündenböcke zu suchen.


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Gelegenheiten beim Schopfe packen (2)

Dieser Sommer war der der beherzt ergriffenen Gelegenheiten. Auch von Gelegenheiten, die Corona erst möglich gemacht hat.

Die „Baltic Queen“ zum Beispiel, die sonst als Fährschiff von Tallinn nach Stockholm fährt, fuhr in diesen Sommerferien stattdessen zwischen Tallinn und Turku, ebenfalls komfortabel über Nacht.

Es ist ja nicht so, dass wir nicht schon genug Schiff gefahren wären in diesem Sommer. Aber manche Gelegenheiten kann man sich einfach nicht entgehen lassen.

Und so bestiegen wir vier Tage nachdem wir aus Island zurückgekommen waren, schon wieder ein Schiff und fuhren für vier Tage nach Tallinn.

Ich habe noch nie so ein leeres Tallinn erlebt. (Noch nicht mal im November.) Nicht einmal die Stricksachenverkäuferinnen an der Stadtmauer waren da. (Etwas, das ich ebenfalls noch nie erlebt habe.) Der kleine Herr Maus war traurig, denn er hatte sich in Island in einen Wollpulver mit Papageientauchern verliebt, der ihm leider schon mindestens eine Nummer zu klein war, und wir hatten ihm versprochen, dass er sich, wann immer wir das nächste Mal in Tallinn wären, er sich dort einen aussuchen dürfe.

Wir verbrachten unsere Zeit coronakonform mit ausgedehnten Spaziergängen ausserhalb des Stadtzentrums. Tallin hat auch ein Citymoor! Und das Tallinner Freilichtmuseum ist so weitläufig wie alles in Estland – wo sogar die Häuser von Plattenbausiedlungen so weit auseinanderstehen, dass anderswo noch zwei Blocks dazwischenpassten – dass wir uns hinterher fühlten wie nach einer langen Wanderung.

Wir stockten unsere Vorräte an Rhabarberlimonade, Britakuchen und preiswertem  Verbandsmaterial – der kleine Herr Maus, der Stuntman der Familie, hat da einen recht hohen Verbrauch – auf, und das Fräulein Maus verfiel in einen Schreibwarenkaufrausch, weil sie das ja nicht kennt, dass man Stifte und Hefte für die Schule selber kaufen muss und die dann kurz vor Schulbeginn in Hülle und Fülle im Supermarkt angeboten werden.

Wir waren eigentlich ein bisschen urlaubsmüde. Aber wir haben es so genossen!

Es war gut, auch diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt zu haben. Denn wer weiss, ob wir in diesen Herbstferien nach Estland fahren können. Als wir zurückkamen, fingen die Infektionszahlen in Finnland gerade wieder an zu steigen.


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Reiserückblick: Blindheiten und schwarze Schafe

Obwohl diese merkwürdigen Sommerferien, die sich gleichzeitig unendlich lang und fürchterlich kurz angefühlt haben, seit gestern vorbei sind, hier noch ein allerletzter sehnsüchtiger Blick zurück nach Island.

Lustige Verkehrszeichen haben sie da nämlich auch.

Achtung, Vögel auf der Strasse! Sehr sympathisch.
(Die Vögel, die auf dem l, n und d sitzen…! ♥)

Strassenbelag endet. Juhuu!

Sichtbehinderung. Eine an der anderen, zumindest auf sämtlichen Nebenstrassen. Damit’s einem nicht langweilig wird beim Fahren.

Einspurige Brücke. Ebenfalls eine an der anderen, auch auf grossen und wichtigen Fernverkehrsstrassen. Macht aber nichts, ist ja sowieso nichts los auf den Strassen. Das Leben einer isländischen Brücke ist unter Umständen sehr kurz, da betreibt man bei ihrem Bau lieber nicht mehr Aufwand als unbedingt nötig.

Achtung, Schafe! Es fehlt allerdings ein Schaf, denn üblicherweise sind die isländischen Schafe in Dreiergrüppchen unterwegs: eine Mutter mit zwei Lämmern.

Richtgeschwindigkeit. Isländische Richtgeschwindigkeiten verdienen, obwohl sie kein anderes Schild haben als anderswo, eine eigene Erwähnung, weil sie so passend sind. Wenn 50 km/h dransteht, kann man auch wirklich mit 50 km/h durch die Kurve fahren, dann wird auch hinter der Bergkuppe nichts unerwartet Schlimmes auftauchen. Wenn 10 km/h dransteht, sollte man sich tunlichst dran halten.

Entfernungsangaben. Entfernungsangaben sind ja generell im Norden eine Klasse für sich. Wenn man die 270 km entfernte Stadt Seyðisfjörður mit dem Überseehafen erreicht hat, entpuppt sie sich als Ansammlung von fünfzehn Häusern. Die beiden Einbahnstrassen, die an verschiedenen Seiten um diese fünfzehn Häuser herumführen, dienen, wenn einmal in der Woche ein Passagierschiff anlegt, als Wartespuren vorm Check-in bzw. als Ausfahrt für die vom Schiff rollenden Fahrzeuge.

Ab hier nur mit Allradantrieb. Schade.


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Reiserückblick: Feuer und Eis

Wir dachten ja, wir hätten schon mal den einen oder anderen Gletscher gesehen.

Aber das war, bevor wir den Vatnajökull und seine zahlreichen Ausläufer zu Gesicht bekommen hatten.

Das Wetter war nicht das Beste. Die Berge hingen in den Wolken. Aber immer mal lichtete sich der Nebel und gab den Blick frei auf gewaltige Gletscherzungen, die fast bis zum Meer herunterreichten.

Wir lernten, wie verheerend – man hätte es sich natürlich denken können, aber wann denkt man schon über sowas nach?! – so ein Vulkanausbruch unter einem Gletscher ist. Welche gewaltigen Überschwemmungen das gibt, wenn das dabei geschmolzene Gletschereis zum Meer strömt und alles mitreisst, was ihm in den Weg kommt.

Wir lasen von einem Bauern, der nach einem Ausbruch des Katla sich und seinen Säugling dadurch rettete, dass er auf einen vorbeitreibenden Eisberg aufsprang. Und wir sahen die verbogenen Überreste einer Brücke, die erst 1996 durch einen einem Vulkanausbruch folgenden Gletscherlauf völlig zerstört wurde.

Wir fuhren mehr als hundert Kilometer lang durch eine flache, schwarze, von Wasserläufen durchzogene Sanderlandschaft, die sich bis zu 30 Kilometer breit zwischen Bergen und Küste erstreckt, und passierten dabei Brücken, an denen gerade gearbeitet wurde, oder Brücken, die hundert Meter neben mehr oder weniger sichtbar zerstörten Brücken ganz neu errichtet waren, und ja, es wird einem durchaus ein bisschen mulmig zumute, wenn man weiss, dass jeder Vulkan dort jederzeit wieder ausbrechen kann.

Wir lernten, dass vermutlich ein isländischer Vulkan die französische Revolution ausgelöst hat. Denn bei seinem letzten, ein halbes Jahr dauernden Ausbruch im Jahr 1783 wurden eine so große Aschewolke und soviel saurer Regen auf der ganzen Nordhalbkugel verteilt, dass es in vielen Ländern mehrere Jahre hintereinander Missernten gab, und der Rest ist, nun ja, Geschichte. Inzwischen ist auch die Lava dick bemoost.

Und dann dachten wir natürlich auch, wir hätten schon mal einen Gletschersee gesehen.

Aber das war, bevor wir die Gletscherseen des Vatnajökulls kennenlernten. Auf denen schaukeln ganze Eisberge, und die Luft riecht auch im Hochsommer nach Winter. Über den stilleren der beiden tuckerte gemächlich ein Schlauchboot, das neben Gletscher und Eisbergen nicht mal aussah wie eine Nussschale, sondern allenfalls wie ein Kirschkern. Die Kinder – zum Glück geht ein Finne nirgendwohin ohne seine Gummistiefel! – fischten sich Eisbrocken aus dem milchigen Wasser, die aussahen wie geschliffenes Kristall. Und nicht einmal der kleine Herr Maus fragte, ob er baden dürfe. ;-)

Aus dem anderen Gletschersee, dem mit dem Touristenrummel, treiben die Eisberge unter einer Brücke hindurch ins Meer. Ein paar von ihnen aber stranden malerisch auf schwarzem Sand.

Lange standen wir einfach nur da und konnten uns nicht sattsehen.

Island ist völlig masslos.


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Reiserückblick: Samstagabend auf einem isländischen Zeltplatz

Dass wir in Island zelten würden, war selbstredend klar.

Nicht, weil wir so versessen aufs Zelten wären – aber es ist eben schon sehr praktisch und auch sehr schön für solche Art Urlaube.

Ausserdem ist es preiswert.

Apropos. Island ist ja angeblich unglaublich teuer. So wie Norwegen, nur noch drei Stufen schlimmer. Aber wir haben mit unserem finnischen Preisgefühl schon vor drei Jahren in Norwegen nur unverständig mit den Schultern gezuckt, und diesmal war es eigentlich so ähnlich. Lebensmittel kosten in Island genau gleich viel wie in Finnland. (Und lustigerweise gibt es in den Läden oft exakt die gleichen Dinge zu kaufen wie hier – die einzige Sorte Apfelmus aus Belgien oder finnische Lachspaste oder den Multivitaminsaft von der Billigmarke.) Benzin auch. Die beiden Edelthermalbäder, die wir besuchten, waren zwar tatsächlich horrend teuer, aber es gab gerade 25% Rabatt, zur Wiederankurbelung des Tourismus. Die kleinen Schwimmbäder waren, vor allem auch, weil die Kinder alle drei oder zumindest die Herren Maus freien Eintritt hatten, viel billiger als in Finnland. Essen gingen wir nur ein Mal ein Reykjavík, das war preislich okay, und Kaffee und Kuchen (es gibt Bäckereien in Island!!!) waren so teuer wie hier.

Natürlich hatten wir uns auch aus Kostengründen fürs Zelten entschieden, und das war in Island unerwartet preiswert. Egal ob man mit Wohnmobil, mit Zelt, mit oder ohne Auto anreist – bezahlt wird pro Person, und zwar üblicherweise pro Person über 15 und nicht mehr als 10 €. Und die Zeltplätze waren alle richtig, richtig toll: schön gelegen und prima ausgestattet – in den letzten Nächten wussten wir vor allem die mit den warmen und trockenen Aufenthaltsräumen zu schätzen – und angenehm leer. (Nur an der Grösse mancher Zeltplatze konnte man erahnen, was in anderen Jahren da los sein muss.)

Es gibt natürlich immer die berühmte Ausnahme. Aber was für eine!

Wir hatten recht schnell und wenig überraschend herausgefunden, dass die besten Zeltplätze nicht direkt an der Ringstrasse liegen, sondern hinter mehr oder weniger langen mehr oder weniger schwierig zu befahrenden Nebenstrassenabschnitten.

Die Rezensionen des Zeltplatzes auf GoogleMaps jedenfalls versprachen… äh… Abenteuer:

„Der Campingplatz ist auf alle Fälle für alle super, die gerne spannende Strecken fahren, idealerweise mit 4×4 und keine schreckhaften Beifahrer.“

Die Strasse führte sehr abenteuerlich acht Kilometer lang durch wunderbare Landschaft. Sie strotzte von uneinsehbaren Stellen, sehr scharfen Kurven, sehr steilen Steigungen, rutschigem Fahrbahnbelag und tiefen Schlaglöchern. Bestimmt wären am Ziel ausser uns noch fünf Personen, dachten wir. Allerdings hätte es uns auch gleich stutzig machen müssen, was für ein Verkehr in dieser Sackgasse abends um neun noch herrschte, vom auch für den Marseinsatz geeigneten Geländewagen bis zum Renault Clio. (Letzteres beruhigte uns ein bisschen.)

Als wir eine kleine Hochebene passiert sowie einen Gletschersander durchfahren hatten und am Ende eines engen Felstales und somit am Zeltplatz angekommen waren, staunten wir nicht schlecht: der Zeltplatz war gerammelt voll, und es herrschte Volksfeststimmung: von überall dröhnte Musik, es wurde gegrillt und Wikingerschach gespielt, im Bach kühlten Bierdosen, Kinder kletterten an allen erdenklichen Stellen die fast senkrechten Berghänge hoch.

Ich musste eine Weile überlegen, was für ein Wochentag war, und noch länger, auf welchem Zeltplatz wir denn am Samstag eine Woche zuvor gewesen waren, und dann begriff ich, dass die Isländer vermutlich samstagnacht gern Party auf dem Zeltplatz machen.

Wir quetschten uns zwischen ein marsgängiges Geländefahrzeug und eine Gruppe junger Frauen, die mit einem Kleinwagen angereist waren und sich, ihrer Ausrüstung nach zu schliessen, auf eine lange Partynacht eingestellt hatten. Die Kinder erstürmten sofort, dem Beispiel der isländischen Kinder folgend, die Berghänge.

(Auf halber Höhe kehrten sie nochmal um und tauschten die Gummistiefel gegen Wanderschuhe. Dann nahmen sie die Sache systematischer in Angriff, stiegen am einen Ende hoch, machten eine kleine Kammtour, während der sie immer wieder als kleine Pünktchten zu uns herunterwinkten, und kamen auf der anderen Seite des Zeltplatzes wieder herunter. Mein Herz blieb nur deshalb nicht stehen, weil ich weiss, dass sie gelernt und auch schon unter Beweis gestellt haben, sich sicher in den Bergen zu bewegen. Als ich neulich den kleinen Herrn Maus befragte, was denn in Island am schönsten gewesen sei, antwortete er: „Auf die Berge da an dem Zeltplatz zu klettern und da oben rumzulaufen.“ ♥)

Ich setzte Wasser für ein Fertignudelgericht auf. Der Ähämann ging bezahlen und kam mit der saftigsten Rechnung zurück, die wir auf der ganzen Reise fürs Übernachten bezahlen mussten: dafür hätten wir anderswo drei Nächte bleiben können. Es war dort nicht nur teurer als anderswo, sondern wir mussten auch für vier Personen zahlen, weil nur Kinder unter 10 frei waren. Vielleicht war’s auch Landschafts- oder Abenteuer- oder einfach Samstagszuschlag, wer weiss.

Apropos Party. Dass es noch im Lauf des Abends empfindlich kalt wurde – es war eine der Nächte, in denen ich mit Mütze schlief – tat der Partystimmung übrigens keinen Abbruch. (Eine der Frauen neben uns zog sich schon gleich zu Beginn des Abends erstmal so einen Eisangeloverall über.) Aber Punkt Mitternacht war Ruhe. Schlagartig und vollkommen.

Wir schliefen wie die Ratze. Samstags auf einem isländischen Zeltplatz unter zweihundert Isländern.

„Leider muss man den selben Weg zurück“, hatte in einer anderen Rezension gestanden. Das zitierten wir am nächsten Vormittag ausgiebig, während wir alle fünfzig Meter hofften, dass uns nicht gerade jetzt jemand entgegenkäme, uns aber gleichzeitig unbändig darüber freuten, genau den selben Weg nochmal zurückfahren zu dürfen.


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Reiserückblick: Kontinentaldrift zum Anfassen

Eines der grossartigsten Dinge, die wir in Island gemacht haben, war ein Spaziergang zwischen zwei Kontinenten.

Dabei war es dort landschaftlich und wandertechnisch eher unspektakulär.

Der Ort ist zwar auch historisch wichtig, denn dort tagte das erste isländische – das zweitälteste der Welt! – Parlament. (Wir waren an einem Samstag dort, und wir hatten das Gefühl, es ist so eine Art Wallfahrtsort für die Isländer, denn es waren, im Vergleich zu allen Orten vorher, richtig viele Leute dort. Sogar eine Hochzeit fand dort statt.) Aber das Parlament hätte sich damals ja auch auf irgendeinem anderen geeigneten Berg versammeln können.

Aber durch eine Schlucht zu laufen und zu wissen, rechts ist Amerika, links Europa, und immer noch bewegen sich diese Felswände jedes Jahr zwei Zentimeter weiter auseinander, das ist schon irgendwie schwer zu toppen.

Grüne Grenze zwischen Europa und Amerika

Nur der kleine Herr Maus war ein bisschen enttäuscht: er hatte gehofft, er könne durch die Spalte ins Erdinnere gucken.


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Reiserückblick: Eine kleine, bunte Hauptstadt

Nach über einer Woche unter extrem wenig Menschen war es fast ein Kulturschock, wieder in einer Stadt zu sein.

Zum Glück ist Reykjavík klein. Ganz Island hat nicht viel mehr Einwohner als meine Geburtsstadt (hatte), und Reykjavík nicht viel mehr als Jena.

Und es ist eine Hauptstadt aus lauter kleinen, bunten Häuschen!

Sogar die Raketenkirche Halgrímskirkja, die auf jedem Foto von Reykjavík zu sehen ist, ist viel kleiner als ich erwartet hatte.

Dafür hat man von ihrem Turm einen wunderbaren Blick über die ganze kleine, bunte Hauptstadt.

Wir übernachteten sogar auf einem Zeltplatz mitten in Reykjavík. Er war wunderbar ruhig, nicht anders als alle anderen Zeltplätze vorher.

Und in Reykjavík blühte der Flieder für uns zum zweiten Mal in diesem Jahr! ♥


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Reiserückblick: Heisses Wasser

In Island ist es ja nun mal zugegebenermassen nicht besonders warm, nicht mal im Sommer. Aber wir haben viel weniger gefroren als erwartet: erstens haben wir uns einfach entsprechend gekleidet – ja, man kann auch im Juli eine Mütze aufsetzen oder ein langes Wollunterhemd anziehen, das ist nicht verboten – und zweitens gibt es allüberall in Island heisses Wasser.

An manchen Stellen sickert es einfach so aus der Erde und wird dann zum Beispiel durch Rohrleitungen geschickt, um ganze drei Städte mit Fernwärme zu versorgen.

Oder es schiesst als Geysir aus der Erde heraus. (In diesen Löchern hätte ich gern mal ein Ei gekocht.)

Am besten aber ist es, wenn man darin baden kann.

Wir fingen unseren Urlaub direkt so an, in einem Thermalbad an einem See, wo man zwischen 38 Grad warmem Quellwasser und 8 Grad kaltem Seewasser hin und her wechseln konnte. Island schaukelte ganz fürchterlich unter unseren Füssen, wir fühlten uns von der viertägigen Reise und der Zeitverschiebung noch ein bisschen bedröppselt, und es hätte nichts Besseres geben können, als erstmal drei Stunden im warmen Wasser abzuhängen.

Drei Tage später, bei den „Pupsbergen“, badeten wir in türkisblauer Schwefelbrühe, die kochend aus den Bergen herausgelaufen kommt und zum Baden auf angenehme 38 bis 40°C heruntergekühlt wird.

Dann entdeckten wir die ganz normalen isländischen Schwimmbäder für uns.

Dass warmes Wasser im Überfluss vorhanden ist in Island, merkt man daran, dass es in jedem noch so kleinen Ort ein Schwimmbad gibt. Schwimmbäder sind in Island länger geöffnet als Lebensmittelläden! Das isländische Wort für Schwimmbad – sundlaug – hatten wir schnell gelernt. Die Kinder tippten es als Suchbegriff bei GoogleMaps ein und debattierten täglich nach Bekanntgabe der Reiseroute auf der Rückbank über die Attraktivität der Wasserrutschen und die Anzahl der heissen Becken und entschieden dann, an welchem Schwimmbad wir Halt machen würden.

Umkleideräume und Duschen sind in isländischen Schwimmbädern immer drin und schön warm, die Becken draussen. In jedem Bad gibt es mehrere Hotpots mit verschiedenen Wassertemperaturen von 38 bis 41°C, ein Kinderbecken mit 37°C und ein Schwimmbecken mit 32°C. Zusätzlich oft eine Sauna – die zwar nach unseren Massstäben eher lauwarm ist, aber man darf immerhin selbst Wasser auf den Ofen kippen – und oft auch eine Dampfsauna mit Dampf direkt aus der Erde, der allerdings recht schwefelig riecht, was dem Genuss ein kleines bisschen abträglich ist.

Als Ausländer wird man gleich beim Ticketkauf darüber belehrt, dass man sich unbedingt vor (!) dem Baden gründlich (!), mit Seife (!), ohne Badenanzug an (!) waschen muss. Das war uns Finnen natürlich nichts Neues, aber gut, die Isländer werden ihre Gründe haben, so vehement darauf hinzuweisen.

Sehr toll fand ich, dass man seine Schuhe schon vor dem Umkleideraum auszieht und einfach in ein grosses Regal stellt. Und dass es in den Duschen Shampoo und Duschbad gibt, für hinterher Föne, und am allertollsten fand ich die Acht-Sekunden-Schleudern für Badeanzüge. Nie wieder mit triefenden Badesachen heimgehen müssen! (Und wenn man zeltet, weiss man das nochmal doppelt zu schätzen.)

Für Kleinkinder gibt es in jedem Schwimmbad Babybadewannen zum Drinplanschen während des Duschens und Hochstühlchen zum Drinsitzen in der Umkleidekabine, ausserdem Schwimmflügel, deren Tragen obligatorisch ist. (Überhaupt sind sie da sehr hinterher – während es generell eher locker zugeht in den isländischen Bädern und die Bademeister nicht ständig „Nicht rennen!“, „Nicht springen!“ pfeifend durch die Gegend rennen, wurde der kleine Herr Maus zum Beispiel einmal gefragt, ob er denn schon zehn sei. Unter zehn dürfen Kinder nämlich nicht allein ins Schwimmbecken, egal, ob sie schon schwimmen können oder nicht.) In fast allen Bädern schwimmt irgendwelches Wasserspielzeug zur freien Verfügung im Schwimmbecken, und die Wasserrutschen waren grossartig: in Akureyri gibt es eine, in der man erstmal in einer Art Trichter einige Runden drehen muss, ehe man in das Rohr Richtung Ausgang gelangt!

Während hierzulande im Schwimmbad alle recht verbissen schwimmen oder aquajoggen, sitzen die Isländer hauptsächlich in Grüppchen in den Hotpots herum und reden angeregt. Das hat mich ein bisschen an unsere öffentlichen Saunas erinnert. Apropos Sauna: so ein richtig heisser Hotpot hat den gleichen Effekt – nach kürzerer oder längerer Zeit muss man sich unbedingt abkühlen – aber ich fand es noch besser als Sauna, weil man dabei den Kopf an der frischen Luft haben kann. In den kleinen Schwimmbädern gibt es übrigens überall gratis Kaffee, für nach dem Baden oder für während man im Hotpot sitzt. Da können sich die Weltmeister im Kaffeetrinken noch eine Scheibe abschneiden!

Teuer ist das Ganze übrigens auch nicht. Kinder zahlen in Island generell entweder gar nichts oder extrem wenig, und manchmal kamen wir alle fünf für unter zehn Euro ins Bad.

Und so beendeten wir unseren Urlaub genauso, wie wir ihn begonnen hatten: wir verbrachten den letzten Nachmittag in heissem Wasser – im gleichen Ort wie am ersten Tag, aber in einem anderen Bad. Denn manche Orte haben auch mehrere Schwimmbäder.

Während meine Begeisterung für die isländischen Schwimmbäder erst während des Urlaubs aufkam, hatte ich mir eine Sache schon vorher gewünscht: in einer natürlichen heissen Quelle baden.

Auch daran war kein Mangel.

Mitten auf einer blühenden Wiese in heissem Wasser zu sitzen, mit Blick auf schneebedeckte Berge und mit einem tosenden Wasserfall nebenan, war ein bisschen wie im Paradies. Und das abgefahrenste war, bei 9°C Lufttemperatur in einer Edelstahlwanne, die jemand mitten in die Landschaft gestellt hatte, in 44°C (!) heissem Wasser zu baden.

Wir haben nicht ein einziges Mal auf einem Zeltplatz geduscht, weil wir mindestens jeden zweiten Tag in einer heissen Quelle oder einem Schwimmbad baden waren. Und noch Stunden nach so einem heissen Bad fühlten wir uns wohlig warm. Mehr kann sich ein Camper in Island nicht wünschen.