Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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November-Tallinn

Als wir noch nicht lange in Turku wohnten, fuhren wir öfter mal nach Stockholm, für einen Tag oder ein Wochenende. Stockholm ist eine schöne Stadt.

Aber im Osten ist mehr Glitter es viel schöner. Und das Essen besser!

Der Wettkampf war leider saumässig nicht sehr gut organisiert, weswegen letztendlich das Fräulein Maus letzten Freitagvormittag schon mal mit ihren Trainerinnen vorfuhr und wir anderen ihr nach Schule und Arbeit sechs Stunden später mit dem selben Schiff hinterherfuhren. Wir verpassten, und das war wirklich traurig, ihren ersten Auftritt in der nicht so neuen Sportart.

Dafür hatten wir dann aber, und das war grossartig, das ganze Wochenende für uns.

Wir spazierten stundenlang durch die Tallinner Gassen, durch die sich im November glücklicherweise keine Touristenströme wälzen. Wir machten einen Grosseinkauf bei den Stricksachenverkäuferinnern an der Stadtmauer. Und stiegen auf die Stadtmauer. Wir assen sehr lecker russisch. Die Kinder hatten sich gewünscht, mal wieder in „das Museum, wo man so Sachen ausprobieren kann“ zu gehen. Leider war das damals nur eine kleine Wanderausstellung vom Tartuer „Ahhaa“, aber in einem Einkaufszentrum in Tallinn gibt es etwas Ähnliches, ein bisschen kleiner, da verbrachten wir zwei vergnügliche Stunden. Den Löwen Balthasar beluden wir mit Britakuchen, Rhabarberlimo, nicht-laktosefreiem Käse, georgischem Rotwein und preiswertem Benzin. (Den nächsten Ausflug nach Tallinn möchte ich komplett mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen. Aber wenn die Zeit so knapp ist, dass man sowieso mit dem Auto nach Helsinki fahren muss, dann lohnt es sich nicht, es am Hafen für viel Geld abzustellen, dann kann man es auch mitnehmen.)

Nur zum Strassenbahnfahren und für das „Strommuseum“ reichte die Zeit nicht mehr.

Müssen wir eben bald wieder hinfahren!


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Wochenende mit Herzchenaugen

Irgendwie hatten wir ja angenommen, des Fräulein Maus‘ Wettkampfkarriere sei zumindest vorläufig erstmal beendet.

Aber dann sassen wir Anfang Oktober in Rauma in einer Pizzeria und mein Handy piepste und die Trainerin des Fräulein Maus fragte, ob das Fräulein Maus eigentlich mitfahren wolle auf einen Wettkampf nach Tallinn, und das Fräulein Maus nickte mit funkelnden Augen und die Trainerin fragte, ob einer von uns Eltern mitkommen würde, und wir beschlossen spontan, alle fünf zu fahren.

Als ob wir uns eine Gelegenheit, nach Estland zu fahren, entgehen lassen würden! Und in Tallinn waren wir – abgesehen von den kurzen Besuchen bei den Wollsachenverkäuferinnen an der Stadtmauer auf dem Rückweg von unseren jeweiligen Herbsturlauben – schon ewig nicht mehr!

Ich quietschte vorfreudig, als der Ähämann uns eine Ferienwohnung in einem alten Holzhaus aufgetan hatte, und es war dann genauso schön, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Von aussen, zugegeben, eher eine Bruchbude, die vor allem dem grossen Herrn Maus ziemlich suspekt war. Und man fragt sich, warum das Ding unter Denkmalschutz steht. Also natürlich nicht. Aber warum keiner was dran tut. Es ist aber so, dass in Estland allüberall unter Hochdruck höchst futuristisch neu gebaut und Altes wunderbar renoviert wird. Aber es dauert eben. Und für manches ist vielleicht auch einfach kein Geld da, obwohl ich noch nie so viele tolle von der EU finanzierte Projekte gesehen habe wie in Estland.

Jedenfalls lieben wir Estland sehr dafür, dass es nicht so ein gelecktes Urlaubsland ist, dass sich da überall Altes neben Neuem, Verfallenes neben Restauriertem findet.

Wie auch bei unserer Ferienwohnung diesmal. Innen war sie höchst modern. Aber das grüne Treppenhaus…! Und der blaue Kachelofen…! <3

Kann jedes Hotel einpacken dagegen!


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Herbstferien, herbstliche

Als wir vor sechs Jahren zum ersten Mal die vier Tage Herbstferien unseres Schulkindes in Estland verbrachten, regnete es ziemlich viel und war so kalt, dass wir dicke Überhosen und Anoraks trugen, und als wir auf den sieben Meter hohen Findling kletterten, schneite es zum ersten Mal in jenem Herbst.

Ich fand das ganz normales Wetter für Mitte Oktober. Aber alle unsere Herbstferien danach waren ausgesprochen sonnig.

Bis zu diesem Jahr. Dieses Jahr regnete es und nieselte, es war neblig und finster und dabei seltsam warm, so dass wir uns unterwegs einer Schicht Wollsachen nach der anderen entledigten. Zwei Stunden schien die Sonne in den vier Tagen.

Es war eigentlich genau so, wie der Herbst sein muss.

Im Mökki den Kamin und die Sauna mit riesigen Holzkloben anzuheizen und Kerzen aufzustellen und in unser neues Lieblingsspassbad zu gehen, fühlte sich bei dem Wetter auch gleich nochmal viel besser an. Wir waren ganz allein am langen, breiten Strand und im weiten Moor. Ich freute mich, weil ich schon ewig keinen Nebel mehr gesehen hatte. Und das Rot der Moore und das Gelb der Laubbäume leuchteten im Herbstgrau besonders stark, als ob in jedem bunten Blatt eine kleine Sonne steckte.

Wanderweg de luxe: mit durchgängigem Rutschschutz!

Baden wäre nicht verboten gewesen – es gab sogar eine Leiter ins Wasser! – nur ins Wasser zu springen. Und erwähnte ich schon, dass ich Estnisch sehr niedlich finde?!


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Unter Flachländern

Neulich haben wir dann doch endlich mal den gläsernen Sarg neuen Schrägaufzug ausprobiert.

Am amüsantesten war, wie um uns rum alle Leute „Ah!“ und „Oh!“ und „Ganz schön steil!“ und „Mir ist schlecht, der fährt ja so schnell runter!“ riefen und die Herren Maus sich das ungläubig – „Hä?! Die sollen mal in die Schweiz fahren!“ – anhörten.

(Okay, manche Dinge sind schwer zu toppen. Aber selbst die Drahtseilbahn in Erdmannsdorf oder der Schrägaufzug in Schwarzenberg im heimatlichen Erzgebirge sind beeindruckender.)


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Grosse Estlandliebe

Der Finne an sich fährt ja hauptsächlich wegen des billigen Alkohols nach Estland.

Wir fahren wegen Britakuchen, Bananensaft, Johannisbeersaft – überhaupt Saft in Glasflaschen! – nicht-laktosefreier Kaffeesahne und Rhabarberlimo.

Wegen der vielen tollen Wanderwege, wegen der Ostsee, die auf der anderen Seite der Finnischen Bucht so ganz anders ist, wegen der winzigen Strässchen, die immer nur durch Wald und Wald und Wald führen, wegen kleiner Timur-und-sein-Trupp-Holzhäuschen, wegen der lustigen Verkehrsschilder, wegen der Sprache, die für jemanden, der Finnisch und Deutsch kann, wirklich niedlich ist, wegen Störchen und Kühen und vor allem deshalb, weil Estland nicht so ein gelecktes und für Touristen hergerichtetes Urlaubsland ist.

Hoffentlich bleibt das noch ganz lange so.


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Ein einsamer Strand

Es war uns schon in den Herbstferien vor zwei Jahren klar, dass dieser Strand im Sommer ganz wunderbar sein muss. (Damals wanderten wir eigentlich nur hin, weil wir den schiefen Leuchtturm sehen wollten.)

Der Strand ist nur mit 4,5 km – eine Strecke; und wenn man nicht den gleichen Weg zurückgehen will, sind es insgesamt 11 km – Fussmarsch über eine sandige Halbinsel zu erreichen, weswegen wir, obwohl es heiss und sonnig war, ganz allein dort waren.

Das Wasser war glasklar und fast karibikblau. Der kleine Herr Maus hielt beim Baden tapfer den verbundenen Arm in die Höhe, bis er die im Rucksack geschmolzene und zum Wiederfestwerden ins Meer gelegte Tafel Schokolade mit dem falschen Arm herausholte. Zum Glück hatten wir damit gerechnet und Wechselverbandszeug dabei.

Ganz an der Spitze der Halbinsel steht nicht nur der alte, langsam verfallende Leuchtturm, sondern es gibt da auch eine – wir haben gemessen – einen ganzen Kilometer ins Meer hineinragende schmale Landzunge, an deren Ende sich die Wellen gegenseitig in die Arme laufen.

Was für ein wunderbarer Ort! ♥


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Ein Leuchtturm in Schwarzweiss

Eigentlich wollten wir nur irgendwo essen gehen. Und vielleicht an einen Strand.

Dann fiel mir ein, dass es ja da diesen Leuchtturm auf dieser Halbinsel ganz weit draussen gibt, bei dem wir damals im Herbst nicht waren, weil man ihn nur im Sommer besichtigen kann. Also fuhren wir hin. (Zu essen gab’s da auch.)

Der Leuchtturm liegt so weit draussen, am allersüdlichsten Zipfel Estlands, dass wir, als wir dort ankamen, erstmal überhaupt keinen Handyempfang mehr hatten und dann die obligatorische Auslands-SMS – „Willkommen in Lettland!“ – bekamen. Tatsächlich ist es von da nach Lettland kürzer als bis zur nächstgelegenen estnischen Stadt.

Den Leuchtturm darf man, das freute uns besonders, besteigen, 248 dröhnende Stufen durch seinen hallenden Betonhals bis hinauf auf die schmale Plattform unterm Leuchtfeuer.

Gern wären wir noch bis zum Ende der Landzunge gelaufen, aber dann fiel uns leicht panisch ein – das vergisst man ja im Urlaub leicht – dass Samstag war und wir noch in die Apotheke mussten um neues Verbandszeug für den kleinen Herrn Maus zu kaufen. (Zum Glück aber sind die Läden in Estland ähnlich komfortabel geöffnet wie in Finnland.) Und eine noch viel schönere und vor allem weniger überlaufene* Landzunge setzten wir einfach auf den Plan für den nächsten Tag.


Also, „überlaufen“ im finnischen oder estnischen Sinn, ehe hier noch Missverständnisse aufkommen… ;-)


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Mökkileben

Uns war es eigentlich völlig egal, wohin in Estland wir fahren würden. Irgendwohin, wo noch ein Mökki für uns Kurzentschlossene frei wäre (und das Meer in der Nähe), und so landeten wir – und schliesslich war es vor zwei Jahren im Herbst schon so schön da – auf Saaremaa.

Mökkiurlaub ist super. Im Hochsommer in Estland genauso wie im Winter in Lappland.

Unser Mökki diesmal – eine ehemalige winzige Bauernkate – hatte leider ein paar… äh… bauliche Eigenheiten, die unseren Urlaub ein bisschen überschatteten. Der Ähämann stiess sich an den niedrigen Türen zu Küche und Bad mehrmals den Kopf, bis er fast eine Gehirnerschütterung hatte. Und der kleine Herr Maus rutschte gleich am ersten Abend durch einen Spalt zwischen mittlerer Saunabank und Saunaofen, und wenn das Fräulein Maus nicht so beherzt reagiert hätte, hätte er sich vielleicht noch mehr verbrannt als den ganzen Unterarm. Statt gemütlich in der Sauna zu sitzen fuhren wir also zurück in die 30 km entfernte Kleinstadt, wo wir in der Notaufnahme sehr freundlich und unkompliziert empfangen wurden und dem kleinen Herrn Maus im fast-mitternächtlichen Abendsonnenschein ein hübscher Verband mit Brandgel angelegt wurde. (Danke, liebe EU, für E 111!)

Aber sonst war es ganz wunderbar. Ausschlafen, Lesen, Heupferde beobachten, Abendbrot überm Lagerfeuer zubereiten, Nichtstun. Umgeben von Grillenzirpen, Kranichrufen, blassblauem Sommerhimmel und nachts aus den Wiesen steigendem Nebel wie im Schlaflied.


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Jede Reise beginnt auf dem Meer

Der Ähämann hatte noch ein paar Urlaubstage für die Sommerferien übrig. Und so haben wir die letzten vier Tage verbracht, wie wir solche kurzen Urlaube immer verbringen: in Estland.

Wie jede unserer Reisen beginnt auch jede Reise nach Estland auf dem Meer. Aber nicht am Badehäuschen auf Ruissalo vorbei, sondern durch die „Königspforte“ zwischen Vallisaari und Suomenlinna, durch die diese Riesenschiffe wirklich nur gerade so durchpassen, und wo ich im Winter immer mit der liebsten Freundin spazierengehe.

Die zweieinhalb Stunden Überfahrt von Helsinki nach Tallinn sind natürlich, wenn es heiss ist und die Sonne scheint und man auf dem Sonnendeck liegen und lesen und den billigem Alkohol hinterherjagenden „Kreuzfahrt“passagieren aus dem Weg gehen kann, sehr viel angenehmer als in den Herbstferien


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Reiserückblick (4): Noch höhere Berge

Das Roháče, der Hauptkamm der Westtatra, war mein erstes echtes Hochgebirge. (So mit sechs oder sieben.) In die Alpen kamen wir ja nicht, einen Ferienplatz in der Hohen Tatra ergatterten wir ein einziges Mal, und aus dem Plan, dass mein Vater mit mir irgendwann nochmal in den Kaukasus fahren würde, wurde dann auch nichts mehr. Ins Roháče kann man praktischerweise als Tagesausflug vom Lieblingsgebirge aus fahren. Das letzte Mal allerdings waren der Damals-noch-nicht-Ähämann und ich vor ungefähr zwanzig Jahren da.

Weder damals mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus in der Kiepe noch letztes Jahr, als wir nach vielen Jahren zum ersten Mal mit allen drei Mäusekindern wieder dort waren, fuhren wir hin, obwohl bei gutem Wetter seine granitschwarzen, gezackten, mächtigen Gipfel jedes einzelne Mal aus der Ferne laut rufen.

Nämlich. In den 1980er Jahren wurden der Zufahrtsweg zur Berghütte, an der alle Wanderwege anfangen, asphaltiert und zwei gigantische Parkplätze angelegt. Sie wurden nie in Benutzung genommen, die Strasse weit vorher für Autos gesperrt. Das Roháče ist ein Gebirge, in dem man eigentlich keine Touristen haben möchte. Auch keine zahlenden. Es wurde nicht, wie so viele andere slowakische Berge und ganze Gebirge, aus Naturschutzgründen gleich ganz gesperrt – aber es gibt da bis heute keine Seilbahn, keinen Sessellift, keinen Shuttlebus. Es ist ein Gebirge für Enthusiasten, die auch die 4 km Anmarsch auf asphaltierter, stetig steiler ansteigender Strasse nicht abschrecken kann.

Die Natur dankt. Das Roháče ist das wildeste Gebirge, das ich kenne.

Die Kinder machten die Asphaltlatsche klaglos mit, hoch wie runter. (Dabei hatten wir eingeplant, dass sie vielleicht veständlicherweise streiken würden.)

Vielleicht ahnten sie, dass es sich lohnen würde.

Ein bisschen sehnsüchtig schaute ich zu den ameisenkleinen Menschen hinauf, die den Hauptkamm entlangkraxelten. Aber wie es aussieht, ist das beim nächsten Mal durchaus drin mit den Kindern. ♥