Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Ostern 2022

Wir haben gemacht, was wir immer machen, wenn hierzulande alle von „Ferien“ sprechen, es sich in Wirklichkeit aber gerade mal um ein verlängertes Wochenende handelt: wir fuhren nach Südosten.

Wir fuhren Donnerstagabend direkt von Arbeit, Klavier- und Harfenstunde los und kamen immerhin noch bis Tallinn, wo sowieso für den nächsten Vormittag ein grösserer Schuheinkauf geplant war. Freitagmittag fuhren wir weiter auf die Insel Saaremaa, eines unserer liebsten Reiseziele in Estland.

Wir liessen uns die Sonne auf die Nasen scheinen. Wir waren endlich mal wieder im Wald. Zwei Familienmitglieder gingen bei 8 Grad Luft- und unter 5 Grad Wassertemperatur – wozu schliesslich gehen wir den ganzen Winter eisbaden?! – anbaden. Wir besichtigten Leuchttürme und liessen uns Ostseesand durch die Finger rieseln. Wir bestiegen einen… äh… interessanten Aussichtsturm. Wir sahen die ersten Störche, Kraniche zogen trompetend über uns hinweg, die Wälder schallten von Buchfinkgesang, und wenn wir abends nach der Sauna auf der Terrasse sassen, flötete die Amsel vom höchsten Baum herunter.

Erst kurz vor Mitternacht am Ostermontag waren wir wieder zu Hause.
Es war der beste und längste Osterurlaub, den wir je hatten.


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Statt Skifahren: Unabhängigkeit feiern (mit schwerem Herzen)

Am 24. Februar feiert Estland seinen Unabhängigkeitstag. Ich fürchte, in diesem Jahr war niemand so recht in Feierlaune.

Ich glaube, die (hoffentlich nur noch wenigen) deutschen Putinversteher können aus ihrer Sicht einfach nicht nachvollziehen, wie sich das anfühlen muss für die Länder der ehemaligen Sowjetunion, dass es kein Wunder ist, dass die alle so schnell wie möglich in die EU und in die Nato wollten. Meine Mutter hat ein einziges Mal in ihrem Leben CDU gewählt: 1990, weil es ihr als die einzige Möglichkeit erschien, ihren Teil dazu beizutragen, dass sich das Rad der Geschichte, dass im Jahr zuvor mehrere Umdrehungen nach vorn gemacht hatte, keinesfalls zurückdrehen würde.

Es war Zufall, aber natürlich auch ausserordentlich passend, dass wir ausgerechnet am Unabhängigkeitstag das estnische Nationalmuseum besuchten. Es wurden Fähnchen verschenkt, und viele Leute kamen fein gekleidet zu einem später stattfindenden Festkonzert.

Im Museum gab es eine Ausstellung über die finnisch-ugrischen Völker, eine mit Alltagsgegenständen aus vielen Jahrhunderten, eine mit Lebensgeschichten, eine über estnische Küche, über Landwirtschaft, über die estnische Sprache. (Wir hatten viel Spass beim estnischen Lehnwörterraten, denn wer Finnisch und Deutsch kann, der ist nicht nur gut dran in Estland, sondern für den ist die Sprache auch unheimlich niedlich.) Vieles konnte man nicht nur angucken, sondern auch anfassen und ausprobieren.

Auf unseren Eintrittskarten wurde unsere Muttersprache codiert, und mit ihnen konnten wir jede Erklär“tafel“ auf Deutsch umschalten. Besser noch, wir konnten uns so viele Erklärungen, wie wir wollten – woher die estnischen Flaggenfarben kommen oder wieso die Wende in Estland mit gelben Klamotten anfing oder warum der estnische Präsident 1997 eine Pressekonferenz auf der Herrentoilette des Tallinner Flughafens gab – auf unseren Eintrittskarten abspeichern und können sie jetzt jederzeit über eine Webseite abrufen.

Dann trieb uns, wie immer, der Hunger aus dem Museum, und wir liefen die anderthalb Kilometer zurück in die Innenstadt.

Und nach dem Mittagessen, obwohl wir schon alle fast platzten, mussten wir nochmal die Gelegenheit zum Torteessen nutzen.

Danach erfüllten wir den Kindern, weil es der letzte Abend war, noch einen Herzenswunsch und liehen ihnen Schlittschuhe aus, mit denen sie eine Stunde auf der vor dem Rathaus angelegten Eisbahn ihre Runden drehen konnten. (Der Ähämann und ich gingen derweil in einer der zahlreichen Kneipen am Rathausplatz einen Cocktail trinken. Grosse Kinder sind toll.)

Apropos Rathaus. Das Tartuer Rathaus hat das schönste und komplizierteste Glockenspiel, das ich je gehört habe.
Es erklingt von früh um neun bis abends um neun alle drei Stunden, jedes Mal mit einem anderen Stück. (Offensichtlich wechseln die Stücke monatlich und werden auch Feiertagen angepasst.) Nachmittags um drei spielte es übrigens das Stück, dass das Fräulein Maus und der kleine Herr Maus gerade auf Harfe und Klarinette gemeinsam üben.

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Ich bitte das schaukelnde Video zu entschuldigen. Es gab kein Erdbeben. Die Welt war nur ein bisschen aus den Fugen geraten.


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Statt Skifahren: Spazierengehen

Am dritten Tag, nachdem abends und nachts ein Schneesturm durchgezogen war, kam endlich die Sonne raus. Also wenigstens ab und zu. Wir packten die Gelegenheit beim Schopf und gingen ein bisschen durch die Stadt spazieren.

Wir fingen mit dem Unigelände an – ich bin übrigens als Doktorandin in einer Graduate School mit Doktorand*innen aus Turku, Jyväskylä und Tartu gewesen; wir trafen uns reihum zu mehrtägigen Seminaren an den jeweiligen Orten, ich bin aber trotzdem noch nie in Tartu gewesen, da uns die Esten damals statt nach Tartu in ein Naturschutzgebiet an der Ostsee einluden – wo auch die beeindruckende Ruine des Tartuer Doms steht, der schon im Livländischen Krieg – immer das Gleiche, schon vor fünfhundert Jahren…! – zerstört wurde.

Vor allem aber wollte ich nach Supilinn, einem Stadtteil voller Holzäuser. Supilinn bedeutet Suppenstadt, und die Strassen dort haben alle Obst- und Gemüsenamen. Witzig.

Wie überall in Estland stehen auch in der Suppenstadt brandneue Häuser neben nahezu verfallenen, renovierte neben solchen, bei denen die Farbe nur noch als Schuppen auf den rohen Holzbalken hängt. Obwohl die neuen Häuser alle sehr schön zum ursprünglichen Strassenbild passen, sind es doch die alten, die roten, gelben und grünen, die mir Herzchenaugen machen.

Erbsenstrasse

Kartoffelstrasse

Beerenstrasse

Am Rand der Suppenstadt erhebt sich riesig Estlands grösste Brauerei hinter den kleinen Holzhäusern. Dort wird nicht nur Bier gebraut, sondern auch Limonade, Saft und alkoholische Mixgetränke hergestellt; unter Anderem unsere Lieblingsrhabarberlimonade. Hinter einer unscheinbaren Tür gibt es sogar einen Werksverkauf, und wir schafften es gerade so, die 1,88 € für vier Getränke, darunter ein alkoholisches, in bar – „No cards. Only money or bottles!“ zusammenzukratzen. Tatsächlich kamen die meisten Kund*innen mit riesigen Müllsäcken voller Pfandflaschen, und die Getränkekästen für leere Pfandflaschen stapelten sich bis unter die Decke. Wir hatten schon fast angefangen zu planen, dass wir am Abreisetag nach Aufsuchen eines Geldautomaten nochmal mit dem Auto vorfahren und uns den Kofferraum voller Rhabarberlimonade, die es in kaum einem Supermarkt noch zu kaufen gibt, und wenn, dann nur noch in kleinen Flaschen – laden würden; der Plan fiel allerdings dem langen Wochenende – Donnerstag war Feiertag und Freitag gleichmal auch geschlossen – zum Opfer.

Melonenstrasse

Selleriestrasse

Kürbisstrasse

Im Sommer, wenn die Gärten grünen und blühen, ist es sicher noch viel schöner in der Suppenstadt. Wir waren nach unserem Spaziergang auch reichlich durchgefroren und gingen deshalb zum Aufwärmen direkt weiter in die Gewächshäuser des Botanischen Gartens.

Dort war es so feuchtwarm, dass ich, nachdem ich mich einer Wollschicht nach der anderen entledigt hatte, gar nicht mehr wusste, was ich noch ausziehen könnte. Am liebsten wären wir einfach dageblieben.

Aber dann knurrte uns der Magen, und es mussten auch noch dringend Socken – fragt nicht! – gekauft werden, und so begaben wir uns doch nochmal ins kalte Grau hinaus, wo es inzwischen wieder angefangen hatte zu schneien.


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Statt Skifahren: Kopfstehen

Eigentlich wollten wir nach Tartu mit dem Zug fahren, denn alles, was wir uns für dort vorgenommen hatten, wäre innerhalb der Stadt und deswegen auch ohne Auto gut zu erreichen. Aber dann hatten wir plötzlich diese ellenlange Einkaufsliste, und naja. Wir hatten vorher sogar gedacht, wir könnten kurz nach Valga fahren, um lettisches Bier zu kaufen, denn schliesslich war es mit dem Zug nur ein Katzensprung von Tartu nach Valga gewesen; tatsächlich sind es aber 85 km einfache Strecke mit dem Auto, und das liessen wir dann doch lieber bleiben.

Und so blieb Balthasar fünf Tage lang stehen, während wir kreuz und quer durch die Stadt – und auch aus der Stadt raus – spazierten. Vor der Stadt, auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens, steht nämlich unter Anderem ein komisches Haus.

Wir liefen über Zimmerdecken, machten Handstand auf Tischen, Betten und Klobecken, ruhten uns neben Deckenlampen aus.

Dann drehten wir uns wieder richtigrum, spazierten ins Stadtzentrum zurück, gingen Mittagessen, holten die Schwimmsachen aus der Ferienwohnung, liefen zur Schwimmhalle, verbrachten mehrere Stunden in einer fast völlig leeren Schwimmhalle mit Schwimmen, Rutschen und Saunieren – es ging da ähnlich entspannt zu wie in der Schwimmhalle in Pärnu – suchten danach schnell einen Supermarkt auf, um Nachschub an Brot und Butter und Quarkriegeln zu kaufen und verspeisten dann in einem Café jeder einen riesigen Palatschinken mit verschiedenen süssen Beilagen als Abendbrot.


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Statt Skifahren: Experimentieren

Die Skiferien sind die einzigen Ferien, in denen ich nicht so gerne wegfahre: es könnte ja sein, es liegt Schnee, das Meer ist zugefroren, die Sonne scheint.

Diesmal hatten wir uns aber doch schon lange vor den Ferien für eine Reise entschieden. Schon seit Jahren wollten wir nach Tartu, Estlands zweitgrösster Stadt, und immer war irgendwas dazwischengekommen. Ausserdem mussten wegen der ausgefallenen Erzgebirgsreise dringend unsere Vorräte an Bier in Flaschen, bezahlbarem Verbandsmaterial und Kopfschmerztabletten, nicht-laktosefreien Milchprodukten sowie anderen Deosorten als den drei hier erhältlichen aufgestockt werden.

Der diesjährige Winter war nicht schlecht. Aber die letzten beiden Wochen vor den Skiferien waren geprägt von grauem Himmel, kaltem Wind und Schneematsch, und die Wettervorhersage für die Skiferienwoche sah auch nicht besser aus. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich deshalb darauf gefreut habe, in den Ferien lauter Dinge in geschlossenen Räumen zu tun: gemütlich zwei Stunden lang Fähre zu fahren, in jede Menge Museen zu gehen, in einer warmen und hellen Schwimmhalle zu planschen, in Cafés und Restaurants herumzusitzen und Essen mit Geschmack und Backwaren ohne Kardamom zu uns zu nehmen.

Wir fingen mit dem „Ahhaa“ an. Dahin wollten wir seit Jahren, seit wir in Tallinn mal eine eine kleine Sonderausstellung von denen gesehen hatten. Die Kinder waren ungewöhnlich schnell angezogen und abmarschbereit, denn sie erinnerten sich noch gut, dass im „Heureka“ in Helsinki sieben Stunden hinten und vorne nicht gereicht hatte.

Wir waren auch im „Ahhaa“ fast sieben Stunden. Aber wir waren fast allein da: die Esten hatten keine Ferien, und die Finnen bleiben immer noch brav im eigenen Land, obwohl es in den letzten Wochen vermutlich nirgendwo in Europa mehr Coronafälle gegeben hat als hier. Man musste nirgends anstehen und man konnte alles so oft ausprobieren wie man wollte. (Nur die Astronautentrainingszentrifuge liess der Museumsmitarbeiter die Herren Maus erst nach zehn Minuten wieder besteigen.)

Nicht zuletzt war das Essen im Museumsrestaurant um Welten besser und der Eintritt mit 35 € für eine Familienkarte nur ein Drittel so teuer wie im „Heureka“.

Allein für diesen einen Museumstag hatte sich die gesamte Reise schon gelohnt.

„Das ist ja wie auf der „Norröna“!“


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 10: Tallinn-Turku

Letzter Ferienmorgen.

Die Sonne lachte auch wieder, und nichts und niemand machte uns den Abschied leicht. Seufz.

Der Weg zum Hafen führte uns nicht nochmal durch die Altstadt, wohl aber an einem Laden vorbei, in dem wir schnell noch einen Miniproviant für die Zugfahrt von Helsinki nach Turku kauften: Quarkriegel, Nurr-Schokolade, Milchreis. Oh, und den schon in Valga besorgten und inzwischen schon wieder dezimierten kleinen Vorrat an Rhabarberlimonade konnten wir auch nochmal aufstocken! „Nimm noch eine!“, sagte der kleine Herr Maus, „Ich kriege die schon fort. Ja, auch zwei. Nein, pack mir ruhig vier Stück in den Rucksack. Ja, wirklich! Ich schaffe das!“

Beladen wankten wir Richtung Hafen.

Noch vor dem Terminal bekam ich – man mag es meinem Gesichtsausdruck ansehen – angesichts der Massen an rollkoffer- und bierwägelchenziehenden Herbstferienrückreisenden die Krise. Ich mag ja im Allgemeinen meine selbstgewählten Landsleute sehr, aber bei den Kreuzfahrern hört es echt auf.

In weiser Vorraussicht hatten wir auch für die Rückfahrt Buffet gebucht, so hatten wir nicht nur einen bequemen Sitzplatz, gutes Essen und beste Aussicht, sondern auch unsere Ruhe. Im Buffetrestaurant sitzen üblicherweise nur die Leute die Fahrzeit ab, die nicht noch schnell billigen Alkohol shoppen oder eine Runde Karaoke singen müssen.

Wehmütig schauten wir auf das sich entfernende Tallinn. Tschüss Baltikum! Das waren sicher die besten Herbstferien, die wir jemals hatten!

In Helsinki am Hafen gibt es für die Zu-Fuss-Passagiere neuerdings ein sogenanntes Ampelsystem: zweitausend Leute müssen sich in die richtige Schlange einreihen. Grün ist für die Passagiere, die eine Kreuzfahrt ohne Landgang gemacht haben – Corona ist ja immer noch nur ein Problem des Auslands –  gelb für die, die nachweisen können, dass sie voll geimpft oder genesen sind, und rot ist für alle anderen. Wir reihten uns also brav in die gelbe Schlange ein, vier Handys mit den entsprechenden QR-Codes gezückt.

Nun ist es hier ja so, dass es schon viele Jahre eine digitale Patientenakte gibt, in die man sich einloggen kann, um seine Laborergebnisse, Arztberichte und Rezepte einzusehen, Rezepte verlängern zu lassen oder zu prüfen, welche Impfungen wann aufgefrischt werden müssten. Dort findet sich neuerdings auch der EU-Coronapass. Als PDF. Das kann man sich herunterladen, ausdrucken und bei seinen Pässen liegen haben (wie wir) oder wahlweise auch die QR-Codes ausschneiden und in sein Reisetagebuch kleben (wie wir) – aber was man nicht kann, ist, den QR-Code zeitgemäss und leicht vorzeig- und prüfbar in irgendeine finnische App laden. (Man könne ja einen Screenshot machen und den bei Bedarf vorzeigen.) Wir verwenden deshalb die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut. Das war weder in Lettland noch in Litauen noch auf dem Rückweg in Estland, wo inzwischen die Coronaregeln auch verschärft worden waren, ein Problem: unser finnischer Code in der deutschen App war wunderbar mit den lettischen / litauischen / estnischen Coronapass-Lese-Apps lesbar.  Aber dann standen wir da in Helsinki am Hafen in der gelben Schlange, und die Frau, die die Coronapässe kontrollieren sollte, guckte hilflos auf meinen QR-Code und fragte dann, ob ich mal ein bisschen runterscrollen könne. Die sollte Coronapässe kontrollieren und hatte keine Lese-App…!

Ich blätterte der Frau – wegen der grünen Schlange sowieso schon auf Krawall gebürstet – unseren Stapel ausgedruckter Impfzertifikate samt unserer Reisepässe auf den Schreibtisch, durch den sie sich dann die nächsten drei Minute suchte, nicht ohne uns ausführlich zu loben, wie toll wir die Dokumente zusammengestellt hätten, und uns einen schönen Urlaub – nichts liegt natürlich näher bei fünf untereinander deutsch sprechenden Personen mit finnischen Pässen und finnischen Impfzertifikaten, die ausserdem wenngleich nicht fehlerfrei, so doch fliessend auf Finnisch kommunizieren – zu wünschen. Danke, ihr mich auch.

Während unserer Herbstferienwoche hat Finnland übrigens auch schnell den Coronapass durchs Parlament gejagt. Wir hatten allerdings zu viel erwartet, als wir dachten, wir könnten uns jetzt in Restaurants und Cafés und auf Veranstaltungen ähnlich sicher fühlen wie während unserer Reise: in Finnland gilt der Coronapass nur als Ersatz für Einschränkungen. Wenn irgendwo aufgrund der Coronalage die Bars nur bis 23 Uhr geöffnet haben, dann darf man eine Bar bis 23 Uhr ohne Coronapass besuchen, muss ihn aber vorzeigen, wenn man erst nach 23 Uhr kommt oder länger als bis 23 Uhr bleiben will.

Es ist ein Wunder, dass mir die Augen vom vielen Rollen noch nicht rausgefallen sind.

Jedenfalls liess man uns wieder ins Land, und nach einer Viertelstunde mit der Strassenbahn, einer Stunde Wartezeit am Helsinkier Bahnhof, zwei Stunden mit dem Zug und sechs weiteren Kapiteln „Herr der Diebe“ waren wir wieder in Turku. Wir verliessen den Zug etwas überstürzt, weil uns erst kurz vor Ankunft aufging – wir sind wirklich schon sehr lange nicht mehr Zug gefahren – dass Turku auf der Strecke ja zwei Bahnhöfe hat  und wir vom ersten aus viel schneller an der Bushaltestelle wären und sicher auch noch einen Bus eher schaffen würden. Kurz nach acht waren wir wieder zu Hause.

„Ich bin traurig, dass der Urlaub schon vorbei ist“, sagte der kleine Herr Maus eine Stunde später beim Zubettgehen.

Das waren wir alle.

***

Epilog.

Montagmorgen. „Mama, mein Rucksack ist so leicht!“ „Hast du was vergessen?“ „Weiss nicht.“ „Hast du dein iPad?“ „Ja.“ „Hast du geguckt, dass du wirklich alle Bücher dabei hast?“ „Ja.“ „Dann weiss ich auch nicht.“ „Weisst du was, Mama? Der fühlt sich so leicht an, weil ich mich jetzt an den schweren Rucksack gewöhnt hatte!“

Šiauliai!

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga
Tag 9: Riga-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
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Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
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Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 8: Riga

Über Tag 8 gibt es nicht allzuviel zu sagen. Es war der erste und einzige Regentag unserer Reise.

Wir schliefen aus und wuschen erstmal noch zwei Sorten Wäsche. Dass es überall Waschmaschinen in den Ferienwohnungen gibt, ist wunderbar: erstens kann man mit wirklich leichtem Gepäck reisen, und zweitens muss man nach Rückkehr nicht gleich als erstes riesige Wäscheberge bewältigen. Während die Wäsche Karussell fuhr, schrieben und malten wir die letzten Tage im Reisetagebuch nach.

Dann gingen wir – das war sowieso fest eingeplant für diesen Tag – in die Markthallen und kauften bei der netten russischen Verkäuferin, die sich immer so über unsere drei Kinder freut, zwei 1,5-kg-Gläser des leckeren Apfelblütenhonigs, der uns schon im Sommer so gut geschmeckt hatte, für unseren Honigvorrat, und ein bisschen Wurst und Speck bei dem Fleischverkäufer, der das Geschäft mit uns jedes Mal völlig wortlos abwickelt, aber uns am Ende dann doch doppelt so viel aufgeschwatzt hat wie wir vorher wollten, als Proviant für die Weiterfahrt, und dann  natürlich noch verschiedene Kekse und vier Äpfel und 100 g Bonbons aller Art und fünf Stück Kuchen zum gleich essen.

Im Restaurant, in dem wir Mittag assen, und im Café, in dem wir uns hinterher die Hälfte der riesigen Tortenstücke einpacken lassen mussten, weil sie wirklich nicht mehr reinpassten, wurden auch wieder brav unsere Impf-QR-Codes gescannt. Im Restaurant allerdings hätte man uns fast nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen lassen, weil wir mehr als vier Personen sind… Später erfuhren wir, dass im Laufe unserer Herbstferienwoche die Coronaregeln im gesamten Baltikum wegen dramatisch steigender Fallzahlen nochmal verschärft worden waren.

Durch ein paar enge Gassen mussten wir natürlich auch noch laufen so kurz vor Urlaubsende. Hachseufz.

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Tag 1: Turku-Tallinn
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Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 7: Vilnius-Riga

Beim Frühstück waren wir alle ein bisschen wehmütig: von jetzt an würde es nicht mehr weitergehen, sondern nur noch den ganzen Weg wieder zurück. Aber dann fiel uns ein, dass das bis vor zwei Jahren überhaupt erst unser erster Ferientag gewesen wäre, und was für Glückspilze wir sind, dass wir jetzt immer eine ganze Woche Herbstferien haben und schon sechs wunderbare Reisetage hinter uns!

Wir sammelten unseren verstreuten Krimskrams wieder ein, falteten die gewaschene Wäsche wieder zurück in die Rucksäcke und zogen wehmütig die Ferienwohnungstür hinter uns zu, um uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Natürlich auf einem Weg, der uns in den verbleibenden fünfeinhalb Stunden sowohl an einem Geocache als auch an möglichst vielen noch nicht besuchten Kirchen vorbeiführen würde.

Ferientagebuchillustration zu Tag 7 vom kleinen Herrn Maus

Man kann nicht behaupten, dass dieser Weg sehr zielgerichtet gewesen wäre. Dafür führte er uns durch wunderbar touristenleere Gassen und Gässchen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen hätten, und zu einigen ziemlich kuriosen Kirchen.

Wir sahen zum Beispiel eine Kirche, die zur Hälfte aufwändig restauriert war, zur Hälfte fast komplett verfallen. Über 50 Kirchen, die zu Sowjetzeiten aktiv oder passiv zerstört wurden, wieder aufzubauen und zu restaurieren, ist eine gewaltige Aufgabe.

Auf vielen der vor den Kirchen aufgestellten Infotafeln lasen wir „In dieser Kirche durfte zu Sowjetzeiten kein Gottesdienst stattfinden“ oder „Diese Kirche diente zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als Lagerhalle“ oder „In dieser Kirche war seit den 1950er Jahren eine Turnhalle untergebracht“, aber auch „Diese Kirche wurde 1987 der katholischen Kirche zurückgegeben“ oder „Seit 1988 finden in dieser Kirche wieder Gottesdienste in litauischer Sprache statt“ oder „Die Franziskaner erhielten 1989 ihre Kirche zurück“. Woran man auch mal wieder sehr schön sieht, dass die Wende nicht erst 1989 an der ungarischen Grenze oder in der Deutschen Botschaft in Prag oder auf den Strassen Leipzigs anfing, sondern mit Gorbatschows Glasnost, durch die alles Folgende überhaupt erst möglich wurde.

Die einzige evangelische Kirche von Vilnius lag auch am Weg. Wie macht man am einfachsten aus einer katholischen Kirche eine evangelische? Man verpasst ihr einen neuen Turm und stellt ein Luther-Denkmal davor auf. Hallo, Martynas Liuteris, was machst du denn hier, so weit im Osten?

Auch an der heute einzigen Synagoge der Stadt kamen wir vorbei.

Vilnius war seit seiner Gründung eine der liberalsten Städte Europas gewesen und hatte im Laufe der Geschichte in Mitteleuropa oder Russland verfolgten Juden Schutz geboten. Um 1900 hatten Juden – vor Polen, Russen und nur 2% Litauern – den grössten Teil der Vilniuser Bevölkerung ausgemacht, und vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es unvorstellbare 105 Synagogen in der Stadt gegeben.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen 1941 endeten hunderte Jahre jüdischer Geschichte in Vilnius, und heute erinnern ausser der einzigen Synagoge nur noch die Wandmalereien im ehemaligen jüdischen Ghetto daran.

Apropos konvertierte Kirchen: das geht nicht nur von orthodox zu katholisch, von katholisch zu evangelisch, sondern auch von katholisch zu orthodox. Das war allerdings, vor allem von innen, die seltsamste orthodoxe Kirche, die wir je gesehen haben.

Nachdem wir uns im Bliny-Restaurant die Bäuche mit herzhaften und süssen Eierkuchen und Kartoffelpuffern vollgeschlagen hatten, war es an der Zeit, die Altstadt Richtung Bahnhof zu verlassen. Wir taten das durch das Tor der Morgenröte, in dessen Innerem sich ein unglaublich prunkvoller Marienschrein befindet und auf dessen von der Altstadt abgewandten Aussenseite die schon erwähnte zu Sowjetzeiten einzige Abbildung des Vytis in Litauen zu sehen ist.

„Guck mal da!“, sagten die Kinder fünf Minuten später. „Der sieht aus wie Willi Wiberg!“

Und ich so: sowas hab‘ ich doch schon mal gesehen?! Wo war das denn?! Ach ja, genau, in Jyväskylä! Da gibt es eine im gleichen Stil bemalte Wand, nur mit Birken! Ob das der selbe Künstler war? Tatsächlich! Der italienische Künstler Millo hat schon unzählige Hauswände auf der ganzen Welt mit seinen sympathischen Riesen bemalt.

Vorm Bahnhof in Vilnius gibt es übrigens eine interessante Installation: Leute aus verschiedenen Städten – wir fanden erst hinterher heraus, dass sich die Menschen, denen wir zuwinkten, im polnischen Lublin befanden – können sich per Videokonferenz sehen. Leute blieben stehen, winkten sich zu, schickten sich Luftküsse, imitierten einander. Wir winkten wild einem Radfahrer in oranger Leuchtjacke, der uns vermutlich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte und aus dem Bild fuhr, aber kurz darauf nochmal zurückkam, um uns zurückzuwinken. Alle lächelten. Vielleicht müsste man nur überall auf der Welt sowas aufstellen, und dann würde es klappen mit dem Weltfrieden?!

Nachdem wir ein paar Minuten lang unbekannten Menschen zugewinkt hatten, gingen wir leider nicht in den Bahnhof hinein, sondern… zum Busbahnhof. Da wir, wie schon auf der Hinfahrt, wegen Corona und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze nicht mit der ukrainischen Bahn fahren konnten, mussten wir den Bus nehmen von Vilnius nach Riga.

Der Busfahrer verlud nicht nur das Gepäck und kontrollierte Tickets, sondern liess sich auch Corona- und Reisepässe zeigen. Dauerte eine Weile. Zum Glück war der Bus nicht komplett ausgebucht.

Die vier Stunden Busfahrt gingen dann unerwartet schnell rum.

Zuerst fuhren wir noch Autobahn, aber sobald wir die Via Baltica erreichten, wurde die Strasse zweispurig. Es war mit dem Bus nicht halb so nervig wie mit dem Auto – aber nervig genug. Es ist wirklich LKW an LKW unterwegs da, in beide Richtungen, und es wäre wirklich allerhöchste Zeit für einen Autobahnausbau oder, besser noch, ein Verlagern des Frachtverkehrs auf die Schiene, oder am allerbesten beides.

Halb zehn, eine Viertelstunde eher als geplant, kamen wir wieder in Riga an. Hallo Fernsehturm! Hallo Eisenbahnbrücke! Hallo „Esst mehr Karotten“-Haus!

Wir stopften unsere Proviant- und Beschäftigungsbeutel wieder zurück in die im Laderaum gereisten Rucksäcke und machten uns auf einen weiteren nächtlichen Spaziergang zu einer Rigaer Ferienwohnung in der Altstadt.

Mit super Aussicht, natürlich.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 6: Vilnius

In Vilnius gibt es über 50 (!) Kirchen. Der Plan war schnell klar: so viele davon wie möglich besuchen.

Wir besuchten katholische Kirchen und orthodoxe, unheimlich prunkvolle Kirchen mit Altären aus Gold und Marmor und weniger prunkvolle Kirchen mit Altären aus Holz, aufwändig restaurierte Kirchen und verfallene Kirchen – eine gar war gar keine Kirche mehr, sondern ein Restaurant –  wir gerieten in einen Gottesdienst der Kirche eines Dominikanerklosters, guckten durch Schlüssellöcher verschlossener Kirchen, und die Kinder ahmten noch lange die Gesänge eines orthodoxen Priesters nach.

Weil auf Instagram die Frage aufkam, ob die minderjährigen Reiseteilnehmer*innen tatsächlich dafür zu begeistern wären: ja.

Grundsätzlich bin ich ja der Meinung, dass man Kindern Dinge einfach nur zumuten zutrauen muss und dass Städtereisen gerade mit kleinen Kindern schön und auch ganz besonders wichtig sind, weil dann, wenn die Kinder gross sind, der Zug, sie für Kirchen und Museen zu begeistern, ganz sicher abgefahren ist.

Der grosse Herr Maus lief schon als Dreijähriger begeistert von Kirche zu Kirche und fragte auch dann noch: „Können wir da auch noch reingehen?!“, als wir Eltern längst schlappgemacht hätten. Überhaupt – möglichst viele Kirchen zu besuchen ähnelt ja auch eher einer Schatzsuche oder Schnitzeljagd, und während wir kreuz und quer – „Dort ist auch noch ein Kirchturm!“ – durch Vilnius liefen, entdeckten wir sehr viele Dinge am Weg, die wir sonst ganz sicher verpasst hätten.

Wir reden fast nie über Jahreszahlen oder Baustile – obwohl die Kinder mittlerweile sehr sicher eine evangelische von einer katholischen von einer orthodoxen Kirche unterscheiden und auch ungefähr einordnen können, ob die Kirche schon sehr alt oder nur ein bisschen alt ist. Viel wichtiger ist uns, was jede*r einzelne von uns entdeckt: der Kirchturm, der wie eine Krone aussieht, der hölzerne Engel mit dem Marmeladenglas in der Hand, die mittelalterlichen Comics an der Wand, der Apostel, der seiner Kuh von einer Schriftrolle vorliest, die Orgel, die fehlt, weil sie gerade restauriert wird, der Engel mit dem goldenen Mond in der Hand.

Einen Grossteil der folgenden Fotos hat übrigens der kleine Herr Maus gemacht. Kinder sehen einfach viel mehr als Erwachsene!

Für eine Kirche, die wir Eltern unbedingt sehen wollten, mussten wir weit aus der Altstadt herauslaufen, bis zu „Papst Johannes Paul II. seinem Kreisverkehr“, wie wir den nach ihm benannten Platz, der eigentlich nur ein riesiger, stark befahrener Kreisverkehr ist, fortan nannten. Der polnische Papst war 1993 der erste Papst überhaupt, der Litauen besuchte. Wir sahen mehrere Kirchen, deren Wiederaufbau von polnischen Stiftungen unterstützt wurde, und es ist nicht verwunderlich: noch immer lebt eine grosse polnische Minderheit in Vilnius.

Die Kinder hatten ziemlich wegen des weiten Umwegs gezetert, auch dann noch, als wir vor der Kirche standen: „Und was soll an der jetzt Besonderes sein?!“

Sie übertraf unser aller Erwartungen. Die Peter-und-Pauls-Kirche ist ein Traum in Stuck!

Noch nie haben wir etwas Ähnliches, auf diese Art Prunkvolles gesehen. Wir hätten Stunden dort zubringen können und hätten immer noch neue Figuren, neue Blumenranken, neue Verzierungen entdeckt. „Hier müsste man im Gottesdienst liegen dürfen!“, seufzte das Fräulein Maus.

Der letzte Kirchturm des Tages entpuppte sich als Turm der Universitätskirche, auf den man sogar hoch durfte, wahlweise mit dem Fahrstuhl oder über eine Holztreppe, die frei in dem sonst hohlen Turm steht. Wir nahmen natürlich dieTreppe und wurden mit einem wunderbaren Blick über Vilnius im Abendlicht belohnt.

Zum Abendbrot gab’s Pilze.

(Man darf das ja keiner finnischen Schulschwester erzählen, aber unsere Mahlzeiten bestehen auf dieser Art Reisen üblicherweise aus spätem Frühstück, spätem Mittagessen und Kaffeetrinken.)

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius