Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Eine Kontoeröffnung auf Finnisch, kein eigenes Mökki und ein Plüschhase

Kindgerechter Kundendienst.

Der grosse Herr Maus hat zum Geburtstag ein eigenes Bankkonto bekommen. Nur eröffnet musste es noch werden. Das hat sich angesichts der aktuellen Umstände ein bisschen verzögert, aber gestern, bevor wir zum Strand fuhren, nahmen wir das endlich in Angriff. Wir mussten zu dritt antanzen – zusätzlich zum zukünftigen Kontoinhaber beide Erziehungsberechtigte – aber wir Eltern waren eigentlich nur dazu da, ab und zu eine Unterschrift zu leisten. Ansonsten hat die Bankfrau die ganze Zeit direkt an ihn gewandt („Dein Konto…“) mit dem grossen Herrn Maus gesprochen, nie über seinen Kopf hinweg („Sein Konto…“) nur mit uns. Zum Schluss hat sie ihm noch sehr ausführlich und kindgerecht erklärt, dass er gut auf seine Karte und seinen PIN-Code aufpassen muss und dass es z.B. wichtig ist, dass er es uns gleich sagt, falls er seine Bankkarte doch verliert. Ich war hin und weg.

Im gleichen Supermarkt – ja, unsere Bank ist im Supermarkt – haben wir übrigens schon mal was ähnlich herzerwärmendes erlebt.

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Statt Mökki.

Weil es am Mittwoch so schön war, hatten die Kinder den Wunsch geäussert, am Samstag gleich wieder an den Saunastrand zu fahren. Mittwochs und samstags nämlich ist die Sauna für alle von 12 bis 20 Uhr angeheizt. Es ist nie überlaufen dort – oft sind wir lange Zeit ganz allein dort und immer die, die am längsten bleiben – und alle Leute, die wir dort treffen, sind immer ausgesprochen nett. Wer braucht schon ein eigenes Mökki, wenn man zweimal in der Woche so einen wunderbaren Badestrand mit Steg und Sauna und Feuerstelle haben kann?! Wir jedenfalls nicht.

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Kindchenschema.

Als wir im Abendsonnenschein vom Strand durch den Wald zurück zum Auto liefen, sass plötzlich am Wegesrand ein junger Hase. Er hatte noch ganz flaumiges Fell, und ich musste fast ein bisschen quietschen, weil er so süss aussah. Er liess sich lange von uns beäugen und rührte sich nicht von der Stelle.

Jetzt ist dann auch wieder die Zeit im Jahr, wo man für jeden Vogel auf der Strasse bremsen muss, weil die gerade ausgeflogenen Vogeljungen – man kennt das ja von Menschen – alle an Selbstüberschätzung leiden.


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Ein finnischer Sommertag

Als wir heute früh mittag aufgestanden waren, teilten uns die Kinder mit, sie wollten an den Strand. Aber weil der kleine Herr Maus abends noch Training hatte, brauchten wir einen Strand in der Nähe.

Sogar die Sauna war geöffnet und angeheizt, mit Coronaregeln: möglichst nur mit der eigenen Familie saunieren, und ansonsten nicht mehr als vier Leute gleichzeitig in die Sauna.

Nicht, dass wir die Sauna heute – so wie den ganzen letzten Sommer! – gebraucht hätten, um uns überhaupt ins Wasser zu trauen; aber ausser einem Badesteg gehört eben auch eine Sauna zu einem richtigen finnischen Sommertag. Und ein Würstchenfeuer! Mittagessen war an der ebenfalls zum Strand gehörigen Feuerstelle ratzfatz zubereitet, so dass die Zeit hinterher für nochmal Sauna und nochmal schwimmen und nochmal in der Sonne aufwärmen und nochmal schwimmen reichte, bevor wir losmussten.

Zwischendurch war eine Schwanenfamilie mit sechs Jungen an den Strand geschwommen gekommen. Als sie weiterzogen, kam es zu einem erbitterten Kampf zwischen dem Familienvater und einem Junggesellen. Keiner gab nach. Alle elf Menschen am Strand guckten besorgt zu, bis eine Frau beherzt ins am Ufer liegende Rettungsruderboot sprang, hinruderte und den Schwänen mit resoluter Stimme zurief: „Hört auf! Hört sofort auf! Alle beide!“ Ich musste ein bisschen in mich hineinkichern. Aber die beiden Zankhähneschwäne hörten tatsächlich auf sie: der Junggeselle schwamm beleidigt in seine Bucht zurück, und die Schwanenfamilie zog in die andere Richtung von dannen.


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kaksisataakahdeksankymmentä, kaksisataakahdeksankymmentäyksi

Letzte Woche ist der Herbst ausgebrochen. Die Schatten werden länger, die Nächte kälter, die Morgende feuchter und die Blätter tatsächlich schon bunter. Für die Finnen ist ja sowieso schon seit Schulbeginn offiziell Herbst, aber mich überrascht das jedes Mal wieder, wie schnell der Sommer dann tatsächlich zu Herbst wird. Trotzdem war ich jeden Tag zu warm angezogen. Nachmittags wird es nämlich noch richtig warm.

Letzte Woche waren wir alle zum ersten Mal nach den Sommerferien krank. Es husten auch alle Hortkinder, die Freunde unserer Kinder und die Kassiererin im Supermarkt. Die erste Läusewarnung ist auch eingetroffen. In Finnland halten sich auch Parasiten und Krankheitserreger an ihre Zeitpläne. (Im November haben dann alle Grippe, im März Magen-Darm und kurz vor Vappu nochmal eine langwierige Flunssa.)

Letzte Woche habe ich das Fräulein Maus zum Zahnarzt begleitet, und sie anschliessend mich. Eigentlich wollte ich, wenn ich schon mal da war, denn anrufen ist generell nicht so mein Ding, nur nachfragen, ob ich mir schon mal – die Studenten sind noch nicht aus den Semesterferien zurückgekehrt – einen Termin machen lassen könnte. Nachdem ich mehrmals gefragt wurde, ob ich mir ganz sicher sei, dass ich, denn es dauert ja auch alles viel länger, wirklich von einem Kandi behandelt werden möchte, ging dann alles ganz holterdipolter, denn ach, wir könnten eigentlich gleich mal schnell gucken, was da bei dir so gemacht werden muss, und wenn du noch zehn Minuten Zeit hast, dann können wir auch gleich röntgen. Ja, bitte, danke, gern geschehen, dein Kandi ruft dich dann in den nächsten Tagen an und macht mit dir eine Zeit aus, willkommen! (Ich bin wirklich sehr dankbar für die Ausbildungszahnklinik!)

Letzte Woche sind endlich unsere Briefwahlunterlagen angekommen. (Jena hat vermutlich überdurchschnittlich viele im Ausland lebende ehemalige Bürger.) Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden.

Letzte Woche spazierte eine Herde ausgebüchster Schafe über unseren Hof. In den Hundsrosen sahen wir eine Gelbhalsmaus turnen. Die Nachbarin warnte uns vor der Kreuzotter, die sie direkt neben dem Spielplatz gesehen hatte. Wir standen mit angehaltenem Atem hinterm Schlafzimmerfenster, als Freund Fuchs kurz seine Beute – eine gewaltige Schermaus! – unterm Vogelbeerbaum ablegte, um kräftig zu gähnen und ein wenig zu verschnaufen, bevor er gemächlich die Strasse entlang davonschnürte. Auf unserem Zaun sammelt eine Ringeltaube Kräfte für den langen Flug über die Ostsee. (So ist das, wenn man zehn Meter vom Wald wohnt.)

Letzte Woche habe ich mir auf Arbeit eine Blase in den Mittelfinger gespitzt. Die fünf kleinen Mädchen, die sich spontan zu mir gesetzt, geholfen und am Ende noch die zweihundertdreizehn Stifte farblich sortiert hatten, präsentierten mir am nächsten Tag ebenfalls Blasen an ihren Fingern. (Weia. Aber wir hatten grossen Spass.)

Letzte Woche habe ich am gleichen Tag die 280 gesehen – mittags vor der Schule, aus der ich die Erstklässler in den Hort abholte – und die 281 – abends vor der Musikschule, als ich die Herren Maus zu ihrer Klavierstunde brachte.

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kaksisataaseitsemänkymmentäkuusi

Das Fräulein Maus hat für die letzten drei Ferienwochen gemeinsam mit der deutschen Freundin eine Pflegekatze.

Das Fräulein Maus radelt also fast jeden Tag in den Nachbarort und trifft sich dort mit der deutschen Freundin, um – eigentlich war der Plan, dass sie sich abwechselnd kümmern, aber schliesslich sind sie ja Freundinnen! – gemeinsam der Pflegekatze Gesellschaft zu leisten.

Nur wenn es wie aus Kübeln schüttet, fahre ich sie mit dem Auto hin. Und da kam mir dann auch gleich mal eine 276 entgegen.

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Gartenbesitzer, fleissige und faule

Am Anfang unserer Strasse wohnt ein Klassenkamerad des grossen Herrn Maus. Sein Haus haben die Mäusekinder und ich damals, als wir noch täglich mit dem Bus in den vorherigen Kindergarten fahren mussten, von Tag zu Tag wachsen sehen. Die zwei Maurer, die daran arbeiteten, winkten uns jedes Mal, wenn wir vorbeikamen, und oft blieben wir stehen und schauten ihnen zu.

Als das Haus fertig war, pflückten wir auf der Wiese davor armeweise Huflattich. Einen Monat später war sie gelb von Löwenzahn. Im Sommer wuchs das Gras dort höher als die Kinder.

Dann liess die Familie dort einen Garten anlegen: immergrüne Gewächse, eine grosse Betonmauer, viel Schotter, viel Rindenmulch. Fast jedes Mal, wenn ich jetzt das Fräulein Maus zum Training fahre, sehe ich die Mutter des Klassenkameraden dort Unkraut zupfen. Oder mit der Löwenzahnzange den grossen Blattrosetten, die sich beharrlich auch auf Schotter und Rindenmulch ausbreiten, zu Leibe rücken. Wenn ich das Fräulein Maus zweieinhalb Stunden später wieder abhole, ist sie immer noch mit der Ausrottung der widerspenstigen Gewächse beschäftigt.

Also wir wären für so einen Garten ja allesamt zu faul.

(Und all die Hummeln, Bienen, Blaumeisen, Rotkehlchen, Spatzen, Mäuse und Eichhörnchen kommen auch lieber zu uns.)


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Schlagzeilen

Grösste Tageszeitung Finnlands: Wölfe bissen Jungen im Zoo in die Hand
Finnisches Bild-Zeitungs-Pendant: Wölfe zerfleischten Jungen*

Danke, liebe Presse! Ein besseres Beispiel, um den Kindern den Unterschied zwischen seriösem und Boulevardjournalismus zu erklären sowie ihnen klarzumachen, warum man immer den ganzen Artikel lesen sollte statt nur der Überschrift, hätte es gar nicht geben können.


*Es gibt in Finnland freilebende Wölfe, die natürlich nicht von allen gern gesehen werden. Vor diesem Hintergrund finde ich die Schlagzeile noch fürchterlicher verantwortungsloser als so schon.