Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte (4)

„Nach aktuellsten Umfragen Wahre Finnen mit über 20% stärkste Partei“

Das nun also auch noch, nach den Ergebnissen der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg…!

Zu denen hat Frau Nessy einen Kommentar geschrieben, den ich jetzt einfach mal hier zitiere, weil ich es besser nicht ausdrücken könnte:

Ich habe es satt, dass wir so verständnisvoll sind. Dass wir hinterfragen und ergründen, sachlich und emotional, von vorne und von hinten und von der Seite, mit schräg gelegtem Kopf und interessiert vorgebeugt, warum die Menschen AfD wählen. Wir sollten damit aufhören. Nazis wählen Nazis, weil sie Nazis sind. Weil sie verdammte Rassisten sind. Weil sie es wollen. Weil sie ausgrenzen, weil sie vereinfachen, weil sie Modernisierung, Aufklärung und Komplexität ablehnen, weil sie hassen. Weil sie Täter sind und nicht, weil sie Opfer sind.
Es gibt keine tolerierbare Begründung, Nazi zu sein. Ich will keine Rechtfertigung mehr hören, warum jemand AfD wählt. Egal, wie enttäuscht und frustriert er ist, wie sozial ungerecht unsere Gesellschaft bisweilen daherkommt und egal, was den Eltern während der Wiedervereinigung geschehen ist. Es gibt kein Argument und keine Gefühlslage, die es rechtfertigen, ein nationalistisches, rassistisches Arschloch zu sein.

Am allerwütendsten vielleicht aber macht mich der Missbrauch des Slogans „Wir sind das Volk“. Damit gingen Menschen unter Aufbietung all ihres Mutes auf die Strasse, um für freie Wahlen, Mitbestimmung und das Ende des Eingesperrtseins im eigenen Land zu kämpfen. Nicht, um zu nörgeln, dass alle anderen immer mehr bekommen, obwohl es einem selbst viel eher zustehen würde. Wobei, es hat ja auch damals gar nicht lange gedauert, bis die Stimmung kippte und die Menschen, die jetzt nicht mehr so viel Mut brauchten, um auf die Strasse zu gehen, nach der D-Mark schrien…


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Reiserückblick (1): Bäume, die aus Häusern wachsen

„Was?! Wir sind schon seit zwei Wochen wieder zu Hause?!“ rief der grosse Herr Maus gestern ganz entsetzt.

(Und: „Dann haben wir ja nur noch fünf Wochen Ferien!“, rechnete er ebenso entsetzt nach. Fünfeinhalb, um genau zu sein. Und ja, das ist Jammern auf hohem Niveau.)

Jedenfalls wird es jetzt höchste Zeit für einen Reiserückblick.

Unsere „Europa“reisen fangen wir seit ein paar Jahren, seit wir immer in aller Herrgottsfrühe schon in Rostock ankommen, immer schon auf dem Weg an. Irgendwo, wohin wir schon immer mal (wieder) wollten: im Wörlitzer Park oder im Irrgarten Altjeßnitz oder mit einer Fährfahrt über die Elbe.

Diesmal war es so, dass das Fräulein Maus kurz vor unserer Reise zum ersten Mal von einem Baumwipfelpfad gehört hatte. „Sowas will ich auch mal machen!“, sagte sie, und mir fiel ein, dass ich da irgenwann mal was gelesen hatte über einen Baumwipfelpfad, der direkt an unserer Reiseroute liegen würde. Gleich hinterm Berliner Ring, in Beelitz, fuhren wir von der Autobahn ab.

Dort gibt es einen ganz besonderen Baumwipfelpfad: er führt nicht einfach über Wald, sondern über das Gelände der ehemaligen Lungenheilstätten – und über Bäume, die aus deren Ruinen wachsen.

Leider nämlich wurden die für ihre Zeit sehr modernen Lungenheilstätten, die Anfang des 20. Jahrhunderts, als in Berlin die Tuberkulose grassierte, wohldurchdacht in einem grossen Waldgebiet in der Nähe errichtet wurden, nur vergleichsweise kurze Zeit als solche genutzt. In beiden Weltkriegen dienten sie als Lazarett. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde eins der grössten Gebäude, das, aus dem heute die grössten Bäume wachsen, zerstört und nie wieder aufgebaut. Die noch erhaltenen Gebäude dienten – und dabei wurden sie auch nicht gerade pfleglich behandelt; dass das Luftbad zu einem Schweinestall umfunktioniert wurde, kann man da ruhig symbolisch sehen – bis 1994 als sowjetisches Militärkrankenhaus. Seitdem verfallen alle Gebäude, und die Natur erobert sich zurück, was ihr zusteht, und zwar volle Kanne: da wachsen nicht nur ein paar zarte Birkenstämmchen aus den Dächern, sondern ganze Kiefernwälder!

Ein bisschen gruslig, und sehr beeindruckend.

Es gibt dort auch Führungen, teilweise auch mit Schutzhelm in die alten Gebäude, aber dazu fehlte uns einerseits die Zeit, andererseits waren die Kinder – es gibt eine Altersbeschränkung – noch zu klein dafür. Allerdings kannten wir das meiste schon aus dem von Alvar Aalto entworfenen Tuberkulosesanatorium in Paimio, und die Infotafeln entlang des Baumwipfelpfades und neben den abgesperrten Gebäuden sind wirklich sehr gut.

Hingehen sollte man auf jeden Fall, wenn es sich einrichten lässt, an einem Wochentag. Wir waren an einem Montag und fast allein, der Parkplatzwächter aber erzählte uns, am Tag zuvor wären 4000 (!) Leute dagewesen. Da wären wir direkt wieder umgekehrt. Und das wäre ja doch schade gewesen.

[Nachtrag: Frau Nessy hat sehr ausführlich und informativ über die Beelitzer Heilstätten gebloggt.]


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Die schönen deutschen Autobahnen

„Ihr habt ja so schöne Autobahnen!“, höre ich manchmal vor oder nach einem unserer Deutschlandurlaube, wenn ich mit jemandem über Reiserouten rede.

„Da kann man sicher gut so lange Strecken fahren“, sagen die einen.
„Und kein Tempolimit!“, schwärmen die anderen.

Leute, sage ich dann, ihr habt ja überhaupt keine Vorstellung.

Erstens nämlich sind die deutschen Autobahnen voll. Voller Autos, und voller Baustellen, und statt schön schnell voranzukommen, steht man oft einfach im Stau.

Oder es ist superanstrengend, da zu fahren. Wisst ihr eigentlich, wie so eine dreispurige Autobahn funktioniert?!

Ich sag’s euch mal: auf der rechten Spur reihen sich Stossstange an Stossstange die LKWs. Auf der mittleren Spur muss man mindestens 140 km/h fahren, weil man sonst zum Hemmschuh wird und Gegenstand des Unmuts aller Mitautobahnbenutzer. Wenn allerdings ein LKW zwei km/h schneller fährt als ein anderer, muss der natürlich überholen, völlig klar, und weil es ja ein LKW ist, denn auf der deutschen Autobahn gilt grundsätzlich das Recht des Stärkeren, drängelt er sich einfach auf die mittlere Spur und bremst die PKWs dort aus. Für den Fall gibt es noch die linke Spur. Allerdings kann man da nicht einfach blinken und mit seinen 140 km/h drauffahren, um einen 97 km/h fahrenden LKW zu überholen, denn die linke Spur, damit das mal gleich klar ist, die ist für die Leute reserviert, die in Deutschland ihr letztes Refugium haben: die auf der Autobahn mal so richtig die Sau rauslassen wollen.

Wir halten fest: die rechte Spur ist quasi gesperrt. Auf der mittleren Spur braucht man extrem gute Nerven. Und auf der linken Spur lauert – und ich empfinde das tatsächlich so – permanent der Verkehrstod.

„Oh“, sagen die Leute dann und kriegen erschrockene Augen, „das ist doch super gefährlich! Kann man da nicht irgendwelche Regeln aufstellen?“

Tja, liebe Leute, sage ich dann, ein Tempolimit wäre schon mal eine gute Lösung. Klar, hält sich auch nicht jeder dran, aber ich bin mir sicher, es würde deutlich weniger gerast. Und überhaupt wäre das Fahren viel stressfreier.

Es ist nämlich so: einmal habe ich den Herrn Picasso von Stockholm bis Eckernförde gefahren, über 1000 km, ohne Fahrerwechsel, weil der Ähämann Fieber hatte. Es war Sommer, es war hell, ich war ausgeschlafen, und auf den skandinavischen Autobahnen fährt es sich entspannt dahin: wenig Verkehr, Tempolimit auf 120 km/h. Das Ganze war kein Problem. Ab Kopenhagen war der Verkehr deutlich dichter, aber ich rollte einfach mit den anderen dahin oder überholte ab und zu. Dann kam die deutsche Grenze. Die Autobahn wurde weder breiter noch schmaler noch besser noch schlechter, und die Verkehrsdichte änderte sich kein bisschen. Nur das Tempolimit war weg. Und damit die Entspanntheit beim Fahren. Ringsum begann ein Gerase, als hätte man wilde Tiere aus einem Käfig gelassen. Nichts mehr mit entspanntem Dahinrollen. Stattdessen: Lenkrad umklammern, Bremsfuss in Habachtstellung, permanent den Rückspiegel im Auge behalten. Diese letzten 50 km von insgesamt 1100 waren die schlimmsten.

Und warum? Weil man eine kleine Minderheit, die den Motor unterm Hintern für ihr Selbstwertgefühl braucht, nicht in ihrer Freiheit einschränken darf.

Die schönen deutschen Autobahnen bereiten mir Unbehagen. So schlimm, dass ich da nicht mehr fahre, weil ich diese Art des Autofahrens nach 15 Jahren in Finnland völlig verlernt habe. So schlimm, dass ich jedes Mal froh bin, wenn wir da heil wieder runter sind.

Und das ist jetzt nur mein persönliches Empfinden. Die Fakten zum CO2-Ausstoss und die Unfallstatistiken sprechen eine noch viel deutlichere Sprache. Überhaupt ist das unbegrenzte Tempolimit ja kein bisschen mehr zeitgemäss: als pro Kilometer Autobahn nicht mehr als zehn Autos unterwegs waren, da war das sicher prima – aber bei der heutigen Verkehrsdichte?

Die schönen deutschen Autobahnen, liebe finnische Mitbürger, sind nichts, was im Geringsten erstrebenswert wäre. Im Gegenteil.

Und das unbegrenzte Tempolimit gehört endlich weg.

(Da kann man unterschreiben. Ich hab‘ auch schon.)


Theater, richtiges

In meiner Geburtsstadt gibt es ein altehrwürdiges Opernhaus – mit einem allerdings nach einer noch zu DDR-Zeiten in Angriff genommenen Renovierung hochmodernen Innenleben – in dem ich mit sechs oder sieben Jahren das erste Mal zu einer Kindervorstellung war. Meine Eltern hatten ein Theaterabo, und als ich ein bisschen älter war, überliess mir manchmal meine Mutter ihren Platz. Als man nach der Wende auch so ein Theaterabo nicht mehr nur durch Glück und Zufall ergattern konnte, bekam ich auch eins, und ging, bis ich anfing zu studieren und in eine andere Stadt zog, viele Jahre regelmässig mit meinen Eltern ins Theater. Zuletzt war ich mit dem Ähämann vor ein paar Jahren bei einem Advents-Heimaturlaub da.

In all den Jahren war ich beeindruckt von der Atmosphäre in so einem grossen, richtigen Theater. In der Pause stiegen wir immer hinauf auf den obersten Rang, und als ich vor ein paar Jahren mit dem Ähämann da stand, war ich noch genauso beeindruckt wie 30 Jahre zuvor bei meinem allerersten Theaterbesuch.

Die paar Male, die ich bisher hier mit unseren Kindern im Theater war, war ich immer ein bisschen enttäuscht, weil die Theateratmosphäre so ganz fehlte: weil Kindertheater immer auf einer kleinen Nebenbühne oder im Jugendtheater stattfand. (Vom Fehlen eines richtigen Opernhauses in Turku ganz zu schweigen.)

Bis gestern. Da waren wir in Finnlands kitschigstem ältestem Theater – an dem übrigens, wie könnte es anders sein, auch mein Freund Engel mitgewirkt hat – und sahen eine sehr schöne, moderne, aber kindgerechte „Schneekönigin“. Die Karten hatte uns der Weihnachtsmann gebracht, und die Kinder waren eher skeptisch gewesen: Theater ist ihnen zu fremd. Sie sassen dann aber sehr gebannt auf ihren mit dem gleichen Stoff wie die Theatersessel bezogenen Sitzkissen, die im Foyer extra für Kinder ausliegen. Konzentriert horchten sie auf das viele Schwedisch und bisschen Finnisch, das im Theaterstück gesprochen wurde, wunderten sich, warum das Stück denn „so kurz“ (anderthalb Stunden!) gewesen sei, stiegen mit uns in der Pause hinauf in die Ränge und fragten schon, als gerade der Schlussapplaus verhallt war, ob wir da mal wieder hingehen können.

Können wir.
Und als nächstes müssen wir mal einen Opern- oder Ballettausflug nach Helsinki machen.


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kolmesataakaksikymmentä

„Das war die schönste Schwimmhalle, in der ich je war!“, seufzte eins der Kinder hinterher, und zwei stimmten ein. Und wir Eltern waren eigentlich auch versucht, dem zuzustimmen.

In Finnland ist es ja mit Spassbädern nicht weit her. Und unsere zwei oder drei Versuche, irgendwelche regnerischen Urlaubstage in Deutschland mit einem Schwimmbadbesuch zu verschönern, sind bisher auch allesamt eher skurril gewesen.

Meist scheitert das Vergnügen daran, dass wir alle nach einer halben Stunde vor Kälte zittern, weil es keine Sauna gibt (oder nur zu horrenden Zusatzpreisen). Einmal fuhren wir von Jena aus ins nahegelegene Spassbad mit angeschlossenem „Saunadorf“. Die Frage, ob wir uns den Eintritt fürs Saunadorf leisten wollten oder nicht, erübrigte sich, als man uns an der Kasse erklärte, man könne heute nur Eintritt für Schwimmbad und Sauna kaufen, und ach übrigens, es sei dann heute Nacktbadetag.

Äh. Ja. Was mich an deutschen Bädern ja am meisten irritiert, ist, dass man sich offensichtlich noch nicht mal unter Frauen in der Umkleidekabine nackt zeigt, sondern sich zum Umziehen in so ein Kabuff quetscht, und als logische Folge die meisten dann auch nur mit Badeanzug unter die Dusche gehen – aber in die Sauna geht man ganz selbstverständlich nackt, obwohl da dann sogar Männer dabei sind.

Kleiner Exkurs: in finnischen Schwimmhallen zieht man sich einfach vor seinem Spind aus und geht selbstverständlich nackt duschen. (Falls jemandem das aus welchen Gründen auch immer unangenehm ist, gibt es ein, zwei Umkleidekabinen und ein, zwei Duschen mit Duschvorhang.) Ausser Duschen gibt es in jeder finnischen Schwimmhalle eine Sauna (zum Aufwärmen vor, zwischen und/oder nach dem Schwimmen) zwischen Umkleideraum und Schwimmbecken, logischerweise genauso wie Umkleiden und Duschen nach Männlein oder Weiblein getrennt. Überhaupt wird in Finnland eher getrennt sauniert: ist man irgendwo in die Sauna eingeladen, wird üblicherweise gefragt, ob man mit seiner Familie gehen möchte oder erst alle Frauen und danach alle Männer gemeinsam, und natürlich entscheidet man sich dann meist für letztere Variante, weil man ja Zeit mit seinem Besuch verbringen möchte. Unter engeren Freunden gehen wir auch alle gemeinsam; ebenso auf der mittelfinnischen Forschungsstation, wenn wir um zehn vom allabendlichen Mäusefangen wiederkamen und jemand netterweise so lange Holz nachgelegt hatte, dass wir auch noch eine heisse Sauna geniessen konnten, da ging einfach, wer noch eine Sauna nötig hatte, oder wenn ich mit meinen Bootfahrern irgendwo draussen doch mal die Gelegenheit hatte, eine Sauna zu benutzen, dann gingen wir auch lieber gleich gemeinsam. In der Eisbadesauna wird auch gemeinsam sauniert, da aber sowieso gleich mit Badesachen.

Nacktbadetag also. Immerhin gab es eine Sauna zum Aufwärmen. Unvergessen allerdings – der Damals-noch-nicht-Ähämann und ich waren auch zu Studienzeiten öfter dort – wie dort einmal ein Angestellter mit Glocke herumging und wie ein Marktschreier „Spezialaufguss! Spezialaufguss!“ brüllte und sich daraufhin die grösste Sauna mit 60 Menschen füllte und ich mir immer nur vorstellte, wie die da dann drinnen hocken und wenn es ihnen zu viel wird, dann können sie nicht raus, weil sie in der hintersten von zehn Reihen sitzen und weil sie hinterher gelyncht würden, würden sie mitten im Spezialaufguss die Tür aufreissen, um die Sauna zu verlassen. Oder der dicke, schwitzende Mann, der sich in der Sauna, über deren Tür „Finnische Sauna“ stand, mit dem zur Dekoration im Vorraum aufgestellten Birkenbüschel, das schon längst keine Blätter mehr, geschweige denn frische, die so gut riechen in der Sauna, besass, sondern nur noch aus harten Zweigen bestand, schlug und dabei Anerkennung heischend die Mitsaunierenden ansah: seht her, ich weiss, wie man das macht, in Finnland in der Sauna! Einen Eimer zum Aufguss machen gab es in der „Finnischen Sauna“ übrigens nicht. Der wurde einmal in der Stunde von einem Handtuch und Zähnen – denn der Saunaangestellte war ein Farbiger, von dem ausser den Zähnen und dem um die Hüften gesschlungenen Handtuch in der Dunkelheit nichts zu erkennen war – hereingetragen und zeremoniell über dem, natürlich – Brandschutz, Leute! – elektrischen, Saunaofen ausgeleert und handtuchschwenkend im Raum verteilt. Ich sagte schon, dass unsere Erfahrungen mit deutschen Spassbädern bisher eher skurril waren?!

Jetzt also Estland. Das Spassbad gehört zu einem Hotel, das in der Herbstferienwoche vermutlich zu 90% von Finnen belegt war, denn allüberall hörte man Finnisch, und auf dem Parkplatz stand sogar eine finnische 320. Wir hatten es zufällig entdeckt, und die Kinder hatten vorsichtig gefragt, ob wir denn da mal hingehen könnten, und waren dann vor Freude im Kreis gehüpft, als wir sagten, klar, warum nicht, denn sie dachten, sie müssten in Estland immer nur wandern, hihi. Das Beste am Spassbad ist, dass es mindestens sechs verschiedene lange und sehr lange Rutschen hat. Wir waren an der Kasse ein bisschen irritiert, dass man die Sauna extra bezahlen sollte, weil ich eigentlich angenommen hatte, dass in estnischen Schwimmhallen Sauna genauso dazugehört wie in finnischen. So war es auch – ausser dass sie knallheiss war, aber auch das wusste ich eigentlich schon, dass Sauna in Estland heisser ist als in Finnland, während sich die Finnen immer über die lauwarme schwedische Sauna lustigmachen; es scheint da also einen West-Ost-Gradient zu geben – die Sauna, die man extra bezahlen musste, war ein extra Bereich mit lauter besonderen Saunas. Ähnlich dem Saunadorf in oben beschriebenem thüringischem Spassbad, aber… viel entspannter. Die Kinder wollten ja erst gar nicht mitkommen, sondern lieber bei den Rutschen bleiben – tatsächlich schwärmen sie jetzt aber immer noch davon, wie toll die Saunas dort waren! Man ging da einfach wie in unserer Eisbadesauna mit Badesachen rein. Es gab selbstverständlich Eimer zum Aufgussmachen und selbstverständlich keine Sanduhren. Es gab eine Salz-Dampfsauna, da lag ein Haufen Salz und ein Schäufelchen dazu, und man konnte sich – wozu auch immer das gut sein soll – mit dem Salz einreiben und es dann später noch in der Sauna mit einer Regendusche wieder abspülen, und Erwachsene wie Kinder matschten fröhlich vor sich hin, und keiner guckte, ob der andere auch alles richtig macht und sein hektargrosses Saunatuch auch wirklich korrekt ausgebreitet hat, so dass kein Tröpfchen Schweiss aufs Holz gelangt, und alle Besucher lachten und redeten und kein einziger Schwimmhallenangestellter war da zum Aufpassen, und der kleine Herr Maus sass fünf Minuten mutterseelenallein in der allerheissesten Sauna und erntete Bewunderung von allen anwesenden Erwachsenen und das Fräulein Maus machte Wechselbäder im kalten und warmen Schwimmbecken und der grosse Herr Maus ging im beleuchteten Pool tauchen und dann gingen wir alle nochmal in die Dampfsauna mit dem Salzhaufen, und ja, genau so muss Sauna sein.

„Können wir da mal wieder hingehen?!“, fragen die Kinder seitdem. Aber sicher!

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Reiserückblick (9): Nur eine Zwischenstation

Von der Slowakei bis nach Rostock – zur Fähre, denn wir fahren weiterhin mit Freuden durch halb Schweden in den Urlaub und zurück nach Hause – wäre es für einen Tag wirklich zu weit gewesen. Als wir überlegten, wo wir eine Zwischenübernachtung machen könnten, beschlossen wir schnell, zwei Zwischenübernachtungen einzuschieben und so auch noch einen allerletzten Lieblingsort zu besuchen.

Weil wir die allerschönsten Wege gehen wollten – „Können wir bittebitte auch wieder durch die Wilde Hölle wandern?!“, hatten die Kinder gefragt – und dafür ja nur einen Tag zur Verfügung hatten, eskalierte die Wanderung ein bisschen, aber wir waren ja gut trainiert.

Was für ein grossartiger Abschluss unserer Reise!


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Reiserückblick (6): Die Leuchtenburg

Als der Damals-noch-nicht-Ähämann und ich noch in Jena wohnten, konnten wir die Leuchtenburg von unserem Wohnzimmerfenster aus sehen.

Wir waren auch ein paarmal da, mit dem Fahrrad, und einmal feierten wir in der damals auf der Burg befindlichen Jugendherberge mit Kommilitonen eine Weihnachtsfeier mit Übernachtung, aber auf der Burg gab’s eigentlich nichts weiter zu sehen und man konnte auch nicht rein.

Seit ein paar Jahren gibt’s nun aber auf der Leuchtenburg – denn sie liegt direkt über der Porzellanstadt Kahla – ein Porzellanmuseum, von dem uns bisher alle Leute nur vorgeschwärmt hatten.

Wie das übrigens so ist mit Kindern – kaum ist alles einfacher, weil keiner mehr gewindelt oder gefüttert und ständig im Auge behalten werden muss und das Trotzalter endlich bei allen überwunden ist, findet das grösste Kind plötzlich alles doof, was die Eltern vorschlagen, und das mittlerste tutet aus Solidarität prompt ins gleiche Horn, und nur das kleinste legt noch kindliche Neugierde und Begeisterung an den Tag. Zwei wollten jedenfalls unter gar keinen Umständen in so ein „doofes Museum“ und viel lieber den ganzen Tag im Freibad verbringen.

Seltsamerweise waren dann aber drei Kinder überaus begeistert. Zwei Erwachsene auch. Das Museum ist nämlich ganz, ganz wunderbar. Man darf Sachen anfassen und ausprobieren, es werden Geschichten erzählt, es gibt die grösste Vase und die kleinste Teekanne der Welt dort zu sehen… und vor allem ist das Museum nicht bierernst.

Am Ende kann man sich einen Porzellanteller nehmen, mit nur im Schwarzlicht sichtbarem Stift seinen grössten Wunsch draufschreiben und ihn von einem hohen Steg den Burgberg hinunterwerfen.


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Reiserückblick (5): Die Lieblingsaussicht vom Lieblingsturm

Der Turm – auch genannt „Penis jenensis“ oder „Keksrolle“ – ist vielen ein Dorn im Auge.

Ich liebe ihn sehr.

Ich war jahrelang in seinem Erdgeschoss mittagessen und mit dem Damals-noch-nicht-Ähämann Tanzkurs machen und zumindest im ersten Studienjahr, bevor sie geschlossen wurde, in der Cafeteria im 26. Stock Kaffee trinken und eine Zeitlang im 8. Stock Tschechisch lernen und ein paar Monate lang habe ich sogar im 10. Stock, da war er schon nicht mehr der Uniturm, gearbeitet. Auch deswegen hänge ich an ihm.

„Können wir auch wieder auf den Turm hoch?“, fragten die Kinder. Natürlich! Wir fuhren diesmal im Abendsonnenschein hoch und blieben so lange oben – man kann sich ja sowieso gar nicht sattsehen! – bis überall unter uns die Lichter angingen.

Ohne den Turm wäre Jena nicht Jena.


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Reiserückblick (4): Freibadtourismus

Ich habe es, glaube ich, schon mehrfach erwähnt: oft haben wir kein Glück mit dem Urlaubswetter. Während wir weg sind, herrscht bei uns zu Hause eine dreiwöchige Hitzewelle, während wir bei 15 Grad und Regen durch die Schweizer Berge stapfen. Zum Beispiel.

Juni ist, das haben wir nun nach vielen, vielen Versuchen gelernt, die beste Zeit für einen Sommerurlaub: während es vor Mittsommer in Finnland eher kühl ist, ist in Mitteleuropa schon richtiger Sommer. Man kann sich natürlich auch darauf nicht verlassen, aber dieses Jahr hat es jedenfalls geklappt.

Es war so heiss, dass wir in der Urlaubswoche in Jena fast jeden Tag ins Freibad gingen. Und zwar jeden Tag in irgendein anderes Freibad der Umgebung. Und zwar immer gleich vormittags, wenn die armen Thüringer Schulkinder noch in der Schule hocken mussten und wir das Freibad fast für uns allein hatten.

(Anders ertrage ich deutsche Freibäder auch nicht mehr.)


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Reiserückblick (3): Die Lieblingsheimatstadt

Über Jena habe ich eigentlich alles schon gesagt.

Nach Jena kommen ist immer noch wie nach Hause kommen.

Die Kinder gingen jeden Morgen begeistert zum Bäcker Frühstück kaufen. Wir führten die Kinder in die Lieblingsstudentenkneipe und assen jeden Tag einen Eisbecher. Wir bestiegen bei 33°C den Jenzig und die Kinder stellten in den Kernbergen einen neuen Wanderrekord auf. Wir besuchten den Lieblingsbuchladen, den – zwei Kinder brauchten ein grösseres Fahrrad – Lieblingsfahrradladen, das Planetarium, die Leuchtenburg, den Erfurter Zoo, die Freibäder der Umgebung, den Lieblingsturm und die Freunde, mit denen immer ein Feuer gemacht werden muss.

Aus Jena wieder wegfahren fällt immer noch schwer.