Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Letzte Woche ist der Herbst ausgebrochen. Die Schatten werden länger, die Nächte kälter, die Morgende feuchter und die Blätter tatsächlich schon bunter. Für die Finnen ist ja sowieso schon seit Schulbeginn offiziell Herbst, aber mich überrascht das jedes Mal wieder, wie schnell der Sommer dann tatsächlich zu Herbst wird. Trotzdem war ich jeden Tag zu warm angezogen. Nachmittags wird es nämlich noch richtig warm.

Letzte Woche waren wir alle zum ersten Mal nach den Sommerferien krank. Es husten auch alle Hortkinder, die Freunde unserer Kinder und die Kassiererin im Supermarkt. Die erste Läusewarnung ist auch eingetroffen. In Finnland halten sich auch Parasiten und Krankheitserreger an ihre Zeitpläne. (Im November haben dann alle Grippe, im März Magen-Darm und kurz vor Vappu nochmal eine langwierige Flunssa.)

Letzte Woche habe ich das Fräulein Maus zum Zahnarzt begleitet, und sie anschliessend mich. Eigentlich wollte ich, wenn ich schon mal da war, denn anrufen ist generell nicht so mein Ding, nur nachfragen, ob ich mir schon mal – die Studenten sind noch nicht aus den Semesterferien zurückgekehrt – einen Termin machen lassen könnte. Nachdem ich mehrmals gefragt wurde, ob ich mir ganz sicher sei, dass ich, denn es dauert ja auch alles viel länger, wirklich von einem Kandi behandelt werden möchte, ging dann alles ganz holterdipolter, denn ach, wir könnten eigentlich gleich mal schnell gucken, was da bei dir so gemacht werden muss, und wenn du noch zehn Minuten Zeit hast, dann können wir auch gleich röntgen. Ja, bitte, danke, gern geschehen, dein Kandi ruft dich dann in den nächsten Tagen an und macht mit dir eine Zeit aus, willkommen! (Ich bin wirklich sehr dankbar für die Ausbildungszahnklinik!)

Letzte Woche sind endlich unsere Briefwahlunterlagen angekommen. (Jena hat vermutlich überdurchschnittlich viele im Ausland lebende ehemalige Bürger.) Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden.

Letzte Woche spazierte eine Herde ausgebüchster Schafe über unseren Hof. In den Hundsrosen sahen wir eine Gelbhalsmaus turnen. Die Nachbarin warnte uns vor der Kreuzotter, die sie direkt neben dem Spielplatz gesehen hatte. Wir standen mit angehaltenem Atem hinterm Schlafzimmerfenster, als Freund Fuchs kurz seine Beute – eine gewaltige Schermaus! – unterm Vogelbeerbaum ablegte, um kräftig zu gähnen und ein wenig zu verschnaufen, bevor er gemächlich die Strasse entlang davonschnürte. Auf unserem Zaun sammelt eine Ringeltaube Kräfte für den langen Flug über die Ostsee. (So ist das, wenn man zehn Meter vom Wald wohnt.)

Letzte Woche habe ich mir auf Arbeit eine Blase in den Mittelfinger gespitzt. Die fünf kleinen Mädchen, die sich spontan zu mir gesetzt, geholfen und am Ende noch die zweihundertdreizehn Stifte farblich sortiert hatten, präsentierten mir am nächsten Tag ebenfalls Blasen an ihren Fingern. (Weia. Aber wir hatten grossen Spass.)

Letzte Woche habe ich am gleichen Tag die 280 gesehen – mittags vor der Schule, aus der ich die Erstklässler in den Hort abholte – und die 281 – abends vor der Musikschule, als ich die Herren Maus zu ihrer Klavierstunde brachte.

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Traditionen weitergeben

Mein Schulanfang war das wunderbarste Fest meiner Kindheit.

3. September 1983

Und deswegen feiern wir auch die Schulanfänge aller unserer Kinder genau so: mit Verwandten, Freunden und Paten, mit Zuckertüte und Zuckertütenbaum und einem kleinen Schulanfänger, der den ganzen Tag im Mittelpunkt stehen darf.

Auch wenn so ein finnischer Schulanfänger eigentlich ohne viel Aufhebens einfach am ersten Schultag in die Schule marschiert.

Das machen wir dann am Dienstag.


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Dokument, wichtiges

Gerade eben habe ich mich fünf Minuten lang – vergeblich und schon leicht panisch werdend – auf der Suche nach der Abmeldebestätigung unserer letzten Wohnung in Deutschland durch die Ordner „Mietverträge“, „Bescheinigungen Deutschland“, „Studium“ und „Sonstige Bescheinigungen“ gewühlt.

Ich fand sie dann im Ordner mit meiner Geburtsurkunde, meinem Abi-, Diplom- und Doktorzeugnis, unserer Heiratsurkunde und dem offiziellen Finnisch-Sprachzertifikat. Was auch so ungefähr ihrem Wert entspricht.

(Das hätte ich mir ja auch nie träumen lassen, dass so ein Durchschlag auf rosa Seidenpapierchen, zu 90 Prozent geschwärzt, mal eines meiner wichtigsten Dokumente werden würde…)


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Im Arzgebirg is wahrlich schie…

Sechs Tage waren sehr kurz.

Aber immerhin. Wir waren auf dem Weihnachtsmarkt. Wir haben uns die Sonne auf die Nasen scheinen lassen. Wir sind über, unter und in den Wolken gewandert und sind sogar durch Schnee gestapft. Ich habe einen Besuch gemacht, der mir sehr am Herzen lag. Wir haben Schnitzel gegessen und Bratwurst und Krapfen und Zuckerwatte und Waffeln mit Schlagcreme. Wir haben uns beleuchtete Fenster angeguckt und sind abends von Pyramide zu Pyramide gefahren.

Es war so schön, wie es im Advent im Erzgebirge nur sein kann.


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Komische Dinge

„Ach so, sowas wie ein Engelsgeläut…!“
„Sooo gross?!“
„Kann man da mitfahren?“
„Stehen die das ganze Jahr da?“
„Ach da sind nicht nur Krippenfiguren drauf?!“
„Bergmänner?!“

Oder: warum es so schwer ist, zu erklären, woher das Funkeln in unser aller Augen kommt, wenn wir von der bevorstehenden Reise erzählen.

(Wir rutschen dann jetzt mal mit unseren amputierten Winterreifen vorsichtig zum Hafen und durch Schweden. )


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Urlaubsreif

Solche Wochenenden treten seltsamerweise fast ausschliesslich im November auf.

Und zwar unabhängig vom Alter der Kinder. Von Freitagabend bis Sonntagabend Gebrüll, Geheul und Gezänk schaffen auch Zehn-, Acht- und Sechsjährige noch. (Es hat auch nur mässig geholfen, dass das Fräulein Maus eigentlich den ganzen Sonnabend auf einem Wettkampf war, und dass wir gestern auf Wunsch aller in der Eisbadesauna waren.) Ein Kind musste dann gestern Abend vor der Maus ins Bett. Ein anderes sorgte dafür, dass auch keine Gute-Nacht-Geschichte gelesen wurde.

Aber als wir uns ins Bett schlichen, lagen die beiden Streithammel engumschlungen friedlich schlafend unter einer Decke. ♥

Vielleicht sind wir alle im November – wegen finster und keine Ferien seit August – einfach nur schrecklich müde und fertig. Die Aussicht auf dieses Jahr gerade mal eine Woche und drei Tage Weihnachtsferien hilft auch nicht wirklich dabei, die Zähne einfach noch ein paar Wochen zusammenzubeissen.

Wir schaffen da jetzt einfach selber Abhilfe. Und machen Adventsurlaub. In der Haamit.

Der Rektor hat auch schon gute Reise gewünscht.

Vier Wochen noch.
Augenzuunddurch.


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Voneinander lernen (2)

Ganz eventuell habe ich heute früh einen neuen finnischen Begriff geschaffen.

„Du hast aber lustige Zöpfe heute“, sage ich zur derzeit liebsten Kindergartenfreundin des kleinen Herrn Maus. „Weisst du, wie wir die in Deutschland nennen?“

Sie findet es sehr erheiternd.

Als ich wieder aufs Fahrrad gestiegen bin und Richtung Arbeit davonradele, steht sie draussen auf der Treppe, führt – abwechselnd ihre Zöpfe mit den Fingern schaukelnd und auf den kleinen Herrn Maus zeigend – jedem Neuankömmling ihre Frisur vor, und inzwischen steht eine ganze Horde Vorschüler um sie herum und stimmt fröhlich in ihr geträllertes „Apinakeinu! Apinakeinu!“ ein.


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Nur für besonders gute Eltern

Es gibt da jetzt also ein privates, deutsches KELA-Kisten-Imitat.

Prima Sache. Oder?

Es ist eine Geschäftsidee. Kann man machen. Eltern geben ja bekanntermassen bereitwillig sehr viel Geld für die nötigsten und unnötigsten Dinge aus. Was ich daran allerdings grundfalsch finde, ist, dass mit dem Imitat die finnische Idee eines Babyerstausstattungspaketes – die ausdrücklich als Vorbild und Inspiration genannt wird – durch ihre Kommerzialisierung ins genaue Gegenteil verkehrt wird.

Die Kela-Kiste ein Geschenk vom Staat (oder den Steuerzahlern, wenn man’s so nimmt) an Mutter und Kind – und kein „Ich bin besonders hip“-Accessoire für die, die es sich leisten können.

Die finnische Erstausstattungskiste war zuallererst eine Notmassnahme gegen geringe Geburtenraten und hohe Säuglingssterblichkeit. Seit ihrer Einführung 1949 bekommt man die Kiste nur, wenn man vor dem fünften Schwangerschaftsmonat zu einer Vorsorgeuntersuchung beim Arzt oder der Hebamme in der Neuvola erschienen ist. Und es war damals wohl wirklich wichtig, dass das Neugeborene mit der Kiste ein eigenes, sicheres Bett bekam – und wenn man einmal in einem finnischen Freilichtmuseum gewesen ist und gesehen hat, wie ärmlich und beengt die Finnen noch in den 50er und 60er Jahren gelebt haben, dann versteht man das sofort. Über die Jahre wurde der Inhalt immer wieder an die wechselnden Bedürfnisse angepasst: am Anfang enthielt die Kiste keine fertige Kleidung, sondern Stoffe zum Selbstnähen. In den 70er Jahren gehörte noch eine Waschschüssel zur Erstausstattung. In unserer ersten KELA-Kiste war noch ein Fläschchen, in der zweiten nicht mehr, weil man das Stillen noch mehr fördern wollte. In unseren beiden Kisten – eine dritte nahmen wir dann nicht mehr, sondern entschieden uns für die 140 € in bar, von denen wir dann z.B. noch ein paar dringend benötigte Wollsachen und einen Babyschalenfusssack für unser einziges Winterneugeborenes kauften – waren noch kleine Probepackungen Windeln; die sind seit ein paar Jahren durch ein Stoffwindelset ersetzt. Jahrzehntelang gehörte eine rote Rassel mit Gesicht zur KELA-Kiste – bis das kleine Familienunternehmen, das sie hergestellt hatte, aus Altersgründen aufhörte. (Ich ärgere mich bis heute, dass ich die zweite verschenkt habe.) Für mich persönlich waren die beiden wichtigsten Dinge in der KELA-Kiste der kleine Schneeanzug samt „Stiefelchen“ und Handschuhen und der Kinderwagenschlafsack. (Die beiden Dinge übrigens, an denen man am leichtesten erkennt, in welchem Jahr ein Baby geboren wurde. Oder seine grossen Geschwister. Ich finde das bis heute sehr lustig.)

Die KELA-Kiste mit ihrem umfangreichen Inhalt beinhaltet trotz allem nicht die gesamte Erstausstattung. Aber sie bildet einen guten Grundstock. Für Babys, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden, genauso wie für Babys, die sich besser von Anfang daran gewöhnen, dass für sie nur das Preiswerteste und Nötigste angeschafft werden kann.

Die finnische Kiste fördert Chancengleichheit von Geburt der Schwangerschaft an. Das deutsche Imitat fördert allenfalls das gute Gewissen von Eltern, die sich die Kiste leisten könnnen, und das schlechte Gewissen von Eltern, die die 349 € für einen Pappkarton, eine Matratze, drei Bodys, eine Hose, zwei Paar Söckchen, einen Strampler, ein Strickjäckchen, eine Mütze, ein paar Hygieneartikel und einen Strampelsack nicht aufbringen können (oder wollen; allerdings haben die dann vielleicht kein schlechtes Gewissen).

Geschlafen haben unsere Kinder übrigens fast nie in der Kiste. Und ich finde es auch merkwürdig, dass jemand, der auf seinem Blog Familienbett und Tragen propagiert, eine Babyerstausstattung ausgerechnet in einen zu einem Bettchen umfunktionierbaren Karton packt, der zudem bei den Deutschen zuverlässig bei jeder Erwähnung alle Plötzliche-Kindstod-Alarmglocken schrillen lässt.

Aber Finnland zieht ja immer.


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Brennstoffhandel

Gestern einen Finnen getroffen, der regelmässig LKW-Ladungen finnisches Birkenholz als Kaminholz nach Deutschland fährt. Das Geschäft liefe super, es gäbe genug Deutsche, die ganz wild auf das finnische Holz seien. Und im Winter fahre er auch öfter mal nach Spanien, weil die dort lebenden Finnen ihre Saunen auch lieber mit finnischer Birke als spanischer Pinie heizten.

Es gibt offensichtlich nichts, womit man heutzutage kein Geld machen kann.