Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Coronaklausur, Tag 14

Finnland hat 1384 bestätigte Coronafälle.

Seit zwei Wochen machen wir Schule zu Hause gehen die Kinder zum Unterricht nicht mehr ausser Haus.

Es ist ein bisschen wie zu Ferienbeginn: da gibt es auch immer geschwisterliche Kämpfe und Verwerfungen, die es sonst nicht gibt, weil sie sich erst wieder daran gewöhnen müssen, so viel Zeit miteinander verbringen. Aber jetzt ist nach zwei Wochen ein gewisser Frieden unter den Geschwistern eingezogen. Nicht, dass es kein Gezänk mehr gäbe (haha, niemals!), aber wir sind alle entspannter miteinander als vor zwei Wochen.

Gut, dass es so ist, denn uns stehen, wie wir seit gestern Abend wissen, weitere vier Wochen Schulschliessung, also acht insgesamt, bis 13. Mai, bevor. (Und ich wette ja, dass für die letzten zweieinhalb Wochen die Schulen dann auch nicht mehr aufgemacht werden. Diese Möglichkeit wurde jedenfalls gestern abend auch schon mehr als angedeutet.)

Grosse Finnlandliebe bei mir ob der Tatsache, dass hier trotz Schulschliessung ganz bewusst nicht von kotiopetus, also Homeschooling, gesprochen wird, sondern von etäopetus, also Fernunterricht, und dass es auch tatsächlich so ist. Das letzte Mal mit dem Schulkram eines der Kinder habe ich mich am Freitag beschäftigt, als das Fräulein Maus Hilfe beim Umstellen von Gleichungen brauchte. (Die hätte sie sich aber vermutlich ganz genauso für die Hausaufgaben erbeten, wenn sie normal in die Schule gegangen wäre an dem Tag.)

Es ist jetzt schon klar und wird auch so eingeplant, dass es im nächsten Schuljahr mehr Ressourcen für den Förderunterricht geben muss, damit die Kinder, die mit dem Fernunterricht nicht so gut klarkommen, Lücken schnell schliessen können. Und ich bewundere wirklich die Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt neben der ganzen Organisation des Fernunterrichts fast täglich anbieten, zusätzlich zum täglichen Videounterricht bei Fragen und Problemen immer auch für den Einzelnen erreichbar zu sein. Die Klassenlehrerin des grossen Herrn Maus rief heute innerhalb von zwei Stunden alle ihre Schüler*innen reihum an, um mit jedem persönlich darüber zu sprechen, wie sich der Fernunterricht für sie anfühlt, was gut daran ist, wo sie mehr Unterstützung bräuchten.

Wenn mir eins wirklich überhaupt gar keine Sorgen macht derzeit, dann Schule.

Nachmittags auf Wunsch der Herren Maus fünf Bleche Griesskekse mit ihnen gebacken. Danach brachen sie beide vorm dienstäglichen Musikschulmarathon schnell noch gemeinsam zu einer kurzen doch recht langen Radtour auf. Die Strassen sind schon wieder schneefrei.

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Presseschau.

Heute entdeckt, dass es die Lieblingsheimatstadt bis in die finnischen Nachrichten – auf die Seite mit den weltweiten Coronanews – gebracht hat, dem dortigen Link gefolgt, zufällig ein dort verlinktes Video entdeckt und dann einen kurzen Heimwehanfall – die Müllabfuhr ist vor unserem Haus! gefilmt – erlitten.

Wenn ich einen grossen Wunsch freihätte, dann den, dass wir im Juni wie geplant hinfahren können.

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Ausserdem: Sanna Marin, unsere Premierministerin, in der Vogue.


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Anschauungsunterricht Erneuerbare Energie

Was uns alle fünf immer wieder von neuem fasziniert, wenn wir in Deutschland sind, sind die Windkraftanlagen. Besonders im Norden, wenn wir gerade erst angekommen sind und die Windräder in riesigen Gruppen rechts und links der Autobahn stehen und mit den Armen wedeln. Oder wenn an der Autobahnraststätte auch ein Tieflader mit riesigen Rotorblättern drauf Pause macht.

Diesmal ergab es sich so, dass wir die erste Nacht in Deutschland woanders schlafen mussten als den Rest des Urlaubs. Neben vier grossen Windrädern. „Morgen will ich da hingehen!“, verkündete der kleine Herr Maus. Nach zwei Tagen im Auto tat ein Spaziergang an frischer Luft sowieso not, und ausserdem muss man so einem finnischen Kind ja auch endlich mal zeigen, wie so ein Windrad ganz aus der Nähe aussieht!

Es war ein Tag mit einem dieser Stürme, die es ja jetzt leider öfter gibt, und wir mussten uns mit aller Kraft gegen den Wind anstemmen, um überhaupt auf freiem Feld voranzukommen. Wir klappten trotz der Anstrengung alle Krägen und Kapuzen hoch, weil uns schon nach ein paar Schritten die Ohren wehtaten. Unterm Windrad legten wir uns auf den Rücken und guckten fasziniert zu, wie die riesigen Rotorblätter sanft rauschend über uns hinwegzogen.

Ich mag die Dinger übrigens wirklich. Sehr. Und die allgemeine Verweigerungshaltung macht mich einfach nur wütend und sprachlos. Hier in Finnland hörte ich einmal, Windkraft sei ja schön und gut und in Norddeutschland würden sich die Windräder ja auch ganz schön machen, aber in die finnische Landschaft mit ihren Wäldern passten sie einfach nicht. Die Frage ist nur, was von den finnischen Wäldern dann noch übrig ist, wenn hier erstmal mediterranes Klima herrscht. Oder arktisches, je nachdem, welches der möglichen Szenarien eintreten wird. Himmelherrgottnochmal!

Ein paar Tage später gingen wir den Kindern dann noch zeigen, wie man sehr simpel Energie speichern – zum Beispiel die, die an Sturmtagen produziert, aber nicht komplett gebraucht wird – und bei Bedarf wieder freisetzen kann. Zwischen zwei Weihnachtsmärkten machten wir einen Abstecher zum Pumpspeicherwerk Markersbach, das ich, in seiner Nähe aufgewachsen, immer für eher klein gehalten hatte, das aber tatsächlich eines der grössten Pumpspeicherwerke in Europa ist. (Im kleinen Erzgebirge! Wo es doch auch in Norwegen und in der Schweiz welche gibt!)

Die Dammkrone des Oberbeckens durfte man leider nicht betreten, denn es hatte ein paar Krümel geschneit und es war aus Sicherheitsgründen alles verriegelt und verrammelt. Dafür ist die Staumauer des Unterbeckens eine der wenigen in der Gegend, über die man drüberlaufen darf. Manchmal darf man auch in die Maschinenkaverne, aber es gibt dafür keine regelmässigen Termine.

Das Wasser war übrigens gerade unten.


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Advent im Erzgebirge: Lauter klaane Lichter

„Etwa sechs von zehn Bundesbürgern sind einer Umfrage zufolge bereit, für den Klimaschutz weniger oder gar keine Weihnachtsbeleuchtung zu benutzen“, hörten wir im Radio auf der Autobahn.

Mal davon abgesehen, dass es wesentlich sinnvoller wäre, wenn sechs von zehn Bürgern bereit wären, ihr Auto mal stehen zu lassen, hat man bei dieser Umfrage ganz sicher niemanden aus dem Erzgebirge befragt.

Nirgends gibt es in der Adventszeit so viele Lichter in den Fenstern wie im Erzgebirge. Es gingen auch schon Mitteilungen durch die Presse, wonach manche Erzgebirgsgemeinde sich kaum die Stromrechnung für den Weihnachtsbaum, die Pyramide und die Beleuchtung auf dem Marktplatz leisten kann. Aber darauf verzichten? Niemals.

Und wahrscheinlich brauchen die Schwibbögen und Adventssterne in jedem Fenster noch nicht mal halb so viel Strom wie die blinkenden Lichterketten und ausufernden amerikanischen Weihnachtsbeleuchtungen anderswo. Nirgends ist Weihnachten so unkitschig wie im Erzgebirge.

Auch Weihnachtsmarkt ist Weihnachtsmarkt und kein Rummel. Fahrgeschäfte gibt es nur für Kinder. Der kleine Herr Maus und das Fräulein Maus fuhren begeistert, aber schon mit ein bisschen ironischer Distanz Kinderkarussell. (Der grosse Herr Maus wollte sein Weihnachtsmarktgeld lieber sparen. Und vielleicht ist er einfach in einem Alter, in dem man sich nicht mehr und noch nicht wieder auf ein Kinderkarussell setzt.) Der kleine Herr Maus fuhr in meiner Geburtsstadt mit dem Karussell, auf dem ich schon – am liebsten im Hubschrauber – in seinem Alter meine Runden zog. Auf dem Flugzeug steht jetzt „Lufthansa“ statt „Interflug“ und auf den Motorrädern „BMW“ statt „MZ“, aber sonst ist es noch genauso toll wie früher. Ins Mondfahrzeug passte der kleine Herr Maus allerdings nicht mehr rein – eine Erfahrung, die bei unserem vorletzten Besuch schon das Fräulein Maus machen musste.

Natürlich gibt es allüberall Glühwein. Aber es fehlen die besoffenen Horden, die über die Weihnachtsmärkte ziehen, die ich schon in so vielen deutschen Grossstädten erlebt habe.

(Apropos Glühwein. Eines Abends standen wir im Supermarkt an der Kasse, vor uns eine Familie mit Kind, wir mit unseren Kindern dahinter. Wir hatten zwischen Joghurt, Milch und Hallorenkugeln eine Flasche regionalen Johannisbeerlikör auf dem Band liegen. Der Familienvater vor uns sah sie, sprach uns an, in welchem Regal der denn stünde und rannte los, um auch noch schnell eine zu holen. Eine in Deutschland völlig normale und in Finnland völlig undenkbare Szene: nicht nur, weil es Alkohol sowieso nicht im Supermarkt, sondern nur in speziellen Geschäften gibt, sondern weil niemand Alkohol kaufen – und auch nicht trinken – würde, wenn Kinder dabei sind. Und dann wundern sie sich über ihr abnormales Trinkverhalten und warum keiner gelernt hat, massvoll mit Alkohol umzugehen!)

Unser Mittagessen bestand an etlichen Tagen aus Bratwurst und Waffeln mit Schlagcreme. Und dann noch eine Tüte Krapfen dazu und für die Vitamine ein glasierter Apfel. Weihnachtsmarkt ist so toll!

Ein bisschen meine Adventsfreude getrübt hat der Umstand, dass es selbst auf den kleinen Weihnachtsmärkten sehr, sehr voll war – viel voller als bei unseren Besuchen in den Jahren zuvor. Und obwohl ich sonst immer das Gefühl hatte, dass die Leute im Gebirg‘ doch irgendwie nicht ganz so gehetzt und deutlich freundlicher sind als anderswo, sahen wir uns diesmal unerwartet oft Leuten gegenüber, die eine unglaubliche Ellenbogigkeit – allen voran die Autofahrer – und öffentlich zur Schau getragene Unzufriedenheit an den Tag legten. Ich habe manches Mal gedacht, dass es kein Wunder ist, dass die Parolen der AfD hier auf fruchtbaren Boden fallen. Oder dass vielleicht umgekehrt die AfD einfach unglaublich gute verheerende Arbeit geleistet hat in den letzten zwei, drei Jahren.

Ebenfalls sehr befremdlich fand ich, dass man allüberall für einen Toilettengang bezahlen muss, und dass es zum Händewaschen fast überall nur kaltes Wasser gibt. Ich bin wirklich zu lange weg, um dafür noch irgendwie Verständnis zu haben, geschweige denn, es normal zu finden.

Alles in allem aber war es schön, da zu sein, wo meine Weihnachtstraditionen herkommen. Mit meinen Eltern Ausflüge zu machen. Bekannte zu treffen. In Schwarzenberg auf dem Weihnachtsmarkt von einer Adventskalenderbestellerin angesprochen zu werden.

Und bevor keiner mehr Weihnachtsfotos sehen will, hier noch ein letzter Schwung Stimmungsfotos von da, wo die Adventszeit am schönsten ist. ♥


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Advent im Erzgebirge: Bimmelbahnliebe

Modelleisenbahnen angucken und mit Schmalspurbahnen fahren kann man natürlich das ganze Jahr über – aber im Advent ist es doppelt schön.

Gleich am ersten Tag entdeckten wir auf dem Weg zu einem kleinen Weihnachtsmarkt eine Werbung für eine Modellbahnausstellung. „Können wir da bitte hingehen?“, riefen drei Kinder im Chor, das Fräulein Maus allen voran. Es gab da Dampfloks, die wirklich dampften, eine winzigkleine Anlage in einem Koffer, und eine riesige Anlage, die mich direkt in meine Kindheit zurückversetzte, weil da ein Zug Plattenbauelemente geladen hatte und ein anderer Ikarus-Busse. Und dann gab es noch die eine Anlage, die wunderschön und detailreich zurechtgemacht war – leider samt jeder Menge Wehrmachtssoldaten, -panzer und -fahrzeugen – die uns alle ein bisschen verstört zurückliess: sowas darf man in Deutschland im Jahr 2019 einfach so öffentlich aufbauen?!

Dann doch lieber echte Dampfloks. Wir hatten das diesmal gar nicht geplant: die Pressnitztalbahn fährt nur am Wochenende, und wir waren wirklich überrascht, als wir lasen, dass die Fichtelbergbahn im Advent täglich sechsmal in jede Richtung fährt. Trotzdem entschlossen wir uns ein bisschen spät, und weil wir alle keine Lust hatten, drei Stunden in Oberwiesenthal abhängen zu müssen, fuhren wir nur – immerhin trotzdem 40 Minuten pro Richtung – von Cranzahl nach Niederschlag, stiegen dort in den wartenden Gegenzug und fuhren direkt wieder zurück.

Sehr lachen musste ich, als uns der Fahrkartenverkäufer sagte: „Der Zug fährt von Gleis 3, da kommen Sie durch die Unterführung hin.“ Wer hätte gedacht, dass so ein Bimmelbahnbahnhof weltstädtischer ist als unser Turkuer Hauptbahnhof, wo man bekanntlich einfach von Bahnsteig zu Bahnsteig über die Gleise latscht!

Dafür fährt die Bahn, zur Warnung die ganze Zeit bimmelnd, manchem Neudorfer Bürger fast über die Terrasse, und ich erinnere mich an eine Bahnfahrt vor 30 Jahren, als auf freier Strecke angehalten werden musste, weil eine kleine Herde Schafe auf den Gleisen stand, die der Heizer verscheuchen musste, bevor weitergefahren werden konnte. Damals übrigens, als wir die Bahn zumeist nutzten, um beim Wandern nicht die gleiche Strecke hin und zurück laufen zu müssen, fand ich es sehr faszinierend, dass manche Leute nicht nur zum Vergnügen mit der kleinen Dampfbahn fuhren, sondern täglich zur Arbeit.

Die einzig wahre Art übrigens, mit so einem Dampfzug zu fahren, ist auf der offenen Plattform des ersten Wagens, direkt hinter der Lok. So habe ich es von meinem eisenbahnbegeisterten Vater gelernt – obwohl mir als Kind die fauchende, heisse Lok manchmal ein bisschen unheimlich war – und so mache ich es bis heute. Auf der Hinfahrt ging es leider nicht, weil hinter der Lok der Gepäckwagen hing, aber auf der Rückfahrt stand ich mit dem kleinen Herrn Maus, der mir in vielem von unseren Kindern am ähnlichsten ist, auf seinen Wunsch die ganzen 40 Minuten draussen, trotz Schneetreiben und unseren immer nasser werdenden Handschuhen.


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Advent im Erzgebirge: De Peremett

„Un wenn de Peremett sich dreht, is unner schennste Zeit!“, heisst es im bekanntesten erzgebirgischen Weihnachtslied, und das ist wohl wahr!

Als Kind hat mich von allen Weihnachtsdingen die Pyramide am meisten beeindruckt: wie sich der Spanbaum in der Mitte um sich selbst drehte, wie die Engel immer schneller dahineilten, je kürzer die Kerzen brannten, und welch sonderbare, vierfache Schatten die Pyramidenflügel an die Decke warfen!

Als Grundschulkind bekam ich meine eigene Pyramide, weil mein Vater zufällig eine bei einer Betriebsweihnachtsfeier geschenkt bekommen hatte und wir ja dann zwei hatten. Auf ihr rennen Rehe um eine Raufe, und sie hat mich und uns seither in jede neue Wohnung begleitet. (Praktischerweise braucht sie nur drei Kerzen, das spart eine Packung Pyramidenkerzen, die wir hier nicht kriegen, pro Saison!)

Am Dienstag verpackte ich unsere Pyramide vorsichtig in ihren Karton, verstaute den in der Fahrradtasche und fuhr sie für einen Nachmittag in den Hort, um den Kindern ein bisschen was über meinen Urlaub zu erzählen und gleichzeitig beim wöchtenlichen Wissenschaftsdienstag ein bisschen was mit Thermodynamik zu machen.

Weil im Erzgebirge zur Weihnachtszeit aber alles noch ein bisschen wundersamer ist als anderswo, gibt es dort nicht nur Pyramiden für drin, sondern auch grosse für draussen. (Die funktionieren freilich mit Strom, und ich liebe das leise Brummen, mit dem sie sich auf den stillen Plätzen kleiner Ortschaften drehen.)

Die älteste dieser Pyramiden dreht sich seit 1934 in Schwarzenberg. Und obwohl nach der Wende noch etliche dazugekommen sind, gab es schon in meiner Kindheit so viele, dass wir oft an den Adventswochenenden, abends, wenn es dunkel geworden war, auf „Pyramidentour“ gingen und von einer zur anderen fuhren. (Das, was wir jetzt auch mit unseren Kindern machen, wenn wir im Advent im Erzgebirge sind.)

Manche haben die Form eines Weihnachtsbaums, manche den eines Förderturms oder eines Huthauses. Sie haben weisse Flügel oder rote oder blaue oder welche mit Sternen drauf oder welche aus Metall. Alle haben sie mehrere Stockwerke, auf denen geschnitzte oder gedrechselte Figuren gemächlich im Kreis laufen: Kurrendesänger, Engel, manchmal die heilige Familie, Bergleute natürlich und alle Berufe vom Holzweibel bis zum Schuster, die es im Erzgebirge gab und gibt – auf manch einer Pyramide ist auch ein Bergmann mit Presslufthammer oder ein Waldarbeiter mit Motorsäge zu sehen. Und auf einer meiner Lieblingspyramiden gibt es ganz viele Spanbäume! Diese Ortspyramiden sind klein oder gross und sie sind alle – mit Ausnahme der grössenwahnsinnigen neuen Pyramide in Johanngeorgenstadt – eine schöner als die andere!

(Überhaupt gar nichts mit einer erzgebirgischen Pyramide zu tun haben die unsäglichen Fresspyramiden aus Pappe, die neuerdings auf allen grossen deutschen Weihnachtsmärkten stehen!)

Zu Hohneujahr werden sie übrigens alle wieder abgebaut, die Figuren vorsichtig verpackt und eingelagert, um dann zu Beginn der nächsten Adventszeit wieder aufgebaut und vielerorts mit einer kleinen Zeremonie feierlich wieder „angeschoben“ zu werden.


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Advent im Erzgebirge: Alles kommt vom Bergwerk her

Nirgends ist es im Advent schöner als im Erzgebirge.

Ich bin aufgewachsen mit Lichterengeln und -bergmännern, mit Schwibbögen in den Fenstern und Pyramiden auf den Marktplätzen. Beim Wort Weihnachtsdeko rollen sich mir die Fussnägel hoch. Die Adventszeit ist die einzige Zeit im Jahr, in der ich manchmal ein bisschen Heimweh habe.

Ich bin sozusagen von einer Gegend, in der Licht im Winter besonders wichtig ist, in eine andere gezogen. Denn die Bergmänner im Erzgebirge – und der Bergbau hat da eine seeehr lange Tradition: im 12. Jahrhundert wurde das erste Silber gefunden, und noch zu DDR-Zeiten wurde in den Berg gefahren, um WismutUran und Zinn zu fördern – sahen den ganzen Winter über kein Tageslicht, weil sie in den Stollen einfuhren, bevor es hell wurde, und wieder heraufkamen, als es schon wieder dunkel war. Die Frauen stellten ihren unter Tage arbeitenden Männern und Söhnen kerzentragende Schutzengel in die Fenster, die ihnen heimleuchten sollten, und auch die Schwibbögen und Weihnachtspyramiden gehen auf den Bergbau zurück. Zudem machte der Silberbergbau zwar die ganze Gegend reich – was sehr schön an sehr prächtigen Kirchen in ganz kleinen Orten zu sehen ist – aber die Bergleute und ihre Familien waren trotzdem arm und verdienten sich mit Klöppeln, Schnitzen und Spielzeugmachen ein Zubrot, weswegen auch der Nussknacker, das Räuchermännchen und die Reifentiere aus dem Erzgebirge stammen.

Mein allerliebstes erzgebirgisches Weihnachtsding aber sind die Weihnachtsberge. Grosse Landschaftsmodelle mit geschnitzten Figuren, die sich darin bewegen, mit Beleuchtung, manchmal mit echtem Wasser, das über einen kleinen Wasserfall in einen Teich fliesst, auf dem Ruderer ihre Kreise ziehen. Es gibt uralte Weihnachtsberge und erst ein paar Jahrezehnte alte. Ein richtiger Weihnachtsberg zeigt eine biblische Landschaft, aber viel schöner sind die, die ein verschneites Dorf im Erzgebirge darstellen, mit Skilift und Schlittenfahrern, und es gibt auch einen, auf dem man den Bau der Talsperre Sosa sehen kann. Am allerschönsten aber sind die, die einem einen Blick unter Tage gewähren: oben dreht sich ein Pferdegöpel, da fahren Bergmänner in einen Stollen ein, es wird gehämmert und geklopft, einer dreht eine Winde, einer schiebt einen Hunt, zwei machen Pause und essen eine Fettbemme und bemerken gar nicht, dass der Berggeist neben ihnen aus einer kleinen Tür kommt und wieder darin verschwindet.

Ich weiss nicht, warum wir bis zu diesem Jahr noch nie da waren, aber in Schneeberg gibt es das Museum für bergmännische Volkskunst, das neben ein bisschen Stadt- und Bergbaugeschichte, alten Pyramiden und vielen beeindruckenden Schnitzereien vor allem jede Menge Weihnachtsberge zeigt. Stunden hätte ich da zubringen können und gucken! Der kleine Herr Maus durfte eine Bergmannstracht anlegen, originalgetreu samt Arschleder und Knieschützern und gelben Hosen, die nur die Schneeberger Bergleute tragen, weil einmal zu irgendeinem Jubiläum des sächsischen Königshauses eine Bergparade stattfinden sollte, aber nicht genügend Stoff für die Paradehosen aufzutreiben war, weswegen die Soldaten des in Schneeberg stationierten Regiments ihre – zufällig gelben – Hosen zur Verfügung stellen mussten. Warum unser Lichterbergmann zu Hause eigentlich gar keine Knieschützer anhat, war die erste Frage der Kinder nach unserer Rückkehr.

Wie es im Inneren eines Weihnachtsbergs aussieht, damit sich auch alles bewegt.

Raum für einen Weihnachtsberg ist in der kleinsten Hütte Nuss

Weihnachtsberge und andere schöne Dinge angucken, abseits von Seiffen und Co. – eine Liste unserer Lieblingsmuseen:
Museum für bergmännische Volkskunst, Schneeberg
Museum sächsisch-böhmisches Erzgebirge, Marienberg
Turmmuseum in Geyer
Mauersberger Museum


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Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte (4)

„Nach aktuellsten Umfragen Wahre Finnen mit über 20% stärkste Partei“

Das nun also auch noch, nach den Ergebnissen der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg…!

Zu denen hat Frau Nessy einen Kommentar geschrieben, den ich jetzt einfach mal hier zitiere, weil ich es besser nicht ausdrücken könnte:

Ich habe es satt, dass wir so verständnisvoll sind. Dass wir hinterfragen und ergründen, sachlich und emotional, von vorne und von hinten und von der Seite, mit schräg gelegtem Kopf und interessiert vorgebeugt, warum die Menschen AfD wählen. Wir sollten damit aufhören. Nazis wählen Nazis, weil sie Nazis sind. Weil sie verdammte Rassisten sind. Weil sie es wollen. Weil sie ausgrenzen, weil sie vereinfachen, weil sie Modernisierung, Aufklärung und Komplexität ablehnen, weil sie hassen. Weil sie Täter sind und nicht, weil sie Opfer sind.
Es gibt keine tolerierbare Begründung, Nazi zu sein. Ich will keine Rechtfertigung mehr hören, warum jemand AfD wählt. Egal, wie enttäuscht und frustriert er ist, wie sozial ungerecht unsere Gesellschaft bisweilen daherkommt und egal, was den Eltern während der Wiedervereinigung geschehen ist. Es gibt kein Argument und keine Gefühlslage, die es rechtfertigen, ein nationalistisches, rassistisches Arschloch zu sein.

Am allerwütendsten vielleicht aber macht mich der Missbrauch des Slogans „Wir sind das Volk“. Damit gingen Menschen unter Aufbietung all ihres Mutes auf die Strasse, um für freie Wahlen, Mitbestimmung und das Ende des Eingesperrtseins im eigenen Land zu kämpfen. Nicht, um zu nörgeln, dass alle anderen immer mehr bekommen, obwohl es einem selbst viel eher zustehen würde. Wobei, es hat ja auch damals gar nicht lange gedauert, bis die Stimmung kippte und die Menschen, die jetzt nicht mehr so viel Mut brauchten, um auf die Strasse zu gehen, nach der D-Mark schrien…


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Reiserückblick (1): Bäume, die aus Häusern wachsen

„Was?! Wir sind schon seit zwei Wochen wieder zu Hause?!“ rief der grosse Herr Maus gestern ganz entsetzt.

(Und: „Dann haben wir ja nur noch fünf Wochen Ferien!“, rechnete er ebenso entsetzt nach. Fünfeinhalb, um genau zu sein. Und ja, das ist Jammern auf hohem Niveau.)

Jedenfalls wird es jetzt höchste Zeit für einen Reiserückblick.

Unsere „Europa“reisen fangen wir seit ein paar Jahren, seit wir immer in aller Herrgottsfrühe schon in Rostock ankommen, immer schon auf dem Weg an. Irgendwo, wohin wir schon immer mal (wieder) wollten: im Wörlitzer Park oder im Irrgarten Altjeßnitz oder mit einer Fährfahrt über die Elbe.

Diesmal war es so, dass das Fräulein Maus kurz vor unserer Reise zum ersten Mal von einem Baumwipfelpfad gehört hatte. „Sowas will ich auch mal machen!“, sagte sie, und mir fiel ein, dass ich da irgenwann mal was gelesen hatte über einen Baumwipfelpfad, der direkt an unserer Reiseroute liegen würde. Gleich hinterm Berliner Ring, in Beelitz, fuhren wir von der Autobahn ab.

Dort gibt es einen ganz besonderen Baumwipfelpfad: er führt nicht einfach über Wald, sondern über das Gelände der ehemaligen Lungenheilstätten – und über Bäume, die aus deren Ruinen wachsen.

Leider nämlich wurden die für ihre Zeit sehr modernen Lungenheilstätten, die Anfang des 20. Jahrhunderts, als in Berlin die Tuberkulose grassierte, wohldurchdacht in einem grossen Waldgebiet in der Nähe errichtet wurden, nur vergleichsweise kurze Zeit als solche genutzt. In beiden Weltkriegen dienten sie als Lazarett. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde eins der grössten Gebäude, das, aus dem heute die grössten Bäume wachsen, zerstört und nie wieder aufgebaut. Die noch erhaltenen Gebäude dienten – und dabei wurden sie auch nicht gerade pfleglich behandelt; dass das Luftbad zu einem Schweinestall umfunktioniert wurde, kann man da ruhig symbolisch sehen – bis 1994 als sowjetisches Militärkrankenhaus. Seitdem verfallen alle Gebäude, und die Natur erobert sich zurück, was ihr zusteht, und zwar volle Kanne: da wachsen nicht nur ein paar zarte Birkenstämmchen aus den Dächern, sondern ganze Kiefernwälder!

Ein bisschen gruslig, und sehr beeindruckend.

Es gibt dort auch Führungen, teilweise auch mit Schutzhelm in die alten Gebäude, aber dazu fehlte uns einerseits die Zeit, andererseits waren die Kinder – es gibt eine Altersbeschränkung – noch zu klein dafür. Allerdings kannten wir das meiste schon aus dem von Alvar Aalto entworfenen Tuberkulosesanatorium in Paimio, und die Infotafeln entlang des Baumwipfelpfades und neben den abgesperrten Gebäuden sind wirklich sehr gut.

Hingehen sollte man auf jeden Fall, wenn es sich einrichten lässt, an einem Wochentag. Wir waren an einem Montag und fast allein, der Parkplatzwächter aber erzählte uns, am Tag zuvor wären 4000 (!) Leute dagewesen. Da wären wir direkt wieder umgekehrt. Und das wäre ja doch schade gewesen.

[Nachtrag: Frau Nessy hat sehr ausführlich und informativ über die Beelitzer Heilstätten gebloggt.]


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Die schönen deutschen Autobahnen

„Ihr habt ja so schöne Autobahnen!“, höre ich manchmal vor oder nach einem unserer Deutschlandurlaube, wenn ich mit jemandem über Reiserouten rede.

„Da kann man sicher gut so lange Strecken fahren“, sagen die einen.
„Und kein Tempolimit!“, schwärmen die anderen.

Leute, sage ich dann, ihr habt ja überhaupt keine Vorstellung.

Erstens nämlich sind die deutschen Autobahnen voll. Voller Autos, und voller Baustellen, und statt schön schnell voranzukommen, steht man oft einfach im Stau.

Oder es ist superanstrengend, da zu fahren. Wisst ihr eigentlich, wie so eine dreispurige Autobahn funktioniert?!

Ich sag’s euch mal: auf der rechten Spur reihen sich Stossstange an Stossstange die LKWs. Auf der mittleren Spur muss man mindestens 140 km/h fahren, weil man sonst zum Hemmschuh wird und Gegenstand des Unmuts aller Mitautobahnbenutzer. Wenn allerdings ein LKW zwei km/h schneller fährt als ein anderer, muss der natürlich überholen, völlig klar, und weil es ja ein LKW ist, denn auf der deutschen Autobahn gilt grundsätzlich das Recht des Stärkeren, drängelt er sich einfach auf die mittlere Spur und bremst die PKWs dort aus. Für den Fall gibt es noch die linke Spur. Allerdings kann man da nicht einfach blinken und mit seinen 140 km/h drauffahren, um einen 97 km/h fahrenden LKW zu überholen, denn die linke Spur, damit das mal gleich klar ist, die ist für die Leute reserviert, die in Deutschland ihr letztes Refugium haben: die auf der Autobahn mal so richtig die Sau rauslassen wollen.

Wir halten fest: die rechte Spur ist quasi gesperrt. Auf der mittleren Spur braucht man extrem gute Nerven. Und auf der linken Spur lauert – und ich empfinde das tatsächlich so – permanent der Verkehrstod.

„Oh“, sagen die Leute dann und kriegen erschrockene Augen, „das ist doch super gefährlich! Kann man da nicht irgendwelche Regeln aufstellen?“

Tja, liebe Leute, sage ich dann, ein Tempolimit wäre schon mal eine gute Lösung. Klar, hält sich auch nicht jeder dran, aber ich bin mir sicher, es würde deutlich weniger gerast. Und überhaupt wäre das Fahren viel stressfreier.

Es ist nämlich so: einmal habe ich den Herrn Picasso von Stockholm bis Eckernförde gefahren, über 1000 km, ohne Fahrerwechsel, weil der Ähämann Fieber hatte. Es war Sommer, es war hell, ich war ausgeschlafen, und auf den skandinavischen Autobahnen fährt es sich entspannt dahin: wenig Verkehr, Tempolimit auf 120 km/h. Das Ganze war kein Problem. Ab Kopenhagen war der Verkehr deutlich dichter, aber ich rollte einfach mit den anderen dahin oder überholte ab und zu. Dann kam die deutsche Grenze. Die Autobahn wurde weder breiter noch schmaler noch besser noch schlechter, und die Verkehrsdichte änderte sich kein bisschen. Nur das Tempolimit war weg. Und damit die Entspanntheit beim Fahren. Ringsum begann ein Gerase, als hätte man wilde Tiere aus einem Käfig gelassen. Nichts mehr mit entspanntem Dahinrollen. Stattdessen: Lenkrad umklammern, Bremsfuss in Habachtstellung, permanent den Rückspiegel im Auge behalten. Diese letzten 50 km von insgesamt 1100 waren die schlimmsten.

Und warum? Weil man eine kleine Minderheit, die den Motor unterm Hintern für ihr Selbstwertgefühl braucht, nicht in ihrer Freiheit einschränken darf.

Die schönen deutschen Autobahnen bereiten mir Unbehagen. So schlimm, dass ich da nicht mehr fahre, weil ich diese Art des Autofahrens nach 15 Jahren in Finnland völlig verlernt habe. So schlimm, dass ich jedes Mal froh bin, wenn wir da heil wieder runter sind.

Und das ist jetzt nur mein persönliches Empfinden. Die Fakten zum CO2-Ausstoss und die Unfallstatistiken sprechen eine noch viel deutlichere Sprache. Überhaupt ist das unbegrenzte Tempolimit ja kein bisschen mehr zeitgemäss: als pro Kilometer Autobahn nicht mehr als zehn Autos unterwegs waren, da war das sicher prima – aber bei der heutigen Verkehrsdichte?

Die schönen deutschen Autobahnen, liebe finnische Mitbürger, sind nichts, was im Geringsten erstrebenswert wäre. Im Gegenteil.

Und das unbegrenzte Tempolimit gehört endlich weg.

(Da kann man unterschreiben. Ich hab‘ auch schon.)