Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Wollsocken im Klassenzimmer (8)

7 Kommentare

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten. Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Schulkindern, die derzeit die Klassen 3, 5 und 7 besuchen, basierend. Heute mit einer lustigen Frage, die eine lange Antwort nach sich zieht.

Gibt es in Finnland Schulfächer, die es anderswo nicht gibt? Eishockey zum Beispiel?

Hihi. Eishockey ist zwar durchaus eine wichtige Sache hierzulande, aber ein extra Schulfach gibt es dafür nicht.

Es wird aber tatsächlich Eishockey gespielt im Sportunterricht, und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr Beispiele fielen mir ein, dass es zwar keine anderen Unterrichtsfächer gibt als anderswo, aber dass sich der Inhhalt vielleicht tatsächlich ein bisschen unterscheidet. Dass Schule hierzulande nicht nur Wissen vermitteln, sondern vor allem aufs Leben vorbereiten soll.

Fremdsprachen: Schwedisch statt Latein

Ich musste als erste Fremdsprache Russisch lernen. Sechs Jahre lang habe ich im Russischunterricht gesessen und immer die besten Noten dafür bekommen – und am Ende trotzdem nicht das Gefühl gehabt, mich im Ernstfall auch nur ansatzweise auf Russisch verständigen zu können. Der Englischunterricht war am Anfang so ähnlich: in unserem Lehrbuch fanden sich so essentielle Sätze wie Mike is a mechanic. Mike is out of work. Dann kam die Wende, ich wechselte von Russisch zu Französisch, und schon nach zwei Jahren Unterricht – von denen ich das erste wegen Schulwechsel quasi nochmal wiederholte – konnte ich mich im Urlaub in Frankreich leidlich verständigen. (Und habe zum ersten Mal erlebt, wie motivierend das ist. Und dass es völlig wurscht ist, ob man alles immer ganz perfekt ausspricht und alles immer grammatikalisch korrekt ausdrückt.) Später habe ich noch Tschechisch und Finnisch gelernt – keine Weltsprachen, aber Sprachen, die ich aus Gründen gern können wollte – und ja, es ist tatsächlich so, dass sich jede neue Sprache leichter lernt.

Ich bin jedenfalls ein grosser Fan von praktisch anwendbaren Fremdsprachen, und deswegen finde ich es nicht nur toll, dass die Kinder hier seit neuestem schon ab der ersten Klasse Englisch lernen (unsere allerdings haben alle erst in der dritten damit angefangen), sondern ich finde auch den eher unbeliebten Schwedischunterricht ab der 6. Klasse gut. Schwedisch ist nun mal zweite Amtssprache in Finnland – und vor allem ist es eine Sprache, die man auch wirklich gebrauchen kann: denn wenn man Schwedisch kann, dann kommt man auch in Norwegen und Dänemark zurecht und wird höchstens in Schweden wegen seines Muminschwedischs ein bisschen belächelt.

Es gibt in Turku auch eine Schule, in der man in der Abiturstufe Latein und Altgriechisch lernen kann – aber sonst beschränkt sich das Sprachenangebot neben Englisch und Schwedisch je nach Schule auf Spanisch, Russisch, Deutsch und Französisch. Und ja, mir hat man damals auch gesagt, wenn man Biologie studieren will, dann muss man Latein lernen – das muss man aber überhaupt nicht: das bisschen Latein, das man braucht, um sich Fachbegriffe auch mal selbst erschliessen zu können, lernt man auch nebenher, dafür braucht man wirklich kein Latinum.

Sport: Orientierungslauf, Schlittschuhfahren und Skilanglauf

Sportunterricht ist am Anfang der Grundschule ziemlich spielerisch, später wird auch ernsthafter Geräteturnen und Leichtathletik betrieben und verschiedene Ballspiele gelernt. (Baseball (!) ist ein grosses Ding in Finnland.) Ausserdem machen sie von Anfang an Orientierungslauf – in zumutbarer Laufentfernung zu jeder Schule gibt es mindestens ein kleines Stück Wald mit für den Orientierungslauf fest installierten Posten.

Im Winter werden alle Sportplätze vereist und im Sportunterricht schlittschuhgelaufen, wobei auch Bremsen, Rückwärtsfahren etc. geübt und Eishockey gespielt wird. Ausserdem wird im Winter Skilanglauf betrieben – bei den Finnen ähnlich beliebt wie der obligatorische Schwedischunterricht – in Turku allerdings mangelt es normalerweise an der entsprechenden Witterung und/oder der Ausrüstung der Schüler.

In der Vorschule und allen ungeraden Klassenstufen wird ausserdem jeweils für einige Tage schwimmen gegangen, denn möglichst früh ordentlich schwimmen zu können gilt als überlebenswichtige Fähigkeit in Finnland.

Handarbeiten: Nähen und Werken für alle

Handarbeits- und Werkunterricht sind hier sehr viel mehr als Topflappenhäkeln und Kerzenständer basteln. In den ersten beiden Schuljahren wird eher gebastelt, aber ab der dritten Klasse wird ernsthaft gehandarbeitet und gewerkelt.

Unsere Schule hat einen extra Handarbeitsraum mit Zuschneidetisch, Nähmaschinen, Bügeleisen und -brettern und was man sonst noch so alles benötigt. In der dritten Klasse haben unsere Kinder jeweils ihren Nähmaschinenschein gemacht. Genäht werden Kuscheltiere, Taschen, Blockflötenhüllen, Mützen, Schlafanzüge, ausserdem wird gestrickt, gehäkelt und gebatikt.

Werkräume sind ähnlich umfassend ausgestattet (leider fehlt mir das entsprechende Vokabular, um alle Maschinen hier aufzuzählen), und den Kindern wird auch echt was zugetraut: das Fräulein Maus hat neulich geschweisst!

Werken und Handarbeiten sind selbstverständlich für Jungs und Mädchen und gehen oft auch Hand in Hand: in der fünften Klasse bekam jedes Kind aus des Fräulein Maus‘ Klasse ein Brett einer bestimmten Grösse in die Hand gedrückt. Daraus sollte im Laufe des Schuljahres ein Haus entstehen – sie hat ein Puppenhaus gemacht, aber der Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt, man hätte sich auch von Minecraft oder wovon auch immer inspirieren lassen können – und eingerichtet werden. Sie musste also erstmal planen, wie ihr Haus aussehen soll, und in welcher Grösse sie die dafür benötigten Teile zusägen muss, damit das Brett dafür auch reicht. Ausserdem hat sie Möbel gebaut, Kissen, Tischdecken und Vorhänge genäht und am Ende noch Licht verlegt, samt Schaltern und dimmbaren LED-Lämpchen.

Sachkunde: Brandschutz und Pilze bestimmen

Auch Sachkunde ist eher praxisorientiert: Leben retten, Pilze korrekt bestimmen oder angeln steht schon für Erst- und Zweitklässler auf dem Programm. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse ihren Fahrradführerschein gemacht, für den ein echter Fahrlehrer aus einer Fahrschule die Theorie- und Praxisstunden abhält und am Ende einen (fast echten) Fahrradführerschein ausstellt. (Den der grosse Herr Maus schon zweimal irgendwo verloren hat und den ihm beide Male nette Menschen wieder haben zukommen lassen, indem sie erst mit seinem Namen irgendwelche Kontaktdaten gesucht – unser ungewöhnlicher Nachname war da vermutlich hilfreich – und mich dann über SMS oder Facebook kontaktiert und den Führerschein schliesslich seinem Besitzer entweder zurückgebracht oder per Brief zurückgeschickt haben. Finnland…! ♥)

Karriereberatung: Wie es nach der 9. Klasse weitergeht

Gleich im ersten Halbjahr der Oberstufe hatte das Fräulein Maus ein Fach, unter dem wir uns alle zusammen nichts vorstellen konnten, und das ich jetzt, wo ich um die Inhalte weiss, am ehesten Karriereberatung nennen würde. (Wobei ich den Wortbestandteil „Karriere“ dabei eher unpassend finde, weil es eben nicht darum geht, eine möglichst gute „Karriere“ in einem aussichtsreichen Beruf anzustreben, sondern herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen und was man sich nach der Schule als erfüllende Tätigkeit vorstellen könnte.) Natürlich waren eventuelle schon vorhandene Berufswünsche auch kurz Thema am Anfang, aber insgesamt geht es vor allem darum, den Schülern aufzuzeigen, wie es für sie nach der 9. Klasse weitergehen könnte und welche Noten schon jetzt wichtig sind für z.B. die Bewerbung an einem Gymnasium. In der 8. und 9. Klasse müssen die Schüler auch für drei Tage bzw. eine Woche ein Praktikum machen, um schon mal ein bisschen ins Berufsleben (und vielleicht den Beruf, den sie sich für sich vorstellen könnten) hineinzuschnuppern. In der 7. Klasse arbeitet jeder einen Tag lang in der Schulküche mit.

Hauswirtschaft: Für sich selbst sorgen lernen

Das Fräulein Maus hatte Hauswirtschaft ja schon mal als Wahlfach, aber in der 7. Klasse steht Hauswirtschaft für alle auf dem Lehrplan. Selbstverständlich mit Lehrbuch, Tests und allem Drum und Dran wie in anderen Fächern auch. Die Schüler lernen so grundlegende Dinge wie Hygieneregeln, wie man Wäsche sortiert, wie man den Geschirrspüler am sinnvollsten einräumt oder wie oft man Bettwäsche wechseln sollte. Und jede Woche wird im Unterricht gekocht oder gebacken und zum anschliessenden Essen auch der Tisch fein gedeckt. Und neulich hatte das Fräulein Maus einen Monat lang Hausaufgaben für Hauswirtschaft – sie musste einen Zettel mit verschiedenen Haushaltstätigkeiten abarbeiten: staubsaugen, ihren Kleiderschrank aufräumen, Klo putzen, Wäsche waschen, etwas backen…

(Find‘ ich alles prima. Die Frage allerdings, wieviel davon bei den Schülern hängenbleibt, stelle ich mir jedes Mal, wenn ich unseren Zivi beobachte, der jegliche Putzaufgabe zwar beflissen, aber komplett unbeholfen ausführt. Aber so ist das ja mit jedem Schulfach.)

***
Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien
Wollsocken im Klassenzimmer (6): Wilma
Wollsocken im Klassenzimmer (7): Kältefrei

7 Kommentare zu “Wollsocken im Klassenzimmer (8)

  1. Klingt alles sehr sympathisch – gerade das praxisnahe bezüglich der Sprachen und eben auch Werken/Handarbeiten gefällt mir gut. (Ich hatte 9,5 Jahre Russisch und habe mich mit den Russen, die ich dann zufällig Anfang der 90er bei einem Jugentreffen kennenlernte, dann doch auf Englisch verständigt. Sagt auch alles. Immerhin weiß ich noch immer, was „Sehenswürdigkeit“ heißt. Nützt mir nur nichts ;) )
    In Saskias (Förder-)Schule gibt es ab Klasse 8 ein Fach mit dem Titel „Leben und Arbeit“ – das geht in eine ähnliche Richtung, wie euer Karriere-Fach. Allerdings (wie an der Förderschule leider üblich) ohne Lehrbuch oder sonstige Unterlagen und so weiß ich nicht, was dort tatsächlich geschieht (Na ja, Ende Januar ist Elterngespräch) und leider Freitag von 13:30 bis 15:00, wo wahrscheinlich eh kein Schüler mehr aufnahmefähig ist.

  2. Alle wissen von Russisch noch, was Sehenswürdigkeit heißt. *g* Aber mir ging es auch so, dass ich wenig Englisch/Französisch schon das Gefühlt hatte, mehr damit anfangen zu können, als mit jahrelang Russisch. Immerhin nützlich, die kyrillischen Buchstaben noch lesen zu können.

    Das klingt immer alles sehr schön, was du vom finnischen Unterricht erzählt. Da möchte man fast selbst Kind sein und das erleben.

    • Ja, ich weiss auch noch, was Sehenswürdigkeit heisst. :D

      Wir haben auch immer mindestens ein Kind aus der Russischklasse bei uns im Hort, das kann ich dann sehr damit in Erstauen versetzen, dass ich die kyrillischen Buchstaben lesen kann. Nützt nur nichts, wenn ich dann trotzdem nicht weiss, was das Wort bedeutet… ;-)

  3. Immer wieder interessant deine Beiträge „Wollsocken im Klassenzimmer“ (natürlich nicht nur die)

    Ich weiß nicht, wie es heutzutage in den Schulen ist (und es hat sowieso jedes Bundesland in D seine eigenen Lehrpläne) aber „damals“ (Baden-Württemberg, 80er Jahre) gab es in der Realschule „Handarbeiten für Mädchen und Werken für Jungs“ (Mädchen hätten auch Werken bzw Jungs Handarbeiten wählen können, Sagte einem aber vorher keiner) und im Gymnasium war in der 5. und 6. Klasse Handarbeiten – für Mädchen Pflicht, für Jungen freiwillig. (Ab der 7.Klasse für alle freiwillig) Und die Jungs die keinen Bock auf Handarbeiten hatten, hatten eben schulfrei ! Ich fand das so fies ! Wenn, dann gleiche Pflicht für alle !

    Kleine Frage: welches schwedisch lernen die finnischen Kinder ? Das „Muminschwedisch ?“ Und könntest du grob erklären, was da der Unterschied ist ? Einfachere Grammatik ? Oder hast du das und ich habe es überlesen ?

    • In der DDR machten alle von der 1. bis zur 6. Klasse Werken, und ab der 7. Klasse hatte man „Unterricht in der Produktion“, d.h. man ging vier Stunden pro Woche in einen Betrieb und arbeitete dort mit. Das war natürlich eine Massnahme, um den Arbeitskräftemangel in der der DDR auszugleichen, hat mir aber ziemlichen Spass gemacht, weil man wusste, man tut was Sinnvolles und stellt irgendwas her, was hinterher auch wirklich benutzt wird. (Aber dann kam ja die Wende und wir waren das zweite Halbjahr der 7. Klasse nur noch damit beschäftigt, den Betrieb mehr oder weniger mit abzubauen.)

      Handarbeiten war freiwillig ab der 3. Klasse. Das machten, soweit ich mich erinnere, alle Mädchen. Der eine Junge, der auch dabei war, hörte dann bald wieder auf, weil er permanent deswegen gehänselt wurde…

      Und natürlich lernen die Kinder in Finnland „Muminschwedisch“. Das Schwedisch, das in Finnland gesprochen wird, hört sich ein bisschen anders an als das Schwedisch, das in Schweden gesprochen wird (die Betonung ist z.B. ein bisschen anders; ich höre oft erst, wenn ich merke, ich verstehe das ja gar nicht, dass da jemand Schwedisch spricht und nicht Finnisch, weil der Klang von Weitem eben sehr ähnlich ist), und es gibt teilweise auch unterschiedliche Wörter. Das kommt hauptsächlich daher, dass in Finnland eher ein sehr ursprüngliches Schwedisch gesprochen wird, während sich die Sprache in Schweden selbst schneller weiterentwickelt. Finnlandschweden und Reichsschweden verstehen sich aber dennoch ohne Probleme, so wie sich Bayern und Berliner ja auch verstehen, aber eben hören, woher der jeweils andere ist.

      • Ich finde auch, dass das finnische Schwedisch vom Klang eher an Finnisch erinnert. Das schwedische Schwedisch klingt weicher und melodiöser, u.a. durch die Verwendung von Lautakzenten (die im Einzelfall sogar auch über die Bedeutung eines Wortes entscheiden können). Ich habe 5 Jahre lang an der Uni (schwedisches) Schwedisch studiert, aber trotzdem immer wieder Probleme, einige finnlandschwedische Sprecher zu verstehen, obwohl ich eigentlich durch die Familie meines Freundes viel Übung habe. Einige Dialekte im Finnlandschwedischen (z.B Österbotten) sind selbst für andere Finnlandschweden z.B. aus Helsinki schwer zu verstehen.

      • Danke für deine ausführliche Erklärung ! (Ob Berliner und Bayern einander verstehen sei aber mal dahingestellt *kicher*

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