Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Leuchtturmtourismus

An einem Urlaubstag fuhren wir auf die Nachbarinsel.

Zu Ostern hatte ich mich ein bisschen in die Leuchttürme Hiiumaas verliebt, und wir hatten beschlossen, beim nächsten Mal hinzufahren und sie alle zu besichtigen.

Die Fähre, die uns von Saaremaa nach Hiiumaa hinüberschaukelte, hatten wir ebenfalls zu Ostern schon auf der kleinen Werft gesehen, wo sie sich im April gerade zur Wartung befand und wo sie vor fünf Jahren auch gebaut worden war. Das estnische Schiffbauunternehmen Baltic Workboats besitzt übrigens zwei Werften – eine im Dörfchen Nasva auf Saaremaa und eine in Tampa, der drittgrössten Stadt Floridas. Lustig.

Weil die Fähre nur 30 Autos mitnehmen kann und nur viermal am Tag fährt, empfiehlt es sich, rechtzeitig ein e-pilet zu buchen. Leider stellte sich der Tag mit dem schönsten vorhergesagten Wetter als der Tag mit dem schlechtesten Wetter heraus. (Immerhin regnete es nicht ununterbrochen, und immerhin kam, wie immer im Norden, abends noch die Sonne raus.) Und leider stellten sich auch fünf Stunden Aufenthalt auf der Insel als viel zu kurz heraus.

Nämlich. Obwohl Hiiumaa ein bisschen kleiner als Saaremaa ist, sind die Entfernungen für eine Insel immer noch unerwartet gross; allein die eine Halbinsel, auf der einer der Leuchttürme steht, ist 20 km lang. Und dann darf man – das wussten wir vorher nicht – auf die drei grössten Leuchttürme sogar drauf!

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Ristna tuletorn

Ich war schon beim ersten der drei hin und weg. Eine schmale Wendeltreppe führt durch den gusseisernen Turm, der bei jedem Schritt hallt, nach oben, und noch nie zuvor war ich der Linse eines Leuchtturms so nahe! Die Verzierungen an der Plattform und am Geländer kamen mir gleich spanisch so mitteleuropäisch vor, und siehe da: der Leuchtturm wurde seinerzeit in Einzelteilen in Frankreich hergestellt!

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Kõpu tuletorn

Den zweiten, imposantesten der drei Leuchttürme sieht man schon von Weitem. Er steht auf einem Berg Hügel und ist deshalb mit seinem über 100 m über dem Meer befindlichen Leuchtfeuer einer der höchsten Leuchttürme an der Ostsee. Ausserdem ist er nach dem Herkulesturm und dem Leuchtturm von Genua der drittälteste noch funktionierende Leuchtturm der Welt!

Und dann hat er ja diese seltsamen Stützmauern! Tatsächlich war er am Anfang nur ein aus Steinen geschichteter Turm – mit eben diesen Stützmauern, damit er nicht umfiel – den man mit einer Aussenleiter erklettern konnte und auf dem ein Feuer in einem offenen Metallkorb entzündet wurde. Den leuchtturmtypischen Aufbau erhielt er erst später; dabei wurde dann auch nachträglich eine Treppe, über die man noch heute den Leuchtturm besteigt, in die Stützpfeiler gegraben. Die Treppe geht sehr lange sehr steil schräg hinauf, und man muss sich beim Treppensteigen bücken, bis man die sehr enge Wendeltreppe oberhalb der Stützmauer erreicht hat. Teilen der Familie war es nicht ganz geheuer, aber keine*r hat gekniffen, und als wir oben angekommen waren, zog gerade der Himmel auf.

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Tahkuna tuletorn

Der dritte Leuchtturm ist der höchste Estlands, obwohl man es ihm gar nicht ansieht. Er ist – ebenfalls ein Import aus Frankreich – aus gusseisernen Platten zusammengeschraubt, mit beeindruckend grossen Schrauben. Innen hat er was von einem Schneckenhaus – und eine tolle Akustik, wie die beiden Musizierenden der Familie singend herausfanden. Und von seiner Plattform hat man, finde ich, den schönsten Ausblick. (Man sollte allerdings schwindelfrei sein. Man steht 43 Meter über dem Erdboden auf einem schmiedeeisernen Gitter.)

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Wir schafften dann noch einen Abstecher zu zwei weiteren, kleineren Leuchttürmen, bevor wir schleunigst zur Fähre zurückmussten und den Entschluss fassten: auf Hiiumaa müssen wir auch mal Urlaub machen!


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neljäsataakuusikymmentä

Seit ein paar Jahren haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, unsere zehnwöchigen Sommerferien nicht nur für eine grosse, sondern auch noch für eine kleine Reise zu nutzen: ein paar Tage oder eine Woche in Estland, wo die Landschaft wilder, das Essen besser, die Sprache niedlicher und das Meer weiter ist als hier.

:-)

Dass wir im Sommer nochmal auf die Insel Saaremaa fahren wollten, hatten wir diesmal schon zu Ostern beschlossen.

Auch dem etwas gefährlichen Mökki gaben wir eine zweite Chance. (Wir hatten Polstermaterial für die Türrahmen mitgenommen und gingen abwechselnd in die Sauna, so dass dieses Jahr kein Ausflug in die Notaufnahme des Krankenhauses, in dem es damals so ruhig und gelassen zugegangen war, während es ein halbes Jahr später unter einem der ersten und schlimmsten Covid-Ausbrüche in Europa fast zusammengebrochen wäre, nötig war.) Dieses Jahr hatten wir ausserdem drei nette, vierbeinige Mökkinachbarn, und wir begriffen endlich, welches Geräusch wir schon vor drei Jahren Nacht für Nacht gehört hatten: das liebliche Nagen von Holzwürmern.

Wir wanderten zum einsamen Strand mit dem schiefen Leuchtturm, bewunderten einen Meteoritenkrater, Klippen, sprudelnde Karstquellen, Holzhäuser, windschiefe Kirchlein und eine Burg, die man ganz oben auf ihren Wallanlagen umrunden darf, die Herren Maus stürzten sich jubelnd in hohe, aber eiskalte Wellen und bauten stundenlang Sandburgenstädte, und eine 460 – es machten recht viele Finn*innen Urlaub da – sahen wir auch.

Zufallsfund: eine mittelalterliche Kirche im estnischen Nirgendwo.

Kopie der Kanzel des Lübecker Doms. Inklusive deutscher Bibelverse.

Die ist wirklich schön, diese geschichtsträchtige Insel mit Kratern.

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Ein Kommentar

neljäsataaviisikymmentäyhdeksän

Vorletzten Freitag war einer der ganz wenigen Tage in diesem Sommer, an denen wir ohne Sauna schwimmen gehen konnten.

Wir packten die Gelegenheit beim Schopf und fuhren an den Lieblingsstrand.

(Unterwegs kauften wir noch Proviant und parkten genau hinter einer 459.)

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neljäsataaviisikymmentäkahdeksan

Vorletzten Mittwoch machten wir einen Ausflug mit einem Kilo Dokumenten nach Helsinki.

Das grösste Problem war dann überraschenderweise nicht die nicht vorhandene Einbürgerungsurkunde, sondern überhaupt für vier Personen einen Termin am gleichen Tag zu ergattern. Ich möchte darüber keine weiteren Worte verlieren; es war traumatisch.

Aus Klimaschutz- und Komfortgründen fuhren wir mit dem Zug nach Helsinki Leppävaara. (Auch die anschliessende Weiterfahrt mit zwei verschiedenen Buslinien – die deutsche Botschaft befindet sich nicht etwa im Stadtzentrum, sondern an einer Stelle, an der einheimische Fischer auch schon mal einen Fisch ablegen können – klappte reibungslos.) Zum Bahnhof fuhren wir mit dem Rad, wobei wir eigentlich an der 458 vorbeigekommen wären, die in der grünen Plattenbausiedlung wohnt, wenn der Ähämann uns nicht seinen Geheimweg zum Bahnhof gezeigt hätte.

Da traf es sich gut, dass wir nach dem Botschaftsbesuch noch mit Bus und Metro in die Innenstadt fuhren, denn als wir die Strasse überquerten, die den Esplanade-Park in der Mitte kreuzt, kam da gerade eine 458 gefahren.

Den Rest des Tages wollten wir in Finnlands einst tollstem Freibad verbringen.

Es war dann aber nicht nur so, dass dort der Zaun weiterhin bugförmig verbogen ist und immer noch rot-weiss-blaue Lacksplitter von der „Gabriella“ herumliegen, sondern auch sonst war alles recht provisorisch und/oder kaputt, nur die Preise waren kräftig gestiegen. Muss ja wer bezahlen, die Renovierung, und solange man sich mit der Reederei streitet, wessen Versicherung dafür aufkommt, kann man ja schon mal die Kunden beteiligen. Danke, nein. Wir kommen dann jetzt erstmal ein paar Jahre nicht mehr.

Also weder in den Seapool noch in die deutsche Botschaft.

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Ein Kommentar

neljäsataaviisikymmentäseitsemän

Bis auf die Musiklagerwoche, während der hier alle ausser uns stöhnten, weil tagsüber 30 und nachts um die 20 Grad herrschten, hat der diesjährige Sommer bisher eigentlich nicht stattgefunden. Es ist kühl – teilweise unter 20 Grad! – und regnet viel oft, und wir sind froh, dass wir inzwischen so viele Strände mit Sauna kennen: mit Sauna kann man immer schwimmen gehen, auch wenn einen der Sommer im Stich lässt.

Mittwochs und samstags fahren wir in die eine Sauna, donnerstags und freitags in die andere, die am weitesten entfernte hat immer auf und die, zu der wir in einer Viertelstunde hingeradelt sind, auch.

Am lustigsten war es an dem Tag, als wir die Gruppe türkischer Männer trafen, die uns einer von ihnen alle einzeln vorstellte: „Der hat eine Bar. Der ist Automechaniker. Der ist Wachmann. Ich arbeite auf einer Schwedenfähre. Und der ist Tourist.“

Auf einem dieser Saunaausflüge – ich weiss gar nicht mehr, welchem – sahen wir eine 457 auf dem Weg und dann gleich noch eine, als wir am Strand angekommen waren.

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Reiserückblick (10): Heimwärts

Nicht wieder zurück nach Deutschland und durch Schweden, sondern durch Polen und das Baltikum heimzufahren, war eine der besten Entscheidungen der Reise.

Wir hatten das schon einmal gemacht, danach aber aus guten Gründen vermieden. Denn 2007, als wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum in die Slowakei und zurück fuhren, waren die zwei Tage, die wir zur Durchquerung Polens gebraucht hatten, der schlimmste Teil der Reise gewesen: es gab keinen Kilometer Autobahn in Nord-Süd-Richtung, stattdessen standen wir alle paar Kilometer in einem Dorf an einer roten Ampel. Der Verkehr war völlig verrückt: die Strassen waren voll, und selbst wenn wir auf der Landstrasse schon 10 km/h schneller als erlaubt fuhren, wurden wir noch von LKWs (!) überholt, und nicht nur einen sahen wir im Strassengraben liegen. Es war anstrengend, gefährlich, und wir kamen noch nicht mal voran.

Deshalb hatte mich die Aussicht, Balthasar den ersten Tag allein durch Polen fahren zu müssen – denn der Ähämann hatte das Essen am letzten Abend nicht vertragen und war nicht fahrtauglich –  nicht gerade freudig gestimmt.

Es war dann überraschend ok.

Es gibt nämlich jetzt Autobahnen in Polen! Moderne, oft sechsspurige Autobahnen, deren einziges Manko häufig auftretende Bodenwellen sind, die der mit Übelkeit kämpfende Ähämann und der schwer beladene Balthasar nicht lustig fanden, der Rest der Familie dafür umso mehr.  Die Strassen sind vermutlich noch voller als vor 15 Jahren. Aber: während in Deutschland die meisten Gefahrensituationen aus der Ellenbogigkeit der Autofahrer*innen und in Finnland aus der sklavischen Regelhörigkeit der Verkehrsteilnehmer*innen erwachsen, habe ich mich auf den polnischen Strassen diesmal sehr sicher gefühlt, weil sich dort zwar keine*r so recht um Verkehrsregeln schert und alle ein bisschen chaotisch fahren, dafür aber auch alle aufeinander Rücksicht nehmen. Fand ich wirklich prima. Und die LKWs fahren jetzt alle ganz zahm. Lag auch kein einziger im Strassengraben diesmal.

Ausserdem habe ich endlich in Erfahrung gebracht, was das für ein rotes Ding ist, das das polnische Mädchen über den Fussgängerüberweg trägt: es ist tatsächlich ein Lolli – wobei die Polizistenkelle auf Polnisch auch Lolli genannt wird. Und das Mädchen hat sogar einen Namen: es heisst Agatka. ♥

Wir übernachteten 50 km nördlich von Warschau in einem kleinen Hotel mitten im Wald. Es gab eine Hotelkatze, wir verständigten uns mit der Kellnerin auf Tschechisch (wir) und Polnisch (sie), was überraschend gut ging, und die Herren Maus bekamen an der Rezeption Tischtenniskellen und -ball für die auf der Terrasse aufgestellte Tischtennisplatte ausgehändigt. Der Ähäman trug zufällig sein Peace-T-Shirt und wurde deshalb von einem Ukrainer auf eine Zigarette eingeladen. (Er musste leider ablehnen.) Frühstück gab es auf der Terrasse. Fast wären wir nicht weitergefahren.

Am zweiten Tag fuhren wir abwechselnd Autobahn und idyllische Landstrassen und sahen ungefähr 2000 Störche.

Wir hofften sehr, wir müssten nicht in ein paar Wochen sagen: wisst ihr noch, damals, als wir die letzte Gelegenheit genutzt haben, zwischen Weissrussland und Kaliningrad die Grenze nach Litauen zu überqueren?!

In Litauen gab es zum ersten Mal wieder dieses magische, nordische Sommerabendlicht, und ich war doppelt froh, dass wir die ganze weite Reise gemächlich mit dem Auto gemacht hatten. „Wenn man zu schnell reist, mit dem Flugzeug, dann kommt zwar der Körper an, aber die Seele kommt nicht hinterher“, hatte ich neulich in einem Buch gelesen, und ich finde, das trifft es genau. Noch zwei Tage vorher hatte ich überhaupt keine Lust gehabt, zurück nach Finnland zu fahren, aber als wir in der Abendsonne an der Grenze zu Kaliningrad entlangfuhren, da war ich langsam so weit, da spürte ich zumindestVorfreude auf die finnischen Sommerabende.

Wir nahmen ein spontanes Abendbad in aufgestautem, goldenem, weichem Moorwasser, und da fiel mir auch wieder ein, dass zu Hause an dem Abend Mittsommer gefeiert wurde.

Erst nach zehn kamen wir im nordlitauischen Šiauliai an, was aber nichts machte, da auch in Litauen Mittsommer gefeiert wurde und alle Restaurants lange geöffnet hatten. Es war warm, hell, laut und voller fröhlicher Leute: als wäre es eine ganz andere Stadt als im Oktober.

23:30 Uhr. „Šiauliai leuchtet“. Aber wie!

Am nächsten Morgen Mittag hatten wir es gar nicht weit bis zu unserem ersten Ziel: der Berg der Kreuze befindet sich nur 12 km nördlich von Šiauliai.

Es ist eigentlich nur ein Hügel, auf dem im 19. Jahrhundert die ersten Kreuze zum Andenken an die bei einem Aufstand gegen das russische Zarenreich umgekommenen Litauer aufgestellt wurden, und auf dem heute zehntausende Kreuze stehen, hängen und liegen. Lange Zeit war der Berg nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch ein Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft. Mehrmals wurden zu Sowjetzeiten die Kreuze zerstört; doch immer wurden sofort neue errichtet.

Heute kann man selbst ein Kreuz mitbringen oder eins an den Buden beim Parkplatz kaufen; es gibt sogar ein umfangreiches Regelwerk zur Aufstellung von Kreuzen: sie dürfen zum Beispiel nicht höher als drei Meter sein.

Diese unvorstellbare Menge von Kreuzen ist jedenfalls sehr beeindruckend.

Eigentlich wollten wir später kurz den Markthallen in Riga einen Besuch abstatten, aber da das Auto sowieso voll war, wir schon unterwegs Mittag gegessen hatten und wir lieber noch eine Stunde an den Strand in Saulkrasti wollten, fuhren wir diesmal nur durch Riga durch. Mit offenen Autofenstern über die Daugava, weil ihr Moorgeruch so toll ist.

Letzte Übernachtung der Reise in Nordlettland. Letztes Mal Packtetris am Morgen.

Dann fuhren wir gemächlich – es war Sonntag und der Verkehr auf der Via Baltica erträglich – mit Zwischenstopp für ein Bad in der badewannenwarmen Ostee nach Tallinn zum Hafen.

Auf der Fähre erreichte unsere Kinder eine Nachricht der Nachbarskinder: „Wenn ihr aus Helsinki kommt, kommt doch kurz bei uns im Mökki zum Schwimmen vorbei! – Nein, das macht nichts, wenn es spät wird, wir gehen sowieso nie vor Mitternacht ins Bett! – Es ist wirklich ganz nahe an der Autobahn!“, und drei Kinder riefen „Bitte, Mami, bitte!“, und so kam es, dass wir abends um elf in einen orangen See sprangen und danach in die Sauna gingen und nochmal in den See sprangen und nochmal in die Sauna gingen und sechs Kinder und ein Hund fröhliches Wiedersehen feierten.

Schöner hätten wir nicht in Finnland wiederankommen können.


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Reiserückblick (9): Mein schönstes Ferienerlebnis

Und dann gibt es ja immer den einen Urlaubstag, der ganz besonders toll ist.

Es war klar, dass wir uns auch diesmal die Gelegenheit, einen Tag im Roháče, im richtigen Hochgebirge, zu wandern, nicht entgehen lassen würden. Und eigentlich hatten wir ja schon beim letzten Mal, vor drei Jahren, beschlossen, dass wir diesmal die Kammtour in Angriff nehmen würden.

Allein, den kleinen Herrn Maus verliessen kurz vorher der Mut und das Selbstvertrauen. Ich machte mir ein bisschen Sorgen, ob des Fräulein Maus‘ kaputttrainierte Knie die Tour mitmachen würden und wie der grosse Herr Maus mit seiner Höhenangst, die er gut im Griff hat, die ihn aber doch hin und wieder quält, über den Ostrý Roháč kommen würde. Wir alle waren nicht in Höchstform, weil die paar Urlaubstage diesmal nicht reichten, um uns erstmal eine gewisse Fitness anzulaufen, und wir auch die Ruhetage ein bisschen vernachlässigt hatten, obwohl es ohne nicht geht beim Bergwandern.

Es wäre vielleicht zu schaffen, wenn wenigstens die jeweils vier Kilometer Asphaltlatsche vor und nach der Tour nicht wären. Aber so?!

Vielleicht würden wir doch einfach nur nochmal die Seentour laufen; auch die ist ja kein Spaziergang im Tal, sondern führt unerwartet hoch hinauf.

Nun. Wir brachten die vier Kilometer Anmarsch zügig hinter uns. An der Berghütte am Ende der Strasse tranken wir einen heissen Tee. Dann ging ich die Wegweiser angucken und stellte erstaunt fest, dass die Entfernungen ja alle gar nicht sooo weit sind: nur 45 Minuten bis zum ersten Sattel, der mir, nachdem ich 20 Jahre nicht da war, so hoch in Erinnerung war, dass ich mit mindestens der doppelten Zeit gerechnet hätte. Dreieinhalb Stunden bis zum schwierigsten Gipfel. Fünf Stunden bis zum Sattel, von dem wir wieder absteigen würden.

Alles kein Pappenstiel, aber machbar. Wo es doch auch erst halb zwölf war! Und  es mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit auch am Abend kein Gewitter geben würde! Und ach, die langweilige Seentour…! Wenn man stattdessen auch hoch könnte auf den Kamm…! Es ruppt ein’n ja rum, wie man in der Gegend, aus der ich komme, sagt.

Und so kam es, dass wir uns plötzlich auf dem Aufstieg zum Kamm wiederfanden.

Die ersten beiden Gipfel sind Grasberge, die man einfach stoisch einen Fuss vor den anderen setzend erklimmen muss.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Gipfel läuft man übrigens entlang der slowakisch-polnischen Grenze, und die Wanderer grüssen sich in einem lustigen Sprachgemisch. Von polnischer Seite führen aus Steinen gemauerte oder aus Holzbohlen gebaute Treppen vom Tal bis auf den Kamm; sicher ein guter Erosionsschutz – aber ich bin jedes Mal froh, von slowakischer Seite aufsteigen zu können!

Der Ausblick wird mit jedem Höhenmeter grandioser. Das am Horizont ist die Hohe Tatra!

Der zweite Gipfel ist auch schon ein echter Zweitausender.

Und dann fängt der beste Teil der Tour an.

Vor allem der dritte Gipfel, der Ostrý Roháč, ist der Hammer. Man muss ihn nämlich im wahrsten Sinne des Wortes erklettern, und zwar über einen steil abfallenden, schmalen, felsigen Grat.

Der Weg ist mit Ketten gesichert, die eine eigene Kletterausrüstung unnötig machen. Dafür liebe ich die Gebirge im Osten, denn in den Alpen wäre es ganz sicher ein nur mit entsprechender Ausrüstung zugelassener Klettersteig.

Ich war aber froh, dass wir diesmal darauf geachtet hatten, nicht an einem Wochenende hinzugehen, und somit an allen Kletterstellen allein waren. Ich habe an solchen Stellen vollstes Zutrauen in unsere Kinder – aber nicht unbedingt in jeden anderen Bergsteiger.

So, wie es hoch geht, geht es auch wieder runter.

Suchbild: Wo ist die nächste Markierung? Wo geht der Weg lang?
(Links von der Mitte. In der Mitte.)

Und dann nochmal hoch. Vierter, höchster und letzter Gipfel.

Eine Gämse („Mama! Eine Ziege!“) und ein Murmeltier sahen wir übrigens auch.

Am Traurigen Sattel stiegen wir ab durchs Traurige Tal zu den abschliessenden vier Kilometern Asphaltlatsche, die wir dann nahezu im Laufschritt hinter uns brachten, um es noch bis Küchenschluss zurück ins Hotel zu schaffen.

Am Traurigen Sattel und dem Traurigen Tal ist dabei eigentlich nichts traurig, ausser dass damit die allertollste Bergtour zu Ende war. Und für mehr die Kräfte auch wirklich nicht mehr gereicht hätten.

(20 km Strecke, 1500 Meter Höhenunterschied. Hammer. Merkt man unterwegs aber gar nicht, weil es so abwechslungsreich ist und man so viel klettern kann.)


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Reiserückblick (8): Lieblingsberge

Über das Lieblingsgebirge habe ich eigentlich alles schon gesagt. Es wird nicht langweilig, uns allen nicht.

Erschreckend war diesmal allerdings, wie sehr der Klimawandel dort inzwischen zu sehen ist. Nicht nur, dass die Bäume jetzt höher und bis in sehr viel höhere Lagen wachsen als noch vor 20 Jahren und so manche schöne Aussicht einfach zugewachsen ist. Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer haben für riesige Kahlschläge in den Tälern und an den Berghängen gesorgt. Sechs von sieben Quellen, an denen wir bis vor drei Jahren noch zuverlässig unsere Wasserflaschen wieder auffüllen konnten, waren ausgetrocknet. Und die Wassermassen, die sich sonst in den Schluchten neben und unter den Kletterleitern in die Tiefe stürzten und uns dabei die eine oder andere Dusche verpassten, waren nur mehr Rinnsale. Seufz.

Und acht Tage waren natürlich viel zu kurz.

Nächsten Sommer mehr Berge. Und weniger Deutschland.


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Reiserückblick (7): Gestellte Weichen (2)

Unser erster Urlaubstag in den Bergen begann mit der freudigen Nachricht, dass das Fräulein Maus einen Platz an ihrem Wunschgymnasium bekommen hat.

(Sie macht quasi in der Musikklasse weiter.)

Wir hatten damit nicht mehr viel zu tun. Sie hatte im Fach Karriereberatung mit ihrer Lehrerin besprochen, was sie sich vorstellt für nach der 9. Klasse, für welche Gymnasien ihr Durchschnitt reichen würde und welche Fächer sie am Gymnasium belegen sollte. Die ganze Klasse hatte auch mit der Lehrerin geübt, wie die Online-Bewerbung – die nicht nur fürs Gymnasium, sondern auch für eine mögliche Berufs- oder duale Ausbildung gemacht werden muss – korrekt auszufüllen ist, und das hatte sie dann eines Abends im Frühling gemacht. Wir Eltern bekamen nur noch eine Email, dass von unserem Kind überhaupt eine Bewerbung eingegangen ist, denn sie ist ja bis 18 bildungspflichtig.

(Das Fräulein Maus musste für den Musikzweig noch einen extra Motivationsbrief schreiben und alle Zeugnisse über ihre bisherige Musikausbildung hinschicken sowie einen Aufnahmetest absolvieren; das fällt für Standard-Gymnasien aber weg.)

Den Bescheid bekam (nur) das Fräulein Maus als Email, gleich früh um neun finnischer Zeit. Vom Berg aus nahm sie den Platz an.

Das war noch besser als Schulanmeldung vom Sofa aus.


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Reiserückblick (6): im Osten

Es ist ja so: auf der Hinfahrt ist die Fährüberfahrt nach Stockholm, obwohl längst Routine, noch aufregend, ist sogar Brunch bei IKEA in Schweden ein kulinarisches Highlight, ist es ganz schön, mal wieder ein paar Tage in Deutschland zu verbringen. Aber richtig im Urlaub fühlen wir uns erst, wenn wir Deutschland Richtung Osten verlassen haben.

Zunächst aber machten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in meiner Geburtsstadt, bei meinen Eltern zwei weitere Fahrräder abholen, die sie nicht mehr benutzen, die aber das gleiche Modell sind, die der Ähämann und ich als Winterfahrräder fahren und trotz ihrer 20 Jahre auf dem Buckel noch moderner und besser ausgestattet sind als alles, was man hierzulande kaufen kann, und die jetzt die Jungs als Winterfahrräder bekommen werden. (Es war auch Plan B als Ganzjahresfahrrad, falls wir in Jena kein Fahrrad für den kleinen Herrn Maus bekommen hätten, und er war dann auch sehr begeistert, dass das ja gar kein „Omafahrrad“ ist, was er kriegen sollte.) Fortan fuhren wir also mit drei Fahrrädern auf dem Dach durch Europa.

Der Erzgebirgskreis wollte offensichtlich wiedergutmachen, dass er uns im Dezember die Urlaubspläne versaut hatte, und beglückte uns mit einer längeren, landschaftlich sehr hübschen Umleitung kurz vor der tschechischen Grenze.

(Weihnachtsberge und Pyramiden ein halbes Jahr eher wären uns trotzdem lieber gewesen.)

Dann aber fing der schönste Teil der Reise an.
Zunächst mit zwei Nächten und einem Tag dazwischen in Prag.

Seit wir die Kinder im Kindergartenalter mit unserer Lieblingshauptstadt bekannt gemacht und bei unserer ersten Sommerreise, bei der wir nicht nur einen, sondern alle unsere Lieblingsorte in Mitteleuropa besuchten, in Prag Zwischenstopp gemacht haben, fragen die Kinder bei jeder Reise, ob wir auch wieder nach Prag fahren können. Eins denkt dabei ans Metrofahren, eins an das leckere Essen in der Vorstadtkneipe, eins mag die Kleinseite und eins lieber den Wenzelsplatz. Es war Zeit für alles. Sogar für die Apostel an der Altstädter Rathausuhr. Auch für – warum hat jede osteuropäische, aber keine deutsche Ferienwohnung eine Waschmaschine?! – drei Maschinen Wäsche. Und für Auf-einer-Autobahnbrücke-stehen-und-den-Autos-zuwinken, wo die LKW-Fahrer nicht nur zurückwinkten, sondern hupten und lichthupten. Nur der Weg durch den Hirschgraben auf die Burg, von dem wir erst beim letzten Besuch in einem Reiseführer in der Ferienwohnung gelesen hatten und der damals angeblich gerade restauriert wurde, war immer noch gesperrt (und wird es vermutlich auch bleiben).

Dann aber: Richtung Berge.

Wie immer mit Mittagspause in Austerlitz und der von Jahr zu Jahr drängenderen Frage, wann die Menschheit endlich etwas aus all den sinnlosen Kriegen der Vergangenheit gelernt haben wird.

Hinter Slavkov beginnt mein Lieblingsabschnitt der Reise – obwohl die 200 km Autobahn von Prag nach Brno diesmal auch ok waren, weil es zum ersten Mal seit… 1989 vermutlich… keine einzige Baustelle gab – denn da fahren wir immer weitab von Autobahnen und Fernverkehrsstrassen durch liebliche mährische Landschaft, und am Horizont sind schon die ersten Ausläufer der slowakischen Berge zu sehen.

Der kleine Herr Maus hatte übrigens irgendwann während der Fahrt verkündet, er würde gleich abends noch zur Schafswiese laufen, notfalls alleine.

Aber nach drei Jahren ohne Berge und einem ganzen Tag im Auto brauchte es nicht viel Überredung.