Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Anschauungsunterricht Erneuerbare Energie

Was uns alle fünf immer wieder von neuem fasziniert, wenn wir in Deutschland sind, sind die Windkraftanlagen. Besonders im Norden, wenn wir gerade erst angekommen sind und die Windräder in riesigen Gruppen rechts und links der Autobahn stehen und mit den Armen wedeln. Oder wenn an der Autobahnraststätte auch ein Tieflader mit riesigen Rotorblättern drauf Pause macht.

Diesmal ergab es sich so, dass wir die erste Nacht in Deutschland woanders schlafen mussten als den Rest des Urlaubs. Neben vier grossen Windrädern. „Morgen will ich da hingehen!“, verkündete der kleine Herr Maus. Nach zwei Tagen im Auto tat ein Spaziergang an frischer Luft sowieso not, und ausserdem muss man so einem finnischen Kind ja auch endlich mal zeigen, wie so ein Windrad ganz aus der Nähe aussieht!

Es war ein Tag mit einem dieser Stürme, die es ja jetzt leider öfter gibt, und wir mussten uns mit aller Kraft gegen den Wind anstemmen, um überhaupt auf freiem Feld voranzukommen. Wir klappten trotz der Anstrengung alle Krägen und Kapuzen hoch, weil uns schon nach ein paar Schritten die Ohren wehtaten. Unterm Windrad legten wir uns auf den Rücken und guckten fasziniert zu, wie die riesigen Rotorblätter sanft rauschend über uns hinwegzogen.

Ich mag die Dinger übrigens wirklich. Sehr. Und die allgemeine Verweigerungshaltung macht mich einfach nur wütend und sprachlos. Hier in Finnland hörte ich einmal, Windkraft sei ja schön und gut und in Norddeutschland würden sich die Windräder ja auch ganz schön machen, aber in die finnische Landschaft mit ihren Wäldern passten sie einfach nicht. Die Frage ist nur, was von den finnischen Wäldern dann noch übrig ist, wenn hier erstmal mediterranes Klima herrscht. Oder arktisches, je nachdem, welches der möglichen Szenarien eintreten wird. Himmelherrgottnochmal!

Ein paar Tage später gingen wir den Kindern dann noch zeigen, wie man sehr simpel Energie speichern – zum Beispiel die, die an Sturmtagen produziert, aber nicht komplett gebraucht wird – und bei Bedarf wieder freisetzen kann. Zwischen zwei Weihnachtsmärkten machten wir einen Abstecher zum Pumpspeicherwerk Markersbach, das ich, in seiner Nähe aufgewachsen, immer für eher klein gehalten hatte, das aber tatsächlich eines der grössten Pumpspeicherwerke in Europa ist. (Im kleinen Erzgebirge! Wo es doch auch in Norwegen und in der Schweiz welche gibt!)

Die Dammkrone des Oberbeckens durfte man leider nicht betreten, denn es hatte ein paar Krümel geschneit und es war aus Sicherheitsgründen alles verriegelt und verrammelt. Dafür ist die Staumauer des Unterbeckens eine der wenigen in der Gegend, über die man drüberlaufen darf. Manchmal darf man auch in die Maschinenkaverne, aber es gibt dafür keine regelmässigen Termine.

Das Wasser war übrigens gerade unten.


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Augenrollwoche

Letzten Sonntag wurde das letzte Weihnachtsplätzchen, ein Wochen vorher unter viel Gegiggel gemeinsam ausgerolltes und verziertes Riesenplätzchen, geschwisterlich geteilt und verzehrt.

Na, wer hat Trudes Tier erkannt?!

Am Montagmorgen fingen Gebrüll und Gezänk direkt am Frühstückstisch an. Montag ist der einzige Tag, an dem Morgenmuffel, Pulverfass und Springinsfeldalle drei Kinder gleichzeitig frühstücken, und es war der erste normale Montag seit langem: die letzten drei Montage waren Ferien, am Montag vor den Ferien waren sie direkt von der Fähre aus in die Schule gegangen, am Montag davor waren wir im Erzgebirge, und wenn ich mich recht erinnere, war am Montag davor mindestens ein Kind krank gewesen und im Bett geblieben.

Es folgte eine Woche mit extrem viel geschwisterlichem Gezänk und unzähligen nachmittäglichen Beschwerdeanrufen über den jeweils anderen bei mir auf Arbeit. Das Pulverfass war noch explosiver als sonst und explodierte ausserdem besonders lautstark.

(Apropos Pulverfass. Einst sagte der Motorsägenmann, als er einen der zahlreichen Brüllanfälle des vierjährigen grossen Herrn Maus miterlebte und ich augenrollend zu ihm sagte, dass ich eigentlich gedacht hätte, dass diese Anfälle in dem Alter langsam wieder aufhörten, scherzhaft zu mir: „Bei manchen dauert das Trotzalter eben, bis sie 18 sind.“ Ich lachte damals schon ein bisschen schief darüber, aber offensichtlich hatte er recht, der Motorsägenmann.)

Schnee wäre sicher hilfreich. Aber ach.


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Wollsocken im Klassenzimmer (8)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten. Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Schulkindern, die derzeit die Klassen 3, 5 und 7 besuchen, basierend. Heute mit einer lustigen Frage, die eine lange Antwort nach sich zieht.

Gibt es in Finnland Schulfächer, die es anderswo nicht gibt? Eishockey zum Beispiel?

Hihi. Eishockey ist zwar durchaus eine wichtige Sache hierzulande, aber ein extra Schulfach gibt es dafür nicht.

Es wird aber tatsächlich Eishockey gespielt im Sportunterricht, und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr Beispiele fielen mir ein, dass es zwar keine anderen Unterrichtsfächer gibt als anderswo, aber dass sich der Inhhalt vielleicht tatsächlich ein bisschen unterscheidet. Dass Schule hierzulande nicht nur Wissen vermitteln, sondern vor allem aufs Leben vorbereiten soll.

Fremdsprachen: Schwedisch statt Latein

Ich musste als erste Fremdsprache Russisch lernen. Sechs Jahre lang habe ich im Russischunterricht gesessen und immer die besten Noten dafür bekommen – und am Ende trotzdem nicht das Gefühl gehabt, mich im Ernstfall auch nur ansatzweise auf Russisch verständigen zu können. Der Englischunterricht war am Anfang so ähnlich: in unserem Lehrbuch fanden sich so essentielle Sätze wie Mike is a mechanic. Mike is out of work. Dann kam die Wende, ich wechselte von Russisch zu Französisch, und schon nach zwei Jahren Unterricht – von denen ich das erste wegen Schulwechsel quasi nochmal wiederholte – konnte ich mich im Urlaub in Frankreich leidlich verständigen. (Und habe zum ersten Mal erlebt, wie motivierend das ist. Und dass es völlig wurscht ist, ob man alles immer ganz perfekt ausspricht und alles immer grammatikalisch korrekt ausdrückt.) Später habe ich noch Tschechisch und Finnisch gelernt – keine Weltsprachen, aber Sprachen, die ich aus Gründen gern können wollte – und ja, es ist tatsächlich so, dass sich jede neue Sprache leichter lernt.

Ich bin jedenfalls ein grosser Fan von praktisch anwendbaren Fremdsprachen, und deswegen finde ich es nicht nur toll, dass die Kinder hier seit neuestem schon ab der ersten Klasse Englisch lernen (unsere allerdings haben alle erst in der dritten damit angefangen), sondern ich finde auch den eher unbeliebten Schwedischunterricht ab der 6. Klasse gut. Schwedisch ist nun mal zweite Amtssprache in Finnland – und vor allem ist es eine Sprache, die man auch wirklich gebrauchen kann: denn wenn man Schwedisch kann, dann kommt man auch in Norwegen und Dänemark zurecht und wird höchstens in Schweden wegen seines Muminschwedischs ein bisschen belächelt.

Es gibt in Turku auch eine Schule, in der man in der Abiturstufe Latein und Altgriechisch lernen kann – aber sonst beschränkt sich das Sprachenangebot neben Englisch und Schwedisch je nach Schule auf Spanisch, Russisch, Deutsch und Französisch. Und ja, mir hat man damals auch gesagt, wenn man Biologie studieren will, dann muss man Latein lernen – das muss man aber überhaupt nicht: das bisschen Latein, das man braucht, um sich Fachbegriffe auch mal selbst erschliessen zu können, lernt man auch nebenher, dafür braucht man wirklich kein Latinum.

Sport: Orientierungslauf, Schlittschuhfahren und Skilanglauf

Sportunterricht ist am Anfang der Grundschule ziemlich spielerisch, später wird auch ernsthafter Geräteturnen und Leichtathletik betrieben und verschiedene Ballspiele gelernt. (Baseball (!) ist ein grosses Ding in Finnland.) Ausserdem machen sie von Anfang an Orientierungslauf – in zumutbarer Laufentfernung zu jeder Schule gibt es mindestens ein kleines Stück Wald mit für den Orientierungslauf fest installierten Posten.

Im Winter werden alle Sportplätze vereist und im Sportunterricht schlittschuhgelaufen, wobei auch Bremsen, Rückwärtsfahren etc. geübt und Eishockey gespielt wird. Ausserdem wird im Winter Skilanglauf betrieben – bei den Finnen ähnlich beliebt wie der obligatorische Schwedischunterricht – in Turku allerdings mangelt es normalerweise an der entsprechenden Witterung und/oder der Ausrüstung der Schüler.

In der Vorschule und allen ungeraden Klassenstufen wird ausserdem jeweils für einige Tage schwimmen gegangen, denn möglichst früh ordentlich schwimmen zu können gilt als überlebenswichtige Fähigkeit in Finnland.

Handarbeiten: Nähen und Werken für alle

Handarbeits- und Werkunterricht sind hier sehr viel mehr als Topflappenhäkeln und Kerzenständer basteln. In den ersten beiden Schuljahren wird eher gebastelt, aber ab der dritten Klasse wird ernsthaft gehandarbeitet und gewerkelt.

Unsere Schule hat einen extra Handarbeitsraum mit Zuschneidetisch, Nähmaschinen, Bügeleisen und -brettern und was man sonst noch so alles benötigt. In der dritten Klasse haben unsere Kinder jeweils ihren Nähmaschinenschein gemacht. Genäht werden Kuscheltiere, Taschen, Blockflötenhüllen, Mützen, Schlafanzüge, ausserdem wird gestrickt, gehäkelt und gebatikt.

Werkräume sind ähnlich umfassend ausgestattet (leider fehlt mir das entsprechende Vokabular, um alle Maschinen hier aufzuzählen), und den Kindern wird auch echt was zugetraut: das Fräulein Maus hat neulich geschweisst!

Werken und Handarbeiten sind selbstverständlich für Jungs und Mädchen und gehen oft auch Hand in Hand: in der fünften Klasse bekam jedes Kind aus des Fräulein Maus‘ Klasse ein Brett einer bestimmten Grösse in die Hand gedrückt. Daraus sollte im Laufe des Schuljahres ein Haus entstehen – sie hat ein Puppenhaus gemacht, aber der Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt, man hätte sich auch von Minecraft oder wovon auch immer inspirieren lassen können – und eingerichtet werden. Sie musste also erstmal planen, wie ihr Haus aussehen soll, und in welcher Grösse sie die dafür benötigten Teile zusägen muss, damit das Brett dafür auch reicht. Ausserdem hat sie Möbel gebaut, Kissen, Tischdecken und Vorhänge genäht und am Ende noch Licht verlegt, samt Schaltern und dimmbaren LED-Lämpchen.

Sachkunde: Brandschutz und Pilze bestimmen

Auch Sachkunde ist eher praxisorientiert: Leben retten, Pilze korrekt bestimmen oder angeln steht schon für Erst- und Zweitklässler auf dem Programm. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse ihren Fahrradführerschein gemacht, für den ein echter Fahrlehrer aus einer Fahrschule die Theorie- und Praxisstunden abhält und am Ende einen (fast echten) Fahrradführerschein ausstellt. (Den der grosse Herr Maus schon zweimal irgendwo verloren hat und den ihm beide Male nette Menschen wieder haben zukommen lassen, indem sie erst mit seinem Namen irgendwelche Kontaktdaten gesucht – unser ungewöhnlicher Nachname war da vermutlich hilfreich – und mich dann über SMS oder Facebook kontaktiert und den Führerschein schliesslich seinem Besitzer entweder zurückgebracht oder per Brief zurückgeschickt haben. Finnland…! ♥)

Karriereberatung: Wie es nach der 9. Klasse weitergeht

Gleich im ersten Halbjahr der Oberstufe hatte das Fräulein Maus ein Fach, unter dem wir uns alle zusammen nichts vorstellen konnten, und das ich jetzt, wo ich um die Inhalte weiss, am ehesten Karriereberatung nennen würde. (Wobei ich den Wortbestandteil „Karriere“ dabei eher unpassend finde, weil es eben nicht darum geht, eine möglichst gute „Karriere“ in einem aussichtsreichen Beruf anzustreben, sondern herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen und was man sich nach der Schule als erfüllende Tätigkeit vorstellen könnte.) Natürlich waren eventuelle schon vorhandene Berufswünsche auch kurz Thema am Anfang, aber insgesamt geht es vor allem darum, den Schülern aufzuzeigen, wie es für sie nach der 9. Klasse weitergehen könnte und welche Noten schon jetzt wichtig sind für z.B. die Bewerbung an einem Gymnasium. In der 8. und 9. Klasse müssen die Schüler auch für drei Tage bzw. eine Woche ein Praktikum machen, um schon mal ein bisschen ins Berufsleben (und vielleicht den Beruf, den sie sich für sich vorstellen könnten) hineinzuschnuppern. In der 7. Klasse arbeitet jeder einen Tag lang in der Schulküche mit.

Hauswirtschaft: Für sich selbst sorgen lernen

Das Fräulein Maus hatte Hauswirtschaft ja schon mal als Wahlfach, aber in der 7. Klasse steht Hauswirtschaft für alle auf dem Lehrplan. Selbstverständlich mit Lehrbuch, Tests und allem Drum und Dran wie in anderen Fächern auch. Die Schüler lernen so grundlegende Dinge wie Hygieneregeln, wie man Wäsche sortiert, wie man den Geschirrspüler am sinnvollsten einräumt oder wie oft man Bettwäsche wechseln sollte. Und jede Woche wird im Unterricht gekocht oder gebacken und zum anschliessenden Essen auch der Tisch fein gedeckt. Und neulich hatte das Fräulein Maus einen Monat lang Hausaufgaben für Hauswirtschaft – sie musste einen Zettel mit verschiedenen Haushaltstätigkeiten abarbeiten: staubsaugen, ihren Kleiderschrank aufräumen, Klo putzen, Wäsche waschen, etwas backen…

(Find‘ ich alles prima. Die Frage allerdings, wieviel davon bei den Schülern hängenbleibt, stelle ich mir jedes Mal, wenn ich unseren Zivi beobachte, der jegliche Putzaufgabe zwar beflissen, aber komplett unbeholfen ausführt. Aber so ist das ja mit jedem Schulfach.)

***
Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien
Wollsocken im Klassenzimmer (6): Wilma
Wollsocken im Klassenzimmer (7): Kältefrei


Ein Kommentar

Fürs Leben lernen

Der kleine Herr Maus riss heute in einem Anfall von Jux und Dollerei den Aufhänger von des Fräulein Maus‘ Badetuch ab.

„Den nähst du aber selbst wieder an, kleiner Herr Maus, klar?!“
„Ja, mach‘ ich.“ Kurze Pause. „Mama? Darf ich den mit Fräulein Maus‘ Nähmaschine annähen?“
„Wenn sie Lust hat, dir zu zeigen, wie das geht, gerne.“
„Nee, Mama! Ich kann das! Das hab‘ ich doch in der Schule gelernt!“

Hatte ich fast vergessen, dass ja die Drittklässler alle ihren Nähmaschinenschein machen in der Schule. (Womit mir alle drei Kinder weit voraus sind.)


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Willkommen, 2020!

Wir haben reingefeiert, mit Luftschlangen und Wunderkerzen und einem Fahrradausflug in den Nachbarstadtteil zum vielleicht schönsten Feuerwerk Turkus und mit Bowle und Sauna und den „Zwölf Monaten“.

Das neue Jahr begann vor der Haustür, wo sich immer ganz viele Nachbarn versammeln, jeder sein Feuerwerk mitbringt und die Kinder reihum anzünden dürfen, und leider auch mit einer Trauerbotschaft: der Nachbarshund, mit dem das Fräulein Maus so gern spazierenging, der immer danebensass, wenn die Nachbarskinderschar gemeinsam Trampolin sprang, der das Bullerbü hier immer komplettiert hat, der grosse Hund, der nie auch nur einer Fliege etwas zuleide tun konnte und manchmal sogar vor einem Schmetterling Angst hatte, hat den Silvesterabend nicht überlebt. Er war schon alt, aber trotzdem: diese blöde Böllerei!

Erst als das neue Jahr auch fast schon in Deutschland angekommen war, gingen wir wieder rein. Und schliefen dann sehr lange und guckten Neujahrskonzert im Schlafanzug.


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2019

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?
Acht. Der Winter war prima, der Sommer zwar nicht heiss, aber wenigstens sonnig. Wir sind so viel verreist wie noch nie, nämlich in allen ausser den Weihnachtsferien, und zwischendrin auch noch. Und seit das Fräulein Maus nicht mehr so ein wahnsinniges Trainingspensum hat, haben wir alle wieder viel mehr Zeit füreinander und für gemeinsame Unternehmungen. Zwei Punkte Abzug für den wirklich anstrengenden Frühling, als ich den Hort quasi alleine schmeissen und nebenher meine Ausbildung samt vierwöchigem halbtägigem Praktikum abschliessen musste und ausserdem das Fräulein Maus von einer Infektion und einer Sportverletzung zur nächsten stolperte.

2. Zugenommen oder abgenommen?
Keine Ahnung. Aber alle Klamotten passen.

3. Haare länger oder kürzer?
Sie sind dann jetzt eben wieder so lang, wie meine Haare werden – und das ist nicht bis zur Kniekehle – wenn ich sie einfach wachsen lasse.

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Optikerkette meines Vertrauens schickte mir neulich einen Gutschein für einen Sehtest, und ich sag‘ mal so: wenn es duster ist und die Schrift sehr klein, kann ich mir trotz Brille vorstellen, dass ich den demnächst doch mal in Angriff nehmen muss. (Lieber würde ich aber noch bis nächsten Herbst damit warten, damit es auch die Gläser der Sonnenbrille noch eine Saison tun.)

5. Mehr Kohle oder weniger?
Es gab eine Gehaltserhöhung von 10 € oder so.

6. Besseren Job oder schlechteren?
Den gleichen. Er war allerdings sehr viel anstrengender in diesem Jahr, weil wir Anfang des Jahres für vier Monate nur zu zweit waren und ausserdem die gesamte Verantwortung und aller Bürokram auf meinen Schultern ruhten; aber es hat mich durchaus auch zufrieden gemacht, dass ich das trotz meiner doch erst recht kurzen Erfahrung im neuen Job ganz gut hingekriegt habe.

7. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr für Urlaube. Weniger für Materielles.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?
Mehr Selbstsicherheit in jeglicher Kommunikation auf Finnisch. (Jahaaa, das wird mein Leben lang steigerunsfähig sein.)

9. Mehr bewegt oder weniger?
Genug jedenfalls: jeden Tag eine halbe Stunde einfache Strecke mit dem Fahrrad auf Arbeit gefahren, skigefahren, durch Moore spaziert und drei Wochen in den Bergen gewandert. Nur schlittschuhlaufen auf irgendwelchen natürlichen Gewässern waren wir das ganze Jahr nicht.

10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?
Ich war genau einmal krank. Also so, dass ich einen Tag zu Hause bleiben musste.

11. Davon war für dich die Schlimmste?
Genau die, weil ich noch den ganzen Erzgebirgsurlaub über deshalb furchtbar müde und schlapp war.

12. Der hirnrissigste Plan?
Mal schnell (haha!) ein Zimmer komplett umzugestalten. (Und bei 30°C zu tapezieren.) Aber es ist dann sehr schön geworden.

13. Die gefährlichste Unternehmung?
Skifahren zu gehen, weil es zum Wandern zu glatt ist.

14. Die teuerste Anschaffung?
Der Löwe Balthasar.

15. Das leckerste Essen?
Wir waren ein, zwei , drei Mal in Estland dieses Jahr. Und drei Wochen lang Halušky essen.

16. Das beeindruckendste Buch?
„Die lange Reise“.

17. Der ergreifendste Film?
Ich war dieses Jahr genau einmal im Kino und habe auch sonst mehr Bücher gelesen als Filme geguckt. Schön war, direkt nach unserem Urlaub nochmal eine Reportage über den Advent im Erzgebirge zu sehen.

18. Die beste CD?
Wie im letzten Jahr: ich höre den ganzen Tag Geschrei, Gesinge, Gelache und höre eher selten Musik, weil es schön ist, wenn es einfach mal ruhig ist. Aber im Dezember hören wir unsere sechs Weihnachts-CDs hoch und runter.

19. Das schönste Konzert?
Die Konzertreihe auf der übernächsten Insel.

20. Die meiste Zeit verbracht mit?
Kindern.

21. Die schönste Zeit verbracht mit?
Dem Ähämann und den Mäusekindern auf Reisen.

22. Zum ersten Mal getan?
Urlaub in des Ähämanns Arbeitsstadt gemacht.
Mit Skiern rund um den Flughafen gefahren.
Die Kinder zum Klimastreik begleitet.
Auf einem (ganz besonderen!) Baumwipfelpfad gewesen.
Mittsommer auf der Amorella gefeiert.
Einer Tallinn-Fähre von Suomenlinna aus zugewinkt.
Auf Vallisaari gewandert.
Unser Klärwerk besichtigt.
Eine Halloweenparty bei uns zu Hause ausgerichtet.
Einen Fast-Generalstreik erlebt.

23. Nach langer Zeit wieder getan?
Im Mondschein skigefahren.
Einen „Kinder“geburtstag ausgerichtet.
Den Berg bestiegen, der nur über drei sehr lange, sehr steile Aufstiege zu erreichen ist.
Im Roháče gewesen.
Das Dampffestival besucht.
In der Schwimmhalle im Nachbarort gewesen.
Tallinn besucht.
Grosse Pyramiden angeguckt, kleine Weihnachtsmärkte besucht und Bimmelbahn gefahren.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Das Wahlergebnis und überhaupt die ganze Nazischeisse allerorten.

25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass der Klimawandel nicht davon weggeht, dass man ihn kleinredet.

26. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Ein zweitägiger Geburtstagsausflug.

27. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Mama, ich war grade am Briefkasten und ich glaube, ich bin angenommen auf der Musikklasse, da steht nämlich hyväksytty!“ (War so wichtig, dass sie mich mitten am Nachmittag auf Arbeit anrief.)

28. Dein Wort des Jahres?
Vastuuohjaaja.

29. Dein Unwort des Jahres?
Vastuuohjaaja. (Nein, das widerspricht sich nicht. Siehe Punkt 6.)

30. Dein Lieblingsblog des Jahres?
Östlich von Istanbul. Und natürlich alle anderen auf der Blogroll.

31. Dein grösster Wunsch fürs kommende Jahr?
Ich wiederhole mich, aber: Mal wieder ohne Beklemmung Zeitung lesen zu können.

[2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018]


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Heiligabend 2019

Heute erst guckten wir die am Heiligabend aufgenommene Spezial-Maus an. Warum die denn so lang sei, fragten die Kinder. „Damit es die deutschen Kinder ein bisschen einfacher haben beim Warten auf die Bescherung“, antwortete ich.

Verstanden sie nicht, unsere Kinder. Denn bei uns ist Heiligabend immer ruckzuck um.

9:00 Uhr: Der Ähämann hat uns den Wecker gestellt. Hier schlafen schon seit Beginn der Weihnachtsferien alle bis mindestens um zehn. Aber heute müssen wir ein bisschen eher aufstehen. Zu Heiligabend haben wir immer viel vor. Viel Ruhiges und viel Schönes.

10:00 Uhr: Der Ähämann hat den Frühstückstisch gedeckt, ich habe Milchreis vorgekocht. Die Kinder sind nach und nach aufgestanden, ich bringe den Milchreis zu Bett, wir frühstücken.

11:15 Uhr: Wir steigen in den Bus. Er wird an jeder Haltestelle voller; wir haben alle das gleiche Ziel. Weil unsere Buslinie ja seit einem Jahr eine veränderte Route fährt, beschliessen wir, diesmal noch eine Haltestelle weiter zu fahren zu sonst. Dort werden gerade zwei Sisu-LKWs in Stellung rangiert, die Ampeln blinken gelb, und mitten auf der grossen Kreuzung tänzeln zwei Polizisten und schwenken wie immer in solchen Situationen eher unbeholfen ihre Stäbe, um den Verkehr zu regeln.

(In meiner Geburtsstadt gab es noch lange Zeit mehrere grosse Kreuzungen, auf denen der Verkehr von Hand geregelt wurde. Die Polizisten standen würdevoll in der Mitte und vollführten eine exakte Choreographie, die alle verstanden. Einmal versuchte ich, mich mit dem Fahrrad an einer T-Kreuzung einfach hinter dem Rücken des Verkehrspolizisten vorbeizuschleichen, was mir einen sofortigen Anpfiff desselben, ohne dass er seine Handzeichen auch nur eine Millisekunde dafür unterbrochen hätte, einbrachte.)

12:00 Uhr: Weihnachten fängt an.

12:30 Uhr: Unser Bus ist der erste, der sich durch die sich auflösende Menschenmenge geschoben hat. Fast alle Busfahrer tragen Wichtelmützen (einmal fuhr uns auch der Weihnachtsmann nach Hause) – unser Busfahrer fährt ein echtes kleines Weihnachtsbäumchen mit sich herum.

13:00 Uhr: Wir decken schnell den Tisch, wecken den Milchreis auf und essen. In einer Stunde müssen wir ja schon wieder los.

14:30 Uhr: Kinderkirche. Weihnachten muss ja sein wie immer.

15:15 Uhr: Leider ist gestern der Einkaufsbeutel mit dem frischen Fisch fürs Weihnachtsessen unausgepackt in der Küche stehengeblieben – wir knobeln noch aus, wer daran schuld ist – und wir merkten es erst, als heute nach dem Frühstück jemand nach Bananen fragte, die sich auch nicht im Obstkorb befanden. Wir brauchen also neuen Fisch. Nicht unbedingt sofort, weil wir an Heiligabend eigentlich schon seit Jahren nichts Besonderes mehr essen, weil keiner Zeit und Lust zum Kochen und auch niemand wirklich Hunger hat abends, und weil man, seit die Ladenöffnungszeiten hier noch weiter gelockert wurden, auch an den Weihnachtsfeiertagen einkaufen könnte, aber dann haben wir wahrscheinlich noch weniger Lust dazu als jetzt. Im Prisma sind die Regale voll, vier Kassen geöffnet und zehn Leute am Einkaufen, und wir beschliessen spontan, dass wir ab nächstem Jahr unseren gesamten Weihnachtseinkauf immer um diese Zeit machen.

15:45 Uhr: Bevor wir heimfahren, besuchen wir noch die beiden Über-Weihnachten-Pflegekatzen. Sie bekommen natürlich ein extra Weihnachtsleckerli.

16:30 Uhr: Es liegen Geschenke unterm Weihnachtsbaum!

17:30 Uhr: Alle Geschenke sind ausgepackt und bejubelt. Der Ähämann räumt zum zweiten Mal heute den Geschirrspüler ein, das Fräulein Maus schneidet Gemüse und rührt Dippi an, ich verräume Geschenkband und mache einen Pappmüllpappkarton für Legoverpackungen und Packpapier auf, mit dem wir wohl in den nächsten Tagen zum grossen Container hinterm Supermarkt fahren werden müssen, weil unser hausgemeinschaftseigener Pappcontainer schon seit Tagen überquillt und sich die Situation erfahrungsgemäss an Heiligabend drastisch verschärft.

18:30 Uhr: Weihnachtssauna. Die Herren Maus wollen eigentlich lieber an ihrem neuen Lego weiterbauen, kommen dann aber doch für zwei Saunagänge mit, weil es so schön ist, dampfend auf der Gartenbank neben dem Weihnachtsbaum zu sitzen. Nebenher essen wir, süss und salzig und gesund und ungesund durcheinander, draussen, drinnen, wie jeder will. (Ich trinke alkoholfreie Bierbrause – die mit den hübschen Kronkorken – und verstosse damit wenigstens gegen eine deutsche Saunaregel nicht.)

20:00 Uhr: Es wird ein Märchenfilm gewünscht. Zum Glück wurden und werden gerade mehrere neue ARD-Märchenfilme gesendet. Die „Regentrude“ ist schon immer mein Lieblingsmärchen gewesen, und der Film ist auch ganz prima. Wenn auch vielleicht nicht so gaaanz zu Weihnachten passend. Zum ersten Mal heute haben wir Zeit rumzubringen. Als der Film zu Ende ist, haben wir noch eine Viertelstunde Zeit, um uns anzuziehen. Gutes Timing!

22:00 Uhr: Wir waren dieses Jahr noch gar nicht Weihnachtslieder singen, und deshalb nutzen wir die allerletzte Chance. Womit wir nicht gerechnet hatten: in der Kitschkirche zweitgrössten Kirche der Stadt haben sich um diese Uhrzeit noch um die tausend Leute versammelt, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, und wir finden kaum noch einen Platz. (Und leider quetschen sich dann kurz vor knapp direkt hinter uns noch zwei Männer, die zum traditionellen Weihnachtschinken offensichtlich schon reichlich Alkohol genossen haben und besonders lautstark und… äh… schön… mitsingen.) Eine Stunde lang singen wir fast das gesamte Weihnachtsliederheftchen durch, der Pfarrer ist sehr cool, und wir erfahren, dass Finnlands einziger Kantor, der sowohl Orgel spielen als auch Dampflok fahren kann, unser Singen begleitet, und er antwortet mit einem sehr echt klingenden Dampflokpfeifen von der Orgelempore.

23:30 Uhr: Die Kinder sind jetzt dermassen bettreif, dass sie direkt vom Flur ins Bad ins Bett gescheucht werden müssen. Wir wollten doch noch Bowle trinken, beschwert sich der kleine Herr Maus. Und er wolle eigentlich noch bis in die Nacht mit seinen Weihnachtsgeschenken spielen.

Hör zu, kleiner Herr Maus, sage ich, als ihm schon fast die Augen zufallen, zum Glück fängt Weihnachten ja gerade erst an.