Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Wollsocken im Klassenzimmer (6)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 2, 4 und 6 besuchen, basierend. Heute mit einer Frage, die mir besonders oft gestellt wird.

Wer ist Wilma?

Wilma lernten wir im Dezember 2012 kennen. Sie schickte dem Ähämann und mir jeweils einen Brief mit komplizierten Codes und versprach, sich fortan um die Angelegenheiten unseres angehenden Schulkindes zu kümmern. Und so sassen wir am Neujahrstag 2013 mit ihr auf dem Sofa und meldeten unser erstes Schulkind in der Schule an, und seither ist Wilma, die Beflissene, aus unserem Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken.

Nüchterner betrachtet könnte man auch sagen: Wilma ist ein elektronisches Klassenbuch. Ein digitales Muttiheft. Der Aktenordner mit Anträgen auf einen Hortplatz, auf Teilnahme am Muttersprachunterricht und auf Freistellung von der Schule.

Für jedes angehende Schulkind bekommen jeweils alle Sorgeberechtigten einen komplizierten Zugangscode mit der Post geschickt. Beim ersten Schulkind muss man sich erstmal selbst einen Wilma-Account anlegen und dann das angehende Schulkind hinzufügen, alle weiteren Schulkinder fügt man dann nur noch mit den zugeschickten Zugangscodes hinzu. Und das erste, was man mit Wilma macht, ist, sein Kind für die Schule anzumelden. Drei Klicks vom Sofa aus, zack, erledigt. Bei Bedarf auch gleich noch die Hortanmeldung und die Anmeldung für den Muttersprachunterricht.

Ab Mittsommer finden sich die Stundenpläne fürs kommende Schuljahr im Wilma. (Die sich, zumindest in unserer Schule, dann auch tatsächlich das ganze Schuljahr über nicht mehr ändern!)

Wenn das Schuljahr angefangen hat, manchmal auch schon ein paar Tage vorher, trudeln ab sofort jede Menge Nachrichten ein: von der Klassenlehrerin, vom Rektor, von der Schulschwester… wer eben den Eltern was mitzuteilen hat. Umgekehrt können auch die Eltern jedem Angestellten der Schule jederzeit eine Wilma-Nachricht schreiben, Dinge mitteilen, Fragen stellen.

Ist das Schulkind krank und muss zu Hause bleiben, teilt man das auch einfach über Wilma über ein spezielles Formular mit: bis 12 Uhr für den gleichen Tag, oder ab 12 Uhr für den Folgetag.

Steht übrigens ebenfalls im Wilma: wann das Kind gefehlt hat und warum. Ob es etwas besonders gut gemacht hat oder ob es die Hausaufgaben vergessen hat. (Und das ist dann sehr vom Lehrer abhängig, was er da einträgt: Fehlstunden immer, klar. Aber manche Lehrer tragen jedes Heft-zu-Hause-vergessen und jedes Du-hast-heute-gut-mitgearbeitet ein, andere nutzen die Zeit lieber, um die Dinge direkt mit den Schülern zu klären.)

Auch Klassenarbeitstermine und Noten kann man sich direkt im Wilma angucken. Bisher bringen unsere Kinder immer noch die Zettel mit ihren korrigierten Tests nach Hause zum Unterschreiben, aber wenn der Lehrer die Note ins Wilma einträgt, kann man auch einfach dort ein Häkchen setzen, dass man es zur Kenntnis genommen hat.

Wilma ist übrigens nicht nur für Lehrer und Eltern da, sondern auch für Schüler. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse angefangen, Wilma selbst zu nutzen. (Sie bekommen dann am Anfang der dritten Klasse auch schon mal die Hausaufgabe, ihrem Lehrer eine Wilma-Nachricht zu schreiben.) Die Lehrer schreiben dann Nachrichten mit wichtigen Terminen oft nicht nur an die Eltern, sondern an Eltern und Schüler, so dass die Schüler selbst nachlesen können. Und auch die Hausaufgaben stehen fast alle – je nachdem, wie der jeweilige Fachlehrer das handhabt – im Wilma. Das hilft zum Beispiel sehr, wenn das Kind krank ist, aber wegen individualisierter Hausaufgaben nicht einfach ein Klassenkamerad die Hausaufgaben vorbeibringen kann.

Wilma gibt es übrigens als Browserversion und – ein wenig abgespeckt – als App. Die App ist super, weil man da verschiedene Wilmas – jede Stadt hat zum Beispiel ihr eigenes Wilma, und die Herren Maus haben ein Musikschulwilma und ich selbst habe als Schülerin in meiner Schule auch ein Wilma – in einer Anwendung vereinen kann, ohne sich dauernd bei einem Wilma ab- und bei einem anderen Wilma wieder anmelden zu müssen. Dafür spinnt die App gerne mal, und man kann da nicht alles machen, was in der Browserversion möglich ist.

Wilma hat uns übrigens sogar ein neues Wort beschert: es passiert öfter, dass der Ähämann oder ich abends vorm Schlafengehen oder vom Frühstückstisch plötzlich hektisch aufspringen und rufen: „Ich muss doch noch wilmaen!“. (Dann ist entweder ein Kind krank oder hat am nächsten Tag während der ersten Schulstunde einen Zahnarzttermin und muss deshalb noch aus der Schule abgemeldet werden, oder eine dringende Wilma-Nachricht bedarf einer Antwort bis zum nächsten Schultag.)

Ich wilmae übrigens gerne.

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien


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Wollsocken im Klassenzimmer (5)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Heute aus aktuellem Anlass.

Wie lange haben finnische Kinder Ferien?

Diese Frage ist schnell beantwortet: Finnische Kinder haben sowohl unheimlich wenig als auch unheimlich viel Ferien.

Das Schuljahr zieht sich manchmal wie Kaugummi. Das Herbsthalbjahr beginnt Mitte August und endet ein, zwei Tage vor Heiligabend. Mitte Oktober gibt es, je nach Gemeinde, zwei bis fünf Tage Herbstferien. Das Frühlingshalbjahr beginnt im besten Fall erst nach dem Feiertag am 6. Januar, im schlimmsten schon am 2. Januar, und endet Ende Mai. Mitte Februar gibt es eine Woche Skiferien – die Skiferien sind übrigens die einzigen Ferien, die gestaffelt stattfinden, weil da alle sehr viele Familien entweder nach Lappland fahren oder in den Süden fliegen – und dann gibt es noch Karfreitag, Ostermontag, Vappu und Himmelfahrt. Einzelne Tage, wohlgemerkt – unsere Schule allerdings lässt die Kinder immer den Freitag nach Himmelfahrt an einem Samstag vorarbeiten, was wenigstens noch ein langes Wochenende ergibt – und Pfingstmontag ist auch kein Feiertag in Finnland.

Aber dann: Sommerferien von Anfang Juni bis Mitte August! Zehn Wochen mindestens; bei uns in Turku – wir bezahlen das dann mit zwei Tagen statt einer ganzen Woche Herbstferien – elf Wochen! Schier unendlich!

(Die Kinder singen tatsächlich zum Schuljahresende immer – ausser dem Suvivirsi natürlich – das Lied von den warmen, unendlichen Ferien.)

Aber es geht auch nicht anders. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der man sich nicht in drölfzig Kleidungsschichten hüllen muss. Es sind die drei Monate im Jahr, in denen man abends einfach nicht ins Bett gehen kann, weil die Sonne die halbe Nacht scheint und das Abendlicht so schön ist, und in denen tatsächlich kein finnisches Kind vor zehn ins Bett geht. „Bis um Mitternacht aufbleiben“ heisst für unsere Kinder: Silvester. Oder Juhannus. Oder „Wenn wir Besuch haben im Sommer“.

Es ist schon okay so, mit den Ferien, wie es hier ist.

Und immer hat man zusätzlich noch die Möglichkeit, auch ausserhalb der Ferien freizunehmen. Es gibt keine Schulpflicht, nur eine Bildungspflicht in Finnland, und so kann man sein Kind mit Genehmigung des Klassenlehrers bis zu drei Tage oder mit Genehmigung des Rektors auch länger von der Schule freistellen lassen. Was übrigens auch für Lehrer gilt: die Lehrerin des grossen Herrn Maus war dieses Jahr zehn Tage im März auf Teneriffa im Urlaub, und der Lehrer des Fräulein Maus macht manchmal ein langes Wochenende bei seiner Freundin in Stockholm. (Was auch deswegen ganz unproblematisch ist, weil es genügend Vertretungslehrer gibt. In den neun Schuljahren, die unsere Kinder insgesamt schon in der Schule verbracht haben, ist noch nie eine einzige Stunde ausgefallen.)

In diesem Sinne: wir fangen unsere Sommerferien schon heute Abend an, eine Woche vor offiziellem Ferienbeginn. Und wenn wir von vier Wochen Reise zu all unseren Lieblingsplätzen „in Europa“, an denen wir schon länger nicht mehr waren, zurückkommen, werden wir immer noch unendliche acht Wochen Ferien vor uns haben.

Ich bin unendlich froh und dankbar dafür!

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester


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Samstagsschultag

Ich musste 6 ¼ Jahre lang samstags zur Schule gehen.

(Jeden Samstag. Nicht nur einen im Jahr!)

Und bekam dafür kein langes Himmelfahrtswochenende frei, der Unterricht fand nie im Freien statt, und die Eltern durften auch nicht mitkommen.

Ja, es war nicht so angenehm, heute früh um halb sieben aufstehen zu müssen. Aber: Was haben es unsere Kinder gut…!

Heute Unterricht draussen. 30 verschiedene Aufgaben lösen. Und den Rest der Zeit spielen.

Die Vermessung des Schulhofs.

In Finnland gibt es jeden Tag ein kostenloses Mittagessen in der Schule. Und wenn samstags Schule ist, auch dann. (Allerdings nur in der Ausflugsversion.)

Erweiterter Schulhof. <3 


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Ein Frei-tag

Freitags habe ich in diesen Wochen frei.

Es ist nämlich so, dass die Mühlen der deutschen Bürokratie auch in Finnland sehr langsam mahlen und ich deshalb gerade keinen Arbeitsvertrag habe und nur aushelfe im Hort.

Aber Frei-tage sind ja auch sehr schön und haben bei uns schon eine lange Tradition.

Nur, während wir den letzten Frei-tag(nachmittag) für einen mehrstündigen Schwimmhallenbesuch nutzen konnten, verbringe ich diesen Frei-tag mit zwei kranken Kindern zu Hause.

Ausserdem habe ich Hausaufgaben und vertiefe mich den ganzen Nachmittag lang in den finnischen Lehrplan. Der finnische Lehrplan ist ein 473 Seiten dickes Werk, in dem nicht nur sämtliche Unterrichtsinhalte für die Klassen 1 bis 9 festgeschrieben sind, sondern auch das Recht der Schüler auf individuelle Förderung und Forderung und positive Lernerfahrungen, auf Hilfe und Unterstützung, wenn sie nötig ist, auf Pausen, auf kostenlose Lernmittel und ein kostenloses Mittagessen, auf eine sichere und gesunde Lernumgebung, auf physische und psychische Gesundheitsvorsorge, auf Achtung ihrer Kultur und Muttersprache, auf Wertschätzung und Gleichbehandlung und darauf, nur an ihrem individuellen Lernerfolg gemessen zu werden und nicht an dem anderer Schüler. Ich habe Herzchenaugen beim Lesen; auch deswegen, weil ich an unseren drei Schulkindern erlebe, dass das alles nicht nur hohle Worte sind.

Das Fräulein Maus leistet mir am Esstisch Gesellschaft mit ihrer Religionshausaufgabe – etwas über eine Kirche und einen Altar in Finnland sowie eine Kirche und einen Altar irgendwo anders auf der Welt – und wegen des zweiten Teils helfe ich ihr ein bisschen beim Recherchieren über die Dresdner Frauenkirche (ihr Vorschlag) und den Annaberger Bergaltar (mein Vorschlag, von ihr begeistert angenommen). Heimatkunde.

Der Frei-tagabend endet mit einem Kicherkrampf des grossen Herrn Maus; der ist dann wohl wieder gesund.

Und nächsten Freitag stehe ich dann hoffentlich – denn das ist zumindest der Plan – schon offiziell bei der Deutschen Gemeinde in Lohn und Brot.


Ein Kommentar

Besser als Rosenmontag in Köln

Fast hätte ich es wieder verpasst.

Es ist nämlich so, dass ich in den letzten 14 Jahren noch kein einziges Mal live gesehen habe, wie die Abiturienten an ihrem letzten Schultag auf LKWs, mit denen sonst Schnee abtransportiert wird, durchs Stadtzentrum fahren und Süssigkeiten in die Menge schmeissen.

Aber heute mussten ja Hortkinder abgeholt und quer durchs Stadtzentrum eskortiert werden, und als ich erwähnte, dass ich die Penkkarit noch nie wirklich gesehen habe, wurde kurzerhand beschlossen, dass ich heute statt des Zivis mit zur Schule gehe.

Der Zivi hatte heute übrigens den ganzen Tag so ein Funkeln in den Augen, weil er selbst erst vor einem Jahr auf einem LKW durch Helsinki gefahren ist und das sehr, sehr schön gewesen sein muss. Die Hortkinder waren ganz aus dem Häuschen, weil sie auf dem Weg gemeinsam einen ganzen grossen Suppentopf voll Süssigkeiten sammeln durften, der dann geteilt wurde. Und ich hätte mir nur gewünscht, eine vernünftige Kamera dabeigehabt zu haben.

Morgen haben dann die Elftklässler ihren grossen Tag, weil sie ab jetzt die Ältesten der Schule sind, was unter Anderem mit einem grossen Ball gefeiert wird.


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Wollsocken im Klassenzimmer (4)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Heute angeregt von den deutschen Kindernachrichten.

Gibt es an finnischen Schulen eine Schulkrankenschwester?

Wir mussten ja alle fünf ein bisschen lachen, als wir gestern Logo! vom Donnerstagabend nachguckten und Tim so in die Runde fragte: „Wäre eine Krankenschwester an der Schule nicht total praktisch?“

Oh ja!

Das Fräulein Maus hat sich den Fuss verstaucht, und am nächsten Tag tut ihr der Fuss in der Schule doch so sehr weh, dass es sie beim Lernen stört, also humpelt sie zur Schulschwester, die ihr ein Kühlgel draufschmiert. Am nächsten Tag nochmal. Dem grossen Herrn Maus schmerzt der am Vortag eingegipste Arm, die Schulschwester gibt ihm eine Schmerztablette. Das Fräulein Maus hat in der Pause einen Zusammenstoss mit dem Karussel gehabt, die Schulschwester reicht ihr eine Schmerztablette, eine Kühlpackung für die Beule und ruft mich an, damit wir auf mögliche Symptome einer Gehirnerschütterung achten. Der kleine Herr Maus hat sich in der Pause das Knie aufgeschrammt, er bekommt von der Schulschwester ein Pflaster. Das Fräulein Maus hat Kopfschmerzen und bekommt von der Schulschwester eine Schmerztablette. Der kleine Herr Maus ist beim Sportunterricht mit einem Klassenkameraden zusammengestossen und hat sich die Zähne eingeschlagen. Die Schulschwester spült mit ihm das Blut aus, lässt ihn eine halbe Stunde mit einem Kühlbeutel bei sich sitzen, schreibt ihm eine Überweisung und ruft mich an, um zu erklären, was passiert und was als nächstes zu tun ist.

Unsere Kinder sind gute Kunden bei der Schulschwester. Sie haben sich sogar schon unabgesprochen und zufällig bei ihr getroffen!

Die Schulschwestern in Finnland sind aber nicht nur für Notfälle an den Schulen. Sobald ein Kind das Schulalter erreicht hat, finden die Vorsorgeuntersuchungen nicht mehr in der Neuvola statt, sondern bei der Schulschwester. Zur ersten können die Eltern noch mitkommen, wenn sie möchten, zu den folgenden – eine pro Schuljahr – gehen die Schüler üblicherweise während des Schultages selbstständig und allein und bekommen von der Schulschwester einen Zettel über die Untersuchungsergebnisse mit nach Hause. In der 1., 5. und 8. Klasse führt ein Schularzt, der für mehrere Schulen zuständig ist, die Vorsorgeuntersuchungen durch. Mit den Fünftklässlern hat die Schulschwester dieses Jahr – mit jedem einzeln! – sehr ausführlich über die körperlichen Veränderungen während der Pubertät gesprochen. Und die Schulschwester impft die Schüler auch. Bei Impfungen, die nicht im finnischen Impfplan enthalten sind, aber die die Familie trotzdem angefangen hat – bei uns ist das die Impfung gegen FSME – erinnert sie an die Auffrischungstermine und besorgt über den Schularzt ein Rezept. Wir lösen das Rezept in der Apotheke ein, geben den Kindern den Impfstoff am nächsten Tag mit in die Schule, und die Schulschwester verabreicht ihn und trägt die Impfung in den Impfpass ein.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es die Schulschwester gibt.
Ich wünschte nur, sie müsste mich nicht so oft anrufen.

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten


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Wollsocken im Klassenzimmer (3)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend.

Werden die Schüler in Finnland mit Noten bewertet?

Auf diese Frage kann ich leider keine eindeutige Antwort geben.

Die letzte, umfassende Lehrplanreform sah vor, dass die Kinder eher wenig bewertet werden und eventuell sogar erst in der Oberstufe, also in der 7. Klasse, zum ersten Mal Noten bekommen. Ausserdem sollte das Halbjahreszeugnis abgeschafft werden und nur noch zum Schuljahresende eine umfassende Bewertung der erreichten Lernziele gegeben werden.

Bei der Umsetzung des Lehrplans hat aber jede Gemeinde und sogar jede Schule einen gewissen Spielraum, so dass es weiterhin jedes Halbjahr spannend bleibt, wie nun die Zeugnisse unserer Kinder aussehen werden.

Bei uns ist das jetzt jedenfalls so, dass es in den ersten beiden Schuljahren auf jeden Fall keine Noten gibt. Die Schüler werden für – individuelle – Fortschritte vor allem mündlich, aber auch mal mit einem Stempel oder Aufkleber unter einer schriftlichen Aufgabe gelobt. So etwas wie Tests und Klassenarbeiten gibt es in den ersten beiden Schuljahren überhaupt nicht.

Ab der dritten Klasse gibt es Diktate, Vokabeltests, Mathearbeiten und Tests in allen Fächern, die zumindest in unserer Schule mit Noten bewertet werden. Das Fräulein Maus bekam allerdings auch letztes Jahr noch ein Zeugnis, in dem nur angekreuzt war, wie gut sie bestimmte Lernziele in jedem Fach erfüllt hat. Dieses Jahr wird sie, wenn ich das richtig verstanden habe, eins mit Noten bekommen. Beim grossen Herrn Maus weiss ich gar nicht. Wir warten gespannt auf nächsten Freitag. ;-)

Die Zeugnisse mit den Kreuzchen finde ich insofern besser, als sie ein detaillierteres Bild geben: es steht da zum Beispiel unter Englisch nicht nur eine Gesamtnote, sondern es wird getrennt bewertet, wie gut sich das Kind ausdrücken kann und wie gut es versteht. Das kann ja durchaus unterschiedlich sein.

Insgesamt spielen Noten in der Grund- und Mittelschulzeit keine grosse Rolle. Da alle bis zur neunten Klasse gemeinsam zur Schule gehen, braucht man ja auch kein objektives Kriterium für eine Empfehlung für eine bestimmte Art weiterführender Schule. Überhaupt wird sehr bewusst auf Vergleiche der Kinder untereinander verzichtet. Jeder soll motiviert werden, sein Bestes zu geben: und zwar nach seinen individuellen Fähigkeiten – nicht danach, wie gut oder schlecht der Rest der Klasse ist.

Das finnische Notensystem ist für mich persönlich übrigens das beste Mittel, keinen falschen Ehrgeiz bezüglich der Schulleistungen meiner Kinder zu entwickeln. Es gibt Noten von 4 bis 10. (In der Uni wird man dann mit Noten von 1 bis 3 bewertet.) 10 ist dabei die beste Note, und es gibt jede Menge Abstufungen: 10, 10-, 9 ½, 9… Die Kinder haben ein ganz gutes Gespür für die feinen Unterschiede und sind auch schon mal enttäuscht über eine 9 ½, aber für mich klingt irgendwie alles ab 8 phänomenal gut!

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen


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Wollsocken im Klassenzimmer (2)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend.

Wie ist in finnischen Schulen individuelles Lernen organisiert?

Das wichtigste Pisastudienergebnis überhaupt ist für mich ja, dass in Finnland der Lernerfolg fast gar nicht vom sozialen Hintergrund abhängt: nicht von der Herkunft der Eltern, nicht vom finanziellen Status der Eltern, nicht vom Ausbildungsstand oder Beruf der Eltern. Alle haben die gleichen Chancen.

(Theoretisch. Rein praktisch werden auch hier die Unterschiede langsam grösser. Aber sehr langsam eben. Und als Migrantenkind hat man immer noch das grosse Los gezogen, darf man in Finnland zur Schule gehen.)

Keiner ist was Besseres als der Andere. Kein Kind bekommt schon in den allerersten Schuljahren einen Stempel aufgedrückt, ob es später mal Abitur machen wird oder nicht. Alle bekommen von der Schule die gleichen Lernmaterialien – nicht nur Lehrbücher, sondern auch Hefte, Stifte, Malsachen – kostenlos zur Verfügung gestellt. Alle gehen bis zum Ende der 9. Klasse gemeinsam zur Schule.

Chancengleichheit. Keine Gleichmacherei.

In finnischen Schulen wird sehr darauf geachtet, dass jedes Kind auf seinem individuellen Niveau gefördert und gefordert wird.

Für die Kinder, die schon weiter sind, gibt es Extraaufgaben: die beiden Herren Maus hatten z.B. in der ersten Klasse eine Fibel wie alle anderen, bekamen aber von Anfang an ausserdem Kopien mit ganzen Texten, da sie schon in der Vorschule lesen gelernt hatten. Das Fräulein Maus berichtete mir von einem Klassenkameraden, der letztes Frühjahr – also im zweiten Halbjahr der 4. Klasse – schon das Mathebuch der 5. Klasse anfangen durfte, weil er mit dem der 4. Klasse durch war.
Für die Kinder dagegen, die nicht im normalen Tempo mitkommen, gibt es Förderunterricht: ein, zwei Stunden pro Woche, die die jeweiligen Kinder aber immer nur bei Bedarf besuchen – wenn die Sache sitzt, dann brauchen sie nicht mehr zu kommen; andersherum kann ein Kind auch von sich aus zum Förderunterricht gehen, wenn es zum Beispiel vor einer Klassenarbeit noch ein paar Extraaufgaben lösen will oder etwas nochmal genauer erklärt haben möchte.

Das Ganze funktioniert natürlich auch nur so gut, weil hier immer genug Lehrer da sind. (Es gibt auch nie (!) Stundenausfall, wenn ein Lehrer krank, auf Reisen oder zur Weiterbildung ist).
In unserer „Dorfschule“ mit nur 1. und 2. Klasse gibt es zwei Klassen – jeweils zur Hälfte aus Erstklässlern und zur Hälfte aus Zweitklässlern bestehend – mit insgesamt drei Lehrerinnen. Da kann man natürlich prima in Gruppen arbeiten.
Ausserdem gibt es noch zusätzliche Lehrer, die eigentlich nur für die Kinder da sind, deren Muttersprache nicht Finnisch ist. Diese Kinder haben – je nach Bedarf – eine bis alle Finnischstunden pro Woche in kleiner Gruppe bei einem Lehrer für „Finnisch als Zweitsprache“. (Das Fräulein Maus wurde in der 3. Klasse offiziell von „Finnisch als Zweitsprache“ zu „Muttersprache“ umgestuft – nicht ohne uns vorher um unser Einverständnis zu bitten, verbunden mit der Aufklärung darüber, dass sie dann auch wie ein Muttersprachler bewertet werden wird.) Und es gibt sogar Lehrer für Unterricht in der eigenen Sprache: das ist in unserer Schule z.B. ein arabischsprachiger Lehrer, der mit den Migrantenkindern, die noch nicht so gut Finnisch können, den ganz normalen Unterrichtsstoff, z.B. Mathe, nochmal auf Arabisch durchgeht.

Dieses System kommt übrigens – wenig überraschend – völlig ohne das Überspringen von Schulklassen oder Kann-Kinder, die mit fünf eingeschult werden, weil sie sich schon im Kindergarten langweilen, sowie ADHS- oder Hochbegabungsdiagnosen aus.

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben


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Wollsocken im Klassenzimmer (1)

Mit dem Bloggen fing ich hauptsächlich deswegen an, weil ich – wir waren gerade nach Finnland gezogen – weder Sammelmails schreiben noch immer die gleichen Textabschnitte von einer Mail in die andere kopieren wollte.
Und weil mich auch umgekehrt von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Los geht’s.

Gibt es in finnischen Schulen Hausaufgaben?

Ja.

Man liest immer mal wieder, dass finnische Schüler sehr wenig Zeit mit Hausaufgaben verbringen müssen – um das objektiv einschätzen zu können, fehlt mir natürlich der echte Vergleich, aber gerade in den ersten beiden Schuljahren sind die Hausaufgaben wirklich sehr wenig: jeden Tag fünf Minuten laut vorlesen, dazu zwei Zeilen etwas schreiben oder rechnen, fertig. Manchmal bekommt der kleine Herr Maus auch Wochenendhausaufgaben: „Hilf jeden Tag deinen Eltern bei irgendeiner Aufgabe im Haushalt!“ oder „Bewege dich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde an der frischen Luft!“ oder „Spiele ein Spiel mit einem Freund!“ ;-)

Ab der dritten Klasse, die hier einen gewissen Sprung darstellt vom zwei Jahre dauernden „Anfangsunterricht“ (der bei Bedarf auch drei Jahre dauern kann) zu „ernsthafter“ Schule, sind die Hausaufgaben zwar immer noch überschaubar, werden aber deutlich mehr. Die Kinder müssen sich dann die Hausaufgaben auch selbstständig notieren (oder sie sich eben merken – der grosse Herr Maus nämlich so: „Nee, Mama, wirklich, ich brauch‘ kein Hausaufgabenheft, ich schreibe mir das sowieso nicht auf, ich merke mir das!“), während in den ersten beiden Schuljahren die Hausaufgaben gemeinsam in eine Art Formular – ähnlich dem deutschen Hausaufgabenheft – eingetragen werden oder die Kinder sie sogar als vorbereitete Aufgabenblätter ausgehändigt bekommen. Ab der dritten Klasse kommen auch „Heftarbeiten“ dazu – d.h. die Kinder müssen ab und zu für z.B. Sachkunde zu einem bestimmten Thema mit Hilfe von Lehrbuch, Internet, etc. eine Seite in ihrem Heft gestalten. Das dauert bei unserem perfektionistischen Fräulein Maus eeeewig, beim grossen Herrn Maus nicht so. ;-)

Eine Abschaffung von Hausaufgaben war auch bei der letzten, recht umfassenden Lehrplanreform in Finnland kein Thema – man sieht Hausaufgaben hier weniger als Mittel zum Unterrichtsstoff vertiefen oder wiederholen, als als ein Mittel zum „Lernen lernen“ – was ein sehr zentraler Aspekt der finnischen Schule ist. Die Kinder sollen durch Hausaufgaben hauptsächlich lernen, sich das Lernen selbst zu organisieren – wann und wie sie ihre Hausaufgaben machen, ist ihre eigene Verantwortung. Auch die Erst- und Zweitklässler im Hort haben keine festen Hausaufgabenzeiten, zu denen sie ihre Hausaufgaben machen müssen. Sie dürfen freilich – aber wer seine Hausaufgaben lieber zu Hause macht, macht sie eben später dort. Hausaufgaben gibt es in den ersten beiden Schuljahren grundsätzlich bis zum nächsten Tag oder ab der dritten Klasse höchstens bis zur nächsten gleichartigen Unterrichtsstunde – so bleibt der Zeitrahmen für die Erledigung auch für die kleinsten Schulkinder überschaubar. Wer seine Hausaufgaben vergisst, bekommt mindestens einen Eintrag ins Wilma; passiert das wiederholt, wird in unserer Schule das Kind auch schon mal nach Unterrichtsschluss ins LehrerHausaufgabenzimmer geschickt, wo es seine Hausaufgaben unter Aufsicht und gegebenenfalls mit Hilfe erledigen kann. Das Ganze wird dem Kind aber nicht als Strafe vermittelt, sondern eher als „Du hast offensichtlich Probleme damit, deine Hausaufgaben zu erledigen – wir können dir dabei helfen!“ Auch wenn ein Schüler selbst merkt, dass er Probleme mit seinen Hausaufgaben hat, kann er seine Hausaufgaben dort machen und sich helfen lassen.

Und das ist, glaube ich, der wesentlichste Unterschied zum deutschen Schulsystem: in Finnland sind auch Hausaufgaben Angelegenheit der Schule. Es wird hier nicht von den Eltern erwartet, dass sie sich – abgesehen von der Vermittlung einer gewissen Grundeinstellung zum Thema Hausaufgaben – um die Hausaufgaben ihrer Kinder kümmern, ihre Ausführung kontrollieren oder gar danebensitzen, wenn die Kinder Hausaufgaben machen.

Ich Rabenmutter weiss z.B. auch gar nicht, bei welchem Buchstaben die Erstklässler gerade sind oder welche Worte der Drittklässler schon auf Englisch gelernt hat.

(Passend dazu war heute ein sehr schöner Artikel in der Süddeutschen.)