Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Coronaklausur, Tag 52

Finnland hat 5738 bestätigte Coronafälle.

Wie es aussieht, bleibt es jetzt an den Rektoren hängen, bis nächsten Donnerstag ein coronataugliches Konzept für ihre Schule aus dem Boden zu stampfen, das sie Schülern und Eltern gegenüber verantworten können. Die Lehrerin des grossen Herrn Maus stellte es heute früh als erstes ihrer Klasse vor, ausserdem kamen zwei Nachrichten vom Rektor der Herren Maus mit jeweils einer Kurz- und einer Langfassung der geplanten Hygienemassnahmen, die sich durchaus recht durchdacht anhören. Also nach immerhin ein bisschen Schadenslimitierung, wenn 700 Schüler gleichzeitig in voller Klassenstärke zurück in die Schule stürmen.

Der grosse Herr Maus bekam diese Woche übrigens zum ersten Mal in seiner Schullaufbahn einen Wilma-Eintrag wegen Zuspätkommens. Das war sehr lustig, ausgerechnet jetzt – aber was will man machen, wenn man seinen Englisch-Videochat um eine halbe Stunde verbaselt hat.

Wetterstatus:

Es geht jetzt ohne Wollsocken. Aber noch nicht barfuss.


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Coronaklausur, Tag 47

Finnland hat 5254 bestätigte Coronafälle.

In den zwei Wochen, in denen wir nicht draussen waren, ist der Frühling ausgebrochen: es wird grün, es gibt Blümchen, der Himmel ist blauweiss, Schmetterlinge taumeln über die grün-weissen Buschwindröschenteppiche, die Wellen schwappen mit Sommergeräuschen an die Uferfelsen, und die Vögel singen im Chor.

Das Fräulein Maus fing an, seine Sommerhausaufgabe für den Biologieunterricht zu erledigen: ein Herbarium mit mindestens 50 Pflanzen anlegen. (Darunter so Dinge wie drei verschiedene Arten Rentierflechten und fünf verschiedene Moosarten, die auf Deutsch nicht mal einen Namen haben.) Das Schulkind von heute muss allerdings kein Zeitungspapier mehr durch den Wald schleppen, sondern legt ein Digiherbarium an. Sehr cool.

Der grosse Herr Maus konnte eine weitere Aufgabe – „Besuche einen Nationalpark!“ – in seinen Fernpfadfinderpass eintragen.

Und der kleine Herr Maus, der beschloss spontan, dass es Zeit zum Anbaden sei. (Bei 14°C im Schatten. Über die Wassertemperatur reden wir gar nicht erst.)

Was hatten wir alle den Wald vermisst…! Und den Sommer!


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Coronaklausur, Tag 35

Finnland hat 4014 bestätigte Coronafälle.

Der Ähämann war gestern Abend zum ersten Mal seit neun Tagen wieder Lebensmittel einkaufen. Er kam erst nach zehn wieder heim, danach verstaute er noch eine halbe Stunde die Einkäufe nach einem ausgeklügelten, mittlerweile ganz gut etablierten System. Wie ich mich freue auf die Zeit, wenn wir uns die ersten Tage nach einem Einkauf in unserer Küche endlich nicht mehr verhalten müssen wie damals im Labor beim Mikrobiologiegrundpraktikum…!

Wir gingen zu spät ins Bett. Zum Glück hatte das Fräulein Maus heute eine Stunde später Schule und auch wir Eltern konnten bis um acht schlafen!

Kurz nach neun fühlte ich mich wie im Grossraumbüro: vier Personen murmelten gleichzeitig in ihre digitalen Endgeräte.

Die beste Chefin rief mich erst mittags altmodisch auf dem Handy an. Bis dahin gab ich mein Bestes, den dieses Jahr ausfallenden Tag der offenen Tür in unserem Hort, den wir normalerweise Anfang Mai für die zukünftigen Erstklässler und ihre Eltern veranstalten, durch einen ansprechenden Flyer zu ersetzen. Und mir natürlich ein Wissenschaftsdienstagsexperiment aus den Fingern zu saugen. (Das Heureka hat da ein paar nette Sachen auf seiner Seite.)

Ansonsten brach heute der Sommer aus, und zumindest ein Teil der schulbildungspflichtigen Kinder zog zumindest für den analogen Teil des Schultags in den Garten um.

Auch Mittagessen gab es auf der Terrasse. Nach und nach entledigten wir uns eines Kleidungsstücks nach dem anderen. Früh waren die Autos auf dem Parkplatz vorm Haus noch bereift gewesen, nachmittags liefen wir barfuss durch den Garten.

Wir holten zum ersten Mal dieses Jahr die Sonnencreme raus, und wo ich vor ein paar Monaten noch gedacht hatte: vielleicht haben wir es ein bisschen übertrieben mit der Vorratshaltung, wo wir doch im Juni guten und preiswerten Nachschub kaufen können, bin ich jetzt froh, dass wir gleich mehrere Tuben im Schrank stehen haben. An Sonnencreme wird es uns nicht mangeln diesen Sommer. (An festem Shampoo, an Bierbrause, an Spee, Fit und vor allem an einem neuen Fahrrad für den grossen Herrn Maus dagegen schon.)

Um drei schnappte sich der grosse Herr Maus seine „1,2 oder 3“-Tasche und sprang zur Buswendeschleife. Seine Lehrerin brachte Schulmaterialien: Arbeitsblätter, grosses, dickes Papier für die nächsten Kunstarbeiten, bei Bedarf auch Bücher aus der Schulbibliothek und Hefte, Bleistifte oder Radiergummis. Dem kleinen Herrn Maus brachte sie auf unsere Bitte hin ein paar Hefte mit einer Speziallineatur mit, die es im Supermarkt nicht gibt. Und für jeden hatte sie eine persönliche Karte gebastelt.

Ich habe das dann jetzt jedenfalls endlich mal zum Anlass genommen, mich bei allen drei Klassenlehrerinnen ausführlich dafür zu bedanken, dass unsere Kinder in diesen Zeiten in Finnland zur Schule gehen Unterricht haben dürfen.


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Coronaklausur, Tag 34

Finnland hat 3868 bestätigte Coronafälle.

Montags stehen für mehrere unserer Kinder Sport, Musik und Kunst auf dem Stundenplan. Auch jetzt.

Die Herren Maus bekommen für Sport immer eine genaue Aufgabe: absolviere die und die Übungen, gehe eine Stunde lang spazieren oder eine halbe Stunde joggen, fahre mit dem Fahrrad bis zur Schule und zurück. Das Fräulein Maus darf sich aus verschiedenen Angeboten selbst 60 Minuten Training zusammenstellen. Vor der Stunde müssen sich alle per Videochat anmelden und nach der Stunde unbedingt wieder zurückmelden – sonst ruft die Sportlehrerin an, um sicherzustellen, dass das Kind nicht eventuell mit verstauchtem Knöchel im Wald liegt.

„Ich ermuntere meine Schüler immer, mir ruhig alle Fragen, die sie haben, zu stellen, statt ihre Eltern, die ja ihre eigene Arbeit schaffen müssen, damit zu behelligen“, las ich heute in einem Interview einer finnischen Lehrerin zum Fernunterricht. Womit zum Unterschied zwischen Fernunterricht und Homeschooling alles gesagt wäre.

Während die Kinder Unterricht hatten, erledigte ich einen Schreibauftrag für die Deutsche Gemeinde. Als der kleine Herr Maus fertig war mit Schule und das Fräulein Maus eine Freistunde hatte, erstellten wir gemeinsam das heutige Nachmittagsprogramm für die Hortkinder. Ich hoffe, sie haben dabei genauso viel Spass wie wir es hatten.

Für heute Nachmittag hatte sich der kleine Herr Maus eine Radtour zum Flughafen gewünscht. Wir fuhren die gleiche Runde wie vor zwei Jahren, aber an einem Montagnachmittag ist es natürlich nochmal was ganz Anderes. Fast hätte man vergessen können, dass Ausnahmezustand herrscht: in den durchquerten Industriegebieten steppte der Bär. Wir sahen zu, wie an einer Baustelle tiefe Löcher in Lehm gebohrt wurden, wie ein LKW-Fahrer auf dem Seitenstreifen der Autobahn ein Rad wechselte und wie an einem Steinbruch grosse Gesteinsbrocken zerkleinert wurden. Und zum Flughafen kamen wir gerade rechtzeitig, als eins der zwei Flugzeuge, die hier pro Tag noch abfliegen – ein Passagierflugzeug nach Mariehamn und ein Frachtflugzeug nach Liège – startete.

Ein bisschen Wehmut kam nur auf der Rückfahrt auf, als wir ganz nahe am Haus des vor zwei Jahren weggezogenen besten Freunds des kleinen Herrn Maus vorbeikamen und der kleine Herr Maus eben nicht einfach hinfahren und klingeln konnte.


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Coronaklausur, Tag 30

Finnland hat 3369 bestätigte Coronafälle.

Der Schultag begann mit einem Geschichtstest für den grossen Herrn Maus und einem Mathetest für den kleinen Herrn Maus. Das Fräulein Maus zeigte dem kleinen Herrn Maus, der das noch nie gemacht hatte, wie er seinen fertigen Test im Teams hochladen kann. Den grossen Herrn Maus interviewte ich nochmal dazu, wie denn die Ehrlichkeit der Prüflinge gewährleistet wird, und er berichtete, wenn man nicht weiterkäme, dürfe man auch das Buch zu Hilfe nehmen, aber wenn man gar nichts gelernt hätte, dann wisse man ja auch gar nicht, wo man nach passenden Informationen suchen müsse. Die Kinder werden am Ende dieser Zeit so viel gelernt haben! Weit über den Lehrplan hinaus.

Nachmittags fanden in zwei Kinderzimmern längere Facetime-Sesssions mit den jeweiligen besten Freund*innen statt. Es war sehr lustig, aus dem einen Zimmer Finnisch und aus dem anderen Deutsch zu hören. Die beiden telefonierenden Mädchen räumten gemeinsam ihre Zimmer auf, die beiden telefonierenden Jungs stellten unter Anderem fest, dass sie beide das gleiche Kunstprojekt in der Schule im Fernunterricht gemacht hatten.

Ich räumte derweil die Ostersachen weg.

Irgendwie stelle ich von Jahr zu Jahr mehr fest, dass mir Ostern nicht so… äh… liegt. Das mag hauptsächlich an den finnischen Rahmenbedingungen liegen – die umgekehrt vermutlich auch erklären, warum Weihnachten hier fast genauso schön ist wie da, wo ich herkomme. Dass den Kindern Weihnachten auch wichtiger ist als Ostern, merkten wir übrigens neulich, als eins der Kinder etwas über unser – auch aus dem Erzgebirge stammendes – Hasenpaar sagen wollte und von „Engel und Bergmann“ sprach.

Aber jetzt: sommerwärts!

Hinten: zukünftige Möhren, Radieschen und Salat.
Vorne: Stachelbeeren in Startlöchern.

Ansonsten bin ich inzwischen ein bisschen müde, Leuten immer wieder… äh… grundlegende Dinge über das Wesen der Coronapandemie zu erklären. (Nein, man braucht kein Biologiestudium, um die zu verstehen. Dachte ich zumindest bisher.) Vor allem werden wir ganz sicher nicht, was immer die finnische Boulevardpresse dazu zu sagen hat, in absehbarer Zeit einfach da weitermachen, wo wir Mitte März aufgehört haben. Ich bin da ganz bei meinem Lieblingsministerpräsidenten.


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Coronaklausur, Tag 29

Finnland hat 3237 bestätigte Coronafälle.

Ich begann meinen Morgen damit, 140 Liter Regenwasser geschmolzenen Schnee von der Regentonne hinterm Haus in die Regentonne vorm Haus zu tragen. Das dürfte ungefähr die Menge sein – der unumstösslichen Wasserpauschale sei Dank – die der Nachbar bei seinen mehrstündigen Waschsessions in fünf Minuten durch den Hochdruckreiniger jagt. Aber Resignieren ist keine Option. Als ich fertig war, war die hintere Regentonne fast wieder voll, so schnell schmolz der Schnee vom Dach, und 300 Liter Regengiesswasser sind halt trotzdem 300 gesparte Liter Trinkwasser.

Nach der ersten Pause erschien ein Zettel an einer Kinderzimmertür.

Das Fräulein Maus schrieb eine Klassenarbeit. Es war eine, bei der ausdrücklich Lehrbuch, Internet und Notizen benutzt werden durften, aber sie durfte sich von niemandem helfen lassen. Deshalb mussten alle ihre Kameras anhaben; Fragen an die Lehrerin konnten sie schriftlich im Chat stellen.

Der grosse Herr Maus machte auch heute ohne zu murren Unterricht. Dabei hätte er heute einen ganz besonders tollen Tag gehabt: seine Klasse wäre auf eine 24-stündige Kreuzfahrt gegangen. Aber ohne Karaoke, Tax-Free-Shopping und besoffene Mitreisende: die wunderbare Grace hätte sich für 24 Stunden in eine schwimmende Kinderuni verwandelt, mit Laboren, Hörsälen und Teststrecken. Und es hätte natürlich eine Luxus-Mensa gegeben und gestern Abend trotzdem, wie es sich für so eine Kreuzfahrt gehört, Disco mit Livemusik. Ach, ach. Es tröstet ein bisschen, dass es schon einen Nachholtermin im Oktober gibt. Wenn.

Die Isolation der Provinz Uusima wurde heute ein bisschen überraschend vier Tage vorfristig aufgehoben. Nun sind die Leute aufgerufen, trotzdem nicht im Land herumzureisen und auch nicht ins Mökki zu fahren. Und sowieso und überhaupt natürlich eigentlich ganz zu Hause zu bleiben.

Ansonsten ist der Frühling zurück. Der Ähämann und ich tranken Kaffee Tee neben der blühenden Forsythie, und danach widmete ich mich der frühestmöglichten Bekämpfung der unkrautartigen Glockenblumen, die zwar hübsch anzusehen sind, aber den ganzen Garten überwuchern würden, wenn man sie liesse. Morgen werde ich vielleicht ein paar Blumenkästen – die man zur Not bei Nachtfrost reinholen kann – mit Radieschen- und Salatsamen bestücken.

Nicht, dass mir in den vergangenen 29 Tagen auch nur ein einziges Mal langweilig geworden wäre. Aber es ist schön, dass für diese kleinen Dinge jetzt auf einmal viel mehr Zeit ist.


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Coronaklausur, Tag 28

Finnland hat 3161 bestätigte Coronafälle.

Die vier freien Tage haben gutgetan.

Nicht, dass wir heute früh alle fünf begeistert aus dem Bett gesprungen wären – das verhinderte schon allein die über Nacht erneut weiss gewordene Landschaft draussen – aber wir gingen alle wieder mit einer gewissen Motivation an die Arbeit und in die Schule.

Der kleine Herr Maus hat jetzt, nach ein paar Testläufen letzte Woche, auch regelmässig Videounterricht. Ich habe kurz in sein Zimmer gelunzt und einen herzerwärmenden Blick auf lauter aufgekratzte Drittklässler erhascht, für die es der Höhepunkt der vergangenen vier Wochen gewesen sein muss, sich endlich wieder zu sehen und miteinander reden zu können. Nebenher schicken sie sich im Klassenchat lauter kleine alberne Nachrichten, wie sie Drittklässler eben schreiben. Es erinnert mich ein bisschen an die Zettelchen, die wir früher von Bank zu Bank warfen, und die uns ähnlich glücklich machten und zusammengehörig fühlen liessen.

Auch das Fräulein Maus hängt an ihren Videounterricht oft noch einen Videochat mit ihrer besten Schulfreundin dran.

Ich habe das Gefühl, gerade dieser geregelte Unterricht und das regelmässige „Treffen“ der Klassenkameraden erleichtert den Kindern die Situation ungemein. Und sie können ihr immer noch Gutes abgewinnen: länger schlafen, nicht bei jedem Wetter zum Bus müssen, die Zeit für den Schulweg sparen, die Aufgaben ein bisschen schneller abarbeiten können als in der Schule.

Die Klasse des grossen Herrn Maus machte heute Pläne für die letzten zweieinhalb Schulwochen, sollten die Schulen doch ab 14. Mai wieder geöffnet werden. „Ihr seid alle so fleissig und nehmt den Fernunterricht so ernst“, sagte ihre Lehrerin, „dass wir in diesen letzten Tage sicher nicht in die Schule gehen werden. Wir werden Lesepicknick machen und Ausflüge und Eis essen und lauter solche schönen Sachen!“ ♥

***

Presseschau.

„Um neun gibt es den ersten Videochat.“ Der Tagesspiegel hat die finnische Botschaftsrätin in Berlin über den Unterricht in Finnland während der Schulschliessungen interviewt.


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Coronaklausur, Tag 23

Finnland hat 2605 bestätigte Coronafälle.

Die erste Etappe Ausnahmezustand ist geschafft.

Schule läuft, Arbeit läuft, so wenig wie möglich unter Menschen und nicht mehr als einmal in der Woche einkaufen gehen läuft auch. Wir haben noch keinen Lagerkoller und haben uns alle noch gegenseitig lieb.

Mit dem Puzzle geht’s auch voran.

Bisher haben wir es als Abenteuer genommen. (Und das werden wir auch weiterhin tun!) Aber manchmal tut es jetzt doch ein bisschen weh.

Heute wäre ich eher aus dem Hort gegangen, der Ähämann und die Kinder hätten mich abgeholt, dann wären wir nach Helsinki gefahren und hätten eine Fähre nach Tallinn bestiegen. Wir wollten über die Osterfeiertage nach Tartu, da waren wir noch nie. (Käse, Bier, Rhabarberlimo und Britakuchen sind auch alle. Und überhaupt.)

Auch unsere Sommerferienpläne sind, womit wir sowieso schon länger gerechnet hatten, hinfällig.

Wie immer wollten wir gleich nach der Zeugnisausgabe losfahren, um rechtzeitig zum Musiklager wieder dazusein. Dieses Jahr ist ja nicht nur das Fräulein Maus dort angemeldet, sondern auch der kleine Herr Maus. Ausserdem wollten diesmal die Grosseltern anreisen, um bei den vielen tollen Konzerten dabeizusein. Es steht noch völlig in den Sternen, ob das Musiklager überhaupt stattfinden kann – und auf jeden Fall wird es ohne Oma und Opa stattfinden, denn deren Flüge wurden diese Woche schon gecancelt.

Unsere Sommerreise wäre diesmal (zum Glück!) eher unspektakulär gewesen: wir wollten zwei Wochen in die Lieblingsheimatstadt fahren und anschliessend noch ein paar Tage in die Nähe von Dresden, den Kindern endlich mal die Frauenkirche und das Grüne Gewölbe und das Hygienemuseum zeigen, und natürlich ein paar Stiegen in der Sächsischen Schweiz beklettern. Die Grenzvorschriften in Finnland wurden gerade diese Woche so verschärft, dass uns vor Juni – gebucht hatten wir für den 30. Mai – keine Fähre nach Stockholm bringen würde; heute erhielt ich ausserdem eine Mail, dass unsere Fährüberfahrt von Trelleborg nach Rostock ersatzlos gestrichen ist. Und selbst wenn wir hinkämen – ich glaube nicht, dass wir in irgendein Freibad, ins Planetarium, mit dem Zug nach Halle in den Zoo, in die Lieblingsstudentenkneipe, die Dresdner Museen und was sonst noch alles schon auf unserem Plan gestanden hatte, könnten. Vielleicht können wir alles noch auf Ende der Sommerferien verschieben, aber vermutlich wird diese Reise dieses Jahr ganz ausfallen.

Wahrscheinlich können wir froh sein, wenn wir wenigstens unsere Herbstferien wieder in Estland verbringen können. Eigentlich wollten wir unsere ersten neun- statt viertägigen Herbstferien in diesem Jahr mit einer Zugreise nach Venedig feiern, aber wir wollen mal nicht übermütig werden. 2021 dann. Seufz.

Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten. Zum Beispiel erhielt ich heute morgen einen Bescheid von meiner Arbeitslosenkasse, mit dem ich frühestens in zwei, drei Wochen gerechnet hatte. Seit ich im Hort arbeite, aus auf der Hand liegenden Gründen nur 80%, bekomme ich von meiner Arbeitslosenkasse eine Art Ausgleichszahlung dafür, dass ich keinen Vollzeitjob habe. Diese 200 € im Monat sind für uns unheimlich wichtig – jahrelang gingen sie zum Beispiel direkt für das Training des Fräulein Maus drauf. Letzte Woche las ich, dass die Arbeitslosenkassen wegen der vielen Beurlaubungen zur Zeit nicht mehr hinterherkommen mit der Bearbeitung der Anträge und dass sich die Zahlungen bis zum Jahresende hin verzögern können. Offensichtlich ist es aber a) von Vorteil, bei einer eher kleinen und speziellen Arbeitslosenkasse zu sein, und b) so, dass ebendiese sofort reagiert hat und entweder zusätzliche Mitarbeiter angestellt hat oder ihre Mitarbeiter mehr arbeiten lässt – jedenfalls bekomme ich mein Geld diesen Monat schon am 14., obwohl es unter normalen Umständen nie vor dem 24. ausgezahlt wird, wenn ich es sofort beantrage, wenn ich meinen aktuellen Lohnzettel erhalten habe.

Apropos Beurlaubungen. Die liebste Freundin hat vorgestern schon geschrieben, wie das mit dem Schulessen in ihrer Stadt gerade abläuft. Das kostenlose Schulessen ist in Finnland eine Institution, und gerade jetzt, wo viele Familien finanziell schlechter gestellt sind als normalerweise, ist es besonders wichtig. Deswegen gibt es trotz Fernunterricht weiterhin Schulessen für alle Schüler, die das möchten, natürlich den Umständen angepasst: An manchen Orten bekommen die Schüler ihr Essen als aufwärmbares Take-away. In manchen Orten bekommen Schüler, deren Schulweg länger als 10 km ist, das Essen sogar nach Hause geliefert. Manche Gemeinden geben ihren Schülern Lebensmittelgutscheine, zahlen einen Essenszuschuss oder verteilen, wie bei der liebsten Freundin, Lebensmitteltaschen an die Schüler.

Ach so, fast hätte ich’s vergessen: die Fertigstellung von Olkiluoto 3 wird sich wegen Corona auch verzögern. Das fällt 11 Jahre nach geplanter Inbetriebnahme jetzt natürlich so richtig ins Gewicht!


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Coronaklausur, Tag 17

Finnland hat 1615 bestätigte Coronafälle.

Der grosse Herr Maus hatte heute früh als erstes wirklich einen Mathetest, online. Der Ähämann zog für seine tägliche 9-Uhr-Videokonferenz mit den Kollegen extra ins Wohnzimmer, damit der grosse Herr Maus sich besser konzentrieren kann. War aber halb so wild, denn nach einer halben Stunde war der grosse Herr Maus schon fertig mit dem für zwei Stunden (!) angesetzten Test. „Und wie wird das kontrolliert, dass du dir dabei nicht helfen lässt? Oder einen Taschenrechner benutzt oder sowas?“, fragte ich ihn. „Sie vertraut uns, hat unsere Lehrerin gesagt“.

Ich hatte heute meinen wöchentlichen Leider-muss-ich-doch-mal-unter-Leute-Tag.

Zuerst Arbeit. Den Hortkindern vorlesen neuen Vorlesestoff aufnehmen.

Dann den Einkauf für die nächsten mindestens sieben Tage erledigen. Lidl war eine gute Entscheidung. Der ist bei Finnen eher verpönt und war dementsprechend leer an Menschen und voll an Waren. Ausserdem gingen sich fast alle höflich aus dem Weg, Kinder und Partner blieben im Auto, und der Sicherheitsabstand wurde auch hinter der Kasse noch eingehalten. Das war letzte Woche im Prisma leider komplett anders.

Ja, es schneit.

Zu Hause war miese Stimmung. Die Herren Maus hatten akuten Lagerkoller. Der grosse Herr Maus wütete, weil wir ihm untersagten, seine Freunde rauszuholen und versicherte uns, er würde es ganz sicher keine sechs Wochen mehr nur mit seinen Geschwistern aushalten. Der kleine Herr Maus weigerte sich, fürs Training den Schlafanzug auszuziehen und schloss sich dann wütend im Bad ein, weil der Ähämann schon mal alles fürs Ferntraining vorbereitete und der kleine Herr Maus befüchtete, seine Mannschaftskameraden hätten ihn jetzt doch im Schlafanzug gesehen. Später nahm er doch noch teil – in Sportklamotten – und hatte hinterher ausreichend gute Laune, um sich an seine Deutschhausaufgabe, die er gestern verweigert hatte, zu setzen. Die gute Laune hielt allerdings nur fünf Minuten an, bis ihm das Schreiben – er übt jetzt Schreibschrift, die hier ja nicht mehr gelehrt wird, und fand die Deutschhausaufgaben eine gute Gelegenheit, sie anzuwenden – zu mühselig wurde, woraufhin Heft, Stift und seine gesamte Elefantenfamilie quer durch die Wohnung flogen.

Das Fräulein Maus räumt und putzt derweil zum Zeitvertreib, und langsam frage ich mich, ob wir uns Sorgen machen müssen, wenn sie, weil sich in ihrem Zimmer kein Staubkörnchen mehr findet, anfängt, die Leihharfe von zwanzig Jahre lang angesammeltem Staub in irgendwelchen unzugänglichen Ritzen zu befreien.

Es ist für alle schwer.


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Coronaklausur, Tag 15

Finnland hat 1446 bestätigte Coronafälle.

Der Morgen begann mit dem besten – finnlandweiten! – Aprilscherz ever.

In der von seiner Klassenlehrerin geschickten Übersicht mit den Tagesaufgaben für den kleinen Herrn Maus stand heute: „Ich werde euch heute reihum zu Hause aufsuchen und mit euch einen Mathetest machen. Thema ist schriftliches Subtrahieren. Der Test ist wichtig, denn die Testergebnisse werden in eure Zeugnisse eingehen. Guckt im SeeSaw, wann euer Test stattfinden wird.“ Und im SeeSaw stand dann: „Zeitplan für den Mathetest: April, April! Und jetzt ab an eure Aufgaben!“

Grosse, grosse Liebe für Schule in diesen Zeiten. ♥