Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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sataseitsemänkymmentäyksi

Manchmal muss man weit fahren.

Seit das Fräulein Maus die magische 120cm-Grenze überschritten hat und auf dem letzten Rummel alle verrückten Sachen Fahrgeschäfte für Grosse fahren durfte, hat sie gebettelt, dass sie mit Papa in einen Vergnügungspark darf, Achterbahn fahren.

Also fuhren wir gestern nach Helsinki. (Da gibt es noch eine ganz alte, riesige Holzachterbahn. Mit Bremsern, die hinten in den Wagen stehend mitfahren!) Der Vergnügungspark dort liegt mitten in einem eher ruhigen Wohngebiet mit kleinen Strassen – in denen während der Öffnungszeiten des Vergnügungsparks das reinste Chaos herrscht, weil alle dort parken wollen. Die 171, die hatte Glück. Die hat noch einen Platz ergattert.

Wir hatten auch Glück. Wir brauchten nämlich gar keinen Parkplatz.

Wir kamen mit der Bahn. Schon lange nämlich hatten die Kinder gebettelt, wann wir denn endlich mal wieder „Rutschzug“ fahren.

Und was soll ich sagen – so schnell war noch nie eine Autofahrt nach Helsinki um! Zwar ist das Fräulein Maus jetzt fast schon ein bisschen zu gross für die Rutsche – aber nur fast! – dafür haben wir diesmal die kleine Bibliothek, die es in jedem Spielwaggon gibt, ausgiebigst genutzt. Es gibt dort – gesponsert von einem grossen finnischen Kinderbuchverlag – jede Menge Bücher von Pappbilderbüchern bis zu Büchern zum Selberlesen für Schulkinder, die regelmässig ausgetauscht und durch Neuerscheinungen ersetzt werden.

Wir lasen von Pentti, der gern Gitarre spielen lernen will, von Siiri und den drei Ottos, das Fräulein Maus las dem kleinen Herrn Maus ein mal wirklich lustiges Pappbilderbuch vor, dann guckten wir uns noch kurz das ”Foto”album der Muminfamilie an, und dann waren wir auch schon da.

(Und ich musste nicht die obligatorischen Reise-Pixibücher, die mir alle achtunddrölfzig schon zu den Ohren rauskommen, vorlesen. Juhuu!)

Ich für mein Teil finde ja immer noch, dass sich der Rummel mehr lohnt als ein Vergnügungspark.

(Obwohl ja jetzt zum Glück im Hause F. alle grösser als ein Meter sind und es eine gute Idee war, getrennt durch den Vergnügungspark zu ziehen – der Ähämann mit der >120cm-Fraktion, ich mit der 100-120cm-Fraktion – was viel Frust erspart hat.)

Aber die Zugfahrt, die war wirklich toll!

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Wie mich ein einzelnes Buch wieder mit finnischer Literatur versöhnt hat

Ich würde gern öfter finnische Bücher lesen. Aber entweder habe ich kein gutes Händchen, wenn ich in der Bibliothek vor den langen Regalreihen stehe und mich für eins entscheiden soll, oder finnische Literatur ist wirklich so, wie sie mir nach dem Lesen der ungefähr zehn finnischen Bücher, die ich las, bevor ich es nicht mehr ertragen konnte, erschien: düster und melancholisch. Die Menschen in diesen Büchern litten an Depressionen, der Wirtschaftskrise, Ehescheidungen, nichtrückzahlbaren Wohnungskrediten, es ging um Kinder, die vernachlässigt und misshandelt werden, um Morde aus Eifersucht, um den Winterkrieg, um religiösen Fanatismus. Bevor ich selbst ganz deprimiert werden konnte, beschloss ich, ein für alle Mal die Finger von finnischen Büchern zu lassen.

YösyöttöDas heisst, dieses eine, hochgelobte, über den Vater, der plötzlich mit seinem erst ein paar Tage alten Säugling allein dasteht, für das wollte ich nochmal eine Ausnahme machen. Nur war das leider jahrelang immer ausgeliehen. Bis es mir vor kurzem wieder einfiel – und es tatsächlich im Bibliotheksregal stand. (Zwischen all den Schulden-, Krankheits- und Mordgeschichten.)

Nein, auch dieses Buch ist kein Friede-Freude-Eierkuchen-Buch. Aber es ist ein… grundpositives Buch. Eins, aus dem man, würde man es in ein Drehbuch umarbeiten, eine klaumaukische Komödie genauso machen könnte wie einen berührenden Vater-Sohn-Film. Ich musste beim Lesen abwechselnd schmunzeln, lauthals lachen, war gerührt und hatte Gänsehaut.

Ich habe beim Lesen oft gedacht: das Buch sollte man mal ins Deutsche übersetzen; anstelle der achthundertdreiundfünfzig finnischen Krimis und der sechsundneunzig Paasilinna-Romane, die ja doch alle immer wieder nur vom finnischen Mann und dem Bär handeln.

Und dann habe ich gedacht: würde das überhaupt funktionieren? Hat nicht einen Grossteil meines Lesevergnügens die Tatsache ausgemacht, dass ich mich in dem Buch wiedergefunden habe? Mich, mit den Mäusekindern im Mutterschutz, hier in Finnland. Können sich deutsche Eltern genauso kringelig lachen über die Gespräche zwischen Antti und Paavos Neuvolatante? Erkennen die sich auch wieder, wenn sich fünfzehn Mütter zur Krabbelgruppe treffen und alle ihre Kinder aus den genau gleichen Kinderwagenschlafsäcken und Schneeanzügen pellen, denen aus der Kela-Kiste nämlich? Wissen die, was Paavo verabreicht bekommt, wenn Antti ihm Jekovit und Rela-Tropfen gibt?

Nicht. Das ist es eben. Genauso, wie ich mich nie hundertprozentig einfühlen kann in Blogbeiträge, Diskussionen und deutsche Bücher zum gleichen Thema.

Ich wusste schon nach den ersten Seiten, dass ich dieses Buch nicht einfach so der Bibliothek zurückgeben kann. Dass ich das selbst haben muss. Zur Erinnerung. Daran, wie das war, damals, als die Mäusekinder in Finnland Babys waren.

Eve Hietamies „Yösyöttö“. Otava, 2010. Gebundene Ausgabe, 383 Seiten.


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„Der Schurke im Muminhaus“

“Eines Nachts zu Herbstbeginn war Vollmond. Im Tal war es still, und kein Windhauch kräuselte das Meer. Alle, die im Muminhaus wohnten oder dort übernachten wollten, fanden, es wäre Schlafenszeit, aber keiner machte das Licht aus. Sie spürten nämlich alle ganz deutlich, dass diese Nacht keine gewöhnliche Nacht war. Irgendetwas Geheimnisvolles lag in der Luft.
Um Mitternacht, von keinem bemerkt, schlich ein kleiner, schwarzer Schatten die Stufen zur Veranda hinauf und ins Haus hinein. Natürlich war es nichts Besonderes, dass Leute Tag und Nacht, wann immer sie Lust hatten, im Muuminhaus aus- und eingingen. Das Haus der Muminfamilie steht immer offen. Aber dieser Gast war kein gewöhnlicher Besucher…“

Neulich fiel uns in der Bibliothek eins der – wie ich finde – schönsten Muminbücher in die Hände.

Besonders an diesem Buch sind zwei Dinge:

Erstens ist es nicht mit Zeichnungen illustriert, sondern mit Fotos. Für die Geschichte bastelte Tove Janssons Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä ein detailgetreues Muminhaus, in dem die Szenen nachgestellt und von Tove Janssons Bruder Per Olov Jansson fotografiert wurden.

(Dieses Haus kann man sich im Mumintal in Tampere ansehen – eine Ausstellung übrigens, die den Mumins viel eher gerecht wird als die vergnügungsparkähnliche Muminwelt in Naantali.)

Zweitens erfährt man darin ganz unerhörte Dinge über den Muminvater und Stinky. Stinky, der vor allem in den Zeichentrickfilmen immer nur als unverbesserlicher und von allen gehasster Bösewicht dargestellt wird, stellt sich auf einmal als alter Freund des Muminvaters heraus!

Wer noch nie etwas von den Mumins gehört oder gelesen hat, dem wird ein wenig der Kopf schwirren von all den verschiedenen Figuren – dem Urahn, der Misa, dem Onkelschrompel, den Homsen, Mock und Meggie und all den anderen, die sich zu Herbstanfang im Muminhaus eingefunden haben. Da sollte man dann vielleicht nicht zu sehr darüber nachdenken. Es tut ja eigentlich auch überhaupt nichts zur Sache, wer wer ist.

„Der Schurke im Muminhaus“ ist ein wunderbares Buch für Kinder (auch für sehr kleine, wegen der vielen Bilder) und Erwachsene gleichermassen: voller Lebensweisheit, Spannung – und lustiger Wortschöpfungen. Und dass das Buch für einen österreichischen Verlag ins Deutsche übersetzt wurde, erkennt man daran, dass unter „der Abwasch“ der „Mistkübel“ steht. Aber genau so würden die Mumins, wenn sie denn Deutsch sprächen, vermutlich sprechen.

Tove Jansson, Per Olov Jansson „Der Schurke im Muminhaus“. Verlag St. Gabriel, Mödling-Wien, 1983. Gebundene Ausgabe, 30 Seiten.


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Tomppa

Das erste Mal trafen wir Tomppa in der Bibliothek. Ich habe ihn damals gleich ins Herz geschlossen.

Tomppa ist sieben oder acht oder neun Monate alt und räumt mit Vorliebe den Küchenschrank aus. Oder benagt Schuhe. Zum Mittagsschlaf wird Tomppa in Body und Strampler, Strickjacke und Wollhose, Fäustlinge, Mütze und Schneeanzug gestopft und brüllt dabei wie am Spiess. Erst als sein Kinderwagen durch den Park geschuckelt wird, beruhigt er sich und schläft ein. Und abends erst! Statt zu schlafen, trainiert er. Um 23 Uhr hat er es endlich geschafft: er zieht sich zum ersten Mal an seinem Gitterbettchen in den Stand. Wann schlafen Babys denn eigentlich? fragt sich sein entnervter Vater. Tomppa jedenfalls weiss das auch nicht. Der benagt inzwischen sein Bettchen mit dem neuen Zahn, den noch keiner bemerkt hat.

Tomppa ist ein klasse Baby. Nicht so ein braver, kleiner Babybruder, der höchstens mal schreit, wenn er Hunger hat. Und abends ins Bett gelegt wird und dann bis morgens durchschläft. Und beim Wickeln selig das Mobile über dem Wickeltisch anlächelt, während die grosse Schwester die Cremedose reicht.
Und Tomppa hat prima Eltern. Nicht solche ätzenden Bilderbucheltern, wie Karlchen sie hat, die immer für jedes Problem eine pädagogisch wertvolle Lösung haben. Oder die Mama von dieser braven Conni, die zu allem lacht. Also ich jedenfalls lache nicht andauernd. Ich schimpfe auch. (Oder rede mir den Mund fusslig.) Man stelle sich vor, Tomppas Mutter lässt ihn sogar kurz allein, um morgens zu duschen! (Und erschrickt dann fürchterlich, als sie wiederkommt und Tomppa verschwunden ist. Ha, Tomppa kann jetzt robben!)

Die Mäusekinder haben sich mit Tomppa auch gleich angefreundet. „Wie der kleine Herr Maus!“, jauchzen die Grossen. Und der kleine Herr Maus, der kämpft mit Tomppa immer um dessen Banane. Und räumt mit Tomppa um die Wette den Topfschrank leer. Und kitzelt Tomppa den Bauch.

Neuerdings können wir uns öfter mit Tomppa treffen. Der hat nämlich wie wir seine Vorliebe für Pixibücher entdeckt. (Die hier gleich mal doppelt so viel kosten wie in Deutschland, aber das tun grosse Bücher ja auch. Bei den Pixibuchpreisen ist das immerhin zu verschmerzen.) Wir sind schon gespannt, ob Tomppa im Trotzalter auch noch süss ist. Und wie es ihm im Kindergarten gefallen wird. Demnächst sind wir aber erstmal mit Tomppa im Zoo verabredet.

Ihr wollt Tomppa auch mal kennenlernen? Kein Problem, ausser: Tomppa spricht nur Finnisch.