Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Im Schlaf reisen

Neulich sah ich irgendwo ein Werbevideo, ich glaube, von der EU, für Nachtzüge und dafür, wie praktisch das Reisen im Schlaf ist und wieviel Zeit das spart.

Und da ging mir auf, dass das für uns überhaupt nichts Exotisches (mehr) ist, sondern, seit wir in Finnland wohnen, ein ziemlich normaler Urlaubsanfang. Wenn wir nach Europa fahren, beginnen wir die Reise auf einer Fähre nach Stockholm, über Nacht.

Den Nachtzug nach Rovaniemi, der auch Autos transportiert, haben wir gleich in unserem ersten Winter in Turku für uns entdeckt. Bis die Kinder in die Schule kamen, sind wir jedes Jahr damit in den Winterurlaub nach Lappland gefahren, mit den ganz kleinen Kindern noch in den alten Schlafwagen und später mit den grösseren Kindern in den wunderbaren neuen Schlafwagen.

In Turku lädt man sein mit Skiern und Gepäck beladenes Auto in den Zug, lässt sich im Schlaf knapp 1000 km nach Norden schaukeln, kommt ausgeruht in Rovaniemi an, holt sein Auto aus dem Autowaggon und fährt entspannt die letzten 100 km bis an seinen Urlaubsort. (Das einzig Unentspannte ist, dass man im Winter sehr genau planen muss, was man im Auto lässt, weil nach der Nacht im unbeheizten Autowaggon alles, wirklich alles tiefgefroren ist. Wir lösen das Dilemma üblicherweise mit einem Lebensmittelgrosseinkauf in Rovaniemi direkt nach Ankunft.) Und am Ende kann man seinen Urlaub bis zur letzten Minute geniessen und am Montagmorgen direkt vom Bahnhof aus auf Arbeit und in die Schule gehen.

Teuer ist es auch nicht. Wenn man nicht gerade zur allerbeliebtesten Ferienzeit fährt und lange im Voraus bucht, können – ich habe das gerade eben nochmal gecheckt – vier Personen (in zwei Kabinen) und ein Auto für gerade mal 157 € von Turku nach Rovaniemi reisen. Okay, das hat diesmal bei uns *hüstel* nicht so ganz geklappt, aber die nächste Reise können wir dann hoffentlich auch wieder länger als die coronabedingten gerade mal drei Monate im Voraus buchen.

Jedenfalls waren wir alle sehr vorfreudig, nach sechs (!) Jahren – wie haben wir das nur ausgehalten?! – endlich wieder einen „Schlafzug“ zu besteigen und nach Lappland – in den Winter! – zu reisen.

Zuerst durfte Balthasar einsteigen. Ich hatte beim Ticketbuchen gesagt, dass wir keine Dachbox auf dem Dach haben werden, sehr wohl aber Skier, aber da die Frau ja noch nicht mal wusste, dass die Kabinen im Ober- und Untergeschoss der Schlafwagen unterschiedlich ausgestattet sind, hätten wir uns auch gleich denken können, dass der Autoplatz, den sie uns – „Ja, das passt!“ – buchte, eher nicht der richtige wäre. Der Verladetyp jedenfalls guckte kritisch auf die Skier auf dem Dach und schickte Balthasar nach oben – „Wird sich schon noch ein niedrigeres Auto finden, das mit euch tauschen kann!“ – obwohl für ihn unten ein Platz reserviert war.

Weil zwischen Autoaufladung und Zugabfahrt noch anderthalb Stunden Zeit waren, beschlossen wir, Turkus teuerstem und misslungenstem Bauwerk einen Antrittsbesuch abzustatten und von oben ein bisschen den Rangierarbeiten – Schlafwagen aus dem Depot auf Gleis 7, Autowaggons von Gleis 1 auf Gleis 7, Rangierlok ab, Meerschweinchen dran – zuzugucken.

Als die Rangierlok Richtung Autowaggons rollte, klingelte mein Handy: ob wir bitte doch nochmal zurückkommen und unser Auto nach unten fahren könnten, es wäre doch kein niedrigeres Auto mehr gekommen, zur Not müssten wir eben die Skier abnehmen. Es passte aber zum Glück. Gerade so. Mit Skispitzen nach unten.

Für die verliebene Dreiviertelstunde bis zur Abfahrt verzichteten wir auf weitere Ausflüge und guckten den Rangierarbeiten vom Bahnsteig aus zu.

Es ging dann auch holprig weiter.

Der Schaffner eröffnete uns direkt nach dem Einsteigen, dass die Toiletten in unserem Waggon nicht funktionieren würden und auch bis zum Ende der Reise nicht repariert werden könnten.

Wir hatten ja zugunsten zweier verbindbarer Kabinen sowohl auf das Reisen im Obergeschoss als auch auf Kabinen mit eigener Dusche und Toilette verzichtet – Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das gegangen sein soll, die letzten beiden Male mit fünf Personen in einer Zwei-Bett-Kabine…! – und waren entsprechend wenig begeistert.

Andererseits, da ja eben die Kabinen im Obergeschoss eigene Toiletten haben und sich unten zwei Toiletten befinden, müssen sich maximal acht Leute eine Toilette teilen, und so musste man weder anstehen, noch waren die Klos schon nach einer Stunde total eingesaut.

Du weisst, dass du in Finnland bist, wenn sich ein Töpfchen neben der Erwachsenentoilette befindet.

Ausserdem hatten wir einen Besuch im Speisewagen geplant.

Die finnische Bahn hat nämlich ein eigenes Bier mit dem hübschen Namen „Schienen-Bier“ in einer noch hübscheren Dose. (Es wird übrigens in der nahegelegenen kleinen Limonadenfabrik Brauerei produziert). Der Ähämann wollte mir schon zum Abschluss unserer Herbstferienreise eins kaufen, aber ich wollte lieber auf die nächste Reise warten, denn wann wäre der geeignetere Zeitpunkt, es auszuprobieren, als abends vor dem Schlafengehen im Nachtzug?

Andererseits: sich angesichts der aktuellen Coronasituation in einen Speisewagen setzen?! Wir beschlossen, mit Maske auf mal vorsichtig gucken zu gehen, und waren sehr verblüfft, denn im Speisewagen befand sich ausser dem Kellner kein einziger Mensch. Wir mussten  als erstes unsere Coronapässe vorzeigen, um als zweites gesagt zu bekommen, wir dürften aber gar nicht im Speisewagen essen, sondern nur was zum Mitnehmen kaufen. Und nein, Bier dürfte er uns nicht verkaufen. Es brauchte auch nur drei Minuten und mehrere verwirrte Nachfragen, bis er endlich zur Erklärung das Wort „Restaurantbeschränkungen“ benutzte und ich mir vor den Kopf schlug: stimmt ja, ab 17 Uhr kein Alkoholverkauf mehr und ab 20 Uhr alle Restaurants geschlossen. (Ich komme mittlerweile auch nicht mehr hinterher mit den aktuellen Bestimmungen, und Restaurantbeschränkungen sind das, was mich von allen am wenigsten interessiert.)

Dann eben auch auf dieser Reise kein Bahnbier und stattdessen mitgebrachtes Abendbrot in der Kabine.

Und dann war es auch schon Zeit, sich bettfertig zu machen und in die Eulenbettwäsche zu kriechen.

Generell hat’s die finnische Bahn drauf mit der Lackierung ihrer Waggons, aber dann noch Bettwäsche, passend zur Lackierung der Schlafwagen…! Weil noch Weihnachtszeit war, waren ausserdem überall in der Kabine kleine Aufkleber mit Wichteln versteckt. Man muss sie einfach lieben, die finnische Bahn!

(Ausser für ihr Buchungssystem und ihren telefonischen Kundendienst und dafür, dass sie alle Fahrkarten- und Auskunftsschalter an fast allen ihren Bahnhöfen dichtgemacht haben.)

Als wir aufwachten, waren wir schon in Oulu. Unter normalen Umständen wären wir zum Frühstücken in den Speisewagen gegangen, aber so hatten wir heisses Wasser in der Thermosflasche und Kaffeepulver, Teebeutel und „Zeltkakao“ dabei.

Neuer Autowaggon trifft alten Autowaggon.

Dann holten wir Balthasar aus dem Autowaggon ab, und der zweitschönste Teil des Urlaubs konnte beginnen.

Auf der Rückfahrt funktionierten die Toiletten, dafür war offensichtlich sämtliche Eulenbettwäsche in der Wäsche. Ausserdem hatten wir eine Kabine direkt über den Rädern, speziell über einem Rad mit einer kleinen Unwucht (oder was auch immer), das bei jeder Umdrehung klackerte und die Geschwindigkeit des Zuges anzeigte, und, ich sag‘ mal so, ich habe auch schon besser geschlafen im Zug.

Gute-Nacht-Geschichte wird auch im Zug vorgelesen.

Immerhin wissen wir jetzt, welche Kabinennummer wir das nächste Mal buchen müssen.

(Und wie wir auf die dritte Kabine, weil mittlerweile jedes Kind offiziell ein Bett oder einen Sitzplatz braucht, es aber von Turku nach Rovaniemi laut telefonischem Kundendienst keine Sitzplätze gibt, verzichten können, weiss ich jetzt auch: es gibt natürlich keine durchgehenden Sitzplätze, weil der Zug in Tampere komplett auseinandergenommen und mit einem Zug aus Helsinki zusammengeführt wird, aber man kann durchaus ein Ticket von Turku nach Tampere und ein zweites von Tampere nach Rovaniemi kaufen. Mit vier Betten kommen wir schliesslich auch (noch) auf jeder Fähre hin.)

Es wird nämlich auf jeden Fall ein nächstes Mal geben. Und zwar nicht erst in sechs Jahren.


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neljäsataakaksikymmentäkuusi

Seit heute sind endlich 5/5 geimpft!

Am 22.12. wurde in Finnland beschlossen, die Impfung für alle Fünf- bis Elfjährigen freizugeben – bisher wurden nur Risikogruppen geimpft – und in Turku ging es direkt am Montag los mit den Kinderimpfungen. Nicht im Impfzentrum, sondern in der Studentenpoliklinik, wo diese und nächste Woche ausschliesslich Kinder geimpft werden.

Man bekam dann auch nicht nur zwei Wartestühle pro Impfling zugewiesen, sondern jedes Kind wurde einzeln während der – gewohnt kurzen – Wartezeit befragt: „Bist du aufgeregt?“ und bei Bedarf beruhigt: „Das ist wirklich nur ein ganz kleiner Pieks, da musst du gar keine Angst haben! Und du hast doch auch schon jede Menge andere Impfungen bekommen!“

Weil es letzte Woche einen Zwischenfall im Impfzentrum gegeben hatte – jemand hatte eine Impfschwester bedroht, damit sie ihm die Impfung in die digitale Patientenakte einträgt, ohne ihn oder sie zu impfen; sowas gibt es hier also leider auch – war dann heute auch ein Wachmann anwesend, ausserdem durfte man seine Jacken nicht mit in die Impfzimmer nehmen, sondern musste sie draussen an die Garderobe hängen.

Fünf- bis Elfjährige brauchen theoretisch die Unterschriften beider Sorgeberechtigter auf der Einverständniserklärung; praktisch hatte der kleine Herr Maus die Spritze schon im Arm, ehe ich überhaupt das Papier aus der Handtasche gekramt hatte.

Dann setzten wir uns brav fünfzehn Minuten in den Hinterher-Warteraum, wo wiederum jedes Kind einzeln befragt wurde: „Fühlst du dich gut?“, „Wie war die Impfung?“, „War doch nicht schlimm, oder?“.

Dann fuhren der kleine Herr Maus und ich mit dem Bus wieder heim.

***

Zur Feier des Quarantäneendes fuhren wir später noch kurz – der kleine Herr Maus fühlte sich fit bis auf einen ein bisschen schmerzenden Arm – in die Eisbadesauna. Auf dem Rückweg holten wir noch zwei späte Weihnachtspakete von der Post aus dem Supermarkt ab. Und als wir dann heimfuhren, stand an der letzten Ampel eine 426 vor uns.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318, 319, 320, 321-322, 323, 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331-332, 333, 334, 335, 336-337, 338, 339, 340, 341, 342, 343-344, 345, 346, 347, 348, 349, 350, 351, 352, 353-355, 356, 357, 358, 359, 360, 361, 362, 363, 364, 365, 366-367, 368, 369, 370, 371, 372, 373, 374-375, 376, 377-378, 379, 380-381, 382, 383, 384, 385, 386-387, 388-389, 390, 391-393, 394, 395, 396-397, 398-399, 400, 401, 402-403, 404, 405, 406-408, 409, 410-411, 412, 413, 414, 415, 416, 417, 418, 419, 420, 421, 422, 423-424, 425]


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Einen Tag vor Weihnachten

Die Ergebnisse vom PCR-Test gestern Abend sind da: der Ähämann ist wie erwartet positiv, das Fräulein Maus und überraschenderweise sogar ich – denn ich habe mir die ganze Nacht von Montag auf Dienstag noch ins Gesicht husten lassen – negativ. Die Herren Maus sind weiterhin symptomfrei. Dem Ähämann, der sowieso nur ein bisschen Fieber, Husten und Halsschmerzen hatte, geht’s heute auch schon wieder besser. Alles in allem tun die Impfungen offensichtlich, was sie sollen.

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Andererseits ist diese Konstellation jetzt für die nächsten Tage ein bisschen schwieriger als wenn wir uns alle angesteckt hätten, denn sie heisst, dass wir weiterhin zu Hause FFP2-Masken tragen, getrennt schlafen, andauernd lüften und die Belüftungsanlage, mit der glücklicherweise jede finnische Wohnung ausgestattet ist, weiterhin Tag und Nacht volle Pulle laufen lassen werden müssen. Die Kinder sind zum Glück sehr einsichtig, auch wenn die Aussicht auf Geschenkeauspacken mit Maske sie nicht gerade vor Freude hüpfen lässt.

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Fünf weitere Gäste der Doktorfeier haben sich ebenfalls infiziert. Alle Anwesenden waren geimpft oder genesen. Eine der Infizierten – und das ist jetzt besonders interessant , weil hier ja immer behauptet wird, Restaurantbesuche seien total sicher vor 17 Uhr solange nicht getanzt oder Karaoke gesungen und noch niemand betrunken ist – ist übrigens direkt nach dem Essen nach Hause gegangen, noch bevor die eigentliche Party angefangen hatte.

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Wir wissen übrigens noch nicht, ob es Omikron ist. Steht weder in der digitalen Patientenakte noch in der SMS. Der Ähämann wartet auf den Anruf vom Gesundheitsamt.

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2G+ mit Schnelltests kann übrigens auch nicht die Lösung sein: des Ähämanns erster Schnelltest war noch negativ, als er schon seit mehreren Stunden hustete.

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Offiziell sind dann jetzt ja nur noch der Ähämann und der kleine Herr Maus in Quarantäne. Wir werden das nicht überstrapazieren, da uns klar ist, dass so ein Test auch nur eine Momentaufnahme ist, dass wir uns immer noch jederzeit beim Ähämann anstecken können. Aber ich werde ohne schlechtes Gewissen Take-away aus dem Restaurant oder Pakete von der Post abholen oder zielgerichtet in einen Laden springen, wenn es nötig ist.

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Quarantäne wird hier übrigens nicht überprüft und ihr Ende auch nicht von einem Testergebnis abhängig gemacht. Quarantäne dauert 10 Tage ab Symptombeginn, Punkt. In der Hauptstadtregion ist inzwischen die Obergrenze der Testkapazität erreicht, weswegen jetzt die Leute im ganzen Land aufgefordert werden, nach einem positiven Schnelltest gar nicht erst zu einem PCR-Test zu gehen, sondern einfach 7 bis 10 Tage zu Hause zu bleiben, bis die Symptome abgeklungen sind. (Vernünftige Sache, wenn sich alle dran halten. Und wo bekommt man dann seine Bescheinigung für den Coronapass und für die Beantragung des Quarantänegelds her?!)

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Wir haben heute auch die Herren Maus testen lassen. Der grosse Herr Maus hat vorgestern ein- oder zweimal geniest, der kleine Herr Maus klagte vorgestern über diffuse Halsschmerzen. Damit hatten sie sich für einen PCR-Test im Krankenhausparkhaus qualifiziert; der erste freie Termin war aber erst heute Mittag. (Wie sehr wir finnisiert sind, sieht man daran, dass wir gar nicht auf die Idee kamen, gleich am Anfang zu sagen, wir alle fünf hätten Symptome, um PCR-Tests für die ganze Familie zu bekommen.) „Wer will anfangen?“, fragte der Tester. „Du bist der kleine Herr Maus?“, lehnte er sich, nachdem er das Teststäbchen aus dem Container geholt hatte, mit seinem Weltraumhelm ins Autofenster wie zu einem netten Plausch. „Ich bin Antti. Ihr wisst, dass das nicht die angenehmste Sache der Welt ist, aber auch nicht schlimm? Ach, ihr habt das schon ganz oft gemacht? Na dann seid ihr ja schon richtige Profis. Dann fangen wir mal an…“ Man fährt jetzt übrigens vom ältesten Krankenhausteil aus ins Parkhaus rein, aber beim neuesten wieder raus. Sehr spannend.

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Gestern haben wir den Drive-in vom Supermarkt ausprobiert. Die 6 € Servicegebühr lohnen sich für Grosseinkäufe, besonders auch an solchen Tagen wie jetzt, an denen die Läden sowieso gerammelt voll sind, auch ohne Quarantäneauflagen. Wenn sie es jetzt noch hinkriegen würden, die Einkäufe in Pfandkisten statt in Plastetüten oder Wegwerfkartons zu packen, würden wir das garantiert regelmässig machen.

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Als ich vorhin den Weihnachtsbaumständer und die Kiste mit dem Weihnachtsbaumschmuck aus unserem Käfig holen war, traf ich eine Nachbarin, die mich darauf aufmerksam machte, dass gerade neue Zeiten für Dritt- und Kinderimpfungen buchbar seien. Ich bedankte mich, klemmte die zwei Kisten unter den Arm und raste – „Ich glaube, ich habe was ganz Dringendes zu tun!“ – ohne weiteren Smalltalk zurück in die Wohnung. Wenn wir uns jetzt nicht noch anstecken, dann kriegt der kleine Herr Maus nächste Woche seine erste und ich in drei Wochen meine dritte Impfung. Jippiii!


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Drei Tage vor Weihnachten

Wir fangen dann unsere Weihnachtsferien mal einen Tag vorfristig an.

Eigentlich wollten der Ähämann und ich uns heute früh – seit dieser Woche dürfen sich in Finnland auch Unter-60-Jährige, die keiner Risikogruppe angehören, zum dritten Mal impfen lassen, wenn seit der zweiten Impfung vier bis sechs Monate vergangen sind – an einer Pop-up-Impfstelle im Nachbarstadtteil – da, wo man mit dem Rad durch den Wald hinfahren kann – anstellen.

Aber aus Gründen – anderen als den -12 Grad draussen – blieb der Ähämann heute früh im Bett liegen, weil eine Impfung sowieso nicht möglich gewesen wäre, und, wie sich drei Stunden später, als er ausgeschlafen hatte, herausstellte, nun offensichtlich auch fürs Erste nicht mehr nötig ist.

(Vermutlich von der Doktorfeier am Freitag mitgebracht, trotz 2G für alle. Und ich habe mich noch so für ihn gefreut, dass er nach 1 ¾ Jahren Homeoffice und unendlicher eigenverantwortlicher Vorsicht endlich mal wieder ausgehen konnte…!)

Ich beorderte per Wilma-Nachricht die Kinder aus der Schule zurück nach Hause, schrieb Nachrichten an alle Leute, mit denen wir in den letzten Tagen zu tun hatten – ausgerechnet letztes Wochenende hatten wir Besuch, hat die beste Freundin des Fräulein Maus bei uns übernachtet, haben der kleine Herr Maus und das Fräulein Maus zum Adventskaffee in der Deutschen Gemeinde vorgespielt und hat das Fräulein Maus eine kleine Weihnachtsfeier mit fünf Freundinnen veranstaltet; soviel Sozialleben haben wir sonst in einem halben Jahr nicht! – telefonierte schnell mit der besten Chefin und radelte dann zum Hort, um ihr mit Maske und am ausgestreckten Arm das Horthandy, das ich üblicherweise abends mit nach Hause nehme, durch die geöffnete Tür zu reichen. Der Ähämann rief derweil das Turkuer Coronatelefon an, von wo er immerhin schon – angesichts der derzeitigen hiesigen Coronasituation ist das ein völlig unironisches schon – fünf Stunden später zurückgerufen wurde.

In Quarantäne für die nächsten zehn Tage sind dann jetzt offiziell nur der Ähämann, weil er mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv ist, und der kleine Herr Maus, weil er nicht geimpft ist. Ausserdem bis zum PCR-Testergebnis das Fräulein Maus und ich, weil wir zwar geimpft sind, aber (leichte) Symptome haben: das Fräulein Maus ein bisschen Halsschmerzen, und ich, ich habe eigentlich gar keine Symptome, kann aber auch nicht behaupten, völlig symptomfrei zu sein, denn ich fühle mich ein bisschen matschig.

Sollte sich beim PCR-Test morgen Abend – das war der erste freie Termin, den die Frau vom Coronatelefon anbieten konnte – herausstellen, dass es sich um Omikron handelt, muss auch der grosse Herr Maus in Quarantäne. (Ist aber auch egal, weil der grosse Herr Maus morgen selbstverständlich auch zu Hause bleiben wird.) Zum PCR-Test wiederum dürfen nur der Ähämann, das Fräulein Maus und ich, weil Symptomlose nicht getestet werden. Dabei wäre es schön zu wissen, wen in der Familie man noch versuchen sollte, vor einer Ansteckung zu schützen. Oder ob man sich das Zu-Hause-Maske-Tragen und Lüften und Jeder-in-einem-anderen-Zimmer-hocken sparen könnte.

Immerhin hat das überhaupt keine Auswirkungen auf unsere Weihnachtspläne – ausser auf den, Heiligabend um vier in einem leeren Supermarkt unseren Weihnachtseinkauf zu erledigen – weil wir sowieso hier und nur mit uns gefeiert hätten und in Turku inzwischen ohnehin für Heiligabend alles wieder abgesagt ist.
Immerhin ist das alles gerade noch rechtzeitig passiert, dass wir noch knapp vor unserer geplanten Lapplandreise wieder gesund sein und unsere Quarantäne hinter uns gebracht haben sollten.
Immerhin hat der Ähämann nur ein bisschen Husten – der Ähämann hat sonst nie Husten! – leichte Kopfschmerzen und letzte Nacht ein bisschen Fieber.

Immerhin scheint die Impfung zu tun, was sie soll.


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Breaking News

Nach neuesten Modellierungen des finnischen staatlichen Forschungsinstituts VTT könnte regelmässiges Lüften eine wirkungsvolle Massnahme zur Verhinderung einer Ansteckung mit Covid-19 darstellen, denn die Viren sind nicht nur in Tröpfchen enthalten, die schnell auf den Boden sinken, sondern auch in kleinsten Partikeln, die lange in der Luft schweben. Tatsächlich könnte es deshalb sein, dass die Einhaltung des Sicherheitsabstands von anderthalb Metern gar nichts nützt, da sich ein Raum sehr schnell mit diesen Partikeln füllen kann, die nur durch starke Belüftungsanlagen oder Stosslüften entfernt werden können.

(Kein Aprilscherz!)

Ich frage mich gerade, ob finnische Virolog*innen, also echte Wissenschaftler*innen, die nicht im Auftrag der Politik forschen, die von Berufs wegen regelmässig die aktuelle internationale Fachpresse lesen, sich gerade genauso verarscht vorkommen wie schon ich als Laie.

(Aber wir glauben ja auch, mit einer Testpflicht für alle Einreisenden ab nächster (!) Woche Omikron noch aufhalten zu können. Trotz der Stand heute 34 bestätigten Fälle im Land. In ungefähr einem Jahr wird es dazu sicher eine eigene finnische Studie geben, warum das nicht funktioniert hat.)


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Wie Glas

Der Ähämann betreibt gerade eine Eislicht-Grossproduktion.

Und manchmal, so wie vorletzte Nacht, entsteht etwas ganz besonders Hübsches dabei.

Von Iittala gibt es übrigens tatsächlich eine von Eis inspirierte Glasserie: Ultima Thule, ein echter Klassiker finnischen Designs. Die ist allerdings schmelzendem Eis nachempfunden. Das wird uns leider nächste Woche auch drohen.


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Und sonst so?

Seit zwei Wochen (!) haben wir in Turku – der letzte ist ja auch schon zwei Jahre her – Grossküchenstreik. Der Ähämann kocht seit zwei Wochen riesige Berge an Essen, die wir morgens in drei Thermosbehälter füllen, weil es kein Schulessen gibt. (Die Schulen bieten ein Notessen an, das aus in Plastik verpackten Sandwiches, in Plastik verpacktem Salat, Pillimehu und einzeln in Plastik verpackten Keksen besteht, dazu gibt es Pappteller und Plastikgabeln. Passenderweise gehört auch das Putzpersonal zum Grossküchenunternehmen, und es kann sich folglich nur noch um ein, zwei Tage handeln, bis sämtliche Schulen der Stadt unter einem Plastikberg versunken sind.) Die Kinder wünschen sich, dass der Streik nie aufhört.

Seit einer Woche haben wir sowas wie Winter. Es ist kalt, um die -10°C, und es ist, anders als normalerweise in Turku, keine Änderung in Sicht. Leider machen die Schneewolken einen grossen Bogen um Südwestfinnland. Das bisschen Weiss, das auf dem Boden liegt, sind Raureif und gefrorene Luftfeuchtigkeit, die glitzernd vom Himmel fällt. Um die Stimmung zu heben, machen die Wetterfritzenmattis immer mal ein Schneesymbol in die Wettervorhersage, aber wenn man sich das dann genauer anguckt, steht da immer, dass die Niederschlagswahrscheinlichkeit kleiner als 10% sein wird und die Niederschlagsmenge 0,1 mm, und als jemand, der grundsätzlich in der Lage ist, Zahlen zu deuten, kommt man sich dann schon auch ein bisschen verarscht vor. Immerhin gibt es Eis. Am Wochenende konnten wir das erste Mal von Eisbaden sprechen, denn in Ufernähe hatten sich die ersten Eisschollen gebildet, und die Herren Maus brauchten die ganz dringend gewünschten und noch auf dem Weg besorgten Neoprenhandschuhe weniger zum Schwimmen als zum Eisschollen-aus-dem-Meer-angeln.

(Wir fuhren trotz der -7°C mit dem Fahrrad hin, und ich war zum ersten Mal in diesem Herbst dabei weder zu dick noch zu dünn angezogen und auch noch wohlig warm, als wir wieder zu Hause ankamen.)

Der Fluss, auf dem vorgestern noch nur winzige Flecken von Eishäutchen Richtung Meer trieben, hat seit gestern eine geschlossene Eisdecke. Leider ist weit und breit kein Wasserauto in Sicht, das die Turkuer Sportplätze vereisen würde, obwohl jetzt der vermutlich passendste Zeitpunkt dafür wäre. Sportplätze vereisen ist aber erst ab Ende der Weihnachtsferien vorgesehen, wenn es dann in Turku vermutlich wieder tauen wird. Diese Unflexibilät hat mich schon im Kindergarten – „Nächsten Donnerstag gehen wir auf den Rodelberg!“ Warum nicht morgen?! – unsäglich genervt. Wir sind hier in Turku! Nicht in Lappland oder Sibirien, wo man sich drauf verlassen kann, dass der Winter noch fünf Monate anhält! Hier muss man die Gelegenheiten beim Schopfe packen, solange sie sich bieten. Tja. Vielleicht können wir am Wochenende ja schon auf dem See schlittschuhlaufen. Falls wir irgendwo Eisahlen für die Kinder erstehen können. Eisahlen kommen nämlich auch erst im Januar in die Läden.


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neljäsataakaksikymmentäkaksi

Manchmal gehe ich, wenn ich Hortkinder abholen gehe, auf dem Weg noch schnell irgendwelche Besorgungen machen. Das Beste daran ist, dass ich dann zwar den einen oder anderen kleinen Umweg laufen muss, aber nicht fünfmal in der Woche, manchmal zweimal am Tag, den gleichen Weg. (Obwohl, der Weg ändert sich ja auch ganz ohne mein Zutun andauernd…)

Oft nehme ich dann den kürzesten Weg über den Schulhof der schwedischsprachigen Schule. Und dort stand, zumindest als ich monatelang vergeblich nach der 420 Ausschau hielt, jeden Tag eine 422. Als ich dann endlich die 420 und kurz darauf die 421 gesehen hatte , war sie nicht mehr da, die 422. So ein Mist!, dachte ich. Bis letzte Woche. Da war sie wieder da.

Vielleicht war sie in Quarantäne. Kommt ja jetzt öfter mal vor.

Apropos. Vielleicht wird das mit dem Coronapass hier doch noch was. Letzten Mittwoch, als der Ähämann und ich schon wieder, wie die Kinder nicht müde wurden zu betonen, ins Kino gingen, mussten wir ganz unerwartet unsere Coronapässe vorzeigen. (Zum Glück sind die Finnen ein ehrliches Volk und es scheint bisher wirklich keine Notwendigkeit zu geben, zum QR-Code auch einen Ausweis vorzeigen zu müssen. Ich hatte nämlich nur mein Handy, meine Buskarte und meine Bankkarte dabei.) Und gestern Abend zum ersten Mal auch in einem Café. Und anders als am Helsinkier Hafen haben jetzt auch alle Lese-Apps.

Der war übrigens auch sehr schön, der finnische Film auf Somalisch.

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Kürzester Weg

Als ich neulich mit der zentralen Zahnarztterminvergabestelle der Stadt Turku telefonierte, um einen Kontrolltermin für den kleinen Herrn Maus zu vereinbaren, sagte die Frau am Telefon: „In eurem Nachbarstadtteil wäre ein Termin frei. Kommt ihr da hin?“

Meine freudige Antwort „Ich weiss zwar nicht genau, wo das da ist, denn da waren wir noch nie, aber hinkommen tun wir prima, das sind zehn Minuten von uns mit dem Rad durch den Wald!“ verwirrte sie offensichtlich ein wenig, denn sie erklärte nicht nur, dass sich der Zahnarzt in der dortigen Schule befände, sondern auch, dass man da hin auch recht gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln käme.

In der Zeit, die wir von zu Hause bis zum Zahnarzt mit dem Rad brauchten, wären wir noch nicht mal bis zur Haltestelle der ersten von zwei benötigten Buslinien gelaufen gewesen.


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 10: Tallinn-Turku

Letzter Ferienmorgen.

Die Sonne lachte auch wieder, und nichts und niemand machte uns den Abschied leicht. Seufz.

Der Weg zum Hafen führte uns nicht nochmal durch die Altstadt, wohl aber an einem Laden vorbei, in dem wir schnell noch einen Miniproviant für die Zugfahrt von Helsinki nach Turku kauften: Quarkriegel, Nurr-Schokolade, Milchreis. Oh, und den schon in Valga besorgten und inzwischen schon wieder dezimierten kleinen Vorrat an Rhabarberlimonade konnten wir auch nochmal aufstocken! „Nimm noch eine!“, sagte der kleine Herr Maus, „Ich kriege die schon fort. Ja, auch zwei. Nein, pack mir ruhig vier Stück in den Rucksack. Ja, wirklich! Ich schaffe das!“

Beladen wankten wir Richtung Hafen.

Noch vor dem Terminal bekam ich – man mag es meinem Gesichtsausdruck ansehen – angesichts der Massen an rollkoffer- und bierwägelchenziehenden Herbstferienrückreisenden die Krise. Ich mag ja im Allgemeinen meine selbstgewählten Landsleute sehr, aber bei den Kreuzfahrern hört es echt auf.

In weiser Vorraussicht hatten wir auch für die Rückfahrt Buffet gebucht, so hatten wir nicht nur einen bequemen Sitzplatz, gutes Essen und beste Aussicht, sondern auch unsere Ruhe. Im Buffetrestaurant sitzen üblicherweise nur die Leute die Fahrzeit ab, die nicht noch schnell billigen Alkohol shoppen oder eine Runde Karaoke singen müssen.

Wehmütig schauten wir auf das sich entfernende Tallinn. Tschüss Baltikum! Das waren sicher die besten Herbstferien, die wir jemals hatten!

In Helsinki am Hafen gibt es für die Zu-Fuss-Passagiere neuerdings ein sogenanntes Ampelsystem: zweitausend Leute müssen sich in die richtige Schlange einreihen. Grün ist für die Passagiere, die eine Kreuzfahrt ohne Landgang gemacht haben – Corona ist ja immer noch nur ein Problem des Auslands –  gelb für die, die nachweisen können, dass sie voll geimpft oder genesen sind, und rot ist für alle anderen. Wir reihten uns also brav in die gelbe Schlange ein, vier Handys mit den entsprechenden QR-Codes gezückt.

Nun ist es hier ja so, dass es schon viele Jahre eine digitale Patientenakte gibt, in die man sich einloggen kann, um seine Laborergebnisse, Arztberichte und Rezepte einzusehen, Rezepte verlängern zu lassen oder zu prüfen, welche Impfungen wann aufgefrischt werden müssten. Dort findet sich neuerdings auch der EU-Coronapass. Als PDF. Das kann man sich herunterladen, ausdrucken und bei seinen Pässen liegen haben (wie wir) oder wahlweise auch die QR-Codes ausschneiden und in sein Reisetagebuch kleben (wie wir) – aber was man nicht kann, ist, den QR-Code zeitgemäss und leicht vorzeig- und prüfbar in irgendeine finnische App laden. (Man könne ja einen Screenshot machen und den bei Bedarf vorzeigen.) Wir verwenden deshalb die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut. Das war weder in Lettland noch in Litauen noch auf dem Rückweg in Estland, wo inzwischen die Coronaregeln auch verschärft worden waren, ein Problem: unser finnischer Code in der deutschen App war wunderbar mit den lettischen / litauischen / estnischen Coronapass-Lese-Apps lesbar.  Aber dann standen wir da in Helsinki am Hafen in der gelben Schlange, und die Frau, die die Coronapässe kontrollieren sollte, guckte hilflos auf meinen QR-Code und fragte dann, ob ich mal ein bisschen runterscrollen könne. Die sollte Coronapässe kontrollieren und hatte keine Lese-App…!

Ich blätterte der Frau – wegen der grünen Schlange sowieso schon auf Krawall gebürstet – unseren Stapel ausgedruckter Impfzertifikate samt unserer Reisepässe auf den Schreibtisch, durch den sie sich dann die nächsten drei Minute suchte, nicht ohne uns ausführlich zu loben, wie toll wir die Dokumente zusammengestellt hätten, und uns einen schönen Urlaub – nichts liegt natürlich näher bei fünf untereinander deutsch sprechenden Personen mit finnischen Pässen und finnischen Impfzertifikaten, die ausserdem wenngleich nicht fehlerfrei, so doch fliessend auf Finnisch kommunizieren – zu wünschen. Danke, ihr mich auch.

Während unserer Herbstferienwoche hat Finnland übrigens auch schnell den Coronapass durchs Parlament gejagt. Wir hatten allerdings zu viel erwartet, als wir dachten, wir könnten uns jetzt in Restaurants und Cafés und auf Veranstaltungen ähnlich sicher fühlen wie während unserer Reise: in Finnland gilt der Coronapass nur als Ersatz für Einschränkungen. Wenn irgendwo aufgrund der Coronalage die Bars nur bis 23 Uhr geöffnet haben, dann darf man eine Bar bis 23 Uhr ohne Coronapass besuchen, muss ihn aber vorzeigen, wenn man erst nach 23 Uhr kommt oder länger als bis 23 Uhr bleiben will.

Es ist ein Wunder, dass mir die Augen vom vielen Rollen noch nicht rausgefallen sind.

Jedenfalls liess man uns wieder ins Land, und nach einer Viertelstunde mit der Strassenbahn, einer Stunde Wartezeit am Helsinkier Bahnhof, zwei Stunden mit dem Zug und sechs weiteren Kapiteln „Herr der Diebe“ waren wir wieder in Turku. Wir verliessen den Zug etwas überstürzt, weil uns erst kurz vor Ankunft aufging – wir sind wirklich schon sehr lange nicht mehr Zug gefahren – dass Turku auf der Strecke ja zwei Bahnhöfe hat  und wir vom ersten aus viel schneller an der Bushaltestelle wären und sicher auch noch einen Bus eher schaffen würden. Kurz nach acht waren wir wieder zu Hause.

„Ich bin traurig, dass der Urlaub schon vorbei ist“, sagte der kleine Herr Maus eine Stunde später beim Zubettgehen.

Das waren wir alle.

***

Epilog.

Montagmorgen. „Mama, mein Rucksack ist so leicht!“ „Hast du was vergessen?“ „Weiss nicht.“ „Hast du dein iPad?“ „Ja.“ „Hast du geguckt, dass du wirklich alle Bücher dabei hast?“ „Ja.“ „Dann weiss ich auch nicht.“ „Weisst du was, Mama? Der fühlt sich so leicht an, weil ich mich jetzt an den schweren Rucksack gewöhnt hatte!“

Šiauliai!

***
Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga
Tag 9: Riga-Tallinn