Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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kolmesataakuusikymmentäkyhdeksän

Als Ende März der Brief aus der Lieblingszahnklinik kam mit der Mitteilung, der Termin fürs nächste Zahnspangenrichten des grossen Herrn Maus sei von Mitte April auf den 2. Juni verlegt, hatte ich ja noch die – zugegebenermassen schon damals recht unrealistische – Hoffnung, dass ich da nochmal anrufen und mit der Begründung „Da sind wir in Deutschland“ um eine Terminverlegung bitten müsste.

Tja. Der grosse Herr Maus und ich standen heute zeitig auf und radelten hin.

Als wir ankamen, mussten wir erstmal probieren, wie diese neuen Handdesinfektionsspender funktionieren: man pumpt mit dem Fuss. Allüberall allerdings gibt’s jetzt nur noch vergällten Alkohol als Desinfektionsmittel, und dessen Geruch verursacht mir schon seit jeher Übelkeit. Ich fühle mich auch jedes Mal direkt zurückversetzt auf meine Inseln, wo wir die Mausefallen immer in Alkohol spülten, bevor wir sie umsetzten, um eventuelle Krankheiten oder Parasiten nicht von einer Insel auf die andere zu verschleppen. Was muss, das muss, ekliger Geruch hin oder her.

Als wir Richtung Wartezimmergang liefen, kam uns die Dentalhygienistin mit den Haaren auf den Zähnen entgegen und vertrat uns den Weg, sagte aber nichts. Irgendwann fiel dann mein Blick auf die Tür.

„Ach so“, sagte ich, und daraufhin begann sie dann auch endlich zu erklären. Wir warteten also direkt im Eingangsbereich. Das heisst, wir hatten uns eigentlich noch gar nicht gesetzt, als der grosse Herr Maus schon geholt wurde. (Man muss hierzulande ja nicht warten, und ausserdem waren wir unterwegs noch fünf Minuten bei der Rettung einer Entenfamilie behilflich gewesen.)

Ich hätte wahrscheinlich mit reingedurft – Kinder müssen hier nirgends allein hin, sogar als dem grossen Herrn Maus die Mandeln rausgenommen wurden, durfte ich mit bis in den Operationssaal und bei ihm bleiben, bis er eingeschlafen war – aber da der grosse Herr Maus ja schon gross und ihm alles vertraut ist, einigten wir uns ohne grosse Erklärungen auf alleine reingehen, ich gab der abholenden Zahnarzthelferin noch Terminwünsche für den nächsten Behandlungstermin mit und begab mich dann umgehend wieder ins Freie. Zehn Minuten später war der grosse Herr Maus wieder da und berichtete, die Zahnärztin hätte ihn mit Visier empfangen, und als erstes hätte er mit einer Desinfektionslösung gurgeln und gleichzeitig sagen müssen, wonach sie schmeckt. Ich vermute, wenn er gesagt hätte, nach nichts, wäre alles umgehend abgebrochen und er vermutlich zum Coronatest zwei Strassen weiter eskortiert worden.

Am Krankenhaus trennten sich der grosse Herr Maus und ich. Er fuhr zurück nach Hause und guckte nochmal, wie es um die Entenküken stand – „Ein Polizeiauto fuhr gerade weg. Und die Küken waren auch nicht mehr da.“ – und ich fuhr weiter auf Arbeit. Das war so auch nicht gedacht, dass ich diese Woche noch arbeite, aber wenn ich nun schon mal da bin, kann ich mich auch erst eine Woche später beurlauben lassen und noch beim Rückumzug in die alten Horträume mithelfen.

Besonders auf dem Rückweg freue ich mich jetzt immer, dass mein Arbeitsweg jetzt wieder nur noch halb so lang ist. Bis dahin, wo ich jetzt von Arbeit losfahre, bin ich bisher schon eine Viertelstunde unterwegs gewesen. Und heute stand da auch gleich noch so ein alter, eckiger Volvo am Anfang des Radwegs. Es war die 369. Wird doch langsam wieder.

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Sommerferien!

Finnland hat 6826 bestätigte Coronafälle.

Grosse Ferien fangen in Finnland immer samstags an.

Die Herren Maus weckten wir heute um acht. Sie warfen sich in Schale, sprangen auf ihre Fahrräder und holten sich vor „Unterrichts“beginn auf dem Schulhof ihre Zeugnisse ab. Zwanzig Minuten später waren sie wieder da.

Ich hatte inzwischen den Frühstückstisch gedeckt und drei Päckchen auf drei Teller gelegt. Bei uns gibt es normalerweise keine Zeugnisgeschenke. Aber besondere Umstände Schuljahre erfordern besondere Massnahmen.

Dann weckten wir das Fräulein Maus. Punkt neun schickte ihr Rektor über Wilma den Link zum Livestream der Schuljahresabschlussfeier. Und so ging auch das Schuljahr 2019/2020 nicht ohne Suvivirsi zu Ende.

Wie toll, wenn das Kind auf eine Schule mit Musikzweig geht!
(Die Chorleiterin ist des Fräulein Maus‘ Klassenlehrerin.)

Dann packten wir Badesachen und Picknickkorb und fuhren zum gewünschten Zeugnispicknick an den Lieblingsstrand.

Die Luft war sommerkleidwarm und das Wasser karibikblau. (Nur ein bisschen kühler.)

Das Beste derzeit aber ist der knallblaue, kondensstreifenfreie Himmel. (Gestern ein Frachtflugzeug von Krasnojarsk nach Paris gesehen. Heute eins von Madrid in eine chinesische Küstenstadt, deren Namen ich schon wieder vergessen habe.)

Wir blieben so lange, bis die ersten beiden der drei Schwedenfähren vorbeizogen. Aber noch bevor die „Grace“ auftauchte, brachen wir auf. Die hätte ich heute Abend tatsächlich nicht sehen wollen.


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Sommerferien minus 3

Oder: kolmesataakuusikymmentäkahdeksan

Finnland hat 6692 bestätigte Coronafälle.

Weil für unseren Geschmack unsere Vorstellung von Abstandsregeln der Schulhof der Grundschule heute viel zu voll war, als die ersten Hortkinder aus der Schule kamen, zogen wir um auf den Hof der gegenüberliegenden Oberschule, wo wir bis vor kurzem unseren Hortraum hatten.

Wenn die Schule wegen des Schimmelproblems jetzt endlich abgerissen würde, wäre das kein Verlust. Im Gegenteil. Es ist so ungefähr die hässlichste und heruntergekommenste Schule der Stadt.

Aber sie hat ganz sicher den allerschönsten Schulhof.

Es dauerte keine halbe Minute, bis sich alle auf Felsen verteilt hatten und die ersten Kinder Äste schleppten.

Wir holten auch die Kiste mit dem Vesper dorthin, und dann kam endlich doch so ein bisschen Kurz-vor-den-Sommerferien-Gefühl auf.

(Auf dem Heimweg überholte mich die 368.)

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Sommerferien minus 4

Finnland hat 6628 bestätigte Coronafälle.

Der grosse Herr Maus radelte heute Nachmittag um zwei zur Schule, um seiner Lehrerin – das hatten sie schon letzte Woche ausgemacht – seine Lehrbücher, die Bücher aus der Schulbibliothek und sein Schul-iPad, das die Sommerferien in der Schule verbringen wird, zu übergeben.

Der kleine Herr Maus schrieb sich mit seiner Lehrerin mehrere Wilma-Nachrichten hin und her, um abzusprechen, wann und wohin er seine Lehrbücher zurückbringen soll und wie er sein Zeugnis haben möchte: am Samstagfrüh in der Schule abholen oder per Post nach Hause geschickt bekommen.

Die Lehrerin des Fräulein Maus sagte bescheid, dass ihr Zeugnis mit der Post käme. Ihre Lehrbücher und ihren Schullaptop buckele ich morgen auf dem Weg zur Arbeit in ihre Schule.

Wir sind alle ferienreif. Sehr. So gut das alles mit Fernunterricht und Homeoffice funktioniert hat, so anstrengend war es auch. Auch wenn es sich eher gemütlich anfühlte. Aber mir persönlich hat zum Beispiel auch die ganze Ungewissheit und das Hinundher sehr viel Kraft geraubt.

Trotzdem fühlt es sich komisch an, dass in vier Tagen die Sommerferien anfangen sollen. Einfach so. Ohne feierliche Zeugnisausgabe mit Eltern. Ohne gleich am ersten Sommerferienabend in den Urlaub aufzubrechen. Fast habe ich sogar den vierwöchigen Feiermarathon vermisst.


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Sommerferien minus 8

Finnland hat 6537 bestätigte Coronafälle.

Die Männer der Familie hatten heute – vielleicht ganz im Sinne des deutschen „Männertages“ – Brückentag. Die Frauen der Familie nicht.

Trotzdem sagte das Fräulein Maus gleich nach dem Aufstehen – sie war genau wie ich kurz vor neun ohne Wecker aufgewacht: „Ich fühle mich irgendwie schon wie Sommerferien!“, und ich stimmte ihr zu. Ich zog ein Sommerkleid an – noch mit Strickjäckchen drüber und Leggins drunter, aber: ein Sommerkleid! – und radelte am Fluss entlang zur Arbeit.

Dort standen Leute mit Mütze, Handschuhen und dicken Jacken auf dem Schulhof. Den Finnen kann man es aber auch wirklich nicht recht machen!

Als ich zum ersten Mal „Zwei Meter!“ hinter zwei Kindern herrief, riefen sie zurück: „Ein Meter!“ Nein, liebe Kinder. Nur weil die Schulen angsichts der vollen Klassenstärken in kleinen Klassenzimmern nicht in der Lage sind, zwei Meter Sicherheitsabstand zu gewährleisten, heisst das noch lange nicht, dass ein Meter auf einmal völlig ausreichend ist. (Mal davon abgesehen, dass wir, wenn wir zwei Meter fordern, am Ende ungefähr einen Meter Abstand zwischen den Kindern sehen. Man kann das dann selbst runterrechnen.)

Mehrere Lehrer*innen hörte ich heute „Nur noch fünf Tage!“ und „Zum Glück ist erstmal Wochenende!“ seufzen. Ich kann sie bestens verstehen. Wir haben es mit unserer kleinen, braven und einsichtigen Draussenhortgruppe wirklich leicht.

Die urlaubenden Männer der Familie machten derweil einen Ausflug zu einem nahegelegenen Berg Felsen, der am Anfang von 75% unserer Radtouren liegt und uns auch schon mehrfach empfohlen wurde, aber, obwohl ein offizieller Weg hinführt, nicht ausgeschildert ist. Sie fanden ihn heute jedenfalls, und ich war nur deshalb ein bisschen weniger neidisch, weil mich mindestens der kleine Herr Maus bestimmt demnächst nochmal hinführt.

Ich finde es übrigens immer noch sehr spärlich grün. Die Birkenblätter werden einfach nicht grösser, viele Bäume haben noch überhaupt keine Blätter, und zwischen den neuen Grasspitzen guckt noch sehr viel graues, vertrocknetes Gras hervor. Es könnte dann wirklich langsam bitte mal dauerhaft warm werden!


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Sommerferien minus 15

Finnland hat 6228 bestätigte Coronafälle.

Die Eisheiligen haben uns fest im Griff. Als ich früh das Rollo hochzog, fielen dicke, weisse Flocken vom Himmel. Der Garten war schon mit einer dünnen weissen Decke überzogen. Später kam die Sonne raus, aber wesentlich wärmer wurde es nicht.

Mein Arbeitsoutfit besteht derzeit also wieder aus Winterschuhen, Thermoleggins, Wollkniestrümpfen, Anorak, Mütze und Handschuhen. Und Handdesinfektionsflasche natürlich.

Mit nur zehn Kindern im Hort ging das alles prima. Und die Zeit vergeht irgendwie viel schneller, seit wir nur draussen sind und uns der Rhythmus von reinkommen und rausgehen fehlt. Ausserdem fehlte das Freitagsgefühl. Ich habe acht von zehn Kindern mit „Bis morgen!“ statt „Schönes Wochenende!“ verabschiedet, als ich ihnen die letzte Portion Käsidesi des Tages auf die Handflächen pumpte.

Das Fräulein Maus hatte vormittags den letzten Mathetest des Schuljahres. Er fand für alle elektronisch statt; für die, die in der Schule waren, genauso wie für die, die bis zu den Sommerferien nicht mehr in die Schule zurückkehren werden.

Am Ende des Tages gab es übrigens die aktuellen Zahlen, wieviele Kinder tatsächlich nicht zum Präsenzunterricht erschienen sind: je nach Stadt und Region zwischen 5 und 25%. Das ist, vor allem angesichts des Drucks, der vorher gemacht wurde, doch recht viel. (In die Turkuer Kindergärten zum Beispiel kehrten sogar nur 55% der Kindergartenkinder zurück, obwohl es auch da seit Donnerstag keine Empfehlung mehr gibt, sein Kind zu Hause zu lassen.)

Ich bin immer noch der Meinung, man hätte das alles gestaffelter ablaufen lassen können, statt alle Kinder von 0 bis 16 auf einmal zurück in Kindergarten und Schule zu schicken. Aber gerechter und für alle sinnvoller als das deutsche „dritte Klassen montags und mittwochs 8 bis 10, sechste Klassen dienstags 12 bis 15 und achte Klassen jede zweite Woche von 10 bis 14“ finde ich es mittlerweile schon. Allerdings hätte man hier auch einfach bei Fernunterricht bleiben können, so prima wie der lief. (Was inzwischen auch durch Umfrageergebnisse unter Viert- bis Zwölftklässlern untermauert und nicht mehr nur meine subjektive Wahrnehmung ist.) Egal. Wir sind die nächsten drei Monate raus.

Abends hatte der kleine Herr Maus zum ersten Mal seit neun Wochen wieder sowas wie normales Training. Nur einfaches Fitnesstraining im Freien, aber immerhin gemeinsam: in Kleingruppen von neun Kindern und einer Trainerin. Die städtischen Schwimmhallen sind noch mindestens bis Juni geschlossen, aber des kleinen Herrn Maus‘ Schwimmverein hat jetzt Zeiten in Turkus kleinster Schwimmhalle reserviert, da wird er jetzt einmal in der Woche für eine Stunde mit seiner Kleingruppe endlich wieder schwimmen können.

Der abendliche Blick in die Nachrichten ist erfreulich: Finnland scheint erneut seine Coronastrategie geändert zu haben; selbst die Gesundheitsbehörde, die vor zwei Wochen noch der Meinung war, der Epidemieverlauf in Finnland sei bisher zu langsam gewesen, hält es jetzt doch für machbar, die Infektionszahlen auf nahezu Null zu drücken. Mal sehen, wie es zu Sommerferienbeginn nach zwei Wochen Schule aussieht.


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Sommerferien minus 16

Finnland hat 6154 bestätigte Coronafälle.

Der Wecker klingelte heute eine halbe Stunde eher als in den letzten acht Wochen. Der grosse Herr Maus musste um acht in der Schule sein. Fröhlich radelte er von dannen.

Das Fräulein Maus stand auf wie immer, hatte dann aber nicht viel zu tun, weil die Hausaufgaben für den Tag immer erst nach der jeweiligen Unterrichtsstunde ins Wilma kommen. Ausserdem hatte sie die ersten zwei Stunden Handarbeiten, und ihr Handarbeitsprojekt für dieses Halbjahr ist abgeschlossen. Sie fand es gewöhnungsbedürftig, dass sie um acht nicht vorm Laptop sitzen musste. Stattdessen war schon vormittags Zeit zum Harfeüben. Auch nicht schlecht.

Der kleine Herr Maus wachte aussergewöhnlich zeitig auf und fing sofort nach dem Frühstück an mit Arbeiten. Seine Lehrerin schickt weiterhin Tagespläne wie in den letzten acht Wochen. Der Unterschied ist, dass der kleine Herr Maus jetzt nach seinem eigenen Zeitplan arbeiten darf. Wie erwartet war er nach einer Stunde fertig: zu einem Zeitpunkt – weil er heute eine halbe Stunde früher angefangen hatte als sonst – zu dem die anderen, wie er vermutete, gerade erstmal bis zur Belehrung über die Schul-Coronaregeln vorgedrungen waren und noch gar nicht mit Unterricht angefangen hatte. Dann spielte er ein bisschen Klavier und entwarf und baute die nächsten anderthalb Stunden etwas Tatu-und-Patu-Mässiges aus Lego Duplo.

Dann musste ich auf Arbeit. Am Flussufer sassen die Leute in der Sonne, aber brav an verschiedenen Enden der Bänke. Am Kaffeefahrrad hatte sich eine kleine Schlange mit grossen Lücken gebildet. Zwei ältere Frauen unterhielten sich mit Stoffmaske vorm Mund.

Im Hort lief alles nach Plan. Das mag aber hauptsächlich daran gelegen haben, dass wir gerade mal dreizehn Kinder hatten. (Was ich so von der Schule gesehen habe, fand ich weniger überzeugend. In Zweierreihe, dem Vordermann jeweils fast in die Ferse tretend, wand sich zum Beispiel eine Klasse aus dem Speisesaal durchs enge Treppenhaus zu ihrem Klassenzimmer. Hm.) Die beste Chefin hatte sich lauter Spiele ausgedacht, die man mit Abstand spielen kann. Ich rannte den Kindern mit der Handdesinfektionsflasche hinterher. Der Zivi putzte den ganzen Nachmittag Bälle, Springseile und Reifen, bevor sie den Benutzer wechselten. Wir verbrachten keine Minute drin, sondern assen sogar draussen. Die Kinder sassen mit ihrer Pirogge und ihrem Pillimehu wie die Hühner auf der Stange – aber mit viel grösseren, gleichmässigen Abständen – auf dem Mäuerchen in der Mitte des Schulhofs. Und alle gingen viel früher als sonst nach Hause.

Noch bevor ich heimkam, waren die Medien voll von Berichten über tausende glückliche Schüler*innen, die endlich wieder in die Schule durften. Ich war gespannt, was der grosse Herr Maus zu berichten haben würde.

Nun. Als ich heimkam, teilte mir der grosse Herr Maus als erstes mit, er fühle sich krank – und er sah auch wirklich ganz schlecht aus; er war offensichtlich völlig unter Stress und in Panik – und er gehe morgen nicht wieder in die Schule, weil ausser ihm keiner auf Abstandsregeln achte, da könne er soviel er wolle versuchen, den anderen aus dem Weg zu gehen. Ach, Kind.

Der Tag endete mit dem Stellen eines dritten Antrags auf Freistellung von der Schule bis zu den Sommerferien. Er wurde umgehend genehmigt.


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Coronaklausur, Tag 57

Finnland hat 6054 bestätigte Coronafälle.

Nachdem der Rest der Familie mit Arbeit und Schule begonnen hatte, machte ich den dringend nötigen wöchentlichen Ausflug in die Höhle des Löwen den Supermarkt.

Um die Zeit – wir experimentieren ja immer noch mit verschiedenen Läden und unterschiedlichen Zeiten – war es allerdings regelrecht angenehm: auf dem Lidl-Parkplatz standen genau drei Autos und drei Fahrräder, als ich ankam, und der eine oder andere Kunde trug sogar Maske.

Es gibt ja in Finnland noch immer keine Maskenpflicht, weil man den Nutzen von Masken erstmal untersuchen möchte. Mit Ergebnissen – den finnischen; andere gibt’s ja offensichtlich nicht schon ausreichend – wird Ende Juni gerechnet. (Finnair hat derweil eigenmächtig eine Maskenpflicht auf finnischen Flughäfen und an Bord ihrer Flugzeuge eingeführt.)

Ansonsten hat es den ganzen Tag geregnet, und so fühlte ich mich auch. Ich machte nicht nur ein sehr spätes Mittagsschläfchen, sondern ging auch direkt nach den Kindern ins Bett. Vermutlich war es aber gar nicht das Wetter, das mich so müde gemacht hat, sondern das viele Nachdenken und Planen für den Schulstart morgen. Seufz.


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Coronaklausur, Tag 56

Finnland hat 6003 bestätigte Coronafälle.

Obwohl der grosse Herr Maus dasjenige unserer Kinder ist, das unbedingt wieder in die Schule will, hat er sich doch gefreut, als die erstmal für vier Wochen gedachten Schulschliessungen schon recht bald bis zum 13. Mai verlängert wurden. „Dann muss ich an meinem Geburtstag noch nicht in die Schule!“, jubelte er.

Schon der zweite Geburtstag, an dem wir alle gemeinsam aufstehen, dem Geburtstagskind ein Lied singen, beim Geschenkeauspacken zugucken und gemeinsam frühstücken konnten, ohne dass einer schon mal los musste in die Schule. Sehr schön.

Der grosse Herr Maus jubelte über alle seine Geschenke – die kleinen, die grossen, die, die gar nichts gekostet hatten, und die teureren – gleichermassen. Das Fräulein Maus hatte ihm ein Rätselbuch gebastelt und der kleine Herr Maus ganz allein einen Dinosaurier aus Holz ausgesägt und bemalt. Die Patentante schickte ein Geschenk, das nicht besser sowohl zu ihr als auch zum Beschenkten passen könnte. ♥

(Ich selbst musste auch gleich noch vorm Frühstück ein paar Seiten darin lesen.)

Fast ein Geburtstagsgeschenk war auch die Wilma-Nachricht seiner Klassenlehrerin an den grossen Herrn Maus und uns Eltern, in der sie ihn jetzt am Ende der acht Wochen Fernunterricht ausführlich dafür gelobt hat, dass er sich immer aktiv an den Unterrichtsstunden per Videochat beteiligt hat, dass er keine Stunde verpasst hat, dass er immer pünktlich seine Aufgaben eingereicht hat, wie selbstständig er in der Zeit geworden ist. „Du, ich und wir alle haben viel gelernt in dieser Zeit – falls wir nochmal so eine Situation haben werden, dann sind wir gut darauf vorbereitet. Danke für deine Flexibiliät und deinen Fleiss, ich bin stolz auf dich!“ Jedem einzelnen ihrer 18 Schüler*innen hat sie so eine ganz persönliche Nachricht geschickt! Ich war sehr gerührt, und der grosse Herr Maus leuchtete von innen.

Dann auf Arbeit geradelt – dank Pankratius mit Sonnenbrille, Sonnencreme, Mütze, Handschuhen und Anorak – und gemeinsam mit der besten Chefin weitere Feinplanungen vorgenommen. Viele Emails von Eltern beantwortet und mich gefreut über ein Lob für unser „professionelles Engagement“. Da wir alle ja nichts weiter an die Hand bekommen haben als diese grandiosen offiziellen Hygieneregeln, ist in den letzten beiden Wochen recht deutlich geworden, dass es Rektoren, Lehrer, Kindergarten- und Hortbetreuer*innen gibt, die sehr durchdachte und detaillierte Pläne haben, und andere, die… eher keine Pläne haben. Es wird… spannend ab Donnerstag.

Hinterher fuhr ich auf dem Markt vorbei, um ein Bund dringend benötigte Zwiebeln zu besorgen, ohne dafür in den Supermarkt zu müssen – leider vergebens, und das liegt eher nicht an Corona. Grmpf.

Als ich heimkam, waren die Herren Maus mit einem der Geburtstagsgeschenke des grossen Herrn Maus draussen unterwegs. Das Fräulein Maus hatte sich mit ihrer besten Freundin zum gemeinsamen Joggen verabredet. Sie rannte durch unseren Wald, die beste Freundin an einem mittelfinnischen See entlang.

Abends letzte Klavier- und Klarinettenstunde für den kleinen Herrn Maus. Das Schuljahr ist wirklich fast um.


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Coronaklausur, Tag 55

Finnland hat 5984 bestätigte Coronafälle.

Als ich heute früh das Rollo hochzog, rieselte zwischen den übers Wochenende zart ergrünten Bäumen so weisses Zeug vom Himmel. Ach, hallo, Mamertus, du?! Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen, dass du den weiten Weg bis nach Finnland auf dich nimmst!

Als nach dem Frühstück alle in die Schule und ins Büro vor ihre digitalen Endgeräte gezogen waren, um die neue Schul- und Arbeitswoche zu beginnen, klappte auch ich meinen Laptop auf und machte zuallererst nicht nur die Nachrichtenseite, sondern auch Wilma auf, um mich über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. Aus Wilma waren die orangen Balken – „Antrag in Bearbeitung“ – verschwunden, und siehe da, letztendlich war es ganz einfach: zwei Anträge auf Freistellung mit der Begründung „Wir halten es für ein zu grosses gesundheitliches Risiko, unser Kind wegen der letzten elf Schultage zurück in die Schule zu schicken“ von zwei verschiedenen Rektoren heute früh kommentarlos durchgewinkt. Na bitte!

Dasjenige unserer Kinder, das unbedingt in die Schule möchte, erhielt von seiner Klassenlehrerin heute schon mal eine lange Wilmanachricht mit genauen Hinweisen zum Schulablauf ab Donnerstag: wo und wann sich die Klasse früh treffen und später jede ihrer Pausen verbringen wird („Am zur Strasse hin gelegenen Ende des Kunstrasenplatzes, an der Ecke zum Kindergarten“), dass auch die, die mit dem Fahrrad kommen, mit ihren Rädern da hinkommen sollen und man dann gemeinsam auf dem Weg in die Klasse die Räder wegbringen wird, dass in der eigenen Klasse Mittag gegessen werden wird und dass man früh reichlich essen soll, weil die Mittagessenszeiten jetzt weiter auseinandergezogen sind und für seine Klasse jetzt eine Stunde später stattfinden wird als bisher, und dass alle Unterrichtsfächer mit der Klassenlehrerin stattfinden werden, auch die, in denen sie bisher eine andere Lehrerin hatten. Hört sich alles halbwegs vernünftig an, und wenn es sich das Kind nicht doch noch anders überlegt, dann soll es halt in Gottes Namen hingehen.

Danach bereitete ich schon mal das Tagesprogramm für die letzten drei Tage Fernhort vor, denn vermutlich werden die auch anderweitig recht voll sein. Am Mittwoch gibt es auf jeden Fall nochmal kindgerechte Videos zu Ansteckungswegen über Oberflächen und mit Spucketröpfchen, damit alle vorbereitet sind. Ganz wohl ist mir nämlich nicht bei dem Gedanken an diese grosse Kindergruppe.

Das Fräulein Maus und der kleine Herr Maus setzten nach der Schule ihren gestrigen Sauna-Frühjahrsputz im Bad fort. Man braucht jetzt eine Sonnenbrille, wenn man das Bad betritt.

Ansonsten: Geburtstagsvorbereitungen. Und ein Ausflug mit dem Ähämann zum Hafen, wo der Fahrkartenschalter derzeit jeden Tag anderthalb Stunden früh und anderthalb Stunden abends, jeweils rund um Ankunft und Abfahrt der „Amorella“ und der „Grace“, geöffnet hat, unsere Überfahrt nach Stockholm und zurück auf unbestimmte Zeit verschieben. Als wir wieder rauskamen aus dem Terminal, schob sich gerade die „Grace“ im Abendsonnenschein rückwärts in den Hafen. Ach, ach. Keiner stand an Deck und guckte. (Sie nimmt nur Fracht mit zur Zeit.) Und wir werden auch nicht in drei Wochen mit ihr mitfahren, am Badehäuschen vorbei durch den Wald. Ach, seufz.