Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Weichen, gestellte

Manchmal muss man aus einem sowieso schon sehr späten Alltagsabendbrot eine kleine Feier machen.

Weil der Brief aus der Wunschschule da ist.
(Morgen hätte es auch im Wilma gestanden.)

Nun ist das hier mit der Schule ja so, dass sowieso alle bis zur 9. Klasse gemeinsam in die Schule gehen. Grundschule geht offiziell bis zum Ende der 6. Klasse, und weil die meisten Stadtteilschulen eher klein sind, ist der Wechsel in die Oberstufe meist auch mit einem Schulwechsel verbunden. Man kann dann einfach wieder in die nächstgelegene Schule mit Oberstufe gehen – oder sich für eine Spezialklasse mit Schwerpunkt auf Sprachen, Sport, Naturwissenschaften, Kunst, Musik oder was eben in der jeweiligen Stadt angeboten wird bewerben.

Seltsamerweise haben wir die Möglichkeit, dass das Fräulein Maus ab der 7. Klasse in eine Musikklasse gehen könnte, fast bis zuletzt nicht in Betracht gezogen. In ihrer Mannschaft hätte man es gern gesehen, wenn sich die Mädchen alle für die Sportschule beworben hätten, aber mal ehrlich: Sportschule?!

Jedenfalls schlug ich ihr irgendwann – auch aus der Überlegung heraus, dass die Musik wegen ihres Trainingspensums sowieso oft ein bisschen auf der Strecke bleibt – vor, dass es ja auch noch die Musikklasse gäbe, und sie war sofort Feuer und Flamme. Mitte Dezember gingen wir zur Infoveranstaltung und waren sehr begeistert von allem. Vor zwei Wochen hatte sie ihre Aufnahmeprüfung, die schon irgendwie recht schwer war und bei uns beiden ein recht unsicheres Gefühl hinterliess: hätte sie das alles wirklich auf Anhieb können müssen, oder hat man dabei auf ganz andere Dinge geguckt?

Ich freue mich jedenfalls so für sie!
Ich weiss nämlich, wie schön es ist, in eine Schule zu gehen, in der die Lehrer engagiert sind und die Mitschüler alle ähnlich ticken.

***
(Ich muss jetzt hoffentlich nicht für die finnischen Leser dazuschreiben, dass unsere Kinder selbstverständlich keinen Alkohol zu trinken bekommen?!)


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Oodi

Oder: eine Ode an die finnischen Bibliotheken.

Die Bibliotheken sind vielleicht das Beste, was Finnland mit seinen Steuergeldern finanziert.

Bibliotheken sind hier vor allem nicht nur zum Bücherausleihen da. Man kann in Bibliotheken auch Tageszeitungen lesen, in Ruhe arbeiten oder lernen, Spiele spielen, was essen, Freunde treffen, seine Kleinkinder spielen lassen, Computer benutzen. „Volkes Wohnzimmer“, heisst es manchmal.

Falls das Fräulein Maus ab nächstem Schuljahr auf ihre Wunschoberschule gehen kann, wird unsere wunderbare Stadtbibliothek wohl auch für sie sowas wie ein zweites Zuhause werden, in dem sie an den Tagen, an denen es sich nicht lohnen wird, zwischen Schule und Training oder Schule und Harfenstunde nochmal nach Hause zu fahren, ihre Hausaufgaben erledigen, Vesper essen, Zeit rumbringen wird. Wie gut, dass es so einen Platz gibt!

Helsinki hat seit Dezember auch so eine ganz besonders tolle Zentralbibliothek. Und weil am Sonnabend das Wetter nicht so unglaublich toll war wie am Sonntag, sondern ein recht kalter Wind ging und uns den Schnee in Augen, Nase, Mund und Nacken wirbelte, war das perfekt, um sie uns ausgiebig anzugucken.

Riesig ist sie. Und sehr, sehr beeindruckend.

Auf der Wendeltreppe, die hinaufführt ins zweite und dritte Stockwerk, steht eine sehr berührende Widmung, für wen diese Bibliothek gedacht ist: hunderte Worte – für Männer, für Flüchtlinge, für Verwirrte, für Träumer, für Populisten, für Obdachlose, für Bauern, für Naturfreunde, für Hippis… – die eigentlich nur eins sagen: für alle.

Überall sassen Leute – allein, zu mehreren, auf Schaukelstühlen oder Sesseln oder Sofas oder überbreiten Stufen und lasen, starrten in ihre Telefone oder hatten ihre Laptops auf dem Schoss. Ein Vater spielte mit seiner Tochter ein Brettspiel. Einer, der so aussah, als ob es sonst keinen Platz für ihn gäbe, hielt in eine Sofaecke gedrückt ein Nickerchen. Abiturienten arbeiteten zu zweit in kleinen, ruhigen Kabüffchen ihren Lernstoff durch. Manche sassen konzentriert mit ihren Laptops mit anderen an langen Tischen, andere an den Computern der Bibliothek.

Alles mögliche kann man tun und machen in der Bibliothek: Es gibt einen Drucker, mit dem man bis zu A0-Postergrösse auf die verschiedensten Materialien drucken kann, und eine Batterie 3D-Drucker samt benötigtem Rohaterial. Es gibt einen riesigen Handarbeits- und Basteltisch mit Nähmaschinen, Laminiergerät, Ansteckerstanzmaschine und eigentlich überhaupt allem, was des Bastlers Herz begehrt, und ganz sicher haben wir auch gar nicht alles gesehen.

Ganz oben, unter der schwebenden Decke, die jetzt sehr an eine gemütliche Schneehöhle erinnerte, im Sommer aber sicher eher an eine Schönwetterwattewolke, haben die Bücher ihr Zuhause, 100 000 Stück in langen, weissen Regalen – die allerdings ziemlich gerupft aussahen, weil gerade so viele Leute die neue Bibliothek angucken kommen, Bücher ausleihen und dann in den Stadtteilbibliotheken zurückgeben.

Was übrigens fehlt in finnischen Bibliotheken: Schliessfächer für Jacken und Taschen. Die darf man einfach mit reinnehmen. Und essen darf man auch in finnischen Bibliotheken: in unserer z.B. an speziell dafür ausgewiesenen Tischen, und in Helsinki gibt es jetzt sogar ein Café mitten zwischen den Bücherregalen. Und dass die neue Bibliothek den tollsten Sanitärbereich hat, den ich jemals irgendwo gesehen habe, wundert dann jetzt wohl auch niemanden mehr.

Wenn ein Land als Vorzeigeobjekt eine Bibliothek baut, dann ist das schon ziemlich… hach.


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Zug mit Botschaft

Für Freitagabend hatten der Ähämann und ich fliegende Autoübergabe am Bahnhof geplant. Zum Glück hatten wir kurz vorher doch noch alles so geregelt, dass wir beide sowohl zum als auch vom Bahnhof Bus fahren konnten, denn des Ähämanns Zug hatte zum ersten Mal, seitdem er seit August nahezu täglich nach Tampere pendelt, mehr als fünf Minuten Verspätung.

So begab ich mich also schon mal zu meinem Bahnsteig, auf dem der Zug nach Helsinki schon bereitstand, und kriegte erstmal Herzchenaugen: der letzte Waggon war der mit der Speziallackierung!

Nun sind finnische Züge ja sowieso ausnehmend hübsch lackiert: da sind Singschwäne auf den normalen Waggons, fischende Bären auf den Speisewagen, Eulen auf den Schlafwagen und Rentiere auf den Autowaggons nach Lappland. Und überhaupt kann man allerlei nette Sachen auf seine Waggons malen, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt:

Speisewagen.

Und das alles in Grün, weil Zugfahren, so der Slogan der Finnischen Bahn, „die grünste Wahl“ ist.

Nun aber stand da der weisse Waggon mit den Bilderrahmen um die Fenster, von dem ich bisher nur Fotos gesehen hatte. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Finnland hatte die Finnische Bahn einen Wettbewerb für Jugendliche ausgeschrieben unter dem Motto „Im selben Boot Zug“, den eine Sechzehnjährige aus Vaasa gewann. (Hier gibt’s ein nettes Video dazu.) Es gibt diesen Waggon nur einmal, und er wird mal hier und mal da an einen Intercity gehängt und fährt kreuz und quer durch Finnland. Und Freitagabend stand er vor mir, und ich konnte sogar mitfahren!

Unser Zug wartete dann doch noch fünf Minuten auf den aus Tampere, wegen der Umsteiger. Und damit ich den Ähämann nochmal küssen konnte.


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Wollsocken im Klassenzimmer (7)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 2, 4 und 6 besuchen, basierend. Heute mit einer Frage aus aktuellem Anlass.

Bekommen finnische Kinder kältefrei?

Ich fragte gerade vorgestern die Kollegin – sie ist angehende Lehrerin – ob es eigentlich eine offizielle Frostgrenze für Grundschulkinder gibt. Wir hatten -14°C, die Sonne schien, es war komplett windstill, die Erst- und Zweitklässler sind auf unserem wunderbaren Rodelberg die ganze Zeit in Bewegung und ausserdem noch in einem Alter, in dem sie bereitwillig Stiefel, dicke Überhosen und Mützen anziehen statt sich in Turnschuhen, Knöchelsöckchen und zerrissenen Jeans durch den Winter zu zittern – und für mich war es überhaupt keine Frage, dass wir am Nachmittag mit den Hortkindern rausgehen würden. Aber nachdem ich ja nun weiss, dass in Turku Kindergartenkinder ab -10°C nicht mehr rausgehen dürfen, wollte ich doch lieber sichergehen, ob es da nicht irgendeine offizielle Anweisung gibt, die mir bisher entgangen ist.

Nein, sie wüsste da von nichts, sagte die Kollegin. (Und eine kurze Recherche ergab, dass es tatsächlich sowas wie eine offizielle Frostgrenze für Schulkinder nicht gibt.) Aber sie selbst sei in Tampere zur Schule gegangen, und da hätten sie ab -30°C in den Pausen nicht mehr rausgehen müssen.

Womit die Frage nach Kältefrei geklärt sein dürfte.

***

Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien
Wollsocken im Klassenzimmer (6): Wilma


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Weihnachten wie immer

„Nein, Mama, wir wollen alles so machen wie immer!“, protestierten drei Kinder, als ich vorschlug, dieses Jahr vielleicht nicht mehr zum Kindergottesdienst zu gehen, sondern ein bisschen später zu einem anderen.

Unser Weihnachten war also wie immer: mit Weihnachtsfriedensverkündung, Milchreis (der unterm Federbett quillt in unserem Bett schläft, während wir weg sind) zum Mittagessen, Kindergottesdienst, Geschenken unterm Baum und Weihnachtssauna.

Und mit -10 Grad und Schnee!!!
(Und das ist sehr viel mehr, als wir an einem „Weihnachten wie immer“ erwarten dürfen!)

Mein schönster Moment des Tages – neben dem, als alle schon aus der Kirche hinausströmten und der Organist noch in der kerzenbeleuchteten Kirche Händels „Ave Maria“ spielte – war dann auch, nach der Sauna dampfend auf der Bank im verschneiten Garten neben dem schneebedeckten, funkelnden Weihnachtsbaum zu sitzen.


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Apropos Wollsocken im Klassenzimmer…

Oder: Was ich in meinem Schulpraktikum noch Neues über die finnische Schule gelernt habe

1) Das Schulessen ist gar nicht so schlecht wie sein Ruf.

Ich habe an insgesamt neun Schultagen in der Schule mitgegessen, davon fand ich das Essen genau zwei Mal ziemlich schrecklich: einmal gab es Makaronilaatikko – Auflauf aus zerkochten Minimakkaronis mit Hackfleisch – und einmal Kalamureke – Auflauf aus durchgedrehtem Fisch, dazu leider völlig zerkochte Pellkartoffeln. (Lustigerweise waren das die Essen, die die Kinder begeistert in sich hineingeschaufelten.) An allen anderen Tagen habe ich das Essen echt und ehrlich gemocht und gern gegessen. Nun gibt es wahrscheinlich sowohl regionale – Leberauflauf gibt es in Turku nie! – als auch küchenspezifische Unterschiede, aber auch unsere Kinder, mit denen ich mich jeden Abend über das Schulessen austauschen konnte, denn alle Schulen in Turku haben den gleichen Speiseplan, haben mir schon des Öfteren berichtet, dass das Schulessen seit diesem Schuljahr viel besser sei: weniger Fleisch, mehr Gewürz, leckerere Gerichte. Über die staatlich verordnete fettfreie Milch kann ich augenrollend hinwegsehen (und mir stattdessen Wasser nehmen); stattdessen finde ich es grandios, dass immer frischer Salat – und zu meiner Überraschung gab es tatsächlich nicht nur Möhrenraspel! – zum Essen gehört und auch Brot und Butter: wenn man das Essen nicht mag, muss man dennoch nicht hungrig vom Tisch aufstehen. Zweimal gab es sogar Kuchen! Und mal ehrlich – das Essen ist gesund, frisch zubereitet und zudem kostenlos. Schon allein deshalb, finde ich, sollte man besser den Mund halten als zu meckern, auch wenn es manchmal vielleicht nicht so dem eigenen Geschmack entspricht.

2) Die kostenlosen Schulmaterialien sind halt leider wirklich billig.

Nicht nur das Schulessen ist hierzulande kostenlos, sondern – im Sinne der Chancengleichheit für alle – auch sämtliche Schulmaterialien: nicht nur Lehrbücher, auch Hefte, Stifte, Mal- und Bastelutensilien. Als ich ein paar Buntstifte für die Klasse anspitzen wollte und mir sämtliche Minen immer wieder abbrachen, klagte mir die Lehrerin ihr Leid, dass sie immer nur das Billigste kaufen müssten und dass das Billigste auch immer schlechter werde: die Buntstifte seien einfach nur schrecklich, die Klebestifte halten nicht mal Papier zusammen, in die Hefte hat man nur allzuschnell ein Loch radiert…

3) Lerninhalte werden zu einem noch viel grösseren Teil digital vermittelt, als ich bisher wusste.

Zur Fibel, zum Sachkunde- und zum Mathebuch gibt es digitale Materialien, die die Lehrer im Unterricht verwenden können. Die Tafel wird, ausser um Beispiele ranzuschreiben oder ranzumalen, kaum benutzt, stattdessen gibt es interaktive Spiele für Sachkunde, Lieder zum Mitsingen für jeden neugelernten Buchstaben oder lustige Mathespiele. Analog geschrieben, gelesen und gerechnet wird aber mindestens genausoviel.

4) Es geht wirklich sehr locker zu während des Schultages.

Ich habe an anderer Stelle ja schon mal erwähnt, dass die Kinder hier beim Schulklingeln nicht in Habachtstellung an ihrem Pult sitzen müssen, sondern beim Klingeln hereinkommen und sich dann erstmal in aller Ruhe ausziehen. (Und zwar ist das nach jeder Dreiviertelstunde Unterricht und jeder fünfzehnminütigen Pause, die grundsätzlich im Freien verbracht wird, so.) Mitten in der Stunde wird jemand von einer anderen Lehrerin zum Förderunterricht geholt, von der Schulschwester zum Impfen – ganz normal. Wer seine Aufgaben erledigt hat, darf etwas Neues anfangen, etwas Altes fertigmachen, ein Buch lesen oder in ein extra dafür vorhandenes Heft malen, auch aufstehen und in einen anderen Teil des Klassenzimmers gehen oder auf dem Fussboden arbeiten. Jeder darf selbstverständlich so auf seinem Stuhl hocken, wie das Mädchen mit den Regenbogensocken, oder wie es ihm eben angenehm ist. Beim Basteln und Handarbeiten darf miteinander geredet werden, auch sonst, wann immer es möglich ist. Trotzdem herrscht keine Anarchie: halbwegs stillsitzen wird eingefordert, wenn es nötig ist, Stillsein wird eingefordert, wenn es nötig ist – und dann sind auch alle still und sitzen ruhig.

Das war sehr schön, meine Hort-Erstklässler auch in der Schule zu begleiten. <3