Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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„Samstag, 10:30 Uhr: Sommerferienbeginn“

So schrieb die Lehrerin des kleinen Herrn Maus neulich, als sie uns das Programm für die letzten beiden Schulwochen mitteilte.

Leider konnten wir uns auch heute nicht dreiteilen, und so mussten zwei von drei Kindern ohne ihre Eltern zu ihrer Zeugnisausgabe gehen. Denn das Fräulein Maus, das heute den Abschluss ihrer neunjährigen Schulzeit feiern durfte, hatte Vorrang.

(Ich weiss übrigens überhaupt nicht, wo die neun Jahre, und vor allem die drei letzten, hin sein sollen…!)

Jedenfalls: seit 10:30 Uhr Sommerferien!
Wir sind dann jetzt mal bis zum Musiklager weg.

(Der Hashtag klingt ein bisschen nach überambitioniertem Sightseeing, ist aber nur der abseitigen Lage unseres selbstgewählten Heimatlandes und unserer Vorliebe für Reisen ohne Fliegen geschuldet.)


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neljäsataaviisikymmentäviisi, neljäsataaviisikymmentäkuusi

Die 455 stand dann am Montagvormittag, als ich auf Arbeit fuhr, wieder auf ihrem Platz, und am Mittwoch, als wir mit den Hortkindern auf dem Weg von der Schule zum Hort an der Ampel an der Bibliothek standen, fuhr eine 456 vorbei.

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Auch in der letzten Schulwoche vor den Sommerferien ist es in diesem Jahr noch kein bisschen sommerlich. Am Mittwoch brauchte ich Handschuhe zum Radfahren! Das Schlimmste aber ist der Wind. Seit drei Monaten stürmt es in dieser Stadt. Selbst wenn die Sonne scheint und die Lufttemperatur ok ist, ist es deshalb kalt. Und mindestens einmal am Tag muss man auf dem Fahrrad gegen den Wind ankämpfen. Ich will keinen Wind mehr! Und keinen Klimawandel!

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Apropos Dinge, die in Turku undenkbar wären: alle Strassenbahnen in Tampere fahren seit März oder April mit einer Friedenstaube in ukrainischen Farben. Mal ganz davon abgesehen, dass Turku eine Tiefgarage bauen liess, während Tampere in eine Strassenbahn investierte, hat sich Turku in den ersten Kriegswochen vor allem im Umgang mit friedlichen Protesten vor dem russischen Konsulat nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Schön: Der finnische Verlag Tammi hat die ersten drei Bände von Timo Parvelas „Ella“-Büchern kostenlos als Sammelband auf Ukrainisch drucken lassen und verschenkt ihn an alle ukrainischen Flüchtlingskinder im Schulalter.

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Ausflug auf Schienen

Vorletztes Wochenende war ein bisschen verrückt.

Der grosse Herr Maus war von Freitag bis Sonntag auf einem Pfadfinderlager.

Das Fräulein Maus kam Samstagfrüh aus Lappland zurück. Der Ähämann holte sie vom Nachtzug ab und fuhr mit ihr und ihrer Harfe direkt weiter nach Helsinki, wo sie am Samstag eine Generalprobe vor kleinem Publikum und am Sonntag ein Konzert vor grossem Publikum hatte. Die beiden blieben über Nacht in Helsinki, um das Hin-und-Hergefahre zu sparen (und damit das Fräulein Maus nach über einer Woche mal wieder ausreichend lange schlafen konnte).

Der kleine Herr Maus und ich verbrachten einen gemütlichen Samstag zusammen und freuten uns auf unseren Sonntagsausflug vor. Weil zusätzlich zur Harfe nur drei Leute ins Auto passen, hatten wir schon vor Wochen entschieden, dass der kleine Herr Maus und ich mit dem Zug nach Helsinki fahren würden. Ausserdem böte sich vier Jahre nach Fertigstellung endlich die Gelegenheit, die neue Metrostrecke nach Espoo auszuprobieren.

Am Sonntag fuhren der kleine Herr Maus und ich in aller Herrgottsfrühe mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Frühstück gab es wie immer bei derlei Gelegenheiten erst im Zug.

(Fürs Protokoll: der halbe Waggon hustete. Die einzigen beiden Masken trugen der kleine Herr Maus und ich. Und ich hatte gedacht gehofft, dass wir wenigstens das in der Coronazeit gelernt hätten: dass man eine Maske aufsetzt, wenn man krank unter Leute geht.)

Die Zugtoiletten haben jetzt übrigens eine neue Inneneinrichtung mit Herzchenaugeneffekt:

Die Steinmänner vom Helsinkier Hauptbahnhof hatten sich dem Anlass entsprechend gekleidet:

Ausserdem gibt es in Helsinki Dinge, die in Turku völlig undenkbar wären. Auf dem Hauptbahnhof weht eine ukrainische Fahne:

Das Zweitbeste nach Zugfahren ist Metrofahren.

(Der kleine Herr Maus zog sich auf der Rolltreppe kurz die Maske von der Nase mit den Worten: „Ich muss doch den guten Metrogeruch riechen!“)

Der Helsinkier Liniennetzplan ist ja recht… äh… überschaubar, aber immerhin gibt es neuerdings acht weitere Stationen Richtung Westen.

Ich habe mich ja erstmal über die lustig illustrierten Verhaltensregeln in den Waggons gefreut:

Vor allem über die drei mittleren, die sind so schön finnisch:

Die neuen Stationen sind schlicht und ein bisschen langweilig, weil sie alle in rot-weiss gehalten sind – Begeisterungsrufe wie in Prag: „Oh, eine ganz grüne Station!“ und „Oh, guck mal, die ist ganz gelb!“ fallen daher leider aus; und wie gern wäre ich mal in Moskau Metro gefahren – aber doch ganz schön und immerhin tief genug unter der Erde – und das ist tatsächlich bemerkenswert, da die Helsinkier Metro nach Osten weitestgehend oberirdisch fährt – dass sogar der kleine Herr Maus mit der Länge der Rolltreppen zufrieden war.

Nach dem Konzert fuhren der kleine Herr Maus und ich noch die restlichen zwei Stationen Richtung Westen und dann von da zurück ins Stadtzentrum; wir stiegen aber nicht am Bahnhof aus, sondern fuhren bis zum Dom, und sieh mal an – das Helsinkier Höhlensystem schliesst auch Metrostationen ein! Hier der Eingang zur Metrostation „Universität“:

Naja, und kurz auf die Domstufen klettern mussten wir natürlich auch noch, bevor uns der Zug zurück nach Turku schaukelte.

Abends freudiges Wiederzusammentreffen aller fünf Familienmitglieder.


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Nur echt mit Stempel

Inzwischen sind vier von fünf deutschen Pässen der Familie Maus abgelaufen. Vielleicht doch Zeit, mal wieder meiner Lieblingsinstitution einen Besuch abzustatten.

So wir denn überhaupt jemals einen Termin für vier Personen ergattern sollten, werden wir diesmal mit noch dickeren Aktenordnern anreisen müssen. Unter Anderem wird zum Nachweis der doppelten Staatsbürgerschaft unsere Einbürgerungsurkunde gewünscht.

Wir erinnern uns: wir erhielten damals eine SMS.


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Und sollte morgen die Welt untergehen…

Wir haben endlich getan, was seit elf Jahren überfällig war: den hässlichen Plastikbaum die Thuja, die die Vormieter in den Vorgarten gepflanzt hatten, abgesägt und durch etwas von ökologischem Nutzen ersetzt.

Apropos. Es ist kein bisschen einfach, in den Gartenmärkten hierzulande etwas zu finden, das eine heimische Art ist, nicht verzärtelt in einer holländischen Baumschule aufgewachsen ist und keine für Insekten völlig ungeeigneten überzüchteten Blüten hat.

(Zur Illustration: Neulich suchten wir eine Kätzchenweide zum Pflanzen. Was es in den Gartenmärkten gibt: Korkenzieherweiden. Nicht-winterfeste Hochstämmchen. Holländische Minihängeweiden mit rosa Kätzchen. Kätzchenzweige zur Dekoration. Thujen.)


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12. Mai

14 Jahre…!

***

Sanna und Sauli haben gesprochen: Finnland wird schnellstmöglich der NATO beitreten.

Die liebste Freundin hat dazu Anfang der Woche schon alles gesagt:
„Politische Lage: Womöglich wird Finnland schon bald der Nato beitreten. Allein die momentane Diskussion darüber wäre noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen. Aber wenn man sich eine über 1000 km lange Grenze mit Russland teilt und mit der Vergangenheit vertraut ist, sieht man den Krieg in der Ukraine auch noch mal aus einer anderen Perspektive. Angst und Sorgen sind hier durchaus präsent und ich kann den Wunsch vieler Finnen gut verstehen jetzt doch der Nato beitreten zu wollen. Auch wenn ich es schade finde, denn ich war immer stolz auf die Neutralität Finnlands und seine Rolle als Vermittler. Aber was will man machen wenn der Nachbar wahnsinnig geworden ist?“

***

Keines der Hortkinder hat das Einhorn auf meinem T-Shirt kommentiert. Tse.

***

Das Fräulein Maus war zur 9.-Klasse-Vorsorgeuntersuchung bei der Schulschwester. Weil das die letzte ist, bevor die Jugendlichen entweder auf die Berufsschule oder ans Gymnasium wechseln, bekam das Fräulein Maus einen Stapel Zettel mit nach Hause: nicht nur die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung, sondern auch eine Auflistung aller Impfungen, die sie bisher in ihrem Leben bekommen hat, ihre Wachstumskurven von Geburt an sowie die schriftlichen Aufgaben aus der Neuvola. Ich habe laut und lange vor Entzücken gequietscht.


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Nördlich vom Weltuntergang

In Deutschland so:

„Sonnenblumenöl noch teurer – so weit steigt der Preis“
„Aldi Süd: Preis für neue Marke Sonnenblumenöl sorgt für Entsetzen“
„Lidl-Filiale stoppt Verkauf von Sonnenblumenöl an Minderjährige“
„Edeka lehnt teure Öl-Preise ab: Filiale verkauft Sonnenblumenöl nicht“

In Finnland so:

(Ich lebe wirklich sehr gerne in einem Land, in dem nicht alle immer gleich durchdrehen.)


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Schulfreie Woche

Es widerspricht natürlich völlig dem Streikgedanken – aber unsere Familie geniesst den einwöchigen Lehrer*innenstreik gerade in vollen Zügen.

Man kann zum Beispiel mitten in der Woche Übernachtungsbesuch bekommen. Oder tagelang mit seinen fünf besten Schulfreund*innen mit dem Fahrrad durch die Gegend ziehen. (Wenn man Hunger hat, kann man auch, weil in der eigenen Familie das Mittagessen wegen des langen Ausschlafens erst später stattfindet, mit seinen Freund*innen zur Schule fahren und dort das kostenlose Schulessen, das auch in der Streikwoche angeboten wird, in Anspruch nehmen. Und dann trotzdem hungrig heimkommen, weil das Schulessen eben ist, wie es ist.)

Und man kann auch mitten in der Woche mitten am Schultag wandern gehen.

(Leider ist der schönste Wanderweg in der Nähe neuerdings ebenfalls durch einen Kahlschlag mehr oder weniger komplett zerstört. Seufz.)

Es werden noch immer überdimensionierte Fundstücke aus dem Wald nach Hause getragen.

Alles sehr schön.
Zumal in vier Wochen sowieso schon Sommerferien (Zwickt mich mal!) sind.


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Begegnungen, 2022

Neulich lief mir im Stadtzentrum meine ukrainische Finnischkurskollegin Olga über den Weg. „Karen“, rief sie aus, „eine Million Jahre haben wir uns nicht gesehen!“ Stimmt. Ihr grosser Sohn, der damals, als wir den Finnischkurs anfingen, gerade in die Schule gekommen war, hat inzwischen Abitur. Ihre kleine Tochter, mit der sie bei unserem letzten Treffen schwanger war, geht schon in die zweite Klasse.

Das „Wie geht es dir?“ bleibt uns im Hals stecken. Wie soll es gehen, wenn in Europa Krieg ist und eine von uns beiden unmittelbar davon betroffen ist?! Sie starrt auf meinen Peace-Anstecker in ukrainischen Farben neben den beiden Impf-Ansteckern auf meinem Horttantenumhängetäschchen. „Du erforschst immer noch Mäuse und Eichhörnchen?“, fragt sie. „Ach wo, schon seit einer Million Jahren nicht mehr!“, sage ich, und dann frage ich sie, wie ihr ihr neuer Job denn gefalle, denn sie arbeitet als Angestellte der Stadt Turku seit Neuestem nicht mehr in der Touristeninformation, sondern berät ukrainische Geflüchtete. „Ich bin so froh, dass deine Eltern bei dir in Finnland und in Sicherheit sind“, sage ich zu ihr, denn die meisten von uns, die damals gemeinsam im Finnischkurs sassen, treffen sich mindestens noch in verschiedenen sozialen Netzwerken und wissen daher in groben Zügen, was im Leben der Anderen gerade passiert. Sie erzählt mir, dass ihre Eltern eine Woche vor Kriegsausbruch gekommen sind, weil ihr finnischer Mann, der sich sicher war, dass es Krieg geben würde, darauf bestanden hat, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, dass sie mal wieder zu Besuch kämen. „Steht ihr Haus noch?“, frage ich und denke, was für eine absurde Frage. Wir schweigen kurz. „Aber die Deutschen tun so viel für die Ukraine!“, sagt sie, und ich möchte im Boden versinken. „Ich wünschte, den Deutschen wäre es wichtiger, den Krieg nicht mehr mit Gas- und Ölkäufen mitzufinanzieren, statt immer jammernd ihre Wirtschaft vorzuschieben“, sage ich, „zumal es ja auch eine einmalige Chance für den Klimaschutz wäre.“ Von dem Rumgeeiere wegen Waffenlieferungen ganz zu schweigen. So sehr ich selbst eigentlich dagegen bin und mir eine Welt ohne Waffen, ohne Drohungen, ohne Angst wünschte – wie weit kommt man mit Pazifismus, wenn ein alter machtgeiler Mann durchdreht und nicht genug bekommen kann? Für die Finnen ist die Sache einfach: denen steckt der Winterkrieg noch immer in den Knochen, die wissen, wie es sich anfühlt, was auf dem Spiel steht.

Ich wünschte, Geschichte würde sich nicht immer wiederholen.

Zwei Wochen vor Kriegsausbruch hatte ich mich mit meinem russischen Finnischkurskollegen Kirill getroffen. Die Sache, wegen der wir verabredet sind, ist schnell erledigt. Aber wir haben uns lange nicht gesehen und viel zu bereden: wie es uns geht und ergangen ist in den letzten Jahren in unserer gemeinsamen Wahlheimat.

Diesmal erzählen wir uns hauptsächlich kopfschüttelnd Anekdoten über den finnischen Umgang mit Alkohol. Sein Sohn ist so alt wie der grosse Herr Maus, und ab der siebenten Klasse gehören zum unvermeidlichen Fragebogen, der bei Vorsorgeuntersuchungen bei der Schulschwester auszufüllen ist, auch erste Fragen zum Alkohol- und Drogenkonsum. „Bei der Frage, ob er schon mal Alkohol probiert habe, hat er Ja angekreuzt, und daraufhin wurden seine Mutter und ich direkt in die Schule vorgeladen. Aber naja, er hat mich gefragt, wie Wodka schmeckt, und natürlich habe ich ihn probieren lassen. Probieren im Sinne von mal nippen natürlich, und er weiss jetzt, dass ihm Wodka nicht schmeckt, und das ist doch viel besser als wenn er es heimlich mit Freunden ausprobiert und sich direkt besäuft!“ Ich stimme ihm heftig nickend zu. Unsere Kinder haben inzwischen gelernt, diese Fragebögen „korrekt“ zu beantworten. Früher logen sie Zahnärzt*innen auch schon mal direkt ins Gesicht: „Natürlich haben wir einen Karkkipäivä!“, heute erklären sie Schulschwestern selbstbewusst: „Natürlich trinken meine Eltern ab und zu Alkohol. Aber ich habe sie noch nie, wirklich noch nie betrunken erlebt“, wobei sie das „Und jetzt erzähl‘ mir, wie viele finnische Kinder das von ihren Eltern behaupten können!“ diplomatisch runterschlucken.

Aber natürlich landet auch unser Gespräch schnell bei den an der Grenze zur Ukraine aufgefahrenen Panzern. Beim gegenseitigen Säbelrasseln. Wir sind beide im Kalten Krieg aufgewachsen, und wie sehr hatten wir gehofft, wie sehr hatten wir uns nicht vorstellen können, so etwas je wieder erleben zu müssen: das Wettrüsten, die Drohungen mit Atomwaffen, die volksverdummende Propaganda.

(Noch schlimmer als die zerbombten Städte, die vielen Toten und die an der ukrainischen Zivilbevölkerung verübten Gräueltaten ist für mich an diesem Krieg die unglaublich perfide Rhetorik, mit der das alles gerechtfertigt werden soll: all die plumpen Lügen und Drohungen, all die verdrehten Wahrheiten, wie sie meine ganze Kindheit lang offiziell verbreitet wurden. Die Aussage des von den russischen Besatzern eingesetzten Bürgermeisters von Mariupol vor ein paar Tagen, in die Stadt werde jetzt wieder friedliches Leben einziehen, die Bewohner könnten zurückkommen und anfangen, ihre Vorgärten (Welche Vorgärten?!) aufzuräumen und Scheiben in ihre Fenster (Welche Fenster?!) einzusetzen, ist das vielleicht Nebensächlichste, aber für mich Zynischste, das diese monströse Propagandamaschine bisher ausgespuckt hat.)

Fast amüsiert es uns, dass sich seit unserer Kindheit die Fronten verschoben haben; dass wir damals offiziell auf der gleichen Seite standen, heute eine*r von uns, je nachdem, wessen Reden man Glauben schenkt, unweigerlich auf der bösen gegnerischen.

„Ich schäme mich, Russe zu sein“, hat Kirill zwei Wochen vor Kriegsausbruch gesagt. „Und ich kenne auch keinen Russen, der Putins Politik gut findet. Aber gut, die Russen, die ich kenne, leben auch nicht mehr in Russland“, hat er lachend hinzugesetzt. Dann haben wir geseufzt, uns zum Abschied umarmt und das Beste gehofft.


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In Deutschland…

… kann man also die Familienministerin absägen, weil sie mit ihrer Familie Urlaub gemacht hat.

In Finnland hat die Familienministerin übrigens vor einem Monat ihr erstes Kind bekommen und befindet sich derzeit in Elternzeit.

Denn in Finnland nehmen Ministerinnen und Minister nicht nur den ihnen zustehenden Jahresurlaub in Anspruch – wir sprechen da übrigens von im Durchschnitt vierwöchigem Sommerurlaub – sondern auch andere Dinge sind im Privat- und Arbeitsleben einer Ministerin oder eines Ministers genauso selbstverständlich wie für jeden anderen einer Lohnarbeit nachgehenden Menschen.

Unsere Familienministerin ist kein Einzelfall. Seit September 2019 sind insgesamt acht (!) Ministerinnen sowie ein Minister unserer derzeitigen, sehr jungen und frauendominierten Regierung zum ersten oder wiederholten Mal Eltern geworden. Das, was anderswo wochenlang skandalhaft durch Presse und soziale Medien gejagt werden würde, juckt hierzulande kein Schwein. Die Ministerin oder der Minister nimmt Elternzeit, während der ihr oder sein Job von einer Vertretung gemacht wird, teilt sich die Elternzeit mit seinem Partner oder seiner Partnerin und kehrt nach sechs oder mehr Monaten an die Arbeit zurück. Läuft prima. Und warum auch nicht.

In Deutschland kann man ja dann jetzt einen Mann auf den Posten heben, der bereit ist, 24/7 für seinen Job dazusein. Weil er entweder gar keine Familie hat oder eine Frau, die es als ihre Bestimmung ansieht, ihm den Rücken freizuhalten. Der weiss dann bestimmt ganz besonders gut Bescheid, welche Bedürfnisse und Wünsche Familien haben.

(Und es wundert sich noch jemand, warum ich mir nicht mehr vorstellen kann, in meinem Geburtsland zu leben??? Und warum ich trotzdem für Deutschland wählen gehe???)