Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Schwerter zu Pflugscharen

Spiess umgedreht: „Zivilgelände. Zutritt für Militaristen verboten!“

So wie andere Kinder die Strassen ihres Stadtviertels kennen, kennt der kleine Herr Maus alle Wege und Hundepfade durch den Wald, der zwischen unserem und dem Nachbarstadtteil liegt.

Letzte Woche war er mal wieder dort mit einem Schulfreund unterwegs, mit den Fahrrädern, und machte dabei eine Entdeckung, die ihn vor Freude tagelang hüpfen liess.

Es ist nämlich so: da, wo im Sommer der neue Kreisverkehr angelegt wurde, samt einer etwas überdimensionierten Brücke über den kleinen Bach, soll ein neues Wohngebiet entstehen. Und wie das hier so ist – obwohl noch kein einziges Haus dort gebaut wurde, ist nicht nur die Zufahrtsstrasse dahin fertig, sondern sind überhaupt schon alle Strassen, Fuss- und Radwege angelegt und asphaltiert und Strassenlaternen aufgestellt. Gleich, als der Kreisverkehr und die Brücke eröffnet waren, bogen wir auf dem Rückweg von der Musikschule mal dahin ab, aus lauter Neugier, aber es gab nicht viel zu sehen, ausser ein paar extra beleuchteten vermoosten Bunkereingängen, die hinter den noch zu fällenden Bäumen auf den Baugrundstücken hervorleuchteten.

Früher war nämlich genau dort, wo jetzt das Wohngebiet entstehen soll, ein weiträumig abgesperrtes Militärgelände.

Umso wunderbarer finde ich die Entdeckung des kleinen Herrn Maus: ausser Strassen, Wegen und Beleuchtung ist dort nämlich auch schon ein toller grosser Spielplatz angelegt worden; ein bisschen verloren allerdings noch so im Wald und ganz sicher von fast niemandem besucht.

Nachdem der kleine Herr Maus drei Tage mit Husten und Halsweh zu Hause herumgelegen hatte und heute in schönster Zur-Strafe-für-euch-geh-ich-wieder-ins-Bett-Stimmung war – frei nach einem bei uns oft zitierten Gedicht aus einem mehr als hundert Jahre alten Buch aus der Kinderzeit meiner Urgrossmutter (!), in dem es um ein Kind geht, das wohl mit dem sprichwörtlichen linken Bein aufgestanden ist, und das mit den Zeilen „Ihr seid heute alle gar nicht nett! Und zur Strafe für euch geh‘ ich wieder ins Bett!!!“ endet – durfte er heute, in der Hoffnung auf Stimmungsbesserung, den grossen Herrn Maus und mich durch den Wald zum neuentdeckten Spielplatz führen.

Und dann guckten wir uns auch gleich noch ein bisschen die Umgebung an.

Ich sag‘ mal so: ich finde die Idee sehr sympathisch, dass jetzt Künstler in den ehemaligen Militärgebäuden ihre Ateliers haben und bald Familien da wohnen und Kinder da spielen werden, wo früher Kasernen und Munitionslager standen. Aber es lag sicher nicht nur an der Tristesse eines verregneten Februartages, dass ich da ganz sicher nicht hinziehen wollte.

(Aber auf den Spielplatz gehen wir sicher noch öfter.)

Wo die Schienen der Ende der 1960er Jahre abgebauten Turkuer Strassenbahn hingeraten sind, wissen wir dann jetzt auch.


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Kuoppatori

So sieht es aus derzeit, das Herzstück unserer Stadt:

Kein Kauppatori*, sondern ein Kuoppatori**.

Das Loch hat sich ausgeweitet bis an die Fundamente der umstehenden Häuser, weil erst an ihnen das Nachrutschen des Erdreichs gestoppt wird. (Der drei Meter hohe Sichtschutz Bauzaun ist somit hinfällig geworden. Er wurde aber unverdrossen noch monatelang immer wieder versetzt und jedes kleinste Guckloch sorgfältig abgedichtet.) Das kleine Fleckchen vor der orthodoxen Kirche, das den Marktverkäufern noch übriggelassen wurde, ist überwiegend leer. Der Nistkastenbauer verkauft schon lange nur noch online und ab und zu in Einkaufszentren. Es steht kein einziger Blumenverkäufer mehr auf dem Markt, nicht einmal die zwei oder drei, die sogar bei -15°C mit Heizlüfter in ihren Ständen ausharrten. Neulich zählte ich zwei Fischstände und einen Kartoffel-Rüben-Möhren-Stand. Sonst nichts.

Man kommt aber auch nicht hin. Der Wegeverlauf ändert sich nahezu täglich. Für Radfahrer ist quasi die ganze Umgebung des Marktplatzes gesperrt. („Schieben erlaubt“ steht unter allen „Radfahren verboten“-Schildern. Wie gnädig!) Normalerweise umfahre ich die Grube weiträumig, aber neulich wollte ich… ich weiss gar nicht mehr so genau… vermutlich zu einem Blumenverkäufer, der dann nicht mal da war… stieg brav von meinem Rad und schob durch den schmalen Durchgang zwischen Grube und Kaufhaus, und als ich schon 3/4 dieser Marktseite passiert hatte, stand da ein armewedelnder Bauarbeiter und leitete alle Fussgänger durch die angrenzende Einkaufspassage, und mich mit meinem Fahrrad schickte er zurück. Die Grube andersum zu umgehen ging auch nicht, weil die andere Marktseite wegen Abriss eines Hauses auch voll gesperrt war. Es blieb mir nichts übrig, als einen Umweg um ein ganzes Häuserviertel zu fahren, um zu den Marktständen zu gelangen. Ich war dann auch ein bisschen ungehalten, als mir eine Frau hinterherrief, hier dürfe ich aber nicht radfahren. „Wenn dieser…“ – und hier wäre mir fast ein böses finnisches Schimpfwort herausgerutscht – „…Toriparkki nicht wäre, gäbe es auch Radwege!!!“, rief ich zurück.

Manchmal möchte man diese Stadt einfach nochmal anzünden.


*wortwörtlich: Kaufmarkt
**wortwörtlich: Grubenmarkt


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Ruissalo-Erlebnisausflug

Oder: ein herbstlicher Rundwanderweg, ein abenteuerlicher Vogelturm, ein entzückendes Café und ein Hochhaus, das durch den Wald fährt

Sonntags hat der kleine Herr Maus über Mittag Schwimmtraining und das Fräulein Maus abends Gymnastiktraining. Man kann dazwischen noch einen kleinen Ausflug quetschen, wenn man sich beeilt und sich ein Ausflugsziel in der Nähe sucht.

Ruissalo – die Insel mit diesen Eichen gleich vor den Toren der Stadt – die bietet sich dafür an. Allerdings sind wir ein bisschen demotiviert, seit das schönste Café der Insel, in dem wir früher nach der Eisbadesauna immer Erbsensuppe und Kuchen essen gingen, den Besitzer gewechselt hat und wir das jetzt leider boykottieren müssen, und wir ausserdem seit Jahren das Gefühl haben, schon jeden Flecken der Insel zu kennen.

Stimmt aber gar nicht. Als wir gestern schnell recherchierten, ob es nicht doch noch irgendwo auf Ruissalo ein Café gäbe, das auch Ende September noch aufhat, und zwar länger als bis 16 Uhr, da fanden wir eins, das auf der Halbinsel liegt, über die ich zwar schon mal mit dem Bus gefahren bin, weil im Sommer jeder vierte Ruissalo-Bus den Schlenker über die Halbinsel fährt, aber auf der ich sonst noch nie war.

Dabei gibt es da einen wunderbaren Rundwanderweg, dessen Länge vermutlich erklärt, warum wir den nie gegangen sind, als die Kinder noch kleiner waren. Er führt erst am Golfplatz vorbei, dann aber durch zotteligen Urwald, zu einem abenteuerlichen Vogelturm, durch Schafweiden und zu eben jenem Café, das sich in einer der Holzvillen, für die Ruissalo berühmt ist, befindet und in dessen Veranda mit den bunten Fenstern und dem Meerblick ich mich ein bisschen verliebt habe.

Das Fräulein Maus kam dann übrigens doch nicht mit uns mit, sondern blieb noch eine Stunde allein zu Hause und fuhr mit dem Bus zum Training, weil wir sonst nur mit Hin-und-her-fahren beschäftigt gewesen wären. Deshalb beschlossen wir, so viel Zeit auf Ruissalo rumzubringen, dass wir sie auf dem Heimweg gleich wieder einsammeln könnten.

Und so fuhren wir zum Schluss noch zum Badehäuschen, wo wir ewig schon nicht mehr zum Schwedenfährengucken gewesen waren, warteten ein bisschen und sahen dann die hochhaushohe „Grace“ zum Greifen nah an uns vorbeiziehen.

Das ist tatsächlich eine ganz wunderbare Insel, die wir da gleich vor der Haustür haben! ♥


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Klärhöhle

Heute mal den Kindern gezeigt, wo unser Abwasser hinfliesst.

Ich fand das ja sehr lustig, dass die liebste Freundin gerade letzte Woche davon schrieb, dass sie gern mal ins Klärwerk gehen würde, und wir das hier in Turku heute anlässlich des Turku-Tages, an dem man sich immer das eine oder andere, das sonst nicht zugänglich ist, ansehen kann, tun konnten.

Unser Klärwerk feierte nämlich 10-jähriges Jubiläum. Also natürlich gab es in Turku auch vorher schon eine Kläranlage, aber seit zehn Jahren befindet sie sich in genau so einer Höhle, wie es sie hierzulande allüberall und für die unterschiedlichsten Zwecke gibt.

Man wurde zunächst mit der „Gemüsekiste“, wie unsere Kinder diesen Traktorzug nennen, der sonst am Fluss entlang Touristen transportiert und in seinem ersten Jahr irgendwelche Werbung mit Obst und Gemüse trug, einmal durch die ganze unterirdische Anlage gefahren, denn sie ist wirklich gross. Dann durfte man aber glücklicherweise aussteigen und selbst das letzte Stück zurück laufen und noch ein bisschen in Ruhe gucken und die Klärwerksmitarbeiter befragen.

Sehr spannend.

Und das allerspannendste war: es stinkt da unten kein bisschen!

Da fliesst es davon, das wieder saubere Wasser.

Dann spazierten wir noch über den Hügel über der Kläranlage, auf dem sich früher das Gefängnis befunden hatte, aus dem jetzt überteuerte Wohnanlagen entstehen, fuhren mit dem Schrägaufzug wieder runter, mit der Föri über den Fluss und gingen noch auf Wunsch des kleinen Herrn Maus‘ ins Biologische Museum, wo zur Feier des Tages der Eintritt frei, aber leider auch sehr viel Betrieb war.

[Den Kindern gezeigt:
1) Wo die Tomaten wachsen
2) Wo die Schnee-LKWs hinfahren
3) Wo unser Trinkwasser herkommt


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Unter Flachländern

Neulich haben wir dann doch endlich mal den gläsernen Sarg neuen Schrägaufzug ausprobiert.

Am amüsantesten war, wie um uns rum alle Leute „Ah!“ und „Oh!“ und „Ganz schön steil!“ und „Mir ist schlecht, der fährt ja so schnell runter!“ riefen und die Herren Maus sich das ungläubig – „Hä?! Die sollen mal in die Schweiz fahren!“ – anhörten.

(Okay, manche Dinge sind schwer zu toppen. Aber selbst die Drahtseilbahn in Erdmannsdorf oder der Schrägaufzug in Schwarzenberg im heimatlichen Erzgebirge sind beeindruckender.)


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Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte (3)

„Bauarbeiten an der Tiefgarage unterm Markt wegen Absackgefahr für mindestens eine Woche unterbrochen“

Spätestens seit dieser Woche ist klar, dass wir wirklich in Schilda leben.

Die Grossbaustelle im Stadtzentrum, die keiner braucht und keiner will, ist fürs Erste stillgelegt. Überraschung, Überraschung steht Turku nämlich nicht auf Fels, sondern auf Ton. „Wir wussten, dass es nicht der geeignetste Platz ist, um eine Tiefgarage zu bauen. Das Ausmass der Absackungen und Erdrutsche hat uns dennoch überrascht.“

Schon vor Wochen war Passanten aufgefallen, dass der Fussweg zwischen Markt und angrenzenden Gebäuden ganz offensichtlich deutlich abgesackt ist. Kein Grund zur Sorge, informierte die Baufirma, alles ganz normal, und wir haben auch brav die betroffenen Gehwegplatten erneuert, damit niemand stolpert.

Kurz darauf war auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes der drei Meter hohe Sichtschutz Bauzaun in die Baugrube gestürzt. Nur wegen der starken Regenfälle und des vielen Schmelzwassers, liess die Baufirma wissen, und der Zaun stand eben sehr nahe am Grubenrand, kein Grund zur Sorge, warum auch, alles ganz normal, wenn man auf Ton baut.

Vielleicht brauchen wir ja bald keine Tiefgarage unterm Markt mehr, weil alle angrenzenden Einkaufszentren und Kaufhäuser in die Tiefgaragenbaugrube gestürzt sind.
Nur um die orthodoxe Kirche wäre es schade.


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15. Dezember

Keine Weihnachtszeit ohne Museumsbesuch.

Natürlich würde ich mir lieber Weihnachtsberge und Buckelbergwerke und Weihnachtspyramiden und Räuchermännchen und Reifentiere und Moosmänneln angucken, aber immerhin haben hier in der Weihnachtszeit auch Museen geöffnet, die sonst im Herbst, Winter und Frühling geschlossen sind, und die sind dann auch alle ein bisschen weihnachtlich geschmückt – und wenn es nur die üblichen Weihnachtstische voller Festessen sind.

Heute waren wir im Apothekenmuseum. Es befindet sich im ältesten noch erhaltenen Haus Turkus – eines der wenigen, das vom Turkuer Grossbrand verschont geblieben ist. Sehr klein, aber sehr fein.

(Ansonsten war die Stadt leider voller Weihnachtseinkäufer und – obwohl man heute wie an allen Adventssamstagen zum halben Preis Bus fahren konnte – Autos.)


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Leben auf der Baustelle

Nicht nur, dass wir seit drei Jahren um die Grossbaustelle fürs neue Krankenhaus herumkurven.

(Die, nebenbei bemerkt, ein echtes Schilda ist:
Nach einem Jahr stellte man fest – als einem Passanten (!) die grossen Poren auffielen – dass das Fundament aus minderwertigem Beton gegossen worden war. Woraufhin alles wieder abgerissen werden musste und sich die Bauarbeiten um mindestens ein Jahr verzögerten.
Der brandneue Hubschrauberlandeplatz auf einem schon vor einigen Jahren fertiggestellten neuen Gebäude des Krankenhauses war ein Jahr lang nicht in Betrieb, weil man plötzlich feststellte, dass er dafür, dass direkt daneben ein wirklich hohes neues Krankenhausgebäude entstehen sollte, zu niedrig lag, um die Hubschrauber sicher starten und landen zu lassen, und erstmal nachträglich drei Stockwerke höher gebaut werden musste.
Dass seit drei Jahren die Ampeln an einer Kreuzung, die wegen der Baustelle überhaupt nicht mehr befahrbar ist, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag grün leuchten und Strom fressen, ist da ja schon fast eine Lappalie.)

Nun haben wir eine zweite Grossbaustelle für die nächsten mindestens drei Jahre in der Stadt. Mitten in der Stadt. Auf dem Markt nämlich.

Nicht nur, dass die Marktstände jetzt alle irgendwo auf dem ehemaligen Taxistand zusammengedrängt sind und man wegen der ganzen Bauzäune und -absperrungen da kaum noch hinkommt. Viel schlimmer ist, dass die Busse, die bisher alle am Markt hielten – der auch ausschliesslich Bussen und Taxis vorbehalten war – jetzt durch irgendwelche Nebenstrassen fahren müssen und der zentrale Umsteigeplatz sich auf eine enge, vielbefahrene Parallelstrasse verlagert hat, wo es gerade mal Haltestellenschilder gibt, aber keine Wartehäuschen, keine Bänke, nichts. Unser Schuljahresanfangsprojekt war völlig für die Katz. Zum Glück waren wir schon so oft zu Fuss im Stadtzentrum unterwegs, dass wir den Kindern genaue Erklärungen geben konnten, wo sie ihre neuen Bushaltestellen finden würden. Und noch besser: während wir ihnen erklärten, mit dem Busroutenplaner auf der Hand, wo die Busse jetzt entlangfahren und halten würden, stellten wir fest, dass sie alle drei problemlos Karten lesen und interpretieren können, und so machten sie sich die erste Woche mit ausgedruckten Karten auf den Weg ins Konservatorium und zum Deutschunterricht. Uff.

Und warum das Ganze? Weil die unsägliche Tiefgarage unterm Markt, die keiner will und keiner braucht – und wenn ich sage „keiner“, ist das nicht nur meine persönliche Einstellung dazu, sondern tatsächlich ist die Mehrheit der Turkuer dagegen – nun doch gebaut wird.

Tampere baut eine Strassenbahn.
Helsinki will bis 2025 autofrei sein.
Turku baut eine Tiefgarage mitten ins Stadtzentrum.

Man kann gar nicht so viel mit den Augen rollen, wie man eigentlich möchte.