Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Heiligabend 2019

Heute erst guckten wir die am Heiligabend aufgenommene Spezial-Maus an. Warum die denn so lang sei, fragten die Kinder. „Damit es die deutschen Kinder ein bisschen einfacher haben beim Warten auf die Bescherung“, antwortete ich.

Verstanden sie nicht, unsere Kinder. Denn bei uns ist Heiligabend immer ruckzuck um.

9:00 Uhr: Der Ähämann hat uns den Wecker gestellt. Hier schlafen schon seit Beginn der Weihnachtsferien alle bis mindestens um zehn. Aber heute müssen wir ein bisschen eher aufstehen. Zu Heiligabend haben wir immer viel vor. Viel Ruhiges und viel Schönes.

10:00 Uhr: Der Ähämann hat den Frühstückstisch gedeckt, ich habe Milchreis vorgekocht. Die Kinder sind nach und nach aufgestanden, ich bringe den Milchreis zu Bett, wir frühstücken.

11:15 Uhr: Wir steigen in den Bus. Er wird an jeder Haltestelle voller; wir haben alle das gleiche Ziel. Weil unsere Buslinie ja seit einem Jahr eine veränderte Route fährt, beschliessen wir, diesmal noch eine Haltestelle weiter zu fahren zu sonst. Dort werden gerade zwei Sisu-LKWs in Stellung rangiert, die Ampeln blinken gelb, und mitten auf der grossen Kreuzung tänzeln zwei Polizisten und schwenken wie immer in solchen Situationen eher unbeholfen ihre Stäbe, um den Verkehr zu regeln.

(In meiner Geburtsstadt gab es noch lange Zeit mehrere grosse Kreuzungen, auf denen der Verkehr von Hand geregelt wurde. Die Polizisten standen würdevoll in der Mitte und vollführten eine exakte Choreographie, die alle verstanden. Einmal versuchte ich, mich mit dem Fahrrad an einer T-Kreuzung einfach hinter dem Rücken des Verkehrspolizisten vorbeizuschleichen, was mir einen sofortigen Anpfiff desselben, ohne dass er seine Handzeichen auch nur eine Millisekunde dafür unterbrochen hätte, einbrachte.)

12:00 Uhr: Weihnachten fängt an.

12:30 Uhr: Unser Bus ist der erste, der sich durch die sich auflösende Menschenmenge geschoben hat. Fast alle Busfahrer tragen Wichtelmützen (einmal fuhr uns auch der Weihnachtsmann nach Hause) – unser Busfahrer fährt ein echtes kleines Weihnachtsbäumchen mit sich herum.

13:00 Uhr: Wir decken schnell den Tisch, wecken den Milchreis auf und essen. In einer Stunde müssen wir ja schon wieder los.

14:30 Uhr: Kinderkirche. Weihnachten muss ja sein wie immer.

15:15 Uhr: Leider ist gestern der Einkaufsbeutel mit dem frischen Fisch fürs Weihnachtsessen unausgepackt in der Küche stehengeblieben – wir knobeln noch aus, wer daran schuld ist – und wir merkten es erst, als heute nach dem Frühstück jemand nach Bananen fragte, die sich auch nicht im Obstkorb befanden. Wir brauchen also neuen Fisch. Nicht unbedingt sofort, weil wir an Heiligabend eigentlich schon seit Jahren nichts Besonderes mehr essen, weil keiner Zeit und Lust zum Kochen und auch niemand wirklich Hunger hat abends, und weil man, seit die Ladenöffnungszeiten hier noch weiter gelockert wurden, auch an den Weihnachtsfeiertagen einkaufen könnte, aber dann haben wir wahrscheinlich noch weniger Lust dazu als jetzt. Im Prisma sind die Regale voll, vier Kassen geöffnet und zehn Leute am Einkaufen, und wir beschliessen spontan, dass wir ab nächstem Jahr unseren gesamten Weihnachtseinkauf immer um diese Zeit machen.

15:45 Uhr: Bevor wir heimfahren, besuchen wir noch die beiden Über-Weihnachten-Pflegekatzen. Sie bekommen natürlich ein extra Weihnachtsleckerli.

16:30 Uhr: Es liegen Geschenke unterm Weihnachtsbaum!

17:30 Uhr: Alle Geschenke sind ausgepackt und bejubelt. Der Ähämann räumt zum zweiten Mal heute den Geschirrspüler ein, das Fräulein Maus schneidet Gemüse und rührt Dippi an, ich verräume Geschenkband und mache einen Pappmüllpappkarton für Legoverpackungen und Packpapier auf, mit dem wir wohl in den nächsten Tagen zum grossen Container hinterm Supermarkt fahren werden müssen, weil unser hausgemeinschaftseigener Pappcontainer schon seit Tagen überquillt und sich die Situation erfahrungsgemäss an Heiligabend drastisch verschärft.

18:30 Uhr: Weihnachtssauna. Die Herren Maus wollen eigentlich lieber an ihrem neuen Lego weiterbauen, kommen dann aber doch für zwei Saunagänge mit, weil es so schön ist, dampfend auf der Gartenbank neben dem Weihnachtsbaum zu sitzen. Nebenher essen wir, süss und salzig und gesund und ungesund durcheinander, draussen, drinnen, wie jeder will. (Ich trinke alkoholfreie Bierbrause – die mit den hübschen Kronkorken – und verstosse damit wenigstens gegen eine deutsche Saunaregel nicht.)

20:00 Uhr: Es wird ein Märchenfilm gewünscht. Zum Glück wurden und werden gerade mehrere neue ARD-Märchenfilme gesendet. Die „Regentrude“ ist schon immer mein Lieblingsmärchen gewesen, und der Film ist auch ganz prima. Wenn auch vielleicht nicht so gaaanz zu Weihnachten passend. Zum ersten Mal heute haben wir Zeit rumzubringen. Als der Film zu Ende ist, haben wir noch eine Viertelstunde Zeit, um uns anzuziehen. Gutes Timing!

22:00 Uhr: Wir waren dieses Jahr noch gar nicht Weihnachtslieder singen, und deshalb nutzen wir die allerletzte Chance. Womit wir nicht gerechnet hatten: in der Kitschkirche zweitgrössten Kirche der Stadt haben sich um diese Uhrzeit noch um die tausend Leute versammelt, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, und wir finden kaum noch einen Platz. (Und leider quetschen sich dann kurz vor knapp direkt hinter uns noch zwei Männer, die zum traditionellen Weihnachtschinken offensichtlich schon reichlich Alkohol genossen haben und besonders lautstark und… äh… schön… mitsingen.) Eine Stunde lang singen wir fast das gesamte Weihnachtsliederheftchen durch, der Pfarrer ist sehr cool, und wir erfahren, dass Finnlands einziger Kantor, der sowohl Orgel spielen als auch Dampflok fahren kann, unser Singen begleitet, und er antwortet mit einem sehr echt klingenden Dampflokpfeifen von der Orgelempore.

23:30 Uhr: Die Kinder sind jetzt dermassen bettreif, dass sie direkt vom Flur ins Bad ins Bett gescheucht werden müssen. Wir wollten doch noch Bowle trinken, beschwert sich der kleine Herr Maus. Und er wolle eigentlich noch bis in die Nacht mit seinen Weihnachtsgeschenken spielen.

Hör zu, kleiner Herr Maus, sage ich, als ihm schon fast die Augen zufallen, zum Glück fängt Weihnachten ja gerade erst an.


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Advent, Advent

Pünktlich Freitagmittag vorm ersten Advent ging der schon vier Tage andauernde Regen von einer Minute zur anderen in Schnee über. Kurz darauf waren die ersten Dächer und Wiesen weiss. Abends begrüsste uns ein Schneemann vorm Haus, und die Kinder konnten das ganze Wochenende schlittenfahren.

Das Adventswochenende begann Freitagabend mit einem Weihnachtskonzert der Musikklassen 7 bis 12 in der Kitschkirche zweitschönsten Kirche der Stadt. Die Schule hat ein eigenes Orchester! Und einen riesigen Chor – oder wahlweise verschiedene kleinere – weil alle Schüler der Musikklassen im Chor singen! Ein bisschen getrübt wurde die Freude, weil die Herren Maus es nicht erwarten konnten, zur am gleichen Abend stattfindenden Kinderradionacht zu kommen und das ganze Konzert über mehr oder weniger durchmotzten.

Als wir dann alle drei Kinder samt Schlafsäcken und Krempel zur Radionacht abgeliefert hatten, nutzten der Ähämann und ich die Chance und gingen aus. Das neue georgische Restaurant hat nicht nur sehr leckeres Essen, sondern dankenswerterweise auch nicht schon halb zehn – weil sich danach sowieso alle nur noch besaufen wollen – Küchenschluss wie sonst sämtliche finnische Lokalitäten. Ganz romantisch teilten wir uns sowohl Vor-, Haupt- als auch Nachspeise, denn nach unserem ersten Besuch dort hatten wir noch eine Woche lang von den mit nach Hause genommenen Resten leben können.

Am Sonnabend machten wir die Wohnung adventsfein, der Ähämann stieg in den Baum (und spendierte ihm eine sechste Lichterkette), und dann fuhren wir mit dem Bus in die Stadt, um dem Anzünden Anschalten der Lichter des Weihnachtsbaums vor dem Dom beizuwohnen. Die Zeremonie war dieses Jahr ein bisschen lieblos und albern, aber dafür schneite es die ganze Zeit wie verrückt!

Am Sonntag streckte mich die blöde Flunssa nieder, die das Fräulein Maus schon eine Weile gequält hatte, aber die Kinder waren einfach den ganzen Tag mit dem Schlitten unterwegs, und abends fuhren wir – Was muss, das muss! – „Hosianna!“ singen in eins unserer liebsten Kirchlein.

Schon schön, die Adventszeit hier bei uns.

(Ich hab‘ auch nur vielleicht ein- oder zweimal ganz, ganz hinten im Hinterkopf gedacht, wie doof das eigentlich ist, genau jetzt wegzufahren. Aber der Advent ist ja noch lang.)


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9. Dezember

Heute wurde es zwar gar nicht erst hell, dafür aber waren wir Weihnachtslieder singen.

Da wir letztes Jahr endlich drauf gekommen sind, dass man nicht nur im Dom schöne Weihnachtslieder singen kann, haben wir beschlossen, dieses Jahr jede Gelegenheit zu nutzen: zu singen – und neue Kirchen kennenzulernen.

Heute waren wir auf Kakskerta, der überübernächsten Insel – es gibt hier in drei Himmelsrichtungen nächste, übernächste und überübernächste Inseln; heute also die überübernächste Insel, die noch zum Stadtgebiet von Turku gehört – auf der wir schon seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr waren.

Im Jahr 1686 zogen die dortigen Fischer eines Tages einen Rekordfang an Land. Dankbar beschlossen sie, an der Stelle eine Kirche zu errichten. Der Erlös der einhundert Fässer Fisch, die sie auf dem Turkuer Markt verkauften, bildete den Grundstock zur Finanzierung des Kirchenbaus. Kriege und Missernten verzögerten den Baubeginn, schliesslich wurde eine preiswerte Holzkirche errichtet. Aber die Inselbewohner hielten an ihrer Idee einer richtigen Steinkirche fest. Der Gutsherr von Kakskerta gab Geld und stellte das Baugrundstück zur Verfügung, die Inselbewohner arbeiteten auf der Baustelle. 1769 war ihre Steinkirche endlich fertig. Direkt am Meer und so auch von noch weiter entfernten Inseln gut mit Kirchbooten zu erreichen.

So schön. Nächstes Wochenende möchte ich bitte wieder Weihnachtslieder singen gehen.


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16

Zu Hause hören wir zwar ausschliesslich deutsche Weihnachtslieder (und singen sie als Schlaflied), aber im Laufe der Jahre sind mir die finnischen Weihnachtslieder sehr ans Herz gewachsen. Es wird auch wirklich viel gesungen: nicht nur in Gottesdiensten – auch auf Schulfeiern und bei der Weihnachtsfriedensverkündung. Ich finde es jedes Mal sehr berührend, wenn sich die Pfadfinder nach dem Unabhängigkeitstagsgottesdienst auf dem Friedhof oder am Ende ihrer Weihnachtsfeier alle an der Hand nehmen und Maa on niin kaunis singen. Und dann gibt es noch die öffentlichen Weihnachtsliedersingen – allein in Turku an 60 verschiedenen Terminen in verschiedenen Kirchen – die immer sehr gut besucht sind.

Bisher waren wir immer mindestens einmal in der Adventszeit im Dom Weihnachtslieder singen, aber dieses Jahr hätten wir fast keinen Termin gefunden, an dem nicht mindestens ein Kind irgendwohin gefahren hätte werden müssen. Ausser gestern Abend, in einem kleinen Holzkirchlein auf der nächsten Insel.

„Die Kirche ist leider voll.“
Zum Glück waren wir – Erfahrung macht klug – rechtzeitig da.

Sooo schön!


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Schon mal Probesingen

Heute, als ich den kleinen Herrn Maus abholte, war die Kindergartenleiterin als Aushilfe in seiner Gruppe, und beide erzählten mir begeistert, wie der kleine Herr Maus zuerst damit angefangen hätte, „Stille Nacht“ zu singen – das muss am Monat liegen; letztes Jahr lag er zum Schulanfang des grossen Herrn Maus allen Gästen damit in den Ohren – und wie sie beide dann gemeinsam alle Weihnachtslieder, die ihnen eingefallen seien, durchgesungen hätten.

Am 30. August.