Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Alle irre

Als ich vor einer Woche von der Schule nach Hause radelte, war mein Heimweg besonders schön.

Die Sonne war gerade untergegangen, aber die Bäume glühten noch eine Weile weiter, fast, als hätten sie das Sonnenlicht gespeichert und würden es erst nach und nach abgeben. Ich fuhr durch gelbleuchtende Laubtunnel, und als ich am Fluss ankam, der glatt wie ein Spiegel war und schon ein klitzekleines bisschen in der kalten Abendluft dampfte, war es schon fast ganz finster, nur im Westen leuchtete der Himmel noch orange.

Ich finde es immer sehr gewöhnungsbedürftig, wenn es nach dem langen, hellen Sommer auf einmal wieder dunkel ist: als ob man das Sehen und Laufen und Radfahren und Autofahren bei Nacht erst wieder lernen müsse.

Aber es hätte schöner nicht sein können.

Zwischen all dem Gelb, Orange und Schwarz allerdings, das zart und weich über der Landschaft lag, blendeten leider grellweiss die ersten Weihnachtsbeleuchtungen über Bäume und Sträucher geworfenen Lichterketten.

(Als ich die erste Lichterkette sah, dachte ich noch: da hat’s jemand aber sehr eilig. Dann sah ich im Nachbargarten auch eine, und eine Strasse weiter noch eine, und dann noch eine, und als ich zu Hause ankam, hatte ein Nachbar tatsächlich schon einen beleuchteten Stern ins Fenster gehängt.)

Es macht mich von Jahr zu Jahr wütender.

Nicht, weil keiner mehr zu verstehen scheint, wie kostbar Vorfreude ist; das kann meinetwegen jeder halten, wie er will. Aber weil es mir fast körperliches Unbehagen bereitet, dieses grelle Geleuchte und Geblinke.

Zumal jetzt, wo die Natur selbst noch in allen Farben leuchtet.

(Es gibt ja ausser grellen LED-Lämpchen auch durchaus noch andere Möglichkeiten, Wärme und Licht in dunkle Herbstabende zu bringen.)


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Finnisches Wörterbuch: pillimehu

Ich sag’s mal gleich: pillimehu gehört neben karkkipäivä zu den mir am meisten verhassten Wörtern.

Pillimehu heisst wortwörtlich übersetzt: Strohhalmsaft. Also solche Trinkpäckchen mit aromatisiertem Zuckerwasser drin. Nun gibt es ja für alles eine Zielgruppe und ich muss dieses Zeug ja nicht kaufen – aber leider kommt man als Eltern in Finnland um pillimehu nicht herum.

Weil das finnische Kind im Alltag nämlich nur Wasser oder fettfreie Milch trinken darf, gilt pillimehu als höchster Genuss zu besonderen Anlässen. Seltsamerweise aber gibt es pillimehu nicht nur auf Festen und Feiern, sondern auch bei Wandertagen, nach dem Kinderturnen und auf Reisen. (Das sind dann übrigens die Anlässe, wo unsere Kinder, die normalerweise zum Essen Saft – also Frucht(!)saft – oder Kakao trinken, eine Wasserflasche dabeihaben.)

Ich bin offensichtlich inzwischen nicht mehr die einzige, die festgestellt hat, dass die strenge Rationierung von Süssem zu extremen Exzessen führt. Wenn die Kinder mal zu einem Fest in der Schule „ein paar Süssigkeiten und ein Getränk“ mitbringen dürfen, dann kommen unsere Kinder mit einer kleinen Tupperdose in Herzform, die wir einst zur Hochzeit geschenkt bekamen, in der sich eine Handvoll Gummibärchen oder ein Keks und ein Kinderriegel befinden. Ihre Klassenkameraden kommen mit 500g-Beuteln voller Süssigkeiten oder ganzen Chipstüten und mit 1,5-Liter-Limoflaschen. (Nein, ich übertreibe ausnahmsweise nicht!) Deswegen gibt es mittlerweile sehr klare Anweisungen von den Lehrern: maximal 100 g Süssigkeiten und ein halber Liter Limo!

Neulich kam der kleine Herr Maus am Tag vor irgendeiner Schulfestlichkeit nach Hause und sagte: „Wir dürfen keine Limo mitbringen diesmal, nur einen pillimehu.“ Da hört bei mir die Kooperation mit der Schule dann allerdings auf: weder gebe ich meinen Kindern Zuckerwasser, noch irgendwas, das aus mehr Verpackungsmüll als Inhalt besteht, irgendwohin mit.

Aber auch der kleine Herr Maus ging am nächsten Tag mit Pillimehu in die Schule:

(Orangensaft in die kleinste Flasche, die wir in unserem Verpackungsfundus finden konnten, gefüllt, gereicht mit einem Strohhalm aus einer Grosspackung, die seit zehn Jahren nicht leerer wird.)


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Im Hafenbecken baden

Das einzige, was im Hostel auf Suomenlinna fehlt, ist eine Sauna. (Es handelt sich bei dem Hostel um ein historisches Schulgebäude. Vielleicht wäre es zu kompliziert geworden, eine Sauna einzubauen.)

Aber es gibt da ja seit Neuestem Abhilfe.

Vorfreudig hatten wir die erst diesen Herbst eröffnete Sauna und das Schwimmbecken im Hafen schon mehrmals von der Fähre aus beäugt, dann aber beschlossen, dass es im Dunklen bestimmt noch schöner wäre, da zu baden.

(Und wir nach ausgedehnten Stadtspaziergängen auch durchgefroren genug, um Sauna und warmes Badewasser besonders nötig zu haben.)

Es war dann auch tatsächlich sehr schön – und ein bisschen skurril – mit Blick auf den angestrahlten Dom und neben den haushohen Schwedenfähren quasi im Hafenbecken herumzuschwimmen.

Bewacht von in Daunenjacken mit Pelzkragen verpackten Rettungsschwimmern, die ausserdem alle zwei Minuten das Eis von der Treppe kratzen mussten, weil Frost und nasse Füsse, die von der Sauna ins Schwimmbecken und noch nassere Füsse, die vom Schwimmbecken zurück in die Sauna tapsen, nun mal keine besonders günstige Kombination sind.

(Nächstes Mal denke ich beim Packen besser nicht nur ans Saunamützchen, sondern auch an die Eisbadeschuhe!)


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Unter Schafen

Gestern so in der Eltern-Facebookgruppe von des Fräulein Maus‘ Mannschaft:

Trainerin: „Die Mädchen haben jetzt eine WhatsApp-Gruppe. Es fehlen noch drei, A., E. und das Fräulein Maus.“
Wir so: „In unserer Familie benutzen wir kein WhatsApp. Hat das nicht sowieso auch eine Altersbeschränkung?! Ausserdem gibt es sicherere und bessere Alternativen, z.B. Threema.“
Trainerin: „Ich habe überhaupt keine Ahnung von diesen Sachen. Aber da nun mal alle WhatsApp benutzen…“

Kopf -> Tischkante.

(Mal davon abgesehen, dass ich mich ernsthaft frage, wozu Neun- und Zehnjährige diese Art der Kommunikation brauchen, findet man in finnischsprachigen Medien tatsächlich keinerlei kritische Auseinandersetzung mit WhatsApp oder Besprechungen von Alternativen.)


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Am Montag kam das Fräulein Maus aus der Schule und berichtete: “Jussu hat uns heute gefragt, wer von uns Skier hat, und da haben sich nur sechs Kinder gemeldet. Also erst haben sich nur drei gemeldet, die Skier haben, und dann nochmal drei, die gesagt haben, sie haben Skier zu Hause, aber die sind wahrscheinlich zu klein. Deswegen gehen wir morgen im Sport wieder schlittschuhfahren.”

Es ist ja nicht so, dass ich über gewisse Animositäten nicht informiert wäre. Aber ein Siebentel finde ich jetzt doch ein bisschen… erschreckend.

(Schlittschuhe sind selbstverständlich.)