Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

sataseitsemänkymmentäviisi

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Ich wollte schon immer mal ein Kennzeichen ausserhalb Finnlands finden. Auf der Fähre oder so.

Gelegenheit hätte es ja in diesem Urlaub reichlich gegeben. Bis zur Axalp sind es für uns fast 2500 km Landweg.

Nachdem wir irgendwann im Winter schon mal vorsorglich die Finnlines-Fahrpläne (jedes Jahr schlechter) und -Preise (jedes Jahr höher) für diesen Sommer angesehen hatten, war nämlich klar: mit dem “Viehtransport“ – ich danke dem Haltungsturner für die Verbreitung der treffenden Bezeichnung – fahren wir nicht mehr!

Wie man 2500 km mit Kindern im Auto überlebt?!

In Stockholm kommt man praktischerweise sehr zeitig an. Früh halb sieben. Mitten in der Nacht quasi. Günstig ist, wenn man die Kinder am Abend vorher nicht direkt nach Abfahrt der Fähre um 21 Uhr ins Bett scheucht, sondern sie noch in aller Ruhe die neueste Schwedenfähre – die wirklich schön ist! – noch ausgiebig begutachten lässt. Dann sind alle nach spätestens einer halben Stunde im Auto – in der es der grosse Herr Maus geschafft hat, nacheinander seine Bordkarte, zwei von drei Bleistiften sowie den Deckel des einzigen Leimstifts unerreichbar unter die Autositze zu befördern – wieder eingeschlafen. Der kleine Herr Maus schlief ganze 400 km lang! Durch Schweden fährt es sich ja so dahin. Die Pausen fielen kurz und bewegungsarm aus, weil es wie aus Eimern schüttete. Aber wenn’s drauf ankommt – „Wir müssen heute 1000 km fahren!“, hatten wir den Kindern gesagt – dann können sogar unsere Kinder halbwegs stillsitzen. Dann fuhren wir über die zwei riesigen Brücken. Über die 50 Euro Maut pro Brücke konnten wir angesichts des Preises, den wir für eine Überfahrt mit Finnlines bezahlt hätten, herzlich lachen. Und wie schön diese Brücken sind! Keine zwölf Stunden nach Ankunft in Stockholm – und da war dann am Ende sogar noch eine Autofährfahrt über die Schlei, die mit längerer Wartezeit verbunden war, drin – trafen wir bei meinem Patenkind in Norddeutschland ein. „Wir wohnen jetzt auf halbem Weg nach Finnland!“, hatten uns ihre Eltern freudig mitgeteilt, als sie vor drei Jahren von Süddeutschland ganz in den Norden Deutschlands gezogen waren. Das war nicht übertrieben, wissen wir jetzt.

Nach zwei Tagen, in denen wir vor allem faul herumgelungert und viel geschlafen hatten, fuhren wir weiter zur Papaoma. 550 km. Nach den über doppelt so vielen Kilometern durch Schweden und Dänemark eine fast lächerliche Strecke. Wenn nur die chaotischen Verhältnisse auf deutschen Autobahnen nicht wären…! (Als wir drei Tage vorher die dänisch-deutsche Grenze passiert hatten, hatte sich an der Verkehrsdichte und der Art der Autobahn nichts weiter geändert, ausser dass es keine Geschwindigkeitsbegrenzung mehr gab. Diese paar letzten Kilometer von den gut 1100 waren die stressigsten überhaupt.) Echt wahr. Immerhin gerieten wir in keinen Stau. Ich rege mich jetzt auch nicht darüber auf, dass so eine deutsche Autobahn anscheinend alle zwei Jahre kompletterneuert werden muss. (Wie viele Kinderkrippen man mit dem Geld bauen könnte!) Stattdessen wollte ich jetzt hier ganz freiwillig und aus tiefstem Herzen Werbung für den allertollsten Autohof Deutschlands machen, den wir vor drei Jahren entdeckt hatten, als er ganz neu war, und bei dem wir, wenn wir es nur irgendwie einrichten konnten, seither jedes Mal Rast machten auf unseren Deutschlandurchquerungen, allein: zu spät. „Bis in vier Wochen!“, verabschiedeten wir uns. „In vier Wochen? Da haben wir schon zu. Uns fehlen die Kunden…“ Echt, ich versteh’s nicht, wie jemand lieber an so eine blöde Autobahnraststätte fährt, sich von Sanifair abzocken lässt, irgendwelches Fastfood frisst und sich den Lärm der Autobahn auch noch während der Rast anhört, nur weil man dafür nach der Abfahrt nicht noch vielleicht zweihundert Meter fahren muss. Egal. Wiederum gar nicht so spät abends kamen wir bei der Papaoma an, wiederum nach einer Fahrt mit der Autofähre über den Rhein. (Man könnte denken, wir hätten da ein gewisses Hobby. Was nicht so falsch ist – allerdings ist es tatsächlich der kürzeste Weg.)

Nach zwei Tagen, in denen wir vor allem faul herumgelungert und diverse Hamsterkäufe getätigt hatten, um in der Schweiz nicht gleich pleite zu gehen, machten wir uns auf die letzten 600 km der Reise. Schon nach ein paar Jahren in Finnland hatten wir vergessen, dass man in Deutschland besser sonntags reist, und uns fällt immer erst, wenn wir ankommen in Deutschland und die endlose Reihe LKWs auf der rechten Spur sehen, ein, dass wir vielleicht besser… egal. Diesmal fuhren wir sonntags. (Zufällig, versteht sich. Dran gedacht hatten wir auch diesmal wieder nicht.) Das würden nun aber bestimmt 600 entspannte Kilomter werden! Dachten wir. Bis wir die endlose Schlange Wohnmobile auf der rechten Spur sahen. Unterwegs hielten wir an einer wirklich riesigen Raststätte, weil der kleine Herr Maus dringend auf Toilette musste – und dort war kein (!) einziger (!) Parkplatz mehr frei! Sowas habe ich noch nie erlebt. Die Kinder fragten ungefähr ab Karlsruhe, ab wann man denn die grossen Berge sehen könnte. Als wir dann endlich, immerhin noch bevor es dunkel wurde, die letzten zehn Kilomter tausend Höhenmeter zur Axalp hinauffuhren, war das Schönste, dass sich das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus noch von unserem letzten Urlaub vor drei Jahren daran erinnern konnten und vorfreudig zappelten.

Ich will jetzt nicht behaupten, dass unsere Kinder zweitausend Kilomter mucksmäuschenstill und ohne zu meckern im Auto sitzen. (Oder gar einen Grossteil der Fahrt verschlafen. Soll ja Kinder geben, die machen sowas.) Im Gegenteil: ich hätte mir des öfteren eine schalldichte Trennwand zwischen Vorder- und Rücksitzen gewünscht, ausserdem ganz dringend ein paar Handschellen für den kleinen Herrn Maus, der neuerdings die Angewohnheit hat, seine Mitmenschen neben ihm sitzenden Geschwister zu kneifen, wenn er müde wird. Aber: es ist machbar.

Die Kinder hatten Aufgabenbücher dabei. Die beste Idee aller Zeiten aber (für die ich Frau Siebensachen auf ewig dankbar sein werde), waren die Tagebücher, die ich den beiden grossen Mäusekindern noch schnell vor der Abfahrt gekauft hatte: der grosse Herr Maus malte eifrig alles, was er am Strassenrand sah. Das Fräulein Maus führte gewissenhaft Buch über all unsere Erlebnisse. (So fanden auch die zahllosen Fahrkarten, kostenlosen Wanderkarten und Prospekte, die sich im Urlaub so ansammeln und die man nicht wegschmeissen will, einen würdigen Platz.) Dem grossen Herrn Maus kauften wir unterwegs ein Lustiges Taschenbuch, das er stundenlang Bildchen für Bildchen studierte. Das Fräulein Maus las ihren Brüdern ab und zu ein Pixibuch vor. Zwischendurch riefen wir uns zu: „Da, guckt mal, das riesige Containerschiff! Da, ein Regenbogen! Ein Zug! Kühe! Ein startendes Flugzeug! Guckt mal, jetzt fahren wir über den Rhein!“. Das Fräulein Maus fragte uns früh immer, wie viele Stunden wir fahren müssten, und rechnete dann, wann wir dawären. Und sie freute sich tatsächlich wie irre, wenn wir irgendwann verkündeten, dass es jetzt bestimmt nicht mehr länger als zwei Stunden dauern würde. Echte Reisekinder!

Die Rückfahrt sassen wir alle auf der linken Pobacke ab. So ein bisschen Stau? Pfff. Bis Kopenhagen sind es jetzt doch noch hundert Kilometer weiter als gedacht? Pfff. Zwei Tage hintereinander im Auto sitzen? Pfff. Wenn’s weiter nichts ist!

Eine finnische 175 haben wir auf der ganzen langen Reise nicht gesehen. (Obgleich wir auf dem Nufenenpass Finnen trafen. Aber die waren geflogen und mit einem Mietauto unterwegs.) Die 175 stand gleich früh, als wir wieder zu Hause ankamen, auf dem Gästeparkplatz neben unserem Haus.

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11 Kommentare zu “sataseitsemänkymmentäviisi

  1. ja, langstreckenreisen ist echt übungssache. früher unvorstellbar, dann familiäre notwendigkeit, inzwischen routine. klar, anstrengend, aber es geht eben nicht anders. also machen wir das beste draus :-)).
    die schalldichte trennwand wünsch ich mir übrigens auch. obwohl es inzwischen, mit der zweiten rückbank im neuen auto (dacia logan), viiiel entspannter geworden ist.
    und es freut mich sehr, daß die reisebücher-idee so großen anklang fand!

    • Wir haben einfach erstmal die Sitzordnung geändert, das half ein bisschen. Wir hatten damals kurz einen C8 in Erwägung gezogen, aber ich bin eigentlich echt froh, dass sie alle drei nebeneinander sitzen. (Manchmal, wenn die Oma da ist, fährt nämlich einer „im Kofferraum“, und ich finde das dann immer sehr blöd, dass ich an den in der dritten Reihe gar nicht rankomme.)

  2. Großartig! Meine zwei waren auch echte Reisekinder. Wie glücklich man darüber sein kann, erfuhr ich, als ich mal mit Freunden und dessen Sohn (und meinen Kindern) nur nach Thüringen fuhr. Sogar meine Kinder waren genervt, dabei hätte die Fahrt nur so zwei Stunden gedauert, im Normalfall.

    • Ach ja, ich fuhr ja übrigens oft alleine mit den beiden. Die MUSSTEN sich selbsrt beschäftigen. Und scahllldichte Trennwand brauchte ich nicht. Unser Auto hatte nämlich ne Macke. Das fuhr nicht bei Kindergeschrei und auch nicht, wenn einer nicht angeschnallt war

    • Wir fuhren in der 11. (!) Klasse auf Klassenfahrt nach Mähren. Das waren so vier, fünf Stunden Busfahrt. Und ich weiss noch, wie entsetzt ich war, wie viele am Jammern waren, es wäre ja so schrecklich langweilig und überhaupt viel zu weit. Hä?!

      Und sehr lustig finde ich ja auch immer die Elternratgeber zum Thema „Reisen mit Kindern“: „Mindestens einmal in der Stunde eine ausgiebige Pause machen!“ Ich sach‘ ma‘ so: dann hätten unsere Kinder noch nicht viel von der Welt gesehen.

  3. Apropos Autolobbyismus.
    Bei uns hängen in Sachsen zur Landtagswahl so (lustige, idiotische, merkwürdige, schräge) FDP-Wahlplakate „Ihr Auto würde uns wählen!“. Ich stecke nun echt in der Entscheidungszwickmühle, lasse ich mein Fahrrad grün oder mein Auto gelb wählen… Beide werden sich nicht einig.
    Wetten, dass die FDP nicht in den Landtag einzieht? :)
    Irgendwo musste ich das jetzt mal loswerden und zu den deutschen Straßen schien mir das sehr gut zu passen…

  4. Vielen Dank für die schöne Beschreibung. Wie hat sich denn euer Kleinster während der Fahrt beschäftigt? Die zwei Großen hatten ja die Tagebücher. Mittlerweile gehen die Langstrecken zu den Großeltern mit unserem Großen 3 Jahre) allerdings auch schon etwas besser und er fordert nicht mehr im Minutentakt „Aufstehen!“ an. Über tausend Kilometer finde ich wirklich beachtenswert. Schon allein für die Fahrer (auch ohne Kinder). Und alle eine Stunde eine größere Pause zu machen ist ja wirklich lachhaft!
    Das Fahren in Schweden und Dändemark finde ich aufgrund der Geschwindigkeitsbegrenzung auch deutlich entspannter.
    Viele Grüße,
    Kathrin

    • Der hat sich damit beschäftigt, seine Geschwister zu piesacken! ;-)

      Ansonsten hat er tatsächlich einfach nur viel rausgeguckt und viel geredet. Und gegessen (Weinbeeren! Möhren!). Oder mal ein Buch durchgeblättert. Und pro zwölf Stunden Fahrt hat er ja auch manchmal eine Stunde geschlafen…

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