Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Demokratieunterricht

7 Kommentare

Wir haben ja seit neuestem eine äusserst… äh… kompetente und vetrauenerweckende Regierung: einen EU-kritischen, rassistischen Aussenminister, eine impfkritische Gesundheitsministerin, einen Justizminister, der die Todesstrafe gut findet, einen Finanzminister, der der Vorstellung anhängt, Professoren lägen drei Monate im Jahr nur auf der faulen Haut, sowie einen Verteidigungsminister, der Karelien zurückhaben wollen würde.

Irgendeiner muss diese Vollpfosten ja leider gewählt haben.

Trotzdem höre ich derzeit höchst selten ein ”Endlich tut einer mal was!” – eine Hoffnung, die ja angeblich viele dazu getrieben hat, diesen Typen ihre Stimme zu geben. Stattdessen wird in sämtlichen Medien seit Wochen auf gebrochene Wahlversprechen, verbale (und andere) Ausfälle dieser sogenannten Spitzenpolitiker und die Idiotie geplanter Sparmassnahmen hingewiesen. Diskutiert, gespottet, sich aufgeregt. Und – was mich persönlich ja am meisten freut, weil ich oft erlebe, dass die Finnen brav machen, was ihnen von oben angeordnet wird – Widerstand geleistet!

Gestern gingen in ganz Finnland Tausende auf die Strasse, um gegen geplante Kürzungen im Kindergartenbudget (konkret: Verschlechterung des Betreuungsschlüssels) zu demonstrieren. Vielleicht erscheint das jemandem, der den deutschen Durchschnittsbetreuungsschlüssel kennt, lächerlich. Und Finnland geht es finanziell tatsächlich nicht gut, irgendwo muss gespart werden. Aber solange der Staat genug Geld hat, um die Armee aufzurüsten, wird nicht an Kindern, Jugendlichen und Sozialleistungen gespart!!! Nicht, solange ich nicht wenigstens versucht habe, etwas dagegen zu tun!

Und so gingen die Kinder gestern auf die erste Demonstration ihres Lebens, für ihre eigenen Belange.

Ich hatte sie vorsorglich noch einmal mit den SOS-Armbändern ausgestattet, die wir eigentlich schon lange nicht mehr in Benutzung haben, und sie instruiert, sich die ganze Zeit an der Hand zu halten, damit niemand verlorengeht. Aber Demonstrieren in Finnland geht natürlich äusserst geordnet und brav zu: mit vorherigen Anweisungen, ungefähr in Vierreihen zu gehen und schön Abstand zu halten, damit niemand stolpert, mit Demonstranten, die zwar auf der Strasse laufen, aber trotzdem eher am rechten Rand, und die auch schon mal mittendrin anhalten, um kurz einen Stadtbus durchzulassen.

Schön, dass in Turku über tausend Leute zusammengekommen sind. Schön, dass wir es einrichten konnten, dabei zu sein.

Ein grosses Herz ist nicht genug, wenn die Hände nicht ausreichen. – Die Gesellschaft braucht Früherziehung, keine Kinderaufbewahrung.

Und, wie gestern einer kommentierte: Wenn die neue Regierung so weitermacht, dann wird das nicht die letzte Demo gewesen sein.

7 Kommentare zu “Demokratieunterricht

  1. Ein vielseitiger Artikel…
    …laut gelacht habe ich nach dem ersten Absatz. Politik ist wirklich oft wie ein Slapstick. Bloß leider in echt. War aber trotzdem komisch.

    …innerlich zugestimmt habe ich der Grundaussage, sich gegen Ausgaben zu wehren, die über den Rücken der Kinder gehen.

    …wieder schmunzeln musste ich bei dem Baby am Bein. Wie schön sinnbildlich. Vielleicht bekommt finnische Frauen auch bald eine Herdprie?

    …und mich gewundert habe ich mich beim Kinderfoto. Warum nochmal heißt der kleine Herr Maus „kleiner“ Herr Maus? Der sieht ganz schön riesig aus :)

    Herzliche Grüße aus Bremen, wo Kind 1 erst gegen 1300 Uhr zur Schule musste und Kind 2 dafür drei Stunden eher Schluss hatte. Ersatzloser Stundenausfall. Gymnasium.
    An der Bildung sparen ist hier an der Tagesordnung. *grummel*

  2. Und wieder einmal kann sich Deutschland eine Scheibe abschneiden! Der Streik der Bahn ist aufgebauschter als derjenige der Erzieherinnen, über die man sich hinter vorgehaltener Hand dann doch nur aufregt, weil die so viel Geld wollen. Und es demonstrieren Menschen unter fremdenfeindlichen Slogans statt für Bildung und soziale Belange. Der Hohn ist, dass in meiner Heimatstadt der Pegida-Ableger auch mit dem Slogan wirbt „weil wir unsere Kinder lieben“ / „für unsere Kinder“ :/

  3. 1. Eines ist sicher: diese Regierung wird nicht vier Jahre an der Macht bleiben.

    2. Die Armee aufrüsten oder nicht… kein Politiker will (A. K.) Cajander 2.0 sein:

    „Cajander gab auch dem „Ausrüstungsmodell“ der finnischen Armee während des Sowjetisch-finnischen Krieges (1939–1940) den Namen (Cajander-Modell). Da beim Überfall der Sowjetunion nur diejenigen finnischen Soldaten Uniformen und Gewehre hatten, die gerade in Ausbildung waren, mussten die meisten der neu eingezogenen Soldaten, die vielfach ungedient waren, ihre Waffen selbst mitbringen. Sie kamen auch in ihrer privaten Kleidung und erhielten Abzeichen, die sie als Kombattanten im Sinne der Haager Landkriegsordnung kennzeichneten.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Aimo_Kaarlo_Cajander

  4. Schön, dass ihr dabei sein konntet! Gut, dass etwas dagegen unternommen wird. Und wie die Finnen demonstrieren, so schön geordnet und den Bus durchlassen (find ich gut), ist auch zum schmunzeln =)
    Viele Grüße,
    Kathrin

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