Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Russisches Roulette

21 Kommentare

Dass die britische Virusmutante sich nördlich vom Weltuntergang genauso schnell ausbreiten würde wie anderswo auch, damit konnte ja wirklich keiner rechnen. Und wenn man dann merkt, oh, Mist, wir haben da ja jetzt ganz unerwartet doch ein sehr grosses Problem, dann ist es natürlich ungemein hilfreich, erstmal wochenlang zu beraten, ob man Bars und Restaurants ganz zumachen oder doch lieber erstmal nur Tanzen und Singen Karaoke verbieten sollte, ob man Fitnessstudios ganz schliessen oder doch lieber erstmal nur auf zehn Kunden gleichzeitig beschränken sollte.

Während Schulen ganz normal auf sind und unter Zwölfjährige auch ganz normal ihren Hobbys nachgehen können, wohlgemerkt.

Wenn ich anfange, darüber nachzudenken, wieviele ungewollte Sozialkontakte unsere Familie hat und was für ein Rattenschwanz weiterer Sozialkontakte da dran hängt, wird mir ganz schlecht: ich treffe täglich mehr als 30 nicht masketragende Hortkinder, die beste Chefin und den Zivi. Die Hortkinder haben Eltern, Geschwister, eine Lehrerin, gehen zum Schwimmtraining, zum Kunstkurs, werden von den Grosseltern abgeholt. Die beste Chefin hat zwei Kinder, die in den Kindergarten gehen, wo sie wiederum auf Kinder mit Eltern und Geschwistern in Kindergarten oder Schule treffen. (Der Zivi lebt allein und verlässt aus Angst vor Ansteckung das Haus nur zum Einkaufen und Arbeiten.) Jedes unserer drei Kinder trifft täglich 18 bis 25 Klassenkameraden, die wiederum Eltern, Geschwister und Hobbys haben. Zwei unserer Kinder treffen wöchentlich ihre insgesamt drei Instrumentenlehrer*innen, die ihrerseits jeweils zig Schüler*innen haben, eins spielt einmal in der Woche im immerhin halbierten Blas(!)orchester. Eins trifft wöchentlich seine zwölf Pfadfinderkollegen (immerhin seit Schuljahresanfang konsequent draussen) und dürfte theoretisch zum Judo(!)training gehen, weil es noch nicht 13 ist, wo es dann jeweils wieder auf Kinder mit noch anderen Hobbys sowie Eltern, Geschwistern und Klassenkameraden, die wiederum Eltern, Geschwister und Hobbys haben, trifft.

Das ist keine Ansteckungsvermeidung. Das ist russisches Roulette.

Ich übertreibe?

Der grosse Herr Maus ist mit seiner Klasse seit gestern in Quarantäne. Weil seine Banknachbarin am Donnerstag positiv auf Covid-19 getestet wurde. (Und das ist nun schon der zweite derartige Fall in unserer Familie innerhalb von drei Monaten.)

Bleibt nur noch zu hoffen, dass es auch diesmal nur eine Platzpatrone war.

21 Kommentare zu “Russisches Roulette

  1. *seufz* Und das in Finnland, dass wir Kritiker des schwedischen Weges immer so bewundern. :-(

    • Letztes Frühjahr haben sie es gut hingekriegt und wir sind mit sensationell niedrigen Infektionszahlen in den Sommer und Herbst gegangen. Dann kam „Aber die Wirtschaft…!“ und „Aber die Kinder…!“ und dann sind wir jetzt eben da, wo wir jetzt sind. :-(

      • An den schwedischen Nachbarn orientiert. :-(

        • Bis auf die paar Wochen Ende April letzten Jahres, als hier so Stimmen laut wurden, dass die Schweden das vielleicht doch besser gemacht hätten und Herdenimmunität durch möglichst viele durchgemachte Infektionen doch ein tolles Ziel sei, hat sich Finnland endlich mal von Schweden emanzipiert, zumindest in dieser einen Sache.

          (Apropos, man hört hier gar nichts mehr von eurem Staatsepidemiologen. Musste er jetzt doch gehen? Oder hält er sich neuerdings lieber bedeckt?)

          Ich glaube, man hat sich hier angesichts der lange Zeit sehr erfreulichen Lage einfach zu sehr in Sicherheit gewiegt… :-(

      • Dieses „Aber die Kinder!“ kommt immer nur von denen, die eine gefällige, eingängige, emotionale Argumentationshilfe brauchen und sich bisher noch nie um die Kinder geschert haben. Wie ich diese Verlogenheit hasse.

        • Ich habe das Gefühl, dass zumindest hierzulande tatsächlich an die Kinder gedacht wird, wenn man Schulen offenhalten und Hobbys weiterhin gewährleisten will. Aber es ist eben sehr blauäugig gedacht, dass man Kinder einfach miteinander sein lassen kann und das Virus schon einen Bogen um sie machen wird.

  2. Angesichts der laxen Zustände in Finnland, wundert es mich ehrlich gesagt, dass die Zustände nicht noch viel schlimmer sind. Finnland ist jetzt etwa auf dem Niveau von Deutschland – nur dass wir im Lockdown sind, während man in Finnland noch sehr große Freiheiten hat. Aber so ganz scheint die Theorie der Regierung „Wir halten die kontaminierten Ausländer fern, damit wir hier ungestört in Freiheit leben können“ mittlerweile trotzdem nicht mehr zuzutreffen. Die Einreisebestimmungen sind strenger denn je und die Infektionszahlen klettern trotzdem nach oben.

  3. … Ich drücke die Daumen.
    Wir haben nächste Woche 25%der Schüler in der Schule plus Notbetreuung, ab 15.3. dann alle, trotz steigender Zahlen. Aber am 14.3. wird hier gewählt… Mir bleibt als Schulleiterin nur Kopfschütteln… und viel Arbeit.
    Schönen Sonntag, Sandra

  4. Liebe Karen,
    wie sagte ein Radiomoderator diese Woche: wir leben nicht mehr in einer Pandemie sondern in einer „neuen Realität“! Hier ist es zeitweise nur zum Kopfschütteln wenn jedes Bundesland macht was es will…und jeder öffnet wie er lustig ist.
    Am Mittwochabend gibt es im ZDF eine Doku von Markus Lanz über den schwedischen Weg im Vergleich zu Deutschland.

    Wir hoffen auf wärmere Temperaturen, den Sommer, das Impfen und ein bisschen Normalität für alle !

    LG Petra*

  5. Hier in Frankreich daselbe. Ab 18 bis 6 morgens muessen alle zuhause sein, aber Schule und Conservatoire (auch Blasinstrument hier) sind geoeffnet. Hier sind es vier Kinder zuhause, ich hab am Tag 3 Klassen à 20 Kinder plus Zivis plus Kollegen.Wenn mir nochmal jemand was von Risiko erzaehlt, weil ich eine Freundin draussen treffe, haue ihn.

    • Genau so. Mittlerweile frage ich mich tatsächlich manchmal, warum wir seit einem Jahr niemanden mehr getroffen haben , in keinem Museum und keiner Schwimmhalle mehr gewesen sind und kein Restaurant und kein Café mehr von innen gesehen haben…

  6. Wir haben derzeit Ferien – heute kam die Abfrage, ob unsere Tochter nächste und übernächste Woche in die Schule kommt. Nein, kommt sie nicht, bei steigenden Inzidenzzahlen halte ich Schulöffnung für den völlig verkehrten Weg – zumal es außer Stoßlüften ja noch immer kein Konzept gibt. Die Präsenzpflicht bleibt zum Glück erstmal ausgesetzt und da auch mein Mann seit März 2020 im Homeoffice ist, ist es zum Glück recht problemlos möglich.

    Ich wünsche mir 2 Wochen richtig harten Lockdown, um damit endlich mal wieder zu wirklich niedrigen Zahlen zu kommen, aber leider machen wir lieber monatelang Wischiwaschi-Lockdownchen und wenn keiner mehr Lust drauf hat, machen wir alles wieder auf. Uff.

    • Ja, so ähnlich kommt es mir hier derzeit auch vor. Es wird zum Beispiel gerade über Ausgangssperren diskutiert – während denen man aber auf Arbeit und in die Schule gehen dürfte. Das würde dann sicher so richtig reinhauen…! *augenroll*

  7. Ich drücke euch sehr die Daumen – hier gab es ebenfalls ohne Erkrankung schon 2x Quarantäne und es macht mich alles sehr müde …

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