Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Statt Skifahren: Unabhängigkeit feiern (mit schwerem Herzen)

Am 24. Februar feiert Estland seinen Unabhängigkeitstag. Ich fürchte, in diesem Jahr war niemand so recht in Feierlaune.

Ich glaube, die (hoffentlich nur noch wenigen) deutschen Putinversteher können aus ihrer Sicht einfach nicht nachvollziehen, wie sich das anfühlen muss für die Länder der ehemaligen Sowjetunion, dass es kein Wunder ist, dass die alle so schnell wie möglich in die EU und in die Nato wollten. Meine Mutter hat ein einziges Mal in ihrem Leben CDU gewählt: 1990, weil es ihr als die einzige Möglichkeit erschien, ihren Teil dazu beizutragen, dass sich das Rad der Geschichte, dass im Jahr zuvor mehrere Umdrehungen nach vorn gemacht hatte, keinesfalls zurückdrehen würde.

Es war Zufall, aber natürlich auch ausserordentlich passend, dass wir ausgerechnet am Unabhängigkeitstag das estnische Nationalmuseum besuchten. Es wurden Fähnchen verschenkt, und viele Leute kamen fein gekleidet zu einem später stattfindenden Festkonzert.

Im Museum gab es eine Ausstellung über die finnisch-ugrischen Völker, eine mit Alltagsgegenständen aus vielen Jahrhunderten, eine mit Lebensgeschichten, eine über estnische Küche, über Landwirtschaft, über die estnische Sprache. (Wir hatten viel Spass beim estnischen Lehnwörterraten, denn wer Finnisch und Deutsch kann, der ist nicht nur gut dran in Estland, sondern für den ist die Sprache auch unheimlich niedlich.) Vieles konnte man nicht nur angucken, sondern auch anfassen und ausprobieren.

Auf unseren Eintrittskarten wurde unsere Muttersprache codiert, und mit ihnen konnten wir jede Erklär“tafel“ auf Deutsch umschalten. Besser noch, wir konnten uns so viele Erklärungen, wie wir wollten – woher die estnischen Flaggenfarben kommen oder wieso die Wende in Estland mit gelben Klamotten anfing oder warum der estnische Präsident 1997 eine Pressekonferenz auf der Herrentoilette des Tallinner Flughafens gab – auf unseren Eintrittskarten abspeichern und können sie jetzt jederzeit über eine Webseite abrufen.

Dann trieb uns, wie immer, der Hunger aus dem Museum, und wir liefen die anderthalb Kilometer zurück in die Innenstadt.

Und nach dem Mittagessen, obwohl wir schon alle fast platzten, mussten wir nochmal die Gelegenheit zum Torteessen nutzen.

Danach erfüllten wir den Kindern, weil es der letzte Abend war, noch einen Herzenswunsch und liehen ihnen Schlittschuhe aus, mit denen sie eine Stunde auf der vor dem Rathaus angelegten Eisbahn ihre Runden drehen konnten. (Der Ähämann und ich gingen derweil in einer der zahlreichen Kneipen am Rathausplatz einen Cocktail trinken. Grosse Kinder sind toll.)

Apropos Rathaus. Das Tartuer Rathaus hat das schönste und komplizierteste Glockenspiel, das ich je gehört habe.
Es erklingt von früh um neun bis abends um neun alle drei Stunden, jedes Mal mit einem anderen Stück. (Offensichtlich wechseln die Stücke monatlich und werden auch Feiertagen angepasst.) Nachmittags um drei spielte es übrigens das Stück, dass das Fräulein Maus und der kleine Herr Maus gerade auf Harfe und Klarinette gemeinsam üben.

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Ich bitte das schaukelnde Video zu entschuldigen. Es gab kein Erdbeben. Die Welt war nur ein bisschen aus den Fugen geraten.


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Statt Skifahren: Kopfstehen

Eigentlich wollten wir nach Tartu mit dem Zug fahren, denn alles, was wir uns für dort vorgenommen hatten, wäre innerhalb der Stadt und deswegen auch ohne Auto gut zu erreichen. Aber dann hatten wir plötzlich diese ellenlange Einkaufsliste, und naja. Wir hatten vorher sogar gedacht, wir könnten kurz nach Valga fahren, um lettisches Bier zu kaufen, denn schliesslich war es mit dem Zug nur ein Katzensprung von Tartu nach Valga gewesen; tatsächlich sind es aber 85 km einfache Strecke mit dem Auto, und das liessen wir dann doch lieber bleiben.

Und so blieb Balthasar fünf Tage lang stehen, während wir kreuz und quer durch die Stadt – und auch aus der Stadt raus – spazierten. Vor der Stadt, auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens, steht nämlich unter Anderem ein komisches Haus.

Wir liefen über Zimmerdecken, machten Handstand auf Tischen, Betten und Klobecken, ruhten uns neben Deckenlampen aus.

Dann drehten wir uns wieder richtigrum, spazierten ins Stadtzentrum zurück, gingen Mittagessen, holten die Schwimmsachen aus der Ferienwohnung, liefen zur Schwimmhalle, verbrachten mehrere Stunden in einer fast völlig leeren Schwimmhalle mit Schwimmen, Rutschen und Saunieren – es ging da ähnlich entspannt zu wie in der Schwimmhalle in Pärnu – suchten danach schnell einen Supermarkt auf, um Nachschub an Brot und Butter und Quarkriegeln zu kaufen und verspeisten dann in einem Café jeder einen riesigen Palatschinken mit verschiedenen süssen Beilagen als Abendbrot.


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Statt Skifahren: Experimentieren

Die Skiferien sind die einzigen Ferien, in denen ich nicht so gerne wegfahre: es könnte ja sein, es liegt Schnee, das Meer ist zugefroren, die Sonne scheint.

Diesmal hatten wir uns aber doch schon lange vor den Ferien für eine Reise entschieden. Schon seit Jahren wollten wir nach Tartu, Estlands zweitgrösster Stadt, und immer war irgendwas dazwischengekommen. Ausserdem mussten wegen der ausgefallenen Erzgebirgsreise dringend unsere Vorräte an Bier in Flaschen, bezahlbarem Verbandsmaterial und Kopfschmerztabletten, nicht-laktosefreien Milchprodukten sowie anderen Deosorten als den drei hier erhältlichen aufgestockt werden.

Der diesjährige Winter war nicht schlecht. Aber die letzten beiden Wochen vor den Skiferien waren geprägt von grauem Himmel, kaltem Wind und Schneematsch, und die Wettervorhersage für die Skiferienwoche sah auch nicht besser aus. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich deshalb darauf gefreut habe, in den Ferien lauter Dinge in geschlossenen Räumen zu tun: gemütlich zwei Stunden lang Fähre zu fahren, in jede Menge Museen zu gehen, in einer warmen und hellen Schwimmhalle zu planschen, in Cafés und Restaurants herumzusitzen und Essen mit Geschmack und Backwaren ohne Kardamom zu uns zu nehmen.

Wir fingen mit dem „Ahhaa“ an. Dahin wollten wir seit Jahren, seit wir in Tallinn mal eine eine kleine Sonderausstellung von denen gesehen hatten. Die Kinder waren ungewöhnlich schnell angezogen und abmarschbereit, denn sie erinnerten sich noch gut, dass im „Heureka“ in Helsinki sieben Stunden hinten und vorne nicht gereicht hatte.

Wir waren auch im „Ahhaa“ fast sieben Stunden. Aber wir waren fast allein da: die Esten hatten keine Ferien, und die Finnen bleiben immer noch brav im eigenen Land, obwohl es in den letzten Wochen vermutlich nirgendwo in Europa mehr Coronafälle gegeben hat als hier. Man musste nirgends anstehen und man konnte alles so oft ausprobieren wie man wollte. (Nur die Astronautentrainingszentrifuge liess der Museumsmitarbeiter die Herren Maus erst nach zehn Minuten wieder besteigen.)

Nicht zuletzt war das Essen im Museumsrestaurant um Welten besser und der Eintritt mit 35 € für eine Familienkarte nur ein Drittel so teuer wie im „Heureka“.

Allein für diesen einen Museumstag hatte sich die gesamte Reise schon gelohnt.

„Das ist ja wie auf der „Norröna“!“


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Was vom Winter übrig blieb

Wir haben den Winter genutzt, jede Minute.

Wir haben jede Menge Eislichter gebaut. Wir waren skifahren, auf nahezu allen Loipen in und um Turku, bei Tages- und bei Laternenlicht, im Lieblingsskigebiet, im Moor. Wir waren Tretschlitten fahren auf dem Tretschlittensee. Wir sind gerodelt. Wir waren auf unserem Stadtteilsportplatz eislaufen und auf dem zugefrorenen See.

Nur nach Naantali auf das zugefrorene Meer haben wir es nicht mehr geschafft.

Unsere Skiferien verbringen wir statt mit Skifahren oder anderen Winteraktivitäten mit Kochen (die Kinder), Backen (die Kinder), Brettspielen (wir alle), Hausarbeit (wir Eltern), Filme gucken (die Kinder), Fotobuchgestalten für eine bald Fünfzehnjährige (ich) und Arbeit (der Ähämann).

Gestern bin ich mit dem Ähämann, dem nach fast einem Jahr Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt, wenn er nicht täglich einmal rauskommt, durch das triefende Citymoor gestapft. Heute beschlossen wir spontan, einen Spaziergang durch Naantalis Altstadt zu machen, weil das vielleicht wenigstens ohne Gummistiefel mit Spikes dran zu machen wäre.

Aber dann sahen wir das Meer: auf dem Eis stand zehn Zentimeter hoch das Wasser wie ein auf dem Meer ausgelegter Spiegel, zwischen den Inseln hingen Nebelfetzen, und es waren noch jede Menge Eisangler unterwegs. (Jedes Jahr wird gewarnt, sie sollen wenigstens Schwimmwesten anziehen. Aber was lässt sich so ein Eisangler schon sagen.) Das war so faszinierend, dass wir unsere Schritte nicht nach links Richtung Altstadt, sondern nach rechts auf die Mumininsel lenkten.


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Bis zur allerletzten Minute

Sechs Wochen lang hatten wir wunderbarsten Winter.
Diese Woche haben wir „Ski“ferien.

Gestern gleich nach dem Aufstehen fragten die Kinder vorsichtig: „Ob das Eis auf dem Sportplatz noch okay ist?“ „Geht gucken!“, sagte ich, und sie zogen mit Schlittschuhen, Helmen und Eishockeyschlägern los und kamen erst zwei Stunden später wieder heim. Der Regen vom Sonntag war einfach wieder gefroren.

Heute früh um zehn kroch der kleine Herr Maus zu mir ins Bett und fragte: „Ob wir heute auch nochmal schlittschuhfahren gehen können?“ „Heute ist es zu warm“, sagte ich, „jetzt geht es wirklich nicht mehr.“ „Aber es sind drei Grad minus!“, insistierte der kleine Herr Maus.

Also gingen wir. Bis der Südwind das Eis weich pustete.

Bis zur allerletzten Minute.


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Bis zur letzten Minute

Wir begannen unsere Skiferien am Freitagebend halb acht mit einem Ausflug zu Turkus bestem Schlittenberg. Wenn die Wettervorhersage recht behalten würde, wäre es nämlich die letzte Gelegenheit. Es war gleichzeitig auch die beste Gelegenheit: ausser uns waren vielleicht zehn andere Leute auf dem sonst meist völlig überfüllten Schlittenberg, und der Schnee war perfekt glattgefahren für unseren Familienschlitten (und alle anderen Rutschgeräte, die wir dabeihatten).

Als wir am Samstag aufstanden, war es in Turku schon so warm, dass die Schneehaufen vor dem Haus schon ganz matschig geworden waren. Im höhergelegenen Lieblingsskigebiet aber, da gab es am Samstag die vermutlich allerletzte Gelegenheit zum Skifahren, bevor auch dort die Temperaturen über Null klettern und der Südwind nicht nur warme Luft, sondern vor allem auch Regen mitbringen würde.

Ich glaube, ich habe noch nie so wehmütig eine letzte Skitour gemacht.
Auf der Heimfahrt regnete es schon in Strömen.


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Skiferien 2020, Tag 5

Den fünften Ferientag verbrachten wir im Museum.

Es regnete, stürmte, und die Enten an der Stromschnelle, auf die sich die Kinder so gefreut hatten, waren auch nicht da. Ein Winter ohne Schnee und Eis ist eben Mist, aus allen erdenklichen Gründen.

Ein perfekter Tag fürs Museum also. Zunächst aber gingen wir mit dem Ähämann mittagessen, in der Hoffnung, dass wir es dieses Jahr länger im Museum aushalten würden und es nicht wegen knurrender Mägen vorzeitig verlassen müssten.

Aber ach…!

Das Vapriikki – oder „diese Museumssammlung“, wie der kleine Herr Maus zu sagen pflegt – ist ebenso wunderbar wie viel zu gross für einen halben Tag. In den Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik befinden sich das Postmuseum, das Eishockeymuseum, ein Naturkundemuseum, ein Mineralienmuseum, das Spielemuseum, ein Museum über den Bürgerkrieg in Tampere – in das man aber nicht mit Kindern gehen soll – ein Medienmuseum sowie mindestens zwei Wechselausstellungen: dieses Jahr eine über Tampere als Theaterstadt und eine über das alte Rom.

Allein im Spielemuseum könnte man den ganzen Tag zubringen, weil man dort jede Menge Computer- und Automatenspiele – von den ersten in den 1970ern entwickelten bis zu den aktuellsten – ausprobieren darf.

Wir spielten ausserdem – passend zu den diesjährigen Skiferien! – Eishockey im Simulator, krochen durch einen engen Gang, um uns das Leben in der Stromschnelle von unten anzugucken, versuchten uns im Morsen von Texten, lasen Briefe berühmter Finnen, guckten uns im Postkino einen Film über die finnische Post zu ungefähr der Zeit, als ich das erste Mal nach Finnland kam, an, der mich die ganze Zeit seufzen liess, denn damals war die finnische Post tatsächlich noch schnell, zuverlässig und hatte eine Filiale in jedem kleinsten Ort. Zum Schluss spielten mir die Kinder – zu dritt kann man ja schon was auf die Beine stellen – ein kleines Theaterstück vor, für das nicht nur die Bühne bereitstand, sondern auch verschiedenste Verkleidungen sowie ein Licht- und Tonmischpult.

Dann hatten die Kinder es gerade so geschafft, alle im Museumskomplex zu findenden Objekte abzuhaken, bis wir wirklich allerspätestens losmussten.

Mit kurzem Zwischenstopp im Waffelcafé im kleinsten Steinhaus von Tampere eilten wir zum Bahnhof.

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Bahnfahren.

Während wir auf unseren Zug warteten, sah ich zum ersten Mal eine Sr3 in echt. Hm, ja. Muss ich mich erst noch dran gewöhnen, an den Anblick.

Ansonten fühlten wir uns diesmal durchsagenmässig ein bisschen wie auf der „Nils Dacke“, auf der die Nächte sowieso schon immer so kurz sind, aber auf der man noch eine halbe Stunde mit Durchsagen in vier Sprachen wachgehalten wird.

Wir fahren mit fünf Wagen, wir halten dort und dort und dort, ich bin Konduktööri Ville, bitte schon mal die Fahrkarten in der App öffnen, ich komme gleich kontrollieren, das Kaffeewägelchen fährt durch den Zug, bitte keine mitgebrachten alkoholischen Getränke konsumieren, in Turku ist es glatt auf dem Bahnsteig, Vorsicht!

Man kann sie dennoch nur lieben für ihre Informationspolitik, die finnische Bahn. Highlight diesmal – Durchsage vom Schaffner beim Halt in Toijala: „Wir müssen noch auf Passagiere aus dem Süden warten. Es wird ungefähr zehn Minuten dauern und der andere Zug wird am Gleis gegenüber halten, falls also jemand frische Luft schnappen möchte, wäre jetzt eine gute Gelegenheit dazu.“

Am Tisch gegenüber machte ein junger Mann Deutschaufgaben. Irgendwann beugte er sich über den Gang zum Fräulein Maus und fragte sie auf Finnisch, ob sie ihm mal die eine Aufgabenstellung erklären könne. Konnte sie.


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Skiferien 2020, Tag 3

Am dritten Ferientag fuhren wir 165 km nach Norden.
Obwohl dort auch kein Schnee liegt.

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Busfahren.

Busse sind in Finnland ein viel wichtigeres Transportmittel als die Eisenbahn. In meinem ersten halben Jahr in Finnland fuhr ich nur Bus. Weil es nicht anders ging – von der Forschungsstation im mittelfinnischen Nirgendwo in die nächstgelegene 60 km entfernte Stadt oder am Wochenende zu meiner finnischen Gastfamilie in den nächstgrösseren Ort – aber auch, weil es die preiswerteste Möglichkeit für weitere Reisen war, denn Studenten zahlten nur den halben Fahrpreis. Unvergessen die fünf Stunden Busfahrt von Rovaniemi nach Inari über vereiste Strassen und durch dick verschneite Wälder, die ich mit dem Ähämann gleich nach dem Milleniumsjahreswechsel machte, weil wir wissen wollten, wie es ist, wenn die Sonne den ganzen Tag nicht aufgeht. In Sodankylä und in Ivalo konnte man aussteigen, sich die Beine vertreten, einen Kaffee trinken und seinen Reiseproviant im Supermarkt aufstocken, während der Busfahrer Briefe und Pakete ein- und auslud. Sonst hielt der Bus alle halbe Stunde irgendwo an der Strasse, jemand stieg aus und verschwand irgendwohin in die Nacht.

Der Turkuer Busbahnhof.
Offenbar haben die Turker ein Faible für runde öffentliche Gebäude. Die furchtbare Akustik stört nicht, da der Turkuer ja nicht redet.

Seit wir in Turku wohnen, bin ich nur noch alle paar Jahre mal Überlandbus gefahren. Wir wohnen hier an zwei wichtigen Zugstrecken, und Zugfahren ist ja sowieso schöner, erst recht mit kleinen Kindern. Und ohne Studentenrabatt ist Busfahren auch nur noch unwesentlich preiswerter als Zugfahren. Also normalerweise. Als ich vor ein paar Wochen wie im letzten Jahr Zugtickets nach Tampere kaufen wollte, gab es keine Spartickets, und nach einiger Rumprobierei mit verschiedenen Daten hatte ich herausgefunden, dass es offensichtlich in der Skiferienwoche überhaupt keine Spartickets gibt. Tja, und so fuhren wir seit langer Zeit mal wieder Bus. Onnibus, weil oben in der ersten Reihe zu sitzen fast so schön ist wie Zugfahren. Zwar ist der Onnibus nicht mehr ganz so preiswert wie in den ersten Jahren, aber dafür muss man jetzt nicht mehr um die besten Plätze rennen, denn wie bei der Bahn gehört eine Sitzplatzreservierung jetzt zum Fahrpreis. Für die Plätze in der ersten Reihe zahlt man zwar einen kleinen Aufpreis, aber das war es uns wert, und ausserdem war der Fahrpreis für uns auch damit immer noch nicht mal halb so teuer wie die Zugtickets gewesen wären, und so schaukelten wir zwei Stunden mit bester Aussicht über die Landstrasse – dem Ähämann hinterher, der dreieinhalb Stunden früher schon mit seinem Monatsticket einen Zug nach Tampere bestiegen hatte.

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Zeitverbringdings.

Weil es regnete und wir nach einem späten Mittagessen mit dem Ähämann noch ein bisschen Zeit rumzubringen hatten, während der Ähämann noch ein bisschen arbeiten musste, gingen wir ins Arbeitermuseum. Das ist perfekt für solche Gelegenheiten, denn der Eintritt ist kostenlos und man kann da auch für eine halbe Stunde hingehen. Das Museum befindet sich in einem Teil der ehemaligen Finlayson-Baumwollspinnerei, und man kann dort zum Beispiel Helene und Marie besuchen, zwei Schweizer Dampfmaschinen, die seinerzeit ein gewaltiges Schwungrad und damit alle Maschinen in der Fabrik antrieben. Oder sich ein kleines Stadtmuseum angucken. Oder eine Ausstellung über die jüngere finnische Geschichte seit der Unabhängigkeit. Wir waren am Ende jedenfalls wieder viel länger dort als geplant.

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Geschichtsunterricht.

Für mich am beeindruckendsten war diesmal eine kleine, unscheinbare Sonderausstellung mit Fotos vom Baltischen Weg. Am 23. August 1989, genau 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, fanden sich über eine Million Lithauer, Letten und Esten zu einer 600 km langen Menschenkette, die lückenlos über alle drei baltischen Staaten reichte, zusammen, um für ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu demonstrieren.

Ich hatte davon noch nie vorher gehört. Alle Welt guckte damals ja nach Ungarn. Und nach Berlin.

Man lernt nie aus.

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Gesunde Ernährung.

Abendbrot im Waffelcafé.


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Skiferien 2020, Tag 2

Am zweiten Ferientag machten wir eine Radtour.

Die Sonne schien, es waren sieben Grad, und der letzte Wind, mit dem Dennis weiterzog, fühlte sich ganz frühlingshaft lau an. im Vorgarten blühen das Sisu-Glöckchen und die Krokusse. (Am Fluss gibt es sogar die erste Kirschblüte zu bewundern!) Eigentlich sollten jetzt -20°C sein, Mitte Februar.

Das Fräulein Maus hatte einen Augenarzttermin im Stadtzentrum, und wir beschlossen spontan, mit den Fahrrädern hinzufahren. Vorher statteten wir noch, nachdem wir die Räder umständlich einmal durch überdachte Behelfsfusswege rund um die Grube geschoben hatten, dem Markt einen Besuch ab – in der Hoffnung, dass vielleicht doch der eine oder andere Blumenverkäufer wieder da ist. Mein Lieblingsblumenmann war tatsächlich da, und wir erstanden zwei Narzissen und zwei Träubchen im Topf, um das vergammelte Heidekraut in den Blumentöpfen vor der Haustür zu ersetzen. Sollte der finnische Winter sich doch noch besinnen – was ich nicht glaube – ist das Risiko gering: es sind diese kleinen Narzissen, die mindestens 10 Grad Frost aushalten. Und kälter wird es garantiert nicht mehr dieses Jahr – wie denn auch, wenn weder Meer noch Boden ordentlich gefroren sind?!

Der Augenarzttermin war übrigens völlig für die Katz. Die Stadt Turku schliesst manchmal, wenn sie mit ihren eigenen Ärzten nicht hinterherkommt, Verträge mit privaten Ärzten, zu denen man dann zu den gleichen Bedingungen wie in die städtische Poliklinik gehen kann. Prima daran war nur, dass wir quasi sofort einen Termin bekamen. Ansonsten hat der Privataugenarzt nichts weiter gemacht als den Sehtest der Schulschwester wiederholt – sowieso hielt er das Fräulein Maus, uns Eltern, die Schulschwester sowie die Schulärztin, die die Überweisung ausgestellt hatte, ganz offensichtlich alle zusammen für Simulanten. Das nächste Mal möchte ich bittedanke wieder in die städtische Poliklinik – dort wird man unter Anderem beim Augenarzt, bei dem ich schon zweimal mit dem kleinen Herrn Maus war, nämlich nicht nur gründlichst, sondern auch freundlich untersucht und behandelt. Grmpf.

Hinterher gingen wir zum Mittagsbuffet zum Lieblingschinesen, wegen dem wir übrigens zu keinem anderen Chinesen mehr gehen können, weil es bei allen anderen gleich und jede Speise nach Chinagewürz schmeckt.

„Das war aber eine schöne Frühlingsradtour!“, sagte das Fräulein Maus, als wir wieder zu Hause waren. Immerhin.


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Skiferien 2020, Tag 1

In Woche 8 sind in Turku …äh… Skiferien. Theoretisch.

Am ersten Ferientag gingen wir in die Schwimmhalle.

Es war zum Glück gar nicht so voll wie befürchtet. Vermutlich sind viele doch im Urlaub in Lappland beziehungsweise in Thailand oder auf den Kanaren. Apropos. Es gab ja neulich ein grosses Volksbegehren für die Einführung einer Flugsteuer in Finnland. Allerdings hat das Parlament den Vorschlag abgelehnt: Finnland wäre sowieso viel zu isoliert, und ausserdem dürfe es nicht sein, dass Fliegen ein Privileg der Reichen ist. Ich habe einmal empört geschnaubt und dann laut gelacht. Ich zum Beispiel möchte in Wintern wie diesem gern mal wieder nach Lappland fahren. Umweltfreundlich mit dem Zug, wohlgemerkt. Nun habe ich aber einen Job, von dem ich ausserhalb der Ferien nur schlecht weggkann, und in den Ferien kosten sowohl die Zugfahrt als auch das Mökki, beides sowieso schon nicht billig, das Dreifache. Wo bitte ist meine Lobby, die sich dafür einsetzt, dass ich zu erschwinglichen Preisen Zug fahren kann?!

Die Kinder vergnügten sich mit diversen Schwimmmatten auf der einen Hälfte des 25-m-Beckens, während ich auf der anderen Hälfte Bahnen zog. Zwischendurch kam der kleine Herr Maus unter der Absperrung durchgetaucht, kraulte wie ein geölter Blitz 25 m hin und 25 m wieder zurück und tauchte zu seinen Geschwistern auf die andere Hälfte zurück, noch ehe ich ihn richtig gesehen hatte. (Die Kinder bezeichnen meinen Schwimmstil liebevoll als Mummorinta, also Oma-Brustschwimmen. Ich euch auch.) Dann wurde ins warme Wellnessbecken gewechselt und später, als der Sprungturm für eine halbe Stunde aufgemacht wurde, ins Sprungbecken. Der kleine Herr Maus machte Köpper vom Dreier und sprang unerschrocken vom Zehner. Zwischendurch gingen wir dreimal in die Sauna zum Aufwärmen. Und danach ins Vier-Grad-Becken, obwohl zumindest mich das echte Überwindung kostet – viel mehr, als ins zugefrorene Meer oder einen zugefrorenen See zu steigen.

Unsere Schwimmhalle hat übrigens seit der letzten Renovierung acht Schwimmbecken, die jeder den Namen eines der sieben Brüder aus Aleksis Kivis berühmtem Roman tragen – plus Venla, die sie alle sieben anhimmeln, die den Ältesten aber erst erhört, nachdem sich die Brüder ausgetobt und zu sittsamen Menschen geworden sind. Die Schwimmhalle steht nämlich in einer Gegend Turkus, die Impivaara heisst – am Fusse des gleichnamigen Hügels befindet sich im Roman der Hof der sieben Brüder.

Nach drei Stunden derlei Sport und Kultur waren wir sehr froh, dass der Ähämann Turkuarbeitstag hatte und zu Hause für uns schon gekocht hatte. Müder und hungriger hätten wir auch nach einer Skitour nicht sein können.