Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Reiserückblick: Langsam reisen

Den Floh hatte uns vor drei Jahren ein deutsches Ehepaar, das wir auf einem norwegischen Zeltplatz trafen, ins Ohr gesetzt.

Bis dahin hatte ich geglaubt, nach Island käme man als Tourist nur mit dem Flugzeug, aber sie berichteten uns von der Fähre, die einmal pro Woche in 48 Stunden von Norddänemark nach Island fährt und mit der sie mit ihren drei Kindern und ihrem Wohnmobil schon mehrmals gefahren waren.

Seit wir in Finnland wohnen, sind wir daran gewöhnt, dass jede unserer Reisen auf dem Meer beginnt. Dass jede unserer Reisen immer einen Grossteil „Der Weg ist das Ziel“ beinhaltet. Für mich ist tatsächlich die Welt nicht durch die Möglichkeit des Fliegens kleiner geworden, sondern seit der Ähämann und ich mit dem Auto, erst ohne und dann auch mit den Kindern, kreuz und quer durch Europa reisen: von Deutschland nach Tunesien, von Finnland in die Schweiz, über Schweden nach Ungarn, durchs Baltikum in die Slowakei. Man muss nicht fliegen, um weiter als bis ins Nachbarland zu kommen. Das muss einem in der heutigen Zeit ja auch erstmal klar werden.

Ich fliege gern: weil ich Flugzeuge toll finde. Aber ich reise nicht gern mit dem Flugzeug: aus Klimaschutzgründen, weil es zu fünft nahezu unerschwinglich ist, weil man am Zielort dann sowieso in den meisten Fällen noch ein Mietauto braucht, weil man mit dem Flugzeug nicht genug Krempel – schon gar kein Fünf-Personen-Zelt plus Zubehör! – transportieren kann. Und weil mir beim Fliegen das Gefühl für Entfernungen fehlt. Nach dem Fliegen fühle ich mich immer ein bisschen orientierungslos, ein bisschen wie an einem unbekannten Ort gestrandet.

Vier Nächte und drei Tage lang von Finnland nach Island zu reisen fühlte sich der Entfernung angemessen an. Als wir eine Woche später am westlichsten Punkt Islands standen, waren wir schliesslich fast in Grönland!

Für ein paar Stunden allerdings dachten wir, Schifffahren sei vielleicht doch eine Schnapsidee gewesen. Ich bin noch nie seekrank geworden – auch nicht bei der stürmischen 24stündigen Überfahrt von Genua nach Tunis oder im Herbststurm auf der Ostsee zwischen Helsinki und Rostock – aber die „Norröna“, kleiner als unsere Schwedenfähren, fing sofort hinter der Hafenausfahrt in Hirtshals mit dem Schaukeln an – und zwar nicht so ein bisschen hin und her oder auf und ab, sondern eher so achterbahnmässig – und in Verbindung mit Schlafmangel, zu wenig Frühstück und zu allem Überfluss einer Kopfschmerztablette auf nahezu nüchternen Magen war das dann doch zu viel. Dem Rest der Familie ging es auch nicht besser. Wir waren jedoch so müde, dass wir den Grossteil des Nachmittags, Abends und der Nacht einfach verschliefen.

Am nächsten Morgen überliess uns eine deutsche Familie eine ihrer zahlreichen Reisetablettenpackungen – etwas, woran wir, obwohl uns durchaus bewusst war, dass es auf dem Nordatlantik schaukeln würde, schlicht nicht gedacht hatten, weil wir sowas erstens noch nie gebraucht hatten und zweitens in Finnland noch nie auch nur eine einzige Werbung für Reisetabletten gesehen hatte. Die Tabletten und ein ordentliches Frühstück im Bauch halfen jedenfalls schnell, worauf wir den Rest der Reise wieder geniessen konnten.

Beim Frühstück, nach 21 Stunden Fahrt, tauchte Schottland auf. Gewaltige grüne Inseln. Und die ersten Basstölpel segelten neben dem Schiff her. (Da hatten wir freilich noch nicht recherchiert, um was für Vögel es sich handelte. Der grosse Herr Maus taufte sie einstweilen sehr passend Jetmöwen.)

Was man alles verpasst, wenn man fliegt…!

Als die letzte schottische Insel wieder hinterm Horizont verschwunden war, erfreuten wir uns noch lange an den das Schiff begleitenden Jetmöwen. Und an der Sonne und den hundert verschiedenen Blautönen von Wasser und Himmel. Und fast ein bisschen auch an der Schaukelei. Ich zumindest.

Abends hatte die Schaukelei kurzzeitig ein Ende: die Fähre legte für eine halbe Stunde in Tórshavn, der Hauptstadt der Färöerinseln, an. Über dem Hafen hing ein vollständiger Regenbogen, und ich hatte Herzchenaugen: so weit draussen, und plötzlich taucht da wieder eine bewohnte Gegend auf!

In der Nacht und am nächsten Morgen schaukelte es nicht weniger als vorher, aber keiner von uns wurde mehr seekrank. Als Island am Horizont auftauchte, als die ersten schneebedeckten Berge unsere Herzen hüpfen liessen und wir in Seyðisfjörður einliefen, hatte ich eine Ahnung, wie sich die frühen Entdecker gefühlt haben müssen, wenn nach Wochen auf See ein unbekanntes Land, ein neuer Kontinent auftauchte.

(Vor dem Landgang mussten wir allerdings noch an Bord unseren Coronatest absolvieren, dessen Ergebnis uns noch am gleichen Abend per App mitgeteilt wurde.)

Island schwankte übrigens noch zwei Tage lang unter unseren Füssen.

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Auf der Rückfahrt fühlten wir uns auf der „Norröna“ schon fast zu Hause. Wir erlebten fünf Meter hohe Wellen auf dem Nordatlantik, die das Schiff wie ein grosses Schaukelpferd auf und ab bewegten, und eine nahezu langweilig glatte Nordsee. Wir sahen einen Wal gleich neben dem Schiff! Nachmittags sassen wir in einer heissen Badewanne auf dem Oberdeck, während wir am Leuchtturm von Muckle Flugga vorbeifuhren. Und beim Abendessen nahmen wir alle paar Bissen das Fernglas zur Hand und bestaunten gigantische norwegische Bohrinseln.

Die 46 gemächlichen Stunden Heimfahrt auf der „Norröna“ halfen auch beim Abschiednehmen von Island, das uns überraschend schwer fiel. Es war dann auch durchaus passend, dass wir mit dem Löwen Balthasar die Letzten waren, die von Bord rollten.


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Reiserückblick: Reisen in Zeiten von Covid-19

In diesen Zeiten muss man schnelle Entscheidungen treffen.

Wir hatten uns, nachdem unsere eigentlichen Urlaubspläne, dieses Jahr zum Glück eher unspektakulär, wegen Corona ins Wasser gefallen waren, schon darauf eingestellt, die Sommerferien in Finnland zu verbringen. Ganz eventuell, wenn die Situation es zuliesse – die finnische Regierung hatte von vornherein angekündigt, dass sie über die Lockerung der Reisebeschränkungen länderspezifisch je nach Entwicklung der jeweiligen Infektionszahlen entscheiden würde – dürften wir gegen Ende der Ferien vielleicht sogar nach Estland fahren.

Wir genossen den heissen Juni in Finnland, als alle anderen noch arbeiten gingen und die Ausflugsziele so leer waren wie im November. Und dann ging alles ganz schnell: Mitte Juni entschied die finnische Regierung, dass wir in sechs Länder fahren dürften, ohne hinterher in Quarantäne zu müssen – nach Estland, Lettland, Litauen, Dänemark, Norwegen und Island.

Ich las dem Ähämann – wir sassen gerade im Abendsonnenschein an einem See auf dem Rückweg von Hämeenlinna – die Nachrichten vor, und wir guckten uns an und sagten beide: „Dann fahren wir nach Island!“

Es ist nämlich so, dass wir seit Jahren nach Island wollten. Aber wer fährt schon freiwillig im kurzen finnischen Sommer in ein Land, in dem der Sommer noch kürzer und kälter ist?! Deshalb wollten wir seit Jahren dann doch nicht nach Island.

Zwei Tage später hatte der Ähämann Tickets bei zwei verschiedenen Fährgesellschaften gebucht, die isländischen Einreisebestimmungen recherchiert sowie ein Telefonat mit der dänischen Polizei geführt. Zwei Wochen später fuhren wir los.

Klar, Reisen durch mehrere Länder war schon mal einfacher.

Wir gingen auf der „Grace“ auf schnellstem Weg vom Autodeck in die Kabine. Mit Maske auf.

Wir machten in Schweden nicht wie sonst Pause bei IKEA und Reiseproviantgrosseinkauf im Supermarkt. Wir hielten noch nicht mal an einer Raststätte an. Wir fanden ein abgelegenes Naturschutzgebiet samt Waldklo am Vätternsee für die erste Pause, und einen abgelegenen See für die zweite. Dort füllten wir auch das obligatorische Online-Einreiseformular für Island aus, bezahlten schon mal den Coronatest für uns Erwachsene (Kinder unter 15 müssen nicht) und luden uns die isländische Corona-Tracking-App herunter, die jeder Tourist benutzen muss.

Dann fuhren wir über die grosse Brücke und erlebten zwischen Brücke und Tunnel an einer Behelfs-Grenzstation unsere erste Grenzkontrolle nach 30 Jahren. (Abgesehen von den paar Pro-Forma-Grenzkontrollen bei den Reisen nach Estland, bevor Estland zum Schengen-Gebiet gehörte, und der Reise durchs Baltikum und Polen in die Slowakei mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus, deren Passbild, aufgenommen im zarten Alter von ein paar Wochen, sämtlichen Grenzbeamten ein Lächeln entlockte.) Das ausgelieferte Gefühl war sofort wieder da; noch dazu, wo wir in der Vergangenheit keine besonders guten Erfahrungen mit den Dänen gemacht hatten. (Man hatte uns dort unter Anderem mal 500 Euro Strafe pro Person – ja, auch für jedes Kind! – angedroht, weil wir aus Versehen eine halbe Stunde zu früh in einen Regionalzug zwischen Kopenhagen und Lund gestiegen waren, was damit endete, dass wir Hals über Kopf in Malmö aus dem Zug flüchteten und schon dort in den Schnellzug nach Stockholm stiegen, was für die schwedische Bahn übrigens – „Das ist uns doch egal, ob ihr in Malmö oder in Lund umsteigt!“ – überhaupt kein Problem darstellte.) Der dänische Grenzbeamte aber war einer der netten Sorte, wollte weder Pässe noch Fährticket sehen und winkte uns nach einem kurzen Wortwechsel – „Ihr seid aus Finnland?“ „Ja.“ „Ihr könnt weiterfahren!“ – einfach durch.

Die dänischen Coronabestimmungen finde ich übrigens auch eher fragwürdig. Man darf derzeit entweder nur durchreisen – ohne die Möglichkeit irgendwo zu übernachten; auf dem Rückweg wurden wir bei der Einreise auch gleich prophylaktisch angeranzt, wir dürften ausschliesslich zum Tanken anhalten – oder man muss sechs Nächte bleiben. Das war eine der Sachen, die wir ohne Corona entspannter hätten haben können – dann hätten wir noch eine Zwischenübernachtung in Dänemark eingeschoben. So blieb uns nur, ein paar Stunden im Auto zu schlafen. Wir putzten unsere Zähne an einer Tankstelle, fanden einen netten Parkplatz am Skagerrak, machten es uns mit Kissen leidlich bequem und schliefen alle fünf in unseren Sitzen von kurz nach Mitternacht bis gegen halb sechs. Das war besser als erwartet. Und früh um sechs ganz allein im Morgenlicht in den Dünen und am Strand zu sein war wunderschön.

Die Rückreise gestaltete sich ähnlich kompliziert. Statt einer Zwischenübernachtung fuhren wir einfach die 1000 km und die Nacht durch. (Unerwarteterweise gab es noch eine Grenzkontrolle in Schweden, die aber sehr nett verlief: „Ihr seid eine Familie? Keine Hunde und Katzen dabei?“, wurden wir auf Schwedisch gefragt und dann lachend durchgewinkt.) Zum Glück wurde es erst kurz vor Mitternacht dunkel und schon gegen zwei wieder hell. Und ich habe noch nie so eine leere Autobahn erlebt. (Und die schwedischen Autobahnen sind immer leer!) Dann nahmen wir die Morgen- statt der Abendfähre von Stockholm, gingen noch im Hafen schlafen und schliefen bis Åland durch.

Dieses Jahr und genau jetzt nach Island zu fahren war trotzdem die beste Entscheidung des Jahres.

Auch deswegen, weil der finnische Sommer aufhörte, als wir wegfuhren. Und weil es nie wieder so leer sein wird in Island wie in diesem Sommer. Schon in unserer zweiten Woche dort war es deutlich voller als in der ersten. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie es ist, wenn die normale Anzahl an Touristen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zieht…!

Demnächst wird’s hier jedenfalls viel Reiserückblick und viele Fotos geben.
Wenn ich ein paar Wäscheberge abgetragen habe.


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Skiferien 2020, Tag 4

Am vierten Ferientag gingen wir im See baden.

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Sightseeing.

Zunächst aber begannen wir den Tag mit Sightseeing. Ich bin ja nicht der Meinung, dass man in jede Kirche reinmuss. Aber den Dom von Tampere wollte ich den Kindern schon lange mal zeigen. Aus Gründen.

Der Dom, anders als ehrwürdige Sakralbauten anderswo, wurde erst 1902-1907 gebaut und ist eigentlich unserer  KitschkircheMikaelinkirkko sehr ähnlich. Aber was wirklich, wirklich sehenswert ist, sind die Gemälde im Dom!

Die wunderlichen Interpretionen der biblischen Geschichten in den Wandgemälden von Hugo Simberg nämlich: Die Schlange aus dem Paradies, die von der Decke guckt, mit kleinen Fledermausflügelchen, den Apfel noch im Mund, die aber von Engelsflügeln umgeben ist und niemandem mehr schaden kann. Die zwölf nackigen – wo gibt’s denn sowas in einer Kirche?! – Jungs, die die Apostel darstellen sollen und gleichzeitig ganz normale Leute, die jeder auf seine Art die Bürde ihres Lebens – ein Gewinde aus Rosen, Blättern und Dornen – tragen. Die sanftmütigen Tode im Garten des Todes. Und der berühmte Verwundete Engel.

Und auch das Altargemälde von Magnus Enckell, das keinen Jesus am Kreuz – überhaupt keinen Jesus! – zeigt, sondern die Auferstehung der Toten.

Nichts davon ist im biblischen Palästina angesiedelt. Für die Gemälde standen Kinder und Erwachsene aus Tampere Modell, im Hintergrund der Landschaft, durch die der verwundete Engel getragen wird, stehen zwei grosse Fabrikschornsteine, und neben dem brennenden Dornbusch fliegt eine Elster. Das gefällt mir alles sehr.

Weil Tampere nach Mailand, Paris und Brüssel die vierte Stadt in Europa war, in der elektrisches Licht eingeführt wurde, wurde der Dom nicht mit Kronleuchtern, sondern einfach mit nackten Glühbirnen ausgestattet. Wo die doch damals der neueste Schrei waren!

Sogar die Teenagerin, die vorher ein bisschen gemotzt hatte, wozu wir denn eine Kirche angucken müssten, stand andächtig vor den Wandgemälden. Und der grosse Herr Maus gab uns den Fremdenführer, denn er hatte das alles schon im Religionsunterricht durchgenommen.

Neu gelernt habe ich diesmal: die drei Glocken des Doms wurden in Apolda gegossen! Und da wäre ich fast ein bisschen rührselig geworden.

(Ich hatte mal ein Schlittenglöckchen aus Apolda.)

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Spielplatztourismus.

Immer noch besuchen wir keine Stadt, ohne nicht wenigstens einem ihrer Spielplätze einen Besuch abgestattet zu haben.

Der kleine Herr Maus beförderte mich mit Schiff, Eisenbahn und Bus in die Malá Fatra. „So, angelegt!“, rief er nach dem ersten Teil der Reise. „Angelegt!“, piepste der zweijährige finnische Junge, der uns auf Schritt und Tritt folgte. Ich hatte ein Déjá-vu.

Dann wechselten wir auf den Teil für grössere Kinder, wo man unter Anderem möglichst schnell Rechenaufgaben lösen und zur richtigen Lösung springen muss. Ich bin kläglich gescheitert. Zwar bin ich längst aus dem Stadium hinaus, in dem ich mir finnische Sätze erst übersetze bevor ich sie verstehe oder mir erst deutsche Sätze zurechtlege bevor ich etwas auf Finnisch sage – aber Rechnen auf Finnisch kann ich nicht.

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Saunatourismus.

Vor ein paar Jahren suchte ich ein Video übers Eisbaden. Schliesslich fand ich eins, das so unspektulär wie schön ist und die Stimmung in so einer finnischen Eisbadesauna perfekt wiedergibt. Es war jetzt nicht so, dass ich seitdem unbedingt mal da hin gewollt hätte, aber als wir überlegten, in welche Sauna wir in Tampere diesmal gehen könnten, fiel mir das Video wieder ein, und die Wahl fiel auf das 1929 am Ufer des Näsijärvi errichtete „Volksbad“.

Schnee und Eis allerdings muss man sich leider wegdenken.

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Wir fuhren nach des Ähämanns Arbeit mit dem Bus hin und schafften es gerade noch rechtzeitig zur blauen Stunde. Und hach, dieses goldene, weiche Seewasser…!


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Anschauungsunterricht Erneuerbare Energie

Was uns alle fünf immer wieder von neuem fasziniert, wenn wir in Deutschland sind, sind die Windkraftanlagen. Besonders im Norden, wenn wir gerade erst angekommen sind und die Windräder in riesigen Gruppen rechts und links der Autobahn stehen und mit den Armen wedeln. Oder wenn an der Autobahnraststätte auch ein Tieflader mit riesigen Rotorblättern drauf Pause macht.

Diesmal ergab es sich so, dass wir die erste Nacht in Deutschland woanders schlafen mussten als den Rest des Urlaubs. Neben vier grossen Windrädern. „Morgen will ich da hingehen!“, verkündete der kleine Herr Maus. Nach zwei Tagen im Auto tat ein Spaziergang an frischer Luft sowieso not, und ausserdem muss man so einem finnischen Kind ja auch endlich mal zeigen, wie so ein Windrad ganz aus der Nähe aussieht!

Es war ein Tag mit einem dieser Stürme, die es ja jetzt leider öfter gibt, und wir mussten uns mit aller Kraft gegen den Wind anstemmen, um überhaupt auf freiem Feld voranzukommen. Wir klappten trotz der Anstrengung alle Krägen und Kapuzen hoch, weil uns schon nach ein paar Schritten die Ohren wehtaten. Unterm Windrad legten wir uns auf den Rücken und guckten fasziniert zu, wie die riesigen Rotorblätter sanft rauschend über uns hinwegzogen.

Ich mag die Dinger übrigens wirklich. Sehr. Und die allgemeine Verweigerungshaltung macht mich einfach nur wütend und sprachlos. Hier in Finnland hörte ich einmal, Windkraft sei ja schön und gut und in Norddeutschland würden sich die Windräder ja auch ganz schön machen, aber in die finnische Landschaft mit ihren Wäldern passten sie einfach nicht. Die Frage ist nur, was von den finnischen Wäldern dann noch übrig ist, wenn hier erstmal mediterranes Klima herrscht. Oder arktisches, je nachdem, welches der möglichen Szenarien eintreten wird. Himmelherrgottnochmal!

Ein paar Tage später gingen wir den Kindern dann noch zeigen, wie man sehr simpel Energie speichern – zum Beispiel die, die an Sturmtagen produziert, aber nicht komplett gebraucht wird – und bei Bedarf wieder freisetzen kann. Zwischen zwei Weihnachtsmärkten machten wir einen Abstecher zum Pumpspeicherwerk Markersbach, das ich, in seiner Nähe aufgewachsen, immer für eher klein gehalten hatte, das aber tatsächlich eines der grössten Pumpspeicherwerke in Europa ist. (Im kleinen Erzgebirge! Wo es doch auch in Norwegen und in der Schweiz welche gibt!)

Die Dammkrone des Oberbeckens durfte man leider nicht betreten, denn es hatte ein paar Krümel geschneit und es war aus Sicherheitsgründen alles verriegelt und verrammelt. Dafür ist die Staumauer des Unterbeckens eine der wenigen in der Gegend, über die man drüberlaufen darf. Manchmal darf man auch in die Maschinenkaverne, aber es gibt dafür keine regelmässigen Termine.

Das Wasser war übrigens gerade unten.


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Reiserückblick (2): Rote Dächer

Zwischenstopp machten wir auch in diesem Jahr in der liebsten Lieblingsstadt.

Wir schliefen aus, frühstückten in aller Ruhe, wuschen schnell nochmal ein bisschen Wäsche und liessen es überhaupt sehr ruhig angehen.

Wir bestiegen keinen Turm und gingen in keine einzige Kirche. Aber wir fuhren Metro und Strassenbahn und hielten uns – es war wunderbar heiss! – in Parks und Gärten, vornehmlich solchen mit Aussicht auf rote Dächer, auf.

Und am nächsten Tag konnten wir die letzten 500 km der insgesamt 2000 km weiten Reise ausgeruht in Angriff nehmen.


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Reiserückblick (2): Im Irrgarten

Unser Urlaub stand diesmal unter dem Motto: Wir besuchen alle Plätze in Mitteleuropa, die uns lieb sind und an denen wir schon lange nicht mehr waren.

Damit kann man natürlich auch schon auf der Reise anfangen, denn der Weg ist ja bekanntlich das Ziel, und wenn man früh um sechs schon in Rostock ankommt und dann nur 450 km zu fahren hat bis zur ersten Station der Reise, dann hat man ja auch reichlich Zeit.

Man kann zum Beispiel die Elbe statt über eine Autobahnbrücke mit einer kleinen Strömungsfähre überqueren. Diesmal den Wörlitzer Park aber links liegen lassen und stattdessen den nahe gelegenen Irrgarten ansteuern.

Die Kinder wollten ja nicht glauben, dass der wirklich gross und schwierig ist. Man könne da doch sicher sowieso über die Hecken drübergucken! (Kann man nicht. Die sind zwei Meter hoch.) Und wir mögen sie doch bitte allein laufen und sich voreinander verstecken lassen! (Aber bitte, gern. Ein jeder muss schliesslich seine Erfahrungen selber machen.) Denn nur so ein bisschen den Weg zur Aussichtsplattform in der Mitte suchen, das sei doch total langweilig!

Nun. Nach einer Viertelstunde trafen wir uns nach und nach alle wieder. Bis auf den grossen Herrn Maus, dem wir am ehesten einen Panikanfall zugetraut hätten, der aber unbeirrt allein weitersuchen wollte und schliesslich tatsächlich als Erster den Weg zur Aussichtsplattform fand und dort dann geduldig auf uns wartete und versuchte, uns von oben zu dirigieren, schlossen wir anderen vier uns letztendlich doch als Grüppchen zusammen und liefen gemeinsam. Es gibt fast anderthalb Kilometer Wege im Irrgarten, kein einziger ist eine Sackgasse, und je nach Glück und Gedächtnis kann man lange, sehr lange immer wieder im Kreis laufen, bis man den richtigen Weg findet. Wir haben diesmal über eine Stunde gebraucht und sind bestimmt insgesamt fünf Kilometer gelaufen.

Kann jedes Maislabyrinth einpacken gegen so einen 300 Jahre alten Irrgarten!


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Urlaubsrückblick (6): Nomadenleben

Ich bin nicht so der übermässig begeisterte Camper. Ich käme nie auf die Idee, Urlaub auf dem Zeltplatz zu machen – aber für diese Art Urlaub, wie wir ihn gerade gemacht haben, gibt es nichts besseres, als einfach ein Zelt dabeizuhaben und in der Wahl der Übernachtungsorte völlig frei zu sein.

Ich hatte vorher zweierlei Bedenken: ob mir das tägliche Ein- und Auspacken nicht schon am zweiten Tag fürchterlich zum Halse heraushängen würde, und ob die Kinder, die ja zu Hause mit Verdunkelungsrollo schlafen, in den hellen Nächten überhaupt ein Auge zutun würden.

Beide Bedenken erwiesen sich als völlig unbegründet. Nach zwei Tagen hatten wir raus, wer am besten welchen Handgriff übernimmt, und wo jede Kiste und jeder Beutel seinen besten Platz im Auto hat. Und die Kinder schliefen wie die Ratze. Weil wir selten vor elf ins Bett in den Schlafsack kamen, waren sie jeden Abend ruckzuck eingeschlafen, und ich war jeden Morgen die erste, die gegen neun oder halb zehn aufwachte.

Manche Nächte waren wir froh um die dicken Schlafsäcke und die langärmelige Wollunterwäsche, in anderen Nächten schliefen wir kurzärmlig und aufgedeckt. Jeden Morgen lagen die Kinder kreuz und quer im Zelt. Wir assen alle Mahlzeiten draussen und kochten nur selten. Wir trockneten unsere Wäsche in der Mitternachtssonne. Wann immer es ging, nahmen die Kinder Morgen- und Abendbäder in Seen und Fjorden. (Manchmal musste danach ein Feuer zum Wärmen angezündet werden.) Sie freundeten sich mit sämtlichen deutschen Kindern an, die wir unterwegs trafen, und sie machten Luftsprünge, wenn wir wieder einen Zeltplatz mit Trampolin fanden.

Wir trafen unheimlich nette Leute. Das deutsche Ehepaar, das uns nach der ersten Regennacht Kaffee aus ihrem Wohnmobil reichte. Den Polen, der sich nach zwanzig Jahren endlich einen Wunsch erfüllt hat und allein, weil seine Frau lieber Strandurlaub macht, mit dem Motorrad zum Nordkap unterwegs war. Die russische Familie, mit der wir uns auf Finnisch unterhielten. All die Radfahrer, die auch nach drei Tagen Regenwetter noch guten Mutes waren.

Manchmal schielten wir ein bisschen neidisch auf die Leute mit den Wohnmobilen: Nicht jeden Morgen komplett alles wieder zusammenpacken zu müssen! Unabhängiger vom Wetter zu sein! Aber dann dachte ich mir: Die müssen ihr Wohnmobil ja putzen! Die müssen ja aufräumen! Die müssen ja das Klo ausleeren! Noch nie habe ich mich, seit wir Kinder haben, so frei von allen alltäglichen Pflichten gefühlt wie in diesem Zelturlaub!

Zelten war wunderbar!


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Doppeltes Lottchen

„Kann ich auch mal allein mit dir verreisen?“, hatte mich das Fräulein Maus vor ein paar Monaten sehnsüchtig gefragt. „Mit dem Zug?! Vielleicht zu Pauline?!“

Es ist schon sehr schön, wenn nicht nur die Mütter, sondern auch die Töchter beste Freundinnen sind. <3

„Was willst du morgen machen?“, fragte Pauline, nachdem sich das Fräulein Maus und sie am Freitagabend am Bahnhof in die Arme gerannt waren, und setzte gleich hinzu: „Ich will Handstand machen.“ Damit war das Programm fürs Wochenende abgemacht.

Handstand Nr. 128. Auf Finnlands zweitgrösstem See.


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Ewige Dankbarkeit

Es gibt ja so Dinge, auf die wäre ich im Leben nicht von allein gekommen.
Auf dem Schiff nach einem Rausfallschutz zu fragen, zum Beispiel.

Als ich vor Jahrzehnten Jahren einmal allein mit den Kindern aus Stockholm zurückfuhr und mit dem sieben Monate alten kleinen Herrn Maus, den ich in der Trage vorm Bauch schleppte, dem drei Jahre alten grossen Herrn Maus, der vor lauter Erschöpfung nach einem langen Tag in der Babywanne des Kinderwagens hockte, und dem fünfjährigen Fräulein Maus, das sich brav am Kinderwagen festhielt, nach ungefähr zwanzigminütigem Warten vor dem Fahrstuhl endlich auf dem Deck, auf dem sich unsere Kabine befinden sollte, ankam, wurden wir von einer freundlichen Viking-Line-Mitarbeiterin begrüsst und gefragt, ob wir ein Babybettchen bräuchten.

„Ach nein, danke!“, sagte ich. „Der schläft sowieso nur bei mir im Bett.“ „Oder einen Rausfallschutz für die beiden Grösseren?“, fragte die freundliche Viking-Line-Mitarbeiterin weiter.

Ein Rausfallschutz*…!

Ich weiss nicht, ob ich mir Gedanken gemacht hatte, wie wir in der Viererkabine – zwei Betten oben, zwei Betten unten – eigentlich schlafen wollten. Ich weiss auch nicht mehr, wie wir – mit dem Ähämann dabei – auf der Hinfahrt geschlafen hatten. Vermutlich der Ähämann oben mit dem grossen Herrn Maus, ich unten mit dem kleinen Herrn Maus und das Fräulein Maus unten alleine. Vermutlich hatte mein Plan für die Rückfahrt irgendwas mit Hochklappen der unteren Betten und Ausbreiten der Matratzen auf dem Fussboden zu tun gehabt. Ich weiss es wirklich nicht mehr.

Ich weiss nur, dass ich unendlich freudig bejahte, einen Rausfallschutz würden wir gern nehmen. Dann könnten nämlich das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus gemeinsam unten „in einer Höhle“ schlafen und ich mit dem kleinen Herrn Maus in dem anderen unteren Bett, und wenn wir für das auch noch einen Rausfallschutz kriegten, dann müsste ich ihn nach dem zweiten nächtlichen Stillen noch nicht mal zurück auf die Wandseite bugsieren.

Bis heute bin ich der freundlichen Viking-Line-Mitarbeiterin dankbar, und bis heute fragen wir bei jeder Nachtfährfahrt als Erstes nach zwei bis drei Rausfallschützen, noch bevor wir die Kabine betreten. Das eröffnet nämlich auch bei grossen Kindern noch ganz neue Möglichkeiten: neuerdings wird nicht mehr so sehr darum gestritten, wer mit wem „in der Höhle“ schlafen darf, sondern wer – allein oder mit welchem Geschwisterkind – oben schlafen darf. Und ich habe jetzt schon einige Fährüberfahrten erlebt, bei denen ich mein Bett mit keinem einzigen Kind teilen musste!

(Irgendwann hatte ich die Schnapsidee, auch bei einer Überfahrt mit Stenaline oder TT-Line oder Scandlines oder wer auch immer die überteuerten Fahrten mit den räudigen Schiffen von Trelleborg nach Rostock anbietet, nach einem Rausfallschutz zu fragen. „Ein Rausfallschutz?!“, guckte mich der freundliche deutsche Mitarbeiter am Infoschalter entgeistert an. „Ein Babybett könnten wir Ihnen anbieten!“ (Da war der kleine Herr Maus vier!) „Naja, so ein Ding halt, was man unter die Matratze klemmt und was dann eben verhindert, dass das Kind aus dem Bett fallen kann…“, erklärte ich. „Nein, sowas haben wir leider nicht. Aber sowas ist an den oberen Betten ja auch dran…“ Ja, neee, danke. Dieser Minibügel wird unsere sich herumwälzenden Kinder leider nicht aufhalten. Aber immerhin sind jetzt alle gross genug, um wenigstens unten ohne Rausfallschutz auszukommen. Und oben geschlafen wird eben nur zwischen Stockholm und Turku.)


*Wir besassen und besitzen freilich einen Rausfallschutz für unsere Kinder. So einen ausziehbaren, den wir tatsächlich immer noch mit auf Reisen nehmen, denn man weiss ja nie. Aber auf eine Fähre haben wir ihn nie mitgeschleppt. Wer einmal drei Kinder, einen Kinderwagen, Klamotten für alle – ich bin da vielleicht ein bisschen paranoid, aber die Anoraks bleiben nicht im Auto, wenn wir Fähre fahren – und einen Rucksack mit den wichtigsten Utensilien für die Nacht durch ein vollgeparktes, enges Autodeck manövriert hat, der verzichtet auf jedes nicht unabdingbare Gepäckstück.