Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Reiserückblick (10): Heimwärts

Nicht wieder zurück nach Deutschland und durch Schweden, sondern durch Polen und das Baltikum heimzufahren, war eine der besten Entscheidungen der Reise.

Wir hatten das schon einmal gemacht, danach aber aus guten Gründen vermieden. Denn 2007, als wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum in die Slowakei und zurück fuhren, waren die zwei Tage, die wir zur Durchquerung Polens gebraucht hatten, der schlimmste Teil der Reise gewesen: es gab keinen Kilometer Autobahn in Nord-Süd-Richtung, stattdessen standen wir alle paar Kilometer in einem Dorf an einer roten Ampel. Der Verkehr war völlig verrückt: die Strassen waren voll, und selbst wenn wir auf der Landstrasse schon 10 km/h schneller als erlaubt fuhren, wurden wir noch von LKWs (!) überholt, und nicht nur einen sahen wir im Strassengraben liegen. Es war anstrengend, gefährlich, und wir kamen noch nicht mal voran.

Deshalb hatte mich die Aussicht, Balthasar den ersten Tag allein durch Polen fahren zu müssen – denn der Ähämann hatte das Essen am letzten Abend nicht vertragen und war nicht fahrtauglich –  nicht gerade freudig gestimmt.

Es war dann überraschend ok.

Es gibt nämlich jetzt Autobahnen in Polen! Moderne, oft sechsspurige Autobahnen, deren einziges Manko häufig auftretende Bodenwellen sind, die der mit Übelkeit kämpfende Ähämann und der schwer beladene Balthasar nicht lustig fanden, der Rest der Familie dafür umso mehr.  Die Strassen sind vermutlich noch voller als vor 15 Jahren. Aber: während in Deutschland die meisten Gefahrensituationen aus der Ellenbogigkeit der Autofahrer*innen und in Finnland aus der sklavischen Regelhörigkeit der Verkehrsteilnehmer*innen erwachsen, habe ich mich auf den polnischen Strassen diesmal sehr sicher gefühlt, weil sich dort zwar keine*r so recht um Verkehrsregeln schert und alle ein bisschen chaotisch fahren, dafür aber auch alle aufeinander Rücksicht nehmen. Fand ich wirklich prima. Und die LKWs fahren jetzt alle ganz zahm. Lag auch kein einziger im Strassengraben diesmal.

Ausserdem habe ich endlich in Erfahrung gebracht, was das für ein rotes Ding ist, das das polnische Mädchen über den Fussgängerüberweg trägt: es ist tatsächlich ein Lolli – wobei die Polizistenkelle auf Polnisch auch Lolli genannt wird. Und das Mädchen hat sogar einen Namen: es heisst Agatka. ♥

Wir übernachteten 50 km nördlich von Warschau in einem kleinen Hotel mitten im Wald. Es gab eine Hotelkatze, wir verständigten uns mit der Kellnerin auf Tschechisch (wir) und Polnisch (sie), was überraschend gut ging, und die Herren Maus bekamen an der Rezeption Tischtenniskellen und -ball für die auf der Terrasse aufgestellte Tischtennisplatte ausgehändigt. Der Ähäman trug zufällig sein Peace-T-Shirt und wurde deshalb von einem Ukrainer auf eine Zigarette eingeladen. (Er musste leider ablehnen.) Frühstück gab es auf der Terrasse. Fast wären wir nicht weitergefahren.

Am zweiten Tag fuhren wir abwechselnd Autobahn und idyllische Landstrassen und sahen ungefähr 2000 Störche.

Wir hofften sehr, wir müssten nicht in ein paar Wochen sagen: wisst ihr noch, damals, als wir die letzte Gelegenheit genutzt haben, zwischen Weissrussland und Kaliningrad die Grenze nach Litauen zu überqueren?!

In Litauen gab es zum ersten Mal wieder dieses magische, nordische Sommerabendlicht, und ich war doppelt froh, dass wir die ganze weite Reise gemächlich mit dem Auto gemacht hatten. „Wenn man zu schnell reist, mit dem Flugzeug, dann kommt zwar der Körper an, aber die Seele kommt nicht hinterher“, hatte ich neulich in einem Buch gelesen, und ich finde, das trifft es genau. Noch zwei Tage vorher hatte ich überhaupt keine Lust gehabt, zurück nach Finnland zu fahren, aber als wir in der Abendsonne an der Grenze zu Kaliningrad entlangfuhren, da war ich langsam so weit, da spürte ich zumindestVorfreude auf die finnischen Sommerabende.

Wir nahmen ein spontanes Abendbad in aufgestautem, goldenem, weichem Moorwasser, und da fiel mir auch wieder ein, dass zu Hause an dem Abend Mittsommer gefeiert wurde.

Erst nach zehn kamen wir im nordlitauischen Šiauliai an, was aber nichts machte, da auch in Litauen Mittsommer gefeiert wurde und alle Restaurants lange geöffnet hatten. Es war warm, hell, laut und voller fröhlicher Leute: als wäre es eine ganz andere Stadt als im Oktober.

23:30 Uhr. „Šiauliai leuchtet“. Aber wie!

Am nächsten Morgen Mittag hatten wir es gar nicht weit bis zu unserem ersten Ziel: der Berg der Kreuze befindet sich nur 12 km nördlich von Šiauliai.

Es ist eigentlich nur ein Hügel, auf dem im 19. Jahrhundert die ersten Kreuze zum Andenken an die bei einem Aufstand gegen das russische Zarenreich umgekommenen Litauer aufgestellt wurden, und auf dem heute zehntausende Kreuze stehen, hängen und liegen. Lange Zeit war der Berg nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch ein Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft. Mehrmals wurden zu Sowjetzeiten die Kreuze zerstört; doch immer wurden sofort neue errichtet.

Heute kann man selbst ein Kreuz mitbringen oder eins an den Buden beim Parkplatz kaufen; es gibt sogar ein umfangreiches Regelwerk zur Aufstellung von Kreuzen: sie dürfen zum Beispiel nicht höher als drei Meter sein.

Diese unvorstellbare Menge von Kreuzen ist jedenfalls sehr beeindruckend.

Eigentlich wollten wir später kurz den Markthallen in Riga einen Besuch abstatten, aber da das Auto sowieso voll war, wir schon unterwegs Mittag gegessen hatten und wir lieber noch eine Stunde an den Strand in Saulkrasti wollten, fuhren wir diesmal nur durch Riga durch. Mit offenen Autofenstern über die Daugava, weil ihr Moorgeruch so toll ist.

Letzte Übernachtung der Reise in Nordlettland. Letztes Mal Packtetris am Morgen.

Dann fuhren wir gemächlich – es war Sonntag und der Verkehr auf der Via Baltica erträglich – mit Zwischenstopp für ein Bad in der badewannenwarmen Ostee nach Tallinn zum Hafen.

Auf der Fähre erreichte unsere Kinder eine Nachricht der Nachbarskinder: „Wenn ihr aus Helsinki kommt, kommt doch kurz bei uns im Mökki zum Schwimmen vorbei! – Nein, das macht nichts, wenn es spät wird, wir gehen sowieso nie vor Mitternacht ins Bett! – Es ist wirklich ganz nahe an der Autobahn!“, und drei Kinder riefen „Bitte, Mami, bitte!“, und so kam es, dass wir abends um elf in einen orangen See sprangen und danach in die Sauna gingen und nochmal in den See sprangen und nochmal in die Sauna gingen und sechs Kinder und ein Hund fröhliches Wiedersehen feierten.

Schöner hätten wir nicht in Finnland wiederankommen können.


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Reiserückblick (6): im Osten

Es ist ja so: auf der Hinfahrt ist die Fährüberfahrt nach Stockholm, obwohl längst Routine, noch aufregend, ist sogar Brunch bei IKEA in Schweden ein kulinarisches Highlight, ist es ganz schön, mal wieder ein paar Tage in Deutschland zu verbringen. Aber richtig im Urlaub fühlen wir uns erst, wenn wir Deutschland Richtung Osten verlassen haben.

Zunächst aber machten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in meiner Geburtsstadt, bei meinen Eltern zwei weitere Fahrräder abholen, die sie nicht mehr benutzen, die aber das gleiche Modell sind, die der Ähämann und ich als Winterfahrräder fahren und trotz ihrer 20 Jahre auf dem Buckel noch moderner und besser ausgestattet sind als alles, was man hierzulande kaufen kann, und die jetzt die Jungs als Winterfahrräder bekommen werden. (Es war auch Plan B als Ganzjahresfahrrad, falls wir in Jena kein Fahrrad für den kleinen Herrn Maus bekommen hätten, und er war dann auch sehr begeistert, dass das ja gar kein „Omafahrrad“ ist, was er kriegen sollte.) Fortan fuhren wir also mit drei Fahrrädern auf dem Dach durch Europa.

Der Erzgebirgskreis wollte offensichtlich wiedergutmachen, dass er uns im Dezember die Urlaubspläne versaut hatte, und beglückte uns mit einer längeren, landschaftlich sehr hübschen Umleitung kurz vor der tschechischen Grenze.

(Weihnachtsberge und Pyramiden ein halbes Jahr eher wären uns trotzdem lieber gewesen.)

Dann aber fing der schönste Teil der Reise an.
Zunächst mit zwei Nächten und einem Tag dazwischen in Prag.

Seit wir die Kinder im Kindergartenalter mit unserer Lieblingshauptstadt bekannt gemacht und bei unserer ersten Sommerreise, bei der wir nicht nur einen, sondern alle unsere Lieblingsorte in Mitteleuropa besuchten, in Prag Zwischenstopp gemacht haben, fragen die Kinder bei jeder Reise, ob wir auch wieder nach Prag fahren können. Eins denkt dabei ans Metrofahren, eins an das leckere Essen in der Vorstadtkneipe, eins mag die Kleinseite und eins lieber den Wenzelsplatz. Es war Zeit für alles. Sogar für die Apostel an der Altstädter Rathausuhr. Auch für – warum hat jede osteuropäische, aber keine deutsche Ferienwohnung eine Waschmaschine?! – drei Maschinen Wäsche. Und für Auf-einer-Autobahnbrücke-stehen-und-den-Autos-zuwinken, wo die LKW-Fahrer nicht nur zurückwinkten, sondern hupten und lichthupten. Nur der Weg durch den Hirschgraben auf die Burg, von dem wir erst beim letzten Besuch in einem Reiseführer in der Ferienwohnung gelesen hatten und der damals angeblich gerade restauriert wurde, war immer noch gesperrt (und wird es vermutlich auch bleiben).

Dann aber: Richtung Berge.

Wie immer mit Mittagspause in Austerlitz und der von Jahr zu Jahr drängenderen Frage, wann die Menschheit endlich etwas aus all den sinnlosen Kriegen der Vergangenheit gelernt haben wird.

Hinter Slavkov beginnt mein Lieblingsabschnitt der Reise – obwohl die 200 km Autobahn von Prag nach Brno diesmal auch ok waren, weil es zum ersten Mal seit… 1989 vermutlich… keine einzige Baustelle gab – denn da fahren wir immer weitab von Autobahnen und Fernverkehrsstrassen durch liebliche mährische Landschaft, und am Horizont sind schon die ersten Ausläufer der slowakischen Berge zu sehen.

Der kleine Herr Maus hatte übrigens irgendwann während der Fahrt verkündet, er würde gleich abends noch zur Schafswiese laufen, notfalls alleine.

Aber nach drei Jahren ohne Berge und einem ganzen Tag im Auto brauchte es nicht viel Überredung.


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Im Schlaf reisen

Neulich sah ich irgendwo ein Werbevideo, ich glaube, von der EU, für Nachtzüge und dafür, wie praktisch das Reisen im Schlaf ist und wieviel Zeit das spart.

Und da ging mir auf, dass das für uns überhaupt nichts Exotisches (mehr) ist, sondern, seit wir in Finnland wohnen, ein ziemlich normaler Urlaubsanfang. Wenn wir nach Europa fahren, beginnen wir die Reise auf einer Fähre nach Stockholm, über Nacht.

Den Nachtzug nach Rovaniemi, der auch Autos transportiert, haben wir gleich in unserem ersten Winter in Turku für uns entdeckt. Bis die Kinder in die Schule kamen, sind wir jedes Jahr damit in den Winterurlaub nach Lappland gefahren, mit den ganz kleinen Kindern noch in den alten Schlafwagen und später mit den grösseren Kindern in den wunderbaren neuen Schlafwagen.

In Turku lädt man sein mit Skiern und Gepäck beladenes Auto in den Zug, lässt sich im Schlaf knapp 1000 km nach Norden schaukeln, kommt ausgeruht in Rovaniemi an, holt sein Auto aus dem Autowaggon und fährt entspannt die letzten 100 km bis an seinen Urlaubsort. (Das einzig Unentspannte ist, dass man im Winter sehr genau planen muss, was man im Auto lässt, weil nach der Nacht im unbeheizten Autowaggon alles, wirklich alles tiefgefroren ist. Wir lösen das Dilemma üblicherweise mit einem Lebensmittelgrosseinkauf in Rovaniemi direkt nach Ankunft.) Und am Ende kann man seinen Urlaub bis zur letzten Minute geniessen und am Montagmorgen direkt vom Bahnhof aus auf Arbeit und in die Schule gehen.

Teuer ist es auch nicht. Wenn man nicht gerade zur allerbeliebtesten Ferienzeit fährt und lange im Voraus bucht, können – ich habe das gerade eben nochmal gecheckt – vier Personen (in zwei Kabinen) und ein Auto für gerade mal 157 € von Turku nach Rovaniemi reisen. Okay, das hat diesmal bei uns *hüstel* nicht so ganz geklappt, aber die nächste Reise können wir dann hoffentlich auch wieder länger als die coronabedingten gerade mal drei Monate im Voraus buchen.

Jedenfalls waren wir alle sehr vorfreudig, nach sechs (!) Jahren – wie haben wir das nur ausgehalten?! – endlich wieder einen „Schlafzug“ zu besteigen und nach Lappland – in den Winter! – zu reisen.

Zuerst durfte Balthasar einsteigen. Ich hatte beim Ticketbuchen gesagt, dass wir keine Dachbox auf dem Dach haben werden, sehr wohl aber Skier, aber da die Frau ja noch nicht mal wusste, dass die Kabinen im Ober- und Untergeschoss der Schlafwagen unterschiedlich ausgestattet sind, hätten wir uns auch gleich denken können, dass der Autoplatz, den sie uns – „Ja, das passt!“ – buchte, eher nicht der richtige wäre. Der Verladetyp jedenfalls guckte kritisch auf die Skier auf dem Dach und schickte Balthasar nach oben – „Wird sich schon noch ein niedrigeres Auto finden, das mit euch tauschen kann!“ – obwohl für ihn unten ein Platz reserviert war.

Weil zwischen Autoaufladung und Zugabfahrt noch anderthalb Stunden Zeit waren, beschlossen wir, Turkus teuerstem und misslungenstem Bauwerk einen Antrittsbesuch abzustatten und von oben ein bisschen den Rangierarbeiten – Schlafwagen aus dem Depot auf Gleis 7, Autowaggons von Gleis 1 auf Gleis 7, Rangierlok ab, Meerschweinchen dran – zuzugucken.

Als die Rangierlok Richtung Autowaggons rollte, klingelte mein Handy: ob wir bitte doch nochmal zurückkommen und unser Auto nach unten fahren könnten, es wäre doch kein niedrigeres Auto mehr gekommen, zur Not müssten wir eben die Skier abnehmen. Es passte aber zum Glück. Gerade so. Mit Skispitzen nach unten.

Für die verliebene Dreiviertelstunde bis zur Abfahrt verzichteten wir auf weitere Ausflüge und guckten den Rangierarbeiten vom Bahnsteig aus zu.

Es ging dann auch holprig weiter.

Der Schaffner eröffnete uns direkt nach dem Einsteigen, dass die Toiletten in unserem Waggon nicht funktionieren würden und auch bis zum Ende der Reise nicht repariert werden könnten.

Wir hatten ja zugunsten zweier verbindbarer Kabinen sowohl auf das Reisen im Obergeschoss als auch auf Kabinen mit eigener Dusche und Toilette verzichtet – Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das gegangen sein soll, die letzten beiden Male mit fünf Personen in einer Zwei-Bett-Kabine…! – und waren entsprechend wenig begeistert.

Andererseits, da ja eben die Kabinen im Obergeschoss eigene Toiletten haben und sich unten zwei Toiletten befinden, müssen sich maximal acht Leute eine Toilette teilen, und so musste man weder anstehen, noch waren die Klos schon nach einer Stunde total eingesaut.

Du weisst, dass du in Finnland bist, wenn sich ein Töpfchen neben der Erwachsenentoilette befindet.

Ausserdem hatten wir einen Besuch im Speisewagen geplant.

Die finnische Bahn hat nämlich ein eigenes Bier mit dem hübschen Namen „Schienen-Bier“ in einer noch hübscheren Dose. (Es wird übrigens in der nahegelegenen kleinen Limonadenfabrik Brauerei produziert). Der Ähämann wollte mir schon zum Abschluss unserer Herbstferienreise eins kaufen, aber ich wollte lieber auf die nächste Reise warten, denn wann wäre der geeignetere Zeitpunkt, es auszuprobieren, als abends vor dem Schlafengehen im Nachtzug?

Andererseits: sich angesichts der aktuellen Coronasituation in einen Speisewagen setzen?! Wir beschlossen, mit Maske auf mal vorsichtig gucken zu gehen, und waren sehr verblüfft, denn im Speisewagen befand sich ausser dem Kellner kein einziger Mensch. Wir mussten  als erstes unsere Coronapässe vorzeigen, um als zweites gesagt zu bekommen, wir dürften aber gar nicht im Speisewagen essen, sondern nur was zum Mitnehmen kaufen. Und nein, Bier dürfte er uns nicht verkaufen. Es brauchte auch nur drei Minuten und mehrere verwirrte Nachfragen, bis er endlich zur Erklärung das Wort „Restaurantbeschränkungen“ benutzte und ich mir vor den Kopf schlug: stimmt ja, ab 17 Uhr kein Alkoholverkauf mehr und ab 20 Uhr alle Restaurants geschlossen. (Ich komme mittlerweile auch nicht mehr hinterher mit den aktuellen Bestimmungen, und Restaurantbeschränkungen sind das, was mich von allen am wenigsten interessiert.)

Dann eben auch auf dieser Reise kein Bahnbier und stattdessen mitgebrachtes Abendbrot in der Kabine.

Und dann war es auch schon Zeit, sich bettfertig zu machen und in die Eulenbettwäsche zu kriechen.

Generell hat’s die finnische Bahn drauf mit der Lackierung ihrer Waggons, aber dann noch Bettwäsche, passend zur Lackierung der Schlafwagen…! Weil noch Weihnachtszeit war, waren ausserdem überall in der Kabine kleine Aufkleber mit Wichteln versteckt. Man muss sie einfach lieben, die finnische Bahn!

(Ausser für ihr Buchungssystem und ihren telefonischen Kundendienst und dafür, dass sie alle Fahrkarten- und Auskunftsschalter an fast allen ihren Bahnhöfen dichtgemacht haben.)

Als wir aufwachten, waren wir schon in Oulu. Unter normalen Umständen wären wir zum Frühstücken in den Speisewagen gegangen, aber so hatten wir heisses Wasser in der Thermosflasche und Kaffeepulver, Teebeutel und „Zeltkakao“ dabei.

Neuer Autowaggon trifft alten Autowaggon.

Dann holten wir Balthasar aus dem Autowaggon ab, und der zweitschönste Teil des Urlaubs konnte beginnen.

Auf der Rückfahrt funktionierten die Toiletten, dafür war offensichtlich sämtliche Eulenbettwäsche in der Wäsche. Ausserdem hatten wir eine Kabine direkt über den Rädern, speziell über einem Rad mit einer kleinen Unwucht (oder was auch immer), das bei jeder Umdrehung klackerte und die Geschwindigkeit des Zuges anzeigte, und, ich sag‘ mal so, ich habe auch schon besser geschlafen im Zug.

Gute-Nacht-Geschichte wird auch im Zug vorgelesen.

Immerhin wissen wir jetzt, welche Kabinennummer wir das nächste Mal buchen müssen.

(Und wie wir auf die dritte Kabine, weil mittlerweile jedes Kind offiziell ein Bett oder einen Sitzplatz braucht, es aber von Turku nach Rovaniemi laut telefonischem Kundendienst keine Sitzplätze gibt, verzichten können, weiss ich jetzt auch: es gibt natürlich keine durchgehenden Sitzplätze, weil der Zug in Tampere komplett auseinandergenommen und mit einem Zug aus Helsinki zusammengeführt wird, aber man kann durchaus ein Ticket von Turku nach Tampere und ein zweites von Tampere nach Rovaniemi kaufen. Mit vier Betten kommen wir schliesslich auch (noch) auf jeder Fähre hin.)

Es wird nämlich auf jeden Fall ein nächstes Mal geben. Und zwar nicht erst in sechs Jahren.


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 10: Tallinn-Turku

Letzter Ferienmorgen.

Die Sonne lachte auch wieder, und nichts und niemand machte uns den Abschied leicht. Seufz.

Der Weg zum Hafen führte uns nicht nochmal durch die Altstadt, wohl aber an einem Laden vorbei, in dem wir schnell noch einen Miniproviant für die Zugfahrt von Helsinki nach Turku kauften: Quarkriegel, Nurr-Schokolade, Milchreis. Oh, und den schon in Valga besorgten und inzwischen schon wieder dezimierten kleinen Vorrat an Rhabarberlimonade konnten wir auch nochmal aufstocken! „Nimm noch eine!“, sagte der kleine Herr Maus, „Ich kriege die schon fort. Ja, auch zwei. Nein, pack mir ruhig vier Stück in den Rucksack. Ja, wirklich! Ich schaffe das!“

Beladen wankten wir Richtung Hafen.

Noch vor dem Terminal bekam ich – man mag es meinem Gesichtsausdruck ansehen – angesichts der Massen an rollkoffer- und bierwägelchenziehenden Herbstferienrückreisenden die Krise. Ich mag ja im Allgemeinen meine selbstgewählten Landsleute sehr, aber bei den Kreuzfahrern hört es echt auf.

In weiser Vorraussicht hatten wir auch für die Rückfahrt Buffet gebucht, so hatten wir nicht nur einen bequemen Sitzplatz, gutes Essen und beste Aussicht, sondern auch unsere Ruhe. Im Buffetrestaurant sitzen üblicherweise nur die Leute die Fahrzeit ab, die nicht noch schnell billigen Alkohol shoppen oder eine Runde Karaoke singen müssen.

Wehmütig schauten wir auf das sich entfernende Tallinn. Tschüss Baltikum! Das waren sicher die besten Herbstferien, die wir jemals hatten!

In Helsinki am Hafen gibt es für die Zu-Fuss-Passagiere neuerdings ein sogenanntes Ampelsystem: zweitausend Leute müssen sich in die richtige Schlange einreihen. Grün ist für die Passagiere, die eine Kreuzfahrt ohne Landgang gemacht haben – Corona ist ja immer noch nur ein Problem des Auslands –  gelb für die, die nachweisen können, dass sie voll geimpft oder genesen sind, und rot ist für alle anderen. Wir reihten uns also brav in die gelbe Schlange ein, vier Handys mit den entsprechenden QR-Codes gezückt.

Nun ist es hier ja so, dass es schon viele Jahre eine digitale Patientenakte gibt, in die man sich einloggen kann, um seine Laborergebnisse, Arztberichte und Rezepte einzusehen, Rezepte verlängern zu lassen oder zu prüfen, welche Impfungen wann aufgefrischt werden müssten. Dort findet sich neuerdings auch der EU-Coronapass. Als PDF. Das kann man sich herunterladen, ausdrucken und bei seinen Pässen liegen haben (wie wir) oder wahlweise auch die QR-Codes ausschneiden und in sein Reisetagebuch kleben (wie wir) – aber was man nicht kann, ist, den QR-Code zeitgemäss und leicht vorzeig- und prüfbar in irgendeine finnische App laden. (Man könne ja einen Screenshot machen und den bei Bedarf vorzeigen.) Wir verwenden deshalb die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut. Das war weder in Lettland noch in Litauen noch auf dem Rückweg in Estland, wo inzwischen die Coronaregeln auch verschärft worden waren, ein Problem: unser finnischer Code in der deutschen App war wunderbar mit den lettischen / litauischen / estnischen Coronapass-Lese-Apps lesbar.  Aber dann standen wir da in Helsinki am Hafen in der gelben Schlange, und die Frau, die die Coronapässe kontrollieren sollte, guckte hilflos auf meinen QR-Code und fragte dann, ob ich mal ein bisschen runterscrollen könne. Die sollte Coronapässe kontrollieren und hatte keine Lese-App…!

Ich blätterte der Frau – wegen der grünen Schlange sowieso schon auf Krawall gebürstet – unseren Stapel ausgedruckter Impfzertifikate samt unserer Reisepässe auf den Schreibtisch, durch den sie sich dann die nächsten drei Minute suchte, nicht ohne uns ausführlich zu loben, wie toll wir die Dokumente zusammengestellt hätten, und uns einen schönen Urlaub – nichts liegt natürlich näher bei fünf untereinander deutsch sprechenden Personen mit finnischen Pässen und finnischen Impfzertifikaten, die ausserdem wenngleich nicht fehlerfrei, so doch fliessend auf Finnisch kommunizieren – zu wünschen. Danke, ihr mich auch.

Während unserer Herbstferienwoche hat Finnland übrigens auch schnell den Coronapass durchs Parlament gejagt. Wir hatten allerdings zu viel erwartet, als wir dachten, wir könnten uns jetzt in Restaurants und Cafés und auf Veranstaltungen ähnlich sicher fühlen wie während unserer Reise: in Finnland gilt der Coronapass nur als Ersatz für Einschränkungen. Wenn irgendwo aufgrund der Coronalage die Bars nur bis 23 Uhr geöffnet haben, dann darf man eine Bar bis 23 Uhr ohne Coronapass besuchen, muss ihn aber vorzeigen, wenn man erst nach 23 Uhr kommt oder länger als bis 23 Uhr bleiben will.

Es ist ein Wunder, dass mir die Augen vom vielen Rollen noch nicht rausgefallen sind.

Jedenfalls liess man uns wieder ins Land, und nach einer Viertelstunde mit der Strassenbahn, einer Stunde Wartezeit am Helsinkier Bahnhof, zwei Stunden mit dem Zug und sechs weiteren Kapiteln „Herr der Diebe“ waren wir wieder in Turku. Wir verliessen den Zug etwas überstürzt, weil uns erst kurz vor Ankunft aufging – wir sind wirklich schon sehr lange nicht mehr Zug gefahren – dass Turku auf der Strecke ja zwei Bahnhöfe hat  und wir vom ersten aus viel schneller an der Bushaltestelle wären und sicher auch noch einen Bus eher schaffen würden. Kurz nach acht waren wir wieder zu Hause.

„Ich bin traurig, dass der Urlaub schon vorbei ist“, sagte der kleine Herr Maus eine Stunde später beim Zubettgehen.

Das waren wir alle.

***

Epilog.

Montagmorgen. „Mama, mein Rucksack ist so leicht!“ „Hast du was vergessen?“ „Weiss nicht.“ „Hast du dein iPad?“ „Ja.“ „Hast du geguckt, dass du wirklich alle Bücher dabei hast?“ „Ja.“ „Dann weiss ich auch nicht.“ „Weisst du was, Mama? Der fühlt sich so leicht an, weil ich mich jetzt an den schweren Rucksack gewöhnt hatte!“

Šiauliai!

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga
Tag 9: Riga-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 8: Riga

Über Tag 8 gibt es nicht allzuviel zu sagen. Es war der erste und einzige Regentag unserer Reise.

Wir schliefen aus und wuschen erstmal noch zwei Sorten Wäsche. Dass es überall Waschmaschinen in den Ferienwohnungen gibt, ist wunderbar: erstens kann man mit wirklich leichtem Gepäck reisen, und zweitens muss man nach Rückkehr nicht gleich als erstes riesige Wäscheberge bewältigen. Während die Wäsche Karussell fuhr, schrieben und malten wir die letzten Tage im Reisetagebuch nach.

Dann gingen wir – das war sowieso fest eingeplant für diesen Tag – in die Markthallen und kauften bei der netten russischen Verkäuferin, die sich immer so über unsere drei Kinder freut, zwei 1,5-kg-Gläser des leckeren Apfelblütenhonigs, der uns schon im Sommer so gut geschmeckt hatte, für unseren Honigvorrat, und ein bisschen Wurst und Speck bei dem Fleischverkäufer, der das Geschäft mit uns jedes Mal völlig wortlos abwickelt, aber uns am Ende dann doch doppelt so viel aufgeschwatzt hat wie wir vorher wollten, als Proviant für die Weiterfahrt, und dann  natürlich noch verschiedene Kekse und vier Äpfel und 100 g Bonbons aller Art und fünf Stück Kuchen zum gleich essen.

Im Restaurant, in dem wir Mittag assen, und im Café, in dem wir uns hinterher die Hälfte der riesigen Tortenstücke einpacken lassen mussten, weil sie wirklich nicht mehr reinpassten, wurden auch wieder brav unsere Impf-QR-Codes gescannt. Im Restaurant allerdings hätte man uns fast nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen lassen, weil wir mehr als vier Personen sind… Später erfuhren wir, dass im Laufe unserer Herbstferienwoche die Coronaregeln im gesamten Baltikum wegen dramatisch steigender Fallzahlen nochmal verschärft worden waren.

Durch ein paar enge Gassen mussten wir natürlich auch noch laufen so kurz vor Urlaubsende. Hachseufz.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 7: Vilnius-Riga

Beim Frühstück waren wir alle ein bisschen wehmütig: von jetzt an würde es nicht mehr weitergehen, sondern nur noch den ganzen Weg wieder zurück. Aber dann fiel uns ein, dass das bis vor zwei Jahren überhaupt erst unser erster Ferientag gewesen wäre, und was für Glückspilze wir sind, dass wir jetzt immer eine ganze Woche Herbstferien haben und schon sechs wunderbare Reisetage hinter uns!

Wir sammelten unseren verstreuten Krimskrams wieder ein, falteten die gewaschene Wäsche wieder zurück in die Rucksäcke und zogen wehmütig die Ferienwohnungstür hinter uns zu, um uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Natürlich auf einem Weg, der uns in den verbleibenden fünfeinhalb Stunden sowohl an einem Geocache als auch an möglichst vielen noch nicht besuchten Kirchen vorbeiführen würde.

Ferientagebuchillustration zu Tag 7 vom kleinen Herrn Maus

Man kann nicht behaupten, dass dieser Weg sehr zielgerichtet gewesen wäre. Dafür führte er uns durch wunderbar touristenleere Gassen und Gässchen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen hätten, und zu einigen ziemlich kuriosen Kirchen.

Wir sahen zum Beispiel eine Kirche, die zur Hälfte aufwändig restauriert war, zur Hälfte fast komplett verfallen. Über 50 Kirchen, die zu Sowjetzeiten aktiv oder passiv zerstört wurden, wieder aufzubauen und zu restaurieren, ist eine gewaltige Aufgabe.

Auf vielen der vor den Kirchen aufgestellten Infotafeln lasen wir „In dieser Kirche durfte zu Sowjetzeiten kein Gottesdienst stattfinden“ oder „Diese Kirche diente zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als Lagerhalle“ oder „In dieser Kirche war seit den 1950er Jahren eine Turnhalle untergebracht“, aber auch „Diese Kirche wurde 1987 der katholischen Kirche zurückgegeben“ oder „Seit 1988 finden in dieser Kirche wieder Gottesdienste in litauischer Sprache statt“ oder „Die Franziskaner erhielten 1989 ihre Kirche zurück“. Woran man auch mal wieder sehr schön sieht, dass die Wende nicht erst 1989 an der ungarischen Grenze oder in der Deutschen Botschaft in Prag oder auf den Strassen Leipzigs anfing, sondern mit Gorbatschows Glasnost, durch die alles Folgende überhaupt erst möglich wurde.

Die einzige evangelische Kirche von Vilnius lag auch am Weg. Wie macht man am einfachsten aus einer katholischen Kirche eine evangelische? Man verpasst ihr einen neuen Turm und stellt ein Luther-Denkmal davor auf. Hallo, Martynas Liuteris, was machst du denn hier, so weit im Osten?

Auch an der heute einzigen Synagoge der Stadt kamen wir vorbei.

Vilnius war seit seiner Gründung eine der liberalsten Städte Europas gewesen und hatte im Laufe der Geschichte in Mitteleuropa oder Russland verfolgten Juden Schutz geboten. Um 1900 hatten Juden – vor Polen, Russen und nur 2% Litauern – den grössten Teil der Vilniuser Bevölkerung ausgemacht, und vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es unvorstellbare 105 Synagogen in der Stadt gegeben.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen 1941 endeten hunderte Jahre jüdischer Geschichte in Vilnius, und heute erinnern ausser der einzigen Synagoge nur noch die Wandmalereien im ehemaligen jüdischen Ghetto daran.

Apropos konvertierte Kirchen: das geht nicht nur von orthodox zu katholisch, von katholisch zu evangelisch, sondern auch von katholisch zu orthodox. Das war allerdings, vor allem von innen, die seltsamste orthodoxe Kirche, die wir je gesehen haben.

Nachdem wir uns im Bliny-Restaurant die Bäuche mit herzhaften und süssen Eierkuchen und Kartoffelpuffern vollgeschlagen hatten, war es an der Zeit, die Altstadt Richtung Bahnhof zu verlassen. Wir taten das durch das Tor der Morgenröte, in dessen Innerem sich ein unglaublich prunkvoller Marienschrein befindet und auf dessen von der Altstadt abgewandten Aussenseite die schon erwähnte zu Sowjetzeiten einzige Abbildung des Vytis in Litauen zu sehen ist.

„Guck mal da!“, sagten die Kinder fünf Minuten später. „Der sieht aus wie Willi Wiberg!“

Und ich so: sowas hab‘ ich doch schon mal gesehen?! Wo war das denn?! Ach ja, genau, in Jyväskylä! Da gibt es eine im gleichen Stil bemalte Wand, nur mit Birken! Ob das der selbe Künstler war? Tatsächlich! Der italienische Künstler Millo hat schon unzählige Hauswände auf der ganzen Welt mit seinen sympathischen Riesen bemalt.

Vorm Bahnhof in Vilnius gibt es übrigens eine interessante Installation: Leute aus verschiedenen Städten – wir fanden erst hinterher heraus, dass sich die Menschen, denen wir zuwinkten, im polnischen Lublin befanden – können sich per Videokonferenz sehen. Leute blieben stehen, winkten sich zu, schickten sich Luftküsse, imitierten einander. Wir winkten wild einem Radfahrer in oranger Leuchtjacke, der uns vermutlich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte und aus dem Bild fuhr, aber kurz darauf nochmal zurückkam, um uns zurückzuwinken. Alle lächelten. Vielleicht müsste man nur überall auf der Welt sowas aufstellen, und dann würde es klappen mit dem Weltfrieden?!

Nachdem wir ein paar Minuten lang unbekannten Menschen zugewinkt hatten, gingen wir leider nicht in den Bahnhof hinein, sondern… zum Busbahnhof. Da wir, wie schon auf der Hinfahrt, wegen Corona und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze nicht mit der ukrainischen Bahn fahren konnten, mussten wir den Bus nehmen von Vilnius nach Riga.

Der Busfahrer verlud nicht nur das Gepäck und kontrollierte Tickets, sondern liess sich auch Corona- und Reisepässe zeigen. Dauerte eine Weile. Zum Glück war der Bus nicht komplett ausgebucht.

Die vier Stunden Busfahrt gingen dann unerwartet schnell rum.

Zuerst fuhren wir noch Autobahn, aber sobald wir die Via Baltica erreichten, wurde die Strasse zweispurig. Es war mit dem Bus nicht halb so nervig wie mit dem Auto – aber nervig genug. Es ist wirklich LKW an LKW unterwegs da, in beide Richtungen, und es wäre wirklich allerhöchste Zeit für einen Autobahnausbau oder, besser noch, ein Verlagern des Frachtverkehrs auf die Schiene, oder am allerbesten beides.

Halb zehn, eine Viertelstunde eher als geplant, kamen wir wieder in Riga an. Hallo Fernsehturm! Hallo Eisenbahnbrücke! Hallo „Esst mehr Karotten“-Haus!

Wir stopften unsere Proviant- und Beschäftigungsbeutel wieder zurück in die im Laderaum gereisten Rucksäcke und machten uns auf einen weiteren nächtlichen Spaziergang zu einer Rigaer Ferienwohnung in der Altstadt.

Mit super Aussicht, natürlich.

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Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 6: Vilnius

In Vilnius gibt es über 50 (!) Kirchen. Der Plan war schnell klar: so viele davon wie möglich besuchen.

Wir besuchten katholische Kirchen und orthodoxe, unheimlich prunkvolle Kirchen mit Altären aus Gold und Marmor und weniger prunkvolle Kirchen mit Altären aus Holz, aufwändig restaurierte Kirchen und verfallene Kirchen – eine gar war gar keine Kirche mehr, sondern ein Restaurant –  wir gerieten in einen Gottesdienst der Kirche eines Dominikanerklosters, guckten durch Schlüssellöcher verschlossener Kirchen, und die Kinder ahmten noch lange die Gesänge eines orthodoxen Priesters nach.

Weil auf Instagram die Frage aufkam, ob die minderjährigen Reiseteilnehmer*innen tatsächlich dafür zu begeistern wären: ja.

Grundsätzlich bin ich ja der Meinung, dass man Kindern Dinge einfach nur zumuten zutrauen muss und dass Städtereisen gerade mit kleinen Kindern schön und auch ganz besonders wichtig sind, weil dann, wenn die Kinder gross sind, der Zug, sie für Kirchen und Museen zu begeistern, ganz sicher abgefahren ist.

Der grosse Herr Maus lief schon als Dreijähriger begeistert von Kirche zu Kirche und fragte auch dann noch: „Können wir da auch noch reingehen?!“, als wir Eltern längst schlappgemacht hätten. Überhaupt – möglichst viele Kirchen zu besuchen ähnelt ja auch eher einer Schatzsuche oder Schnitzeljagd, und während wir kreuz und quer – „Dort ist auch noch ein Kirchturm!“ – durch Vilnius liefen, entdeckten wir sehr viele Dinge am Weg, die wir sonst ganz sicher verpasst hätten.

Wir reden fast nie über Jahreszahlen oder Baustile – obwohl die Kinder mittlerweile sehr sicher eine evangelische von einer katholischen von einer orthodoxen Kirche unterscheiden und auch ungefähr einordnen können, ob die Kirche schon sehr alt oder nur ein bisschen alt ist. Viel wichtiger ist uns, was jede*r einzelne von uns entdeckt: der Kirchturm, der wie eine Krone aussieht, der hölzerne Engel mit dem Marmeladenglas in der Hand, die mittelalterlichen Comics an der Wand, der Apostel, der seiner Kuh von einer Schriftrolle vorliest, die Orgel, die fehlt, weil sie gerade restauriert wird, der Engel mit dem goldenen Mond in der Hand.

Einen Grossteil der folgenden Fotos hat übrigens der kleine Herr Maus gemacht. Kinder sehen einfach viel mehr als Erwachsene!

Für eine Kirche, die wir Eltern unbedingt sehen wollten, mussten wir weit aus der Altstadt herauslaufen, bis zu „Papst Johannes Paul II. seinem Kreisverkehr“, wie wir den nach ihm benannten Platz, der eigentlich nur ein riesiger, stark befahrener Kreisverkehr ist, fortan nannten. Der polnische Papst war 1993 der erste Papst überhaupt, der Litauen besuchte. Wir sahen mehrere Kirchen, deren Wiederaufbau von polnischen Stiftungen unterstützt wurde, und es ist nicht verwunderlich: noch immer lebt eine grosse polnische Minderheit in Vilnius.

Die Kinder hatten ziemlich wegen des weiten Umwegs gezetert, auch dann noch, als wir vor der Kirche standen: „Und was soll an der jetzt Besonderes sein?!“

Sie übertraf unser aller Erwartungen. Die Peter-und-Pauls-Kirche ist ein Traum in Stuck!

Noch nie haben wir etwas Ähnliches, auf diese Art Prunkvolles gesehen. Wir hätten Stunden dort zubringen können und hätten immer noch neue Figuren, neue Blumenranken, neue Verzierungen entdeckt. „Hier müsste man im Gottesdienst liegen dürfen!“, seufzte das Fräulein Maus.

Der letzte Kirchturm des Tages entpuppte sich als Turm der Universitätskirche, auf den man sogar hoch durfte, wahlweise mit dem Fahrstuhl oder über eine Holztreppe, die frei in dem sonst hohlen Turm steht. Wir nahmen natürlich dieTreppe und wurden mit einem wunderbaren Blick über Vilnius im Abendlicht belohnt.

Zum Abendbrot gab’s Pilze.

(Man darf das ja keiner finnischen Schulschwester erzählen, aber unsere Mahlzeiten bestehen auf dieser Art Reisen üblicherweise aus spätem Frühstück, spätem Mittagessen und Kaffeetrinken.)

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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 5: Vilnius

Guten Morgen, Vilnius!

Das mit den schönen Ausblicken aus den Ferienwohnungen hatte der Ähämann auch hier wieder prima hingekriegt.

Weil der Ähämann am Vortag an den vielen Bäckereien und Konditoreien, an denen wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Altstadt vorbeigekommen waren, zahntropfend hatte vorbeilaufen müssen, weil wir anderen im Zug schon zu viele süsse Sachen gegessen hatten und uns eher nach Herzhaftem gewesen war, gingen wir gleich in der Konditorei gegenüber – der mit den riesigen Macarons über der Tür – frühstücken.

Generell scheinen sie in Vilnius ein Faible für ausladenden Kunstblumenschmuck an Cafés und Restaurants zu haben.

Die Altstadt von Vilnius ist eine der grössten in Osteuropa – und dennoch klein genug, dass man alles zu Fuss erkunden kann.

Wir liessen uns treiben. An jeder Kreuzung entschieden wir neu, welcher Gasse wir folgen wollten. Oder zu welcher Kirche, deren Turm über die Dächer ragte, wir gehen wollten. Auf welchen Hügel wir steigen wollten. Wir freuten uns, wenn wir wieder irgendwo einen Vytis entdeckten. Und über die Kastanien im Park.

Gegenüber der Stanislaus-Kathedrale – „Wer ist denn das, Mama, der da seiner Kuh vorliest?“ – entdeckten wir den ersten Turm, auf den man draufsteigen konnte.

Und von da aus erspähten wir die nächsten beiden Ziele, beide auf je einem der seltsamen steilen Sandhügel, die Vilnius umgeben, gelegen: den Gediminas-Turm und die Drei Kreuze.

Zuerst stiegen wir hinauf zum Gediminas-Turm, dem einzigen Überbleibsel der Vilniuser Burg.

Dort begegneten wir auch dem Baltischen Weg wieder, von dem ich  erst vor einem reichlichen Jahr zum ersten Mal in einer Ausstellung in Tampere gehört hatte. Am Gediminas-Turm in Vilnius hatte im August 1989 die 600 km lange Menschenkette ihren Anfang genommen und durch alle drei baltischen Staaten bis zum Langen Hermann auf dem Tallinner Domberg gereicht.

Dann stiegen wir den einen Sandhügel hinab, assen ein spätes Mittagessen und stiegen den nächsten Sandhügel wieder hinauf, zu den Drei Kreuzen, die so schön weiss von da oben aus dem herbstfarbenen Wald herausgeleuchtet hatten und von wo man ebenfalls einen wunderbaren Blick über die Stadt hatte.

Und dann stiegen wir noch ein drittes Mal hinab und ein Stück wieder hinauf zur Republik Užupis.

Užupis ist eigentlich ein Stadtteil von Vilnius – gleich hinter der Altstadt, aber auf der anderen Seite des Flusses, von der Vilnele fast wie eine Halbinsel eingeschlossen. Vor dem zweiten Weltkrieg lebten vor allem Juden in diesem Stadtteil; ein Grossteil von ihnen kam während des Holocausts um, nach dem zweiten Weltkrieg standen die Häuser jahrzehntelang leer und verwahrlosten. In den 1990er Jahren entdeckten Künstler*innen den Stadtteil für sich und riefen kurzerhand eine Republik samt eigener Verfassung aus.

Der Verfassungstext hängt auf Tafeln in über 20 verschiedenen Sprachen an der Strasse aus. War auch sehr praktisch, dass sich unsere Familie nicht vor einer Tafel drängeln musste zum Lesen.

Leider ist es dem Stadtteil ergangen wie allen anderen ähnlichen: er ist inzwischen völlig gentrifiziert. (Ich habe tatsächlich noch nie irgendwo so viele Porsches auf einmal gesehen!) Aber die vielen kleinen witzigen Details und Kunstwerke an den Häuserwänden, in den Hinterhöfen und engen Strassenecken, die fand ich schon sehr schön.

Den einzigen grösseren Regenschauer, den wir in Vilnius erlebten, sassen wir bequem in einem Café in Užupis ab. Tortenstückchen werden übrigens in Litauen nach Gewicht verkauft. Ein Traum!

Tagesausklang – auch fünfzehn-, dreizehn- und fast elfjährige Kinder haben gewisse Ansprüche – auf dem Spieplatz!

(Meine Güte, wurde das zeitig finster da! Halb sieben!)

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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 4: Šiauliai-Vilnius

Jemand hatte für uns an den Himmel über Šiauliai Kringel gemalt, als wir am späten Vormittag aus der Ferienwohnung traten.

Eigentlich hatte der Ähämann, angesichts der Tatsache, dass es in Šiauliai vermutlich nicht viel zu sehen und zu tun gäbe, unsere Weiterfahrt schon für halb neun geplant. Aber dann beschlossen wir gemeinsam, dass wir nach der späten Ankunft vielleicht lieber ausschlafen würden, und dass es auf drei Stunden eher oder später in Vilnius nicht ankommen würde; schliesslich wären wir ja noch ganze drei Tage da.

War gut so. Erstens waren wir ausgeschlafen, zweitens war vor der Weiterfahrt noch Zeit zum Kinderlüften.

Auf dem Weg zum Bahnhof stellte ich fest – und dieser Eindruck sollte sich bei jeder Stadt, durch die wir später fuhren, noch erhärten – dass Litauen eher der Slowakei ähnelt als seinen zwei baltischen Nachbarn. Nicht nur wegen des Tatramats im Bad. Auch die Plattenbauten sehen völlig anders aus als die geziegelten Hochhäuser Estlands und Lettlands. Und die Kirchen natürlich, die in Litauen auf einmal alle katholisch sind.

Auf dem Weg zum Bahnhof guckten wir noch schnell in die Georgskirche – das ist ja der Vorteil an katholischen Kirchen, dass die immer geöffnet sind – wo Georg beim Drachentöten auf dem Altargemälde zu sehen ist. Ausserdem war sie die erste von etlichen „konvertierten“ Kirchen, die wir auf der Reise noch sehen sollten. Denn mal ehrlich: das war doch garantiert mal eine orthodoxe statt einer katholischen Kirche!

„Danke, dass ihr hier wart!“, sagte ein altes Muttchen, das in der Kirche putzte.

Nach ebenfalls nur ein paar hundert Metern hatten wir den Bahnhof erreicht und noch ziemlich viel Zeit, um die Gesichter in die Sonne zu halten und Güterwagen zu zählen. Der längste Zug hatte 70 Waggons!

Güterverkehr spielt im gesamten Baltikum eine viel grössere Rolle als Personenverkehr, weswegen die Bahnhöfe, auch die von kleinen und kleinsten Orten, immer aussehen wie Modellbahnanlagen mit ihren vielen Gleisen und abgestellten Güterwaggons. Šiauliai liegt an einer besonders wichtigen Strecke: da kommen alle Güterzüge aus Asien durch, die zum Hafen nach Klaipeda fahren, und umgekehrt.

Während man in Finnland mit Singschwänen übers Land fliegt, reitet man in Litauen mit einem Ritter über Land. Auch nicht schlecht. Der Vytis, der ja auch auf den litauischen Euromünzen zu sehen ist, stammt aus dem litauischen Wappen und ist heutzutage allüberall in Litauen zu sehen. Zu Sowjetzeiten war der Vytis verboten – Litauen bekam ein nichtssagendes Sowjetwappen – und nur an genau zwei Orten in der Welt zu sehen: am Tor der Morgenröte in Vilnius sowie am – ausgerechnet! – Fürstenzug in Dresden!

Wir fuhren übrigens mit dem wahrscheinlich einzigen Zug der litauischen Bahn ohne Vytis aus Šiauliai ab – denn wir erwischten zufällig die baltische Variante – wegen unterschiedlicher Spurweiten leider nötig – des Connecting Europe Express. Wie passend! Der Dieseltriebwagen aus polnischer Produktion war übrigens der modernste und bequemste Zug unserer Reise.

Der Zug fuhr dann ohne Halt einfach zweieinhalb Stunden durch bis Vilnius.

Kurz vor Vilnius war die bis dahin platte Landschaft plötzlich hügelig geworden, und gleich, als wir am Bahnhof in die Stadt traten, war klar: jetzt sind wir wirklich eher in Südosteuropa als im Baltikum. (Mittlerweile hatten wir ja auch um die 900 km hinter uns gebracht.)

Die Kinder waren anfangs wenig begeistert: warum hier alles so abgeranzt aussehen müsse, ob wir das etwa schön fänden?! Derlei deutsches Spiessertum wird in unserer Familie natürlich weder kultiviert noch toleriert, weswegen wir uns auf dem Weg zur Ferienwohung den Mund fusselig redeten: Guckt zweimal hin! Manches sieht einfach nur anders aus, das heisst nicht, dass es schlechter ist! So viele alte Häuser, die kann man nicht alle ständig renovieren!

Die Ferienwohnung in der natürlich viel flächendeckender und aufwändiger restaurierten Altstadt, die seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe ist, war dann nach aller Geschmack, und nach einem Abendbrot mit Suppe und Pelmeni und Palatschinken – auch da hatten wir gleich an der Tür des Restaurants unsere Impfbescheinigungen vorzeigen müssen, um überhaupt eingelassen zu werden – ging’s dann auch insgesamt wieder, so dass sogar noch ein kleiner nächtlicher Spaziergang drin war.

Hallo Vilnius! Ich glaube, wir werden noch grosse Freunde werden!

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