Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Am Freitagmittag stand mal wieder das passende Autokennzeichen an der Strasse an der Schule, als ich das erste von drei Malen – freitags laufe ich mindestens fünf Kilometer – Hortkinder abholen ging.

Als ich am Freitagabend von Arbeit nach Hause fuhr, hielt ich hinterm Kindergarten an, um ein Foto zu machen, das auch sehr schön die aktuelle Weltlage widerspiegelte.

Die eine Erzieherin, die alle unsere Kinder im Kindergarten betreut und schon mit den Drei- bis Fünfjährigen regelmässig naturwissenschaftliche Experimente gemacht hat, rief mir zu: „Gerade sind hier jede Menge Kraniche vorbeigeflogen! Ich musste gleich erstmal im T-Shirt mit dem Fernglas rausrennen…!“ Ich nahm das zum Anlass – sonst winken wir uns nur zu, wenn ich am Kindergarten vorbeiradele – ihr endlich mal zu erzählen, wie begeistert unsere ganze Familie immer von ihren Projekten war und dass ich genaugenommen nur wegen ihr bei uns im Hort vor vier Jahren den Wissenschaftsdonnerstag – übermorgen werden wir zum Beispiel noch grüne Blätter chromatographieren, um zu sehen, wie die Herbstfärbung zustande kommt – eingeführt habe. Sie freute sich sehr.

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Wissenschaft in Buchform

Ich habe ein ganzes Regalfach voller Doktorarbeiten.

(Weil das hier so ist, dass die am Ende fein gedruckt werden mit ISBN und allem Drum und Dran und nicht nur an Freunde, Verwandte und Kolleg*innen, sondern auch an alle bei der Verteidigung Anwesenden verteilt werden. Und ich war auf vielen Verteidigungen während meiner Zeit hier an der Uni.)

Aber viel toller als die alle zusammen ist natürlich das Kinderbuch, das eine ehemalige Mitdoktorandin und ein ehemaliger Mitdoktorand letztes Jahr gemeinsam geschrieben haben.

Das darf auch bleiben, während die Doktoarbeiten jetzt leider bis auf fünf, die mir besonders am Herzen liegen, wegen Platzmangel ins Altpapier wandern werden.

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Ob ich meine alte Arbeit manchmal vermisse?

Manchmal vermisse ich es, da draussen zu sein, Experimente zu planen und kleine pelzige Tiere zu händeln. Sehr vermisse ich effizientes Arbeiten, zielführende Diskussionen und über die Belange meiner eigenen Arbeit weitestgehend selbst entscheiden zu dürfen. Überhaupt nicht vermisse ich befristete Arbeitsverträge, das ständige Anträgeschreiben, den Publikationsdruck, den ganzen Sommer mit Feldarbeit zu verbringen und den ganzen Winter mit Statistik.


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12. Mai

14 Jahre…!

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Sanna und Sauli haben gesprochen: Finnland wird schnellstmöglich der NATO beitreten.

Die liebste Freundin hat dazu Anfang der Woche schon alles gesagt:
„Politische Lage: Womöglich wird Finnland schon bald der Nato beitreten. Allein die momentane Diskussion darüber wäre noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen. Aber wenn man sich eine über 1000 km lange Grenze mit Russland teilt und mit der Vergangenheit vertraut ist, sieht man den Krieg in der Ukraine auch noch mal aus einer anderen Perspektive. Angst und Sorgen sind hier durchaus präsent und ich kann den Wunsch vieler Finnen gut verstehen jetzt doch der Nato beitreten zu wollen. Auch wenn ich es schade finde, denn ich war immer stolz auf die Neutralität Finnlands und seine Rolle als Vermittler. Aber was will man machen wenn der Nachbar wahnsinnig geworden ist?“

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Keines der Hortkinder hat das Einhorn auf meinem T-Shirt kommentiert. Tse.

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Das Fräulein Maus war zur 9.-Klasse-Vorsorgeuntersuchung bei der Schulschwester. Weil das die letzte ist, bevor die Jugendlichen entweder auf die Berufsschule oder ans Gymnasium wechseln, bekam das Fräulein Maus einen Stapel Zettel mit nach Hause: nicht nur die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung, sondern auch eine Auflistung aller Impfungen, die sie bisher in ihrem Leben bekommen hat, ihre Wachstumskurven von Geburt an sowie die schriftlichen Aufgaben aus der Neuvola. Ich habe laut und lange vor Entzücken gequietscht.


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Vorlesen für Frieden und Toleranz

Gestern – die Lehrer*innen streiken zur Zeit eine ganze Woche, aber sowas bringt uns nach zweimonatiger Schulschliessung ja nicht mehr aus der Ruhe – hatte ich Zeit, den kleinen Herrn Maus mit dem Fahrrad in die Musikschule zu begleiten. Wir fuhren einen Umweg und holten noch ein bestelltes Buch ab.

Obwohl ich ja eigentlich fast nie Bücher kaufe.

Die ukrainische Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Larysa Denysenko hat 2017 ein herzerwärmendes Kinderbuch geschrieben: Maja aus Kiew erzählt von den 17 Kindern ihrer Klasse. Maja selbst hat zwei Mütter. Tymko lebt abwechselnd bei seinem Vater und seiner Mutter. Krystyna lebt bei ihrer Grossmutter, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten. Sofia und Solomia sind Retortenzwillinge. Aksana ist in Kiew geboren, aber Weissrussin. Petro ist Roma und hat eine riesige Familie. Sofiika ist 2014 mit ihrer Mutter aus Luhansk geflohen und hat ihren Vater im Krieg verloren. Levko wurde adoptiert. Ein wunderbar unaufgeregtes und wichtiges Buch über Vielfältigkeit, Toleranz und Freundschaft.

Ich hätte mir manchmal die Kapitel ein bisschen länger und ausführlicher gewünscht, dafür aber sind sie wunderbar von der ebenfalls ukrainischen Künstlerin Marija Foja illustriert.

Aus aktuellem Anlass ist das Buch letzten Monat auf Finnisch erschienen – der Verlag spendet den gesamten Erlös über UNICEF für ukrainische Kinder. Und deswegen war klar, dass ich das Buch entgegen meiner sonstigen Prinzipien kaufen wollte.

Im Herbst wird es auch eine deutsche Ausgabe geben. „Alle meine Freunde“ erscheint am 13. September. Ich weiss jetzt schon, was die Hortkinder vorgelesen bekommen werden im nächsten Schuljahr!

(Und hoffe inständig, obwohl davon bisher keine Rede ist, dass der deutsche Verlag dem Vorbild der Verlage in Finnland, Schweden, Polen und Grossbritannien folgen und den Erlös ebenfalls spenden wird!) *

* Update 19.5.:
Wird er nicht. Auf meine diesbezügliche Nachfrage bekam ich zur Antwort: „Die Verlagsgruppe von Holtzbrinck, zu der auch der Rowohlt Verlag gehört, hat bereits im März zur Unterstützung der Ukraine größere Beträge u. a. an das UN-Flüchtlingshilfwerk, das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe sowie die Malteser International gespendet. Aus diesem Grunde wurde entschieden, sich hier nicht noch zusätzlich zu engagieren.“ Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das ärgert, dass da jetzt mit einem ukrainischen Kinderbuch Profit gemacht werden – das Buch ist 2017 in der Ukraine erschienen, das hätte man ja auch schon längst übersetzen lassen und veröffentlichen können; aber wen hat bis vor drei Monaten irgendwas aus irgendeinem ehemaligen Ostblockstaat interessiert…?! – und nichts davon abgegeben werden soll.


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Kleine weisse Friedenstaube…

Gestern Nachmittag haben wir mit den Hortkindern Friedenstauben für unser grosses Fenster zur Strasse hin gebastelt.

Es war mir eine Herzensangelegenheit, und die beste Chefin konnte sich dazu durchringen, es unpolitisch genug zu finden.

Kinder sind offiziell aus allem herauszuhalten, niemandem darf auf die Füsse getreten werden – und das könnte ja schliesslich passieren, wenn man eine Spendenaktion startete, wenn man eine ukrainische Flagge malte, wenn man die Schulkinder einer ganzen Schule zu einem Peace-Zeichen auf dem Sportplatz aufstellte, wenn man öfter als nur einmal am Montagmorgen nach den Ferien über den Krieg redete. Das russische Konsulat neben unserem Spielplatz wird neuerdings rund um die Uhr von Polizei bewacht, und wenn die Kinder fragen, warum die da sind, dann sage ich ihnen: „Es gibt jetzt viele Menschen, die wütend auf Russland sind, und die kommen dann vielleicht her und schmeissen Steine oder tun irgendwas ähnliches, was auch nicht in Ordnung ist, denn die Leute, die da arbeiten, können ja auch nichts für den Krieg“, aber die beste Chefin sagt ihnen: „Die gehen stehen da Streife.“

Und dann kommen die Eltern abholen und die beste Chefin erklärt vorsichtig, wir hätten heute Vögel gebastelt, Friedenstauben, aber man könne die natürlich auch als zurückkehrende Zugvögel sehen, wenn einem das lieber wäre, und dann sagt ein Vater: „Friedenstauben?! Da hättet ihr mal besser Panzer gebastelt!“, und alle hier schreien auf einmal laut nach Nato-Beitritt, und die Friedenstauben scheinen noch viel nötiger zu sein, als man sich vorstellen kann.


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neljäsataakolmekymmentäyksi

Die 431 steht bei mir auf Arbeit im Hinterhof.

Apropos Arbeit. Irgendwie hatte ich ja gedacht, wir alle könnten nach den Skiferien wieder radfahren. Tjanun. Zumindest in unserem Vorort sind die Radwege immer noch von steinhart gefrorenem Schneematsch voller tiefer Spurrillen und Fussabdrücke bedeckt. Da nützen auch Spikereifen nichts.

In der Nachmittagssonne bilden sich allüberall riesige Schmelzwasserpfützen. (Die dann nachts wieder gefrieren.) Wir haben alle viel Spass auf dem Spielplatz derzeit.

(Und ja, wir nennen das Frühling.)

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neljäsataakaksikymmentäkahdeksan

Als wir gestern Mittag das Trüppchen müder Hortkinder – sie waren erschöpft vom Schlittschuhlaufen im Sportunterricht und schleppten schwer an den Beuteln mit ihren Schlittschuhen und Helmen; also die, die noch selber trugen, denn die beste Chefin und ich hatten uns schon mit so vielen Beuteln und Taschen wie möglich behängt – an der letzten Kreuzung auf dem Weg zwischen Schule und Hort mehr zogen und schoben und mit guten Worten antrieben als sie einfach nur sicher über die Strasse zu geleiten, stand da gleich vornean an der roten Ampel eine 428. Ein Taxi.

Weil das Wetter so schön war – Schnee, Frost, Sonne, blauer Himmel – gingen wir, nachdem alle ihre Sportutensilien von sich geschmissen hatten, gleich weiter in den Park: Schneeburgen bauen, von allen erdenklichen Hügeln rutschen, Fussball im Schnee spielen. (Ja, die selben Kinder, die eben noch fast über die Strasse getragen werden mussten…) Nach dem Vesper und schnell erledigten Hausaufgaben gingen wir in den anderen Park, den mit dem Schlittenberg. Fast habe ich meine Sonnenbrille vermisst.

Nach der Klavier- und Klarinettenstunde des kleinen Herrn Maus holten mich der Ähämann und der kleine Herr Maus von Arbeit ab und wir fuhren auf die Lieblingsloipe. Letzte Gelegenheit vor Südwind. (Wenn wir Glück haben, kommt der Niederschlag als Schnee runter nächste Nacht. Wenn wir Pech haben, regnet es sechs Stunden lang.) Über der Loipe hing eine ganz dünne Mondsichel, während das Abendblau immer dunkler und schliesslich schwarz wurde. Wir durchquerten Nebelschwaden, die sich wie ein nasser Lappen im Gesicht anfühlten und sich bei den -10°C als Raureif auf Mützen, Handschuhe, Haare und Skier legten. Wir hatten die Loipe fast für uns allein, denn die Nachmittagsskifahrer fuhren gerade nach Hause, als wir ankamen, und die Skifahrer mit den Stirnlampen kamen erst eine Stunde später.

Was für ein wunderbarer Abschluss eines wunderbaren Wintertages!

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neljäsataakaksikymmentäkaksi

Manchmal gehe ich, wenn ich Hortkinder abholen gehe, auf dem Weg noch schnell irgendwelche Besorgungen machen. Das Beste daran ist, dass ich dann zwar den einen oder anderen kleinen Umweg laufen muss, aber nicht fünfmal in der Woche, manchmal zweimal am Tag, den gleichen Weg. (Obwohl, der Weg ändert sich ja auch ganz ohne mein Zutun andauernd…)

Oft nehme ich dann den kürzesten Weg über den Schulhof der schwedischsprachigen Schule. Und dort stand, zumindest als ich monatelang vergeblich nach der 420 Ausschau hielt, jeden Tag eine 422. Als ich dann endlich die 420 und kurz darauf die 421 gesehen hatte , war sie nicht mehr da, die 422. So ein Mist!, dachte ich. Bis letzte Woche. Da war sie wieder da.

Vielleicht war sie in Quarantäne. Kommt ja jetzt öfter mal vor.

Apropos. Vielleicht wird das mit dem Coronapass hier doch noch was. Letzten Mittwoch, als der Ähämann und ich schon wieder, wie die Kinder nicht müde wurden zu betonen, ins Kino gingen, mussten wir ganz unerwartet unsere Coronapässe vorzeigen. (Zum Glück sind die Finnen ein ehrliches Volk und es scheint bisher wirklich keine Notwendigkeit zu geben, zum QR-Code auch einen Ausweis vorzeigen zu müssen. Ich hatte nämlich nur mein Handy, meine Buskarte und meine Bankkarte dabei.) Und gestern Abend zum ersten Mal auch in einem Café. Und anders als am Helsinkier Hafen haben jetzt auch alle Lese-Apps.

Der war übrigens auch sehr schön, der finnische Film auf Somalisch.

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Ein Kommentar

neljäsataakaksikymmentä

Am Mittwoch war ich spät dran.

Ich habe die ganze Woche mit einer Erkältung rumgekrepelt, weswegen ich, nachdem die Kinder aus dem Haus waren, nochmal ins Bett gekrochen war.

(Doppelt Geimpfte werden in Finnland nicht mehr getestet, wenn sie nicht nachweislich mit einem Coronainfizierten Kontakt hatten. Ich habe wenigstens einen Schnelltest zu Hause gemacht, bevor ich mich auf Arbeit zu fünfundzwanzig ungeimpften Kindern begeben habe. Aber wer sonst macht das schon? Auf eigene Kosten? Und nachdem die finnische Gesundheitsbehörde erst vor zwei Wochen in einer Pressekonferenz verkündet hat, Schnelltests taugen sowieso nichts? Schreien möchte man. Und sich und vor allem sein ungeimpftes Kind einigeln bis mindestens zum nächsten Sommer.)

Danach war ich ein bisschen langsam in die Gänge gekommen, und als ich dann endlich abfahrbereit war, warf sich der Ähämann noch Regenklamotten über und holte sein Fahrrad aus dem Schuppen, weil er gleich mitkommen und in der Stadt den Wocheneinkauf erledigen wollte.

Wir radelten wegen des wirklich ekligen Nieselregens schweigend und mit eingezogenen Köpfen nebeneinander her, und gerade, als ich gedacht hatte, dass es wirklich merkwürdig ist, dass ich schon seit über einem Monat keine 420 gesehen habe, da kam eine an uns vorbeigefahren. Ziemlich genau an der gleichen Stelle wie zweieinhalb Monate vorher das Wasserauto.

Dass ich ein bisschen später auf Arbeit kam, war gut so, denn mein Arbeitstag wurde noch lang. Nach Feierabend hatten die beste Chefin und ich noch ein Treffen mit dem Förderverein der Deutschklassen zwecks besserer Zusammenarbeit und gegenseitiger Werbung. Wir hatten einen Entwurf für einen Flyer dabei, den wir den Eltern der zukünftigen Sprachklässler*innen bei Gelegenheit in die Hand drücken möchten. Alle Anwesenden priesen die Idee und lächelten unbestimmt. Eine der Fördervereinsmütter schnappte sich den Zettel, hatte ihn in Nullkommanichts durchgelesen und sagte: „Ich hätte drei Verbesserungsvorschläge, hier, hier und hier, und zwar das, das und das.“ Das war eine ehemalige Kollegin des Ähämanns.

Wenn ich eins aus meinem alten Job vermisse, dann ist es dieser Blick fürs Wesentliche und die durch jahrelanges Paperschreiben geschulte Art, das Wesentliche auch ausdrücken zu können, unter Naturwissenschaftler*innen. Insbesondere, da ich jetzt in einem Umfeld arbeite, in dem es, um nur mal ein Beispiel zu nennen, fünf Sitzungen und drei Monate braucht, um sich auf ein Modell dringend neu anzuschaffender Stühle zu einigen.

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