Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 3: Riga-Šiauliai

Seit pandemiebedingt überall so wenige Touristen sind und Ferienwohnungen in Hülle und Fülle und zu annehmbaren Preisen verfügbar, bucht der Ähämann unsere Unterkünfte nach Ausblick.

Als wir aufwachten, guckten wir auf blauen Himmel, Hansehäuser und den Rigaer Dom. Vom Küchenfenster auf die Petrikirche. Und für den kleinen Herrn Maus, unseren Flaggenfan, wehte hier und dort gut sichtbar die eine oder andere lettische Flagge.

Architektonischer Fakt am Rande: genau so, wie der Turm des Rigaer Doms, würde der Turm des Turkuer Doms auch aussehen, wenn er nicht beim Grossbrand 1827 abgebrannt wäre und von Herrn Engel einen moderneren verpasst bekommen hätte.

Der Plan für den Tag war: die Rucksäcke in Schliessfächer am Bahnhof bringen, die beeindruckenden Rigaer Markthallen zwecks weiterer Reiseproviantbeschaffung aufsuchen, ein bisschen kreuz und quer durch Riga laufen, gut essen gehen und abends den nächsten Zug besteigen.

Auf dem Weg zu den Markthallen hatten wir aber alle plötzlich keine Lust mehr auf den Umweg über den Bahnhof und uns an Tag drei auch irgendwie schon an die Last auf dem Rücken gewöhnt, und so behielten wir die Rucksäcke einfach auf. Am Rest des Planes allerdings hielten wir fest.

Symbolbild Markthallenbesuch. Nein, zersägte Klumpen Fleisch haben wir nicht gekauft. Auch die halben Schweinsköpfe, riesigen Rinderzungen, Schweineherzen und Rinderlebern liessen wir schaudernd, aber staunend – „So gross sind die?“ – liegen.

Den Rest des Tages liefen wir durch ein sonnenbeschienenes, herbstgelbes, touristenleeres Riga. So schön!

Diesmal statteten wir auch Milda, die hoch oben auf dem Freiheitsdenkmal steht, einen Besuch ab. Milda ziert auch die lettischen Euromünzen, und ab jetzt – endlich! – werde ich lettische und litauische Münzen nie mehr verwechseln.

Das Freiheitsdenkmal wurde 1935, zu Zeiten der ersten Unabhängigkeit Lettlands, errichtet und hat wundersamerweise die Zeit der sowjetischen Besatzung überlebt. Dass die drei Sterne, die Milda in die Höhe hält und die drei Regionen Lettlands verkörpern sollen, in dieser Zeit offiziell zu Sowjetsternen und einem Symbol des Zusammenhalts der drei baltischen Sowjetrepubliken umgedeutet wurden, scheint mir ein recht geringer Preis dafür.

In Riga kamen zum ersten Mal überhaupt unsere vier Impf-QR-Codes zum Einsatz. Die Letten nennen es Covidpass, wie verwirrenderweise auch das lettische Covid-Einreiseformular heisst, für dessen korrektes Ausfüllen man ebenfalls einen QR-Code bekommt. Nachdem wir aus einer Bäckerei mehr oder weniger unfreundlich wieder rausgeschmissen worden waren, nachdem wir auf die Aufforderung „Covidpass!“ den Einreise-QR-Code gezeigt hatten, der aber logischerweise für die Coronapass-App der Bäckerei nicht lesbar gewesen war, ging uns auf, dass man eigentlich unsere Impfbescheinigung hatte sehen wollen.

(Lacht ruhig, wir kommen aus Finnland…!)

Ich fand es jedenfalls nach anderthalb Jahren Eigenverantwortung und Risiken-selbst-abschätzen sofort total beruhigend; schliesslich haben wir ja auch immer noch ein ungeimpftes Kind dabei. Noch beeindruckender fand ich, dass unsere finnischen Codes in der deutschen Corona-App – fragt nicht; ich glaube, ich erzähle dazu am letzten Reisetag was – mit der lettischen Impfpass-Lese-App der Kellnerin reibungslos zusammenarbeiteten. Sagte ich schon, dass EU toll ist?!

Hinterher noch kurzer Supermarktbesuch zur Vervollständigung des Reiseproviants.

Während sich, wenn wir mit dem Auto reisen, jeden Tag mehr Lebensmittel und angebrochene Lebensmittelpackungen ansammeln, waren wir als Rucksacktouristen diesmal wirklich diszipliniert (und hatten trotzdem nicht das Gefühl, auf irgendwas verzichten zu müssen). Wir kauften jeweils nur eine Halbliter-Milchpackung, die garantiert nach dem nächsten Frühstück leer wäre, nur eine Flasche Bier, nur einen Liter Saft, Kaffeesahne in Minipäckchen (die wir allerdings in des Fräulein Maus  ehemalige „250-ml- Vollmilch-in-die-Schule-transportier-Thermosflasche“ umfüllten), nur eine Sorte Käse, möglichst ein Brot, das sich sowohl für Abendbrot als auch für Frühstück eignet, den einen Milchreis, den das Fräulein Maus wollte, den einen Apfel, den sich der kleine Herr Maus wünschte. Wir zogen abends mit leichtem Gepäck in unsere Ferienwohnungen ein und am nächsten Morgen mit noch leichterem Gepäck wieder aus.

(Bis zur Rückreise jedenfalls. Da mussten wir uns leider schon mehrere Tage vor Heimkehr die Rucksäcke mit lettischem Bier, lettischem Apfelblütenhonig und estnischer Rhabarberlimonade vollladen.)

Abends halb acht bestiegen wir den nächsten Zug.

Normalerweise – ohne Pandemie und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze – könnte man mit der ukrainischen Bahn von Riga über Vilnius und Minsk bis nach Kiew fahren. Zur Zeit aber bleibt einem zwischen Riga und Vilnius eigentlich nur der Bus.

Eigentlich. Denn der Ähämann hattet uns zumindest für die Hinreise eine Reisemöglichkeit aufgetan, die möglichst viel – wenn auch nicht ausschliessliches – Zugfahren beinhaltete, dafür mit einer zusätzlichen Übernachtung in Šiauliai, einer Industriestadt im Norden Litauens, von der noch nie jemand etwas gehört hat, die aber einen für unsere Reisepläne äusserst wichtigen Bahnhof besitzt, verbunden war.

Šiauli.. was? Šiauliai. Hihi. Šiauliai! Wir alle fanden den Namen schon Wochen vor der Reise so toll, dass der kleine Herr Maus, wann immer ihn die Vorfreude übermannte, „Šiauliai!“ ausrief, woraufhin wir anderen bekräftigend, ebenfalls voller Vorfreude, „Šiauliai!!!“ antworteten. „Šiauliai!“ wurde gewissermassen zum Motto unserer Reise.

Zunächst fuhren wir mit einem weiteren lila-gelben Rumpelzug, diesmal elektrisch, ins südlettische Jelgava.

Während der Zug zwischen Valga und Riga offensichtlich irgendwann in den letzten 30 Jahren innen mal modernisiert und mit deutschen (!) Reisebussitzen ausgestatt wurde, fährt man zwischen Riga und Jelgava HolzKunstlederklasse. Sollte uns recht sein. Die lettischen Züge waren mit Abstand die coolsten. Und billigsten: wir bezahlten 1,89 € pro Person. Dafür bekommt man anderswo ja nicht mal mehr ein Strassenbahnticket!

Ein bisschen schade war, dass es schon wieder dunkel war, als wir über die grosse, eiserne Eisenbahnbrücke über die unglaublich breite Daugava rollten, die ja quasi den Anstoss zu dieser Reise gegeben hatte, und dass wir auch sonst nicht viel von der Landschaft sahen.

Nach einer Dreiviertelstunde kamen wir in Jelgava an, wo wir erst eine halbe Stunde in der Bahnhofshalle absassen und dann eine Viertelstunde bibbernd und ein bisschen aufgeregt mutterseelenallein auf dem Bahnhofsvorplatz standen und auf den Flixbus warteten, der uns hoffentlich wirklich da abholen würde. (Dass sich der Ähämann die Flixbus-App heruntergeladen hatte und wir in Echtzeit sehen konnten, wo sich der Bus gerade befand, war tatsächlich recht beruhigend.) Der Bus kam dann auf die Minute pünktlich aus dem mittlerweile schon sehr weit entfernten Tallinn und schaukelte uns eine reichliche Stunde über schnurgerade zunächst lettische, bald litauische Landstrasse von Jelgava nach Šiauliai. (Zwischendurch gab es noch einen Tankstopp, bei dem der Busfahrer knapp 200 Liter Diesel in den Bustank gluckern liess.) Wir waren nicht nur die einzigen, die in Jelgava in den Bus einstiegen, sondern auch die einzigen, die in Šiauliai wieder ausstiegen. Dann fuhr der Bus Richtung Warschau, wo er 17 Stunden nach Abfahrt in Tallinn ankommen würde, in die Nacht davon.  Ich musste an die Ukrainerin denken, die in meinem Jahr in Bielefeld im gleichen Studentenwohnheim gewohnt hatte und vom Jahnplatz aus mit dem Bus nach Kiew fuhr, wenn sie ihre Familie besuchen wollte.

Halb elf jedenfalls kamen wir in Šiauliai an, wo buchstäblich schon die Bürgersteige hochgeklappt waren, liefen die paar hundert Meter zu unserem gebuchten Apartment und freuten uns einmal mehr, dass es heutzutage Türcodes und Schlüsseltresore gibt und man sich nicht mehr zu nachtschlafener Zeit mit einem Vermieter oder einer Vermieterin verabreden muss.

Im Bad wurde mir ganz sentimental zumute: da hing ein Tatramat! Ich fühlte mich sofort an den Lieblingsurlaubsort meiner Kindheit zurückversetzt: dort hatte das Vorvorvorgängermodell im Bad gehangen und gerade so viel Wasser erhitzt, dass es für zweieinhalb kurze Duschen reichte.

Ausserdem: mitternächtliche Maskenkocherei. Was muss, das muss.

Bevor wir in unsere – angesichts der Nicht-Touristigkeit des Ortes superbilligen – Betten sanken, murmelte der grosse Herr Maus noch: „Eigentlich ist ja morgen erst der erste richtige Ferientag.“ Und wir alle nickten müde, aber glücklich und dachten: „Und was wir schon alles erlebt haben…!“

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

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Tag 1: Turku-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 1: Turku-Tallinn

Bei uns ist es ja oft so, dass eine Reise den Anlass zur nächsten gibt.

Diesmal war es so: im Sommer hatte der kleine Herr Maus in Riga bei fast jedem lila-gelben Personenzug, der über die grosse, eiserne Brücke über die Daugava rollte, gefragt: „Können wir nicht auch hier mal Zug fahren?!“

Klar. Warum eigentlich nicht? Noch ehe die Sommerferien beendet waren, hatten wir einen Plan für die Herbstferien.

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Freitagnachmittag am letzten Schultag vor den Herbstferien. Die beiden Oberstufenschüler der Familie durften „Mittagskinder“ sein. Der kleine Herr Maus, der den kürzesten Schultag und den kürzesten Schulweg hat und keinesfalls die Musikstunde verpassen wollte, kam nach der letzten Stunde unverzüglich heimgeradelt. Der Ähämann und die Kinder schulterten ihre Rucksäcke und liefen zum Bus. Ich ging kurz vor den Dreierkindern aus dem Hort los und einmal quer durchs Stadtzentrum. Gleichzeitig trafen wir am Bahnhof ein.

Wir überlegten gemeinsam, dass unsere letzte gemeinsame Zugfahrt – danach waren nur das Fräulein Maus einmal zur mittelfinnischen Freundin und der Ähämann zwei- oder dreimal auf Arbeit gefahren – die nach Helsinki ins Heureka! war, noch im März 2020, als man vielleicht schon besser nicht mehr Zug gefahren wäre. Kein Wunder, dass wir alle ein bisschen vor Vorfreude, dass der schöne Teil der Reise diesmal direkt in Turku anfing, hüpften!

(Fast hatten wir uns ja schon darauf eingestellt, statt mit dem Zug mit dem Onnibus nach Helsinki fahren zu müssen, weil die Zugtickets zu Beginn und Ende der Herbstferien wahrscheinlich unbezahlbar wären. Aber – zeitige Planung zahlt sich aus: der Ähämann kaufte noch im August, noch vor Ende der Sommerferien, Tickets für uns alle fünf plus eine zusätzliche Sitzreservierung für seinen Rucksack zum sensationellen Preis von 33,00 €. Zugfahren ist ja doch viel schöner. Auch wenn jetzt endgültig alle dem Spielwaggon entwachsen sind.)

Bis auf den Ähämann sassen wir auch alle zum ersten Mal in einem Zug, der von einer Sr3 gezogen geschoben wurde:

Normalerweise hat die finnische Bahn ja keine Verspätung – es sei denn, es muss ein Rohr gewechselt werden oder es wurde ein Elch überfahren, der Sturm hat einen Baum auf die Schienen gekippt oder der Zug ist mit einem Auto zusammengestossen – aber aufgrund unglücklicher Umstände mussten wir kurz vor Helsinki doch eine Stunde lang bibbern, ob wir rechtzeitig zum Hafen kommen würden. Mit 40 Minuten Verspätung kamen wir in Helsinki an.

Das war noch nicht zu spät – aber viel Musse, den Steinmännern am Hauptbahnhof, die seit Pandemiebeginn vorbildlich Maske tragen, zuzuwinken, und die Strassenbahnfahrt vom Bahnhof zum Hafen zu geniessen, hatten wir nicht.

Das neue Fährterminal am Westhafen sahen wir zum ersten Mal aus der Fussgängerperspektive. Es ist so schön geworden! „Fast wie ein Flughafenterminal!“, sagten die Kinder. „Ein bisschen wie die Oodi!“, dachte ich.

Die Fähre war ausgebucht – zumindest die Autoplätze – und wir waren froh, dass wir inzwischen alle geimpft sind und deshalb endlich wieder Buffet gebucht haben. Damit ist nicht nur gleich das Abendbrot erledigt, sondern das spart auch den Kampf um einen bequemen Platz während der Überfahrt, wenn das Schiff so voll ist. Während bei Viking Line das Buffet nach anderthalb Stunden geschlossen wird – und auch schon nach einer Dreiviertelstunde die Vorspeisen abgeräumt werden – kann man bei Tallink, wenn man möchte, in aller Ruhe von Hafen zu Hafen im Restaurant sitzen und sich querbeet und nochmal von vorn durchs Buffet essen. Der Ähämann freute sich, dass wir diesmal beide ein Glas Wein trinken konnten. Das Auto zu Hause zu lassen, hat viele Vorteile.

Halb zehn kamen wir in Tallinn an. Neuerdings muss man für Estland auch so ein Corona-Einreiseformular ausfüllen und vor Einreise entweder geimpft, genesen oder getestet sein, aber keine Sau interessierte sich letztendlich am Hafen dafür.

Die zwei Kilometer Weg vom Hafen zu unserer Unterkunf zogen sich mit den schweren Rucksäcken und zu nächtlicher Stunde ein bisschen, aber die Reisekinder waren viel zu freudig aufgeregt, um zu murren.

Masken kochen, Zähne putzen, ins Bett fallen.
Morgen geht es schon bis nach Riga!


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Dreimal drei Kreuze

Innerhalb von nicht mal vierundzwanzig Stunden haben sich seit gestern Abend drei Dinge geklärt, die uns zunehmend unter den Nägeln gebrannt hatten.

1) Die Wahlunterlagen für die Bundestagswahl sind eingetroffen.

Wir waren diesmal ein bisschen… äh… lahmarschig und haben erst vor reichlich zwei Wochen unsere Briefwahlanträge weggeschickt. Da die finnische Post Briefe schon länger nicht mehr innnerhalb von zwei Tagen, sondern eher innerhalb von zwei Wochen nach Deutschland befördert, fing ich dann doch schon an, ein bisschen um unsere Wahlteilnahme zu bibbern. Gestern lagen die Wahlunterlagen im Briefkasten, heute früh füllten der Ähämann und ich sie symbolträchtig zur Feier unseres 18-Jahre-in-Finnland-Jahrestages aus. Drei Wochen sind hoffentlich selbst für die finnische Schneckenpost machbar!

Weil die Frage aufkam, ob es gerechtfertigt ist, dass man für ein Land wählt, in dem man gar nicht lebt: Man bekommt ja auch die Staatsbürgerschaft nicht aberkannt. Vielleicht will man, wenn man in Rente ist, doch wieder zurückgehen in sein Geburtsland. Vielleicht möchten die Kinder in Deutschland studieren. Vielleicht wird es andere Dinge geben, wegen denen man dann doch in sein Geburtsland zurückzieht, und wenn es nach 50 Jahren ist. Da ist einem doch nicht egal, was bis dahin dort passiert?! Im Übrigen finde ich, dass einem jeden Land die Meinung und die Stimme von Menschen, die schon mal über den Tellerrand geguckt haben, nur guttun kann.

2) Wir haben Autozugtickets gebucht.

In den letzten Weihnachtsferien, als wir durch den dunklen und nassen südwestfinnischen Wald stapften und die Sehnsucht nach Schnee, von der wir noch nicht wussten, dass sie in diesem Winter sogar in Turku gestillt werden würde, übermächtig wurde, buchten wir kurzentschlossen für die nächsten Weihnachtsferien das Blaue Rote Mökki, in dem wir vor sechs (!) Jahren das letzte Mal waren. Die nächsten Weihnachtsferien bieten nämlich die einmalige Gelegenheit, während der Ferien, aber doch ausserhalb der Saison und somit zu gerade noch aufbringbaren Preisen, nach Lappland zu reisen: die Schule beginnt erst am 10. Januar wieder!

Kein Lappland-Winterurlaub aber ohne An- und Abreise mit dem Nachtzug. Je eher man bucht, desto preiswerter. Je eher man bucht, desto besser die Chancen, überhaupt mitzukommen. Ende Dezember aber konnte man noch nicht buchen. Anfang Januar auch nicht. Auch im März noch nicht und nicht im August. Am 1. September habe ich die Ticketverkaufsseite bestimmt zwanzigmal aktualisiert, umsonst. Gestern Abend wollte ich eigentlich nur gucken, ob neue Zweitimpfungstermine für 12- bis 15-Jährige verfügbar sind, und habe nur aus Gewohnheit nochmal auf die Bahnseite geguckt, und dann fingen mir die Finger zu zittern an, denn man konnte endlich Nachtzugtickets für Januar 2022 buchen!

(Ich rege mich jetzt nicht darüber auf, dass es in einer Stadt wie Turku schon seit zwei Jahren keinen einzigen Fahrkartenschalter mehr gibt, dass man online aber für die Autozugpakete nicht alle Optionen selbst buchen kann, dass die Frau an der Hotline überhaupt keine Ahnung hatte – „Ich rufe an, weil ich zwei Kabinen buchen möchte, die man verbinden kann.“ „Im Ober- oder Untergeschoss?“ „Verbindbare gibt es nur unten.“ – und auch nicht darüber, dass man es bei der finnischen Bahn offenbar für völlig normal hält, telefonisch die Kreditkartendaten seiner Kund*innen abzufragen. Nein, ich rege mich nicht auf.)

Ich bin jedenfalls froh, dass wir bei erster Gelegenheit gebucht haben, denn heute früh war der uns gestern Abend schon horrend erschienene Preis für die Hinfahrt (die Rückfahrt geht) um weitere 250 € gestiegen. Es kann sich vermutlich nur noch um Stunden handeln, bis es keine Autoplätze mehr gibt.

3) Die 12- bis 15-Jährigen der Familie haben einen Zweitimpftermin.

Nicht nur angesichts der Kindercoronawelle, die hier aus offensichtlichen Gründen gerade anrollt, sondern auch wegen unseres Plans für die Herbstferien, der die Nutzung vieler öffentlicher Verkehrsmittel und das Überqueren von drei Landesgrenzen beinhaltet, waren wir nicht sehr angetan von der Aussicht, dass die Zweitimpfung des grossen Herrn Maus und des Fräulein Maus erst nach 12 Wochen, also Ende Oktober, erfolgen würde. Seit diesem Montag durfte man den Zweittermin auf acht Wochen nach Erstimpfung vorziehen, aber leider war bisher weder online noch telefonisch ein Termin in unserem engen Zeitfenster von gerade mal vier Tagen – mindestens acht Wochen nach Erstimpfung, aber noch vor den Herbstferien – zu bekommen gewesen. An Terminen in naher Zukunft mangelte es nicht, also waren wir optimistisch, dass wir dann, wenn unser Zeitfenster näherrücken würde, schon einen Termin ergattern würden, aber so richtig Spass macht das ja nun auch nicht, sich bis dahin nicht wirklich auf die bisher nur unter Vorbehalt geplante Reise vorfreuen zu können. Als ich heute Mittag die neuesten Turkuer Coronazahlen anguckte, sah ich zufällig, dass man, ziemlich überraschend, ab heute die Impfabstände sogar auf sechs Wochen verkürzen darf, und als man mich von der sofort angerufenen städtischen Impfhotline zurückrief, war sogar für beide Impflinge ein Termin gleich am ersten möglichen Tag, also genau sechs Wochen nach Erstimpfung, frei. Ich bedankte mich ungefähr zehnmal überschwänglich bei der Telefonkrankenschwester und führte dann im Park ein kleines Freudentänzchen auf. Nicht nur, dass wir uns nun schon anderthalb Monate eher nicht mehr wegen jedem Coronafall in der Schule sorgen müssen. Vor allem werden das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus noch rechtzeitig vor den Herbstferien geimpft werden – so rechtzeitig, dass zwischen Impfung und Reiseantritt sogar die offiziell nötigen zwei Wochen liegen werden, so rechtzeitig, dass nicht zwei am ersten Reisetag mit eventuellen Impfnebenwirkungen werden kämpfen müssen. Juhuu! Grosse Herbstferienvorfreude!


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Zwölf Orte im Baltikum

An unserem dritten Urlaubstag verkündete die finnische Gesundheitsministerin, dass für die besorgniserregende Coronasituation in Finnland nicht nur die aus St. Petersburg zurückgekehrten Fußballtouristen verantwortlich zu machen seien, sondern auch die ausländischen Arbeiter und die finnischen Auslandsreisenden.

Ich war kurz davor, etwas anzuzünden.

Verantwortungsvolles Coronawandern.

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Finnischer Meerbusen.

Jede Reise beginnt auf dem Meer.

Diesmal begann sie auf einer fast spiegelblanken Ostsee bei 31°C. Die für die zweistündige Überfahrt auf dem Oberdeck eingepackten langärmeligen Sachen blieben in ihrem Beutel. Im Gegenteil, wir waren froh, als ein bisschen Fahrtwind aufkam.

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Tallinn (1)

Unsere Lieblings-Rhabarberlimonade, die wir erst vor ein paar Jahren in Estland entdeckt hatten, gibt es leider seit Neuestem weder in den Supermärkten der estnischen, lettischen schwedischen oder litauischen Kette. Der Ähämann recherchierte ein wenig und fand heraus, dass es sie nur noch in den wenigen Filialen einer grossen finnischen Supermarktkette, die wir bisher in Estland gemieden haben, gibt. Überhaupt scheint es sämtliche Getränke mit Rhabarber nur da zu geben. Wir entliessen einen uns mitten auf dem Meer zugeflogenen Marienkäfer in die Freiheit, freuten uns über die Familienparkplätze vor dem Supermarkt und luden uns anschliessend die Lücken im Kofferraum mit Rhabarbergetränken voll.

Extrabreite Familienparkplätze haben wir hier übrigens auch vor jedem grösseren Supermarkt, aber nicht so niedliche.
(Ich quietsche auch sehr oft angesichts estnischer Käsepackungen oder Schokoladentafeln.)
((Oder wegen der Niedlichkeit der estnischen Sprache.))

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Tallinna-Narva-maantee (Autobahn Nr. 1)

In Estland kann es passieren, dass man zum Abfahren von der Autobahn wenden muss.
(Zum Auffahren auch.)

Da Estland nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten Geschwindigkeiten ist und sich die Verkehrsdichte ausser auf der Via Baltica in Grenzen hält, funktioniert das recht gut. Wir haben dann diesmal auch gelernt, dass man nach dem Wenden, statt sich direkt in den Verkehr einzufädeln, eigentlich erstmal unverzüglich auf die an diesen Stellen extra angelegte dritte, äusserste Spur fahren und diese dann als Beschleunigungsspur nutzen soll.

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Lahemaa-Nationalpark.

Schon als wir vor acht Jahren die allerersten vier Herbstferientage des Fräulein Maus dort verbrachten, haben wir uns in die Gegend, die schon 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion unter Schutz gestellt wurde, verliebt. Es gibt dort ausgedehnte Urwälder, unendliche Moore und wilde Sandstrände voller Findlinge, aber auch sanft gewellte Felder und Wiesen, auf denen Kühe weiden, Dörfer, die nur aus einer Handvoll gelb oder grün gestrichener Holzhäuschen bestehen, und prächtige Gutshäuser, auf deren Schornsteine die Störche ihre Nester gebaut haben.

Das Beste war: diesmal gingen wir – es war keinen Tag kälter als 28°C – jeden Tag baden. Lahemaa, das Land der Buchten, ist allüberall von der Ostsee umgeben. Der Grossteil der Küste ist mit Schilf zugewachsen, aber es gibt auch Sandstrände, manche mit riesigen Findlingen, die die letzte Eiszeit aus Finnland an die estnische Küste geschoben hat und zwischen denen man in wunderbar klarem Wasser, das auf unserer Seite des finnischen Meerbusens schon seit Juni nicht mehr annähernd so sauber ist, herumschwimmen kann. Sogar in den schwarzen Moorsee durfte man springen – zum Glück hatte ich mich daran erinnert, dass wir so eine Badestelle mitten im Hochmoor schon mal in den vorletzten Herbstferien in einem anderen estnischen Moor entdeckt hatten, und wohlweislich Badesachen in den Rucksack gepackt – er war fast badewannenwarm. Und die Störche waren da – die Jungstörche kurz vorm Ausfliegen und die Eltern unermüdlich Frösche fangend. (Meist neben der Autobahn. Oder hinter dem Traktor, der das erste abgeerntete Getreidefeld umpflügte.) Im Moor wucherte der Sonnentau bis an den Weg und streckte seine klebrigen Fliegenfallen in die Sommerhitze. Die Heidelbeeren wuchsen uns riesig und aromatisch vom Wegesrand in den Mund. Und abends nach der Sauna sahen wir halb elf die Sonne über dem Meer untergehen und liessen uns dabei Abend für Abend von 87364 Mücken und Bremsen zerstechen. (Immerhin juckt es tatsächlich nach 20 Stichen, wie man mir schon in meinem allerersten finnischen Sommer glaubhaft versichert hat, nur noch die ersten fünf Minuten.) Der Himmel blieb die ganze Nacht blau.

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Narva.

Ich bin mit Grenzen aufgewachsen: solchen, die nur ein bisschen gesichert waren, und solchen, von denen man annehmen musste, dass man sie sein Leben lang nicht übertreten dürfen wird. Unsere Kinder sind bisher völlig ohne Grenzen aufgewachsen: wir reisen im Urlaub durch halb Europa und müssen nie irgendwo einen Pass vorzeigen. Wir standen deshalb mit ungefähr den gleichen Gefühlen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – vor der stacheldrahtbewehrten EU-Aussengrenze zwischen Estland und Russland.

Die Städte auf beiden Seiten des Grenzflusses – das estnische Narva und das russische Iwangorod – werden beide von riesigen Festungen beherrscht. Schon seit Jahrhunderten wurde über den Grenzfluss hinweg Krieg geführt und säbelgerasselt.

Auf der Hermannsfeste wehte die estnische Fahne, und die Ausflügler schauten hinüber zur Festung Iwangorod, wo die die russische Fahne wehte und die Ausflügler auf die Hermannsfeste herüberschauten – keine 100 m voneinander entfernt und doch ohne Visum unerreichbar weit weg.

Sowjetischer als in Narva wird’s diesseits der EU-Aussengrenze auch nicht mehr. In Narva steht die letzte Lenin-Statue des Baltikums, vom Stadtzentrum in den Innenhof der Hermannsfeste umgesiedelt, und ich fand die Strasse der Kosmonauten, in der sich wie in der ganzen Stadt geziegelte, unverputzte Wohnblöcke aneinanderreihten, das eine Modell, wie es in allen Städten des Baltikums und wahrscheinlich auch Russlands zu finden ist.

95% der Bevölkerung Narvas spricht russisch; die estnische Bevölkerung durfte nach dem Krieg lange nicht in das komplett zerstörte Narva zurückkehren, stattdessen wurden russische Zuwanderer dort angesiedelt, um die Industrie Narvas am Laufen zu halten bzw. wieder aufzubauen. Es sind auch nur noch 140 km bis nach St. Petersburg. Ein Klacks mit dem Auto. Wenn, ja, wenn.

Wenn man weiterfährt an der Narva entlang nach Norden, bis zu ihrer ebenfalls stacheldrahtbewehrten Mündung in die Ostsee, neben der sich kilometerweite, breite Sandstrände erstrecken, kommt man alle paarhundert Meter an irgendwelchen Soldatenfriedhöfen und Kriegsdenkmälern vorbei.

Eine Welt ohne Grenzen und ohne Krieg, das wär’s…!

Die DDR-Glühlampenmarke hatte übrigens bei aller Freundschaft zu den sozialistischen Bruderländern nichts mit der gleichnamigen estnischen Stadt zu tun: Narva stand in dem Fall für für Stickstoff („N“), Argon („Ar“) und Vakuum („Va“).

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Sillamäe.

Sillamäe ist wie Bielefeld. Nur umgekehrt.

Zu Sowjetzeiten gab es Sillamäe wegen seiner Urananreicherungsanlagen offiziell nicht. Die Stadt war auf keiner Karte verzeichnet – und wir haben lachend festgestellt, dass Google Maps auch im Jahr 2021 noch nicht weiss, auf welcher Seite der Hauptstrasse ein Park und auf welcher ein Wohngebiet ist – die Bewohner hatten keine Postadressen, sondern bekamen ihre Post über Codeanschriften zugestellt, Nicht-Ortsansässige durften die Stadt nur mit Sondergenehmigung, Ausländer überhaupt nicht betreten.

Die Stadt strahlt (haha) heute noch den morbiden Charme verfallender, grössenwahnsinniger Stalin-Prachtbauten aus, den ich auch aus dem Stadtteil meiner Geburtsstadt, in dem ich aufgewachsen bin, kenne. Der grosse Herr Maus fasste es mit „Das ist alles antik, nur nicht echt“ recht treffend zusammen. Am bezeichnendsten für diesen Baustil ist vielleicht das Rathaus von Sillamäe, das mit seinem spitzen Turm einer nordischen evangelischen Kirche ähnelt, ohne die sich die Stadtplaner eine Stadt am Meer nicht vorstellen konnten, obgleich doch Atheismus offizielle Staatsreligion war.

Immerhin sind manche dieser Prachtbauten schon recht hübsch restauriert, Sillamäe hat eine sehr moderne Strandpromenade mit jeder Menge Spielgeräten, Umkleidehäuschen und fest installierten Grillen, und statt einer Urananreicherungsanlage gibt es heutzutage eine Fabrik, die sich auf die Verarbeitung seltener Erden und Metalle spezialisiert hat. Die Arbeitslosigkeit ist trotzdem hoch, die Umwelt vermutlich noch immer verseucht.

Auch in Sillamäe wird überwiegend Russisch gesprochen. Der Ähämann, dem der Rasierschaum ausgegangen war, fand einen kleinen Laden, in dem von Brot und Milch über Drogerieartikel, Klamotten und Süssigkeiten bis zum Wodka alles verkauft wurde – alles in ehemaligen Ostblockstaaten hergestellt – und die Bedienung erfolgte ausschliesslich auf Russisch. Vor der Theke lag die Ladenkatze und räkelte sich in der Sonne, die durch die Eingangstür hereinfiel.

Das Fräulein Maus hat übrigens – zu Recht! – mehr als einmal in diesem Urlaub darüber geschimpft, dass sie statt Russisch Französisch lernen muss.

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Kohtla-Nõmme.

Die nordöstliche Ecke Estlands ist voll von Plätzen, die laut „Nie wieder!“ schreien. Die Schauplätze von Krieg, Vertreibungen, Holocaust, sowjetischer Diktatur und Umweltzerstörung könnte man, so man denn wolle, alle nacheinander an ein, zwei Tagen besuchen, ohne weit fahren zu müssen.

Rund um Kohtla-Nõmme befindet sich ein ausgedehntes Bergbaugebiet mit unter Anderem der höchsten Abraumhalde des Baltikums. (Wir wären gern auf der Rückfahrt von Narva im Abendsonnenschein da raufgestiegen, aber wir fanden den Einstieg nicht.) Der Uranabbau in der Gegend wurde schon 1952 eingestellt, aber bis heute wird Ölschiefer in der Gegend abgebaut und weiterverarbeitet und auch zu Strom und Wärme verbrannt.

(Ein Ort in der Gegend heisst Kiviõli (=Steinöl), was wir genauso lustig fanden wie den Ort Heršpice ein paar Kilometer hinter Austerlitz.)

Im Estnischen Bergbaumuseum kann man sich nicht nur ausgemustertes riesiges Bergbaugerät angucken, sondern auch in einem alten Schacht unter Tage erleben, wie der Ölschieferabbau vonstatten ging. (Oder geht, sehr viel hat sich da nämlich nicht geändert.) Ölschiefer wird sehr knapp unter Tage (oder sogar über Tage) abgebaut, so dass man eher das Gefühl hat, in eine Höhle zu laufen als in ein Bergwerk einzufahren, aber schön fand ich, dass wir alles Gerät, das noch funktionstüchtig ist, vorgeführt bekamen: wir fuhren ein Stück mit einer Grubenbahn, bekamen demonstriert, wie laut so ein Ventilator ist, der nach der Sprengung Rauch und Staub absaugt, und wie sich so ein Schrämlader laut scheppernd vorwärtsbewegt, ohrenbetäubend schon, wenn sich seine Walze nur leer in der Luft dreht statt Gestein aus dem Fels zu kratzen.

Die Spruchbänder mit den sozialistischen Losungen machten offensichtlich auch vor Bergwerksschächten nicht halt: „Wir produzieren ausschliesslich Qualitäts-Ölschiefer“ hängt über der Sortierstation unter Tage.

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Tallinn (2)

In Tallinn kann man die billigsten am wenigsten teuren Corona-Schnelltests in ganz Estland machen lassen.

In einem Kleinbus auf einem Parkplatz an der Ausfallstrasse nach Süden. Das Testpersonal sprach ausschliesslich Russisch. Die Testerin trug ausser einer einfachen medizinischen Maske keinerlei Schutzkleidung, der Mitarbeiter am Computer nicht einmal das.

Die Wartezeit auf das Testergebnis und das Austellen der Visa Testzertifikate verbrachten wir im gegenüber gelegenen Pfannkuchenhaus. Um das Pfannkuchenhaus herum führt die Wendeschleife mehrerer Tallinner Strassenbahnlinien, und wir konnten beim Essen den Strassenbahnen – „Hallo Paula!“, „Hallo Triinu!“, „Hallo Annika!“, „Hallo Sirje!“, „Hallo Kersti!“ – zuwinken.

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Ainaži.

2010 machten wir in Südestland eine Woche Mökkiurlaub. Eines Tages waren wir über Mittag ein bisschen am Strand im Sand buddeln, eine kleine Runde Naturlehrpfad laufen, und danach wollten wir in der nächsten grösseren Stadt mittagessen. Der damals zweijährige grosse Herr Maus sollte vorher aber noch seinen Mittagsschlaf halten, weshalb wir beschlossen, vom Strand aus erst noch der kleinen Landstrasse ein Stückchen weiter nach Süden zu folgen, ehe wir auf die Fernverkehrsstrasse einbiegen und nach Norden Richtung Stadt fahren würden, damit er lange genug Zeit hätte zum Schlafen. Wir fuhren durch verschlafene Dörfer, und als wir durch das dritte davon fuhren, kam uns irgendwas komisch vor. Und tatsächlich – wir befanden uns, ohne dass wir etwas von einer Grenze bemerkt hätten, inzwischen in Lettland!

An diese kleine Strasse und den nicht vorhandenen Grenzübergang erinnerten wir uns diesmal aus zwei Gründen.

Erstens ist der Verkehr auf der E67, der Via Baltica, völlig irre. Auf der zweispurigen Landstrasse fahren die LKWs Stossstange an Stossstange wie auf der rechten Spur einer deutschen Autobahn, es wird halsbrecherisch überholt, auch von Bussen, auch die LKWs sich gegenseitig, und das alles bei Gegenverkehr, der sich genauso verhält, und ohne jegliche Überholspur, manchmal sogar ohne nennenswerten Seitenstreifen, auf den die zu Überholenden ausweichen könnten. Es gibt leider nicht so viele Nord-Süd-Verbindungen im Baltikum, dass man auf eine weniger befahrene Strecke ausweichen könnte, aber wenigstens ab und zu die Gelegenheit, für 20, 30 Kilometer auf kleine Nebenstrassen abzubiegen.

Zweitens braucht man für die Einreise nach Lettland derzeit, wenn man nicht voll geimpft ist, ein negatives Coronatestergebnis. Wenn das von jedem an der Grenze kontrolliert würde, würden wir da bei der Verkehrsdichte sicher ewig im Stau stehen, fürchteten wir. Wir könnten es ja einfach mal probieren, die Grenze statt auf der Via Baltica auf der kleinen Nebenstrasse zu überqueren. Dort wäre ganz sicher nicht so viel los.

Und tatsächlich fanden wir uns ähnlich schnell in Lettland wieder wie vor elf Jahren mit dem schlafenden grossen Herrn Maus im Auto – ohne jegliche Grenzkontrolle. (Schade um die vier – der kleine Herr Maus musste nicht – teuren Coronatests!)

Wir hatten übrigens Glück mit unseren Reisedaten: am Tag nach unserer Einreise nach Lettland stieg sowohl in Estland als auch in Finnland – man weiss ja in so einem Fall immer nicht so richtig, was nun als Einreiseland gilt – die 14-Tage-Inzidenz über den Grenzwert von 75, was bedeutet hätte, dass wir in Lettland in Quarantäne gemusst hätten.

(Tatsächlich hatten wir uns den ganzen Urlaub darauf eingestellt, eventuell in Estland bleiben zu müssen, sollte sich die Coronalage drastisch verschlechtern.)

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Saulkrasti.

Saulkrasti war seit 14 Jahren der Inbegriff unserer Träume. Soweit sie sich auf Strand und Meer bezogen, jedenfalls.

2007 fuhren wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum und Polen in die Slowakei. Der irre Verkehr auf der Via Baltica setzte damals erst in Polen ein; im Baltikum war es recht ruhig auf den Strassen, dafür wurde überall der Ausbau der E67 vorangetrieben. An einer Baustelle wurden wir durch Saulkrasti umgeleitet, mitten durch den langgestreckten Badeort und am kilometerlangen Strand entlang, der mit seinen Dünen und seinem gelben Sand und dem Meer, das ohne Inseln dazwischen bis zum Horizont reichte, ganz anders als die Strände in Südfinnand, unserer in Mecklenburg geprägten Vorstellung von einem Ostseestrand entsprach. Saulkrasti wäre leichter zu erreichen als Zingst. Lass uns da mal hinfahren, wenn wir mal an einen schönen Strand wollen, sagten wir zueinander.

Es hat 14 Jahre gedauert. Dann aber musste es gleich und sofort sein, obwohl wir abends noch bis nach Riga mussten. Zum Glück sind die Abende lang im Sommer im Norden…!

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Rīga.

Riga war #aufgrundderaktuellensituation genauso leer, wie wir uns das erhofft hatten.

Wir zogen vier Tage lang planlos durch die Altstadt, gingen in jede Kirche, stiegen fuhren auf jeden Turm. Mit Verwunderung sah ich von oben zum ersten Mal, dass Riga nicht nur am Meer liegt, so wie Stockholm oder Helsinki oder Tallinn, sondern an einem mächtigen Strom. Die Daugava kommt direkt aus den weiten Mooren Russlands und Weissrusslands und Lettlands; ihr rübensirupfarbenes Wasser bringt den Moorgeruch mit bis in die Stadt.

Wenn es abends zu dämmern anfing – gegen halb zehn, und das ist für uns sensationell zeitig – gingen wir Cocktails bzw. Milchshakes trinken und danach die beleuchtete Stadt anhimmeln. Wenn die Kinder dann kurz vor Mitternacht im Bett lagen, sassen der Ähämann und ich noch lange auf unserem Balkon über den Dächern der Altstadt, lauschten dem fernen Rauschen des Verkehrs auf der grossen Brücke und dem Geschrei der Möwen, die auf den Dächern ihre Nester haben und noch mitten in der Nacht um die Kirchtürme segeln.

Die Rigaer Strassenbahnen haben übrigens O-Bus-Stromabnehmer.

Ausserdem hat Riga eine sehr beeindruckende Nationalbibliothek; sieben Etagen Bücher in moderner Architektur, das letzte grosse Werk des in Lettland geborenen US-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts. Vom 11. und 12. Stockwerk, dem Krönchen, aus hat man einen sehr schönen Blick über die Daugava auf die Stadt. Dafür hätten wir eigentlich am nächsten Tag nochmal wiederkommen müssen, aber eine freundliche Bibliotheksmitarbeiterin fuhr mit uns, weil so wenig los war – wir haben tatsächlich in dem ganzen riesigen Gebäude ausser uns vielleicht noch sechs Menschen getroffen – doch gleich hoch. Dann brachte sie uns zurück ins 7. Stockwerk, von wo wir Stockwerk für Stockwerk nach unten zurückliefen und staunten. (Die Kinder hatten viel Spass mit den gläsernen Fahrstühlen.)

Die befreundete Deutschlehrerin, die sich immer um unseren Garten kümmert, während wir auf Reisen sind, wofür wir ihre Katzen füttern, wenn sie auf Reisen ist, hatte uns bei der Schlüsselübergabe zuallerletzt noch zugerufen: „Geht unbedingt in die Markthallen hinterm Bahnhof!“ Nun ist es so, dass mein Verhältnis zu Markthallen ein eher ungutes ist. Die Markthalle in meiner Geburtsstadt wurde nach der Wende aufwändig restauriert, hat aber mit einem Markt wenig gemein. Turku bildet sich viel auf seine historische Markthalle ein, aber letztendlich findet man da auch nur die üblichen Kaffeeketten, einen ramschigen Souvenierladen und einen einzigen Fleischstand, der wirklich in die Markthalle passt. Aber die Markthallen in Riga, Leute! Es sind fünf Stück ingesamt, ehemalige Zeppelinhallen der deutschen Wehrmacht, und in jeder gibt es etwas anderes: Obst und Gemüse in der einen, Fisch in einer anderen, Brot, Backwaren und Milchprodukte in der nächsten, in der hintersten werden Textilien verkauft und in der, die ein bisschen abseits steht, Fleisch. Rund um die Markthalle befinden sich, ohne Übertreibung, hunderte Marktstände für Obst und Gemüse. Wir gingen von Stand zu Stand, staunten, kauften ein, radebrechten auf Russisch – denn wie überall im Baltikum ist die russische Minderheit nicht sonderlich beliebt, bestreitet aber jegliche Verkaufsstände quasi allein – freuten uns an der Freundlichkeit und Gesprächigkeit der Verkäufer*innen und hatten am Ende fast einen halben Nachmittag da verbracht.

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Schloss Rundāle.

Mitten im lettischen Nirgendwo, nahe der litauischen Grenze, befinden sich 85 Hektar Versailles.

Auch da waren wir 2007 schon mal. Aber wann hat jemand, der schon lange in Finnland lebt, schon mal die Gelegenheit, ein wirklich prächtiges Schloss zu besichtigen?

Schloss Rundāle liess Zarin Anna Iwanowna 1735 als Sommerresidenz (!) für den deutschbaltischen Herzog von Kurland bauen. Das Schloss hat 138 prächtig eingerichtete Zimmer und Säle, von denen man sehr, sehr viele besichtigen kann. „Wer braucht so viele Zimmer?!“, fragten die Kinder. Es ist purer Grössenwahn.

Hinterher fuhren wir – 30 Kilometer über unbefestigte Landstrassen zwischen Feldern, auf denen Störche staksten und Mähdrescher ihre Runden zogen; kein Dorf, nur Staub und Mittagshitze – in die nächstgrössere Stadt, um etwas zu essen. Die Kellnerin fragte uns nach unserem Woher und Wohin und sagte dann lachend: „Ich bin aus Rundāle! Aber ein Schloss haben wir hier auch. Ein grösseres als in Rundāle.“ „Noch grösser?!“, fragten wir ungläubig. Aber: tatsächlich!

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Jūrmala.

Noch ein Strand. 33 km lang und mit dem feinsten Sand, den wir je an der Ostsee unter den Füssen hatten.

„Können wir bis zum Sonnenuntergang hierbleiben?“, fragte das Fräulein Maus, als wir sowieso schon recht spät da ankamen. Nicht ganz. Dafür kamen sie einfach anderthalb Stunden lang nicht wieder raus aus dem lauwarmen Wasser.

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Tallinn (3)

Bereit für die Rückreise.


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Auslandsreise, verantwortungslose

Seit Monaten, wenn man den Verlautbarungen der entsprechenden Behörden und der finnischen Presse Glauben schenkt, kommen sämtliche neuen Coronafälle in Finnland aus dem Ausland, und wer jetzt ins Ausland reist, verhält sich höchst verantwortungslos.

Nun ist es so, dass ich mich durchaus privilegiert fühle, die Pandemie in Finnland aussitzen zu können. Es gibt hier keine Panikmache, keinen Impfneid, einen Coronatesttermin zu bekommen ist denkbar einfach und mit den Impfungen geht es auch voran, und zwar ohne dass man seine Ellenbogen einsetzen muss. Die Schulen waren fast durchgängig geöffnet, und wenn nicht, kam der Distanzunterricht so nahe an Präsenzunterricht heran, wie man es sich nur wünschen kann. Wir hatten nie Ausgangssperren, durften uns zu jeder Zeit im ganzen Land – bis auf die drei Wochen, in denen Uusimaa abgeriegelt war – frei bewegen und haben wunderbare Ausflugs- und Reiseziele in der finnischen Natur.

Aber Finnland ist eben doch überall Finnland. Schon seit den ausgefallenen Herbstferien hatten wir Estlandweh, und nach fast einem Jahr war die Sehnsucht nach Tapetenwechsel fast übermächtig geworden.

Wir packten die erstbeste Gelegenheit beim Schopf und bestiegen letzten Dienstag gemeinsam mit den zur Konfirmation angereisten (und zum Glück schon voll geimpften) Grosseltern ein Schiff nach Tallinn.

Unser Verständnis für Reiserestriktionen ist mittlerweile aufgebraucht. Seit anderthalb Jahren trägt unsere Familie Maske – auch da, wo wir nicht müssten. Seit anderthalb Jahren haben wir kein Museum, keine Schwimmhalle, kein Restaurant von innen gesehen – auch dann nicht, als wir es gedurft hätten. Seit anderthalb Jahren können wir die Gelegenheiten, an denen wir oder die Kinder Freunde getroffen haben, an zehn Fingern abzählen – obwohl es hier nie strenge Restriktionen gab, wie viele Haushalte und wie viele Personen sich treffen dürfen. Seit Juni dürften wir wieder Karaoke singen in Bars und auf Konzerte mit hunderten von anderen Leuten gehen – aber ins estnische Moor wandern gehen dürfen wir nicht?!

(Bezeichnenderweise drängelten sich auf der Fähre die Finn*innen, die eine Quarantänefreie Kreuzfahrt ohne Landgang machten, im Tax-Free-Shop und am Buffet, während wir die zwei Stunden Überfahrt in beide Richtungen auf dem Sonnendeck absassen. Und wenn es dann auf einem dieser Schiffe, wie letztes Wochenende auf der „Baltic Princess“, die zwischen Turku und Stockholm pendelt, unter den Kreuzfahrern zu einem Covid-19-Ausbruch kommt, dann wird das auch noch den Auslandsreisenden angelastet. Ich erwähnte schon, dass mein Verständnis für Reiserestriktionen aufgebraucht ist?!)

Tallinn war tatsächlich noch leerer als im letzten Jahr. Es fehlten nicht nur die Touristen, sondern auch die Tallinner selbst, denn sie hatten zwei aufeinanderfolgende Feiertage: den Siegestag am 23. und Mittsommer am 24. Juni. Es fiel nicht schwer, den Anweisungen der finnischen Gesundheitsbehörde – „Im Ausland besondere Vorsicht walten lassen!“ – Folge zu leisten. Wir spazierten durch menschenleere Gassen, die wir uns nur mit Tauben und Möwen teilen mussten, und assen auf Terrassen. Zudem sinkt die estnische 14-Tages-Inzidenz, die sich irgendwann im Winter bei schwindelerregenden 1500 befunden hatte, seit Wochen rapide und ist kaum noch höher als die finnische.

Ich badete in heisser Luft und freute mich am ersten echten Sommergewitter seit Jahren, das zur Mittagszeit den Himmel verdunkelte, die Gassen in Bäche verwandelte, über Gullydeckeln gewaltige Strudel erzeugte und nach einer Stunde der Sonne den Platz wieder räumte. Der Ähämann und ich überliessen einen Abend die Kinder den Grosseltern und gingen im Spätabendsonnenschein aus. Und weil es in Tallinn so leer war, reifte gleich der nächste Reiseplan.

Der dreitägige Ausflug endete offiziell erst gestern mit dem Freitesten aus der Quarantäne.
Wir sind erwartungsgemäss alle negativ – aber wenn wir uns angesteckt hätten, dann garantiert nicht bei unserer verantwortungslosen Auslandsreise, sondern beim Konfirmationsgottesdienst, wo wir dicht an dicht mit rund einhundert grossteils nicht-masketragenden Angehörigen der anderen Konfirmand*innen in der kleinen Kirche sitzen mussten. Ich wünschte, die Leute würden ihren Verstand benutzen, statt Sündenböcke zu suchen.


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Reiserückblick: Feuer und Eis

Wir dachten ja, wir hätten schon mal den einen oder anderen Gletscher gesehen.

Aber das war, bevor wir den Vatnajökull und seine zahlreichen Ausläufer zu Gesicht bekommen hatten.

Das Wetter war nicht das Beste. Die Berge hingen in den Wolken. Aber immer mal lichtete sich der Nebel und gab den Blick frei auf gewaltige Gletscherzungen, die fast bis zum Meer herunterreichten.

Wir lernten, wie verheerend – man hätte es sich natürlich denken können, aber wann denkt man schon über sowas nach?! – so ein Vulkanausbruch unter einem Gletscher ist. Welche gewaltigen Überschwemmungen das gibt, wenn das dabei geschmolzene Gletschereis zum Meer strömt und alles mitreisst, was ihm in den Weg kommt.

Wir lasen von einem Bauern, der nach einem Ausbruch des Katla sich und seinen Säugling dadurch rettete, dass er auf einen vorbeitreibenden Eisberg aufsprang. Und wir sahen die verbogenen Überreste einer Brücke, die erst 1996 durch einen einem Vulkanausbruch folgenden Gletscherlauf völlig zerstört wurde.

Wir fuhren mehr als hundert Kilometer lang durch eine flache, schwarze, von Wasserläufen durchzogene Sanderlandschaft, die sich bis zu 30 Kilometer breit zwischen Bergen und Küste erstreckt, und passierten dabei Brücken, an denen gerade gearbeitet wurde, oder Brücken, die hundert Meter neben mehr oder weniger sichtbar zerstörten Brücken ganz neu errichtet waren, und ja, es wird einem durchaus ein bisschen mulmig zumute, wenn man weiss, dass jeder Vulkan dort jederzeit wieder ausbrechen kann.

Wir lernten, dass vermutlich ein isländischer Vulkan die französische Revolution ausgelöst hat. Denn bei seinem letzten, ein halbes Jahr dauernden Ausbruch im Jahr 1783 wurden eine so große Aschewolke und soviel saurer Regen auf der ganzen Nordhalbkugel verteilt, dass es in vielen Ländern mehrere Jahre hintereinander Missernten gab, und der Rest ist, nun ja, Geschichte. Inzwischen ist auch die Lava dick bemoost.

Und dann dachten wir natürlich auch, wir hätten schon mal einen Gletschersee gesehen.

Aber das war, bevor wir die Gletscherseen des Vatnajökulls kennenlernten. Auf denen schaukeln ganze Eisberge, und die Luft riecht auch im Hochsommer nach Winter. Über den stilleren der beiden tuckerte gemächlich ein Schlauchboot, das neben Gletscher und Eisbergen nicht mal aussah wie eine Nussschale, sondern allenfalls wie ein Kirschkern. Die Kinder – zum Glück geht ein Finne nirgendwohin ohne seine Gummistiefel! – fischten sich Eisbrocken aus dem milchigen Wasser, die aussahen wie geschliffenes Kristall. Und nicht einmal der kleine Herr Maus fragte, ob er baden dürfe. ;-)

Aus dem anderen Gletschersee, dem mit dem Touristenrummel, treiben die Eisberge unter einer Brücke hindurch ins Meer. Ein paar von ihnen aber stranden malerisch auf schwarzem Sand.

Lange standen wir einfach nur da und konnten uns nicht sattsehen.

Island ist völlig masslos.


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Reiserückblick: An der Grönlandsee

Nachdem wir mehrere Tage in verschiedenen Vulkanlandschaften verbracht hatten, fuhren wir erstmal Richtung Norden ans Meer und um mehrere Halbinseln herum. Die waren anfangs ein bisschen langweilig: recht flach, sehr durchkultiviert. Am An diesem Tag lockte uns das Schwimmbad in Akureyri mehr als irgendwelche Landschaft.

Akureyri, zweitgrösste Stadt Islands, war mir übrigens schon gleich hinterm Ortseingangsschild sympathisch. Eine Stadt, die auf DIN-Normen pfeift.

Die Herzen in den Ampeln gibt es dort seit der Finanzkrise 2008, als Zeichen der Hoffnung und für was wirklich im Leben zählt. Was wohl von Corona bleiben wird? In Reykjavík fanden wir später übrigens die Frau vom Ampelmännchen.

Als wir am nächsten Tag weiter nach Westen fuhren, wurde die Landschaft jedoch mit jeder Halbinsel imposanter: kilometerlange schwarze Strände, riesige klotzförmige Felseninseln vor der Küste, schneebedeckte Berge, die direkt aus dem Meer herausragen, lustige vorm Strand aufragende Felsformationen. Wir fuhren von Küstenstrasse zu Gebirgspass zu Küstenstrasse. Und auf der nächsten Halbinsel das Gleiche wieder.

Einer wollte unbedingt in der Grönlandsee baden.

Am Ende des Tages fanden wir an der Spitze der letzten Halbinsel vor den Westfjorden einen Zeltplatz mit Ausblick auf den Sonnenuntergang über der Grönlandsee und auf die erste schneebedeckte Bergkette der Westfjorde. Direkt neben dem Zeltplatz befand sich eine Robbenkolonie.

Die Robben besuchten wir noch am gleichen Abend, noch bevor wir das Zelt aufgebaut hatten. Ein paar von ihnen schwammen herum, tauchten unter und steckten kurz vor uns neugierig den Kopf aus dem Wasser, um dann vorsichtshalber schnell wieder unterzutauchen. Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, noch bevor wir anfingen, das Zelt wieder abzubauen, gingen wir wieder hin – da lagen sie faul in der Sonne auf ihrem Felsen und rührten sich nicht. Fernglas war prima, aber man hätte sie auch mit blossen Augen ausreichend gut gesehen. So toll!

Ausserdem gab es jede Menge Vögel. Am tollsten fand ich die schwarzen Gryllteisten – bitte was?! – mit ihren roten Füssen und ihrem roten Schnabelinneren, die gar nicht scheu waren und direkt vor unseren Füssen herumwuselten.

Nur Papageientaucher gab es auch dort nicht. Dabei wollte ich unbedingt Papageientaucher sehen und hatte schon die ganze Zeit überall nach ihnen Ausschau gehalten.

Ein bisschen unschlüssig über unsere weitere Reiseroute waren wir auch, als wir am nächsten Tag weiterfuhren: hätten wir Zeit für die Westfjorde? Würde sich der Umweg lohnen?


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Reiserückblick: Langsam reisen

Den Floh hatte uns vor drei Jahren ein deutsches Ehepaar, das wir auf einem norwegischen Zeltplatz trafen, ins Ohr gesetzt.

Bis dahin hatte ich geglaubt, nach Island käme man als Tourist nur mit dem Flugzeug, aber sie berichteten uns von der Fähre, die einmal pro Woche in 48 Stunden von Norddänemark nach Island fährt und mit der sie mit ihren drei Kindern und ihrem Wohnmobil schon mehrmals gefahren waren.

Seit wir in Finnland wohnen, sind wir daran gewöhnt, dass jede unserer Reisen auf dem Meer beginnt. Dass jede unserer Reisen immer einen Grossteil „Der Weg ist das Ziel“ beinhaltet. Für mich ist tatsächlich die Welt nicht durch die Möglichkeit des Fliegens kleiner geworden, sondern seit der Ähämann und ich mit dem Auto, erst ohne und dann auch mit den Kindern, kreuz und quer durch Europa reisen: von Deutschland nach Tunesien, von Finnland in die Schweiz, über Schweden nach Ungarn, durchs Baltikum in die Slowakei. Man muss nicht fliegen, um weiter als bis ins Nachbarland zu kommen. Das muss einem in der heutigen Zeit ja auch erstmal klar werden.

Ich fliege gern: weil ich Flugzeuge toll finde. Aber ich reise nicht gern mit dem Flugzeug: aus Klimaschutzgründen, weil es zu fünft nahezu unerschwinglich ist, weil man am Zielort dann sowieso in den meisten Fällen noch ein Mietauto braucht, weil man mit dem Flugzeug nicht genug Krempel – schon gar kein Fünf-Personen-Zelt plus Zubehör! – transportieren kann. Und weil mir beim Fliegen das Gefühl für Entfernungen fehlt. Nach dem Fliegen fühle ich mich immer ein bisschen orientierungslos, ein bisschen wie an einem unbekannten Ort gestrandet.

Vier Nächte und drei Tage lang von Finnland nach Island zu reisen fühlte sich der Entfernung angemessen an. Als wir eine Woche später am westlichsten Punkt Islands standen, waren wir schliesslich fast in Grönland!

Für ein paar Stunden allerdings dachten wir, Schifffahren sei vielleicht doch eine Schnapsidee gewesen. Ich bin noch nie seekrank geworden – auch nicht bei der stürmischen 24stündigen Überfahrt von Genua nach Tunis oder im Herbststurm auf der Ostsee zwischen Helsinki und Rostock – aber die „Norröna“, kleiner als unsere Schwedenfähren, fing sofort hinter der Hafenausfahrt in Hirtshals mit dem Schaukeln an – und zwar nicht so ein bisschen hin und her oder auf und ab, sondern eher so achterbahnmässig – und in Verbindung mit Schlafmangel, zu wenig Frühstück und zu allem Überfluss einer Kopfschmerztablette auf nahezu nüchternen Magen war das dann doch zu viel. Dem Rest der Familie ging es auch nicht besser. Wir waren jedoch so müde, dass wir den Grossteil des Nachmittags, Abends und der Nacht einfach verschliefen.

Am nächsten Morgen überliess uns eine deutsche Familie eine ihrer zahlreichen Reisetablettenpackungen – etwas, woran wir, obwohl uns durchaus bewusst war, dass es auf dem Nordatlantik schaukeln würde, schlicht nicht gedacht hatten, weil wir sowas erstens noch nie gebraucht hatten und zweitens in Finnland noch nie auch nur eine einzige Werbung für Reisetabletten gesehen hatte. Die Tabletten und ein ordentliches Frühstück im Bauch halfen jedenfalls schnell, worauf wir den Rest der Reise wieder geniessen konnten.

Beim Frühstück, nach 21 Stunden Fahrt, tauchte Schottland auf. Gewaltige grüne Inseln. Und die ersten Basstölpel segelten neben dem Schiff her. (Da hatten wir freilich noch nicht recherchiert, um was für Vögel es sich handelte. Der grosse Herr Maus taufte sie einstweilen sehr passend Jetmöwen.)

Was man alles verpasst, wenn man fliegt…!

Als die letzte schottische Insel wieder hinterm Horizont verschwunden war, erfreuten wir uns noch lange an den das Schiff begleitenden Jetmöwen. Und an der Sonne und den hundert verschiedenen Blautönen von Wasser und Himmel. Und fast ein bisschen auch an der Schaukelei. Ich zumindest.

Abends hatte die Schaukelei kurzzeitig ein Ende: die Fähre legte für eine halbe Stunde in Tórshavn, der Hauptstadt der Färöerinseln, an. Über dem Hafen hing ein vollständiger Regenbogen, und ich hatte Herzchenaugen: so weit draussen, und plötzlich taucht da wieder eine bewohnte Gegend auf!

In der Nacht und am nächsten Morgen schaukelte es nicht weniger als vorher, aber keiner von uns wurde mehr seekrank. Als Island am Horizont auftauchte, als die ersten schneebedeckten Berge unsere Herzen hüpfen liessen und wir in Seyðisfjörður einliefen, hatte ich eine Ahnung, wie sich die frühen Entdecker gefühlt haben müssen, wenn nach Wochen auf See ein unbekanntes Land, ein neuer Kontinent auftauchte.

(Vor dem Landgang mussten wir allerdings noch an Bord unseren Coronatest absolvieren, dessen Ergebnis uns noch am gleichen Abend per App mitgeteilt wurde.)

Island schwankte übrigens noch zwei Tage lang unter unseren Füssen.

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Auf der Rückfahrt fühlten wir uns auf der „Norröna“ schon fast zu Hause. Wir erlebten fünf Meter hohe Wellen auf dem Nordatlantik, die das Schiff wie ein grosses Schaukelpferd auf und ab bewegten, und eine nahezu langweilig glatte Nordsee. Wir sahen einen Wal gleich neben dem Schiff! Nachmittags sassen wir in einer heissen Badewanne auf dem Oberdeck, während wir am Leuchtturm von Muckle Flugga vorbeifuhren. Und beim Abendessen nahmen wir alle paar Bissen das Fernglas zur Hand und bestaunten gigantische norwegische Bohrinseln.

Die 46 gemächlichen Stunden Heimfahrt auf der „Norröna“ halfen auch beim Abschiednehmen von Island, das uns überraschend schwer fiel. Es war dann auch durchaus passend, dass wir mit dem Löwen Balthasar die Letzten waren, die von Bord rollten.