Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Reiserückblick (10): Heimwärts

Nicht wieder zurück nach Deutschland und durch Schweden, sondern durch Polen und das Baltikum heimzufahren, war eine der besten Entscheidungen der Reise.

Wir hatten das schon einmal gemacht, danach aber aus guten Gründen vermieden. Denn 2007, als wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum in die Slowakei und zurück fuhren, waren die zwei Tage, die wir zur Durchquerung Polens gebraucht hatten, der schlimmste Teil der Reise gewesen: es gab keinen Kilometer Autobahn in Nord-Süd-Richtung, stattdessen standen wir alle paar Kilometer in einem Dorf an einer roten Ampel. Der Verkehr war völlig verrückt: die Strassen waren voll, und selbst wenn wir auf der Landstrasse schon 10 km/h schneller als erlaubt fuhren, wurden wir noch von LKWs (!) überholt, und nicht nur einen sahen wir im Strassengraben liegen. Es war anstrengend, gefährlich, und wir kamen noch nicht mal voran.

Deshalb hatte mich die Aussicht, Balthasar den ersten Tag allein durch Polen fahren zu müssen – denn der Ähämann hatte das Essen am letzten Abend nicht vertragen und war nicht fahrtauglich –  nicht gerade freudig gestimmt.

Es war dann überraschend ok.

Es gibt nämlich jetzt Autobahnen in Polen! Moderne, oft sechsspurige Autobahnen, deren einziges Manko häufig auftretende Bodenwellen sind, die der mit Übelkeit kämpfende Ähämann und der schwer beladene Balthasar nicht lustig fanden, der Rest der Familie dafür umso mehr.  Die Strassen sind vermutlich noch voller als vor 15 Jahren. Aber: während in Deutschland die meisten Gefahrensituationen aus der Ellenbogigkeit der Autofahrer*innen und in Finnland aus der sklavischen Regelhörigkeit der Verkehrsteilnehmer*innen erwachsen, habe ich mich auf den polnischen Strassen diesmal sehr sicher gefühlt, weil sich dort zwar keine*r so recht um Verkehrsregeln schert und alle ein bisschen chaotisch fahren, dafür aber auch alle aufeinander Rücksicht nehmen. Fand ich wirklich prima. Und die LKWs fahren jetzt alle ganz zahm. Lag auch kein einziger im Strassengraben diesmal.

Ausserdem habe ich endlich in Erfahrung gebracht, was das für ein rotes Ding ist, das das polnische Mädchen über den Fussgängerüberweg trägt: es ist tatsächlich ein Lolli – wobei die Polizistenkelle auf Polnisch auch Lolli genannt wird. Und das Mädchen hat sogar einen Namen: es heisst Agatka. ♥

Wir übernachteten 50 km nördlich von Warschau in einem kleinen Hotel mitten im Wald. Es gab eine Hotelkatze, wir verständigten uns mit der Kellnerin auf Tschechisch (wir) und Polnisch (sie), was überraschend gut ging, und die Herren Maus bekamen an der Rezeption Tischtenniskellen und -ball für die auf der Terrasse aufgestellte Tischtennisplatte ausgehändigt. Der Ähäman trug zufällig sein Peace-T-Shirt und wurde deshalb von einem Ukrainer auf eine Zigarette eingeladen. (Er musste leider ablehnen.) Frühstück gab es auf der Terrasse. Fast wären wir nicht weitergefahren.

Am zweiten Tag fuhren wir abwechselnd Autobahn und idyllische Landstrassen und sahen ungefähr 2000 Störche.

Wir hofften sehr, wir müssten nicht in ein paar Wochen sagen: wisst ihr noch, damals, als wir die letzte Gelegenheit genutzt haben, zwischen Weissrussland und Kaliningrad die Grenze nach Litauen zu überqueren?!

In Litauen gab es zum ersten Mal wieder dieses magische, nordische Sommerabendlicht, und ich war doppelt froh, dass wir die ganze weite Reise gemächlich mit dem Auto gemacht hatten. „Wenn man zu schnell reist, mit dem Flugzeug, dann kommt zwar der Körper an, aber die Seele kommt nicht hinterher“, hatte ich neulich in einem Buch gelesen, und ich finde, das trifft es genau. Noch zwei Tage vorher hatte ich überhaupt keine Lust gehabt, zurück nach Finnland zu fahren, aber als wir in der Abendsonne an der Grenze zu Kaliningrad entlangfuhren, da war ich langsam so weit, da spürte ich zumindestVorfreude auf die finnischen Sommerabende.

Wir nahmen ein spontanes Abendbad in aufgestautem, goldenem, weichem Moorwasser, und da fiel mir auch wieder ein, dass zu Hause an dem Abend Mittsommer gefeiert wurde.

Erst nach zehn kamen wir im nordlitauischen Šiauliai an, was aber nichts machte, da auch in Litauen Mittsommer gefeiert wurde und alle Restaurants lange geöffnet hatten. Es war warm, hell, laut und voller fröhlicher Leute: als wäre es eine ganz andere Stadt als im Oktober.

23:30 Uhr. „Šiauliai leuchtet“. Aber wie!

Am nächsten Morgen Mittag hatten wir es gar nicht weit bis zu unserem ersten Ziel: der Berg der Kreuze befindet sich nur 12 km nördlich von Šiauliai.

Es ist eigentlich nur ein Hügel, auf dem im 19. Jahrhundert die ersten Kreuze zum Andenken an die bei einem Aufstand gegen das russische Zarenreich umgekommenen Litauer aufgestellt wurden, und auf dem heute zehntausende Kreuze stehen, hängen und liegen. Lange Zeit war der Berg nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch ein Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft. Mehrmals wurden zu Sowjetzeiten die Kreuze zerstört; doch immer wurden sofort neue errichtet.

Heute kann man selbst ein Kreuz mitbringen oder eins an den Buden beim Parkplatz kaufen; es gibt sogar ein umfangreiches Regelwerk zur Aufstellung von Kreuzen: sie dürfen zum Beispiel nicht höher als drei Meter sein.

Diese unvorstellbare Menge von Kreuzen ist jedenfalls sehr beeindruckend.

Eigentlich wollten wir später kurz den Markthallen in Riga einen Besuch abstatten, aber da das Auto sowieso voll war, wir schon unterwegs Mittag gegessen hatten und wir lieber noch eine Stunde an den Strand in Saulkrasti wollten, fuhren wir diesmal nur durch Riga durch. Mit offenen Autofenstern über die Daugava, weil ihr Moorgeruch so toll ist.

Letzte Übernachtung der Reise in Nordlettland. Letztes Mal Packtetris am Morgen.

Dann fuhren wir gemächlich – es war Sonntag und der Verkehr auf der Via Baltica erträglich – mit Zwischenstopp für ein Bad in der badewannenwarmen Ostee nach Tallinn zum Hafen.

Auf der Fähre erreichte unsere Kinder eine Nachricht der Nachbarskinder: „Wenn ihr aus Helsinki kommt, kommt doch kurz bei uns im Mökki zum Schwimmen vorbei! – Nein, das macht nichts, wenn es spät wird, wir gehen sowieso nie vor Mitternacht ins Bett! – Es ist wirklich ganz nahe an der Autobahn!“, und drei Kinder riefen „Bitte, Mami, bitte!“, und so kam es, dass wir abends um elf in einen orangen See sprangen und danach in die Sauna gingen und nochmal in den See sprangen und nochmal in die Sauna gingen und sechs Kinder und ein Hund fröhliches Wiedersehen feierten.

Schöner hätten wir nicht in Finnland wiederankommen können.


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Reiserückblick (6): im Osten

Es ist ja so: auf der Hinfahrt ist die Fährüberfahrt nach Stockholm, obwohl längst Routine, noch aufregend, ist sogar Brunch bei IKEA in Schweden ein kulinarisches Highlight, ist es ganz schön, mal wieder ein paar Tage in Deutschland zu verbringen. Aber richtig im Urlaub fühlen wir uns erst, wenn wir Deutschland Richtung Osten verlassen haben.

Zunächst aber machten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in meiner Geburtsstadt, bei meinen Eltern zwei weitere Fahrräder abholen, die sie nicht mehr benutzen, die aber das gleiche Modell sind, die der Ähämann und ich als Winterfahrräder fahren und trotz ihrer 20 Jahre auf dem Buckel noch moderner und besser ausgestattet sind als alles, was man hierzulande kaufen kann, und die jetzt die Jungs als Winterfahrräder bekommen werden. (Es war auch Plan B als Ganzjahresfahrrad, falls wir in Jena kein Fahrrad für den kleinen Herrn Maus bekommen hätten, und er war dann auch sehr begeistert, dass das ja gar kein „Omafahrrad“ ist, was er kriegen sollte.) Fortan fuhren wir also mit drei Fahrrädern auf dem Dach durch Europa.

Der Erzgebirgskreis wollte offensichtlich wiedergutmachen, dass er uns im Dezember die Urlaubspläne versaut hatte, und beglückte uns mit einer längeren, landschaftlich sehr hübschen Umleitung kurz vor der tschechischen Grenze.

(Weihnachtsberge und Pyramiden ein halbes Jahr eher wären uns trotzdem lieber gewesen.)

Dann aber fing der schönste Teil der Reise an.
Zunächst mit zwei Nächten und einem Tag dazwischen in Prag.

Seit wir die Kinder im Kindergartenalter mit unserer Lieblingshauptstadt bekannt gemacht und bei unserer ersten Sommerreise, bei der wir nicht nur einen, sondern alle unsere Lieblingsorte in Mitteleuropa besuchten, in Prag Zwischenstopp gemacht haben, fragen die Kinder bei jeder Reise, ob wir auch wieder nach Prag fahren können. Eins denkt dabei ans Metrofahren, eins an das leckere Essen in der Vorstadtkneipe, eins mag die Kleinseite und eins lieber den Wenzelsplatz. Es war Zeit für alles. Sogar für die Apostel an der Altstädter Rathausuhr. Auch für – warum hat jede osteuropäische, aber keine deutsche Ferienwohnung eine Waschmaschine?! – drei Maschinen Wäsche. Und für Auf-einer-Autobahnbrücke-stehen-und-den-Autos-zuwinken, wo die LKW-Fahrer nicht nur zurückwinkten, sondern hupten und lichthupten. Nur der Weg durch den Hirschgraben auf die Burg, von dem wir erst beim letzten Besuch in einem Reiseführer in der Ferienwohnung gelesen hatten und der damals angeblich gerade restauriert wurde, war immer noch gesperrt (und wird es vermutlich auch bleiben).

Dann aber: Richtung Berge.

Wie immer mit Mittagspause in Austerlitz und der von Jahr zu Jahr drängenderen Frage, wann die Menschheit endlich etwas aus all den sinnlosen Kriegen der Vergangenheit gelernt haben wird.

Hinter Slavkov beginnt mein Lieblingsabschnitt der Reise – obwohl die 200 km Autobahn von Prag nach Brno diesmal auch ok waren, weil es zum ersten Mal seit… 1989 vermutlich… keine einzige Baustelle gab – denn da fahren wir immer weitab von Autobahnen und Fernverkehrsstrassen durch liebliche mährische Landschaft, und am Horizont sind schon die ersten Ausläufer der slowakischen Berge zu sehen.

Der kleine Herr Maus hatte übrigens irgendwann während der Fahrt verkündet, er würde gleich abends noch zur Schafswiese laufen, notfalls alleine.

Aber nach drei Jahren ohne Berge und einem ganzen Tag im Auto brauchte es nicht viel Überredung.


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Reiserückblick (5): Die Lieblingsstadt

Ich habe es schon das eine oder andere Mal erwähnt: ich wusste eher, wo ich mal studieren will, als was ich studieren will.

Jena ist bis heute des Ähämanns und meine Lieblingsstadt.
(Und die Kinder haben wir auch schon damit angesteckt.)

Diesmal waren wir nur fünf Tage da. Fünf Tage, in denen wir ein bisschen wie im Rausch durch die Stadt liefen, weil hachsoschön, und weil wir so viel angucken und besuchen wollten.

Wir haben es diesmal nicht geschafft, ausgedehnte Wanderungen zu unternehmen, aber wir sind immerhin auf den Jenzig gestiegen. Wir waren im Planetarium, in der Lieblingskneipe und auf dem Turm. Wir waren zweimal im Freibad, jeden Morgen beim Bäcker und haben sehr viel Eis gegessen.

Wir haben die Jenaer Freunde besucht, mit denen immer ein Feuer gemacht werden muss, und ich habe seit ewig – 2006, rechneten wir gemeinsam nach – mal wieder die Freundin getroffen, die meine erste Mitbewohnerin im Studentenwohnheim war, nach dem Studium viele Jahre in München gelebt hat und letztes Jahr mit ihrer Familie in ihr Heimatdorf zurückgezogen ist. (Auch das so ein Treffen.) Sie wohnt in einem echten Rundangerdorf, und auch auf dem Weg dahin fuhren wir über niedliche Strässchen und durch hübsche Dörfer und zum Beispiel auch über die überdachte Holzbrücke in Buchfart. Alles sehr idyllisch, und ja, Thüringen ist schon überhaupt sehr schön.

Sogar der Lieblingsfahrradhändler hat uns nicht enttäuscht, und wir haben trotz der allgemeinen Fahrradknappheit auf Anhieb ein neues Fahrrad für den kleinen Herrn Maus gefunden, der seinem Fahrrad eigentlich schon seit letztem Jahr entwachsen war und die letzten zwei Monate vor den Ferien nur noch mit dem Fahrrad der grossen Schwester unterwegs war, weil es wirklich nicht mehr ging. (Nein, in Finnland ein Fahrrad kaufen ist keine Option.)

Wir haben selbstverständlich nicht während der Vorführung fotografiert. Aber wir hatten hinterher noch eine Frage und bekamen daraufhin eine kurze Privatvorführung. <3


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4563 km später

Seit vorgestern 0:30 Uhr sind wir wieder zurück.

Die beiden Musizierenden der Familie sind schon den zweiten Tag beim Musiklager, der grosse Herr Maus arbeitet am von der Thüringer Verwandtschaft geschenkten 1000-Teile-Puzzle, und der Ähämann und ich versuchen, der Wäsche- und Einkaufsberge Herr zu werden. Wenn wir nicht zum Abkühlen – wir haben 31°C! – an einen nahegelegenen Strand radeln müssen.

Demnächst hier dann Reisebericht und viele Fotos.


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„Samstag, 10:30 Uhr: Sommerferienbeginn“

So schrieb die Lehrerin des kleinen Herrn Maus neulich, als sie uns das Programm für die letzten beiden Schulwochen mitteilte.

Leider konnten wir uns auch heute nicht dreiteilen, und so mussten zwei von drei Kindern ohne ihre Eltern zu ihrer Zeugnisausgabe gehen. Denn das Fräulein Maus, das heute den Abschluss ihrer neunjährigen Schulzeit feiern durfte, hatte Vorrang.

(Ich weiss übrigens überhaupt nicht, wo die neun Jahre, und vor allem die drei letzten, hin sein sollen…!)

Jedenfalls: seit 10:30 Uhr Sommerferien!
Wir sind dann jetzt mal bis zum Musiklager weg.

(Der Hashtag klingt ein bisschen nach überambitioniertem Sightseeing, ist aber nur der abseitigen Lage unseres selbstgewählten Heimatlandes und unserer Vorliebe für Reisen ohne Fliegen geschuldet.)


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Hoffnungen, zerbombte

Einer unserer nächsten, noch etwas vagen, aber schon fest anvisierten Reisepläne war übrigens, nach Kiew zu fahren, sobald die Pandemie vorbei wäre und die ukrainische Bahn wieder nach Riga fahren würde. Der Gedanke, dass von der Stadt in ein paar Tagen vielleicht nicht mehr viel übrig sein wird, ist schwer auszuhalten.

Ein weiterer Plan war, sobald unser Impfstatus und die Coronazahlen es zulassen würden – und die Touristenströme aus Asien noch nicht wieder eingesetzt hätten – endlich nach St. Petersburg zu fahren; dank e-Visum und direkter Zugverbindung von Helsinki kein grosses Ding. Inzwischen fährt der „Allegro“ nur noch, um Russ*innen einen Fluchtweg offenzuhalten.

***

Presseschau.

Kaj Stenvall, dessen Entenbilder uns begleiten, seit wir in Finnland angekommen sind, malt jetzt Putin.


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 10: Tallinn-Turku

Letzter Ferienmorgen.

Die Sonne lachte auch wieder, und nichts und niemand machte uns den Abschied leicht. Seufz.

Der Weg zum Hafen führte uns nicht nochmal durch die Altstadt, wohl aber an einem Laden vorbei, in dem wir schnell noch einen Miniproviant für die Zugfahrt von Helsinki nach Turku kauften: Quarkriegel, Nurr-Schokolade, Milchreis. Oh, und den schon in Valga besorgten und inzwischen schon wieder dezimierten kleinen Vorrat an Rhabarberlimonade konnten wir auch nochmal aufstocken! „Nimm noch eine!“, sagte der kleine Herr Maus, „Ich kriege die schon fort. Ja, auch zwei. Nein, pack mir ruhig vier Stück in den Rucksack. Ja, wirklich! Ich schaffe das!“

Beladen wankten wir Richtung Hafen.

Noch vor dem Terminal bekam ich – man mag es meinem Gesichtsausdruck ansehen – angesichts der Massen an rollkoffer- und bierwägelchenziehenden Herbstferienrückreisenden die Krise. Ich mag ja im Allgemeinen meine selbstgewählten Landsleute sehr, aber bei den Kreuzfahrern hört es echt auf.

In weiser Vorraussicht hatten wir auch für die Rückfahrt Buffet gebucht, so hatten wir nicht nur einen bequemen Sitzplatz, gutes Essen und beste Aussicht, sondern auch unsere Ruhe. Im Buffetrestaurant sitzen üblicherweise nur die Leute die Fahrzeit ab, die nicht noch schnell billigen Alkohol shoppen oder eine Runde Karaoke singen müssen.

Wehmütig schauten wir auf das sich entfernende Tallinn. Tschüss Baltikum! Das waren sicher die besten Herbstferien, die wir jemals hatten!

In Helsinki am Hafen gibt es für die Zu-Fuss-Passagiere neuerdings ein sogenanntes Ampelsystem: zweitausend Leute müssen sich in die richtige Schlange einreihen. Grün ist für die Passagiere, die eine Kreuzfahrt ohne Landgang gemacht haben – Corona ist ja immer noch nur ein Problem des Auslands –  gelb für die, die nachweisen können, dass sie voll geimpft oder genesen sind, und rot ist für alle anderen. Wir reihten uns also brav in die gelbe Schlange ein, vier Handys mit den entsprechenden QR-Codes gezückt.

Nun ist es hier ja so, dass es schon viele Jahre eine digitale Patientenakte gibt, in die man sich einloggen kann, um seine Laborergebnisse, Arztberichte und Rezepte einzusehen, Rezepte verlängern zu lassen oder zu prüfen, welche Impfungen wann aufgefrischt werden müssten. Dort findet sich neuerdings auch der EU-Coronapass. Als PDF. Das kann man sich herunterladen, ausdrucken und bei seinen Pässen liegen haben (wie wir) oder wahlweise auch die QR-Codes ausschneiden und in sein Reisetagebuch kleben (wie wir) – aber was man nicht kann, ist, den QR-Code zeitgemäss und leicht vorzeig- und prüfbar in irgendeine finnische App laden. (Man könne ja einen Screenshot machen und den bei Bedarf vorzeigen.) Wir verwenden deshalb die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut. Das war weder in Lettland noch in Litauen noch auf dem Rückweg in Estland, wo inzwischen die Coronaregeln auch verschärft worden waren, ein Problem: unser finnischer Code in der deutschen App war wunderbar mit den lettischen / litauischen / estnischen Coronapass-Lese-Apps lesbar.  Aber dann standen wir da in Helsinki am Hafen in der gelben Schlange, und die Frau, die die Coronapässe kontrollieren sollte, guckte hilflos auf meinen QR-Code und fragte dann, ob ich mal ein bisschen runterscrollen könne. Die sollte Coronapässe kontrollieren und hatte keine Lese-App…!

Ich blätterte der Frau – wegen der grünen Schlange sowieso schon auf Krawall gebürstet – unseren Stapel ausgedruckter Impfzertifikate samt unserer Reisepässe auf den Schreibtisch, durch den sie sich dann die nächsten drei Minute suchte, nicht ohne uns ausführlich zu loben, wie toll wir die Dokumente zusammengestellt hätten, und uns einen schönen Urlaub – nichts liegt natürlich näher bei fünf untereinander deutsch sprechenden Personen mit finnischen Pässen und finnischen Impfzertifikaten, die ausserdem wenngleich nicht fehlerfrei, so doch fliessend auf Finnisch kommunizieren – zu wünschen. Danke, ihr mich auch.

Während unserer Herbstferienwoche hat Finnland übrigens auch schnell den Coronapass durchs Parlament gejagt. Wir hatten allerdings zu viel erwartet, als wir dachten, wir könnten uns jetzt in Restaurants und Cafés und auf Veranstaltungen ähnlich sicher fühlen wie während unserer Reise: in Finnland gilt der Coronapass nur als Ersatz für Einschränkungen. Wenn irgendwo aufgrund der Coronalage die Bars nur bis 23 Uhr geöffnet haben, dann darf man eine Bar bis 23 Uhr ohne Coronapass besuchen, muss ihn aber vorzeigen, wenn man erst nach 23 Uhr kommt oder länger als bis 23 Uhr bleiben will.

Es ist ein Wunder, dass mir die Augen vom vielen Rollen noch nicht rausgefallen sind.

Jedenfalls liess man uns wieder ins Land, und nach einer Viertelstunde mit der Strassenbahn, einer Stunde Wartezeit am Helsinkier Bahnhof, zwei Stunden mit dem Zug und sechs weiteren Kapiteln „Herr der Diebe“ waren wir wieder in Turku. Wir verliessen den Zug etwas überstürzt, weil uns erst kurz vor Ankunft aufging – wir sind wirklich schon sehr lange nicht mehr Zug gefahren – dass Turku auf der Strecke ja zwei Bahnhöfe hat  und wir vom ersten aus viel schneller an der Bushaltestelle wären und sicher auch noch einen Bus eher schaffen würden. Kurz nach acht waren wir wieder zu Hause.

„Ich bin traurig, dass der Urlaub schon vorbei ist“, sagte der kleine Herr Maus eine Stunde später beim Zubettgehen.

Das waren wir alle.

***

Epilog.

Montagmorgen. „Mama, mein Rucksack ist so leicht!“ „Hast du was vergessen?“ „Weiss nicht.“ „Hast du dein iPad?“ „Ja.“ „Hast du geguckt, dass du wirklich alle Bücher dabei hast?“ „Ja.“ „Dann weiss ich auch nicht.“ „Weisst du was, Mama? Der fühlt sich so leicht an, weil ich mich jetzt an den schweren Rucksack gewöhnt hatte!“

Šiauliai!

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga
Tag 9: Riga-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
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Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 8: Riga

Über Tag 8 gibt es nicht allzuviel zu sagen. Es war der erste und einzige Regentag unserer Reise.

Wir schliefen aus und wuschen erstmal noch zwei Sorten Wäsche. Dass es überall Waschmaschinen in den Ferienwohnungen gibt, ist wunderbar: erstens kann man mit wirklich leichtem Gepäck reisen, und zweitens muss man nach Rückkehr nicht gleich als erstes riesige Wäscheberge bewältigen. Während die Wäsche Karussell fuhr, schrieben und malten wir die letzten Tage im Reisetagebuch nach.

Dann gingen wir – das war sowieso fest eingeplant für diesen Tag – in die Markthallen und kauften bei der netten russischen Verkäuferin, die sich immer so über unsere drei Kinder freut, zwei 1,5-kg-Gläser des leckeren Apfelblütenhonigs, der uns schon im Sommer so gut geschmeckt hatte, für unseren Honigvorrat, und ein bisschen Wurst und Speck bei dem Fleischverkäufer, der das Geschäft mit uns jedes Mal völlig wortlos abwickelt, aber uns am Ende dann doch doppelt so viel aufgeschwatzt hat wie wir vorher wollten, als Proviant für die Weiterfahrt, und dann  natürlich noch verschiedene Kekse und vier Äpfel und 100 g Bonbons aller Art und fünf Stück Kuchen zum gleich essen.

Im Restaurant, in dem wir Mittag assen, und im Café, in dem wir uns hinterher die Hälfte der riesigen Tortenstücke einpacken lassen mussten, weil sie wirklich nicht mehr reinpassten, wurden auch wieder brav unsere Impf-QR-Codes gescannt. Im Restaurant allerdings hätte man uns fast nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen lassen, weil wir mehr als vier Personen sind… Später erfuhren wir, dass im Laufe unserer Herbstferienwoche die Coronaregeln im gesamten Baltikum wegen dramatisch steigender Fallzahlen nochmal verschärft worden waren.

Durch ein paar enge Gassen mussten wir natürlich auch noch laufen so kurz vor Urlaubsende. Hachseufz.

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Tag 1: Turku-Tallinn
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Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 7: Vilnius-Riga

Beim Frühstück waren wir alle ein bisschen wehmütig: von jetzt an würde es nicht mehr weitergehen, sondern nur noch den ganzen Weg wieder zurück. Aber dann fiel uns ein, dass das bis vor zwei Jahren überhaupt erst unser erster Ferientag gewesen wäre, und was für Glückspilze wir sind, dass wir jetzt immer eine ganze Woche Herbstferien haben und schon sechs wunderbare Reisetage hinter uns!

Wir sammelten unseren verstreuten Krimskrams wieder ein, falteten die gewaschene Wäsche wieder zurück in die Rucksäcke und zogen wehmütig die Ferienwohnungstür hinter uns zu, um uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Natürlich auf einem Weg, der uns in den verbleibenden fünfeinhalb Stunden sowohl an einem Geocache als auch an möglichst vielen noch nicht besuchten Kirchen vorbeiführen würde.

Ferientagebuchillustration zu Tag 7 vom kleinen Herrn Maus

Man kann nicht behaupten, dass dieser Weg sehr zielgerichtet gewesen wäre. Dafür führte er uns durch wunderbar touristenleere Gassen und Gässchen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen hätten, und zu einigen ziemlich kuriosen Kirchen.

Wir sahen zum Beispiel eine Kirche, die zur Hälfte aufwändig restauriert war, zur Hälfte fast komplett verfallen. Über 50 Kirchen, die zu Sowjetzeiten aktiv oder passiv zerstört wurden, wieder aufzubauen und zu restaurieren, ist eine gewaltige Aufgabe.

Auf vielen der vor den Kirchen aufgestellten Infotafeln lasen wir „In dieser Kirche durfte zu Sowjetzeiten kein Gottesdienst stattfinden“ oder „Diese Kirche diente zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als Lagerhalle“ oder „In dieser Kirche war seit den 1950er Jahren eine Turnhalle untergebracht“, aber auch „Diese Kirche wurde 1987 der katholischen Kirche zurückgegeben“ oder „Seit 1988 finden in dieser Kirche wieder Gottesdienste in litauischer Sprache statt“ oder „Die Franziskaner erhielten 1989 ihre Kirche zurück“. Woran man auch mal wieder sehr schön sieht, dass die Wende nicht erst 1989 an der ungarischen Grenze oder in der Deutschen Botschaft in Prag oder auf den Strassen Leipzigs anfing, sondern mit Gorbatschows Glasnost, durch die alles Folgende überhaupt erst möglich wurde.

Die einzige evangelische Kirche von Vilnius lag auch am Weg. Wie macht man am einfachsten aus einer katholischen Kirche eine evangelische? Man verpasst ihr einen neuen Turm und stellt ein Luther-Denkmal davor auf. Hallo, Martynas Liuteris, was machst du denn hier, so weit im Osten?

Auch an der heute einzigen Synagoge der Stadt kamen wir vorbei.

Vilnius war seit seiner Gründung eine der liberalsten Städte Europas gewesen und hatte im Laufe der Geschichte in Mitteleuropa oder Russland verfolgten Juden Schutz geboten. Um 1900 hatten Juden – vor Polen, Russen und nur 2% Litauern – den grössten Teil der Vilniuser Bevölkerung ausgemacht, und vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es unvorstellbare 105 Synagogen in der Stadt gegeben.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen 1941 endeten hunderte Jahre jüdischer Geschichte in Vilnius, und heute erinnern ausser der einzigen Synagoge nur noch die Wandmalereien im ehemaligen jüdischen Ghetto daran.

Apropos konvertierte Kirchen: das geht nicht nur von orthodox zu katholisch, von katholisch zu evangelisch, sondern auch von katholisch zu orthodox. Das war allerdings, vor allem von innen, die seltsamste orthodoxe Kirche, die wir je gesehen haben.

Nachdem wir uns im Bliny-Restaurant die Bäuche mit herzhaften und süssen Eierkuchen und Kartoffelpuffern vollgeschlagen hatten, war es an der Zeit, die Altstadt Richtung Bahnhof zu verlassen. Wir taten das durch das Tor der Morgenröte, in dessen Innerem sich ein unglaublich prunkvoller Marienschrein befindet und auf dessen von der Altstadt abgewandten Aussenseite die schon erwähnte zu Sowjetzeiten einzige Abbildung des Vytis in Litauen zu sehen ist.

„Guck mal da!“, sagten die Kinder fünf Minuten später. „Der sieht aus wie Willi Wiberg!“

Und ich so: sowas hab‘ ich doch schon mal gesehen?! Wo war das denn?! Ach ja, genau, in Jyväskylä! Da gibt es eine im gleichen Stil bemalte Wand, nur mit Birken! Ob das der selbe Künstler war? Tatsächlich! Der italienische Künstler Millo hat schon unzählige Hauswände auf der ganzen Welt mit seinen sympathischen Riesen bemalt.

Vorm Bahnhof in Vilnius gibt es übrigens eine interessante Installation: Leute aus verschiedenen Städten – wir fanden erst hinterher heraus, dass sich die Menschen, denen wir zuwinkten, im polnischen Lublin befanden – können sich per Videokonferenz sehen. Leute blieben stehen, winkten sich zu, schickten sich Luftküsse, imitierten einander. Wir winkten wild einem Radfahrer in oranger Leuchtjacke, der uns vermutlich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte und aus dem Bild fuhr, aber kurz darauf nochmal zurückkam, um uns zurückzuwinken. Alle lächelten. Vielleicht müsste man nur überall auf der Welt sowas aufstellen, und dann würde es klappen mit dem Weltfrieden?!

Nachdem wir ein paar Minuten lang unbekannten Menschen zugewinkt hatten, gingen wir leider nicht in den Bahnhof hinein, sondern… zum Busbahnhof. Da wir, wie schon auf der Hinfahrt, wegen Corona und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze nicht mit der ukrainischen Bahn fahren konnten, mussten wir den Bus nehmen von Vilnius nach Riga.

Der Busfahrer verlud nicht nur das Gepäck und kontrollierte Tickets, sondern liess sich auch Corona- und Reisepässe zeigen. Dauerte eine Weile. Zum Glück war der Bus nicht komplett ausgebucht.

Die vier Stunden Busfahrt gingen dann unerwartet schnell rum.

Zuerst fuhren wir noch Autobahn, aber sobald wir die Via Baltica erreichten, wurde die Strasse zweispurig. Es war mit dem Bus nicht halb so nervig wie mit dem Auto – aber nervig genug. Es ist wirklich LKW an LKW unterwegs da, in beide Richtungen, und es wäre wirklich allerhöchste Zeit für einen Autobahnausbau oder, besser noch, ein Verlagern des Frachtverkehrs auf die Schiene, oder am allerbesten beides.

Halb zehn, eine Viertelstunde eher als geplant, kamen wir wieder in Riga an. Hallo Fernsehturm! Hallo Eisenbahnbrücke! Hallo „Esst mehr Karotten“-Haus!

Wir stopften unsere Proviant- und Beschäftigungsbeutel wieder zurück in die im Laderaum gereisten Rucksäcke und machten uns auf einen weiteren nächtlichen Spaziergang zu einer Rigaer Ferienwohnung in der Altstadt.

Mit super Aussicht, natürlich.

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