Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Hoffnungen, zerbombte

Einer unserer nächsten, noch etwas vagen, aber schon fest anvisierten Reisepläne war übrigens, nach Kiew zu fahren, sobald die Pandemie vorbei wäre und die ukrainische Bahn wieder nach Riga fahren würde. Der Gedanke, dass von der Stadt in ein paar Tagen vielleicht nicht mehr viel übrig sein wird, ist schwer auszuhalten.

Ein weiterer Plan war, sobald unser Impfstatus und die Coronazahlen es zulassen würden – und die Touristenströme aus Asien noch nicht wieder eingesetzt hätten – endlich nach St. Petersburg zu fahren; dank e-Visum und direkter Zugverbindung von Helsinki kein grosses Ding. Inzwischen fährt der „Allegro“ nur noch, um Russ*innen einen Fluchtweg offenzuhalten.

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Presseschau.

Kaj Stenvall, dessen Entenbilder uns begleiten, seit wir in Finnland angekommen sind, malt jetzt Putin.


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 10: Tallinn-Turku

Letzter Ferienmorgen.

Die Sonne lachte auch wieder, und nichts und niemand machte uns den Abschied leicht. Seufz.

Der Weg zum Hafen führte uns nicht nochmal durch die Altstadt, wohl aber an einem Laden vorbei, in dem wir schnell noch einen Miniproviant für die Zugfahrt von Helsinki nach Turku kauften: Quarkriegel, Nurr-Schokolade, Milchreis. Oh, und den schon in Valga besorgten und inzwischen schon wieder dezimierten kleinen Vorrat an Rhabarberlimonade konnten wir auch nochmal aufstocken! „Nimm noch eine!“, sagte der kleine Herr Maus, „Ich kriege die schon fort. Ja, auch zwei. Nein, pack mir ruhig vier Stück in den Rucksack. Ja, wirklich! Ich schaffe das!“

Beladen wankten wir Richtung Hafen.

Noch vor dem Terminal bekam ich – man mag es meinem Gesichtsausdruck ansehen – angesichts der Massen an rollkoffer- und bierwägelchenziehenden Herbstferienrückreisenden die Krise. Ich mag ja im Allgemeinen meine selbstgewählten Landsleute sehr, aber bei den Kreuzfahrern hört es echt auf.

In weiser Vorraussicht hatten wir auch für die Rückfahrt Buffet gebucht, so hatten wir nicht nur einen bequemen Sitzplatz, gutes Essen und beste Aussicht, sondern auch unsere Ruhe. Im Buffetrestaurant sitzen üblicherweise nur die Leute die Fahrzeit ab, die nicht noch schnell billigen Alkohol shoppen oder eine Runde Karaoke singen müssen.

Wehmütig schauten wir auf das sich entfernende Tallinn. Tschüss Baltikum! Das waren sicher die besten Herbstferien, die wir jemals hatten!

In Helsinki am Hafen gibt es für die Zu-Fuss-Passagiere neuerdings ein sogenanntes Ampelsystem: zweitausend Leute müssen sich in die richtige Schlange einreihen. Grün ist für die Passagiere, die eine Kreuzfahrt ohne Landgang gemacht haben – Corona ist ja immer noch nur ein Problem des Auslands –  gelb für die, die nachweisen können, dass sie voll geimpft oder genesen sind, und rot ist für alle anderen. Wir reihten uns also brav in die gelbe Schlange ein, vier Handys mit den entsprechenden QR-Codes gezückt.

Nun ist es hier ja so, dass es schon viele Jahre eine digitale Patientenakte gibt, in die man sich einloggen kann, um seine Laborergebnisse, Arztberichte und Rezepte einzusehen, Rezepte verlängern zu lassen oder zu prüfen, welche Impfungen wann aufgefrischt werden müssten. Dort findet sich neuerdings auch der EU-Coronapass. Als PDF. Das kann man sich herunterladen, ausdrucken und bei seinen Pässen liegen haben (wie wir) oder wahlweise auch die QR-Codes ausschneiden und in sein Reisetagebuch kleben (wie wir) – aber was man nicht kann, ist, den QR-Code zeitgemäss und leicht vorzeig- und prüfbar in irgendeine finnische App laden. (Man könne ja einen Screenshot machen und den bei Bedarf vorzeigen.) Wir verwenden deshalb die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut. Das war weder in Lettland noch in Litauen noch auf dem Rückweg in Estland, wo inzwischen die Coronaregeln auch verschärft worden waren, ein Problem: unser finnischer Code in der deutschen App war wunderbar mit den lettischen / litauischen / estnischen Coronapass-Lese-Apps lesbar.  Aber dann standen wir da in Helsinki am Hafen in der gelben Schlange, und die Frau, die die Coronapässe kontrollieren sollte, guckte hilflos auf meinen QR-Code und fragte dann, ob ich mal ein bisschen runterscrollen könne. Die sollte Coronapässe kontrollieren und hatte keine Lese-App…!

Ich blätterte der Frau – wegen der grünen Schlange sowieso schon auf Krawall gebürstet – unseren Stapel ausgedruckter Impfzertifikate samt unserer Reisepässe auf den Schreibtisch, durch den sie sich dann die nächsten drei Minute suchte, nicht ohne uns ausführlich zu loben, wie toll wir die Dokumente zusammengestellt hätten, und uns einen schönen Urlaub – nichts liegt natürlich näher bei fünf untereinander deutsch sprechenden Personen mit finnischen Pässen und finnischen Impfzertifikaten, die ausserdem wenngleich nicht fehlerfrei, so doch fliessend auf Finnisch kommunizieren – zu wünschen. Danke, ihr mich auch.

Während unserer Herbstferienwoche hat Finnland übrigens auch schnell den Coronapass durchs Parlament gejagt. Wir hatten allerdings zu viel erwartet, als wir dachten, wir könnten uns jetzt in Restaurants und Cafés und auf Veranstaltungen ähnlich sicher fühlen wie während unserer Reise: in Finnland gilt der Coronapass nur als Ersatz für Einschränkungen. Wenn irgendwo aufgrund der Coronalage die Bars nur bis 23 Uhr geöffnet haben, dann darf man eine Bar bis 23 Uhr ohne Coronapass besuchen, muss ihn aber vorzeigen, wenn man erst nach 23 Uhr kommt oder länger als bis 23 Uhr bleiben will.

Es ist ein Wunder, dass mir die Augen vom vielen Rollen noch nicht rausgefallen sind.

Jedenfalls liess man uns wieder ins Land, und nach einer Viertelstunde mit der Strassenbahn, einer Stunde Wartezeit am Helsinkier Bahnhof, zwei Stunden mit dem Zug und sechs weiteren Kapiteln „Herr der Diebe“ waren wir wieder in Turku. Wir verliessen den Zug etwas überstürzt, weil uns erst kurz vor Ankunft aufging – wir sind wirklich schon sehr lange nicht mehr Zug gefahren – dass Turku auf der Strecke ja zwei Bahnhöfe hat  und wir vom ersten aus viel schneller an der Bushaltestelle wären und sicher auch noch einen Bus eher schaffen würden. Kurz nach acht waren wir wieder zu Hause.

„Ich bin traurig, dass der Urlaub schon vorbei ist“, sagte der kleine Herr Maus eine Stunde später beim Zubettgehen.

Das waren wir alle.

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Epilog.

Montagmorgen. „Mama, mein Rucksack ist so leicht!“ „Hast du was vergessen?“ „Weiss nicht.“ „Hast du dein iPad?“ „Ja.“ „Hast du geguckt, dass du wirklich alle Bücher dabei hast?“ „Ja.“ „Dann weiss ich auch nicht.“ „Weisst du was, Mama? Der fühlt sich so leicht an, weil ich mich jetzt an den schweren Rucksack gewöhnt hatte!“

Šiauliai!

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga
Tag 9: Riga-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 8: Riga

Über Tag 8 gibt es nicht allzuviel zu sagen. Es war der erste und einzige Regentag unserer Reise.

Wir schliefen aus und wuschen erstmal noch zwei Sorten Wäsche. Dass es überall Waschmaschinen in den Ferienwohnungen gibt, ist wunderbar: erstens kann man mit wirklich leichtem Gepäck reisen, und zweitens muss man nach Rückkehr nicht gleich als erstes riesige Wäscheberge bewältigen. Während die Wäsche Karussell fuhr, schrieben und malten wir die letzten Tage im Reisetagebuch nach.

Dann gingen wir – das war sowieso fest eingeplant für diesen Tag – in die Markthallen und kauften bei der netten russischen Verkäuferin, die sich immer so über unsere drei Kinder freut, zwei 1,5-kg-Gläser des leckeren Apfelblütenhonigs, der uns schon im Sommer so gut geschmeckt hatte, für unseren Honigvorrat, und ein bisschen Wurst und Speck bei dem Fleischverkäufer, der das Geschäft mit uns jedes Mal völlig wortlos abwickelt, aber uns am Ende dann doch doppelt so viel aufgeschwatzt hat wie wir vorher wollten, als Proviant für die Weiterfahrt, und dann  natürlich noch verschiedene Kekse und vier Äpfel und 100 g Bonbons aller Art und fünf Stück Kuchen zum gleich essen.

Im Restaurant, in dem wir Mittag assen, und im Café, in dem wir uns hinterher die Hälfte der riesigen Tortenstücke einpacken lassen mussten, weil sie wirklich nicht mehr reinpassten, wurden auch wieder brav unsere Impf-QR-Codes gescannt. Im Restaurant allerdings hätte man uns fast nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen lassen, weil wir mehr als vier Personen sind… Später erfuhren wir, dass im Laufe unserer Herbstferienwoche die Coronaregeln im gesamten Baltikum wegen dramatisch steigender Fallzahlen nochmal verschärft worden waren.

Durch ein paar enge Gassen mussten wir natürlich auch noch laufen so kurz vor Urlaubsende. Hachseufz.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 7: Vilnius-Riga

Beim Frühstück waren wir alle ein bisschen wehmütig: von jetzt an würde es nicht mehr weitergehen, sondern nur noch den ganzen Weg wieder zurück. Aber dann fiel uns ein, dass das bis vor zwei Jahren überhaupt erst unser erster Ferientag gewesen wäre, und was für Glückspilze wir sind, dass wir jetzt immer eine ganze Woche Herbstferien haben und schon sechs wunderbare Reisetage hinter uns!

Wir sammelten unseren verstreuten Krimskrams wieder ein, falteten die gewaschene Wäsche wieder zurück in die Rucksäcke und zogen wehmütig die Ferienwohnungstür hinter uns zu, um uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Natürlich auf einem Weg, der uns in den verbleibenden fünfeinhalb Stunden sowohl an einem Geocache als auch an möglichst vielen noch nicht besuchten Kirchen vorbeiführen würde.

Ferientagebuchillustration zu Tag 7 vom kleinen Herrn Maus

Man kann nicht behaupten, dass dieser Weg sehr zielgerichtet gewesen wäre. Dafür führte er uns durch wunderbar touristenleere Gassen und Gässchen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen hätten, und zu einigen ziemlich kuriosen Kirchen.

Wir sahen zum Beispiel eine Kirche, die zur Hälfte aufwändig restauriert war, zur Hälfte fast komplett verfallen. Über 50 Kirchen, die zu Sowjetzeiten aktiv oder passiv zerstört wurden, wieder aufzubauen und zu restaurieren, ist eine gewaltige Aufgabe.

Auf vielen der vor den Kirchen aufgestellten Infotafeln lasen wir „In dieser Kirche durfte zu Sowjetzeiten kein Gottesdienst stattfinden“ oder „Diese Kirche diente zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als Lagerhalle“ oder „In dieser Kirche war seit den 1950er Jahren eine Turnhalle untergebracht“, aber auch „Diese Kirche wurde 1987 der katholischen Kirche zurückgegeben“ oder „Seit 1988 finden in dieser Kirche wieder Gottesdienste in litauischer Sprache statt“ oder „Die Franziskaner erhielten 1989 ihre Kirche zurück“. Woran man auch mal wieder sehr schön sieht, dass die Wende nicht erst 1989 an der ungarischen Grenze oder in der Deutschen Botschaft in Prag oder auf den Strassen Leipzigs anfing, sondern mit Gorbatschows Glasnost, durch die alles Folgende überhaupt erst möglich wurde.

Die einzige evangelische Kirche von Vilnius lag auch am Weg. Wie macht man am einfachsten aus einer katholischen Kirche eine evangelische? Man verpasst ihr einen neuen Turm und stellt ein Luther-Denkmal davor auf. Hallo, Martynas Liuteris, was machst du denn hier, so weit im Osten?

Auch an der heute einzigen Synagoge der Stadt kamen wir vorbei.

Vilnius war seit seiner Gründung eine der liberalsten Städte Europas gewesen und hatte im Laufe der Geschichte in Mitteleuropa oder Russland verfolgten Juden Schutz geboten. Um 1900 hatten Juden – vor Polen, Russen und nur 2% Litauern – den grössten Teil der Vilniuser Bevölkerung ausgemacht, und vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es unvorstellbare 105 Synagogen in der Stadt gegeben.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen 1941 endeten hunderte Jahre jüdischer Geschichte in Vilnius, und heute erinnern ausser der einzigen Synagoge nur noch die Wandmalereien im ehemaligen jüdischen Ghetto daran.

Apropos konvertierte Kirchen: das geht nicht nur von orthodox zu katholisch, von katholisch zu evangelisch, sondern auch von katholisch zu orthodox. Das war allerdings, vor allem von innen, die seltsamste orthodoxe Kirche, die wir je gesehen haben.

Nachdem wir uns im Bliny-Restaurant die Bäuche mit herzhaften und süssen Eierkuchen und Kartoffelpuffern vollgeschlagen hatten, war es an der Zeit, die Altstadt Richtung Bahnhof zu verlassen. Wir taten das durch das Tor der Morgenröte, in dessen Innerem sich ein unglaublich prunkvoller Marienschrein befindet und auf dessen von der Altstadt abgewandten Aussenseite die schon erwähnte zu Sowjetzeiten einzige Abbildung des Vytis in Litauen zu sehen ist.

„Guck mal da!“, sagten die Kinder fünf Minuten später. „Der sieht aus wie Willi Wiberg!“

Und ich so: sowas hab‘ ich doch schon mal gesehen?! Wo war das denn?! Ach ja, genau, in Jyväskylä! Da gibt es eine im gleichen Stil bemalte Wand, nur mit Birken! Ob das der selbe Künstler war? Tatsächlich! Der italienische Künstler Millo hat schon unzählige Hauswände auf der ganzen Welt mit seinen sympathischen Riesen bemalt.

Vorm Bahnhof in Vilnius gibt es übrigens eine interessante Installation: Leute aus verschiedenen Städten – wir fanden erst hinterher heraus, dass sich die Menschen, denen wir zuwinkten, im polnischen Lublin befanden – können sich per Videokonferenz sehen. Leute blieben stehen, winkten sich zu, schickten sich Luftküsse, imitierten einander. Wir winkten wild einem Radfahrer in oranger Leuchtjacke, der uns vermutlich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte und aus dem Bild fuhr, aber kurz darauf nochmal zurückkam, um uns zurückzuwinken. Alle lächelten. Vielleicht müsste man nur überall auf der Welt sowas aufstellen, und dann würde es klappen mit dem Weltfrieden?!

Nachdem wir ein paar Minuten lang unbekannten Menschen zugewinkt hatten, gingen wir leider nicht in den Bahnhof hinein, sondern… zum Busbahnhof. Da wir, wie schon auf der Hinfahrt, wegen Corona und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze nicht mit der ukrainischen Bahn fahren konnten, mussten wir den Bus nehmen von Vilnius nach Riga.

Der Busfahrer verlud nicht nur das Gepäck und kontrollierte Tickets, sondern liess sich auch Corona- und Reisepässe zeigen. Dauerte eine Weile. Zum Glück war der Bus nicht komplett ausgebucht.

Die vier Stunden Busfahrt gingen dann unerwartet schnell rum.

Zuerst fuhren wir noch Autobahn, aber sobald wir die Via Baltica erreichten, wurde die Strasse zweispurig. Es war mit dem Bus nicht halb so nervig wie mit dem Auto – aber nervig genug. Es ist wirklich LKW an LKW unterwegs da, in beide Richtungen, und es wäre wirklich allerhöchste Zeit für einen Autobahnausbau oder, besser noch, ein Verlagern des Frachtverkehrs auf die Schiene, oder am allerbesten beides.

Halb zehn, eine Viertelstunde eher als geplant, kamen wir wieder in Riga an. Hallo Fernsehturm! Hallo Eisenbahnbrücke! Hallo „Esst mehr Karotten“-Haus!

Wir stopften unsere Proviant- und Beschäftigungsbeutel wieder zurück in die im Laderaum gereisten Rucksäcke und machten uns auf einen weiteren nächtlichen Spaziergang zu einer Rigaer Ferienwohnung in der Altstadt.

Mit super Aussicht, natürlich.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 6: Vilnius

In Vilnius gibt es über 50 (!) Kirchen. Der Plan war schnell klar: so viele davon wie möglich besuchen.

Wir besuchten katholische Kirchen und orthodoxe, unheimlich prunkvolle Kirchen mit Altären aus Gold und Marmor und weniger prunkvolle Kirchen mit Altären aus Holz, aufwändig restaurierte Kirchen und verfallene Kirchen – eine gar war gar keine Kirche mehr, sondern ein Restaurant –  wir gerieten in einen Gottesdienst der Kirche eines Dominikanerklosters, guckten durch Schlüssellöcher verschlossener Kirchen, und die Kinder ahmten noch lange die Gesänge eines orthodoxen Priesters nach.

Weil auf Instagram die Frage aufkam, ob die minderjährigen Reiseteilnehmer*innen tatsächlich dafür zu begeistern wären: ja.

Grundsätzlich bin ich ja der Meinung, dass man Kindern Dinge einfach nur zumuten zutrauen muss und dass Städtereisen gerade mit kleinen Kindern schön und auch ganz besonders wichtig sind, weil dann, wenn die Kinder gross sind, der Zug, sie für Kirchen und Museen zu begeistern, ganz sicher abgefahren ist.

Der grosse Herr Maus lief schon als Dreijähriger begeistert von Kirche zu Kirche und fragte auch dann noch: „Können wir da auch noch reingehen?!“, als wir Eltern längst schlappgemacht hätten. Überhaupt – möglichst viele Kirchen zu besuchen ähnelt ja auch eher einer Schatzsuche oder Schnitzeljagd, und während wir kreuz und quer – „Dort ist auch noch ein Kirchturm!“ – durch Vilnius liefen, entdeckten wir sehr viele Dinge am Weg, die wir sonst ganz sicher verpasst hätten.

Wir reden fast nie über Jahreszahlen oder Baustile – obwohl die Kinder mittlerweile sehr sicher eine evangelische von einer katholischen von einer orthodoxen Kirche unterscheiden und auch ungefähr einordnen können, ob die Kirche schon sehr alt oder nur ein bisschen alt ist. Viel wichtiger ist uns, was jede*r einzelne von uns entdeckt: der Kirchturm, der wie eine Krone aussieht, der hölzerne Engel mit dem Marmeladenglas in der Hand, die mittelalterlichen Comics an der Wand, der Apostel, der seiner Kuh von einer Schriftrolle vorliest, die Orgel, die fehlt, weil sie gerade restauriert wird, der Engel mit dem goldenen Mond in der Hand.

Einen Grossteil der folgenden Fotos hat übrigens der kleine Herr Maus gemacht. Kinder sehen einfach viel mehr als Erwachsene!

Für eine Kirche, die wir Eltern unbedingt sehen wollten, mussten wir weit aus der Altstadt herauslaufen, bis zu „Papst Johannes Paul II. seinem Kreisverkehr“, wie wir den nach ihm benannten Platz, der eigentlich nur ein riesiger, stark befahrener Kreisverkehr ist, fortan nannten. Der polnische Papst war 1993 der erste Papst überhaupt, der Litauen besuchte. Wir sahen mehrere Kirchen, deren Wiederaufbau von polnischen Stiftungen unterstützt wurde, und es ist nicht verwunderlich: noch immer lebt eine grosse polnische Minderheit in Vilnius.

Die Kinder hatten ziemlich wegen des weiten Umwegs gezetert, auch dann noch, als wir vor der Kirche standen: „Und was soll an der jetzt Besonderes sein?!“

Sie übertraf unser aller Erwartungen. Die Peter-und-Pauls-Kirche ist ein Traum in Stuck!

Noch nie haben wir etwas Ähnliches, auf diese Art Prunkvolles gesehen. Wir hätten Stunden dort zubringen können und hätten immer noch neue Figuren, neue Blumenranken, neue Verzierungen entdeckt. „Hier müsste man im Gottesdienst liegen dürfen!“, seufzte das Fräulein Maus.

Der letzte Kirchturm des Tages entpuppte sich als Turm der Universitätskirche, auf den man sogar hoch durfte, wahlweise mit dem Fahrstuhl oder über eine Holztreppe, die frei in dem sonst hohlen Turm steht. Wir nahmen natürlich dieTreppe und wurden mit einem wunderbaren Blick über Vilnius im Abendlicht belohnt.

Zum Abendbrot gab’s Pilze.

(Man darf das ja keiner finnischen Schulschwester erzählen, aber unsere Mahlzeiten bestehen auf dieser Art Reisen üblicherweise aus spätem Frühstück, spätem Mittagessen und Kaffeetrinken.)

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 5: Vilnius

Guten Morgen, Vilnius!

Das mit den schönen Ausblicken aus den Ferienwohnungen hatte der Ähämann auch hier wieder prima hingekriegt.

Weil der Ähämann am Vortag an den vielen Bäckereien und Konditoreien, an denen wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Altstadt vorbeigekommen waren, zahntropfend hatte vorbeilaufen müssen, weil wir anderen im Zug schon zu viele süsse Sachen gegessen hatten und uns eher nach Herzhaftem gewesen war, gingen wir gleich in der Konditorei gegenüber – der mit den riesigen Macarons über der Tür – frühstücken.

Generell scheinen sie in Vilnius ein Faible für ausladenden Kunstblumenschmuck an Cafés und Restaurants zu haben.

Die Altstadt von Vilnius ist eine der grössten in Osteuropa – und dennoch klein genug, dass man alles zu Fuss erkunden kann.

Wir liessen uns treiben. An jeder Kreuzung entschieden wir neu, welcher Gasse wir folgen wollten. Oder zu welcher Kirche, deren Turm über die Dächer ragte, wir gehen wollten. Auf welchen Hügel wir steigen wollten. Wir freuten uns, wenn wir wieder irgendwo einen Vytis entdeckten. Und über die Kastanien im Park.

Gegenüber der Stanislaus-Kathedrale – „Wer ist denn das, Mama, der da seiner Kuh vorliest?“ – entdeckten wir den ersten Turm, auf den man draufsteigen konnte.

Und von da aus erspähten wir die nächsten beiden Ziele, beide auf je einem der seltsamen steilen Sandhügel, die Vilnius umgeben, gelegen: den Gediminas-Turm und die Drei Kreuze.

Zuerst stiegen wir hinauf zum Gediminas-Turm, dem einzigen Überbleibsel der Vilniuser Burg.

Dort begegneten wir auch dem Baltischen Weg wieder, von dem ich  erst vor einem reichlichen Jahr zum ersten Mal in einer Ausstellung in Tampere gehört hatte. Am Gediminas-Turm in Vilnius hatte im August 1989 die 600 km lange Menschenkette ihren Anfang genommen und durch alle drei baltischen Staaten bis zum Langen Hermann auf dem Tallinner Domberg gereicht.

Dann stiegen wir den einen Sandhügel hinab, assen ein spätes Mittagessen und stiegen den nächsten Sandhügel wieder hinauf, zu den Drei Kreuzen, die so schön weiss von da oben aus dem herbstfarbenen Wald herausgeleuchtet hatten und von wo man ebenfalls einen wunderbaren Blick über die Stadt hatte.

Und dann stiegen wir noch ein drittes Mal hinab und ein Stück wieder hinauf zur Republik Užupis.

Užupis ist eigentlich ein Stadtteil von Vilnius – gleich hinter der Altstadt, aber auf der anderen Seite des Flusses, von der Vilnele fast wie eine Halbinsel eingeschlossen. Vor dem zweiten Weltkrieg lebten vor allem Juden in diesem Stadtteil; ein Grossteil von ihnen kam während des Holocausts um, nach dem zweiten Weltkrieg standen die Häuser jahrzehntelang leer und verwahrlosten. In den 1990er Jahren entdeckten Künstler*innen den Stadtteil für sich und riefen kurzerhand eine Republik samt eigener Verfassung aus.

Der Verfassungstext hängt auf Tafeln in über 20 verschiedenen Sprachen an der Strasse aus. War auch sehr praktisch, dass sich unsere Familie nicht vor einer Tafel drängeln musste zum Lesen.

Leider ist es dem Stadtteil ergangen wie allen anderen ähnlichen: er ist inzwischen völlig gentrifiziert. (Ich habe tatsächlich noch nie irgendwo so viele Porsches auf einmal gesehen!) Aber die vielen kleinen witzigen Details und Kunstwerke an den Häuserwänden, in den Hinterhöfen und engen Strassenecken, die fand ich schon sehr schön.

Den einzigen grösseren Regenschauer, den wir in Vilnius erlebten, sassen wir bequem in einem Café in Užupis ab. Tortenstückchen werden übrigens in Litauen nach Gewicht verkauft. Ein Traum!

Tagesausklang – auch fünfzehn-, dreizehn- und fast elfjährige Kinder haben gewisse Ansprüche – auf dem Spieplatz!

(Meine Güte, wurde das zeitig finster da! Halb sieben!)

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 4: Šiauliai-Vilnius

Jemand hatte für uns an den Himmel über Šiauliai Kringel gemalt, als wir am späten Vormittag aus der Ferienwohnung traten.

Eigentlich hatte der Ähämann, angesichts der Tatsache, dass es in Šiauliai vermutlich nicht viel zu sehen und zu tun gäbe, unsere Weiterfahrt schon für halb neun geplant. Aber dann beschlossen wir gemeinsam, dass wir nach der späten Ankunft vielleicht lieber ausschlafen würden, und dass es auf drei Stunden eher oder später in Vilnius nicht ankommen würde; schliesslich wären wir ja noch ganze drei Tage da.

War gut so. Erstens waren wir ausgeschlafen, zweitens war vor der Weiterfahrt noch Zeit zum Kinderlüften.

Auf dem Weg zum Bahnhof stellte ich fest – und dieser Eindruck sollte sich bei jeder Stadt, durch die wir später fuhren, noch erhärten – dass Litauen eher der Slowakei ähnelt als seinen zwei baltischen Nachbarn. Nicht nur wegen des Tatramats im Bad. Auch die Plattenbauten sehen völlig anders aus als die geziegelten Hochhäuser Estlands und Lettlands. Und die Kirchen natürlich, die in Litauen auf einmal alle katholisch sind.

Auf dem Weg zum Bahnhof guckten wir noch schnell in die Georgskirche – das ist ja der Vorteil an katholischen Kirchen, dass die immer geöffnet sind – wo Georg beim Drachentöten auf dem Altargemälde zu sehen ist. Ausserdem war sie die erste von etlichen „konvertierten“ Kirchen, die wir auf der Reise noch sehen sollten. Denn mal ehrlich: das war doch garantiert mal eine orthodoxe statt einer katholischen Kirche!

„Danke, dass ihr hier wart!“, sagte ein altes Muttchen, das in der Kirche putzte.

Nach ebenfalls nur ein paar hundert Metern hatten wir den Bahnhof erreicht und noch ziemlich viel Zeit, um die Gesichter in die Sonne zu halten und Güterwagen zu zählen. Der längste Zug hatte 70 Waggons!

Güterverkehr spielt im gesamten Baltikum eine viel grössere Rolle als Personenverkehr, weswegen die Bahnhöfe, auch die von kleinen und kleinsten Orten, immer aussehen wie Modellbahnanlagen mit ihren vielen Gleisen und abgestellten Güterwaggons. Šiauliai liegt an einer besonders wichtigen Strecke: da kommen alle Güterzüge aus Asien durch, die zum Hafen nach Klaipeda fahren, und umgekehrt.

Während man in Finnland mit Singschwänen übers Land fliegt, reitet man in Litauen mit einem Ritter über Land. Auch nicht schlecht. Der Vytis, der ja auch auf den litauischen Euromünzen zu sehen ist, stammt aus dem litauischen Wappen und ist heutzutage allüberall in Litauen zu sehen. Zu Sowjetzeiten war der Vytis verboten – Litauen bekam ein nichtssagendes Sowjetwappen – und nur an genau zwei Orten in der Welt zu sehen: am Tor der Morgenröte in Vilnius sowie am – ausgerechnet! – Fürstenzug in Dresden!

Wir fuhren übrigens mit dem wahrscheinlich einzigen Zug der litauischen Bahn ohne Vytis aus Šiauliai ab – denn wir erwischten zufällig die baltische Variante – wegen unterschiedlicher Spurweiten leider nötig – des Connecting Europe Express. Wie passend! Der Dieseltriebwagen aus polnischer Produktion war übrigens der modernste und bequemste Zug unserer Reise.

Der Zug fuhr dann ohne Halt einfach zweieinhalb Stunden durch bis Vilnius.

Kurz vor Vilnius war die bis dahin platte Landschaft plötzlich hügelig geworden, und gleich, als wir am Bahnhof in die Stadt traten, war klar: jetzt sind wir wirklich eher in Südosteuropa als im Baltikum. (Mittlerweile hatten wir ja auch um die 900 km hinter uns gebracht.)

Die Kinder waren anfangs wenig begeistert: warum hier alles so abgeranzt aussehen müsse, ob wir das etwa schön fänden?! Derlei deutsches Spiessertum wird in unserer Familie natürlich weder kultiviert noch toleriert, weswegen wir uns auf dem Weg zur Ferienwohung den Mund fusselig redeten: Guckt zweimal hin! Manches sieht einfach nur anders aus, das heisst nicht, dass es schlechter ist! So viele alte Häuser, die kann man nicht alle ständig renovieren!

Die Ferienwohnung in der natürlich viel flächendeckender und aufwändiger restaurierten Altstadt, die seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe ist, war dann nach aller Geschmack, und nach einem Abendbrot mit Suppe und Pelmeni und Palatschinken – auch da hatten wir gleich an der Tür des Restaurants unsere Impfbescheinigungen vorzeigen müssen, um überhaupt eingelassen zu werden – ging’s dann auch insgesamt wieder, so dass sogar noch ein kleiner nächtlicher Spaziergang drin war.

Hallo Vilnius! Ich glaube, wir werden noch grosse Freunde werden!

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 3: Riga-Šiauliai

Seit pandemiebedingt überall so wenige Touristen sind und Ferienwohnungen in Hülle und Fülle und zu annehmbaren Preisen verfügbar, bucht der Ähämann unsere Unterkünfte nach Ausblick.

Als wir aufwachten, guckten wir auf blauen Himmel, Hansehäuser und den Rigaer Dom. Vom Küchenfenster auf die Petrikirche. Und für den kleinen Herrn Maus, unseren Flaggenfan, wehte hier und dort gut sichtbar die eine oder andere lettische Flagge.

Architektonischer Fakt am Rande: genau so, wie der Turm des Rigaer Doms, würde der Turm des Turkuer Doms auch aussehen, wenn er nicht beim Grossbrand 1827 abgebrannt wäre und von Herrn Engel einen moderneren verpasst bekommen hätte.

Der Plan für den Tag war: die Rucksäcke in Schliessfächer am Bahnhof bringen, die beeindruckenden Rigaer Markthallen zwecks weiterer Reiseproviantbeschaffung aufsuchen, ein bisschen kreuz und quer durch Riga laufen, gut essen gehen und abends den nächsten Zug besteigen.

Auf dem Weg zu den Markthallen hatten wir aber alle plötzlich keine Lust mehr auf den Umweg über den Bahnhof und uns an Tag drei auch irgendwie schon an die Last auf dem Rücken gewöhnt, und so behielten wir die Rucksäcke einfach auf. Am Rest des Planes allerdings hielten wir fest.

Symbolbild Markthallenbesuch. Nein, zersägte Klumpen Fleisch haben wir nicht gekauft. Auch die halben Schweinsköpfe, riesigen Rinderzungen, Schweineherzen und Rinderlebern liessen wir schaudernd, aber staunend – „So gross sind die?“ – liegen.

Den Rest des Tages liefen wir durch ein sonnenbeschienenes, herbstgelbes, touristenleeres Riga. So schön!

Diesmal statteten wir auch Milda, die hoch oben auf dem Freiheitsdenkmal steht, einen Besuch ab. Milda ziert auch die lettischen Euromünzen, und ab jetzt – endlich! – werde ich lettische und litauische Münzen nie mehr verwechseln.

Das Freiheitsdenkmal wurde 1935, zu Zeiten der ersten Unabhängigkeit Lettlands, errichtet und hat wundersamerweise die Zeit der sowjetischen Besatzung überlebt. Dass die drei Sterne, die Milda in die Höhe hält und die drei Regionen Lettlands verkörpern sollen, in dieser Zeit offiziell zu Sowjetsternen und einem Symbol des Zusammenhalts der drei baltischen Sowjetrepubliken umgedeutet wurden, scheint mir ein recht geringer Preis dafür.

In Riga kamen zum ersten Mal überhaupt unsere vier Impf-QR-Codes zum Einsatz. Die Letten nennen es Covidpass, wie verwirrenderweise auch das lettische Covid-Einreiseformular heisst, für dessen korrektes Ausfüllen man ebenfalls einen QR-Code bekommt. Nachdem wir aus einer Bäckerei mehr oder weniger unfreundlich wieder rausgeschmissen worden waren, nachdem wir auf die Aufforderung „Covidpass!“ den Einreise-QR-Code gezeigt hatten, der aber logischerweise für die Coronapass-App der Bäckerei nicht lesbar gewesen war, ging uns auf, dass man eigentlich unsere Impfbescheinigung hatte sehen wollen.

(Lacht ruhig, wir kommen aus Finnland…!)

Ich fand es jedenfalls nach anderthalb Jahren Eigenverantwortung und Risiken-selbst-abschätzen sofort total beruhigend; schliesslich haben wir ja auch immer noch ein ungeimpftes Kind dabei. Noch beeindruckender fand ich, dass unsere finnischen Codes in der deutschen Corona-App – fragt nicht; ich glaube, ich erzähle dazu am letzten Reisetag was – mit der lettischen Impfpass-Lese-App der Kellnerin reibungslos zusammenarbeiteten. Sagte ich schon, dass EU toll ist?!

Hinterher noch kurzer Supermarktbesuch zur Vervollständigung des Reiseproviants.

Während sich, wenn wir mit dem Auto reisen, jeden Tag mehr Lebensmittel und angebrochene Lebensmittelpackungen ansammeln, waren wir als Rucksacktouristen diesmal wirklich diszipliniert (und hatten trotzdem nicht das Gefühl, auf irgendwas verzichten zu müssen). Wir kauften jeweils nur eine Halbliter-Milchpackung, die garantiert nach dem nächsten Frühstück leer wäre, nur eine Flasche Bier, nur einen Liter Saft, Kaffeesahne in Minipäckchen (die wir allerdings in des Fräulein Maus  ehemalige „250-ml- Vollmilch-in-die-Schule-transportier-Thermosflasche“ umfüllten), nur eine Sorte Käse, möglichst ein Brot, das sich sowohl für Abendbrot als auch für Frühstück eignet, den einen Milchreis, den das Fräulein Maus wollte, den einen Apfel, den sich der kleine Herr Maus wünschte. Wir zogen abends mit leichtem Gepäck in unsere Ferienwohnungen ein und am nächsten Morgen mit noch leichterem Gepäck wieder aus.

(Bis zur Rückreise jedenfalls. Da mussten wir uns leider schon mehrere Tage vor Heimkehr die Rucksäcke mit lettischem Bier, lettischem Apfelblütenhonig und estnischer Rhabarberlimonade vollladen.)

Abends halb acht bestiegen wir den nächsten Zug.

Normalerweise – ohne Pandemie und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze – könnte man mit der ukrainischen Bahn von Riga über Vilnius und Minsk bis nach Kiew fahren. Zur Zeit aber bleibt einem zwischen Riga und Vilnius eigentlich nur der Bus.

Eigentlich. Denn der Ähämann hattet uns zumindest für die Hinreise eine Reisemöglichkeit aufgetan, die möglichst viel – wenn auch nicht ausschliessliches – Zugfahren beinhaltete, dafür mit einer zusätzlichen Übernachtung in Šiauliai, einer Industriestadt im Norden Litauens, von der noch nie jemand etwas gehört hat, die aber einen für unsere Reisepläne äusserst wichtigen Bahnhof besitzt, verbunden war.

Šiauli.. was? Šiauliai. Hihi. Šiauliai! Wir alle fanden den Namen schon Wochen vor der Reise so toll, dass der kleine Herr Maus, wann immer ihn die Vorfreude übermannte, „Šiauliai!“ ausrief, woraufhin wir anderen bekräftigend, ebenfalls voller Vorfreude, „Šiauliai!!!“ antworteten. „Šiauliai!“ wurde gewissermassen zum Motto unserer Reise.

Zunächst fuhren wir mit einem weiteren lila-gelben Rumpelzug, diesmal elektrisch, ins südlettische Jelgava.

Während der Zug zwischen Valga und Riga offensichtlich irgendwann in den letzten 30 Jahren innen mal modernisiert und mit deutschen (!) Reisebussitzen ausgestatt wurde, fährt man zwischen Riga und Jelgava HolzKunstlederklasse. Sollte uns recht sein. Die lettischen Züge waren mit Abstand die coolsten. Und billigsten: wir bezahlten 1,89 € pro Person. Dafür bekommt man anderswo ja nicht mal mehr ein Strassenbahnticket!

Ein bisschen schade war, dass es schon wieder dunkel war, als wir über die grosse, eiserne Eisenbahnbrücke über die unglaublich breite Daugava rollten, die ja quasi den Anstoss zu dieser Reise gegeben hatte, und dass wir auch sonst nicht viel von der Landschaft sahen.

Nach einer Dreiviertelstunde kamen wir in Jelgava an, wo wir erst eine halbe Stunde in der Bahnhofshalle absassen und dann eine Viertelstunde bibbernd und ein bisschen aufgeregt mutterseelenallein auf dem Bahnhofsvorplatz standen und auf den Flixbus warteten, der uns hoffentlich wirklich da abholen würde. (Dass sich der Ähämann die Flixbus-App heruntergeladen hatte und wir in Echtzeit sehen konnten, wo sich der Bus gerade befand, war tatsächlich recht beruhigend.) Der Bus kam dann auf die Minute pünktlich aus dem mittlerweile schon sehr weit entfernten Tallinn und schaukelte uns eine reichliche Stunde über schnurgerade zunächst lettische, bald litauische Landstrasse von Jelgava nach Šiauliai. (Zwischendurch gab es noch einen Tankstopp, bei dem der Busfahrer knapp 200 Liter Diesel in den Bustank gluckern liess.) Wir waren nicht nur die einzigen, die in Jelgava in den Bus einstiegen, sondern auch die einzigen, die in Šiauliai wieder ausstiegen. Dann fuhr der Bus Richtung Warschau, wo er 17 Stunden nach Abfahrt in Tallinn ankommen würde, in die Nacht davon.  Ich musste an die Ukrainerin denken, die in meinem Jahr in Bielefeld im gleichen Studentenwohnheim gewohnt hatte und vom Jahnplatz aus mit dem Bus nach Kiew fuhr, wenn sie ihre Familie besuchen wollte.

Halb elf jedenfalls kamen wir in Šiauliai an, wo buchstäblich schon die Bürgersteige hochgeklappt waren, liefen die paar hundert Meter zu unserem gebuchten Apartment und freuten uns einmal mehr, dass es heutzutage Türcodes und Schlüsseltresore gibt und man sich nicht mehr zu nachtschlafener Zeit mit einem Vermieter oder einer Vermieterin verabreden muss.

Im Bad wurde mir ganz sentimental zumute: da hing ein Tatramat! Ich fühlte mich sofort an den Lieblingsurlaubsort meiner Kindheit zurückversetzt: dort hatte das Vorvorvorgängermodell im Bad gehangen und gerade so viel Wasser erhitzt, dass es für zweieinhalb kurze Duschen reichte.

Ausserdem: mitternächtliche Maskenkocherei. Was muss, das muss.

Bevor wir in unsere – angesichts der Nicht-Touristigkeit des Ortes superbilligen – Betten sanken, murmelte der grosse Herr Maus noch: „Eigentlich ist ja morgen erst der erste richtige Ferientag.“ Und wir alle nickten müde, aber glücklich und dachten: „Und was wir schon alles erlebt haben…!“

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

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Tag 1: Turku-Tallinn