Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Lesen bildet

Neulich in der Bibliothek fiel mir ein, dass ich mal wieder nach einem Buch gucken könnte, das, weil es 2016 den Finlandia-Preis gewonnen hatte, auf Monate ausgeliehen und vorbestellt war. Ich hatte Glück – und war wahrscheinlich so ungefähr die vorletzte Turkuerin, die es noch nicht gelesen hatte – denn es standen zehn Exemplare im Regal.

Nun lese ich ja eigentlich keine finnische Literatur mehr. Aber als ich bei Allu über das fiktive Tagebuch des Architekten Engel las, wusste ich gleich, dass ich es auch damit nochmal probieren müsste.

Carl Ludwig Engel, der deutsche Architekt, der Helsinki sein russisches klassizistisches Gesicht gegeben hat und auf dessen Bauwerke wir auch schon an ganz unerwarteten Orten gestossen sind.

Beim Lesen habe ich ständig nachgeschlagen – obwohl ich das sonst fast nie mache, weil es mir beim Lesen zu aufwändig ist – was dieses und jenes Bauwerk ist und wer diese und jene Person war, und habe mich abendelang von einer Wikipedia-Seite zur anderen gelesen. So vieles, das ich noch nicht wusste…!

Die Domstufen in Helsinki, auf denen ich so gern sitze, die hat der Herr Engel eigentlich gar nicht so gewollt. Und die vier Seitentürmchen, die hat erst sein Nachfolger in die Baupläne eingebracht, weil man Angst hatte, der ganze Dom könnte ohne sie zusammenstürzen!

Ich wusste, dass er in Turku das Observatorium und die orthodoxe Kirche entworfen hat, aber dass sich in Turku auch das allererste Gebäude, das der Herr Engel in Finnland geplant hat, nämlich das ehemalige Wohnhaus eines Zuckerfabrikanten, an dem ich schon tausendmal ahnungslos vorbeigelaufen und -geradelt bin, befindet, das wusste ich bisher nicht.

Schlimmer noch. Ich wohne hier seit 14 ½ Jahren, und seit 14 ½ Jahren liebe ich den Turkuer Dom. Auch wegen seines ungewöhnlichen Turms, den er erst nach dem Turkuer Grossbrand bekam. Ich habe mich nie gefragt, warum die Turmhaube so gar nicht und doch so wunderbar zu dem mittelalterlichen Ziegelbau passt. Die hat auch der Herr Engel entworfen!

(Foto von vor einer Woche. Inzwischen ist alles grün!)

Vor allem hat das Buch mir bei der Beantwortung einer Frage geholfen, die, wem immer ich sie stelle, mehr oder weniger auf Unverständnis stösst.

„Jaaaa, der hat doch in Tampere eine Textilfabrik gegründet!“ oder „Na der hat doch in Finnland eine Schokoladenfabrik gehabt!“ oder eben „Der hat ja den Senatsplatz in Helsinki entworfen!“ ist die Antwort. Als ob ich das nicht wüsste!

Aber warum?! Was hat einen einen schottischen Unternehmer oder einen Schweizer Kürschner oder eben einen deutschen Architekten vor zweihundert Jahren nach Finnland gelockt?!

Vor zweihundert Jahren lag hier Schnee von Oktober bis Mai. Helsinki hatte 3000 Einwohner, das war ein besseres Dorf. Finnland war arm, immer abwechselnd ein Anhängsel von entweder Schweden oder Russland, und es war, von Mitteleuropa aus gesehen, am Ende der Welt. Es gab keine berühmten Skispringer und Rocksänger, die man anhimmeln konnte, es gab kein vielgelobtes Bildungssystem, das man hätte studieren wollen, es gab keine Schüleraustausche, kein ERASMUS-Programm und keine Sprachreisen, bei denen man Land und Leute und vielleicht auch seinen zukünftigen Lebenspartner kennen und lieben lernen konnte.

Der Herr Engel, das weiss ich jetzt, kam schlicht und ergreifend – und das gab es also damals schon – weil er in Deutschland keine Arbeit fand. Und weil es sich herumsprach, dass er seine Arbeit gut machte – das gab es also damals auch schon, dass einem gute Beziehungen halfen – wurde er schliesslich mit dem Neuaufbau der neuen Haupstadt Helsinki betraut und schliesslich zum Generalbauintendanten für ganz Finnland berufen.

Er hat Deutschland nie wieder gesehen. Er hat den finnischen Winter nur schwer ertragen, aber sich letztendlich arrangiert. Neben seinem Wohnhaus hat er den ersten Ziergarten Finnlands angelegt, und für seine Rosen hat er ein beheiztes Gewächshaus gebaut. Er ist nicht reich geworden mit seiner Arbeit, aber glücklich. Eine ganze Stadt bauen zu dürfen! Und selbst einem Leuchtturm konnte er noch Säulen neben der Eingangstür verpassen! Er hat Berlin sein Leben lang vermisst, aber in seiner selbstentworfenen Stadt eine Heimat gefunden.

Immer, wenn ich jetzt den Domturm sehe, denke ich: Wie schön, dass Sie hier waren, Herr Engel! Und: Wie gut wir beide es doch getroffen haben!

***

(Und jetzt bitte, liebe deutsche Verlage: Bevor ihr den nächsten finnischen Krimi übersetzen lasst… ich hätte da einen viel besseren Buchtipp!)


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Bücher besitzen lesen

Es gibt ja diverse Studien (zum Beispiel zum Lernerfolg von Kindern), bei denen das Ergebnis an der Anzahl der Bücher im Haushalt festgemacht wird.

Das regt mich auf. Jedes Mal.

Sind wir nicht längst drüberweg über die Zeit, in der man sich meterweise Bücher mit hübsch repräsentativen Einbänden in die Wohnung stellte, um vorzutäuschen, wie gebildet man sei?! Aber Bücherregale machen immer noch was her. Mütter zählen sich gegenseitig vor, wieviele Kinderbücher ihre Kinder besitzen. Im Buchladen in einen Kaufrausch zu verfallen ist kein Zeichen mangelnder Selbstbeherrschung, sondern von… ja, was eigentlich? Irgendwas Erstrebenswertem jedenfalls.

Bei uns brauchte man gar nicht erst anfangen mit dem Bücherzählen. Also gut, unseren Kindern würde es nicht so ergehen wie meinem Klassenkameraden R., der bis zur siebenten Klasse jedes Jahr wieder, wenn jeder von uns ein Buch vorstellen musste, den „Geist Gnatz“ dabeihatte, weil das das einzige Buch war, das er besass. Aber gemessen an der Anzahl der Bücher, die wir besitzen, sind wir unteres Mittelfeld, höchstens.

Und zwar mit Absicht. Erstens nämlich haben wir gar nicht so viel Platz für Bücher. Natürlich gibt es in jedem Kinderzimmer ein Bücherregal und im Wohnzimmer ein paar Schrankfächer voller Bücher, aber für meterweise Bücher hätten wir einfach keinen Platz. Und zweitens – das viele Geld…! Sicher kann man sein Geld für weniger sinnvolle Dinge ausgeben als für Bücher – aber man würde sich ja auch sonst etwas, das man nur ein Mal benutzt, eher nicht kaufen. Und wie viele Bücher liest man tatsächlich mehr als einmal?

Wir haben – von Geschenken abgesehen – eigentlich nur Bücher im Haus, die wir vorher schon mindestens zwei Mal aus der Bibliothek ausgeliehen hatten und bei denen wir uns sicher sind, dass wir sie von Zeit zu Zeit immer wieder lesen werden. Spart Platz, Geld, Papier und ausserdem Enttäuschungen, wenn das Buch dann doch nicht den Erwartungen entspricht, die man beim Kauf hatte.

Wir haben hier natürlich gut reden.

Als ich diese Woche zwischen Den-grossen-Herrn-Maus-zum-Deutschunterricht-bringen und Den-kleinen-Herrn-Maus-aus-dem-Kindergarten-holen schnell in die Bibliothek springen wollte, um den Herren Maus Lesenachschub zu holen, und mir, als ich mein Fahrrad im Innenhof im Nieselregen abschloss, die Fenster unserer wunderbaren Kinderbibliothek so anheimelnd entgegenleuchteten, da hatte ich kurz den sehnsüchtigen Wunsch, da einzuziehen. Mich in aller Ruhe durch ein Buch nach dem anderen zu lesen und nie wieder in das Mistwetter hinauszumüssen.

Früher habe ich auch lieber Zeit in Buchhandlungen verbracht als in Bibliotheken. Das lag vor allem daran, dass in den Bibliotheken die Bücher alle irgendwie alt und abgestossen waren, es in den Buchhandlungen aber Bücher gab, die nicht nur unbenutzt, sondern auch wirklich neu waren.

Jetzt bin ich jedes Mal erstaunt, dass es jedes Mal, wenn ich in die Bibliothek komme, neue Bücher auszuleihen gibt. Neu im Sinne von „Habe ich vorher noch nie dort gesehen“ als auch im Sinne von „Neuerscheinung“. Und ich kann die einfach alle, soviele ich tragen kann, mitnehmen…! Die Freude an den Büchern wird nicht dadurch geschmälert, dass ich mich für eins oder zwei entscheiden muss, weil mehr mein Budget nicht hergibt…!

(Und wir müssen nicht einmal finnische Bücher lesen, dank des riesigen – und ebenfalls kontinuierlich erneuerten – Angebots an deutschen Büchern.)

Vielleicht könnte man ja endlich mal anfangen, Ergebnisse von Studien nicht an der Anzahl der Bücher im Regal, sondern an der Anzahl der Bücher, die tatsächlich gelesenen werden, festzumachen…


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Freitag

Der Freitag beginnt mit der Beseitigung von Sturmschäden auf der Terrasse.

Die Birken sehen nach der Sturmnacht ziemlich gerupft aus. Die Ahornbäume sind ein bisschen zerzaust, glühen aber noch immer gelb, orange und rot vor sich hin, obwohl dann jetzt mindestens so viele Blätter auf dem Boden liegen wie auf den Bäumen sind.

In der Mittagspause radele ich schnell in die Stadt, ein Päckchen abholen und eins fertig verpacken und wegschicken. Und schnell dem Herrn Maus ein paar neue Turnschuhe kaufen als Ersatz für die soeben durchgelatschten. Wie es aussieht, wird der Schulsport dieses Jahr nämlich doch noch ein paar Wochen draussen stattfinden.

Der kleine Herr Maus geht nach dem Kindergarten heute nicht mit mir nach Hause, sondern mit der liebsten Kindergartenfreundin. Der grosse Herr Maus ist schon da, der immer noch krankgeschriebene Ähämann sowieso, das Fräulein Maus trudelt vom Training ein, und alle so: Freitagabend! Hurra!

Der grosse Herr Maus und das Fräulein Maus dürfen länger aufbleiben und den dritten Teil „Harry Potter“ angucken. Der kleine Herr Maus und ich machen der Gerechtigkeit wegen Leseabend im Bett. Ich schlafe noch vor dem kleinen Herrn Maus ein und werde erst wieder wach, als er kurz vor zehn sein Buch weglegt, das Licht ausknipst, unter meine Decke kriecht und flüstert: „Ausgelesen! Das war schön, mal so lange zu lesen!“


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kaksisataakolmekymmentäviisi

Oder : eine Ode an unsere Bibliothek.

(Oder auch: Die Fotos zum Blogeintrag von vor 9 Jahren.)

Wir waren schon ewig nicht mehr in der Hauptbibliothek, weil unsere Stadtteilbilbiothek am Weg zum Training und zur Klavierstunde liegt und wir das Ausleihen und Abgeben da schnell und einfach nebenher erledigen können.

Aber da wir ja neuerdings viel Bus fahren und dabei eigentlich fast immer am Markt umsteigen müssen, ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten. Vorgestern fuhren wir also in die Stadt, warfen schnell ein paar Bücher in den Rückgabeautomaten, fuhren nach Ruissalo und zurück, liefen wieder zur Bibliothek – und sahen die 235 – und… verbrachten da ganz ungeplant zwei Stunden, bevor wir mit unserem Bus wieder nach Hause fuhren.

Wir alle suchten uns in Ruhe neuen Lesestoff aus. Ja, sogar ich, denn während ich im alten Teil der Bibliothek die Regalreihen mit deutschen Büchern ablief, spazierte der kleine Herr Maus im Kinderbibliotheksteil von Schaukasten zu Schaukasten – die übrigens regelmässig umdekoriert werden – und die beiden Grossen probierten sämtliche Leseplätze durch.

Hier fahren die Bücher, die am Automaten zurückgegeben wurden, lang.

„Darf man (weiter)stricken.“

Neuerdings kann man sogar Fahrräder in der Bibliothek ausleihen. Witzigerweise hatten wir erst ein paar Stunden vorher einen ehemaligen Finnischkurskollegen getroffen, der auf so einem Rad unterwegs war, während seines in der Werkstatt ist.

Und jetzt noch: jeder seine eigenen Bücher ausleihen.

Neuerdings darf man sogar Essen und Trinken mitbringen. Es gibt dafür extra Tische, an denen man essen darf. Ich glaube, ich weiss, wie wir den nächsten Regentag verbringen werden.

(Mehr zum Thema finnische Bibliotheken hab‘ ich hier schon mal geschrieben.)

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106], 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206], 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230], 231, 232, 233, 234]


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kaksisataakaksikymmentäkolme

Letzte Woche war ich während der Klavierstunde des grossen Herrn Maus mit dem kleinen Herrn Maus in der Stadtteilbibliothek. Er suchte sich jede Menge Bücher aus, und das war diesmal viel leichter, denn er teilte mir mit: „Ich kann jetzt auch schon kleine Buchstaben lesen“, und das machte die Auswahl ungefähr dreihundertfünfundachtzig mal grösser.

Diese Woche war ich während der Klavierstunde des grossen Herrn Maus einkaufen. (Und begegnete auf dem Weg zum Supermarkt einer 223. Was nicht leicht war – also zu erkennen, meine ich – weil die Nummernschilder aller Autos gerade übelst verdreckt sind.)

Nächste Woche werde ich während der Klavierstunde des grossen Herrn Maus wohl wieder mit dem kleinen Herrn Maus in die Bibliothek fahren müssen. Den Büchervorrat von letzter Woche gegen einen neuen umtauschen.

Zwischen Frühstück und Abmarsch in den Kindergarten

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106], 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206], 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222]


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Pflicht und Kür

Die Erstklässler machen jetzt ein “Lesediplom”: sie sollen jeden Tag mindestens zehn Minuten lesen, und wenn sie sechs Bücher durch haben, erhalten sie ihr Diplom.

Der grosse Herr Maus kommt also nach Hause, macht seine Hausaufgaben, liest brav zehn Minuten im von der Lehrerin zugeteilten Erstleserbuch, pfeffert alles zurück in den Ranzen, schlägt den inzwischen vierten Band Harry Potter auf und ward bis zum Abendbrot nicht mehr gesehen.