Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Samstagsschultag

Ich musste 6 ¼ Jahre lang samstags zur Schule gehen.

(Jeden Samstag. Nicht nur einen im Jahr!)

Und bekam dafür kein langes Himmelfahrtswochenende frei, der Unterricht fand nie im Freien statt, und die Eltern durften auch nicht mitkommen.

Ja, es war nicht so angenehm, heute früh um halb sieben aufstehen zu müssen. Aber: Was haben es unsere Kinder gut…!

Heute Unterricht draussen. 30 verschiedene Aufgaben lösen. Und den Rest der Zeit spielen.

Die Vermessung des Schulhofs.

In Finnland gibt es jeden Tag ein kostenloses Mittagessen in der Schule. Und wenn samstags Schule ist, auch dann. (Allerdings nur in der Ausflugsversion.)

Erweiterter Schulhof. <3 


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Mit dem Flohzirkus auf Reisen

Letzte Woche hatte ich ja mehrmals das Gefühl, mit auf Wettkampfreise zu fahren sei die Schnapsidee des Jahres gewesen. Bis kurz vor der Abreise hatten die Mädels noch kein Hotel, es war nicht klar, wie wir vier mitreisenden Eltern eigentlich von Wien nach Graz kommen würden, und am Abend vor der Abfahrt war der Wettkampfanzug des Fräulein Maus, der nochmal nachgebessert werden musste, immer noch nicht fertig.

Aber. Am Ende hat dann doch alles geklappt, und wie die eine oder der andere vielleicht schon meinen Instagram-Posts entnommen hat, war mit nach Graz zu fahren vielleicht doch eine der besten Entscheidungen des Jahres.

In Graz war nämlich Frühling. So richtiger Frühling mit Sonne, blauem Himmel und über 20 Grad, mit kleinen, zarten, frühlingsgrünen Blättchen an den Bäumen, dem ersten Löwenzahn und überhaupt Blümchen und Blüten, wohin man nur guckte, mit Amselchorälen und Vogelgesangswettstreiten. Ich lief drei Tage wie besoffen vor lauter Frühling durch die Stadt, liess mir die Sonne auf die Nase scheinen und ass jede Menge Eis. Und Kaiserschmarrn. Und Schnitzel. Und Döner, der seinen Namen verdient hat. Und Frühstück beim Bäcker. Und fuhr Strassenbahn. Und erfreute mich am Glockengeläut. (Es ist erstaunlich, was man alles so vermissen kann.)

Der Flohzirkus verbrachte, logisch, derweil sehr viel Zeit in der Wettkampfhalle und ging mit einem super vierten Platz im Finale heim. Ich wurde am zweiten Tag sogar mit nicht ausgedrucktem Ticket eingelassen. Der Ähämann und der kleine Herr Maus – der grosse Herr Maus war im Pfadfinderlager – guckten dem Fräulein Maus im Livestream (Flohzirkusauftritt ab 2:10:45!) zu.

Am Ende war zum Glück doch noch ein bisschen Zeit, mit den Mädels – also zumindest nit denen, die wollten – ein bisschen durch die Stadt zu laufen und woanders als bei Subway oder McDonalds essen zu gehen. Das war sehr nett. „So eine prächtige Kirche habe ich noch nie gesehen…!“ hauchte mir eins der Mädels ergriffen vor einem ganz und gar goldenen Altar zu, und das erinnerte mich sehr an unsere Reise nach Prag, als unsere Kinder zum ersten Mal eine katholische Kirche von innen sahen. Und ausserdem weiss ich jetzt, dass das Fräulein Maus nicht die einzige ist, die immer und überall turnt. Zumindest die drei, mit denen ich unterwegs war, liessen keine Gelegenheit aus.

Montagfrüh um drei waren wir wieder in Turku. (Das Fräulein Maus schlief bis halb eins, und ich hoffe, auch keins der anderen Mädels musste am Montag in die Schule gehen.)

Was für eine Reise!

Was für eine wunderwunderschöne Reise!!!


Ein Kommentar

kolmesataayksi

Oder: Was sonst noch so los war in den letzten zwei Wochen:

Vorletzten Donnerstag fuhr ich mit dem Auto auf Arbeit. Ich versuche das normalerweise zu vermeiden, schon deswegen, weil es nahezu unmöglich ist, im Umkreis von einem Kilometer einen Parkplatz zu ergattern. Ich fand dann einen. Dass der nicht die beste Wahl war, stellte ich fest, als ich das Auto noch ein bisschen gerader ausrichten wollte und die Räder auf dem fünf Zentimeter dicken, spiegelblanken Eis auf der ziemlich steilen Strasse einfach nur durchdrehten. (Ich sah innerhalb der letzten beiden Wochen übrigens sehr viele Autofahrer, denen es genauso erging.) Ich liess den Herrn Picasso also schief eingeparkt zurück und hoffte, dass die Sonne während des Tages ihren Dienst tun würde: wenn schon nicht das Eis wegzutauen, es zumindest so weich zu schmelzen, dass ich abends wieder wegkommen würde. Auf den restlichen 800 Metern zur Arbeit zog es dann auch noch mir selbst die Füsse unter den Beinen weg. Der Splitt,der unter meinen Füssen gefehlt hatte, lag da, wo meine – ob der Aufregung und der doch schon recht kräftigen Sonne unbehandschuhte – Hand aufkam. Mit schmerzendem Rücken und einer bluttropfenden Hand kam ich auf Arbeit an und liess mir von der Kollegin erstmal einen Verband anlegen. Die hatte sich ihrerseits meine Ankunft auch anders vorgestellt, denn sie hatte Kerzen angezündet, Kaffee gekocht, Pulla mitgebracht und mir Blumen gekauft – zu Ehren meines ersten offiziellen Arbeitstages mit ordentlichem Arbeitsvertrag. Wenn an der Uni jemand im Lotto gewonnen irgendwelche Fördergelder ergattert hatte, dann war es üblich, dass derjenige für die Kollegen Torte ausgab. Ich habe das nie in Frage gestellt, aber ich sag‘ mal so: es gibt vielerlei Gründe, warum ich mich mit Freuden in die Reihe meiner ehemaligen Mitdoktorandinnen, die inzwischen Kindergärtnerin, Köchin, Krankenschwester… geworden sind und einhellig beteuern, ihre alte Arbeit noch keine Minute vermisst zu haben, einreihe.

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Ich schaffte es am Abend tatsächlich, den Herrn Picasso wieder mit heimzunehmen, ohne warten zu müssen, bis sich in ein paar Wochen das Problem von selbst gelöst hätte. Einmal mehr habe ich dankbar geseufzt über mein Winterfahrtraining.

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Letzten Donnerstag begleitete ich den grossen Herrn Maus – mal wieder, und ein Ende ist auch erst in mehreren Jahren abzusehen – zum Zahnarzt. Während wir an der Ampel neben der Haltestelle warteten, zeigte der grosse Herr Maus hoch zur Uni und sagte bedauernd: „Da gehst du jetzt nie mehr hin!“, woraufhin ich ihm zu seinem Erstaunen entgegnete: „Und das ist auch gut so!“. Ich erklärte ihm ein bisschen meine Beweggründe und war froh, dass er die Sache angesprochen hatte, denn zur Uni schicke ich üblicherweise keine sentimentalen Blicke wie zum Krankenhaus, aber am Fuss der langen Treppe zum Unihügel parkte eine 301, und für die wurde es ja auch wirklich langsam Zeit!

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Am Freitag hatten alle drei Kinder einen Termin bei der Schulschwester zur FSME-Impfung. Ich fuhr mit dem kleinen Herrn Maus gemeinsam zur grossen Schule, Impfstoff im Wert von insgesamt 120 € vorsichtig im Kühltäschchen mit mir führend, und als wir von der Haltestelle zur Schule liefen, hupte es plötzlich hinter uns und die Vorschullehrerin aller unserer Kinder, die wir seit einem Dreivierteljahr nicht gesehen hatten, beugte sich zum Autofenster raus und wollte ein kleines Schwätzchen mit uns halten. „Und grüsst auch den grossen Herrn Maus und das Fräulein Maus von mir, und natürlich auch den Papa!“, sagte sie, als wir weitermussten, und dieser Kindergarten war wirklich unser Dorf und ich werde ihn noch lange vermissen. Sehr lange.

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Meistens lerne ich hier ja bei jeder Gelegenheit noch was Neues – neulich von der Schulschwester zum Beispiel, dass man Warzen auch einfach mit Jeesusteippi behandeln kann – aber am Freitag hat die Schulschwester, die diesen Job bestimmt seit 35 Jahren macht, auch was Neues gelernt – nämlich dass die Etiketten auf den Impfstoffampullen Aufkleber sind, die man abziehen und in den Impfausweis einkleben kann. Bitte, danke, gern geschehen, hat mir meine Jenaer Hausärztin schon vor 20 Jahren gezeigt, den Trick, und unsere Neuvolatante kennt den jetzt auch schon seit ein paar Jahren.

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Hinterher gingen der grosse Herr Maus und das Fräulein Maus in ihre Klassenzimmer zurück, der kleine Herr Maus marschierte zur Haltestelle und fuhr in seine Schule, und ich fuhr weiter ins Stadtzentrum. Dort stellte ich fest, dass nicht nur schon die ersten Kehrmaschinen dagewesen waren, sondern dass auch schon die Theaterbrücke mit Narzissen geschmückt ist. Letzteres finde ich recht gewagt – ich weiss zwar aus eigener Erfahrung, dass diese Narzissensorte gut und gern 10 Grad minus aushält, aber die Nächte werden derzeit durchaus auch manchmal noch kälter. Aber gut, Frühling ist Frühling!

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Die Skier sind trotzdem noch nicht weggeräumt. Wenigstens einen der vorhergesagten sonnigen Ostertage möchte ich nämlich nochmal auf Skiern verbringen, und es sieht durchaus so aus, als ob das – zwar nicht in Turku, aber im nahe- und höhergelegenen Lieblingsskigebiet – was werden könnte. Zu Ostern noch skifahren und zu Vappu dann Picknick im T-shirt, das wäre so meine Idealvorstellung vom finnischen Frühling. (Und gar nicht so selten klappt das auch.)

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Von 3 auf 27 in zwei Tagen

Letzten Freitag ist der Sommer ausgebrochen.

Nachmittags entledigen wir uns alle nach und nach unserer Schuhe. Das Gras ist noch eher herbstlich verdorrt als frühlingsgrün, aber der erste Löwenzahn blüht schon, und wir, wir laufen barfuss! Wo es vor einer Woche noch geschneit hat!

Abends hat das Fräulein Maus Abschlusskonzert in der Musikschule. Es dauert keine halbe Stunde, und die Harfenlehrerin entlässt alle mit den Worten: „Und jetzt habt ihr euch alle ein Eis verdient!“ in den Sommer. „Kriegen wir wirklich ein Eis?“ hüpfen drei Kinder um mich herum, und eins hat ausserdem einen dringenden Herzenswunsch: „Ich würde so gerne Elektroföri fahren…!“ Wir fahren also mit der Föri auf die andere Flussseite, kaufen viermal Eis im Supermarkt und fahren anschliessend, bis das Eis aufgegessen ist, dreimal mit der Föri hin und her. Sie ist bei jeder Fahrt brechend voll. Die Leute tragen alle Sonnenbrillen und sommerliche Kleidung. (Viele auch Bierdosen.) Die Restaurantboote und Bars an beiden Ufern sind gut besucht, von einem der Restaurantboote schallt Livemusik weit über den Fluss. Motorboote pflügen durch den Aurajoki, auf den Uferstrassen sind erstaunlich viele Oldtimer und Motorräder unterwegs. Es fühlt sich an wie ein Sommerabend im Juli. (Man kann ja nicht wissen, ob es vielleicht der einzige Sommertag des Jahres bleibt.) Wo es vor einer Woche noch geschneit hat!

Als wir heimkommen, wechsele ich schnell die Federbetten gegen dünne Sommerdecken. „Dürfen wir kurze Schlafanzüge anziehen?“, fragen drei Kinder erwartungsvoll und hüpfen vor Freude, weil sie dürfen. Wo es vor einer Woche noch geschneit hat!

Am Wochenende muss das Fräulein Maus bei einem von ihrem Sportverein organisierten Laufevent helfen, der kleine Herr Maus hat ein Fussballturnier und der grosse Herr Maus macht mit den Pfadfindern eine Radtour. (Es ist übrigens das erste Fussballturnier, bei dem ich nicht erbärmlich friere.) Sobald sie jedoch nach Hause kommen, schleudern sie die Schuhe von den Füssen, schlüpfen in Badesachen und liefern sich stundenlange Wasserschlachten mit den Nachbarskindern. Ich hänge mehrere Mount Evereste Wäsche nach draussen. Wo es vor einer Woche noch geschneit hat!

Die Bäume werden grün und grüner, die Tulpen blühen für zwei Tage, die ausgesäten Radieschen, Möhren und Erbsen wagen sich endlich aus der Erde heraus, am Himmel hängen nur ein paar Schönwetterwölkchen, und das Wasser aus allen drei Regentonnen ist schon wieder aufgebraucht. Wo es vor einer Woche noch geschneit hat!

So ist das mit dem finnischen Sommer.
(Bis zur nächsten Kaltfront.)


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Muttertag

Bei IKEA waren ausser mir noch fünf andere Leute.

Im Gartenmarkt herrschte Hochbetrieb. Keiner kaufte jedoch Tomatensetzlinge oder Radieschensamen – Hortensien und Rosenstöckchen in Geschenktöpfen waren der Verkaufsschlager des Tages.

Im Supermarkt warb auch zum Feiertag eine Mobilfunkgesellschaft beflissen um Kunden. Ein Mann – eine Erdbeertorte im Karton balancierend – trat interessiert ein paar Schritte näher, woraufhin seine Frau – einen Rosenstrauss im Arm – nervös ausrief: „Wir müssten schon längst da sein! Jetzt komm doch schon! Wir sind sowieso schon viel zu spät! Hörst du?!“

Unter den Turneltern hatte es fast Meuterei gegeben: Training? Am Muttertag?! Also wir müssen heute zu meiner Schwiegermutter und zu drei Omas, da kann mein Kind nicht kommen! Eins der Turnmädchen wurde eher abgeholt und mit quietschenden Reifen davongefahren.

Der Inder teilte am Telefon bedauernd mit: „In ungefähr 50 Minuten könnt ihr das Essen abholen. Tut mir leid, aber wir haben heute echt viel zu tun.“ Und tatsächlich, jeder Platz belegt, mit herausgeputzten Kleinkindern, gelangweilten Teenagern, Männern im Anzug und aufgedonnerten Müttern, die wahrscheinlich schon wieder darüber nachdachten, was sie dann um fünf wohl für ihre Familie kochen sollen.

Mein Muttertag: alleine (!) in Ruhe (!) den Gartenmarkt leergekauft. Den Rest des Tages in der Erde gewühlt und mir die Sonne auf die Nase scheinen lassen.

Was hab‘ ich’s gut!


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Schnee an Frühblühern

Der kleine Herr Maus war ja gleich dagegen.

„Tulpen im Schnee?! Was ist denn das für ein Quatsch?! Das ist doch kein Frühlingsbild!“, protestierte er, als ich kurz vor Ostern meine Lieblingswinterpostkarten gegen meine Lieblingsfrühlingspostkarten tauschte.

Ich mag diese Postkarte aber. So ist der finnische Frühling nun mal. Oft jedenfalls. Also im April.

Jetzt aber haben wir Mai.

Ich tausche das Bild jetzt sofort um. Gegen eine Sommerpostkarte!

(Heute vor einem Jahr war T-Shirt-Wetter. Ich kann’s beweisen!)