Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Yki, der Zweite

6 Kommentare

Gestern. Allerdings nicht, weil ich im November durchgefallen wäre. Eher im Gegenteil.

Das mit dem Yki-testi, offiziell “Yleinen kielitutkinto“ (also „Allgemeine Sprachprüfung“) – den man nicht nur für Finnisch, sondern auch für eine Reihe anderer Sprachen ablegen kann – ist nämlich eine reichlich komplizierte Sache. Nicht vom Inhalt her, sondern von der Organisation. ;-)

Man kann diesen Test nur in einer von drei Stufen – Grundstufe, mittlere Stufe und höchste Stufe – absolvieren. Für jede Stufe gibt es dann noch zwei Noten, man kann also in einer Stufe besser oder schlechter abschliessen: 1 und 2 für die Grundstufe, 3 und 4 für die mittlere Stufe, 5 und 6 für die höchste Stufe.

Die Grundstufe braucht eigentlich niemand. Die meisten machen den Test in der mittleren Stufe, weil man die für die Erlangung der finnischen Staatsbürgerschaft braucht. Für manche Berufe ist auch das offizielle Sprachzeugnis vorgeschrieben – sofern man nicht Finnisch als Muttersprache spricht: Krankenschwestern sollten mindestens eine 4 haben, Lehrer für die Oberstufe kommen mit 5 weg, für die Unterstufe muss es eine 6 sein.

Ich dachte ja, ich würde diesen Test nie machen – es sei denn, ich würde die Beantragung der finnischen Staatsbürgerschaft ernsthaft in Erwägung ziehen (was bei der Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft und zwei offiziell deutschen, aber quasi finnischen Mäusekindern nicht sooo abwegig ist, aber das ist ein anderes Thema). Und dann war ich letztes Jahr in diesem wunderbaren Finnischkurs und fand mich plötzlich über Yki-Testaufgaben wieder samt der Aussicht, dass der Kurs wahrscheinlich die Gebühr für den Test übernehmen würde. Ja, also dann, Versuch macht kluch. ;-) Dass ich die mittlere Stufe relativ problemlos bestehen würde, war mir klar, aber an die höchste Stufe traute ich mich nicht ran, und warum auch, sicher ist sicher. Die könnte ich ja immer noch machen. In fünf Jahren oder so. ;-)

Ich ging also zum Test, und als wir aus dem Adventsurlaub wiederkamen, wartete das Zeugnis in der Post und überraschte mich mit einer glatten 4 in allen Teilbereichen. (Überraschenderweise sogar in „Verstehen und Sprechen“, das furchtbarerweise im Sprachstudio stattfindet, und ich habe noch nie von Angesicht zu Angesicht so dermassen gestottert wie dort auf Band.) Und die eine der zwei weltbesten Finnischlehrerinnen, die regelmässig Yki-testis bewertet, drängte mich, unbedingt gleich zum nächstmöglichen Termin (also gestern) die höchste Stufe zu machen. Hm, so richtig überzeugt war ich immer noch nicht. Aber als ich dann vom Arbeitsamt erfuhr, dass sie zwar Ausländer dazu ermutigen, den Test zu machen, aber ihn keinesfalls bezahlen würden (woraufhin ich mich einmal mehr fragte, wozu die dort überhaupt da sind), aber sich die Möglichkeit auftat, dass mein jetziger Kurs (der ja eigentlich ein Praktikum ist, aber trotzdem), die Kosten übernehmen würde (immerhin 95 € für die mittlere Stufe, und 130 € für die höchste Stufe), dann dachte ich, naja, warum nicht. Ich kann es ja immerhin mal versuchen.

Meine Herren! Das war schon ein, hm, deutlicher Unterschied!

(Auch darin, wie die Prüflinge behandelt wurden. Zwar musste man auch am Anfang seinen Pass vorzeigen, aber ihn nicht die ganze Zeit offen neben sich liegen haben. Die Tasche durfte man auf dem Stuhl neben sich haben und nicht am anderen Ende des Raumes an der Wand. Und man wurde darauf hingewiesen, sein Handy auszuschalten, aber man musste es nicht zum Beweis ausgeschaltet neben sich auf dem Tisch liegen haben. Sogar kurz auf Toilette gehen durfte man zwischen zwei Teilen, zwischen denen eigentlich keine Pause vorgesehen war. Offensichtlich werden da keine Staatsbürgerschaftserschwindler erwartet, da in der höchsten Stufe. ;-) )

Los gings mit Textverstehen. Das ist ja nun das, was ich eigentlich am besten kann. Ich lese Zeitungen, Bücher, Beipackzettel, amtliche Bescheide, Fachtexte, eigentlich alles, auf Finnisch, und verstehe, worum es geht. Aber diese Texte, die waren eine Anhäufung von seltenen und ungebräuchlichen Worten. Ich wette, die hat sich jemand extra ausgedacht.

Dann kam Vokabeln und Grammatik. Für Vokabeln gibt es eine einzige Aufgabe, da muss man für 25 oder 30 Worte aus drei Alternativen das richtige Synonym auswählen. Im November in der mittleren Stufe war ich mir bei ungefähr zwei Worten nicht sicher – diesmal gab es ungefähr zwei Worte, bei denen ich mir sicher war! ;-) (Unsere Aufsichtsperson sagte uns vorher, er wäre sich bei manchen davon auch nicht hundertprozentig sicher. Und das hat er vermutlich nicht nur so zum Trost gesagt, denn Tatsache ist, dass viele Finnen aus diesem Test auch nicht mit einer glatten 6 gehen würden.) Die Grammatikaufgaben dagegen waren überraschend einfach. Also so verhältnismässig. Und das, obwohl ich ja von Grammatik keine Ahnung habe, aber offensichtlich funktioniert es, dass man irgendwann ein gewisses Gefühl für die Sprache entwickelt, sogar für so eine wie Finnisch.

Inzwischen waren zwei Stunden um. Fünf Minuten Pause. Dann weiter mit Schreiben. Na, das kann ich. Also nicht fehlerfrei, weder in der Rechtschreibung noch der Grammatik, aber das Schreiben an sich fällt mir schon mal nicht schwer. Und da ich viel auf Finnisch lese, geht auch das Schreiben auf Finnisch recht flüssig. Drei Sachen gab es zu schreiben: eine Email, ein Feedback, und einen kurzen Aufsatz. Die Email hätte ja das einfachste sein können, weil man da nicht so viel schreiben muss, aber das Thema hiess: „Vor ein paar Monaten wurde euer Balkon renoviert, und nun habt ihr deutliche Mängel entdeckt. Schreibt der Firma und bittet um Behebung.“ Ja, was zum Teufel kann denn an so einem frisch renovierten Balkon kaputt gehen?! Mir fiel so überhaupt nichts ein, dass ich die Aufgabe erstmal ans Ende verschob. (Zum Feedback – an das örtliche Nahverkehrsunternehmen, wofür ich ja eigentlich nur das hier übersetzen musste – und zum Aufsatzthema – einheimische Produkte, Globalisierung, Fairtrade-Produkte und so Zeugs – hatte ich genug zu sagen.)

Dann der verhasste Studioteil. War aber diesmal weniger schlimm, weil ich nun erstens schon dran gewöhnt war und zweitens die Gruppe kleiner war. Wir waren deshalb besser über den Raum verteilt und man hat nicht gar so penetrant gehört, was die anderen gesagt haben. Und ich fand die Sprechthemen diesmal sehr viel einfacher und hab’ auch weniger gestottert. Routine schon, diesmal. ;-) Die Verstehsachen waren, naja, gemischt. Beim ersten habe ich erst beim zweiten Teil (obwohl ich den ersten Teil so leidlich verstanden habe), begriffen, worum es überhaupt geht. Und dann war die Zeit zum Beantworten der Fragen – wenn man die Antworten selbst schreiben, nicht nur ankreuzen musste – ziemlich knapp. Man sitzt da die ganze Zeit mit den Kopfhörern auf den Ohren, und das Band läuft und läuft. Man kann also nicht bei einer Frage schneller sein und die gewonnene Zeit für eine andere benutzen.

Am Ende gibt’s dann noch ein fünfzehnminütiges persönliches Interview, das auf Video aufgenommen wird. Ich finde das ja um Welten besser als dieses Sprechen auf Band. Man durfte sich aus vier Themen zwei auswählen – ich habe mich für Umweltschutz und Gleichgeschlechtliche Partnerschaften entschieden, weil die anderen zwei noch grösserer Mist waren – und darüber unterhält man sich dann. Ich habe in meinem Leben ja schon ungefähr zwanzig mündliche Prüfungen absolviert, und ich fand es lustig, wie das da so ganz genauso und doch ganz anders war. Letztendlich kam es ja so gar nicht darauf an, wie viel ich zu dem Thema weiss, sondern nur darauf, wie ich es sage. Ja, und das war ziemlich schwer. Seit zwei Monaten spreche ich zwar immer noch täglich ein bisschen Finnisch, aber nicht mehr so viel und regelmässig wie letztes Jahr, als ich im Finnischkurs war. Und man merkt das schon wieder. Grässlich. Letztendlich war das Gespräch an sich kein Problem, aber ich habe bestimmt haarsträubendes Kauderwelch gesprochen. ;-)

Und überhaupt habe ich für den Yki-testi kein bisschen „gelernt“ im herkömmlichen Sinne. Und während ich sonst bei jeder anderen Prüfung für mindestens zwei Wochen nichts mehr sehen und hören wollte von allem, was damit zu tun hatte, habe ich mich gestern, nachdem wir drei Stunden auf dem sonnigen Spielplatz verbracht hatten und die Mäusekinder in Rekordgeschwindigkeit eingeschlafen waren, mit der gestern erschienenen neuesten Ausgabe der Kuukausiliite ins Bett gelegt. :-)

(In zwei Monaten dann das Ergebnis.)

6 Kommentare zu “Yki, der Zweite

  1. Wow, mutig! Bei mir war damals ja auch die Entscheidung so gerade zwischen mittlerer und höchster Stufe. Meine Lehrerin hat mich dann überzeugt, die höchste Stufe zu machen. Letztendlich habe ich denkbar knapp bestanden und eigentlich auch in zwei Teilbereichen nicht, aber was zählt, ist bestanden, nach den Noten fragt später keiner mehr. Insofern bereue ich das nicht.

    Ich gratuliere schonmal zu soviel Mut und bin mir sicher, dass Du bestehen wirst. Lass mal hören, wenn die Ergebnisse da sind.

  2. klasse! Ich traue mich überhaupt nichts mehr, seit das Baby meine grauen Zellen weggeschossen hat…

  3. ich find’s klasse, dass du dich getraut hast! und ich bin nach der beschreibung wieder einmal froh, dass ich da nicht hin musste, um die finn. staatsbürgerschaft zu bekommen *uff*

  4. Ich finde das jetzt nicht sooooo mutig. ;-)

    Ich habe ja nichts zu verlieren. Wenn ich nicht bestanden habe, dann eben nicht. Die Keskitaso habe ich ja sicher.

  5. Wenn ich dies lese, glaube ich, daß auch ich den Test nicht bestehen würde. (ich verstehe finnische Sprache immer weniger, über gleicgeschlechtliche Partnerschaften würde ich keine Wörter kennen). Ich bin sehr froh, in Deutschland leben zu dürfen.

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