Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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„Es braucht ein ganzes Dorf…“

Ich wusste ja, dass der Tag kommen würde.

Aber das war doch erst gestern – und heute fuhr ich zwei volle Fahrradtaschen mit Ersatzklamotten, Regenkleidung, Vorschulheften, Stiftemäppchen sowie einem brechend vollen Kindergartenordner mit den Erinnerungen aus den letzten fünf Jahren nach Hause.

Zum allerletzten Mal.
Und ich habe auch nur ein ganz kleines bisschen innerlich gejammert.

Ich bin so dankbar für die Leute aus diesem Kindergarten, die unsere Kinder mit offenen Armen und Herzen aufgenommen und sie beim Grosswerden begleitet haben – den kleinen Herrn Maus sogar seine ganze Kindergartenzeit lang. Er hat über die ganzen Jahre mehr oder weniger die gleichen Betreuer gehabt und ist mit einer Schar Kinder grossgeworden, die jetzt gemeinsam in die Schule auf die andere Seite des Gebäudes wechseln – und ab und zu begeistert in den Kindergarten zurückkehren – wird. Und ich habe mit den Lieblingsbetreuerinnen abends beim Abholen oft mehr geredet als den ganzen Tag auf Arbeit.

Unser Dorf, sozusagen.

Ein Haus für die Putzfrau. Selbstverständlich!


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Spontaner Wahltag

Als der kleine Herr Maus und ich heute zwischen Klavierstunde und Fräulein-Maus-vom-Training-abholen kurz in den Supermarkt sprangen um die Milch- und Tomatenvorräte aufzustocken, stolperten wir hinter den Kassen fast über zwei Wahlkabinen, die dort mitten im Gang aufgebaut waren.

„Ach“, sagte ich zu einer freundlich lächelnden Frau aus dem kleinen Heer gelbgekleideter Wahlhelfer, die um die beiden Wahlkabinen herumwuselten, „wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich meine Wahlbenachrichtigung mitgebracht…!“ (Ich hätte es natürlich wissen können, weil sämtliche Vorwahlstellen auf der Wahlbenachrichtigung aufgeführt sind.) „Aber die Wahlbenachrichtigung brauchst du doch gar nicht!“, teilte mir die freundlich lächelnde Frau mit. „Ein Ausweis mit Foto genügt!“

Und so kam es, dass ich heute Abend kurz vor sieben ganz kurzentschlossen und innerhalb von zwei Minuten gewählt habe. (Unsere gemeinsame Wunschkandidatin natürlich.) Und ja, liebe Leute, das ist auch ein Weg, die Wahlbeteiligung zu erhöhen!

Pop-up-Wahlkabine im Supermarkt.

„Mama“, fragte der kleine Herr Maus, der brav mit den ihm anvertrauten Einkäufen neben der Wahlkabine gewartet hatte, hinterher auf dem Weg zum Auto, „warum musstest du denn in so ein Ding reingehen? Und warum hat die Frau dann hinter dir noch den Vorhang zugemacht?“

Noch während ich zu einer Erklärung über das Prinzip „Geheime Wahl“ ansetzte, stellte ich fest, dass seine Frage eher rhetorisch war. Er weiss das ja alles längst! Denn: „Wir haben heute im Kindergarten auch gewählt, Mama!“

Nachdem sie nämlich in der Vorschule jetzt seit einiger Zeit über Fossilien und Ausgrabungen (und den Unterschied zwischen Archäologie und Paläontologie) gesprochen haben und die ganze Vorschulgruppe zur besseren Veranschaulichung mehrere Tage lang ein echt fossiles Plastikfischskelett in Einzelteilen aus einem Klumpen Mörtel herausgemeisselt und anschliessend zusammengesetzt hat, musste sich nur noch geeinigt werden, wie die neuentdeckte Spezies benannt werden soll. Über die fünf Favoritennamen wurde heute also demokratisch und geheim abgestimmt.

„Riikka hat aus Rollschränken so ein koppi gebaut, und dann haben wir alle ein äänestyslappu bekommen, und dann mussten wir uns anstellen, und dann durfte immer nur einer in das koppi gehen und auf das äänestyslappu eine Zahl schreiben, also „Kiukkukala“ hatte die Nummer 1 und „Hohtava hirviökala“ hatte die Nummer 2 und so weiter, und dann mussten wir den Zettel noch in so einen Karton mit Schlitz stecken, und als alle ihre Zettel da reingetan hatten haben wir gezählt, wie oft welche Nummer aufgeschrieben wurde, und leider ist mein Namensvorschlag nur auf den zweiten Platz gekommen.“

(Ich habe ganz eventuell schon das eine oder andere Mal erwähnt, wie grossartig ich diesen Kindergarten und das Prinzip Vorschule hierzulande finde, oder? Oder?!)


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Löschmeister Wasserhose live

„Und dann“, erzählt der kleine Herr Maus vom Feuerfehlalarm im Kindergarten, „haben wir alle unsere Stiefel angezogen und im Windfang gewartet, und dann ist die Feuerwehr gekommen, und die haben sich alles angeguckt, aber es hat nirgends gebrannt, und dann ist der eine Feuerwehrmann noch zu uns gekommen und hat uns alles gezeigt, seinen Helm und seine Atemmaske und seinen Luftrucksack, und dann hatte der noch so ein Thermometer, das durften wir auch angucken, und, weisst du was, der hatte ganz nasse Haare!“ „Der hat wohl geschwitzt unter dem Helm?“, frage ich. „Nee, der war vorher wo, wo er ins Wasser musste!“

Der Arme! Kaffee hatte er vermutlich auch noch nicht getrunken.


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Mitschriften

Was der kleine Herr Maus heute in der Vorschule gelernt hat:

Die Erde, die Sonne, ein Sonnensturm, das Magnetfeld der Erde, die Atmosphäre, und – tadaa! – Nordlichter!

(Kein Wunder, dass die Viertklässlerin von ihrem neuen Wahlfach enttäuscht ist – „Ich dachte, wir machen da solche Sachen wie mit Riikka in der Vorschule…!“ – die Latte liegt sehr hoch.)


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Nebenbei

Neulich brachte der kleine Herr Maus stolz zwei Zettel aus dem Kindergarten nach Hause.

Auf den ersten hatte er etwas gemalt – und gleich mal druntergeschrieben, was es darstellen soll. (Ohne Vorlage oder Hilfe. Und es fehlen nur ein zweites U und ein zweites T.)

Auf den zweiten hatte ihm die Vorschullehrerin daraufhin eine kleine Geschichte geschrieben. Die hat er vorgelesen. (Mehrmals seither. Besonders stolz ist er nämlich darauf, dass er selbst auch in der Geschichte vorkommt.)

Das wirklich Bemerkenswerte daran ist jetzt aber nicht, dass ein gerade erst fünf Jahre alt gewordenes Kindergartenkind anfängt zu schreiben und zu lesen. Sondern dass er das einfach so nebenher – nicht einmal den „echten“ Vorschulkindern wird Lesen und Schreiben aktiv beigebracht; den „Minivorschülern“, die nur zum Gruppeauffüllen dabei sind, schon gar nicht – gelernt hat. Und dass hier jetzt keiner daraus den Schluss zieht: dann sollte er aber nächstes Jahr mit der Schule anfangen, damit er sich nicht langweilt im Kindergarten…!

Nächstes Jahr, da fängt nämlich erstmal sein schönstes Kindergartenjahr an.


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Kinderkram

Gestern rief mich das Fräulein Maus auf Arbeit an: “Mama, ich wollte doch heute zum Abendbrot die überbackenen Brote machen, die wir letztens in der Schule gemacht haben. Darf ich schon mal anfangen, die vorzubereiten? Und darf ich auch Nachtisch machen?” Läuft.

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Im Sportunterricht gehen derzeit sowohl die Drittklässlerin als auch der Erstklässler in den Wald und betreiben Orientierungslauf. Das Fräulein Maus, die, obwohl sie sich so drauf gefreut hat, noch kein einziges Mal im Sportunterricht Skifahren war, weil wir keinen Winter mehr hatten, seit sie in die Schule geht, findet das fast so gut wie Skifahren. Ich bin auch nur ein ganz kleines bisschen neidisch.

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Der grosse Herr Maus besitzt eine nahezu unbenutzte Fibel. Stattdessen besitzt er einen dicken Ordner mit Zusatztexten zur Fibel. Diese Zusatztexte gibt es mit Sil-ben-tren-nung für die, die schon ein bisschen, aber noch nicht so gut lesen können, und als ganz normale Texte für die, die schon lange lesen. Ich denke mit Grausen an meine Grundschulzeit, in der wir immer alle gemeinsam lesen mussten und vorblättern – oder überhaupt nur schon mal ein paar Zeilen schneller lesen als der jeweilige Vorleser – strengstens untersagt war.

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Neulich erlebte ich das kürzeste und unkomplizierteste Elterngespräch aller Zeiten: “Sie ist sehr brav im Unterricht, vielleicht ein bisschen zu ruhig. Naja, mit dem E., der neben ihr sitzt, giggelt sie oft, da muss ich dann manchmal kurz ermahnen. Draussen in der Pause kann sie ziemlich wild sein. Ihr Finnisch ist prima, Johanna und ich haben jetzt beschlossen, dass sie nur noch einmal die Woche zu ihr in den Finnischunterricht geht und die anderen Stunden bei den Muttersprachlern mitmacht. Hausaufgaben macht sie ganz gewissenhaft. Sie hat mir erzählt, dass sie ein bisschen Probleme mit V. hat, die stiftet sie an, M. zu ärgern. Ich hab’ mich ein bisschen gewundert, weil ich den Eindruck hatte, die beiden wären gute Freunde, aber ich hab’ ihr gesagt, dass so jemand natürlich keine gute Freundin ist. Also, läuft alles. Ich hab’ nichts zu meckern. Hast du noch was?” Ich bin sehr froh über den neuen Lehrer des Fräulein Maus.

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“Wie nennt ihr euren Lehrer eigentlich?” fragte der Ähämann neulich das Fräulein Maus. “Jussu.” Da sieh mal an. In Finnland darf man Lehrer nicht nur duzen, sondern sogar mit Spitzname anreden. Die ganze Klasse liebt ihn sehr.

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Der kleine Herr Maus bekam vorgestern zum ersten Mal Hausaufgaben. Alle unsere Kinder haben im Kindergarten mehr oder weniger von Anfang an und mehr oder weniger gut organisiert extra Sprachförderung gehabt, aber neuerdings kommt dafür eine extra Lehrerin in den Kindergarten. Die Hausaufgabe bestand darin, das im Kindergarten angefangene Bild fertig auszumalen und alle Dinge darauf, die sie im Kindergarten auf Finnisch benannt hatten, nochmal in der eigenen Muttersprache zu wiederholen. Das war natürlich ein helppo nakki für den kleinen Herrn Maus, trotzdem war er sehr stolz, richtige Hausaufgaben aufzuhaben.

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Überhaupt tut ihm die neue Kindergartengruppe sehr gut. Keine Spur von Rabaukentum mehr. Täglich schwärmt er vom tollen Spielzeug und den tollen Spielen und Experimenten, die sie in der Vorschulgruppe machen, wie schön das Füssekraulen vorm Mittagsschlaf ist, dass sie schon wieder ein neues Lied gelernt haben und welcher Buchstabe vom Wort der Woche beim Morgenkreis aufgedeckt wurde. (In ein paar Wochen kann er vermutlich lesen…)

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Auch nach einem Monat noch bin ich täglich erstaunt, wie enstpannt sich das Abholen aus dem Kindergarten gestalten kann, wenn nur noch ein Kind eingesammelt werden muss.

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Und wie gross Kinder in ein paar Wochen werden können.


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Meilensteine-Dings

Der grosse Herr Maus hat heute seinen allerallerletzten Kindergartentag.

Dass der kleine Herr Maus nach den Sommerferien direkt in die Vorschulgruppe aufrücken wird – nicht als nächstjähriges Kann-Kind, sondern aus logistischen Gründen als Mini-Vorschüler – trägt dann jetzt auch eher nicht zur Bekämpfung des Das-geht-bei-jedem-Kind-schneller-Gefühls bei.


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Wie kleine Pisa-Weltmeister gemacht werden

[Diesen Artikel habe ich als erstes Resümee nach sechs Wochen Schule zuerst als Gastbeitrag auf dem Blog des Finnland-Instituts geschrieben: „Wie kleine Pisa-Weltmeister gemacht werden“ | „Mistä on pienet PISA-maailmanmestarit tehty?“]

Was das Beste an der finnischen Schule ist, kann ich schon nach den ersten sechs Wochen sagen: dass sie erst mit sieben anfängt.

Dabei konnte es unsere Schulanfängerin gar nicht erwarten, endlich in die Schule zu gehen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre sie mit dem Nachbarsjungen zur Schule gestiefelt, als sie gerade mal drei war. Aber in Finnland werden Kinder nun mal in dem Kalenderjahr eingeschult, in dem sie sieben werden. Selbst die Jahrgangsjüngsten sind somit zum Schulanfang schon 6 ¾.

Die Vorschule hat ihr das Warten ein bisschen leichter gemacht. Sie hat gefördert und gefordert – und sie gleichzeitig noch unbeschwert Kind sein lassen, ohne Pflichten und Verpflichtungen. Vorschule – die übrigens nicht verpflichtend ist, aber dennoch von den meisten Kindern besucht wird – fand im Kindergarten statt, vier Stunden jeden Vormittag. (Und nachmittags wurde sie einfach ganz normal im Kindergarten betreut.). Die Vorschüler gingen gemeinsam zum Schwimmkurs und ins Museum, lernten die Uhr zu lesen und mit Geld umzugehen, sprachen über den Weltraum und Umweltschutz. Ihnen wurde nicht direkt Lesen und Schreiben beigebracht – aber Buchstaben und Zahlen, auch das Datum, waren tägliches Thema. Die meiste Zeit durften die Vorschulkinder dennoch einfach spielen, basteln, malen, toben. Kind sein.

Jetzt, mit der Schule, hat tatsächlich so etwas wie der – wie man in Deutschland so schön sagt – „Ernst des Lebens“ angefangen.

Nicht, dass die Kinder jetzt auf einmal kleine Erwachsene sein müssten – sie toben immer noch in den Pausen auf dem Spielplatz, bekommen die meisten Lerninhalte spielerisch vermittelt, und „Herr Q“, ein groβer Plüschaffe, kontrolliert die Hausaufgaben.

Aber dank der Grundlagen, die die Vorschule gelegt hat, ist zum einen das Lerntempo ziemlich hoch.

Zum anderen bekommt so ein Schulanfänger schon richtig viel Verantwortung übertragen: Unsere Schulanfängerin läuft allein zur Schule. Sie fährt einmal in der Woche früh mit dem Bus in die zwei Kilometer entfernte gröβere Schule, in der der Sportunterricht stattfindet, und ab dieser Woche wird sie gemeinsam mit ihren Klassenkameraden – aber ohne die Lehrerin, die in den ersten Wochen den sicheren Weg mit ihnen geübt hat – auch von dort allein zurücklaufen. Sie muss sich in der Schule ihre Hausaufgaben selbständig aufschreiben – und selbst entscheiden, wann sie sie erledigt: es gibt im Hort eine Zeit, in der die Hausaufgaben gemacht werden können, aber nicht gemacht werden müssen. (Unsere Schulanfängerin hat für sich entschieden, dass sie im Hort lieber spielt. Und dann lieber eine Stunde eher nach Hause geht und die Hausaufgaben da macht, bevor sie wieder rausgeht, um mit den Nachbarskindern zu spielen. „Lernen lernen“ ist eines der Hauptprinzipien des finnischen Schulsystems. So fängt es an.) Sie hat jetzt ein eigenes Telefon, eine eigene Buskarte, eine eigene Bibliothekskarte. Neue Rechte, neue Pflichten.

Das alles ist ja auch gut so. Ein Kind, das schon fast vier Jahre darauf gewartet hat, endlich ein Schulkind sein zu dürfen, möchte ja auch, dass sich mit dem Schulbeginn etwas ändert: dass es jetzt zu den Groβen gehört, mehr Pflichten, mehr Verantwortung hat. Aber hätte unsere Schulanfängerin das alles schon vor ein, zwei Jahren gekonnt?

Dass in Finnland alle Lehrmaterialien – auβer den Schulbüchern auch Hefte und Stifte – kostenlos zur Verfügung gestellt werden, dass ein kostenloses Mittagessen zum Schultag dazugehört, dass Kinder , die eine andere Muttersprache als die Landessprache haben, zusätzlich gefördert werden, dass es für die Eltern ein Onlineportal für Stundenpläne, Mitteilungen, Zensurenspiegel gibt – all das finde ich wunderbar.

Aber am dankbarsten bin ich dem finnischen Schulsystem dafür, dass mein Kind sieben Jahre lang Kind sein durfte. Und jetzt ein begeistertes, selbständiges Schulkind ist.