Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Die Qual der Wahl

6 Kommentare

Übernächstes Wochenende sind in ganz Finnland Kommunalwahlen. Wir dürfen auch wählen, denn wer eine Aufenthaltserlaubnis für mindestens zwei Jahre hat, darf bei Kommunalwahlen wählen, auch ohne finnische Staatsbürgerschaft.

Ab heute kann man vorabwählen gehen. Würde ich gern machen – allein, ich werde die Zeit bis übernächsten Sonntag noch brauchen, um mich für einen Kandidaten zu entscheiden.

Im finnischen Wahlsystem gibt man seine Stimme nicht einer bestimmten Partei, sondern einem ganz bestimmten einzelnen Kandidaten. In Turku gibt es diesmal ganze 475 davon, alle fein nebeneinander an strategisch wichtigen Punkten zum Vergleich aufgelistet.

Nur, das nützt mir jetzt nicht wirklich weiter. Gut, ich kann schon mal ganze Parteien ausschliessen. Alle die mit „Blauweiss“ im Namen nämlich. Den Typen, der sein unscharfes Porträt mit Sonnenbrille auf A0-Grösse hat drucken lassen und als Parteiloser um Stimmen wirbt, der fällt auch aus.

Ehrlich gesagt, bin ich eigentlich sowieso nur gewillt, die insgesamt drei roten bzw. grünen Parteien durchzugehen. Bleiben immer noch 300 Kandidaten. Mist. Hab‘ ich mir ausgerechnet die drei Parteien mit der Höchstmenge an Kandidaten ausgesucht. So wird das nie was.

Ich verschiebe die Entscheidung erstmal. In der Fussgängerzone im Stadtzentrum ist der Wahlkampf in vollem Gange. Genauso gleichberechtigt wie auf den Wahlplakaten stehen die Parteien da in von der Stadt zur Verfügung gestellten bunten Häuschen – das nächste Mal kommen die dann beim Weihnachtsmarkt zum Einsatz – nebeneinander und verteilen Handzettel, Anstecker, Bonbons und – unabdingbar, will man einen finnischen Wähler überzeugen – Kaffee und Pulla. Ich bin froh, dass ich ohne die Kinder dort vorbeikomme, die bestimmt sehr enttäuscht wären, wenn ich ihnen untersagte, so einen hübschen blauweissen, gasgefüllten Luftballon von den „Wahren Finnen“ anzunehmen. Eine Kandidatin der Grünen drückt mir ihr Wahlprogramm in die Hand. „Mehr Rechte für Tiere! Mehr vegetarisches Essen in den Schulen!“ Genau das, was ich unbedingt will. Nicht.

Man wirbt mit der (zu bauenden) Strassenbahnlinie, der (nicht zu bauenden) Tiefgarage unterm Markt. Weder das eine noch das andere wird, realistisch gesehen, in den nächsten zwanzig Jahren etwas werden. Das fällt also auch als Wahlargument aus.

Vielleicht befrage ich doch mal einen Wahlomat. Wenn ich mich denn erst einmal für einen davon entschieden habe! YLE – die staatliche Rundfunkanstalt – hat einen. Die örtliche Presse hat einen. Das örtliche kostenlose Käseblättchen hat auch einen. Je nach Schwerpunkt des Mediums fallen auch die Schwerpunktfragen des Wahlomats unterschiedlich aus. Die Stimmungsmache gegen Gemeindezusammenlegungen geht mir schon seit Jahren auf den Nerv, womit sich zwei der drei Wahlomaten bereits disqualifiziert haben. Jeee! Bleibt der von YLE. Die Fragen sind okay, sachlich, die Kandidaten mit den meisten und den wenigsten Übereinstimmungen werden direkt nach Beantwortung jeder Frage angezeigt, man kann Kandidaten auch ganz ausschliessen aufgrund ihrer Einstellung zu bestimmten Fragen, man kann sogar Kandidaten ausschliessen, die sich zu bestimmten Fragen gar nicht erst geäussert haben. Das klingt gut, aber nach einer Menge Zeit, die man in diesen Wahlomat investieren muss. Hab‘ ich die?

Ich versuch’s erstmal auf die einfache Weise. Alle Fragen beantworten und dann gucken, wer mir da so angezeigt wird. Nach ein paar Fragen sieht es so aus, als liefe es auf jemanden von den Grünen hinaus. Warum nicht. Dann kommt die Gretchenfrage: „Wenn du nur ein begrenztes Budget zur Verfügung hast, wo kürzt du? A: Bei den Senioren. B: Bei den Kindern.“ Super! Natürlich will ich – in meiner derzeitigen Lebenslage – jemanden, der sich vor allem für die Kinder einsetzt. Nur, will ich wirklich jemanden wählen, der das auf Kosten einer anderen Bevölkerungsgruppe tut? Was, wenn ich selbst irgendwann in einem finnischen Altersheim lande? Bin ich dann immer noch froh, wenn alles Geld in Kindergärten fliesst? Ich beschliesse, dass man vermutlich in der Politik ein kurzsichtiges, egoistisches Schwein sein muss, und dass das alles nichts für mich ist. Und dass mir der Wahlomat auch nicht wirklich weiterhilft.

Das Gute am finnischen Wahlsystem ist vielleicht, dass man mehr oder weniger dazu gezwungen wird, sich mit den jeweiligen Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. Und vielleicht stellt man dabei sogar fest, dass die Partei, die man jahrelang aus Gewohnheit favorisiert hat, die eigenen Interessen eigentlich gar nicht so gut vertritt.

Andererseits frage ich mich wirklich, wie ich innerhalb der nächsten zehn Tage meinen geeignetsten Kandidaten finden soll, wenn ich nicht in Vollzeit Wahlprogramme vergleichen will.

Vielleicht lasse ich dann doch einfach den Zufallsgenerator entscheiden. Oder stimme für den, der den besten Kaffee kocht.

6 Kommentare zu “Die Qual der Wahl

  1. Ich falle auch in Ohnmacht angesichts der Kommunalwahlen…Vielleicht wache ich erst wieder auf, wenn´s vorbei ist…
    LG, Appelgretchen

  2. 300 ist wirklich viel… aber ich muss mich nächsten Montag auch mal damit befassen, bei uns sind auch Wahlen. Bei mir fällt wenigsten neben dem Analog zu den „Wahren Finnen“ auch die andere Extremseite raus. Immerhin verdient mein Mann unsere Brötchen (mein Einkommen reicht nur für Schwarzbrot *g*) mit böser Chemie ;-)

  3. Ich darf ja schon seit einem Dutzend Jahren nur noch wählen, wenn es mich nichts angeht, also bei der Bundestagswahl auf der anderen Seite des Globus. Nicht, das in den USA wählen gehen irgendeinen Sinn machen würde. Aber das mit der Kommunalwahl wäre nicht verkehrt, wenn das andere Länder auch so hielten.

  4. Ist doch nur Politik: wie überall anders, nur bis vor kurzem noch in der Illusion, dass sie weniger korrupt sind. Ich bin auch ratlos und nicht wirklich daran interessiert. Wieso fällt blau-weiss flach – die wollen doch ein gutes Finnland (gegen den Rest der Welt). Ich hab mich entschieden, dass eine sarjakuvapiirtäjä, die ausnahmsweise auch gutes Englisch beherrscht, nicht allzu nah dem Teeniealter ist und die Partei eine Bahn nach Porvoo bauen lassen möchte (auch wenn es in 100 Jahren passiert und mich dann eh nicht betrifft), keine schlechte Wahl ist…

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