Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Nur für besonders gute Eltern

54 Kommentare

Es gibt da jetzt also ein privates, deutsches KELA-Kisten-Imitat.

Prima Sache. Oder?

Es ist eine Geschäftsidee. Kann man machen. Eltern geben ja bekanntermassen bereitwillig sehr viel Geld für die nötigsten und unnötigsten Dinge aus. Was ich daran allerdings grundfalsch finde, ist, dass mit dem Imitat die finnische Idee eines Babyerstausstattungspaketes – die ausdrücklich als Vorbild und Inspiration genannt wird – durch ihre Kommerzialisierung ins genaue Gegenteil verkehrt wird.

Die Kela-Kiste ein Geschenk vom Staat (oder den Steuerzahlern, wenn man’s so nimmt) an Mutter und Kind – und kein „Ich bin besonders hip“-Accessoire für die, die es sich leisten können.

Die finnische Erstausstattungskiste war zuallererst eine Notmassnahme gegen geringe Geburtenraten und hohe Säuglingssterblichkeit. Seit ihrer Einführung 1949 bekommt man die Kiste nur, wenn man vor dem fünften Schwangerschaftsmonat zu einer Vorsorgeuntersuchung beim Arzt oder der Hebamme in der Neuvola erschienen ist. Und es war damals wohl wirklich wichtig, dass das Neugeborene mit der Kiste ein eigenes, sicheres Bett bekam – und wenn man einmal in einem finnischen Freilichtmuseum gewesen ist und gesehen hat, wie ärmlich und beengt die Finnen noch in den 50er und 60er Jahren gelebt haben, dann versteht man das sofort. Über die Jahre wurde der Inhalt immer wieder an die wechselnden Bedürfnisse angepasst: am Anfang enthielt die Kiste keine fertige Kleidung, sondern Stoffe zum Selbstnähen. In den 70er Jahren gehörte noch eine Waschschüssel zur Erstausstattung. In unserer ersten KELA-Kiste war noch ein Fläschchen, in der zweiten nicht mehr, weil man das Stillen noch mehr fördern wollte. In unseren beiden Kisten – eine dritte nahmen wir dann nicht mehr, sondern entschieden uns für die 140 € in bar, von denen wir dann z.B. noch ein paar dringend benötigte Wollsachen und einen Babyschalenfusssack für unser einziges Winterneugeborenes kauften – waren noch kleine Probepackungen Windeln; die sind seit ein paar Jahren durch ein Stoffwindelset ersetzt. Jahrzehntelang gehörte eine rote Rassel mit Gesicht zur KELA-Kiste – bis das kleine Familienunternehmen, das sie hergestellt hatte, aus Altersgründen aufhörte. (Ich ärgere mich bis heute, dass ich die zweite verschenkt habe.) Für mich persönlich waren die beiden wichtigsten Dinge in der KELA-Kiste der kleine Schneeanzug samt „Stiefelchen“ und Handschuhen und der Kinderwagenschlafsack. (Die beiden Dinge übrigens, an denen man am leichtesten erkennt, in welchem Jahr ein Baby geboren wurde. Oder seine grossen Geschwister. Ich finde das bis heute sehr lustig.)

Die KELA-Kiste mit ihrem umfangreichen Inhalt beinhaltet trotz allem nicht die gesamte Erstausstattung. Aber sie bildet einen guten Grundstock. Für Babys, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden, genauso wie für Babys, die sich besser von Anfang daran gewöhnen, dass für sie nur das Preiswerteste und Nötigste angeschafft werden kann.

Die finnische Kiste fördert Chancengleichheit von Geburt der Schwangerschaft an. Das deutsche Imitat fördert allenfalls das gute Gewissen von Eltern, die sich die Kiste leisten könnnen, und das schlechte Gewissen von Eltern, die die 349 € für einen Pappkarton, eine Matratze, drei Bodys, eine Hose, zwei Paar Söckchen, einen Strampler, ein Strickjäckchen, eine Mütze, ein paar Hygieneartikel und einen Strampelsack nicht aufbringen können (oder wollen; allerdings haben die dann vielleicht kein schlechtes Gewissen).

Geschlafen haben unsere Kinder übrigens fast nie in der Kiste. Und ich finde es auch merkwürdig, dass jemand, der auf seinem Blog Familienbett und Tragen propagiert, eine Babyerstausstattung ausgerechnet in einen zu einem Bettchen umfunktionierbaren Karton packt, der zudem bei den Deutschen zuverlässig bei jeder Erwähnung alle Plötzliche-Kindstod-Alarmglocken schrillen lässt.

Aber Finnland zieht ja immer.

54 thoughts on “Nur für besonders gute Eltern

  1. 350 Euro für so etwas? Das ist schon etwas teurer. Ich frage mich allerdings, ob das auch in Deutschland Verbreitung findet, bzw finden würde. Nach meiner Erfahrung nach, muss man in Deutschland schon sehr um Hilfe suchen um irgendwelche zu bekommen. Eine Freundin von mir hatte kein Training für wickeln oder füttern bekommen. Keine Vorbereitung auf anfallende Probleme. Das fand ich schon etwas dürftig. Da finde ich es besser gleich von Anfang an jede Mutter gleich zu behandeln. Die Packung für das Kind kann ich mir sehr hilfreich vorstellen. Aber das ist speziell für die Umstände dort entwickelt.

    • Nur mal so angemerkt (von einer vor drei Jahren nach Finnland ausgewanderten deutschen Hebamme).
      Das ist ein Crowd- funding. Wer ein Crowdfunding unterstützt „bezahlt“ nicht für das Produkt (wie zb. auf der Seite auf der es auch die Box gibt ein Kaffe und Kuchen treffen mit der Crowdfunderin für 40 €) Sondern SPENDET um eine Sache ins Rollen zu bringen. Dass es ab einem bestimmten Betrag noch eine Sache (mehr oder weniger Wertvoll) dazu gibt ist beim Crowdfunding normal.
      Dazu, dass man in Deutschland nach Hilfe suchen muss, kann ich nichts weiter sagen als dass in Deutschland jeder Frau mindestens 10 -16 Hausbesuche einer Hebamme zustehen.
      Hier in Finnland gibt es sowas nicht. In der sogenannten Neucola wird das Baby einmal im Monat vermessen, nach der Mama schaut niemand. Ob man in der Neucola von einer Hebamme betreut wird, oder einfach von einer Nachbarschaftshelferin oder Krankenschwester, die zum Thema stillen genau mal gar nichts wissen ist Glückssache. Deswegen helfen sich Finnische Frauen untereinander. Mütter machen ehrenamtlich Hausbesuche bei Müttern, die auf Grund mangelnder Ausbildung zu Stillberaterinnen in Krankenhäusern hier standardmäßig zu wenig Milch haben. Anleitung oder „training“ zum wickeln oder baden? Dafür gibts hier Broschüren. So viel zu nach Hilfe muss man in Deutschland lange suchen. Ich emfinde es gerade andersrum.

      • Das ist jetzt aber schon recht weit ab vom Thema… :-)

        (Und entspricht auch nicht meiner eigenen Erfahrung. Entweder bin ich sehr anspruchslos, oder wir haben eben einfach Glück in Turku…)

        ((Und es heisst Neuvola.))

        • Gott sei Dank darf man ja auch dann seine Meinung sagen (und nebenher etwas aufklären was so ein Fundraising eigentlich ist).

          Und was das mit dem Anspruchslos sein auf sich hat weiß ich nicht. Kann ja auch sein, dass du einfach Glück hattest und deine Kinder beim Stillen halt einfach wussten was sie tun- ganz zu schweige von einem verkürzten Zungenbändchen oder so, wegen dem ich meine Klienten durch halb Finnland schicke um Hilfe zu erhalten.

          Das Neucola habe ich im übrigen meiner englischen Tastatur zu verdanken, die von der Finnischen Sprache auch nach drei Jahren noch nichts hält, aber vielen Dank für die Korrektur. :)

          Übrigens, schön dass es dir so gut geht in Turku. Mir als Hebamme stehen hier bisweilen die Haare zu berge, was die Situation für Gebärende im Krankenhaus angeht. Und sehr viele andere Möglichkeiten gibt es in Finnland ja nicht, mit Ausnahme von Helsinki wo sich nun einiges tut.

          Nun ja, ich bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen und werde mich nun wieder verkrümeln. Alles Gute.

  2. Liebe mai-ke, viel Dank für Deinen Artikel und dass Du Dich mit dem Thema auseinander gesetzt hast. Schön, dass Du in den Genuss einer finnischen Box gekommen bist und sie auf Deinem Blog positiv hervor hebst. Ich gebe Dir vollkommen Recht, dass ich mir wünschen würde, dass auch hierzulande eine solche Box staatlich an Familien abgegeben werden sollte. Leider gibt es das nicht. Vielleicht bringt die Aufmerksamkeit durch dieses Projekt, das ja auch als Denkanstoß dienen soll, in Bezug darauf etwas. Auch dass Du schreibst, dass Deine Kinder selten darin geschlafen haben, passt ja sehr gut zu dem, was ich auch sage: Die Box ist eben auch ein guter Platz, um das Baby am Tag in der Küche abzulegen oder beim Duschen im Bad dabei zu haben oder im Büro, wenn man mal eine Email schreibt und das Kind nicht im Tragetuch hat. Wie ich ja immer wieder schreibe (u.a. in meinem Buch) ist das Familienbett unsere persönliche Lösung, die ich mit meiner Familie lebe. Andere Familien sind anders und ich finde es gut, die Aufmerksamkeit darauf zu legen, dass in einer solchen Box die Kinder nahe an den Eltern schlafen können, wenn diese Angst davor haben, sie ins Bett zu nehmen. Und noch kurz zum Inhalt der Box: Hier gibt es eine Erstausstattung mit Kleidung, die überwiegend aus kbA oder kbT ist. Die Zusammensetzung ist im Projekt aufgeführt. Es gibt bereits eine Anfrage, ob man auch eine vegane Box einführen könnte und ich nehme weitere Anregungen wie Deine gerne auf. Vielen Dank!

    • Entschuldige ,aber deine Geschäftsidee ist kein Denkanstoss für den deutschen Staat, sondern ein völlig anderes, kommerzialisiertes Konzept. Aber vielleicht läuft’s ja. Vielleicht kannst du ja dann bald die vegane Box nach Finnland exportieren, wo solche Aspekte bisher sträflichst vernachlässigt werden…

      (Und wer ist mai-ke?!)

  3. Warum soll man sich kein Beispiel an guten Ideen nehmen? Ich finde vieles sehr gut in Finnland und freue mich immer sehr, wenn gute Denkanstöße angenommen werden.

    Ich finde es schade, dass es die Kela Box nicht in Deutschland gibt, gerade für Familien mit wenig Geld oder solche, die besonders auf Hilfe angewiesen sind, wie man eine Erstausstattung zusammen stellt wäre dies eine tolle Sache. Ich finde das Projekt einen sehr guten Denkanstoß, was man braucht und was man nicht braucht. Und natürlich ist der Preis nicht vergleichbar mit einem staatlichen Projekt.

    Wie oft habe ich gehört, dass Familien gerne auch so eine Box wie die finnische haben wollen würden, jetzt gibt es so etwas.

    • Gibt es ja schon länger: http://www.finnishbabybox.com

      Ist immerhin näher am Original und mit weniger Ideologie verbunden.

      • Ja, die Box der Väter kenne ich. Näher am Original ist sie wohl auch nur durch die Auswahl der Produkte. Bezahlen muss man sie genauso. ;)

        Das Gute an so ideologischen Dingen ist ja, man klickt einfach weg, wenn es einen stört und zum Kauf wird man auch nicht gezwungen.

        Ich finde es nach wie vor eine gute Idee inspiriert von der Kela Box. Es ist wohl nicht die erste Geschäftsidee, die sich von einem anderen „Produkt“ inspirieren ließ. Ich hoffe es lassen sich weitere motivierte Menschen neue Ideen einfallen, denn in Deutschland gibt es genug Familien, denen so eine Art von Box (also ein Set von Utensilien, die die Erstausstattung bereichern) als Spende oder gegen einen kleinen Preis viel helfen würde. :)

        • Merkste jetzt aber selber, dass selbst du da von zwei verschiedenen Sachen sprichst, oder?

          • Nein, ich habe nie gesagt, dass die kommerziellen Boxen identisch sind mit dem Kela Angebot, welches durch das Prinzip der Chancengleichheit (u.a. der Verteilung, Ausstattung) defintiv alle Boxen, die gekauft werden müssen übertrumpft. Aber, ich bin nach wie vor der Ansicht, dass es eine tolle Sache ist, sich von anderen tollen Sachen inspirieren zu lassen. Zum Beispiel gefällt mir der Aspekt, dass Babys gar nicht so viel brauchen, wie einem immer weiß gemacht werden soll. Natürlich decken weder Kela noch die Erstlingsbox alles ab.

            Menschenskind, du findest es doof, das ist ok, ich finde es nicht doof und das ist genauso ok. Mich irritiiert bloß der aggressive Unterton, der vielleicht nur für mich so rüber kam und gar nicht gemeint war. :)

            • Nee, du bist nicht die Einzige. Auch ich wundere mich, was hier für eine Biestigkeit an den Tag gelegt wird und das von jemanden, der sich normalweise gegen dieses ganze Stutenbissigkeit ausspricht.

              Ich verstehe wirklich nicht, worüber du dich so aufregst, Karen. Die finnische Baby-Box is also ok, weil zwar näher am Original, aber trotzdem kommerziell? Die Erstlingsbox passt mit ihrem Öko-Touch halt eher in das gesamte „Geborgen Wachsen“-Konzept. Wahrscheinlich hätten die Mieraus auch Ärger mit den Herstellern der finnischen Baby-Box bekommen, wenn sie das Konzept 1:1 kopiert hätten.
              Du regst dich darüber auf, dass die Erstlingsbox mit der finnischen Kela-Kiste verglichen wird und diese als Werbung genutzt wird? OMG *augenroll*, das ist reine Marketingstrategie und würde ich genauso machen, wenn die Kela-Kiste nun mal die Inspirationsquelle war.
              Das der Bedarf da ist, lässt sich vielleicht auch daran erkennen, dass das Crowdfounding-Ziel innerhalb von 3 Tagen erreicht wurde und immerhin schon 23 Boxen verkauft wurden…

              Natürlich fände ich so eine staatliche Kiste besser, aber is nun mal (noch) nicht in Deutschland. Aber es gibt natürlich auch staatliche Unterstützung vom Staat für bedürftige Familien.

              Von daher leben und leben lassen, würde ich mal sagen ;o)

              Schöne Grüße,
              Nadine

              • Nein, ich finde die finnische Nachahmung nicht besser. Aber die stellen sich wenigstens hin und sagen ehrlich: hier, wir verkaufen euch, was ihr schon immer wolltet.

                Die Mieraus stellen sich hin und sagen: wir wollen euch entlasten, wir wollen es euren Babys noch geborgener machen, wir tun was für Nachhaltigkeit. (Völlig selbstlos, selbstverständlich.)

                • ich versteh dich so gut. kommerzialisierung ist sch****.

                • Hi Karen,

                  bei all deinem Unmut, den ich begreife (wirklich – ich habe schon verstanden, dass dir die Kommerzialisierung eines nicht-kommerziellen Produkts übel aufstößt.) – aber that’s just the way it works.

                  Werbung suggeriert einem doch tagtäglich das Gegenteil von Realität (man denke an die vielgerühmte blaue Menstruationsflüssigkeit) und dem geneigten Verbraucher bleibt es überlassen, den Schmus zu glauben oder nicht.

                  Ich stimme Nadine durchaus zu – müsste ich so ein Produkt bewerben, würde ich auch auf tags setzen, die wahrscheinlich viele *klicks*, viel Aufmerksamkeit und damit möglicherweise viel Umsatz generieren.

                  Die „Geborgenen“ wollen einem ja immerhin nichts Gefährliches verkaufen, sondern ein Produkt, über dessen Sinnhaftigkeit (oder Sinnlosigkeit) man geteilter Meinung sein kann, das aber niemandem ernsthaft schadet.

                  Der finnische Saat schlägt sich wahrscheinlich ein Ei darüber.
                  Leute, die es sich nicht leisten können, kaufen es eh nicht.
                  Eltern, die, hm wie soll ich es sagen, lieber selber denken, kaufen es auch nicht.
                  Bleibt eine Zielgruppe, die meint, man braucht so was, damit Kinder auf jeden Fall zu ganz besonders tollen (was immer das auch ist) Menschen heranwachsen und die genug Geld (und Idealismus meinetwegen) haben, um sich diese Kiste zu leisten. Sollen sie doch, stört mich nicht.

                  Nun kann man natürlich noch darüber debattieren, ob der Ansatz der „Geborgenen“ unmoralisch ist oder nicht. Ich denke, zum Wesen der Werbung gehört es, Umsatz zu generieren. Um jeden Preis, s.o. Realität fällt als erstes, dann die Moral. Das ist so und das kann man ungerecht/ doof/ unerhört (bitte nach Belieben eine passende Vokabel einsetzen) finden. Ich sehe allerdings bei dieser „Geborgenen“-Kiste keinen Unterschied zu anderen Produkten, die ebenfalls mit den denkbar schwachsinnigsten Argumenten beworben werden und kann mich daher über diese spezielle Werbung nicht mehr ereifern als über die meisten anderen.

                  Interessanter thread hier!

                  LG,
                  Britta

                  • Ja, das ist mir schon klar. Und dass ich jetzt mit diesem Post – der wirklich sehr, sehr oft geteilt wurde – indirekt auch noch Werbung dafür mache, auch.

                    Aber muss man deswegen alles schulterzuckend – „Ist halt Marketing…“ – hinnehmen? Muss man nicht.

                    (Siehe diese ganzen Aufreger auf Twitter und in Blogs über z.B. sexistische Werbung.)

                    • Na hier schlägt einem ja ein gewaltiger Hass entgegen :O
                      Liebe Karen, verlangst du von jedem, der etwas verkaufen möchte dass er/sie zuerst mal ausreichend Charity-Projekte für Bedürftige macht? Frau Mierau bewirbt und verkauft eine teure nachhaltige Erstlingsbox und verdient so ihr Geld. Andere Leute verkaufen schlimmere Produkte und verdienen so ihr Geld. So what? Ist das Neid? Selbst schon eine Gratisbox für bedürftige Mamas organisiert?

                      Ich könnte mir die Box niemals leisten, aber ich sehe deswegen keinen Grund sie zu bashen… wenn lauter Dinge aus pakistanischer Kinderarbeits-Herstellung und chinesischem Billigplastik drin wären, und sie dafür entsprechend billig wäre, würdest du dich dann über die unethischen Produkte aufregen? Leute die sichs leisten können, sollen doch bitte ausschließlich teure kbA-nachhaltige-öko-bio-Dinge kaufen, ist doch toll wenn so was angeboten wird.

                      Die finnische Kiste war halt die Inspirationsquelle, aber die Mieraus behaupten ja eh nirgendwo dass sie das Konzept dahinter übernommen hätten, oder jetzt ein „KELA-Kisten-Imitat“ verkaufen würden, wie du schreibst. Das eine ist ein staatliches Projekt zur Förderung der Chancengleichheit, das andere ein kommerzielles Projekt für Menschen die sich ökologisch-nachhaltige Babyausstattung ohne Schnickschnack leisten. Unterschiedliche Welten, nur eben beides in einer Box. Viel mehr als die Box haben sie ja wirklich nicht gemeinsam.

                      Und der Bedarf ist offensichtlich da – wenn eine verunsicherte Hipster-Jungmama mit Frau Mieraus Ansichten übereinstimmt dann ist für sie der Tipp, dass sie wahrscheinlich gar keine Babywippe benötigt sondern lieber ein Tragetuch kaufen soll, sicher nützlich (ich denke mir dass so etwas in der Art drinsteht in „was du nicht brauchst“). Auch für werdende Großeltern im Kaufrausch finde ich die bewusst reduzierte Box eigentlich ein sehr nettes Kontrastangebot.

  4. Guter Beitrag :) Noch mehr kommerziellen Quatsch braucht es in Sachen Babyausstattung in D wirklich nicht. Aber ein crowd-funding-Projekt für eine solche Kiste für Familien in Ruanda oder den Philippinen oder Indien oder in Flüchtlingslagern wäre eine gute Sache – da könnten Öko-Babykram-Hersteller mal richtig was reißen, wenn sie wollten …

    Liebe Grüße,
    Hadassa

  5. Ein toller Post! Ich habe mir das Video zur Erstlingskiste angeschaut und dachte mir dabek nur: „Jaja genau, du wirkst schon so, als wäre ne Pappbox und ein Holzkeil genau dein Ding…“ – nicht :/
    Ich mag dieses Pseudo-Ich bin so ein Gutmensch und tue was tolles für alle gar nicht. Toll wäre, wenn diese deutsche Erstlingsbox vom Crowdfunding-Money an bedürftige oder junge Mamas verschenkt (!) werden würde. An Mädels, die vielleicht keinen haben, der sie berät mit ihrem Neugeborenen und die auch selbst kein großes Geld haben. Das wäre mal ein Projekt.

  6. Vegaani äitiyspakkaus -> päivän naurut

  7. Die Kiste mit „finnische Box“ zu taggen finde ich schon irgendwie frech, da das Projekt so gar nichts mit Finnland oder der Grundidee der KELA-Kiste zu tun hat.

    Es gibt in Finnland übrigens mehrere Initiativen, die KELA-Kisten ähnliche Boxen zusammenstellen für bedürftige Familien in Russland.

    Ich finde es ebenfalls lustig, dass man an den Schneeanzügen und Schlafsäcken erkennen kann, in welchem Jahr das Kind geboren wurde ;-). In Deutschland wurde mir allerdings darauf schon mehrmals entgeistert entgegnet, dass dann doch alle Babys dasselbe tragen würden…

    • Ach neee – in Deutschland trägt jedes Kind ein Unikat? Manche Leute sind echt schräg.

    • Das ist ja eben genau das, was mich so auf die Palme gebracht hat. Verkaufen kann man Eltern viel, über dessen Sinn oder Unsinn man streiten kann. Das kann jeder Anbieter und jeder Käufer halten wie er will. ABER MIT DER KELA-KISTE WERBUNG ZU MACHEN FÜR EIN REINES KOMMERZPROJEKT, DAS GEHT GAR NICHT!

      Ja, genau das mit den gleichen Sachen für alle Babys habe ich auch schon soooo oft gehört aus Deutschland! Ich bin mir sicher, viele Deutsche würden die Kiste gar nicht wirklich haben wollen, wenn es denn in Deutschland so etwas gäbe.

    • In Deutschland hatten (zumindest in meinem Umfeld) fast alle Babys den gleichen (Tchibo-)Fleeceoverall. Da wechselt das Design auch jedes Jahr und ich finde es auf Flohmärkten auch immer lustig zu sehen, welche Kinder offenbar im gleichen Jahr geboren wurden wie meine Tochter.

      Ansonsten finde ich die KELA-Kiste toll und finde es sehr schade, dass es das in Deutschland so nicht gibt. Gerade die Gleichbehandlung ist doch Klasse … und ich vermute sooo furchtbar teuer ist das für KELA bzw. den Steuerzahler gar nicht wenn man das im großen Maßstab herstellen und verteilen lässt (auch wenn die 140 € wahrscheinlich nicht den realen Gegenwert darstellen). Und mit solchen Dingen könnte man wirklich direkt etwas für die Familien tun.

      • Man konnte sie früher über KELA kaufen, wenn man z.B. als Finnin im Ausland lebte und dort sein Kind bekam und die Kiste, die für finnische Frauen einfach dazugehört, trotzdem haben wollte. Sie kostete, glaube ich, 275 €. Der Geldbetrag wird bewusst geringer gehalten als der eigentliche Wert der Kiste – damit Mütter sich lieber dafür entscheiden als für das Geld, das sie dann vielleicht verrauchen oder versaufen.

  8. Wie ich schon auf Facebook gesagt habe, finde ich es super schade, dass es diese Box nicht auch in anderen Ländern gibt. Chancenungleichheit von Geburt an gibt es in jedem Land, da zumindest eine vernünftige Erstausstattung für alle einzuführen fände ich toll.
    Wir werden uns die Finnish Baby Box schenken lassen, wenn wir dann mal ein Kind haben, 1. weil ich die Mumins total gern mag und 2. weil es für meine Eltern, die mich im Vorfeld nicht unterstützen und gemeinsam Babysachen kaufen gehen können werden, ein gutes und nützliches Geschenk ist. Selbst würde ich die Box übrigens nicht kaufen, ist mir dann doch ein wenig teuer.
    (Ich war grad auf der Finnish Baby Box-Seite und lernte, dass „frischgebackene Eltern“ auf Japanisch wortwörtlich übersetzt „frischer-Reis-Eltern“ heißt…)

  9. Pingback: ist euch das auch schon aufgefallen? | campogeno

  10. Pingback: Gedanken zum Trend auch Uninnovatives per Crowdfunding zu finanzieren | drehumdiebolzeningenieur

  11. Vielen Dank für Deinen Text. Ich konnte nur nicken und kopfschütteln gleichzeitig.
    Dieser reine Kommerz (so typisch Berlin in der Art), der so gar nicht innovativ ist und sich den tollen Touch gibt ist wirklich furchtbar. Zuerst dachte ich ja „mensch toll, da setzt jemand die finnische Kiste für D um, mit tollen Sachen für sehr geringen Preis“… und dann sah ich was drin ist, und die Aufmachung und fand es nur noch furchtbar.
    Diese Kiste ist nur etwas für einen besonderen Kreis von besonders fürsorglichen Eltern.
    Sehr unsympathisch wie die finische Idee „zweckentfremdet“ wird.

    Super wäre so eine Kiste:
    – gegen eine geringe Schutzgebühr für Leute mit (nachweisbar) wenig Geld, dafür finanziert durch Spenden
    – kostenlos für Mutter-Kind-Heime
    – kostenlos für Bedürftige (z.B via Hartz4-Amt)
    – vollpreisig für Leute die es sich leisten können

    Schön wäre es, wenn diese Kiste „virtuell“ für D gepackt werden würde und mit Kalkulationen etc angereichert den entspechenden politisch Verantwortlichen gegeben werden würde. So richtig durchgeplant mit allem was dazugehört.
    Aber das gibt ja kein Profit, ne?
    Und ist so wenig hip.
    Und so wenig Berlin.

    • Mit“erfinder“ der Erstlingsbox, fraumieraus Mann, im Netz auch bekannt unter dem Namen – man mag es kaum niederschreiben – „leitmedium“, kommentierte auf Twitter zum Unterschied zwischen der finnischen Kiste und der Erstlingsbox – man mag auch das kaum niederschreiben – „Wir haben sie nur noch hübscher und nachhaltiger gemacht.“

      Bescheidenheit ist eine Zier.

      (Doch weiter kommt man ohne ihr. Leider.)

  12. Liebe Karen,

    ich lese immer wieder gerne in deinem Blog – nicht jede Idee muß oder kann man kopieren nach Deutschland vor allem wenn der Ansatz dahinter ein ganz anderer ist.
    In dem Krankenhaus wo unsere Söhne geboren wurden, bekam jedes Baby einen Schlafsack zur Geburt geschenkt. Damit die Eltern ihr Neugeborenes ja nicht zudecken mit einer dicken Bettdecke!

    Morgen haben wir übrigens Elternabend – die ganze Schule. Mein Mann sitzt bei dem großen in der Klasse und ich bei dem kleinen!

    Viele Grüße,
    Petra*

  13. Liebe Karen,

    ich kannte deinen Blog nicht nicht und bin bei diesem Artikel erstmal hellauf begeistert :)

    Ich habe mir GENAU DAS gedacht: Warum wird aus so einem „Gute Zweck-Ding“ plötzlich was kommerzielles? Ich fand es sogar total widerwärtig… Da wird aus einer coolen Idee Geld gescheffelt. Ich finde, das ist sogar richtiger Ideenklau… Aber das ist nur eine persönliche Meinung. Den Grundgedanken dahinter kenne ich natürlich nicht und will keine Mutmaßungen treffen.

    Über 300 Euro dafür? Also bitte, den Inhalt kauf ich woanders günstiger ein. Das ist tatsächlich eine Box für Eltern, die das Geld halt haben und keine Lust haben, auf den ersten Babyerstaustattungseinkauf. Aber das ist doch das SCHÖNSTE was man in der Schwangerschaft tun kann *.* Den Sinn der Box verstehe ich nicht so ganz…Ja, es wird mit Nachhaltigkeit geworben, aber, ob es überhaupt nachhaltig sein kann, dem Kind neue Bodies und Co. zu kaufen, die es ohnehin nur 3 Wochen anzieht? ich greife lieber auf Gebrauchtware zurück – die ist vielleicht schon durch einige Hände gegangen, aber das macht mir nix aus.

    Und ja, ich weiß, mein Ton ist fies. Aber ich finde diese Box auch echt fies und ein Schlag ins Gesicht für die Familien die sowas echt brauchen würden. Woanders ist es ne soziale Maßnahme, hier wird ein „Hipster-Trend-Ding“ draus gemacht… Das macht mich ja schon ein wenig sauer…

    Liebe Grüße
    Yasmin

    • Hallo Yasmin,,

      genau was du sagst sagen auch sooo viele andere über diese unsägliche Box… und alles daran ist so, so wahr – aber es werden sich wohl trotzdem noch genügend Hipster finden, die das Ding kaufen. Ich wünschte, die Leute würden ihr Geld genauso bereitwillig für Bedürftige spenden…

    • Das hab ich mir auch gedacht: Das Aussuchen der Erstausstattung gehört für mich zur Vorfreude einfach dazu, das möchte ich niemandem anderen (also Familie und gute Freunde natürlich ausgenommen, die sich gern an Stramplern etc. beteiligen) überlassen. Wenn die Zeit dafür fehlt, wie soll das dann erst hinterher sein, wenn das Baby da ist – und noch viel mehr Zeit und Energie beansprucht.

      Liebe Grüße

      Sylvia

  14. So eine Box wollen sie in Schottland (ich weiss nicht, ob auch im Rest von Grossbritannien) auch einfuehren. Leider wohl gerade nicht mehr rechtzeitig fuer uns, aber beim dritten Kind braucht man das vielleicht auch nicht mehr. (Weiss auch noch nicht, ob ich mir nochmal die 10 kostenlosen Stoffwindeln vom Coucil geben lasse, oder ob ich vielleicht genug habe.)
    Hier (in Schottland, nicht in England) ist das Gesundheitssystem ja auch so ein bisschen „sozialistisch“ wie bei euch, und mir faellt immer wieder auf, dass sich die ausgewanderten Deutschen in zwei Lager spalten, die, die das ganz toll finden und die, die gegebenenfalls sogar zum Kinder gebaeren und fuer Hebammenbesuche und Kinder-Vorsorgeuntersuchingen nach Deutschland fliegen, weil sie so an das System gewoehnt sind, dass sie sich nicht vorstellen koennen, dass es anders auch funktioniert. Dabei bekommt man hier wirklich alles, was man braucht, und ich finde es super, dass keiner versucht, einem unnuetze Zusatzleistungen zu verkaufen (z.B. braucht man in einer normalen Schwangerschaft wirklich nicht mehr als zwei Ultraschalls (und wenn es tatsaechlich Gruende fuer weitere gibt, dann kriegt man die auch), aber der deutsche Frauenarzt verkauft dann gerne eine Ultraschall-Flatrate). Naja, koennt ich mich den ganzen Tag drueber aufregen… oder hier noch eine Impfdiskussion lostreten…

    • Ach, sieh mal an, das wusste ich noch gar nicht. (Genaugenommen weiss ich eigentlich so gut wie gar nichts über Schottland. Warum bloggst du nicht?!) 10 kostenlose Stoffwindeln? Das ist ja auch mal was! :-)

      Und ja, diese Lagerbildung gibt es hier eins zu eins genau so (siehe die Kommentare der deutschen Hebamme ganz oben; und mit ein Grund, warum ich es in der Spielgruppe der deutschen Gemeinde nicht länger als einen einzigen Nachmittag ausgehalten habe)…

  15. Daumen hoch für diesen Beitrag 👍.

  16. Danke Karen.
    Ich denke, anhand des Crowdfundingprojekts von geborgenwachsen konzentrieren sich nochmal die Elemente, die ich problematisch an „Bloggen als Beruf und Geschäftsmodell“ und der damit einhergehenden Vermengung von Werbung und Marketing mit Rat finde. Ähnlich ging es mir bei einem Hebammenblog, als dort über die Zeit immer mehr Produkte vermarktet wurden. Diese Blogs treten auf als „Wir helfen und beraten“; de facto handelt es sich aber um eine Vermarktungsstrategie für Erziehungsrat(geber) und da zugehörige Produkte. Werbung. Punkt.

    Ich danke dir dafür, dass du deine fundierte, erfahrungsbasierte Kritik so gründlich aufgeschrieben hast. Du hast vielerlei in Worte gefasst, das ich in dem Moment nur bruchstückhaft gedacht habe.

    Ein weiterer Aspekt ist mir in den Kommentaren aufgefallen: Das fassungslose „Aber oh Gott, wie machen die das denn hier, das geht ja gar nicht“, das Expats im Ausland gerne mal an den Tag legen. Ich zitiere den Kommentar, bei dem ich vorhin beim Lesen fast einen Wutanfall bekommen hab „Müttern, die auf Grund mangelnder Ausbildung zu Stillberaterinnen in Krankenhäusern hier standardmäßig zu wenig Milch haben“
    Ach, die bösen Finnen, die machen das also so, und zwar „standardmäßig“? Wie wäre es mit ein wenig Sachlichkeit (siehe Stillquoten) Na dann viel Spass in England. Da dürfen Kinder keine Mützen aufhaben. Und in Dänemark, da wird in einer Schwangerschaft nur 2x geschallt. Und in Belgien, da wird in einer Schwangerschaft bis zu 10x geschallt. Dafür aber darf in keinem belgischen Krankenhaus ohne Zustimmung der Mutter eine Flasche gegeben werden. Etwas, das man in Deutschland noch explizit sagen muss. Ach ja und in Frankreich und Belgien kommen die armen Babies schon mit 10 Wochen in die Kita. Und in den Niederlanden müssen die armen Frauen die Kinder meist per Hausgeburt bekommen.
    Das nur ein kleiner Exkurs dazu, wie unterschiedlich die Traditionen, Gewohnheiten, Standards und die Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft, Geburt, Babies sind. Der einen oder anderen täte es ganz gut, nicht sofort wertend loszukrakeelen, sondern vielleicht erstmal zu schauen. Mein Zwischenfazit ist, dass wir hier in Europa verdammt gute Chancen haben, in der Schwangerschaft so medizinisch betreut zu werden, dass auch die Geburt von beiden überlebt wird. Und die Kinder meist groß werden. Egal ob mit oder ohne Mütze.

    Und, dass die Kela-Kiste ein Beispiel für Chancengleichheit ist, von der sich Deutschland viel abschneiden kann. Die OECD – kein Ausbund linker Ideologien -hat übrigens Deutschland mehrfach kritisiert, weil die hohe, nicht gestaffelte Barleistung des Kindergelds weniger zu Chancengleichheit beiträgt, als wenn das Geld in Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Kela-Kisten…) investiert würde.

  17. Vielen Dank für den tollen Beitrag! Ich sehe das genauso! Frau M. möchte verkaufen und ordentlich Werbeeinnahmen von ihren Partnern kassieren, die die Kiste ausstatten. Zudem ist es schlicht falsch, dass es in Deutschland keine Unterstützung für werdende Eltern gibt ( und das sollte sie als Kleinkindpädagogin wissen!!!) Es gibt die Bundesstiftung Muttter-Kind, die einem für die Erstausstattung nicht nur mit Sachen, sondern auch mit Rat und auch mit Geld zur Seite steht (als Studenten haben wir ganz unkompliziert und kurzfristig 800,- bekommen). Man muss nur seine Bedürftigkeit nachweisen und wissen, dass es diese Unterstützung gibt. Und es wäre den Kindern mehr geholfen, wenn man diese Informationen auf seinem Blog verlinkten würde, als die Links für überteuerte Produkte von seinen Freunden oder Werbepartnern. Aber um das Wohlergehen der anderen Kinder oder Familien geht es ja nicht…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s