Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Unkomplizierte Ausflüge ins Parkhaus für alle

Seit letzter Woche ist der grosse Herr Maus das einzige Familienmitglied, das noch nicht in den Genuss eines Coronatests gekommen ist.

Mittlerweile ist auch das schon Routine. Seit ein paar Wochen gibt es in Turku ein eigenes Coronatelefon für Schulkinder; wenn man da gleich früh um acht anruft, wird man nach ein paar Minuten zurückgerufen und bekommt einen Testtermin noch am gleichen Tag. Getestet wird hier derzeit auch wieder bei den kleinsten Symptomen, denn Turku war zwei Wochen lang einer der Coronahotspots Finnlands, und vor allem auch Kinder, denn viele Fälle waren vor allem in Schulen aufgetreten. Nur wenn schon ein Familienmitglied beim Test war und die anderen die gleichen Symptome haben, müssen sie nicht zum Test, und so ging vor zwei Wochen nur das Fräulein Maus zum Test (schon zum zweiten Mal), während die Herren Maus, die erst am nächsten Tag Halsweh bekamen, zu Hause auf dem Sofa blieben und gemeinsam mit der grossen Schwester aufs Testergebnis warteten. Letzten Donnerstag gewann dann der kleine Herr Maus mit einer sehr rauen und tiefen Stimme seinen ersten Coronatest.

„Ja, wir wissen, in welchem Parkhaus getestet wird, wir waren da schon öfter“, erklärte ich donnerstagfrüh der Frau am Coronatelefon, und „Nein, danke, wir wissen inzwischen auswendig, was auf dem Infozettel steht“, lehnte der Coronatestchauffeur Ähämann sechs Stunden später den dreiseitigen Papierstapel ab.

Das Testergebnis kommt mittlerweile recht zuverlässig ca. 25 Stunden nach Testnahme per SMS. Und inzwischen muss da auch keine arme Krankenschwester mehr sitzen und den ganzen Tag SMSe tippen, sondern es kommt – im Falle eines negativen Testergebnisses; bei einem positiven würde man umgehend angerufen – eine automatisch erstellte SMS; so eine, wie auch 24 Stunden vor einem Arzt- oder Zahnarzttermin als Erinnerung geschickt wird oder als Benachrichtigung, dass ein e-Rezept ausgestellt wurde und eingelöst werden kann. Apropos. Dafür muss man neuerdings nicht mal mehr in der Poliklinik anrufen, sondern kann sich einfach in seine digitale Patientenakte einloggen, bei dem Medikament, das man gern neu verschrieben hätte, ein Häkchen setzen und damit ein neues Rezept dafür beantragen. Das letzte Mal hat es keine Stunde gedauert, bis das e-Rezept fertig war und ich in die Apotheke gehen konnte.

Die Erinnerung an die Tage – ach was, Wochen! – die ich in meinem Leben schon in deutschen Wartezimmern abgesessen habe, erscheint mir mittlerweile wie ein schlechter Traum.


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Skiferien 2020, Tag 2

Am zweiten Ferientag machten wir eine Radtour.

Die Sonne schien, es waren sieben Grad, und der letzte Wind, mit dem Dennis weiterzog, fühlte sich ganz frühlingshaft lau an. im Vorgarten blühen das Sisu-Glöckchen und die Krokusse. (Am Fluss gibt es sogar die erste Kirschblüte zu bewundern!) Eigentlich sollten jetzt -20°C sein, Mitte Februar.

Das Fräulein Maus hatte einen Augenarzttermin im Stadtzentrum, und wir beschlossen spontan, mit den Fahrrädern hinzufahren. Vorher statteten wir noch, nachdem wir die Räder umständlich einmal durch überdachte Behelfsfusswege rund um die Grube geschoben hatten, dem Markt einen Besuch ab – in der Hoffnung, dass vielleicht doch der eine oder andere Blumenverkäufer wieder da ist. Mein Lieblingsblumenmann war tatsächlich da, und wir erstanden zwei Narzissen und zwei Träubchen im Topf, um das vergammelte Heidekraut in den Blumentöpfen vor der Haustür zu ersetzen. Sollte der finnische Winter sich doch noch besinnen – was ich nicht glaube – ist das Risiko gering: es sind diese kleinen Narzissen, die mindestens 10 Grad Frost aushalten. Und kälter wird es garantiert nicht mehr dieses Jahr – wie denn auch, wenn weder Meer noch Boden ordentlich gefroren sind?!

Der Augenarzttermin war übrigens völlig für die Katz. Die Stadt Turku schliesst manchmal, wenn sie mit ihren eigenen Ärzten nicht hinterherkommt, Verträge mit privaten Ärzten, zu denen man dann zu den gleichen Bedingungen wie in die städtische Poliklinik gehen kann. Prima daran war nur, dass wir quasi sofort einen Termin bekamen. Ansonsten hat der Privataugenarzt nichts weiter gemacht als den Sehtest der Schulschwester wiederholt – sowieso hielt er das Fräulein Maus, uns Eltern, die Schulschwester sowie die Schulärztin, die die Überweisung ausgestellt hatte, ganz offensichtlich alle zusammen für Simulanten. Das nächste Mal möchte ich bittedanke wieder in die städtische Poliklinik – dort wird man unter Anderem beim Augenarzt, bei dem ich schon zweimal mit dem kleinen Herrn Maus war, nämlich nicht nur gründlichst, sondern auch freundlich untersucht und behandelt. Grmpf.

Hinterher gingen wir zum Mittagsbuffet zum Lieblingschinesen, wegen dem wir übrigens zu keinem anderen Chinesen mehr gehen können, weil es bei allen anderen gleich und jede Speise nach Chinagewürz schmeckt.

„Das war aber eine schöne Frühlingsradtour!“, sagte das Fräulein Maus, als wir wieder zu Hause waren. Immerhin.


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Viel hilft viel

Das mit den e-Rezepten ist eine super Sache. Vor allem, wenn man nur ein Rezept verlängern lassen will.

Neulich stellte ich fest, dass mein Vorrat an Allergietabletten zur Neige geht. Einen Anruf in der Poliklinik und zwei Tage später spazierte ich in die Apotheke. „Möchtest du 100 oder 200 Stück?“, fragte die Apothekerin. „100“, sagte ich, denn damit komme ich üblicherweise über den ganzen Sommer.

So ein e-Rezept ist zwei Jahre gültig. Das einzig doofe daran ist, dass man sich irgendwie merken muss, wieviele Medikamente man noch abholen kann aus der Apotheke, ohne sich ein neues Rezept ausstellen lassen zu müssen. „Also 100 Tabletten sind dann noch auf dem Rezept?“, fragte ich nochmal nach, um es mir bestenfalls irgendwo zu notieren.

„Nein, 1500“, antwortete die Apothekerin. „15 Packungen zu 100 Stück.“

Ja. So hab‘ ich auch geguckt.

Jetzt kann ich nicht nur meine ganze Familie mitversorgen, sondern auch einen Medikamentenhandel aufmachen. Schliesslich habe ich zu Hause auch noch die zwei Schraubverschlusspackungen mit insgesamt 400 Tabletten Ibuprofen und Paracetamol, die mir mal wegen starker Halsschmerzen verschrieben wurden, und die 25 Tabletten irgendeines Morphinderivats, von denen ich nach der Wurzelbehandlung letztes Jahr eine nehmen sollte, damit ich in der folgenden Nacht trotz der Schmerzen gut schlafen kann.


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Rekord

Der gestrige Sonntag endete übrigens mit einem Besuch in der Notaufnahme.
(Waren wir ja auch schon lange nicht mehr…)

Der kleine Herr Maus nämlich, der schon den ganzen Tag ein bisschen angeschlagen war, fing abends plötzlich an „Mein Ohr! Mein Ohr tut so weh!“ zu jammern. Und erfahrungsgemäss begibt man sich dann besser sofort mit ihm zum Arzt.

Der Ähämann fuhr also den kleinen Herrn Maus und mich in die Notaufnahme, bevor er das Fräulein Maus vom sonntagabendlichen Training holte; abholen würde er uns dann irgendwann später, sobald wir eben fertig seien, das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus könnten ja schon mal schlafen gehen.

19:38 Uhr. Wir betreten den Wartebereich der Notaufnahme und haben noch nicht mal einen Blick auf unsere soeben gezogene Nummer – „Kinder unter 18“ – werfen können, da werden wir schon von einem Krankenpfleger in eins der Vorzimmer, wo grob eingeschätzt wird, welche Art Behandlung gebraucht wird und wie dringend die ist, gerufen. „Habt ihr angerufen?“, fragt er. „Äh… hätten wir das gesollt?“, frage ich zurück. „Ach naja, nee, ist nicht so wichtig. Also die Leute sollen ja eigentlich nur hierherkommen, wenn es wirklich dringlich ist, und deswegen beraten wir die Leute gern vorher am Telefon, aber man kann natürlich auch einfach vorbeikommen. Aber ich gebe euch mal die Telefonnummer mit… Worum geht’s denn?“ Ich berichte. „Alles klar. Henkilötunnus?“ Ich komme wie immer nur bis zum Geburtstag – die letzten vier Stellen weiss ich immer nur jeweils von dem Kind, mit dem ich zuletzt beim Arzt war – und fange an, die Kela-Karte rauszukramen, aber der Pfleger winkt ab: „Geburtsdatum und Name reicht auch!“ Und richtig hat er ihn auch gleich gefunden. „Du gehst ja schon in die Schule!“, sagt er zum kleinen Herrn Maus. „Gefällt’s dir in der Schule?“ Der kleine Herr Maus sieht elend aus, vergräbt sein Gesicht in Riesig, seinem Elefanten, den ihm der grosse Herr Maus noch fürsorglich vor der Abfahrt gereicht hat, und schüttelt den Kopf. Der Krankenpfleger öffnet uns die andere Tür, die, die in die Tiefen der riesigen und verschlungenen Notaufnahme führt, und zeigt uns: „Da ganz am Ende von diesem Gang ist das Kinderwartezimmer, da…“ „Ja,“ sag‘ ich, „danke, kennen wir. Wir sind öfter hier.“

Der kleine Herr Maus tappelt tapfer neben mir her. Im Kinderwartezimmer ist ausser uns niemand, nur ein kleines Mädchen, das aber offensichtlich schon irgendwie in Behandlung ist. Das heisst aber nichts – man kann da manchmal trotzdem noch zwei Stunden sitzen. Im Fernsehen läuft Eishockey, ein Buch haben wir auch dabei, aber der kleine Herr Maus vergräbt nur abwechselnd sein Ohr in meinem Schoss oder läuft wimmernd im Kreis. Und wir haben noch keine fünf Minuten gewartet, da wird er schon aufgerufen. „Hallo, komm rein, setz dich, ich bin Teemu, was hast du denn?“, fragt er den kleinen Herrn Maus. Ich berichte. Der Arzt guckt in die Ohren, in den Hals und hört den kleinen Herrn Maus ab. „Willst du auch mal hören?“, fragt er den kleinen Herrn Maus. Der nickt schüchtern und bekommt das Stethoskop umgehängt. „Hörst du? Das Bummbumm-bummbumm? Das ist dein Herzschlag.“ Der kleine Herr Maus lächelt. Der Arzt stellt ihm ein e-Rezept aus. Er klickt erstmal sehr viel mit der Maus rum und sagt entschuldigend zu uns: „Ich hab‘ hier alle Patienten stehen, ich muss das erstmal ändern… Ich bin eigentlich Anästhesist, aber wenn ich nicht gebraucht werde, dann arbeite ich einfach die Warteschlange mit ab.“ Er sagt übrigens nicht „Anästhesist“, sondern, damit der kleine Herr Maus ihn auch versteht, „Einschläferarzt“. (Und ja, so sagt man das auf Finnisch.) „Ach so,“ sagt er dann noch zu mir, „die werden da in der Apotheke mit dir diskutieren wollen, weil dieses Antibiotikum bisher eine Woche lang genommen werden musste. Aber wenn die Symptome wegsind, dann reichen fünf Tage. Lass dir die zweite Flasche nicht aufschwatzen!“ Und: „Tschüss!“, winkt er dem kleinen Herrn Maus und mir. 19:56 Uhr.

Unter zwanzig Minuten!
Das war sozusagen der Rekord an Schnelligkeit. Und Kinderfreundlichkeit!

Der kleine Herr Maus und ich mussten dann sogar noch zehn Minuten warten, bis der Ähämann mit dem Fräulein Maus von der Turnhalle gefahren kam und uns wieder einsammelte. Dann mussten wir noch in die einzige bis 23 Uhr geöffnete Apotheke im Stadtzentrum fahren; die erste Portion Antibiotikum flösste ich dem kleinen Herrn Maus noch dort ein. Zu Hause fiel er gleich ins Bett, schlief die ganze Nacht durch und wachte früh schmerzfrei auf.

(Hab‘ ich eigentlich schon mal gesagt, dass das finnische Gesundheitssystem gar nicht so schlecht ist wie sein Ruf?!)


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kaksisataaviisikymmentäkuusi

Nachdem das Fräulein Maus und ich jetzt zwei Tage lang gemeinsam das Bett gehütet hatten – sie mit Kotzeritis, ich mit irgendeinem abstrusen Infekt, der leider mit einem Herpesausbruch des Grauens verbunden war – gingen wir beide heute das erste Mal wieder vor die Tür. Das Fräulein Maus wieder in die Schule, ich allerdings in die Poliklinik, wo mir eine Ärztin meine Vermutung einer bakteriellen Sekundärinfektion bestätigte, mir zwei Rezepte ausstellte und mir ein hoffentlich schmerzfreies Wochenende wünschte. (Ja, bitte!)

Hinterher, auf dem Weg zur Apotheke, sah ich vom Bus aus einer 256 beim peniblen Einparken in eine ringsherum völlig freie Parklücke zu. Wie der schwarze BMW da so zentimeterweise vor- und zurücksetzte und in winzigen Schwüngen der optimalen Parkposition näherkam, das erinnerte mich irgendwie sehr daran, wie der kleine Herr Maus sein ferngesteuertes Auto einparkt.

Ansonsten sass im Bus eine Frau, die strickte. Und eine, die erst in aller Seelenruhe mit der Wimpernzange an ihren Wimpern herumbog und sich danach ausführlich die Augen schminkte. (Im fahrenden Bus, jawohl!) Auf dem Rückweg sass mir gegenüber so ein schwarzgekleidetes und schwarzweissgeschminktes Pärchen. Ihr Handtäschchen hatte die Form eines kleinen schwarzen Sargs, und daran baumelte vorschriftsmässig ein Reflektor. Er ging mit ihr so liebevoll, aufmerksam und höflich um, wie ich es schon lange nicht mehr von einem finnischen Mann gesehen habe. (Unvergessen in unserer Familie der Nachbar, der seiner hochschwangeren Frau über das abschüssige Glatteis zwischen Parkplatz und Wohnung zwei Meter voranlief, ihr über die Schulter zumurmelte: „Vorsicht! Is‘ glatt!“ und unbeirrt seinen Weg fortsetzte.)

Die Mutter im Turnverein hatte schon recht gehabt: „Was da für Typen mitfahren…!“ Allerdings keine, wegen denen man aufs Busfahren verzichten müsste. Im Gegenteil.

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kaksisataaneljäkymmentä

Am Freitag, als ich ins Krankenhaus zur Physiotherapeutin radelte, kam mir die 240 entgegen.

Es war das letzte Mal, dass ich wegen der Schulter dort hin musste. Der Arzt hatte mich schon im Mai nach einem allerletzten Röntgen für geheilt erklärt; die Physiotherapeutin hatte mir für die Sommerferien viel Schwimmen verordnet, mich aber – weil die Schulter immer noch ein bisschen steif war – nach den Sommerferien doch nochmal sehen wollen.

Fast war ich ein bisschen wehmütig, als ich zum letzten Mal dort im Wartebereich unter der Spiegeldecke sass.

Und ich ärgerte mich, dass das öffentliche Gesundheitssystem so einen schlechten Ruf hat in Finnland.

Ich habe auch schon skurrile Erfahrungen mit Ärzten in der kommunalen Poliklinik gemacht („Also, ich weiss auch nicht, was es ist, aber es ist nichts Schlimmes!“) – aber davor ist man im privaten Ärztehaus schliesslich auch nicht gefeit. (Schon allein deshalb, weil in Finnland Ärztemangel herrscht und fast jeder Arzt sowohl in der kommunalen Poliklinik als auch in irgendeinem privaten Ärztehaus arbeitet. Was dann dazu führt, dass man im privaten Ärztehaus auch keine „besseren“ Ärzte und keine wirklich freie Arztwahl hat – weil manche Ärzte eben nur alle paar Tage überhaupt da sind.) Ich habe mich auch schon geärgert, wenn für das Kind mit Ohrenschmerzen erst am nächsten Tag ein Termin zu bekommen war oder weil die Standardbehandlung in der Gabe von Antibiotika und Schmerzmitteln besteht.

ABER. Meiner Erfahrung nach bekommt man, wenn es sich um ernstere Sachen handelt, die beste Behandlung, die man sich nur vorstellen kann, und zwar schnell und unkompliziert.

Als ich im Januar da ankam in der Notaufnahme mit meiner ausgerenkten Schulter und mich vor Schmerzen kaum noch auf den Beinen halten konnte, kam ich sofort dran, vorbei an den zwanzig wartenden Leuten, die ihre Nummer vor mir gezogen hatten. Eine Krankenschwester führte mich zum Röntgen („Kannst du laufen?“ „Ja, aber nur langsam, sonst tut es zu sehr weh.“ „Das macht nichts, wir haben Zeit!“), ich bekam ein starkes Schmerzmittel gespritzt und die Schulter wieder eingerenkt. Erste Hilfe innerhalb einer halben Stunde.

Drei Tage später trudelte der erste dicke Brief ein: Einladung zum nochmaligen Röntgen, Einladung zum Arzt, Einladung zur Physiotherapie. Ort, Zeit und behandelnder Arzt zugewiesen, bei Bedarf absagbar. Ich fand es wunderbar, nicht erst herumtelefonieren zu müssen, um mir das alles selbst zu organisieren.

Kurz darauf trudelten jeweils die Rechnungen ein: Röntgen und Arzt zusammen 36,50 €, Physiotherapie 10,00 €. Angesichts unserer verschwindend kleinen Krankenkassenbeiträge faire Preise.

Als ich den Termin für die Computertomographie verpasste – am Montag wäre er gewesen, am Dienstag rief ich unter tausend Entschuldigungen an – hätte ich am Mittwoch einen neuen bekommen können. Da hatten wir aber einen Kinderbetreuungsengpass, also durfte ich am Donnerstagabend kommen, halb sieben, wenn ich mich recht erinnere. Auch das ein Vorteil davon, dass solche Sachen zentral im Krankenhaus erledigt werden. (Und die Strafzahlung für den nichtabgesagten Termin hat man mir auch erlassen.)

Stichwort Krankenhaus. Ich habe es ja an der einen oder anderen Stelle schon mal erwähnt, wie ruhig und freundlich es hier im Krankenhaus zugeht. Es wird jetzt nicht gerade überschwänglich viel geredet – aber immer haben die Schwestern und Pfleger Zeit für ein aufmunterndes Lächeln, ein beruhigendes Wort. Ich fühle mich da in guten Händen, jedes Mal.

Das Beste für mich am finnischen Gesundheitssystem ist inzwischen, dass man das bekommt, was man braucht – nicht mehr und nicht weniger.

Beispiel: Letztes Frühjahr hatte ich eine Erkältung – Schnupfen, Husten, volles Programm – nur der Husten, der ging nicht wieder weg. Ich ging zum Arzt, der fragte mich, ob ich das öfter so hätte, und ja, sagte er, das ist ein bekanntes Problem bei Heuschnupfenpatienten. Er verschrieb mir Cortison zum Inhalieren, nach einer Woche war der Husten verschwunden – während eine deutsche Freundin – auch sie heuschnupfengeplagt – erst eine monatelange Odyssee durch verschiedene, auf Monate ausgebuchte Arztpraxen zwecks Röntgen und Lungenbelastungstest hinter sich bringen musste, um dann letztendlich die gleiche Diagnose und Behandlung zu bekommen wie ich.

Anderes Beispiel: Die gleiche deutsche Freundin erzählte mir, wie sie für ihr Kind nach viel Herumtelefoniererei einen Augenarzttermin in der übernächsten Stadt ergattert hatte. „Braucht er eine Brille?“, fragte ich. „Nö, nur mal so zum Durchchecken, hat uns der Kinderarzt dazu geraten.“ Nur mal so Durchchecken, das macht man hier in der Neuvola. Sollte sich dabei irgendwas Auffälliges herausstellen – der kleine Herr Maus z.B. schielt ein bisschen – dann bekommt man ohne Probleme eine Überweisung zum Augenarzt. Ich war da mit dem kleinen Herrn Maus zweimal – die Einladungen kamen auch automatisch; die erste zwei, drei Wochen nach der Überweisung, die zweite ein Jahr später zur Kontrolle – jeweils fast zwei Stunden lang, sie haben ihn wirklich sehr, sehr gründlich untersucht.

Noch anderes Beispiel: alle fünf Jahre bekomme ich eine automatische Einladung zum Frauenarzt zur Krebsvorsorge. Die Schwester dort fragte beim letzten Mal für die Statistik, wie oft denn so ein Abstrich bei mir schon gemacht worden sei, und ich musste erstmal rechnen, wie lange ich in Deutschland alle halbe Jahre zum Frauenarzt gegangen war und dabei jedes Mal… die finnische Krankenschwester wollte es gar nicht glauben.

Man muss hier vielleicht manchmal ein bisschen für seine Behandlung kämpfen („Es tut wirklich sehr weh!“), aber was man keinesfalls muss, ist selbst abzuschätzen, ob die Behandlung jetzt wirklich nötig oder nur für die involvierten Ärzte recht lukrativ ist. Wenn einem eine von Steuergeldern finanzierte Behandlung angeraten wird, dann ist sie sehr wahrscheinlich auch wirklich notwendig. Dafür muss man sich dann auch nicht mit so Bürokratiekram wie Einverständniserklärungen zu OPs (Wenn der Patient die Behandlung nicht wollte, dann wäre er doch nicht da?!) oder komplizierten Abrechnungen mit der Krankenkasse wegen einer Zahnspange herumschlagen.

Ich kann das natürlich nicht für ganz Finnland verallgemeinern. Vielleicht haben wir auch nur Glück hier in Turku mit unserem riesigen Uniklinikum und mit der Ausbildungszahnklinik.

Aber ich finde, man muss nicht meckern. Eher im Gegenteil.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106], 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206], 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230], 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239]


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Schnelle medizinische Hilfe

7:08 Uhr
Der grosse Herr Maus schnieft, reibt sich die Augen und stöhnt: „Mama! Ich brauche Medizin.“ Klar. Die Birken bekommen gerade nicht nur die ersten Blättchen, sondern fangen auch an zu blühen. Ich krame die Flasche mit der Heuschnupfenmedizin und die dazugehörige Pipette aus dem Schrank und stelle fest, dass der Inhalt der Flasche bei der Dosierung für grosse Kinder nicht mehr lange reichen wird.

8:47 Uhr
Anruf in der zuständigen Poliklinik. Ich höre mir diverse Ansagen vom Band an und klicke mich durch verschiedene Nummernmenüs. „Wir rufen dich zurück um ca. zehn vor eins heute Nachmittag“, bestätigt mir die Stimme vom Band. Auflegen.

13:03 Uhr
Anruf aus der Poliklinik. Ich erkläre mein Anliegen. „Alles klar, ich leite das weiter. Du bekommst eine SMS, wenn das Rezept fertig ist.“ „Dankeschön, auf Wiederhören!“

13:17 Uhr
Die SMS, dass das e-Rezept da ist und in jeder Apotheke in ganz Finnland eingelöst werden kann, trifft ein.

17:52 Uhr
Ich mache auf meiner Musikschule-Turnhalle-Supermarkt-Post-Rundfahrt einen Abstecher zur direkt neben der Post gelegenen Apotheke und lasse mir eine neue Flasche Heuschnupfenmedizin aushändigen.

(Was hat der grosse Herr Maus für ein Glück! Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus…!)


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Blutige Details

Jedes Mal, wenn ich wegen meiner Schulter wieder zum Arzt muss, eröffnet man mir da mit Hilfe der jeweils neuesten Röntgenbilder ein weiteres gruseliges Detail.

Erst hiess es nur: „Ausgerenkt, keine weiteren Komplikationen.“
Dann: „Da ist auch ein Stück von der Gelenkpfanne abgebrochen.“ („Kann man aber einfach so lassen.“)
Und dann: „Oh, der Gelenkkopf ist auch einmal quer durchgebrochen.“ („Ist aber nur ein glatter Riss und auch schon wieder am Verheilen.“)

Ich weiss gar nicht, ob ich das so genau wissen wollte. Aber immerhin weiss ich jetzt, dass ich mir das Krachen beim Aufprall nicht nur eingebildet habe.

(Ja, Entschuldigung.)

Und warum das alles so lange dauert und schmerzhaft ist.

(Was überraschend schlecht ging in den letzten Wochen: Die Computermaus bedienen. Überhaupt den Arm auf irgendeinem Tisch liegen haben. Wäsche über Kopf aufhängen. Autofahren. An- und Ausziehen. Einen Rucksack umhängen. Hochkantfotos machen. Ein Taschentuch aus der rechten Hosentasche ziehen.
Was überraschend gut ging in den letzten Wochen: Schlafen in seltsamen Haltungen. Skilanglauf, zumindest im Omastil klassischen Stil.)

Neulich las ich übrigens eine Reportage über einen Klinikzug in Sibirien. Da kam ein Mann drin vor, der schon seit Monaten mit einer ausgerenkten Schulter rumläuft. Mir ist immer noch schlecht.


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#wazifubo

Als ich gestern so vor der Familienneuvola auf einer Bank in der Sonne sass und darauf wartete, dass es halb drei würde, kam mir der Twitterhashtag #wazifubo in den Sinn…

In Finnland sitzt man ja eher selten lange bei Ärzten im Wartezimmer rum. Termine sind sehr präzise kalkuliert. Das heisst natürlich, dass man notfalls viermal zum Zahnarzt wackeln muss, weil der erste Termin grundsätzlich nur zur Kontrolle und zum Überblickverschaffen gedacht ist, beim zweiten geröntgt wird, beim dritten dann tatsächlich der Zahn behandelt wird, und, falls das länger dauert als die dafür kalkulierte Zeit, die Behandlung dann bei einem vierten Termin fortgesetzt wird.

Aber was soll’s. In der Zeit, die ich während meiner acht Jahre in Jena bei meiner Hausärztin abgesessen habe, kann ich ungefähr dreihundertachtundvierzig Mal zu verschiedenen Turkuer Ärzten und zurück fahren.

Anmelden muss man sich üblicherweise auch nicht, wenn man zu einem Termin erscheint. Früher kommen nützt genau gar nichts.

Und so kann man an einem Tag wie gestern prima bis zwei Minuten vor dem Termin auf einer Bank in der Sonne sitzen. Und dann ist man gleich dran.