Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 5: Vilnius

4 Kommentare

Guten Morgen, Vilnius!

Das mit den schönen Ausblicken aus den Ferienwohnungen hatte der Ähämann auch hier wieder prima hingekriegt.

Weil der Ähämann am Vortag an den vielen Bäckereien und Konditoreien, an denen wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Altstadt vorbeigekommen waren, zahntropfend hatte vorbeilaufen müssen, weil wir anderen im Zug schon zu viele süsse Sachen gegessen hatten und uns eher nach Herzhaftem gewesen war, gingen wir gleich in der Konditorei gegenüber – der mit den riesigen Macarons über der Tür – frühstücken.

Generell scheinen sie in Vilnius ein Faible für ausladenden Kunstblumenschmuck an Cafés und Restaurants zu haben.

Die Altstadt von Vilnius ist eine der grössten in Osteuropa – und dennoch klein genug, dass man alles zu Fuss erkunden kann.

Wir liessen uns treiben. An jeder Kreuzung entschieden wir neu, welcher Gasse wir folgen wollten. Oder zu welcher Kirche, deren Turm über die Dächer ragte, wir gehen wollten. Auf welchen Hügel wir steigen wollten. Wir freuten uns, wenn wir wieder irgendwo einen Vytis entdeckten. Und über die Kastanien im Park.

Gegenüber der Stanislaus-Kathedrale – „Wer ist denn das, Mama, der da seiner Kuh vorliest?“ – entdeckten wir den ersten Turm, auf den man draufsteigen konnte.

Und von da aus erspähten wir die nächsten beiden Ziele, beide auf je einem der seltsamen steilen Sandhügel, die Vilnius umgeben, gelegen: den Gediminas-Turm und die Drei Kreuze.

Zuerst stiegen wir hinauf zum Gediminas-Turm, dem einzigen Überbleibsel der Vilniuser Burg.

Dort begegneten wir auch dem Baltischen Weg wieder, von dem ich  erst vor einem reichlichen Jahr zum ersten Mal in einer Ausstellung in Tampere gehört hatte. Am Gediminas-Turm in Vilnius hatte im August 1989 die 600 km lange Menschenkette ihren Anfang genommen und durch alle drei baltischen Staaten bis zum Langen Hermann auf dem Tallinner Domberg gereicht.

Dann stiegen wir den einen Sandhügel hinab, assen ein spätes Mittagessen und stiegen den nächsten Sandhügel wieder hinauf, zu den Drei Kreuzen, die so schön weiss von da oben aus dem herbstfarbenen Wald herausgeleuchtet hatten und von wo man ebenfalls einen wunderbaren Blick über die Stadt hatte.

Und dann stiegen wir noch ein drittes Mal hinab und ein Stück wieder hinauf zur Republik Užupis.

Užupis ist eigentlich ein Stadtteil von Vilnius – gleich hinter der Altstadt, aber auf der anderen Seite des Flusses, von der Vilnele fast wie eine Halbinsel eingeschlossen. Vor dem zweiten Weltkrieg lebten vor allem Juden in diesem Stadtteil; ein Grossteil von ihnen kam während des Holocausts um, nach dem zweiten Weltkrieg standen die Häuser jahrzehntelang leer und verwahrlosten. In den 1990er Jahren entdeckten Künstler*innen den Stadtteil für sich und riefen kurzerhand eine Republik samt eigener Verfassung aus.

Der Verfassungstext hängt auf Tafeln in über 20 verschiedenen Sprachen an der Strasse aus. War auch sehr praktisch, dass sich unsere Familie nicht vor einer Tafel drängeln musste zum Lesen.

Leider ist es dem Stadtteil ergangen wie allen anderen ähnlichen: er ist inzwischen völlig gentrifiziert. (Ich habe tatsächlich noch nie irgendwo so viele Porsches auf einmal gesehen!) Aber die vielen kleinen witzigen Details und Kunstwerke an den Häuserwänden, in den Hinterhöfen und engen Strassenecken, die fand ich schon sehr schön.

Den einzigen grösseren Regenschauer, den wir in Vilnius erlebten, sassen wir bequem in einem Café in Užupis ab. Tortenstückchen werden übrigens in Litauen nach Gewicht verkauft. Ein Traum!

Tagesausklang – auch fünfzehn-, dreizehn- und fast elfjährige Kinder haben gewisse Ansprüche – auf dem Spieplatz!

(Meine Güte, wurde das zeitig finster da! Halb sieben!)

***
Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius

4 Kommentare zu “Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 5: Vilnius

  1. ich verfolge Eure Reise so begeistert! Danke für die vielen Eindrücke von Vilnius! Hachz. Hin will…. Liebabendgrüße, Eva

  2. Die Macaronenkonditorei war auch wirklich die schönste, aber das wusste ich ja am ersten Abend noch nicht. ;) Und die Aussicht auf die schöne Aussicht kam mit der Warnung, dass es ob der Lage auch schon mal laut werden (und bleiben) kann, aber ich hatte dann zu Recht angenommen, dass das Mitte Oktober und in der Pandemie kein echtes Problem sein würde.

  3. In Vilnius war ich letztes Jahr im Sommer mit einer Freundin. Uns hat es dort auch gut gefallen.
    Dein Bericht mit den schönen Bildern weckt die Erinnerungen :-)

  4. Danke, das macht immer so einen Spaß, Eure Reiseberichte zu lesen! Schön, dass Ihr Euch auch einfach treiben lasst und so viele schöne Details seht! Macht Lust, da mal hinzufahren: -)

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