Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

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Tag 1: Turku-Tallinn


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Zwölf Orte im Baltikum

An unserem dritten Urlaubstag verkündete die finnische Gesundheitsministerin, dass für die besorgniserregende Coronasituation in Finnland nicht nur die aus St. Petersburg zurückgekehrten Fußballtouristen verantwortlich zu machen seien, sondern auch die ausländischen Arbeiter und die finnischen Auslandsreisenden.

Ich war kurz davor, etwas anzuzünden.

Verantwortungsvolles Coronawandern.

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Finnischer Meerbusen.

Jede Reise beginnt auf dem Meer.

Diesmal begann sie auf einer fast spiegelblanken Ostsee bei 31°C. Die für die zweistündige Überfahrt auf dem Oberdeck eingepackten langärmeligen Sachen blieben in ihrem Beutel. Im Gegenteil, wir waren froh, als ein bisschen Fahrtwind aufkam.

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Tallinn (1)

Unsere Lieblings-Rhabarberlimonade, die wir erst vor ein paar Jahren in Estland entdeckt hatten, gibt es leider seit Neuestem weder in den Supermärkten der estnischen, lettischen schwedischen oder litauischen Kette. Der Ähämann recherchierte ein wenig und fand heraus, dass es sie nur noch in den wenigen Filialen einer grossen finnischen Supermarktkette, die wir bisher in Estland gemieden haben, gibt. Überhaupt scheint es sämtliche Getränke mit Rhabarber nur da zu geben. Wir entliessen einen uns mitten auf dem Meer zugeflogenen Marienkäfer in die Freiheit, freuten uns über die Familienparkplätze vor dem Supermarkt und luden uns anschliessend die Lücken im Kofferraum mit Rhabarbergetränken voll.

Extrabreite Familienparkplätze haben wir hier übrigens auch vor jedem grösseren Supermarkt, aber nicht so niedliche.
(Ich quietsche auch sehr oft angesichts estnischer Käsepackungen oder Schokoladentafeln.)
((Oder wegen der Niedlichkeit der estnischen Sprache.))

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Tallinna-Narva-maantee (Autobahn Nr. 1)

In Estland kann es passieren, dass man zum Abfahren von der Autobahn wenden muss.
(Zum Auffahren auch.)

Da Estland nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten Geschwindigkeiten ist und sich die Verkehrsdichte ausser auf der Via Baltica in Grenzen hält, funktioniert das recht gut. Wir haben dann diesmal auch gelernt, dass man nach dem Wenden, statt sich direkt in den Verkehr einzufädeln, eigentlich erstmal unverzüglich auf die an diesen Stellen extra angelegte dritte, äusserste Spur fahren und diese dann als Beschleunigungsspur nutzen soll.

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Lahemaa-Nationalpark.

Schon als wir vor acht Jahren die allerersten vier Herbstferientage des Fräulein Maus dort verbrachten, haben wir uns in die Gegend, die schon 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion unter Schutz gestellt wurde, verliebt. Es gibt dort ausgedehnte Urwälder, unendliche Moore und wilde Sandstrände voller Findlinge, aber auch sanft gewellte Felder und Wiesen, auf denen Kühe weiden, Dörfer, die nur aus einer Handvoll gelb oder grün gestrichener Holzhäuschen bestehen, und prächtige Gutshäuser, auf deren Schornsteine die Störche ihre Nester gebaut haben.

Das Beste war: diesmal gingen wir – es war keinen Tag kälter als 28°C – jeden Tag baden. Lahemaa, das Land der Buchten, ist allüberall von der Ostsee umgeben. Der Grossteil der Küste ist mit Schilf zugewachsen, aber es gibt auch Sandstrände, manche mit riesigen Findlingen, die die letzte Eiszeit aus Finnland an die estnische Küste geschoben hat und zwischen denen man in wunderbar klarem Wasser, das auf unserer Seite des finnischen Meerbusens schon seit Juni nicht mehr annähernd so sauber ist, herumschwimmen kann. Sogar in den schwarzen Moorsee durfte man springen – zum Glück hatte ich mich daran erinnert, dass wir so eine Badestelle mitten im Hochmoor schon mal in den vorletzten Herbstferien in einem anderen estnischen Moor entdeckt hatten, und wohlweislich Badesachen in den Rucksack gepackt – er war fast badewannenwarm. Und die Störche waren da – die Jungstörche kurz vorm Ausfliegen und die Eltern unermüdlich Frösche fangend. (Meist neben der Autobahn. Oder hinter dem Traktor, der das erste abgeerntete Getreidefeld umpflügte.) Im Moor wucherte der Sonnentau bis an den Weg und streckte seine klebrigen Fliegenfallen in die Sommerhitze. Die Heidelbeeren wuchsen uns riesig und aromatisch vom Wegesrand in den Mund. Und abends nach der Sauna sahen wir halb elf die Sonne über dem Meer untergehen und liessen uns dabei Abend für Abend von 87364 Mücken und Bremsen zerstechen. (Immerhin juckt es tatsächlich nach 20 Stichen, wie man mir schon in meinem allerersten finnischen Sommer glaubhaft versichert hat, nur noch die ersten fünf Minuten.) Der Himmel blieb die ganze Nacht blau.

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Narva.

Ich bin mit Grenzen aufgewachsen: solchen, die nur ein bisschen gesichert waren, und solchen, von denen man annehmen musste, dass man sie sein Leben lang nicht übertreten dürfen wird. Unsere Kinder sind bisher völlig ohne Grenzen aufgewachsen: wir reisen im Urlaub durch halb Europa und müssen nie irgendwo einen Pass vorzeigen. Wir standen deshalb mit ungefähr den gleichen Gefühlen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – vor der stacheldrahtbewehrten EU-Aussengrenze zwischen Estland und Russland.

Die Städte auf beiden Seiten des Grenzflusses – das estnische Narva und das russische Iwangorod – werden beide von riesigen Festungen beherrscht. Schon seit Jahrhunderten wurde über den Grenzfluss hinweg Krieg geführt und säbelgerasselt.

Auf der Hermannsfeste wehte die estnische Fahne, und die Ausflügler schauten hinüber zur Festung Iwangorod, wo die die russische Fahne wehte und die Ausflügler auf die Hermannsfeste herüberschauten – keine 100 m voneinander entfernt und doch ohne Visum unerreichbar weit weg.

Sowjetischer als in Narva wird’s diesseits der EU-Aussengrenze auch nicht mehr. In Narva steht die letzte Lenin-Statue des Baltikums, vom Stadtzentrum in den Innenhof der Hermannsfeste umgesiedelt, und ich fand die Strasse der Kosmonauten, in der sich wie in der ganzen Stadt geziegelte, unverputzte Wohnblöcke aneinanderreihten, das eine Modell, wie es in allen Städten des Baltikums und wahrscheinlich auch Russlands zu finden ist.

95% der Bevölkerung Narvas spricht russisch; die estnische Bevölkerung durfte nach dem Krieg lange nicht in das komplett zerstörte Narva zurückkehren, stattdessen wurden russische Zuwanderer dort angesiedelt, um die Industrie Narvas am Laufen zu halten bzw. wieder aufzubauen. Es sind auch nur noch 140 km bis nach St. Petersburg. Ein Klacks mit dem Auto. Wenn, ja, wenn.

Wenn man weiterfährt an der Narva entlang nach Norden, bis zu ihrer ebenfalls stacheldrahtbewehrten Mündung in die Ostsee, neben der sich kilometerweite, breite Sandstrände erstrecken, kommt man alle paarhundert Meter an irgendwelchen Soldatenfriedhöfen und Kriegsdenkmälern vorbei.

Eine Welt ohne Grenzen und ohne Krieg, das wär’s…!

Die DDR-Glühlampenmarke hatte übrigens bei aller Freundschaft zu den sozialistischen Bruderländern nichts mit der gleichnamigen estnischen Stadt zu tun: Narva stand in dem Fall für für Stickstoff („N“), Argon („Ar“) und Vakuum („Va“).

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Sillamäe.

Sillamäe ist wie Bielefeld. Nur umgekehrt.

Zu Sowjetzeiten gab es Sillamäe wegen seiner Urananreicherungsanlagen offiziell nicht. Die Stadt war auf keiner Karte verzeichnet – und wir haben lachend festgestellt, dass Google Maps auch im Jahr 2021 noch nicht weiss, auf welcher Seite der Hauptstrasse ein Park und auf welcher ein Wohngebiet ist – die Bewohner hatten keine Postadressen, sondern bekamen ihre Post über Codeanschriften zugestellt, Nicht-Ortsansässige durften die Stadt nur mit Sondergenehmigung, Ausländer überhaupt nicht betreten.

Die Stadt strahlt (haha) heute noch den morbiden Charme verfallender, grössenwahnsinniger Stalin-Prachtbauten aus, den ich auch aus dem Stadtteil meiner Geburtsstadt, in dem ich aufgewachsen bin, kenne. Der grosse Herr Maus fasste es mit „Das ist alles antik, nur nicht echt“ recht treffend zusammen. Am bezeichnendsten für diesen Baustil ist vielleicht das Rathaus von Sillamäe, das mit seinem spitzen Turm einer nordischen evangelischen Kirche ähnelt, ohne die sich die Stadtplaner eine Stadt am Meer nicht vorstellen konnten, obgleich doch Atheismus offizielle Staatsreligion war.

Immerhin sind manche dieser Prachtbauten schon recht hübsch restauriert, Sillamäe hat eine sehr moderne Strandpromenade mit jeder Menge Spielgeräten, Umkleidehäuschen und fest installierten Grillen, und statt einer Urananreicherungsanlage gibt es heutzutage eine Fabrik, die sich auf die Verarbeitung seltener Erden und Metalle spezialisiert hat. Die Arbeitslosigkeit ist trotzdem hoch, die Umwelt vermutlich noch immer verseucht.

Auch in Sillamäe wird überwiegend Russisch gesprochen. Der Ähämann, dem der Rasierschaum ausgegangen war, fand einen kleinen Laden, in dem von Brot und Milch über Drogerieartikel, Klamotten und Süssigkeiten bis zum Wodka alles verkauft wurde – alles in ehemaligen Ostblockstaaten hergestellt – und die Bedienung erfolgte ausschliesslich auf Russisch. Vor der Theke lag die Ladenkatze und räkelte sich in der Sonne, die durch die Eingangstür hereinfiel.

Das Fräulein Maus hat übrigens – zu Recht! – mehr als einmal in diesem Urlaub darüber geschimpft, dass sie statt Russisch Französisch lernen muss.

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Kohtla-Nõmme.

Die nordöstliche Ecke Estlands ist voll von Plätzen, die laut „Nie wieder!“ schreien. Die Schauplätze von Krieg, Vertreibungen, Holocaust, sowjetischer Diktatur und Umweltzerstörung könnte man, so man denn wolle, alle nacheinander an ein, zwei Tagen besuchen, ohne weit fahren zu müssen.

Rund um Kohtla-Nõmme befindet sich ein ausgedehntes Bergbaugebiet mit unter Anderem der höchsten Abraumhalde des Baltikums. (Wir wären gern auf der Rückfahrt von Narva im Abendsonnenschein da raufgestiegen, aber wir fanden den Einstieg nicht.) Der Uranabbau in der Gegend wurde schon 1952 eingestellt, aber bis heute wird Ölschiefer in der Gegend abgebaut und weiterverarbeitet und auch zu Strom und Wärme verbrannt.

(Ein Ort in der Gegend heisst Kiviõli (=Steinöl), was wir genauso lustig fanden wie den Ort Heršpice ein paar Kilometer hinter Austerlitz.)

Im Estnischen Bergbaumuseum kann man sich nicht nur ausgemustertes riesiges Bergbaugerät angucken, sondern auch in einem alten Schacht unter Tage erleben, wie der Ölschieferabbau vonstatten ging. (Oder geht, sehr viel hat sich da nämlich nicht geändert.) Ölschiefer wird sehr knapp unter Tage (oder sogar über Tage) abgebaut, so dass man eher das Gefühl hat, in eine Höhle zu laufen als in ein Bergwerk einzufahren, aber schön fand ich, dass wir alles Gerät, das noch funktionstüchtig ist, vorgeführt bekamen: wir fuhren ein Stück mit einer Grubenbahn, bekamen demonstriert, wie laut so ein Ventilator ist, der nach der Sprengung Rauch und Staub absaugt, und wie sich so ein Schrämlader laut scheppernd vorwärtsbewegt, ohrenbetäubend schon, wenn sich seine Walze nur leer in der Luft dreht statt Gestein aus dem Fels zu kratzen.

Die Spruchbänder mit den sozialistischen Losungen machten offensichtlich auch vor Bergwerksschächten nicht halt: „Wir produzieren ausschliesslich Qualitäts-Ölschiefer“ hängt über der Sortierstation unter Tage.

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Tallinn (2)

In Tallinn kann man die billigsten am wenigsten teuren Corona-Schnelltests in ganz Estland machen lassen.

In einem Kleinbus auf einem Parkplatz an der Ausfallstrasse nach Süden. Das Testpersonal sprach ausschliesslich Russisch. Die Testerin trug ausser einer einfachen medizinischen Maske keinerlei Schutzkleidung, der Mitarbeiter am Computer nicht einmal das.

Die Wartezeit auf das Testergebnis und das Austellen der Visa Testzertifikate verbrachten wir im gegenüber gelegenen Pfannkuchenhaus. Um das Pfannkuchenhaus herum führt die Wendeschleife mehrerer Tallinner Strassenbahnlinien, und wir konnten beim Essen den Strassenbahnen – „Hallo Paula!“, „Hallo Triinu!“, „Hallo Annika!“, „Hallo Sirje!“, „Hallo Kersti!“ – zuwinken.

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Ainaži.

2010 machten wir in Südestland eine Woche Mökkiurlaub. Eines Tages waren wir über Mittag ein bisschen am Strand im Sand buddeln, eine kleine Runde Naturlehrpfad laufen, und danach wollten wir in der nächsten grösseren Stadt mittagessen. Der damals zweijährige grosse Herr Maus sollte vorher aber noch seinen Mittagsschlaf halten, weshalb wir beschlossen, vom Strand aus erst noch der kleinen Landstrasse ein Stückchen weiter nach Süden zu folgen, ehe wir auf die Fernverkehrsstrasse einbiegen und nach Norden Richtung Stadt fahren würden, damit er lange genug Zeit hätte zum Schlafen. Wir fuhren durch verschlafene Dörfer, und als wir durch das dritte davon fuhren, kam uns irgendwas komisch vor. Und tatsächlich – wir befanden uns, ohne dass wir etwas von einer Grenze bemerkt hätten, inzwischen in Lettland!

An diese kleine Strasse und den nicht vorhandenen Grenzübergang erinnerten wir uns diesmal aus zwei Gründen.

Erstens ist der Verkehr auf der E67, der Via Baltica, völlig irre. Auf der zweispurigen Landstrasse fahren die LKWs Stossstange an Stossstange wie auf der rechten Spur einer deutschen Autobahn, es wird halsbrecherisch überholt, auch von Bussen, auch die LKWs sich gegenseitig, und das alles bei Gegenverkehr, der sich genauso verhält, und ohne jegliche Überholspur, manchmal sogar ohne nennenswerten Seitenstreifen, auf den die zu Überholenden ausweichen könnten. Es gibt leider nicht so viele Nord-Süd-Verbindungen im Baltikum, dass man auf eine weniger befahrene Strecke ausweichen könnte, aber wenigstens ab und zu die Gelegenheit, für 20, 30 Kilometer auf kleine Nebenstrassen abzubiegen.

Zweitens braucht man für die Einreise nach Lettland derzeit, wenn man nicht voll geimpft ist, ein negatives Coronatestergebnis. Wenn das von jedem an der Grenze kontrolliert würde, würden wir da bei der Verkehrsdichte sicher ewig im Stau stehen, fürchteten wir. Wir könnten es ja einfach mal probieren, die Grenze statt auf der Via Baltica auf der kleinen Nebenstrasse zu überqueren. Dort wäre ganz sicher nicht so viel los.

Und tatsächlich fanden wir uns ähnlich schnell in Lettland wieder wie vor elf Jahren mit dem schlafenden grossen Herrn Maus im Auto – ohne jegliche Grenzkontrolle. (Schade um die vier – der kleine Herr Maus musste nicht – teuren Coronatests!)

Wir hatten übrigens Glück mit unseren Reisedaten: am Tag nach unserer Einreise nach Lettland stieg sowohl in Estland als auch in Finnland – man weiss ja in so einem Fall immer nicht so richtig, was nun als Einreiseland gilt – die 14-Tage-Inzidenz über den Grenzwert von 75, was bedeutet hätte, dass wir in Lettland in Quarantäne gemusst hätten.

(Tatsächlich hatten wir uns den ganzen Urlaub darauf eingestellt, eventuell in Estland bleiben zu müssen, sollte sich die Coronalage drastisch verschlechtern.)

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Saulkrasti.

Saulkrasti war seit 14 Jahren der Inbegriff unserer Träume. Soweit sie sich auf Strand und Meer bezogen, jedenfalls.

2007 fuhren wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum und Polen in die Slowakei. Der irre Verkehr auf der Via Baltica setzte damals erst in Polen ein; im Baltikum war es recht ruhig auf den Strassen, dafür wurde überall der Ausbau der E67 vorangetrieben. An einer Baustelle wurden wir durch Saulkrasti umgeleitet, mitten durch den langgestreckten Badeort und am kilometerlangen Strand entlang, der mit seinen Dünen und seinem gelben Sand und dem Meer, das ohne Inseln dazwischen bis zum Horizont reichte, ganz anders als die Strände in Südfinnand, unserer in Mecklenburg geprägten Vorstellung von einem Ostseestrand entsprach. Saulkrasti wäre leichter zu erreichen als Zingst. Lass uns da mal hinfahren, wenn wir mal an einen schönen Strand wollen, sagten wir zueinander.

Es hat 14 Jahre gedauert. Dann aber musste es gleich und sofort sein, obwohl wir abends noch bis nach Riga mussten. Zum Glück sind die Abende lang im Sommer im Norden…!

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Rīga.

Riga war #aufgrundderaktuellensituation genauso leer, wie wir uns das erhofft hatten.

Wir zogen vier Tage lang planlos durch die Altstadt, gingen in jede Kirche, stiegen fuhren auf jeden Turm. Mit Verwunderung sah ich von oben zum ersten Mal, dass Riga nicht nur am Meer liegt, so wie Stockholm oder Helsinki oder Tallinn, sondern an einem mächtigen Strom. Die Daugava kommt direkt aus den weiten Mooren Russlands und Weissrusslands und Lettlands; ihr rübensirupfarbenes Wasser bringt den Moorgeruch mit bis in die Stadt.

Wenn es abends zu dämmern anfing – gegen halb zehn, und das ist für uns sensationell zeitig – gingen wir Cocktails bzw. Milchshakes trinken und danach die beleuchtete Stadt anhimmeln. Wenn die Kinder dann kurz vor Mitternacht im Bett lagen, sassen der Ähämann und ich noch lange auf unserem Balkon über den Dächern der Altstadt, lauschten dem fernen Rauschen des Verkehrs auf der grossen Brücke und dem Geschrei der Möwen, die auf den Dächern ihre Nester haben und noch mitten in der Nacht um die Kirchtürme segeln.

Die Rigaer Strassenbahnen haben übrigens O-Bus-Stromabnehmer.

Ausserdem hat Riga eine sehr beeindruckende Nationalbibliothek; sieben Etagen Bücher in moderner Architektur, das letzte grosse Werk des in Lettland geborenen US-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts. Vom 11. und 12. Stockwerk, dem Krönchen, aus hat man einen sehr schönen Blick über die Daugava auf die Stadt. Dafür hätten wir eigentlich am nächsten Tag nochmal wiederkommen müssen, aber eine freundliche Bibliotheksmitarbeiterin fuhr mit uns, weil so wenig los war – wir haben tatsächlich in dem ganzen riesigen Gebäude ausser uns vielleicht noch sechs Menschen getroffen – doch gleich hoch. Dann brachte sie uns zurück ins 7. Stockwerk, von wo wir Stockwerk für Stockwerk nach unten zurückliefen und staunten. (Die Kinder hatten viel Spass mit den gläsernen Fahrstühlen.)

Die befreundete Deutschlehrerin, die sich immer um unseren Garten kümmert, während wir auf Reisen sind, wofür wir ihre Katzen füttern, wenn sie auf Reisen ist, hatte uns bei der Schlüsselübergabe zuallerletzt noch zugerufen: „Geht unbedingt in die Markthallen hinterm Bahnhof!“ Nun ist es so, dass mein Verhältnis zu Markthallen ein eher ungutes ist. Die Markthalle in meiner Geburtsstadt wurde nach der Wende aufwändig restauriert, hat aber mit einem Markt wenig gemein. Turku bildet sich viel auf seine historische Markthalle ein, aber letztendlich findet man da auch nur die üblichen Kaffeeketten, einen ramschigen Souvenierladen und einen einzigen Fleischstand, der wirklich in die Markthalle passt. Aber die Markthallen in Riga, Leute! Es sind fünf Stück ingesamt, ehemalige Zeppelinhallen der deutschen Wehrmacht, und in jeder gibt es etwas anderes: Obst und Gemüse in der einen, Fisch in einer anderen, Brot, Backwaren und Milchprodukte in der nächsten, in der hintersten werden Textilien verkauft und in der, die ein bisschen abseits steht, Fleisch. Rund um die Markthalle befinden sich, ohne Übertreibung, hunderte Marktstände für Obst und Gemüse. Wir gingen von Stand zu Stand, staunten, kauften ein, radebrechten auf Russisch – denn wie überall im Baltikum ist die russische Minderheit nicht sonderlich beliebt, bestreitet aber jegliche Verkaufsstände quasi allein – freuten uns an der Freundlichkeit und Gesprächigkeit der Verkäufer*innen und hatten am Ende fast einen halben Nachmittag da verbracht.

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Schloss Rundāle.

Mitten im lettischen Nirgendwo, nahe der litauischen Grenze, befinden sich 85 Hektar Versailles.

Auch da waren wir 2007 schon mal. Aber wann hat jemand, der schon lange in Finnland lebt, schon mal die Gelegenheit, ein wirklich prächtiges Schloss zu besichtigen?

Schloss Rundāle liess Zarin Anna Iwanowna 1735 als Sommerresidenz (!) für den deutschbaltischen Herzog von Kurland bauen. Das Schloss hat 138 prächtig eingerichtete Zimmer und Säle, von denen man sehr, sehr viele besichtigen kann. „Wer braucht so viele Zimmer?!“, fragten die Kinder. Es ist purer Grössenwahn.

Hinterher fuhren wir – 30 Kilometer über unbefestigte Landstrassen zwischen Feldern, auf denen Störche staksten und Mähdrescher ihre Runden zogen; kein Dorf, nur Staub und Mittagshitze – in die nächstgrössere Stadt, um etwas zu essen. Die Kellnerin fragte uns nach unserem Woher und Wohin und sagte dann lachend: „Ich bin aus Rundāle! Aber ein Schloss haben wir hier auch. Ein grösseres als in Rundāle.“ „Noch grösser?!“, fragten wir ungläubig. Aber: tatsächlich!

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Jūrmala.

Noch ein Strand. 33 km lang und mit dem feinsten Sand, den wir je an der Ostsee unter den Füssen hatten.

„Können wir bis zum Sonnenuntergang hierbleiben?“, fragte das Fräulein Maus, als wir sowieso schon recht spät da ankamen. Nicht ganz. Dafür kamen sie einfach anderthalb Stunden lang nicht wieder raus aus dem lauwarmen Wasser.

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Tallinn (3)

Bereit für die Rückreise.


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Geschichte zum Anfassen

Weil es letzten Sommer im Tallinner Freilichtmuseum so schön war und wir auf dem weitläufigen Gelände ungefähr nur die Hälfte aller Häuser anzugucken geschafft hatten, gingen wir auch diesmal wieder hin.

Vor allem waren wir gespannt, ob das Mehrfamilienhaus aus Sowjetzeiten, das sich letztes Jahr noch im Bau befunden hatte, jetzt besichtigt werden könnte. Konnte es. Und allein dort hätte man mehrere Stunden zubringen können.

Jeden einzelnen Raum in den vier Drei-Zimmer-Wohnungen, die verschiedene Jahrzehnte – sowohl vor als auch kurz nach der Wende – repräsentieren, kann man betreten, und jede dieser Wohnungen sieht aus, als wäre vor fünf Minuten noch jemand dagewesen. Man darf in Küchenschubladen kramen, in Schulheften blättern, in die Kleiderschränke gucken, und man kann auf kleinen Bildschirmen zugucken, wie die Familie Geburtstag feiert oder wie die Familienmitglieder über ihren Alltag erzählen.

Diese Zeit ist bis heute ein sehr wunder Punkt in der Geschichte Estlands. Schön, dass sie im Museum trotzdem nicht ausgespart wird.


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Auslandsreise, verantwortungslose

Seit Monaten, wenn man den Verlautbarungen der entsprechenden Behörden und der finnischen Presse Glauben schenkt, kommen sämtliche neuen Coronafälle in Finnland aus dem Ausland, und wer jetzt ins Ausland reist, verhält sich höchst verantwortungslos.

Nun ist es so, dass ich mich durchaus privilegiert fühle, die Pandemie in Finnland aussitzen zu können. Es gibt hier keine Panikmache, keinen Impfneid, einen Coronatesttermin zu bekommen ist denkbar einfach und mit den Impfungen geht es auch voran, und zwar ohne dass man seine Ellenbogen einsetzen muss. Die Schulen waren fast durchgängig geöffnet, und wenn nicht, kam der Distanzunterricht so nahe an Präsenzunterricht heran, wie man es sich nur wünschen kann. Wir hatten nie Ausgangssperren, durften uns zu jeder Zeit im ganzen Land – bis auf die drei Wochen, in denen Uusimaa abgeriegelt war – frei bewegen und haben wunderbare Ausflugs- und Reiseziele in der finnischen Natur.

Aber Finnland ist eben doch überall Finnland. Schon seit den ausgefallenen Herbstferien hatten wir Estlandweh, und nach fast einem Jahr war die Sehnsucht nach Tapetenwechsel fast übermächtig geworden.

Wir packten die erstbeste Gelegenheit beim Schopf und bestiegen letzten Dienstag gemeinsam mit den zur Konfirmation angereisten (und zum Glück schon voll geimpften) Grosseltern ein Schiff nach Tallinn.

Unser Verständnis für Reiserestriktionen ist mittlerweile aufgebraucht. Seit anderthalb Jahren trägt unsere Familie Maske – auch da, wo wir nicht müssten. Seit anderthalb Jahren haben wir kein Museum, keine Schwimmhalle, kein Restaurant von innen gesehen – auch dann nicht, als wir es gedurft hätten. Seit anderthalb Jahren können wir die Gelegenheiten, an denen wir oder die Kinder Freunde getroffen haben, an zehn Fingern abzählen – obwohl es hier nie strenge Restriktionen gab, wie viele Haushalte und wie viele Personen sich treffen dürfen. Seit Juni dürften wir wieder Karaoke singen in Bars und auf Konzerte mit hunderten von anderen Leuten gehen – aber ins estnische Moor wandern gehen dürfen wir nicht?!

(Bezeichnenderweise drängelten sich auf der Fähre die Finn*innen, die eine Quarantänefreie Kreuzfahrt ohne Landgang machten, im Tax-Free-Shop und am Buffet, während wir die zwei Stunden Überfahrt in beide Richtungen auf dem Sonnendeck absassen. Und wenn es dann auf einem dieser Schiffe, wie letztes Wochenende auf der „Baltic Princess“, die zwischen Turku und Stockholm pendelt, unter den Kreuzfahrern zu einem Covid-19-Ausbruch kommt, dann wird das auch noch den Auslandsreisenden angelastet. Ich erwähnte schon, dass mein Verständnis für Reiserestriktionen aufgebraucht ist?!)

Tallinn war tatsächlich noch leerer als im letzten Jahr. Es fehlten nicht nur die Touristen, sondern auch die Tallinner selbst, denn sie hatten zwei aufeinanderfolgende Feiertage: den Siegestag am 23. und Mittsommer am 24. Juni. Es fiel nicht schwer, den Anweisungen der finnischen Gesundheitsbehörde – „Im Ausland besondere Vorsicht walten lassen!“ – Folge zu leisten. Wir spazierten durch menschenleere Gassen, die wir uns nur mit Tauben und Möwen teilen mussten, und assen auf Terrassen. Zudem sinkt die estnische 14-Tages-Inzidenz, die sich irgendwann im Winter bei schwindelerregenden 1500 befunden hatte, seit Wochen rapide und ist kaum noch höher als die finnische.

Ich badete in heisser Luft und freute mich am ersten echten Sommergewitter seit Jahren, das zur Mittagszeit den Himmel verdunkelte, die Gassen in Bäche verwandelte, über Gullydeckeln gewaltige Strudel erzeugte und nach einer Stunde der Sonne den Platz wieder räumte. Der Ähämann und ich überliessen einen Abend die Kinder den Grosseltern und gingen im Spätabendsonnenschein aus. Und weil es in Tallinn so leer war, reifte gleich der nächste Reiseplan.

Der dreitägige Ausflug endete offiziell erst gestern mit dem Freitesten aus der Quarantäne.
Wir sind erwartungsgemäss alle negativ – aber wenn wir uns angesteckt hätten, dann garantiert nicht bei unserer verantwortungslosen Auslandsreise, sondern beim Konfirmationsgottesdienst, wo wir dicht an dicht mit rund einhundert grossteils nicht-masketragenden Angehörigen der anderen Konfirmand*innen in der kleinen Kirche sitzen mussten. Ich wünschte, die Leute würden ihren Verstand benutzen, statt Sündenböcke zu suchen.


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Gelegenheiten beim Schopfe packen (2)

Dieser Sommer war der der beherzt ergriffenen Gelegenheiten. Auch von Gelegenheiten, die Corona erst möglich gemacht hat.

Die „Baltic Queen“ zum Beispiel, die sonst als Fährschiff von Tallinn nach Stockholm fährt, fuhr in diesen Sommerferien stattdessen zwischen Tallinn und Turku, ebenfalls komfortabel über Nacht.

Es ist ja nicht so, dass wir nicht schon genug Schiff gefahren wären in diesem Sommer. Aber manche Gelegenheiten kann man sich einfach nicht entgehen lassen.

Und so bestiegen wir vier Tage nachdem wir aus Island zurückgekommen waren, schon wieder ein Schiff und fuhren für vier Tage nach Tallinn.

Ich habe noch nie so ein leeres Tallinn erlebt. (Noch nicht mal im November.) Nicht einmal die Stricksachenverkäuferinnen an der Stadtmauer waren da. (Etwas, das ich ebenfalls noch nie erlebt habe.) Der kleine Herr Maus war traurig, denn er hatte sich in Island in einen Wollpulver mit Papageientauchern verliebt, der ihm leider schon mindestens eine Nummer zu klein war, und wir hatten ihm versprochen, dass er sich, wann immer wir das nächste Mal in Tallinn wären, er sich dort einen aussuchen dürfe.

Wir verbrachten unsere Zeit coronakonform mit ausgedehnten Spaziergängen ausserhalb des Stadtzentrums. Tallin hat auch ein Citymoor! Und das Tallinner Freilichtmuseum ist so weitläufig wie alles in Estland – wo sogar die Häuser von Plattenbausiedlungen so weit auseinanderstehen, dass anderswo noch zwei Blocks dazwischenpassten – dass wir uns hinterher fühlten wie nach einer langen Wanderung.

Wir stockten unsere Vorräte an Rhabarberlimonade, Britakuchen und preiswertem  Verbandsmaterial – der kleine Herr Maus, der Stuntman der Familie, hat da einen recht hohen Verbrauch – auf, und das Fräulein Maus verfiel in einen Schreibwarenkaufrausch, weil sie das ja nicht kennt, dass man Stifte und Hefte für die Schule selber kaufen muss und die dann kurz vor Schulbeginn in Hülle und Fülle im Supermarkt angeboten werden.

Wir waren eigentlich ein bisschen urlaubsmüde. Aber wir haben es so genossen!

Es war gut, auch diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt zu haben. Denn wer weiss, ob wir in diesen Herbstferien nach Estland fahren können. Als wir zurückkamen, fingen die Infektionszahlen in Finnland gerade wieder an zu steigen.


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November-Tallinn

Als wir noch nicht lange in Turku wohnten, fuhren wir öfter mal nach Stockholm, für einen Tag oder ein Wochenende. Stockholm ist eine schöne Stadt.

Aber im Osten ist mehr Glitter es viel schöner. Und das Essen besser!

Der Wettkampf war leider saumässig nicht sehr gut organisiert, weswegen letztendlich das Fräulein Maus letzten Freitagvormittag schon mal mit ihren Trainerinnen vorfuhr und wir anderen ihr nach Schule und Arbeit sechs Stunden später mit dem selben Schiff hinterherfuhren. Wir verpassten, und das war wirklich traurig, ihren ersten Auftritt in der nicht so neuen Sportart.

Dafür hatten wir dann aber, und das war grossartig, das ganze Wochenende für uns.

Wir spazierten stundenlang durch die Tallinner Gassen, durch die sich im November glücklicherweise keine Touristenströme wälzen. Wir machten einen Grosseinkauf bei den Stricksachenverkäuferinnern an der Stadtmauer. Und stiegen auf die Stadtmauer. Wir assen sehr lecker russisch. Die Kinder hatten sich gewünscht, mal wieder in „das Museum, wo man so Sachen ausprobieren kann“ zu gehen. Leider war das damals nur eine kleine Wanderausstellung vom Tartuer „Ahhaa“, aber in einem Einkaufszentrum in Tallinn gibt es etwas Ähnliches, ein bisschen kleiner, da verbrachten wir zwei vergnügliche Stunden. Den Löwen Balthasar beluden wir mit Britakuchen, Rhabarberlimo, nicht-laktosefreiem Käse, georgischem Rotwein und preiswertem Benzin. (Den nächsten Ausflug nach Tallinn möchte ich komplett mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen. Aber wenn die Zeit so knapp ist, dass man sowieso mit dem Auto nach Helsinki fahren muss, dann lohnt es sich nicht, es am Hafen für viel Geld abzustellen, dann kann man es auch mitnehmen.)

Nur zum Strassenbahnfahren und für das „Strommuseum“ reichte die Zeit nicht mehr.

Müssen wir eben bald wieder hinfahren!


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Wochenende mit Herzchenaugen

Irgendwie hatten wir ja angenommen, des Fräulein Maus‘ Wettkampfkarriere sei zumindest vorläufig erstmal beendet.

Aber dann sassen wir Anfang Oktober in Rauma in einer Pizzeria und mein Handy piepste und die Trainerin des Fräulein Maus fragte, ob das Fräulein Maus eigentlich mitfahren wolle auf einen Wettkampf nach Tallinn, und das Fräulein Maus nickte mit funkelnden Augen und die Trainerin fragte, ob einer von uns Eltern mitkommen würde, und wir beschlossen spontan, alle fünf zu fahren.

Als ob wir uns eine Gelegenheit, nach Estland zu fahren, entgehen lassen würden! Und in Tallinn waren wir – abgesehen von den kurzen Besuchen bei den Wollsachenverkäuferinnen an der Stadtmauer auf dem Rückweg von unseren jeweiligen Herbsturlauben – schon ewig nicht mehr!

Ich quietschte vorfreudig, als der Ähämann uns eine Ferienwohnung in einem alten Holzhaus aufgetan hatte, und es war dann genauso schön, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Von aussen, zugegeben, eher eine Bruchbude, die vor allem dem grossen Herrn Maus ziemlich suspekt war. Und man fragt sich, warum das Ding unter Denkmalschutz steht. Also natürlich nicht. Aber warum keiner was dran tut. Es ist aber so, dass in Estland allüberall unter Hochdruck höchst futuristisch neu gebaut und Altes wunderbar renoviert wird. Aber es dauert eben. Und für manches ist vielleicht auch einfach kein Geld da, obwohl ich noch nie so viele tolle von der EU finanzierte Projekte gesehen habe wie in Estland.

Jedenfalls lieben wir Estland sehr dafür, dass es nicht so ein gelecktes Urlaubsland ist, dass sich da überall Altes neben Neuem, Verfallenes neben Restauriertem findet.

Wie auch bei unserer Ferienwohnung diesmal. Innen war sie höchst modern. Aber das grüne Treppenhaus…! Und der blaue Kachelofen…! <3

Kann jedes Hotel einpacken dagegen!


Ein Kommentar

Skiferien, anders

Da das Wetter in Südfinnland oft nicht mitspielt, bleibt einem eigentlich nur die Flucht in den Norden (Frost! Schnee!) oder den Süden (Wärme! Sonne!). Da beides aber beliebte Alternativen sind, sind sie für Otto Normalverbraucher kaum erschwinglich, wenn nicht sowieso seit fast einem Jahr ausgebucht.

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Tallinn ohne Touristenmassen ist aber auch schön.

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Bisher dachte ich immer, das Schlimmste an Reisen, die mit dem Schiff von Helsinki aus anfangen, wären die jeweils zwei Stunden Autobahn von Turku nach Helsinki und zurück. Dabei sind die jeweils zweieinhalb Stunden auf der Fähre nach Tallinn und zurück das Allerschlimmste.

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Die aufgebrezelten, drängelnden, unfreundlichen und oft besoffenen ”Kreuzfahrt”passagiere habe ich nämlich gefressen. Solche, die einem bellenden Hund hinterherlächeln, aber einem zwei Minuten lang lautstark seinen Unmut kundtuenden Dreijährigen nur ein ”Sch! Sch!” zu sagen haben, ganz besonders.

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Der Unterschied zwischen einer Stockholmfähre und einer Tallinnfähre besteht nicht nur in der Grösse der mitgeführten Alkoholtransportgeräte, sondern auch darin, dass in Tallinn die finnischen Passagiere schon besoffen sind, bevor sie die Fähre besteigen.

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Die Kinder überboten sich gegenseitig im Nichthören, Herumzappeln, Miteinanderstreiten und Sichindreckeckenherumdrücken. Rückblickend waren sie aber insgesamt doch wieder ganz wunderbare, begeisterte Reisekinder.

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Doof ist, wenn das Hauptziel der Reise in ”gut essen” besteht, man sich dann am zweiten Tag so lange nicht für ein Restaurant entscheiden kann (Touristenfalle, zu edel mit den Kindern, kein Palatschinken im Angebot, zu ungemütlich, zu teuer, zu gross, zu klein, zu weit weg…) bis die Kinder fast umkippen, man dann die nächstgelegene Lokalität ansteuert und dort nicht nur das Schnitzel so ungeniessbar ist, dass man es ungegessen zurückgeben muss, sondern auch in der Suppe irgendetwas Ungeniessbares war, weswegen man die folgenden anderthalb Tage auf wackeligen Beinen unterwegs ist und der Magen nichts anderes als Orangensaft aufzunehmen bereit ist.

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Die Sonne sahen wir auch in Tallinn nicht.

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Wegen letztem und vorletztem Punkt hielt sich auch die Lust am Fotografieren in Grenzen, weswegen es hier keine Touristenstadtfotos geben wird.

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Den Kindern war das alles egal. Die kann man in Städten am glücklichsten machen, indem man der ganzen Familie ein Mehrtagesticket kauft und stundenlang Strassenbahn fährt. Das haben wir dann auch ausführlich gemacht.