Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


3 Kommentare

Sommerferien minus 7

Finnland hat 6568 bestätigte Coronafälle.

Manchmal ist es schwer, die Wünsche von fünf Personen – oder wenigstens drei Kindern – unter einen Hut zu bekommen.

Der kleine Herr Maus hatte sich schon einen Ausflug zum Fährenwanderweg gewünscht, da waren die Seen noch gefroren. Und von da an jede Woche. Heute sollte er endlich seinen Wunsch erfüllt bekommen. Heute wollte dann aber die Teenagerin unter keinen Umständen in den langweiligen Scheisswald, aber weil wir vollidiotischen Eltern den Ausflug als zu weit weg und zu lange dauernd ansahen, um sie allein zu Hause zu lassen, musste sie leider doch mit. Sie hielt dann aber doch nicht ganz die vollen neun Kilometer durch mit Gemecker. Sondern nur sechs oder so.

Ich freute mich vor allem darüber, dass der See wieder aufgefüllt ist.


Hinterlasse einen Kommentar

Sommerferien minus 8

Finnland hat 6537 bestätigte Coronafälle.

Die Männer der Familie hatten heute – vielleicht ganz im Sinne des deutschen „Männertages“ – Brückentag. Die Frauen der Familie nicht.

Trotzdem sagte das Fräulein Maus gleich nach dem Aufstehen – sie war genau wie ich kurz vor neun ohne Wecker aufgewacht: „Ich fühle mich irgendwie schon wie Sommerferien!“, und ich stimmte ihr zu. Ich zog ein Sommerkleid an – noch mit Strickjäckchen drüber und Leggins drunter, aber: ein Sommerkleid! – und radelte am Fluss entlang zur Arbeit.

Dort standen Leute mit Mütze, Handschuhen und dicken Jacken auf dem Schulhof. Den Finnen kann man es aber auch wirklich nicht recht machen!

Als ich zum ersten Mal „Zwei Meter!“ hinter zwei Kindern herrief, riefen sie zurück: „Ein Meter!“ Nein, liebe Kinder. Nur weil die Schulen angsichts der vollen Klassenstärken in kleinen Klassenzimmern nicht in der Lage sind, zwei Meter Sicherheitsabstand zu gewährleisten, heisst das noch lange nicht, dass ein Meter auf einmal völlig ausreichend ist. (Mal davon abgesehen, dass wir, wenn wir zwei Meter fordern, am Ende ungefähr einen Meter Abstand zwischen den Kindern sehen. Man kann das dann selbst runterrechnen.)

Mehrere Lehrer*innen hörte ich heute „Nur noch fünf Tage!“ und „Zum Glück ist erstmal Wochenende!“ seufzen. Ich kann sie bestens verstehen. Wir haben es mit unserer kleinen, braven und einsichtigen Draussenhortgruppe wirklich leicht.

Die urlaubenden Männer der Familie machten derweil einen Ausflug zu einem nahegelegenen Berg Felsen, der am Anfang von 75% unserer Radtouren liegt und uns auch schon mehrfach empfohlen wurde, aber, obwohl ein offizieller Weg hinführt, nicht ausgeschildert ist. Sie fanden ihn heute jedenfalls, und ich war nur deshalb ein bisschen weniger neidisch, weil mich mindestens der kleine Herr Maus bestimmt demnächst nochmal hinführt.

Ich finde es übrigens immer noch sehr spärlich grün. Die Birkenblätter werden einfach nicht grösser, viele Bäume haben noch überhaupt keine Blätter, und zwischen den neuen Grasspitzen guckt noch sehr viel graues, vertrocknetes Gras hervor. Es könnte dann wirklich langsam bitte mal dauerhaft warm werden!


Ein Kommentar

Coronaklausur, Tag 53

Finnland hat 5880 bestätigte Coronafälle.

Es war Zeit, mal wieder auf unsere Lieblingshalbinsel ganz draussen zu fahren.

Es gibt dort einen kleinen Ort, der schon vor 400 Jahren um eine Eisenhütte herum entstand, und in dem immer noch Überreste von Hochöfen und seltsame aus flaschengrünen Schlackesteinen gebaute Lagerhäuser zwischen hübschen Holzhäuschen und hässlichen Plattenbauten stehen. Vor allem aber liegt Taalintehdas inmitten einer mystischen Landschaft voller dunkelblauer Moorseen, die wie das Meer auf seiner anderen Seite fast bis in den Ort hineinreichen. Bisher konnte man dort nicht viel machen, aber neuerdings gibt es dort verschiedene ganz neu angelegte Wanderwege. Und einen Aussichtsturm, von dem aus man in alle Richtungen, so weit das Auge reicht, nichts als Wald und Wasser sieht. Und blauen Himmel ganz ohne Kondensstreifen. Das ist so schön zur Zeit!

Hinterher machten wir noch Halt an unserem Zweitlieblingsstrand, und der Ähämann, der kleine Herr Maus und ich hüpften kurz ins Wasser. Es waren 11 Grad – sowohl an der Luft als auch im Wasser – aber man weiss ja nie, wie der Sommer wird.

Fängt man lieber rechzeitig an, sich abzuhärten.


5 Kommentare

Coronaklausur, Tag 47

Finnland hat 5254 bestätigte Coronafälle.

In den zwei Wochen, in denen wir nicht draussen waren, ist der Frühling ausgebrochen: es wird grün, es gibt Blümchen, der Himmel ist blauweiss, Schmetterlinge taumeln über die grün-weissen Buschwindröschenteppiche, die Wellen schwappen mit Sommergeräuschen an die Uferfelsen, und die Vögel singen im Chor.

Das Fräulein Maus fing an, seine Sommerhausaufgabe für den Biologieunterricht zu erledigen: ein Herbarium mit mindestens 50 Pflanzen anlegen. (Darunter so Dinge wie drei verschiedene Arten Rentierflechten und fünf verschiedene Moosarten, die auf Deutsch nicht mal einen Namen haben.) Das Schulkind von heute muss allerdings kein Zeitungspapier mehr durch den Wald schleppen, sondern legt ein Digiherbarium an. Sehr cool.

Der grosse Herr Maus konnte eine weitere Aufgabe – „Besuche einen Nationalpark!“ – in seinen Fernpfadfinderpass eintragen.

Und der kleine Herr Maus, der beschloss spontan, dass es Zeit zum Anbaden sei. (Bei 14°C im Schatten. Über die Wassertemperatur reden wir gar nicht erst.)

Was hatten wir alle den Wald vermisst…! Und den Sommer!


9 Kommentare

Coronaklausur, Tag 33

Finnland hat 3783 bestätigte Coronafälle.

Heute gab es grosse Unstimmigkeiten: ein Kind zeterte, weil es partout das Haus nicht verlassen wollte, und ein anderes Kind zeterte, weil es partout nicht erst sein Ferntraining absolvieren und mittagessen, sondern sofort und gleich wandern gehen wollte. Es fand sich zum Glück ein Kompromiss.

Es fand sich auch immer noch ein neuer Wanderweg. Da dieser nicht von der Forstbehörde oder dem örtlichen Naturschutzverein angelegt ist, sondern vom Golfresortbetreiber (!), gibt es auf ihm keine Erklärtafeln, stattdessen leicht übertriebene Treppen und Brücken von Felsen zu Felsen. Immerhin kann man, und das ist ja in Finnland selten, zwischendurch noch entscheiden, ob man noch einen zusätzlichen Schlenker gehen will oder auf kürzestem Weg zurück. Und die fünf Kilometer Wanderweg führen durch Fichtenwald, über Felsen, durch ein Birkenwäldchen, durch knorrige Kiefern und durch Moor. Alles, was so ein finnischer Wald auf kleinstem Raum zu bieten hat.

Wir fanden es dort erst ziemlich überlaufen (also nach unseren finnischen Massstäben), aber dann näherte sich die Uhrzeit 17 Uhr, und da hatten wir dann – wie oft bei derlei Gelegenheiten; die Kinder zum Beispiel planten schon vor Jahren ihre Spielplatzbesuche so – den Wald für uns allein. Und da die Sonne schon wieder vier Stunden länger scheint als gerade eben noch, gibt es jedenfalls für uns keinen Grund, schon um vier den Heimweg anzutreten.

Abends ist es jetzt plötzlich wieder bis halb zehn hell.
Neben dem Gefühl für Wochentage verlieren wir jetzt dann auch noch das für Uhrzeiten. Das ist allgemein der Punkt, an dem wir anfangen, auf die Sommerferien zu warten. Noch sechs Wochen!


Ein Kommentar

Coronaklausur, Tag 24

Finnland hat 2769 bestätigte Coronafälle.

Nachdem wir uns letztes Ostern angeguckt hatten, wie unser Fluss 20 km flussaufwärts aussieht, war es an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen und endlich mal seine Quelle aufzusuchen.

Er kommt aus dem Lieblingsskigebiet, genauso wie unser Trinkwasser. Sein Wasser sickert an verschiedenen Stellen aus dem sandigen Harju und speist das Moor an seinem Fuss. Deshalb hat er keine richtige Quelle. Aber es gibt eine Stelle, da fliesst plötzlich ein winziges Bächlein durchs Moos, und da macht er sich auf seine 70 km lange Reise nach Turku, ins Meer.

Ich war ganz entzückt davon, dass dieses Babyflüsschen neben dem Wanderweg einmal unser breiter Fluss werden soll.

Polizei und Forstbehörde hatten die Bevölkerung davor gewarnt, an den Osterfeiertagen alle an die gleichen beliebten Plätze im Wald zu ziehen. (Als ob! Ausser uns hat hier noch nie jemand Osterspaziergang gemacht.) Was wir letzte Woche schon geahnt hatten, hat sich heute noch bestätigt: die Wälder sind wieder leer. Wir begegneten keiner Menschenseele. Weder im Wald, noch als wir auf einem kleinen kurvigen Strässchen neben dem mäandernden Flüsschen zurück nach Turku fuhren.


3 Kommentare

Coronaklausur, Tag 11

Finnland hat 1163 bestätigte Coronafälle.

Als wir aufstanden, hatten wir jeder eine SMS von der finnischen Polizei erhalten, dass seit heute 0:00 Uhr die Ein- und Ausreise aus der Provinz Uusimaa verboten ist. Witzigerweise erhielten die Kinder und ich sie nur auf Finnisch, der Ähämann bekam zusätzlich noch eine zweite auf Englisch, und auf dem Horthandy kam die Nachricht dreisprachig an. Jedenfalls weiss der finnische Staat, wie er seine Bürger am besten erreicht.

(Das letzte Mal bekamen wir so eine offizielle SMS am 6. Dezember 2017. Mit Glückwünschen.)

„Wieso ist die Autobahn nach Helsinki denn dann noch auf?“, fragte der kleine Herr Maus, als wir zu unserem heutigen Waldausflug aufbrachen. Ich zeigte ihm, wie das 80 km weiter an der Provinzgrenze dann jetzt so aussieht. Schon ein bisschen gruslig.

Wir aber waren nach 5 km Autobahn und 20 km von zu Hause schon da, wo wir hinwollten.


Hinterlasse einen Kommentar

Coronaklausur, Tag 5

Finnland hat 626 bestätigte Coronafälle.

„Können wir heute wieder da bei der Sprungschanze wandern gehen? Aber diesmal die lange Runde?“, fragte der kleine Herr Maus.

Ich war dafür. Aber der Rest der Familie hatte andere Pläne und keine Lust. Und so ging ich mit dem kleinen Herrn Maus alleine. Und obwohl wir sonst, wann immer es geht, Dinge mit der ganzen Familie unternehmen, hat mir das nach der letzten Woche echt gutgetan, mal nicht pausenlos reden zu müssen und kein aus den geringsten Anlässen aufflammendes geschwisterliches Gezeter hören zu müssen. Und das Wetter und der Wanderweg waren sowieso ausnehmend schön.

Hinterher erledigte ich noch unseren Wochengrosseinkauf im auf dem Rückweg gelegenen Lidl. Es fällt uns nicht schwer, die Zahl unserer Supermarktbesuche auf höchstens einen pro Woche zu verringern, weil wir das eigentlich schon immer so machen. Neu ist, dass wirklich nur noch einer von uns den Laden betritt. Der kleine Herr Maus blieb im Auto sitzen. Im Lidl war es gespenstisch still, obwohl durchaus ein paar Kunden da waren, aber ich hatte das Gefühl, dass auch andere nur allein einkaufen waren und deswegen keiner mit irgendjemandem geredet hat. Ansonsten ist von Hamsterkäufen eigentlich nichts mehr zu merken – okay, das Regal mit dem abgepackten Brot war leer, aber das ist es sonntags eigentlich immer – aber wir haben hier nicht nur Nudeln und Öl und Klopapier, sondern auch Mehl. In 2kg-Packungen.


Hinterlasse einen Kommentar

Coronaklausur, Tag 4

Finnland hat den ersten Coronatoten.

Und zum ersten Mal seit 30 Jahren lebe ich wieder hinter geschlossenen Grenzen.

Es gibt sicher Schlimmeres, als in Finnland festzusitzen. Und solange wir in den Wald können, ist alles gut.

(Die paar Spaziergänger, die sich da begegnen, treten auffällig weit beiseite, um einander vorbeizulassen.)


6 Kommentare

Coronafreie Zone

Einfach nur wandern… geht immer noch nicht.

Korrektes Löschen des Würstchenfeuers. Mit Seewasser.

Wir begegneten gestern allerdings für diese Jahreszeit überraschend vielen (also was in Finnland „viele“ heisst) Leuten.

Vielleicht ist doch der eine oder andere statt ins Einkaufszentrum in den Wald gegangen. Oder es wollten ganz viele die Chance nutzen, nochmal rauszugehen, bevor vielleicht auch das nicht mehr geht.