Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Helsinki-Kurzurlaub, Schlechtwetterversion

Es hätte schlimmer sein können. Denn die Wettervorhersage hatte uns auf Sturm und Dauerregen von Freitagabend bis Sonntagnachmittag vorbereitet – was uns die Vorfreude aber nicht getrübt hatte, denn die liebste Freundin und ich haben Jahr für Jahr die gleichen wetterunabhängigen Pläne für unseren gemeinsamen Helsinki-Kurzurlaub: stundenlang in Cafés sitzen und ungestört reden, stundenlang planlos durch die Stadt laufen und ungestört reden und stundenlang in der Sauna sitzen und ungestört reden.

(Und man kann ja auch nicht jedes Jahr solches Glück mit dem Wetter haben wie wir es letztes Jahr hatten.)

Aber der Regen kam dann erst, als wir schon zwei Stunden kreuz und quer über Suomenlinna spaziert waren und dabei immer noch neue Ecken entdeckt hatten.

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Politische Sakralarchitektur.

Irritierenderweise habe ich auch erst diesmal gelernt, dass die gewaltige Kirche von Suomenlinna bis zur Unabhängigkeit Finnlands eine orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und allem Drum und Dran war. Dann entschied man, dass gleich zwei orthodoxe Kirchen nicht in das Bild einer finnischen Stadt passen und besonders für Suomenlinna eine Kirche, die an die russische Besatzung erinnert, unpassend ist. Innen drin wurden alle Ikonen und aller Prunk entfernt und ein schlichter evangelischer Altar errichtet, die vier kleinen Zwiebeltürme wurden abgerissen, und der Hauptturm bekam eine neue Turmhaube samt Leuchtfeuer unterm nunmehr nur noch einfachen Kreuz. Die martialische Begrenzung aus Kanonenrohren und armdicken Ketten durfte allerdings stehenbleiben.

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Suomenlinna-Lektüre.

Das Buch – bisher leider nur auf Finnisch und Italienisch erhältlich – fiel mir letztes Jahr in der Bibliothek in die Hände, und ich nahm es für den grossen Herrn Maus mit. Was ihn dazu brachte, das Buch nach zwei Kapiteln wegzulegen – „Ich kenne diese ganzen Orte da ja gar nicht, und die haben auch alle ganz seltsame Namen!“ – fand ich wiederum besonders toll. Es ist kein Muss, sich auf Suomenlinna auszukennen, um die Handlung zu verstehen – zumal vorn sogar eine Karte, auf der alle wichtigen Plätze eingezeichnet sind, abgedruckt ist – aber es ist andererseits besonders vergnüglich, wenn man den Ort der Handlung so genau kennt. (Ausserdem habe ich mich natürlich schon im dritten Kapitel in die gürteltierähnlichen Erwins, die die Bastionen und unterirdischen Gänge Suomenlinnas bewohnen, verliebt.)

Umgekehrt liebe ich es, Orte aus Büchern aufzusuchen – ich bin auch schon auf Jaroslav Seiferts Spuren durch Prag spaziert – und ohne dieses Buch hätten wir den einzigen Park Suomenlinnas samt Süsswasserteich vermutlich auch dieses Mal immer noch nicht entdeckt!

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Bahnfahren.

Die liebste Freundin und ich stimmen unsere Reisepläne immer so ab, dass wir möglichst gleichzeitig ankommen und abfahren. So kam ich nach Jahren – ich glaube, das letzte Mal war mit dem kleinen Fräulein Maus im Kinderwagen – mal wieder dazu, Pendolino zu fahren. Allerdings fehlen in Finnland die entsprechenden Kurven fürs richtige Fahrvergnügen. Kann ich auch nächstes Mal wieder Doppelstock-Intercity fahren.

„Die Schaffnerin auf der Hinfahrt sah aus wie eine Balletttänzerin“, erzählte ich dem Ähämann Sonntagabend.
„Ach, Niina?“
„Ja, genau, Konduktööri Niina! Wer das auf der Rückfahrt war, weiss ich nicht, der hatte kein Namensschild dran, und bei der Ansage hab‘ ich’s auch nicht verstanden.“
„Dann war’s vielleicht der savolainen konduktööri, der nuschelt immer so.“
„Der hatte so ’ne riesige Gürteltasche…“
„Ja, genau. Und sieht immer bisschen abgerissen aus…“
„Und schwarze Haare? Und geht so’n bisschen vornübergebeugt?“
„Ja, genau. Das war Savolainen konduktööri!“ (Der hat beim Ähämann seinen Spitznamen daher, dass mal, nachdem er eine Ansage gemacht hatte, der ganze Waggon unisono „Ein Schaffner aus Savo!“ – ausrief, denn die Leute aus Savo sind die Sachsen Finnlands oder so.)

Der Ähämann kennt sie alle.
(Dabei fährt er eine völlig andere Strecke. Finnland ist wirklich ein Dorf.)


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Grossflächige Sauna

Was tut man am heissesten Wochenende des Jahres, wenn das Thermometer endlich auf über 30 Grad klettert?
Man fährt mit Dampfloks und besichtigt laufende Dampfmaschinen, ganz klar.

In Minkiö ist jedes Jahr im Juli „Dampffestival“. Das ist viel besser, als nur mit der Museumsschmalspurbahn hin und her zu fahren, und ich weiss wirklich nicht, warum wir vor neun Jahren zum letzten Mal dort waren. (Da war es übrigens ähnlich heiss.)

Diesmal fuhren wir gleich von Turku aus mit dem Zug hin und stiegen in Humppila in den Dampfzug um. (Was mich ja immer noch völlig begeistert, ist, dass finnische Dampfloks mit Holz statt mit Kohle befeuert werden. Und es ist auch ein bisschen verwirrend, weil für mich die Dampflok das richtige Geräusch macht, aber falsch riecht.)

Ausser all den Schmalspurloks, die sie da bei der Museumsbahn im Laufe der Jahre zusammengetragen haben, gab es auch dampfbetriebene Feuerwehrspritzen, Steinmühlen, Holzspalter und Wasserpumpen zu sehen. Für Kinder fuhr ein dampfmaschinebetriebenes Karussell! Man konnte so oft man wollte zwischen Humppila und Jokioinen hin und her fahren, man durfte eine Draisine ausprobieren, für Kinder gab es kostenlos Zuckerwatte, ein Reitpferd und eine Hüpfburg, und die allernetteste Geste war vielleicht, dass jemand einen Rasensprenger zur Abkühling auf die grosse Wiese neben der Hüpfburg gestellt hatte, um den die Kinder juchzend herumsprangen und von dem sich auch der eine oder andere Erwachsene dankbar berieseln liess.

Zurück nach Humppila brachte uns eine sowjetische Diesellok, weil der Dampflok bei 33 Grad im Schatten das Wasser zu warm war.

Und was soll ich sagen? Am Ende des Tages fühlte sich so ein elektrisch betriebener, nicht nach Holzfeuer riechender, fast lautlos auf den Schienen dahingleitender und vor allem klimatisierter Zug doch sehr angenehm an.


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Zug mit Botschaft

Für Freitagabend hatten der Ähämann und ich fliegende Autoübergabe am Bahnhof geplant. Zum Glück hatten wir kurz vorher doch noch alles so geregelt, dass wir beide sowohl zum als auch vom Bahnhof Bus fahren konnten, denn des Ähämanns Zug hatte zum ersten Mal, seitdem er seit August nahezu täglich nach Tampere pendelt, mehr als fünf Minuten Verspätung.

So begab ich mich also schon mal zu meinem Bahnsteig, auf dem der Zug nach Helsinki schon bereitstand, und kriegte erstmal Herzchenaugen: der letzte Waggon war der mit der Speziallackierung!

Nun sind finnische Züge ja sowieso ausnehmend hübsch lackiert: da sind Singschwäne auf den normalen Waggons, fischende Bären auf den Speisewagen, Eulen auf den Schlafwagen und Rentiere auf den Autowaggons nach Lappland. Und überhaupt kann man allerlei nette Sachen auf seine Waggons malen, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt:

Speisewagen.

Und das alles in Grün, weil Zugfahren, so der Slogan der Finnischen Bahn, „die grünste Wahl“ ist.

Nun aber stand da der weisse Waggon mit den Bilderrahmen um die Fenster, von dem ich bisher nur Fotos gesehen hatte. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Finnland hatte die Finnische Bahn einen Wettbewerb für Jugendliche ausgeschrieben unter dem Motto „Im selben Boot Zug“, den eine Sechzehnjährige aus Vaasa gewann. (Hier gibt’s ein nettes Video dazu.) Es gibt diesen Waggon nur einmal, und er wird mal hier und mal da an einen Intercity gehängt und fährt kreuz und quer durch Finnland. Und Freitagabend stand er vor mir, und ich konnte sogar mitfahren!

Unser Zug wartete dann doch noch fünf Minuten auf den aus Tampere, wegen der Umsteiger. Und damit ich den Ähämann nochmal küssen konnte.


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Halt auf freier Strecke

Freitagnachmittag, im Zug von Turku nach Helsinki.

12:04 Uhr: Der Zug ist bis auf den letzten Platz belegt, aber dank der obligatorischen Platzreservierung beim Fahrkartenkauf sitze ich auf genau dem Fensterplatz im Doppelstockwaggon oben, auf dem ich gerne sitzen wollte, alle haben gerade dem Schaffner ihre Handys hingehalten und er hat – „piep, piep“ rechts, „piep, piep“ links – mal eben in 30 Sekunden die Fahrkarten des gesamten Waggons kontrolliert, draussen zieht bepuderte Landschaft vorbei, die Geschwindigkeitsanzeige steht auf konstanten 160 km/h… da bremst der Zug scharf. Bitte nicht schon wieder ein Elch!, denke ich.

12:05 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Es gibt einen technischen Defekt an der Lok. Der Lokführer geht jetzt mal gucken, was da los ist.“ Man sieht den Lokführer in Warnweste vom Steuerwagen am Anfang des Zuges zur Lok am Ende des Zuges stiefeln.

12:10 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Der Lokführer telefoniert jetzt, damit wir die Passagiere auf die eine oder andere Art ans Ziel bringen können.“ Och nö, denke ich, Busfahren hätte ich billiger haben können…

12:15 Uhr: Automatische Ansage vom Band auf Finnisch, Schwedisch und Englisch: „Wir halten wegen eines technischen Defekts und bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

12:25 Uhr: Durchsage vom Lokführer persönlich: „Wir haben also ein Problem mit der Bremse, die hat sich aus irgendeinem Grund automatisch angezogen. Wir arbeiten dran. Für die Passagiere nach Hanko haben wir einen Bus bestellt.“

12:27 Uhr: Das Kaffeewägelchen kommt zum zweiten Mal: „Jemand vielleicht was zu Trinken…?!“

12:30 Uhr: Durchsage vom Lokführer: „Wir müssen ein Rohr wechseln, damit sich die Bremse wieder löst. Das schaffen wir hoffentlich von Hand!“

12:33 Uhr: Der Zug rollt los. Die klemmende Bremse wurde offensichtlich gelöst. (Hoffentlich lässt sie sich auch noch anziehen…!)

12:37 Uhr: Wir halten in Salo. Die Bremse scheint zu funktionieren.

Eine Stunde vor Helsinki sagt der Schaffner neue Anschlusszüge durch und weist auch nochmal auf den Bus nach Hanko hin. In Karjaa steht tatsächlich schon ein Bus direkt neben dem Bahnsteig bereit. Eine halbe Stunde vor Helsinki geht der Schaffner nochmal von Passagier zu Passagier und erstellt neue, personalisierte Reisepläne. Eine Viertelstunde vor Helsinki sagt der Schaffner nochmal alle neuen Anschlusszüge durch, vor allem auch die zum Flughafen, und bittet alle Passagiere, sich wegen Entschädigung gleich an den Kundendienst der Bahn zu wenden.

Mit 35 Minuten Verspätung treffen wir in Helsinki ein.

Am Bahnsteig steht die liebste Freundin, die eigentlich zehn Minuten nach mir ankommen sollte, und lacht: „Das war ja wie meine Zugfahrt von Joensuu…!“

Schon allein für ihre Informationspolitik muss man die finnische Bahn lieben.


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Im Schlaf reisen

Eines der besten Dinge am Lapplandurlaub ist die Anreise.

„Können wir bald mal wieder mit dem Schlafzug fahren?!“ hatten die Kinder früher das ganze Jahr über zwischen zwei Lapplandurlauben genauso sehnsüchtig gefragt wie in den letzten beiden Jahren, in denen wir nicht in Lappland waren.

Und es ist ja auch wirklich ganz wunderbar, so mit Eulen durch die Nacht zu ziehen.

Und dann am späten Vormittag ausgeruht anzukommen, den Herrn Picasso aus dem Waggon mit den Rentieren drauf zu holen und ihn die letzten läppischen 100 km der Reise erledigen zu lassen.

(Und man kann bis zur letzten Minute im Urlaub bleiben und Montagfrüh direkt vom Bahnhof in den Kindergarten, in die Schule und auf Arbeit gehen.)


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Blitz, Donner und Dampf

Wir waren ein bisschen unpassend gekleidet.

Die dunklen Sachen, die ruhig ein bisschen Öl und Russ vertragen, hatten wir freilich an. Aber das mit den Gewittern, das hatte ich einfach ignoriert. (Wenn in der Wettervorhersage für Turku eine Gewitterwarnung steht, dann gewittert es nie!)

Zum Glück ist es in der Nähe einer Dampflok immer schön warm.


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Der Weg als Ziel (2)

Das war die schönste und entspannteste Reise nach Deutschland, die wir je gemacht haben!

Am Anfang war es eher so eine Schnapsidee gewesen: wenn der “Viehtransport“ inzwischen ausser Frage steht, Fliegen zu teuer ist, Autofahren zu langweilig – vielleicht sollten wir ja einfach mal den Zug nehmen?!

Der Ähämann begann sofort zu recherchieren und fand eine super Verbindung: wenn wir über Nacht mit der Fähre nach Stockholm führen, dort am nächsten Morgen einen Zug nach Kopenhagen besteigen und dann noch einmal in Hamburg umsteigen würden, könnten wir noch vor Mitternacht bei der Papaoma sein. Wow!

Ganz so einfach war es dann doch nicht. In den Herbstferien fährt der Eurocity von Kopenhagen nach Hamburg nicht, den wir für die Verbindung bräuchten. Im Sommer dagegen baut die dänische Bahn an allen Ecken und Enden, und der Eurocity fährt fünf Minuten früher in Kopenhagen los, als wir aus Stockholm dort ankommen. Zudem gibt es derzeit an den meisten Wochentagen Schienenersatzverkehr. Fünf Stunden mit dem Bus von Kopenhagen nach Hamburg?! Äh… nee! Und dann muss man ja auch noch irgendwie zurückkommen, und zwar so, dass wir gegen 19 Uhr wieder in Stockholm am Fährhafen sein könnten.

Und das Ganze mit den Kindern – die zwar gleich gejubelt hatten, hurra, nicht mit dem Auto, nicht angeschnallt sein – aber fünfzehn Stunden im Zug mit einem Pulverfass aus drei übermüdeten, gelangweilten Kindern?!

Es ging wunderbar.

Wir bestiegen abends ein Fährschiff, stellten uns den Wecker auf sehr früh und kamen halb sieben im sonntagsstillen Stockholm an. Wir fuhren eine (lange) Station Bus und zwei Stationen Tunnelbana. Der Jubel war gross, als – die Stockholmer U-Bahnen haben ja alle Namen – beim Aussteigen am Hauptbahnhof am Gegengleis gerade die U-Bahn mit dem Namen des grossen Herrn Maus einfuhr!

Dann flog ein silberner Schnellzug mit uns durch schwedische Wälder – dank Neigetechnik uns ab und zu das Gefühl gebend, gleich in einen See zu kippen – dann über die grosse Brücke und durch den grossen Tunnel, und dann spuckte er uns schon auf einen kleinen, beschaulichen Bahnsteig in Kopenhagen. Fünf Stunden um! Die Kinder hatten Musik gehört, in ihren Aufgabenbüchern herumgemalt, Süssigkeiten gegessen, zum Fenster rausgeguckt… und fast überhaupt kein bisschen gequengelt und gestritten.

Wenn die dänische Bahn nicht bauen würde, hätten wir eine halbe Stunde später weitergemusst, so aber war der eigentliche Anschlusszug planmässig schon weg. Der Zug zwei Stunden später war, als wir unseren Plan fassten, schon ausgebucht – was sich im Nachhinein noch als Glücksfall herausstellen sollte, denn mit dem wären wir höchstwahrscheinlich nachts um eins in Köln gestrandet – und so hatten wir vier Stunden Zeit, uns Kopenhagen anzusehen, das Mittagessen nachzuholen und die Kinder zu lüften. Perfekt.

Dann ging’s weiter, die nächsten fünf Stunden bis Hamburg. Eher bummelzugmässig zockelte der Eurocity von einer dänischen Kleinstadt zur nächsten durch die – Dänemarkliebhaber mögen mir verzeihen! – doch recht langweilige dänische Landschaft. Immerhin fuhren wir nochmal über eine imposante Brücke – die ich mir aber nicht richtig angucken konnte, weil da gerade der kleine Herr Maus schlafend an meiner Brust lehnte. Immerhin waren wir auf die Minute pünktlich am Fährhafen in Rødby. Nur die Fähre nicht. Kollektives Aufstöhnen im Zug bei der Durchsage, die Fähre hätte mindestens 20 Minuten Verspätung. (Die Passagiere aber hatten allesamt nicht mehr als 15 Minuten Umsteigezeit in Hamburg.) Wir alle fünf fuhren zum ersten Mal in unserem Leben mit einer Eisenbahnfähre. Wie aufregend! Es regnete und stürmte, aber wir sprangen dennoch ein bisschen auf dem Oberdeck herum und waren fast froh, als wir wieder aufs Autodeck und in den warmen Zug klettern durften. In Hamburg kamen wir mit 15 Minuten Verspätung an, legten einen Sprint vom äussersten Ende von Gleis 8 – weiss der Geier, warum der Zug fast wieder aus dem Bahnhof herausfuhr, ehe er endlich anhielt – zu Gleis 14 über dieses dämliche Hochdingens ein („Da müssen Sie nur einmal hoch und einmal wieder runter, das ist ganz einfach!“, hatte uns der Schaffner im Eurocity erklärt. Ja, vielleicht wenn man nicht rennen muss. Und nicht drei Kinder an der Hand und fünfzehn Kilo Gepäck auf dem Rücken hat. Und es nicht gerade nachts um elf ist.) und standen dann ziemlich verblüfft auf einem leeren Bahnsteig, auf dem eigentlich unser Zug nur noch auf uns warten sollte. (Fünf Minuten später wurde der Zug dann immerhin auch schon angezeigt, seinerseits schon mit 15 Minuten Verspätung aus Altona.)

Und nochmal fünf Stunden Zugfahrt. Wenn der Schaffner nicht alle halbe Stunde aus dem Lautsprecher die nächsten Halte, das Ausmass der Verspätung und die nachts zum Glück nur spärlich vorhandenen Anschlüsse gebrüllt hätte, hätten auch wir Erwachsenen prima schlafen können in dem uralten Intercity-Waggon, in dem man die Sitze zu einer grossen Liegefläche zusammenschieben kann. Bochum und Essen immerhin habe ich verschlafen.

4:15 Uhr kamen wir in Bonn Hauptbahnhof an, 4:25 Uhr bestiegen wir die erste U-Bahn, halb sechs lagen wir alle im Bett. Und wachten alle erst um elf wieder auf. Zwei Stunden später sass ich mit den beiden grossen Mäusekindern im Kino zur letzten Vorstellung von „Rico, Oskar und das Herzgebreche“. Völlig erholt und ausgeschlafen.

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Auf der Rückfahrt nahmen wir sämtliche höchstwahrscheinlich eintretende Verspätungen locker. Hatten wir doch eine Zwischenübernachtung in Kopenhagen organisiert und bei jedem Umsteigen die Möglichkeit, auch noch den nächsten oder übernächsten Zug zu nehmen. Der Intercity aus Frankfurt hatte dann bis Bremen tatsächlich keine einzige Minute Verspätung, und wir sahen uns schon gemütlich in Hamburg über dieses dämliche Hochdingens zum ICE nach Kopenhagen schlendern, da… wurde uns mitgeteilt, es hätte in Wagen 10 einen Steinschlag gegeben und man könne jetzt wegen herausfallender Scherben nicht schneller als 50 km/h bis Hamburg fahren. Wir kamen dann nach beschaulicher Fahrt – das Fräulein Maus schrieb noch eine Seite Ferientagebuch, der grosse Herr Maus las noch zehn Seiten Donald Duck, ich las dem kleinen Herrn Maus zum dreihundertsechsundfünfzigsten Mal „Manuel und Didi“ vor – mit immerhin nur 36 Minuten in Hamburg an, wo der ICE nach Kopenhagen natürlich längst weg war. Am Infoschalter drückte man uns als Antwort auf die Frage, wie das denn nun mit der Platzreservierung im nächsten Zug wäre, schweigend einen amtlichen Verspätungsstempel auf unsere schon total zerlöcherte und bestempelte Fahrkarte und verwies uns ans Reisezentrum, an dem am einzigen für Dänemark zuständigen Schalter schon ungefähr achtzig Leute anstanden. Der ganz ungefragt und unverhofft erhaltene Stempel rettete uns letztendlich die Rückfahrt, denn nachdem ungefähr jeder zweite der achtzig Leute mit den Worten „ausgebucht“, „reservierungspflichtig“, „kann ich auch nicht ändern“ weggeschickt worden war, war uns egal, ob wir noch irgendeinen Sitzplan bekämen, wenn man uns nur überhaupt mitnähme. Der Stempel aber garantierte uns glücklicherweise einen Platz im Zug, dessen Eingänge von der Bahnpolizei bewacht wurden und in dem sämtliche deutsche Schaffner echt Haare auf den Zähnen hatten. (Zustände…! So muss man sich als Flüchtling fühlen…) Wir fanden zu fünft immerhin noch drei Klappsitze neben einem Kleinkindabteil, das ein Vater mit drei Kindern gebucht hatte, und in dieser Kinderecke hatten wir es die nächsten fünf Stunden dann doch ganz nett und gar nicht so unbequem. Und Fähre fuhren wir ja auch wieder. Einmal ganz gefahrlos einen ICE streicheln und unter seinen Bauch gucken, während wir uns auf dem Weg zum Oberdeck an ihm vorbeiquetschen mussten…

Am nächsten Mittag stiegen wir in einen früheren und offensichtlich falschen Zug über den Öresund, für dessen Benutzung uns vom dänischen Schaffner 150 Euro Strafe pro Person (!) in Aussicht gestellt, aber stillschweigend erlassen wurden, und in Malmö wieder in den silbernen, schwankenden Schnellzug nach Stockholm, und obwohl wir alle ein bisschen müde waren, gingen auch diese fünf Stunden erstaunlich schnell und friedlich rum. Das Fräulein Maus löste Kreuzworträtsel, der grosse Herr Maus kritzelte in seinem Aufgabenbuch, dem kleinen Herrn Maus las ich zum dreihundertachtundfünfzigsten Mal „Manuel und Didi“ vor, alle drei hörten stundenlang Musik und guckten zum Fenster raus, und eigentlich hatten wir viel zu viel überflüssiges Beschäftigungszeugs dabei. Und als wir schliesslich zehn Minuten zu früh in Stockholm ankamen, war ich fast ein bisschen traurig, dass die ganze Zugfahrerei schon wieder vorbei war.

Noch zwei Stationen Tunnelbana, eine (lange) Station Bus, und dann teilte man uns am Fähr-Check-in freundlicherweise eine Aussen- statt der gebuchten Innenkabine zu, und wir beguckten uns noch lange die Schären im Abendlicht, und als ich nachts einmal aufwachte, schien der Vollmond über glattgeschliffenen Felseninseln und warf einen breiten Lichtteppich aufs Meer, und dann klingelte der Wecker viel, viel, viel zu zeitig, und dann fuhren wir noch zweimal Bus, und dann waren wir wieder zu Hause.

***

(Dass die Kinder 15 Stunden wie die Engel zugfahren können, heisst übrigens nicht, dass sie in 30 min Zugfahrt vom Urlaubsort zum besten ehemaligen Kindergartenfreund nicht dermassen austicken können, dass fremde Omas ihnen Bonbons überreichen mit den Worten: “Dann seid ihr aber still, ja?!”)


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Der Weg als Ziel

Als wir gerade zu unserer Reise aufgebrochen waren, war uns eine Horde Vorschuljungs entgegengekommen, die den grossen Herrn Maus zum Spielen hatte abholen wollen.

„Nach Deutschland?!“ hatte der eine gefragt, war ein paar Schritte neben uns hergelaufen und hatte unsere grossen Rucksäcke beäugt: „Zu Fuss, oder was?!“

Zu Fuss. Und mit dem Bus. Und dem Schiff. Und vor allem mit dem Zug.

Turku, 19:50 Uhr.

Stockholm Stadsgården, 6:25 Uhr.

Stockholm Slussen, 6:55 Uhr.

Stockholm Hauptbahnhof, 8:10 Uhr.

Öresundbrücke, 13:05 Uhr.

Kopenhagen Hauptbahnhof, 13:25 Uhr.

Kopenhagen, 16:10 Uhr.

Kopenhagen Hauptbahnhof, 17:05 Uhr.

Rødby, Eisenbahnfähre, 20:05 Uhr.

Fehmarnbelt, 20:15 Uhr.

Hamburg Hauptbahnhof, 22:48 Uhr.

Hamburg Hauptbahnhof, 22:55 Uhr.

Bonn, 4:20 Uhr.