Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 3: Riga-Šiauliai

Seit pandemiebedingt überall so wenige Touristen sind und Ferienwohnungen in Hülle und Fülle und zu annehmbaren Preisen verfügbar, bucht der Ähämann unsere Unterkünfte nach Ausblick.

Als wir aufwachten, guckten wir auf blauen Himmel, Hansehäuser und den Rigaer Dom. Vom Küchenfenster auf die Petrikirche. Und für den kleinen Herrn Maus, unseren Flaggenfan, wehte hier und dort gut sichtbar die eine oder andere lettische Flagge.

Architektonischer Fakt am Rande: genau so, wie der Turm des Rigaer Doms, würde der Turm des Turkuer Doms auch aussehen, wenn er nicht beim Grossbrand 1827 abgebrannt wäre und von Herrn Engel einen moderneren verpasst bekommen hätte.

Der Plan für den Tag war: die Rucksäcke in Schliessfächer am Bahnhof bringen, die beeindruckenden Rigaer Markthallen zwecks weiterer Reiseproviantbeschaffung aufsuchen, ein bisschen kreuz und quer durch Riga laufen, gut essen gehen und abends den nächsten Zug besteigen.

Auf dem Weg zu den Markthallen hatten wir aber alle plötzlich keine Lust mehr auf den Umweg über den Bahnhof und uns an Tag drei auch irgendwie schon an die Last auf dem Rücken gewöhnt, und so behielten wir die Rucksäcke einfach auf. Am Rest des Planes allerdings hielten wir fest.

Symbolbild Markthallenbesuch. Nein, zersägte Klumpen Fleisch haben wir nicht gekauft. Auch die halben Schweinsköpfe, riesigen Rinderzungen, Schweineherzen und Rinderlebern liessen wir schaudernd, aber staunend – „So gross sind die?“ – liegen.

Den Rest des Tages liefen wir durch ein sonnenbeschienenes, herbstgelbes, touristenleeres Riga. So schön!

Diesmal statteten wir auch Milda, die hoch oben auf dem Freiheitsdenkmal steht, einen Besuch ab. Milda ziert auch die lettischen Euromünzen, und ab jetzt – endlich! – werde ich lettische und litauische Münzen nie mehr verwechseln.

Das Freiheitsdenkmal wurde 1935, zu Zeiten der ersten Unabhängigkeit Lettlands, errichtet und hat wundersamerweise die Zeit der sowjetischen Besatzung überlebt. Dass die drei Sterne, die Milda in die Höhe hält und die drei Regionen Lettlands verkörpern sollen, in dieser Zeit offiziell zu Sowjetsternen und einem Symbol des Zusammenhalts der drei baltischen Sowjetrepubliken umgedeutet wurden, scheint mir ein recht geringer Preis dafür.

In Riga kamen zum ersten Mal überhaupt unsere vier Impf-QR-Codes zum Einsatz. Die Letten nennen es Covidpass, wie verwirrenderweise auch das lettische Covid-Einreiseformular heisst, für dessen korrektes Ausfüllen man ebenfalls einen QR-Code bekommt. Nachdem wir aus einer Bäckerei mehr oder weniger unfreundlich wieder rausgeschmissen worden waren, nachdem wir auf die Aufforderung „Covidpass!“ den Einreise-QR-Code gezeigt hatten, der aber logischerweise für die Coronapass-App der Bäckerei nicht lesbar gewesen war, ging uns auf, dass man eigentlich unsere Impfbescheinigung hatte sehen wollen.

(Lacht ruhig, wir kommen aus Finnland…!)

Ich fand es jedenfalls nach anderthalb Jahren Eigenverantwortung und Risiken-selbst-abschätzen sofort total beruhigend; schliesslich haben wir ja auch immer noch ein ungeimpftes Kind dabei. Noch beeindruckender fand ich, dass unsere finnischen Codes in der deutschen Corona-App – fragt nicht; ich glaube, ich erzähle dazu am letzten Reisetag was – mit der lettischen Impfpass-Lese-App der Kellnerin reibungslos zusammenarbeiteten. Sagte ich schon, dass EU toll ist?!

Hinterher noch kurzer Supermarktbesuch zur Vervollständigung des Reiseproviants.

Während sich, wenn wir mit dem Auto reisen, jeden Tag mehr Lebensmittel und angebrochene Lebensmittelpackungen ansammeln, waren wir als Rucksacktouristen diesmal wirklich diszipliniert (und hatten trotzdem nicht das Gefühl, auf irgendwas verzichten zu müssen). Wir kauften jeweils nur eine Halbliter-Milchpackung, die garantiert nach dem nächsten Frühstück leer wäre, nur eine Flasche Bier, nur einen Liter Saft, Kaffeesahne in Minipäckchen (die wir allerdings in des Fräulein Maus  ehemalige „250-ml- Vollmilch-in-die-Schule-transportier-Thermosflasche“ umfüllten), nur eine Sorte Käse, möglichst ein Brot, das sich sowohl für Abendbrot als auch für Frühstück eignet, den einen Milchreis, den das Fräulein Maus wollte, den einen Apfel, den sich der kleine Herr Maus wünschte. Wir zogen abends mit leichtem Gepäck in unsere Ferienwohnungen ein und am nächsten Morgen mit noch leichterem Gepäck wieder aus.

(Bis zur Rückreise jedenfalls. Da mussten wir uns leider schon mehrere Tage vor Heimkehr die Rucksäcke mit lettischem Bier, lettischem Apfelblütenhonig und estnischer Rhabarberlimonade vollladen.)

Abends halb acht bestiegen wir den nächsten Zug.

Normalerweise – ohne Pandemie und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze – könnte man mit der ukrainischen Bahn von Riga über Vilnius und Minsk bis nach Kiew fahren. Zur Zeit aber bleibt einem zwischen Riga und Vilnius eigentlich nur der Bus.

Eigentlich. Denn der Ähämann hattet uns zumindest für die Hinreise eine Reisemöglichkeit aufgetan, die möglichst viel – wenn auch nicht ausschliessliches – Zugfahren beinhaltete, dafür mit einer zusätzlichen Übernachtung in Šiauliai, einer Industriestadt im Norden Litauens, von der noch nie jemand etwas gehört hat, die aber einen für unsere Reisepläne äusserst wichtigen Bahnhof besitzt, verbunden war.

Šiauli.. was? Šiauliai. Hihi. Šiauliai! Wir alle fanden den Namen schon Wochen vor der Reise so toll, dass der kleine Herr Maus, wann immer ihn die Vorfreude übermannte, „Šiauliai!“ ausrief, woraufhin wir anderen bekräftigend, ebenfalls voller Vorfreude, „Šiauliai!!!“ antworteten. „Šiauliai!“ wurde gewissermassen zum Motto unserer Reise.

Zunächst fuhren wir mit einem weiteren lila-gelben Rumpelzug, diesmal elektrisch, ins südlettische Jelgava.

Während der Zug zwischen Valga und Riga offensichtlich irgendwann in den letzten 30 Jahren innen mal modernisiert und mit deutschen (!) Reisebussitzen ausgestatt wurde, fährt man zwischen Riga und Jelgava HolzKunstlederklasse. Sollte uns recht sein. Die lettischen Züge waren mit Abstand die coolsten. Und billigsten: wir bezahlten 1,89 € pro Person. Dafür bekommt man anderswo ja nicht mal mehr ein Strassenbahnticket!

Ein bisschen schade war, dass es schon wieder dunkel war, als wir über die grosse, eiserne Eisenbahnbrücke über die unglaublich breite Daugava rollten, die ja quasi den Anstoss zu dieser Reise gegeben hatte, und dass wir auch sonst nicht viel von der Landschaft sahen.

Nach einer Dreiviertelstunde kamen wir in Jelgava an, wo wir erst eine halbe Stunde in der Bahnhofshalle absassen und dann eine Viertelstunde bibbernd und ein bisschen aufgeregt mutterseelenallein auf dem Bahnhofsvorplatz standen und auf den Flixbus warteten, der uns hoffentlich wirklich da abholen würde. (Dass sich der Ähämann die Flixbus-App heruntergeladen hatte und wir in Echtzeit sehen konnten, wo sich der Bus gerade befand, war tatsächlich recht beruhigend.) Der Bus kam dann auf die Minute pünktlich aus dem mittlerweile schon sehr weit entfernten Tallinn und schaukelte uns eine reichliche Stunde über schnurgerade zunächst lettische, bald litauische Landstrasse von Jelgava nach Šiauliai. (Zwischendurch gab es noch einen Tankstopp, bei dem der Busfahrer knapp 200 Liter Diesel in den Bustank gluckern liess.) Wir waren nicht nur die einzigen, die in Jelgava in den Bus einstiegen, sondern auch die einzigen, die in Šiauliai wieder ausstiegen. Dann fuhr der Bus Richtung Warschau, wo er 17 Stunden nach Abfahrt in Tallinn ankommen würde, in die Nacht davon.  Ich musste an die Ukrainerin denken, die in meinem Jahr in Bielefeld im gleichen Studentenwohnheim gewohnt hatte und vom Jahnplatz aus mit dem Bus nach Kiew fuhr, wenn sie ihre Familie besuchen wollte.

Halb elf jedenfalls kamen wir in Šiauliai an, wo buchstäblich schon die Bürgersteige hochgeklappt waren, liefen die paar hundert Meter zu unserem gebuchten Apartment und freuten uns einmal mehr, dass es heutzutage Türcodes und Schlüsseltresore gibt und man sich nicht mehr zu nachtschlafener Zeit mit einem Vermieter oder einer Vermieterin verabreden muss.

Im Bad wurde mir ganz sentimental zumute: da hing ein Tatramat! Ich fühlte mich sofort an den Lieblingsurlaubsort meiner Kindheit zurückversetzt: dort hatte das Vorvorvorgängermodell im Bad gehangen und gerade so viel Wasser erhitzt, dass es für zweieinhalb kurze Duschen reichte.

Ausserdem: mitternächtliche Maskenkocherei. Was muss, das muss.

Bevor wir in unsere – angesichts der Nicht-Touristigkeit des Ortes superbilligen – Betten sanken, murmelte der grosse Herr Maus noch: „Eigentlich ist ja morgen erst der erste richtige Ferientag.“ Und wir alle nickten müde, aber glücklich und dachten: „Und was wir schon alles erlebt haben…!“

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

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Tag 1: Turku-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 1: Turku-Tallinn

Bei uns ist es ja oft so, dass eine Reise den Anlass zur nächsten gibt.

Diesmal war es so: im Sommer hatte der kleine Herr Maus in Riga bei fast jedem lila-gelben Personenzug, der über die grosse, eiserne Brücke über die Daugava rollte, gefragt: „Können wir nicht auch hier mal Zug fahren?!“

Klar. Warum eigentlich nicht? Noch ehe die Sommerferien beendet waren, hatten wir einen Plan für die Herbstferien.

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Freitagnachmittag am letzten Schultag vor den Herbstferien. Die beiden Oberstufenschüler der Familie durften „Mittagskinder“ sein. Der kleine Herr Maus, der den kürzesten Schultag und den kürzesten Schulweg hat und keinesfalls die Musikstunde verpassen wollte, kam nach der letzten Stunde unverzüglich heimgeradelt. Der Ähämann und die Kinder schulterten ihre Rucksäcke und liefen zum Bus. Ich ging kurz vor den Dreierkindern aus dem Hort los und einmal quer durchs Stadtzentrum. Gleichzeitig trafen wir am Bahnhof ein.

Wir überlegten gemeinsam, dass unsere letzte gemeinsame Zugfahrt – danach waren nur das Fräulein Maus einmal zur mittelfinnischen Freundin und der Ähämann zwei- oder dreimal auf Arbeit gefahren – die nach Helsinki ins Heureka! war, noch im März 2020, als man vielleicht schon besser nicht mehr Zug gefahren wäre. Kein Wunder, dass wir alle ein bisschen vor Vorfreude, dass der schöne Teil der Reise diesmal direkt in Turku anfing, hüpften!

(Fast hatten wir uns ja schon darauf eingestellt, statt mit dem Zug mit dem Onnibus nach Helsinki fahren zu müssen, weil die Zugtickets zu Beginn und Ende der Herbstferien wahrscheinlich unbezahlbar wären. Aber – zeitige Planung zahlt sich aus: der Ähämann kaufte noch im August, noch vor Ende der Sommerferien, Tickets für uns alle fünf plus eine zusätzliche Sitzreservierung für seinen Rucksack zum sensationellen Preis von 33,00 €. Zugfahren ist ja doch viel schöner. Auch wenn jetzt endgültig alle dem Spielwaggon entwachsen sind.)

Bis auf den Ähämann sassen wir auch alle zum ersten Mal in einem Zug, der von einer Sr3 gezogen geschoben wurde:

Normalerweise hat die finnische Bahn ja keine Verspätung – es sei denn, es muss ein Rohr gewechselt werden oder es wurde ein Elch überfahren, der Sturm hat einen Baum auf die Schienen gekippt oder der Zug ist mit einem Auto zusammengestossen – aber aufgrund unglücklicher Umstände mussten wir kurz vor Helsinki doch eine Stunde lang bibbern, ob wir rechtzeitig zum Hafen kommen würden. Mit 40 Minuten Verspätung kamen wir in Helsinki an.

Das war noch nicht zu spät – aber viel Musse, den Steinmännern am Hauptbahnhof, die seit Pandemiebeginn vorbildlich Maske tragen, zuzuwinken, und die Strassenbahnfahrt vom Bahnhof zum Hafen zu geniessen, hatten wir nicht.

Das neue Fährterminal am Westhafen sahen wir zum ersten Mal aus der Fussgängerperspektive. Es ist so schön geworden! „Fast wie ein Flughafenterminal!“, sagten die Kinder. „Ein bisschen wie die Oodi!“, dachte ich.

Die Fähre war ausgebucht – zumindest die Autoplätze – und wir waren froh, dass wir inzwischen alle geimpft sind und deshalb endlich wieder Buffet gebucht haben. Damit ist nicht nur gleich das Abendbrot erledigt, sondern das spart auch den Kampf um einen bequemen Platz während der Überfahrt, wenn das Schiff so voll ist. Während bei Viking Line das Buffet nach anderthalb Stunden geschlossen wird – und auch schon nach einer Dreiviertelstunde die Vorspeisen abgeräumt werden – kann man bei Tallink, wenn man möchte, in aller Ruhe von Hafen zu Hafen im Restaurant sitzen und sich querbeet und nochmal von vorn durchs Buffet essen. Der Ähämann freute sich, dass wir diesmal beide ein Glas Wein trinken konnten. Das Auto zu Hause zu lassen, hat viele Vorteile.

Halb zehn kamen wir in Tallinn an. Neuerdings muss man für Estland auch so ein Corona-Einreiseformular ausfüllen und vor Einreise entweder geimpft, genesen oder getestet sein, aber keine Sau interessierte sich letztendlich am Hafen dafür.

Die zwei Kilometer Weg vom Hafen zu unserer Unterkunf zogen sich mit den schweren Rucksäcken und zu nächtlicher Stunde ein bisschen, aber die Reisekinder waren viel zu freudig aufgeregt, um zu murren.

Masken kochen, Zähne putzen, ins Bett fallen.
Morgen geht es schon bis nach Riga!


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Helsinki-Kurzurlaub, Schlechtwetterversion

Es hätte schlimmer sein können. Denn die Wettervorhersage hatte uns auf Sturm und Dauerregen von Freitagabend bis Sonntagnachmittag vorbereitet – was uns die Vorfreude aber nicht getrübt hatte, denn die liebste Freundin und ich haben Jahr für Jahr die gleichen wetterunabhängigen Pläne für unseren gemeinsamen Helsinki-Kurzurlaub: stundenlang in Cafés sitzen und ungestört reden, stundenlang planlos durch die Stadt laufen und ungestört reden und stundenlang in der Sauna sitzen und ungestört reden.

(Und man kann ja auch nicht jedes Jahr solches Glück mit dem Wetter haben wie wir es letztes Jahr hatten.)

Aber der Regen kam dann erst, als wir schon zwei Stunden kreuz und quer über Suomenlinna spaziert waren und dabei immer noch neue Ecken entdeckt hatten.

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Politische Sakralarchitektur.

Irritierenderweise habe ich auch erst diesmal gelernt, dass die gewaltige Kirche von Suomenlinna bis zur Unabhängigkeit Finnlands eine orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und allem Drum und Dran war. Dann entschied man, dass gleich zwei orthodoxe Kirchen nicht in das Bild einer finnischen Stadt passen und besonders für Suomenlinna eine Kirche, die an die russische Besatzung erinnert, unpassend ist. Innen drin wurden alle Ikonen und aller Prunk entfernt und ein schlichter evangelischer Altar errichtet, die vier kleinen Zwiebeltürme wurden abgerissen, und der Hauptturm bekam eine neue Turmhaube samt Leuchtfeuer unterm nunmehr nur noch einfachen Kreuz. Die martialische Begrenzung aus Kanonenrohren und armdicken Ketten durfte allerdings stehenbleiben.

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Suomenlinna-Lektüre.

Das Buch – bisher leider nur auf Finnisch und Italienisch erhältlich – fiel mir letztes Jahr in der Bibliothek in die Hände, und ich nahm es für den grossen Herrn Maus mit. Was ihn dazu brachte, das Buch nach zwei Kapiteln wegzulegen – „Ich kenne diese ganzen Orte da ja gar nicht, und die haben auch alle ganz seltsame Namen!“ – fand ich wiederum besonders toll. Es ist kein Muss, sich auf Suomenlinna auszukennen, um die Handlung zu verstehen – zumal vorn sogar eine Karte, auf der alle wichtigen Plätze eingezeichnet sind, abgedruckt ist – aber es ist andererseits besonders vergnüglich, wenn man den Ort der Handlung so genau kennt. (Ausserdem habe ich mich natürlich schon im dritten Kapitel in die gürteltierähnlichen Erwins, die die Bastionen und unterirdischen Gänge Suomenlinnas bewohnen, verliebt.)

Umgekehrt liebe ich es, Orte aus Büchern aufzusuchen – ich bin auch schon auf Jaroslav Seiferts Spuren durch Prag spaziert – und ohne dieses Buch hätten wir den einzigen Park Suomenlinnas samt Süsswasserteich vermutlich auch dieses Mal immer noch nicht entdeckt!

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Bahnfahren.

Die liebste Freundin und ich stimmen unsere Reisepläne immer so ab, dass wir möglichst gleichzeitig ankommen und abfahren. So kam ich nach Jahren – ich glaube, das letzte Mal war mit dem kleinen Fräulein Maus im Kinderwagen – mal wieder dazu, Pendolino zu fahren. Allerdings fehlen in Finnland die entsprechenden Kurven fürs richtige Fahrvergnügen. Kann ich auch nächstes Mal wieder Doppelstock-Intercity fahren.

„Die Schaffnerin auf der Hinfahrt sah aus wie eine Balletttänzerin“, erzählte ich dem Ähämann Sonntagabend.
„Ach, Niina?“
„Ja, genau, Konduktööri Niina! Wer das auf der Rückfahrt war, weiss ich nicht, der hatte kein Namensschild dran, und bei der Ansage hab‘ ich’s auch nicht verstanden.“
„Dann war’s vielleicht der savolainen konduktööri, der nuschelt immer so.“
„Der hatte so ’ne riesige Gürteltasche…“
„Ja, genau. Und sieht immer bisschen abgerissen aus…“
„Und schwarze Haare? Und geht so’n bisschen vornübergebeugt?“
„Ja, genau. Das war Savolainen konduktööri!“ (Der hat beim Ähämann seinen Spitznamen daher, dass mal, nachdem er eine Ansage gemacht hatte, der ganze Waggon unisono „Ein Schaffner aus Savo!“ – ausrief, denn die Leute aus Savo sind die Sachsen Finnlands oder so.)

Der Ähämann kennt sie alle.
(Dabei fährt er eine völlig andere Strecke. Finnland ist wirklich ein Dorf.)


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Grossflächige Sauna

Was tut man am heissesten Wochenende des Jahres, wenn das Thermometer endlich auf über 30 Grad klettert?
Man fährt mit Dampfloks und besichtigt laufende Dampfmaschinen, ganz klar.

In Minkiö ist jedes Jahr im Juli „Dampffestival“. Das ist viel besser, als nur mit der Museumsschmalspurbahn hin und her zu fahren, und ich weiss wirklich nicht, warum wir vor neun Jahren zum letzten Mal dort waren. (Da war es übrigens ähnlich heiss.)

Diesmal fuhren wir gleich von Turku aus mit dem Zug hin und stiegen in Humppila in den Dampfzug um. (Was mich ja immer noch völlig begeistert, ist, dass finnische Dampfloks mit Holz statt mit Kohle befeuert werden. Und es ist auch ein bisschen verwirrend, weil für mich die Dampflok das richtige Geräusch macht, aber falsch riecht.)

Ausser all den Schmalspurloks, die sie da bei der Museumsbahn im Laufe der Jahre zusammengetragen haben, gab es auch dampfbetriebene Feuerwehrspritzen, Steinmühlen, Holzspalter und Wasserpumpen zu sehen. Für Kinder fuhr ein dampfmaschinebetriebenes Karussell! Man konnte so oft man wollte zwischen Humppila und Jokioinen hin und her fahren, man durfte eine Draisine ausprobieren, für Kinder gab es kostenlos Zuckerwatte, ein Reitpferd und eine Hüpfburg, und die allernetteste Geste war vielleicht, dass jemand einen Rasensprenger zur Abkühling auf die grosse Wiese neben der Hüpfburg gestellt hatte, um den die Kinder juchzend herumsprangen und von dem sich auch der eine oder andere Erwachsene dankbar berieseln liess.

Zurück nach Humppila brachte uns eine sowjetische Diesellok, weil der Dampflok bei 33 Grad im Schatten das Wasser zu warm war.

Und was soll ich sagen? Am Ende des Tages fühlte sich so ein elektrisch betriebener, nicht nach Holzfeuer riechender, fast lautlos auf den Schienen dahingleitender und vor allem klimatisierter Zug doch sehr angenehm an.


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Zug mit Botschaft

Für Freitagabend hatten der Ähämann und ich fliegende Autoübergabe am Bahnhof geplant. Zum Glück hatten wir kurz vorher doch noch alles so geregelt, dass wir beide sowohl zum als auch vom Bahnhof Bus fahren konnten, denn des Ähämanns Zug hatte zum ersten Mal, seitdem er seit August nahezu täglich nach Tampere pendelt, mehr als fünf Minuten Verspätung.

So begab ich mich also schon mal zu meinem Bahnsteig, auf dem der Zug nach Helsinki schon bereitstand, und kriegte erstmal Herzchenaugen: der letzte Waggon war der mit der Speziallackierung!

Nun sind finnische Züge ja sowieso ausnehmend hübsch lackiert: da sind Singschwäne auf den normalen Waggons, fischende Bären auf den Speisewagen, Eulen auf den Schlafwagen und Rentiere auf den Autowaggons nach Lappland. Und überhaupt kann man allerlei nette Sachen auf seine Waggons malen, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt:

Speisewagen.

Und das alles in Grün, weil Zugfahren, so der Slogan der Finnischen Bahn, „die grünste Wahl“ ist.

Nun aber stand da der weisse Waggon mit den Bilderrahmen um die Fenster, von dem ich bisher nur Fotos gesehen hatte. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Finnland hatte die Finnische Bahn einen Wettbewerb für Jugendliche ausgeschrieben unter dem Motto „Im selben Boot Zug“, den eine Sechzehnjährige aus Vaasa gewann. (Hier gibt’s ein nettes Video dazu.) Es gibt diesen Waggon nur einmal, und er wird mal hier und mal da an einen Intercity gehängt und fährt kreuz und quer durch Finnland. Und Freitagabend stand er vor mir, und ich konnte sogar mitfahren!

Unser Zug wartete dann doch noch fünf Minuten auf den aus Tampere, wegen der Umsteiger. Und damit ich den Ähämann nochmal küssen konnte.


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Halt auf freier Strecke

Freitagnachmittag, im Zug von Turku nach Helsinki.

12:04 Uhr: Der Zug ist bis auf den letzten Platz belegt, aber dank der obligatorischen Platzreservierung beim Fahrkartenkauf sitze ich auf genau dem Fensterplatz im Doppelstockwaggon oben, auf dem ich gerne sitzen wollte, alle haben gerade dem Schaffner ihre Handys hingehalten und er hat – „piep, piep“ rechts, „piep, piep“ links – mal eben in 30 Sekunden die Fahrkarten des gesamten Waggons kontrolliert, draussen zieht bepuderte Landschaft vorbei, die Geschwindigkeitsanzeige steht auf konstanten 160 km/h… da bremst der Zug scharf. Bitte nicht schon wieder ein Elch!, denke ich.

12:05 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Es gibt einen technischen Defekt an der Lok. Der Lokführer geht jetzt mal gucken, was da los ist.“ Man sieht den Lokführer in Warnweste vom Steuerwagen am Anfang des Zuges zur Lok am Ende des Zuges stiefeln.

12:10 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Der Lokführer telefoniert jetzt, damit wir die Passagiere auf die eine oder andere Art ans Ziel bringen können.“ Och nö, denke ich, Busfahren hätte ich billiger haben können…

12:15 Uhr: Automatische Ansage vom Band auf Finnisch, Schwedisch und Englisch: „Wir halten wegen eines technischen Defekts und bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

12:25 Uhr: Durchsage vom Lokführer persönlich: „Wir haben also ein Problem mit der Bremse, die hat sich aus irgendeinem Grund automatisch angezogen. Wir arbeiten dran. Für die Passagiere nach Hanko haben wir einen Bus bestellt.“

12:27 Uhr: Das Kaffeewägelchen kommt zum zweiten Mal: „Jemand vielleicht was zu Trinken…?!“

12:30 Uhr: Durchsage vom Lokführer: „Wir müssen ein Rohr wechseln, damit sich die Bremse wieder löst. Das schaffen wir hoffentlich von Hand!“

12:33 Uhr: Der Zug rollt los. Die klemmende Bremse wurde offensichtlich gelöst. (Hoffentlich lässt sie sich auch noch anziehen…!)

12:37 Uhr: Wir halten in Salo. Die Bremse scheint zu funktionieren.

Eine Stunde vor Helsinki sagt der Schaffner neue Anschlusszüge durch und weist auch nochmal auf den Bus nach Hanko hin. In Karjaa steht tatsächlich schon ein Bus direkt neben dem Bahnsteig bereit. Eine halbe Stunde vor Helsinki geht der Schaffner nochmal von Passagier zu Passagier und erstellt neue, personalisierte Reisepläne. Eine Viertelstunde vor Helsinki sagt der Schaffner nochmal alle neuen Anschlusszüge durch, vor allem auch die zum Flughafen, und bittet alle Passagiere, sich wegen Entschädigung gleich an den Kundendienst der Bahn zu wenden.

Mit 35 Minuten Verspätung treffen wir in Helsinki ein.

Am Bahnsteig steht die liebste Freundin, die eigentlich zehn Minuten nach mir ankommen sollte, und lacht: „Das war ja wie meine Zugfahrt von Joensuu…!“

Schon allein für ihre Informationspolitik muss man die finnische Bahn lieben.


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Im Schlaf reisen

Eines der besten Dinge am Lapplandurlaub ist die Anreise.

„Können wir bald mal wieder mit dem Schlafzug fahren?!“ hatten die Kinder früher das ganze Jahr über zwischen zwei Lapplandurlauben genauso sehnsüchtig gefragt wie in den letzten beiden Jahren, in denen wir nicht in Lappland waren.

Und es ist ja auch wirklich ganz wunderbar, so mit Eulen durch die Nacht zu ziehen.

Und dann am späten Vormittag ausgeruht anzukommen, den Herrn Picasso aus dem Waggon mit den Rentieren drauf zu holen und ihn die letzten läppischen 100 km der Reise erledigen zu lassen.

(Und man kann bis zur letzten Minute im Urlaub bleiben und Montagfrüh direkt vom Bahnhof in den Kindergarten, in die Schule und auf Arbeit gehen.)