Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 10: Tallinn-Turku

Letzter Ferienmorgen.

Die Sonne lachte auch wieder, und nichts und niemand machte uns den Abschied leicht. Seufz.

Der Weg zum Hafen führte uns nicht nochmal durch die Altstadt, wohl aber an einem Laden vorbei, in dem wir schnell noch einen Miniproviant für die Zugfahrt von Helsinki nach Turku kauften: Quarkriegel, Nurr-Schokolade, Milchreis. Oh, und den schon in Valga besorgten und inzwischen schon wieder dezimierten kleinen Vorrat an Rhabarberlimonade konnten wir auch nochmal aufstocken! „Nimm noch eine!“, sagte der kleine Herr Maus, „Ich kriege die schon fort. Ja, auch zwei. Nein, pack mir ruhig vier Stück in den Rucksack. Ja, wirklich! Ich schaffe das!“

Beladen wankten wir Richtung Hafen.

Noch vor dem Terminal bekam ich – man mag es meinem Gesichtsausdruck ansehen – angesichts der Massen an rollkoffer- und bierwägelchenziehenden Herbstferienrückreisenden die Krise. Ich mag ja im Allgemeinen meine selbstgewählten Landsleute sehr, aber bei den Kreuzfahrern hört es echt auf.

In weiser Vorraussicht hatten wir auch für die Rückfahrt Buffet gebucht, so hatten wir nicht nur einen bequemen Sitzplatz, gutes Essen und beste Aussicht, sondern auch unsere Ruhe. Im Buffetrestaurant sitzen üblicherweise nur die Leute die Fahrzeit ab, die nicht noch schnell billigen Alkohol shoppen oder eine Runde Karaoke singen müssen.

Wehmütig schauten wir auf das sich entfernende Tallinn. Tschüss Baltikum! Das waren sicher die besten Herbstferien, die wir jemals hatten!

In Helsinki am Hafen gibt es für die Zu-Fuss-Passagiere neuerdings ein sogenanntes Ampelsystem: zweitausend Leute müssen sich in die richtige Schlange einreihen. Grün ist für die Passagiere, die eine Kreuzfahrt ohne Landgang gemacht haben – Corona ist ja immer noch nur ein Problem des Auslands –  gelb für die, die nachweisen können, dass sie voll geimpft oder genesen sind, und rot ist für alle anderen. Wir reihten uns also brav in die gelbe Schlange ein, vier Handys mit den entsprechenden QR-Codes gezückt.

Nun ist es hier ja so, dass es schon viele Jahre eine digitale Patientenakte gibt, in die man sich einloggen kann, um seine Laborergebnisse, Arztberichte und Rezepte einzusehen, Rezepte verlängern zu lassen oder zu prüfen, welche Impfungen wann aufgefrischt werden müssten. Dort findet sich neuerdings auch der EU-Coronapass. Als PDF. Das kann man sich herunterladen, ausdrucken und bei seinen Pässen liegen haben (wie wir) oder wahlweise auch die QR-Codes ausschneiden und in sein Reisetagebuch kleben (wie wir) – aber was man nicht kann, ist, den QR-Code zeitgemäss und leicht vorzeig- und prüfbar in irgendeine finnische App laden. (Man könne ja einen Screenshot machen und den bei Bedarf vorzeigen.) Wir verwenden deshalb die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut. Das war weder in Lettland noch in Litauen noch auf dem Rückweg in Estland, wo inzwischen die Coronaregeln auch verschärft worden waren, ein Problem: unser finnischer Code in der deutschen App war wunderbar mit den lettischen / litauischen / estnischen Coronapass-Lese-Apps lesbar.  Aber dann standen wir da in Helsinki am Hafen in der gelben Schlange, und die Frau, die die Coronapässe kontrollieren sollte, guckte hilflos auf meinen QR-Code und fragte dann, ob ich mal ein bisschen runterscrollen könne. Die sollte Coronapässe kontrollieren und hatte keine Lese-App…!

Ich blätterte der Frau – wegen der grünen Schlange sowieso schon auf Krawall gebürstet – unseren Stapel ausgedruckter Impfzertifikate samt unserer Reisepässe auf den Schreibtisch, durch den sie sich dann die nächsten drei Minute suchte, nicht ohne uns ausführlich zu loben, wie toll wir die Dokumente zusammengestellt hätten, und uns einen schönen Urlaub – nichts liegt natürlich näher bei fünf untereinander deutsch sprechenden Personen mit finnischen Pässen und finnischen Impfzertifikaten, die ausserdem wenngleich nicht fehlerfrei, so doch fliessend auf Finnisch kommunizieren – zu wünschen. Danke, ihr mich auch.

Während unserer Herbstferienwoche hat Finnland übrigens auch schnell den Coronapass durchs Parlament gejagt. Wir hatten allerdings zu viel erwartet, als wir dachten, wir könnten uns jetzt in Restaurants und Cafés und auf Veranstaltungen ähnlich sicher fühlen wie während unserer Reise: in Finnland gilt der Coronapass nur als Ersatz für Einschränkungen. Wenn irgendwo aufgrund der Coronalage die Bars nur bis 23 Uhr geöffnet haben, dann darf man eine Bar bis 23 Uhr ohne Coronapass besuchen, muss ihn aber vorzeigen, wenn man erst nach 23 Uhr kommt oder länger als bis 23 Uhr bleiben will.

Es ist ein Wunder, dass mir die Augen vom vielen Rollen noch nicht rausgefallen sind.

Jedenfalls liess man uns wieder ins Land, und nach einer Viertelstunde mit der Strassenbahn, einer Stunde Wartezeit am Helsinkier Bahnhof, zwei Stunden mit dem Zug und sechs weiteren Kapiteln „Herr der Diebe“ waren wir wieder in Turku. Wir verliessen den Zug etwas überstürzt, weil uns erst kurz vor Ankunft aufging – wir sind wirklich schon sehr lange nicht mehr Zug gefahren – dass Turku auf der Strecke ja zwei Bahnhöfe hat  und wir vom ersten aus viel schneller an der Bushaltestelle wären und sicher auch noch einen Bus eher schaffen würden. Kurz nach acht waren wir wieder zu Hause.

„Ich bin traurig, dass der Urlaub schon vorbei ist“, sagte der kleine Herr Maus eine Stunde später beim Zubettgehen.

Das waren wir alle.

***

Epilog.

Montagmorgen. „Mama, mein Rucksack ist so leicht!“ „Hast du was vergessen?“ „Weiss nicht.“ „Hast du dein iPad?“ „Ja.“ „Hast du geguckt, dass du wirklich alle Bücher dabei hast?“ „Ja.“ „Dann weiss ich auch nicht.“ „Weisst du was, Mama? Der fühlt sich so leicht an, weil ich mich jetzt an den schweren Rucksack gewöhnt hatte!“

Šiauliai!

***
Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga
Tag 9: Riga-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

***
Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 4: Šiauliai-Vilnius

Jemand hatte für uns an den Himmel über Šiauliai Kringel gemalt, als wir am späten Vormittag aus der Ferienwohnung traten.

Eigentlich hatte der Ähämann, angesichts der Tatsache, dass es in Šiauliai vermutlich nicht viel zu sehen und zu tun gäbe, unsere Weiterfahrt schon für halb neun geplant. Aber dann beschlossen wir gemeinsam, dass wir nach der späten Ankunft vielleicht lieber ausschlafen würden, und dass es auf drei Stunden eher oder später in Vilnius nicht ankommen würde; schliesslich wären wir ja noch ganze drei Tage da.

War gut so. Erstens waren wir ausgeschlafen, zweitens war vor der Weiterfahrt noch Zeit zum Kinderlüften.

Auf dem Weg zum Bahnhof stellte ich fest – und dieser Eindruck sollte sich bei jeder Stadt, durch die wir später fuhren, noch erhärten – dass Litauen eher der Slowakei ähnelt als seinen zwei baltischen Nachbarn. Nicht nur wegen des Tatramats im Bad. Auch die Plattenbauten sehen völlig anders aus als die geziegelten Hochhäuser Estlands und Lettlands. Und die Kirchen natürlich, die in Litauen auf einmal alle katholisch sind.

Auf dem Weg zum Bahnhof guckten wir noch schnell in die Georgskirche – das ist ja der Vorteil an katholischen Kirchen, dass die immer geöffnet sind – wo Georg beim Drachentöten auf dem Altargemälde zu sehen ist. Ausserdem war sie die erste von etlichen „konvertierten“ Kirchen, die wir auf der Reise noch sehen sollten. Denn mal ehrlich: das war doch garantiert mal eine orthodoxe statt einer katholischen Kirche!

„Danke, dass ihr hier wart!“, sagte ein altes Muttchen, das in der Kirche putzte.

Nach ebenfalls nur ein paar hundert Metern hatten wir den Bahnhof erreicht und noch ziemlich viel Zeit, um die Gesichter in die Sonne zu halten und Güterwagen zu zählen. Der längste Zug hatte 70 Waggons!

Güterverkehr spielt im gesamten Baltikum eine viel grössere Rolle als Personenverkehr, weswegen die Bahnhöfe, auch die von kleinen und kleinsten Orten, immer aussehen wie Modellbahnanlagen mit ihren vielen Gleisen und abgestellten Güterwaggons. Šiauliai liegt an einer besonders wichtigen Strecke: da kommen alle Güterzüge aus Asien durch, die zum Hafen nach Klaipeda fahren, und umgekehrt.

Während man in Finnland mit Singschwänen übers Land fliegt, reitet man in Litauen mit einem Ritter über Land. Auch nicht schlecht. Der Vytis, der ja auch auf den litauischen Euromünzen zu sehen ist, stammt aus dem litauischen Wappen und ist heutzutage allüberall in Litauen zu sehen. Zu Sowjetzeiten war der Vytis verboten – Litauen bekam ein nichtssagendes Sowjetwappen – und nur an genau zwei Orten in der Welt zu sehen: am Tor der Morgenröte in Vilnius sowie am – ausgerechnet! – Fürstenzug in Dresden!

Wir fuhren übrigens mit dem wahrscheinlich einzigen Zug der litauischen Bahn ohne Vytis aus Šiauliai ab – denn wir erwischten zufällig die baltische Variante – wegen unterschiedlicher Spurweiten leider nötig – des Connecting Europe Express. Wie passend! Der Dieseltriebwagen aus polnischer Produktion war übrigens der modernste und bequemste Zug unserer Reise.

Der Zug fuhr dann ohne Halt einfach zweieinhalb Stunden durch bis Vilnius.

Kurz vor Vilnius war die bis dahin platte Landschaft plötzlich hügelig geworden, und gleich, als wir am Bahnhof in die Stadt traten, war klar: jetzt sind wir wirklich eher in Südosteuropa als im Baltikum. (Mittlerweile hatten wir ja auch um die 900 km hinter uns gebracht.)

Die Kinder waren anfangs wenig begeistert: warum hier alles so abgeranzt aussehen müsse, ob wir das etwa schön fänden?! Derlei deutsches Spiessertum wird in unserer Familie natürlich weder kultiviert noch toleriert, weswegen wir uns auf dem Weg zur Ferienwohung den Mund fusselig redeten: Guckt zweimal hin! Manches sieht einfach nur anders aus, das heisst nicht, dass es schlechter ist! So viele alte Häuser, die kann man nicht alle ständig renovieren!

Die Ferienwohnung in der natürlich viel flächendeckender und aufwändiger restaurierten Altstadt, die seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe ist, war dann nach aller Geschmack, und nach einem Abendbrot mit Suppe und Pelmeni und Palatschinken – auch da hatten wir gleich an der Tür des Restaurants unsere Impfbescheinigungen vorzeigen müssen, um überhaupt eingelassen zu werden – ging’s dann auch insgesamt wieder, so dass sogar noch ein kleiner nächtlicher Spaziergang drin war.

Hallo Vilnius! Ich glaube, wir werden noch grosse Freunde werden!

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 3: Riga-Šiauliai

Seit pandemiebedingt überall so wenige Touristen sind und Ferienwohnungen in Hülle und Fülle und zu annehmbaren Preisen verfügbar, bucht der Ähämann unsere Unterkünfte nach Ausblick.

Als wir aufwachten, guckten wir auf blauen Himmel, Hansehäuser und den Rigaer Dom. Vom Küchenfenster auf die Petrikirche. Und für den kleinen Herrn Maus, unseren Flaggenfan, wehte hier und dort gut sichtbar die eine oder andere lettische Flagge.

Architektonischer Fakt am Rande: genau so, wie der Turm des Rigaer Doms, würde der Turm des Turkuer Doms auch aussehen, wenn er nicht beim Grossbrand 1827 abgebrannt wäre und von Herrn Engel einen moderneren verpasst bekommen hätte.

Der Plan für den Tag war: die Rucksäcke in Schliessfächer am Bahnhof bringen, die beeindruckenden Rigaer Markthallen zwecks weiterer Reiseproviantbeschaffung aufsuchen, ein bisschen kreuz und quer durch Riga laufen, gut essen gehen und abends den nächsten Zug besteigen.

Auf dem Weg zu den Markthallen hatten wir aber alle plötzlich keine Lust mehr auf den Umweg über den Bahnhof und uns an Tag drei auch irgendwie schon an die Last auf dem Rücken gewöhnt, und so behielten wir die Rucksäcke einfach auf. Am Rest des Planes allerdings hielten wir fest.

Symbolbild Markthallenbesuch. Nein, zersägte Klumpen Fleisch haben wir nicht gekauft. Auch die halben Schweinsköpfe, riesigen Rinderzungen, Schweineherzen und Rinderlebern liessen wir schaudernd, aber staunend – „So gross sind die?“ – liegen.

Den Rest des Tages liefen wir durch ein sonnenbeschienenes, herbstgelbes, touristenleeres Riga. So schön!

Diesmal statteten wir auch Milda, die hoch oben auf dem Freiheitsdenkmal steht, einen Besuch ab. Milda ziert auch die lettischen Euromünzen, und ab jetzt – endlich! – werde ich lettische und litauische Münzen nie mehr verwechseln.

Das Freiheitsdenkmal wurde 1935, zu Zeiten der ersten Unabhängigkeit Lettlands, errichtet und hat wundersamerweise die Zeit der sowjetischen Besatzung überlebt. Dass die drei Sterne, die Milda in die Höhe hält und die drei Regionen Lettlands verkörpern sollen, in dieser Zeit offiziell zu Sowjetsternen und einem Symbol des Zusammenhalts der drei baltischen Sowjetrepubliken umgedeutet wurden, scheint mir ein recht geringer Preis dafür.

In Riga kamen zum ersten Mal überhaupt unsere vier Impf-QR-Codes zum Einsatz. Die Letten nennen es Covidpass, wie verwirrenderweise auch das lettische Covid-Einreiseformular heisst, für dessen korrektes Ausfüllen man ebenfalls einen QR-Code bekommt. Nachdem wir aus einer Bäckerei mehr oder weniger unfreundlich wieder rausgeschmissen worden waren, nachdem wir auf die Aufforderung „Covidpass!“ den Einreise-QR-Code gezeigt hatten, der aber logischerweise für die Coronapass-App der Bäckerei nicht lesbar gewesen war, ging uns auf, dass man eigentlich unsere Impfbescheinigung hatte sehen wollen.

(Lacht ruhig, wir kommen aus Finnland…!)

Ich fand es jedenfalls nach anderthalb Jahren Eigenverantwortung und Risiken-selbst-abschätzen sofort total beruhigend; schliesslich haben wir ja auch immer noch ein ungeimpftes Kind dabei. Noch beeindruckender fand ich, dass unsere finnischen Codes in der deutschen Corona-App – fragt nicht; ich glaube, ich erzähle dazu am letzten Reisetag was – mit der lettischen Impfpass-Lese-App der Kellnerin reibungslos zusammenarbeiteten. Sagte ich schon, dass EU toll ist?!

Hinterher noch kurzer Supermarktbesuch zur Vervollständigung des Reiseproviants.

Während sich, wenn wir mit dem Auto reisen, jeden Tag mehr Lebensmittel und angebrochene Lebensmittelpackungen ansammeln, waren wir als Rucksacktouristen diesmal wirklich diszipliniert (und hatten trotzdem nicht das Gefühl, auf irgendwas verzichten zu müssen). Wir kauften jeweils nur eine Halbliter-Milchpackung, die garantiert nach dem nächsten Frühstück leer wäre, nur eine Flasche Bier, nur einen Liter Saft, Kaffeesahne in Minipäckchen (die wir allerdings in des Fräulein Maus  ehemalige „250-ml- Vollmilch-in-die-Schule-transportier-Thermosflasche“ umfüllten), nur eine Sorte Käse, möglichst ein Brot, das sich sowohl für Abendbrot als auch für Frühstück eignet, den einen Milchreis, den das Fräulein Maus wollte, den einen Apfel, den sich der kleine Herr Maus wünschte. Wir zogen abends mit leichtem Gepäck in unsere Ferienwohnungen ein und am nächsten Morgen mit noch leichterem Gepäck wieder aus.

(Bis zur Rückreise jedenfalls. Da mussten wir uns leider schon mehrere Tage vor Heimkehr die Rucksäcke mit lettischem Bier, lettischem Apfelblütenhonig und estnischer Rhabarberlimonade vollladen.)

Abends halb acht bestiegen wir den nächsten Zug.

Normalerweise – ohne Pandemie und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze – könnte man mit der ukrainischen Bahn von Riga über Vilnius und Minsk bis nach Kiew fahren. Zur Zeit aber bleibt einem zwischen Riga und Vilnius eigentlich nur der Bus.

Eigentlich. Denn der Ähämann hattet uns zumindest für die Hinreise eine Reisemöglichkeit aufgetan, die möglichst viel – wenn auch nicht ausschliessliches – Zugfahren beinhaltete, dafür mit einer zusätzlichen Übernachtung in Šiauliai, einer Industriestadt im Norden Litauens, von der noch nie jemand etwas gehört hat, die aber einen für unsere Reisepläne äusserst wichtigen Bahnhof besitzt, verbunden war.

Šiauli.. was? Šiauliai. Hihi. Šiauliai! Wir alle fanden den Namen schon Wochen vor der Reise so toll, dass der kleine Herr Maus, wann immer ihn die Vorfreude übermannte, „Šiauliai!“ ausrief, woraufhin wir anderen bekräftigend, ebenfalls voller Vorfreude, „Šiauliai!!!“ antworteten. „Šiauliai!“ wurde gewissermassen zum Motto unserer Reise.

Zunächst fuhren wir mit einem weiteren lila-gelben Rumpelzug, diesmal elektrisch, ins südlettische Jelgava.

Während der Zug zwischen Valga und Riga offensichtlich irgendwann in den letzten 30 Jahren innen mal modernisiert und mit deutschen (!) Reisebussitzen ausgestatt wurde, fährt man zwischen Riga und Jelgava HolzKunstlederklasse. Sollte uns recht sein. Die lettischen Züge waren mit Abstand die coolsten. Und billigsten: wir bezahlten 1,89 € pro Person. Dafür bekommt man anderswo ja nicht mal mehr ein Strassenbahnticket!

Ein bisschen schade war, dass es schon wieder dunkel war, als wir über die grosse, eiserne Eisenbahnbrücke über die unglaublich breite Daugava rollten, die ja quasi den Anstoss zu dieser Reise gegeben hatte, und dass wir auch sonst nicht viel von der Landschaft sahen.

Nach einer Dreiviertelstunde kamen wir in Jelgava an, wo wir erst eine halbe Stunde in der Bahnhofshalle absassen und dann eine Viertelstunde bibbernd und ein bisschen aufgeregt mutterseelenallein auf dem Bahnhofsvorplatz standen und auf den Flixbus warteten, der uns hoffentlich wirklich da abholen würde. (Dass sich der Ähämann die Flixbus-App heruntergeladen hatte und wir in Echtzeit sehen konnten, wo sich der Bus gerade befand, war tatsächlich recht beruhigend.) Der Bus kam dann auf die Minute pünktlich aus dem mittlerweile schon sehr weit entfernten Tallinn und schaukelte uns eine reichliche Stunde über schnurgerade zunächst lettische, bald litauische Landstrasse von Jelgava nach Šiauliai. (Zwischendurch gab es noch einen Tankstopp, bei dem der Busfahrer knapp 200 Liter Diesel in den Bustank gluckern liess.) Wir waren nicht nur die einzigen, die in Jelgava in den Bus einstiegen, sondern auch die einzigen, die in Šiauliai wieder ausstiegen. Dann fuhr der Bus Richtung Warschau, wo er 17 Stunden nach Abfahrt in Tallinn ankommen würde, in die Nacht davon.  Ich musste an die Ukrainerin denken, die in meinem Jahr in Bielefeld im gleichen Studentenwohnheim gewohnt hatte und vom Jahnplatz aus mit dem Bus nach Kiew fuhr, wenn sie ihre Familie besuchen wollte.

Halb elf jedenfalls kamen wir in Šiauliai an, wo buchstäblich schon die Bürgersteige hochgeklappt waren, liefen die paar hundert Meter zu unserem gebuchten Apartment und freuten uns einmal mehr, dass es heutzutage Türcodes und Schlüsseltresore gibt und man sich nicht mehr zu nachtschlafener Zeit mit einem Vermieter oder einer Vermieterin verabreden muss.

Im Bad wurde mir ganz sentimental zumute: da hing ein Tatramat! Ich fühlte mich sofort an den Lieblingsurlaubsort meiner Kindheit zurückversetzt: dort hatte das Vorvorvorgängermodell im Bad gehangen und gerade so viel Wasser erhitzt, dass es für zweieinhalb kurze Duschen reichte.

Ausserdem: mitternächtliche Maskenkocherei. Was muss, das muss.

Bevor wir in unsere – angesichts der Nicht-Touristigkeit des Ortes superbilligen – Betten sanken, murmelte der grosse Herr Maus noch: „Eigentlich ist ja morgen erst der erste richtige Ferientag.“ Und wir alle nickten müde, aber glücklich und dachten: „Und was wir schon alles erlebt haben…!“

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

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Tag 1: Turku-Tallinn


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 1: Turku-Tallinn

Bei uns ist es ja oft so, dass eine Reise den Anlass zur nächsten gibt.

Diesmal war es so: im Sommer hatte der kleine Herr Maus in Riga bei fast jedem lila-gelben Personenzug, der über die grosse, eiserne Brücke über die Daugava rollte, gefragt: „Können wir nicht auch hier mal Zug fahren?!“

Klar. Warum eigentlich nicht? Noch ehe die Sommerferien beendet waren, hatten wir einen Plan für die Herbstferien.

***

Freitagnachmittag am letzten Schultag vor den Herbstferien. Die beiden Oberstufenschüler der Familie durften „Mittagskinder“ sein. Der kleine Herr Maus, der den kürzesten Schultag und den kürzesten Schulweg hat und keinesfalls die Musikstunde verpassen wollte, kam nach der letzten Stunde unverzüglich heimgeradelt. Der Ähämann und die Kinder schulterten ihre Rucksäcke und liefen zum Bus. Ich ging kurz vor den Dreierkindern aus dem Hort los und einmal quer durchs Stadtzentrum. Gleichzeitig trafen wir am Bahnhof ein.

Wir überlegten gemeinsam, dass unsere letzte gemeinsame Zugfahrt – danach waren nur das Fräulein Maus einmal zur mittelfinnischen Freundin und der Ähämann zwei- oder dreimal auf Arbeit gefahren – die nach Helsinki ins Heureka! war, noch im März 2020, als man vielleicht schon besser nicht mehr Zug gefahren wäre. Kein Wunder, dass wir alle ein bisschen vor Vorfreude, dass der schöne Teil der Reise diesmal direkt in Turku anfing, hüpften!

(Fast hatten wir uns ja schon darauf eingestellt, statt mit dem Zug mit dem Onnibus nach Helsinki fahren zu müssen, weil die Zugtickets zu Beginn und Ende der Herbstferien wahrscheinlich unbezahlbar wären. Aber – zeitige Planung zahlt sich aus: der Ähämann kaufte noch im August, noch vor Ende der Sommerferien, Tickets für uns alle fünf plus eine zusätzliche Sitzreservierung für seinen Rucksack zum sensationellen Preis von 33,00 €. Zugfahren ist ja doch viel schöner. Auch wenn jetzt endgültig alle dem Spielwaggon entwachsen sind.)

Bis auf den Ähämann sassen wir auch alle zum ersten Mal in einem Zug, der von einer Sr3 gezogen geschoben wurde:

Normalerweise hat die finnische Bahn ja keine Verspätung – es sei denn, es muss ein Rohr gewechselt werden oder es wurde ein Elch überfahren, der Sturm hat einen Baum auf die Schienen gekippt oder der Zug ist mit einem Auto zusammengestossen – aber aufgrund unglücklicher Umstände mussten wir kurz vor Helsinki doch eine Stunde lang bibbern, ob wir rechtzeitig zum Hafen kommen würden. Mit 40 Minuten Verspätung kamen wir in Helsinki an.

Das war noch nicht zu spät – aber viel Musse, den Steinmännern am Hauptbahnhof, die seit Pandemiebeginn vorbildlich Maske tragen, zuzuwinken, und die Strassenbahnfahrt vom Bahnhof zum Hafen zu geniessen, hatten wir nicht.

Das neue Fährterminal am Westhafen sahen wir zum ersten Mal aus der Fussgängerperspektive. Es ist so schön geworden! „Fast wie ein Flughafenterminal!“, sagten die Kinder. „Ein bisschen wie die Oodi!“, dachte ich.

Die Fähre war ausgebucht – zumindest die Autoplätze – und wir waren froh, dass wir inzwischen alle geimpft sind und deshalb endlich wieder Buffet gebucht haben. Damit ist nicht nur gleich das Abendbrot erledigt, sondern das spart auch den Kampf um einen bequemen Platz während der Überfahrt, wenn das Schiff so voll ist. Während bei Viking Line das Buffet nach anderthalb Stunden geschlossen wird – und auch schon nach einer Dreiviertelstunde die Vorspeisen abgeräumt werden – kann man bei Tallink, wenn man möchte, in aller Ruhe von Hafen zu Hafen im Restaurant sitzen und sich querbeet und nochmal von vorn durchs Buffet essen. Der Ähämann freute sich, dass wir diesmal beide ein Glas Wein trinken konnten. Das Auto zu Hause zu lassen, hat viele Vorteile.

Halb zehn kamen wir in Tallinn an. Neuerdings muss man für Estland auch so ein Corona-Einreiseformular ausfüllen und vor Einreise entweder geimpft, genesen oder getestet sein, aber keine Sau interessierte sich letztendlich am Hafen dafür.

Die zwei Kilometer Weg vom Hafen zu unserer Unterkunf zogen sich mit den schweren Rucksäcken und zu nächtlicher Stunde ein bisschen, aber die Reisekinder waren viel zu freudig aufgeregt, um zu murren.

Masken kochen, Zähne putzen, ins Bett fallen.
Morgen geht es schon bis nach Riga!


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Heureka!

Eigentlich fotografiere ich ja keine gedeckten Tische und keine Wochenendfrühstücke. Aber manchmal muss man eine Ausnahme machen.

Samstagsfrühstück im Zug! ♥

Wenn man im Zug frühstückt, kann man länger schlafen. Und trotzdem zeitig genug fahren, um zum Beispiel eine Stunde nach Öffnung im Wissenschaftsmuseum Heureka einzutreffen und bis zur Schliessung sieben Stunden später dort zu bleiben. (Und dann eigentlich immer noch nicht gehen wollen.)

Ich wollte da schon immer mal hin, aber es ist da immer sehr voll – in den Ferien und an Wochenenden besonders – und das hat mich dann doch ein bisschen abgeschreckt. Aber neulich sah der grosse Herr Maus an der Bushaltestelle Werbung für eine Dinosaurier-Sonderausstellung im Heureka, und naja, zwei Tage später fand ich mich für uns alle fünf Zugtickets und Eintrittskarten buchend vorm Laptop wieder.

Leider hatte vorletzten Samstag die Coronapanik in Finnland noch nicht zugeschlagen, und so war es so voll wie immer – was besonders nervig ist, da man im Heureka fast alles anfassen und selbst ausprobieren kann und dann eben immer warten muss. Ausserdem habe ich mir – obwohl ich sonst ein Verfechter von „Kein Kind ist zu klein fürs Museum!“ bin – zum ersten Mal ein Mindestalter für ein Museum gewünscht. Wenn der Neunjährige und der Elfjährige hochkonzentriert ein interaktives Spiel spielen, ist es schon eher ärgerlich, wenn plötzlich eine Dreijährige gerannt kommt und fröhlich mit beiden Händen auf den Touchscreen patscht, und nein, das war keine Ausnahme, das ging den ganzen Tag so. (Statt Mindestalter täte es auch eine „Nehmt eure Kinder an die Hand und erklärt!“-Verpflichtung.)

Es war trotzdem schön.

Wir machten unzählige Pendel-, Roll- und Schallversuche. Der kleine Herr Maus legte sich auf ein Fakirbrett mit spitzen Nägeln. Die Herren Maus bauten einen riesigen Turm aus Holzklötzen und schraubten Autos zusammen, die man anschliessend eine Achterbahn hinabsausen lassen konnte – mit Zeitstoppen, um sie anschliessend noch weiter zu verbessern. Wir spielten Pupsmemory und fuhren Hochseilfahrrad. Wir sahen uns eine Vorstellung im Planetarium an. (Die uns allerdings – wir sind leider völlig verwöhnt – nicht so vom Hocker gehauen hat.) Wir schlüpften mit Hilfe einer VR-Brille als kleiner Dinosaurier aus dem Ei. Wir versuchten uns als Fluglotsen und Recyclingspezialisten. Und zur Erinnerung liessen wir uns jeder eine Münze mit unserem eigenen Konterfei prägen.

Am allerschönsten aber war es in der letzten Stunde, als sich die Ausstellungsräume schon deutlich geleert hatten.


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Skiferien 2020, Tag 5

Den fünften Ferientag verbrachten wir im Museum.

Es regnete, stürmte, und die Enten an der Stromschnelle, auf die sich die Kinder so gefreut hatten, waren auch nicht da. Ein Winter ohne Schnee und Eis ist eben Mist, aus allen erdenklichen Gründen.

Ein perfekter Tag fürs Museum also. Zunächst aber gingen wir mit dem Ähämann mittagessen, in der Hoffnung, dass wir es dieses Jahr länger im Museum aushalten würden und es nicht wegen knurrender Mägen vorzeitig verlassen müssten.

Aber ach…!

Das Vapriikki – oder „diese Museumssammlung“, wie der kleine Herr Maus zu sagen pflegt – ist ebenso wunderbar wie viel zu gross für einen halben Tag. In den Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik befinden sich das Postmuseum, das Eishockeymuseum, ein Naturkundemuseum, ein Mineralienmuseum, das Spielemuseum, ein Museum über den Bürgerkrieg in Tampere – in das man aber nicht mit Kindern gehen soll – ein Medienmuseum sowie mindestens zwei Wechselausstellungen: dieses Jahr eine über Tampere als Theaterstadt und eine über das alte Rom.

Allein im Spielemuseum könnte man den ganzen Tag zubringen, weil man dort jede Menge Computer- und Automatenspiele – von den ersten in den 1970ern entwickelten bis zu den aktuellsten – ausprobieren darf.

Wir spielten ausserdem – passend zu den diesjährigen Skiferien! – Eishockey im Simulator, krochen durch einen engen Gang, um uns das Leben in der Stromschnelle von unten anzugucken, versuchten uns im Morsen von Texten, lasen Briefe berühmter Finnen, guckten uns im Postkino einen Film über die finnische Post zu ungefähr der Zeit, als ich das erste Mal nach Finnland kam, an, der mich die ganze Zeit seufzen liess, denn damals war die finnische Post tatsächlich noch schnell, zuverlässig und hatte eine Filiale in jedem kleinsten Ort. Zum Schluss spielten mir die Kinder – zu dritt kann man ja schon was auf die Beine stellen – ein kleines Theaterstück vor, für das nicht nur die Bühne bereitstand, sondern auch verschiedenste Verkleidungen sowie ein Licht- und Tonmischpult.

Dann hatten die Kinder es gerade so geschafft, alle im Museumskomplex zu findenden Objekte abzuhaken, bis wir wirklich allerspätestens losmussten.

Mit kurzem Zwischenstopp im Waffelcafé im kleinsten Steinhaus von Tampere eilten wir zum Bahnhof.

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Bahnfahren.

Während wir auf unseren Zug warteten, sah ich zum ersten Mal eine Sr3 in echt. Hm, ja. Muss ich mich erst noch dran gewöhnen, an den Anblick.

Ansonten fühlten wir uns diesmal durchsagenmässig ein bisschen wie auf der „Nils Dacke“, auf der die Nächte sowieso schon immer so kurz sind, aber auf der man noch eine halbe Stunde mit Durchsagen in vier Sprachen wachgehalten wird.

Wir fahren mit fünf Wagen, wir halten dort und dort und dort, ich bin Konduktööri Ville, bitte schon mal die Fahrkarten in der App öffnen, ich komme gleich kontrollieren, das Kaffeewägelchen fährt durch den Zug, bitte keine mitgebrachten alkoholischen Getränke konsumieren, in Turku ist es glatt auf dem Bahnsteig, Vorsicht!

Man kann sie dennoch nur lieben für ihre Informationspolitik, die finnische Bahn. Highlight diesmal – Durchsage vom Schaffner beim Halt in Toijala: „Wir müssen noch auf Passagiere aus dem Süden warten. Es wird ungefähr zehn Minuten dauern und der andere Zug wird am Gleis gegenüber halten, falls also jemand frische Luft schnappen möchte, wäre jetzt eine gute Gelegenheit dazu.“

Am Tisch gegenüber machte ein junger Mann Deutschaufgaben. Irgendwann beugte er sich über den Gang zum Fräulein Maus und fragte sie auf Finnisch, ob sie ihm mal die eine Aufgabenstellung erklären könne. Konnte sie.


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Helsinki-Kurzurlaub, Schlechtwetterversion

Es hätte schlimmer sein können. Denn die Wettervorhersage hatte uns auf Sturm und Dauerregen von Freitagabend bis Sonntagnachmittag vorbereitet – was uns die Vorfreude aber nicht getrübt hatte, denn die liebste Freundin und ich haben Jahr für Jahr die gleichen wetterunabhängigen Pläne für unseren gemeinsamen Helsinki-Kurzurlaub: stundenlang in Cafés sitzen und ungestört reden, stundenlang planlos durch die Stadt laufen und ungestört reden und stundenlang in der Sauna sitzen und ungestört reden.

(Und man kann ja auch nicht jedes Jahr solches Glück mit dem Wetter haben wie wir es letztes Jahr hatten.)

Aber der Regen kam dann erst, als wir schon zwei Stunden kreuz und quer über Suomenlinna spaziert waren und dabei immer noch neue Ecken entdeckt hatten.

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Politische Sakralarchitektur.

Irritierenderweise habe ich auch erst diesmal gelernt, dass die gewaltige Kirche von Suomenlinna bis zur Unabhängigkeit Finnlands eine orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und allem Drum und Dran war. Dann entschied man, dass gleich zwei orthodoxe Kirchen nicht in das Bild einer finnischen Stadt passen und besonders für Suomenlinna eine Kirche, die an die russische Besatzung erinnert, unpassend ist. Innen drin wurden alle Ikonen und aller Prunk entfernt und ein schlichter evangelischer Altar errichtet, die vier kleinen Zwiebeltürme wurden abgerissen, und der Hauptturm bekam eine neue Turmhaube samt Leuchtfeuer unterm nunmehr nur noch einfachen Kreuz. Die martialische Begrenzung aus Kanonenrohren und armdicken Ketten durfte allerdings stehenbleiben.

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Suomenlinna-Lektüre.

Das Buch – bisher leider nur auf Finnisch und Italienisch erhältlich – fiel mir letztes Jahr in der Bibliothek in die Hände, und ich nahm es für den grossen Herrn Maus mit. Was ihn dazu brachte, das Buch nach zwei Kapiteln wegzulegen – „Ich kenne diese ganzen Orte da ja gar nicht, und die haben auch alle ganz seltsame Namen!“ – fand ich wiederum besonders toll. Es ist kein Muss, sich auf Suomenlinna auszukennen, um die Handlung zu verstehen – zumal vorn sogar eine Karte, auf der alle wichtigen Plätze eingezeichnet sind, abgedruckt ist – aber es ist andererseits besonders vergnüglich, wenn man den Ort der Handlung so genau kennt. (Ausserdem habe ich mich natürlich schon im dritten Kapitel in die gürteltierähnlichen Erwins, die die Bastionen und unterirdischen Gänge Suomenlinnas bewohnen, verliebt.)

Umgekehrt liebe ich es, Orte aus Büchern aufzusuchen – ich bin auch schon auf Jaroslav Seiferts Spuren durch Prag spaziert – und ohne dieses Buch hätten wir den einzigen Park Suomenlinnas samt Süsswasserteich vermutlich auch dieses Mal immer noch nicht entdeckt!

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Bahnfahren.

Die liebste Freundin und ich stimmen unsere Reisepläne immer so ab, dass wir möglichst gleichzeitig ankommen und abfahren. So kam ich nach Jahren – ich glaube, das letzte Mal war mit dem kleinen Fräulein Maus im Kinderwagen – mal wieder dazu, Pendolino zu fahren. Allerdings fehlen in Finnland die entsprechenden Kurven fürs richtige Fahrvergnügen. Kann ich auch nächstes Mal wieder Doppelstock-Intercity fahren.

„Die Schaffnerin auf der Hinfahrt sah aus wie eine Balletttänzerin“, erzählte ich dem Ähämann Sonntagabend.
„Ach, Niina?“
„Ja, genau, Konduktööri Niina! Wer das auf der Rückfahrt war, weiss ich nicht, der hatte kein Namensschild dran, und bei der Ansage hab‘ ich’s auch nicht verstanden.“
„Dann war’s vielleicht der savolainen konduktööri, der nuschelt immer so.“
„Der hatte so ’ne riesige Gürteltasche…“
„Ja, genau. Und sieht immer bisschen abgerissen aus…“
„Und schwarze Haare? Und geht so’n bisschen vornübergebeugt?“
„Ja, genau. Das war Savolainen konduktööri!“ (Der hat beim Ähämann seinen Spitznamen daher, dass mal, nachdem er eine Ansage gemacht hatte, der ganze Waggon unisono „Ein Schaffner aus Savo!“ – ausrief, denn die Leute aus Savo sind die Sachsen Finnlands oder so.)

Der Ähämann kennt sie alle.
(Dabei fährt er eine völlig andere Strecke. Finnland ist wirklich ein Dorf.)