Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Reiserückblick (10): Heimwärts

Ein Kommentar

Nicht wieder zurück nach Deutschland und durch Schweden, sondern durch Polen und das Baltikum heimzufahren, war eine der besten Entscheidungen der Reise.

Wir hatten das schon einmal gemacht, danach aber aus guten Gründen vermieden. Denn 2007, als wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum in die Slowakei und zurück fuhren, waren die zwei Tage, die wir zur Durchquerung Polens gebraucht hatten, der schlimmste Teil der Reise gewesen: es gab keinen Kilometer Autobahn in Nord-Süd-Richtung, stattdessen standen wir alle paar Kilometer in einem Dorf an einer roten Ampel. Der Verkehr war völlig verrückt: die Strassen waren voll, und selbst wenn wir auf der Landstrasse schon 10 km/h schneller als erlaubt fuhren, wurden wir noch von LKWs (!) überholt, und nicht nur einen sahen wir im Strassengraben liegen. Es war anstrengend, gefährlich, und wir kamen noch nicht mal voran.

Deshalb hatte mich die Aussicht, Balthasar den ersten Tag allein durch Polen fahren zu müssen – denn der Ähämann hatte das Essen am letzten Abend nicht vertragen und war nicht fahrtauglich –  nicht gerade freudig gestimmt.

Es war dann überraschend ok.

Es gibt nämlich jetzt Autobahnen in Polen! Moderne, oft sechsspurige Autobahnen, deren einziges Manko häufig auftretende Bodenwellen sind, die der mit Übelkeit kämpfende Ähämann und der schwer beladene Balthasar nicht lustig fanden, der Rest der Familie dafür umso mehr.  Die Strassen sind vermutlich noch voller als vor 15 Jahren. Aber: während in Deutschland die meisten Gefahrensituationen aus der Ellenbogigkeit der Autofahrer*innen und in Finnland aus der sklavischen Regelhörigkeit der Verkehrsteilnehmer*innen erwachsen, habe ich mich auf den polnischen Strassen diesmal sehr sicher gefühlt, weil sich dort zwar keine*r so recht um Verkehrsregeln schert und alle ein bisschen chaotisch fahren, dafür aber auch alle aufeinander Rücksicht nehmen. Fand ich wirklich prima. Und die LKWs fahren jetzt alle ganz zahm. Lag auch kein einziger im Strassengraben diesmal.

Ausserdem habe ich endlich in Erfahrung gebracht, was das für ein rotes Ding ist, das das polnische Mädchen über den Fussgängerüberweg trägt: es ist tatsächlich ein Lolli – wobei die Polizistenkelle auf Polnisch auch Lolli genannt wird. Und das Mädchen hat sogar einen Namen: es heisst Agatka. ♥

Wir übernachteten 50 km nördlich von Warschau in einem kleinen Hotel mitten im Wald. Es gab eine Hotelkatze, wir verständigten uns mit der Kellnerin auf Tschechisch (wir) und Polnisch (sie), was überraschend gut ging, und die Herren Maus bekamen an der Rezeption Tischtenniskellen und -ball für die auf der Terrasse aufgestellte Tischtennisplatte ausgehändigt. Der Ähäman trug zufällig sein Peace-T-Shirt und wurde deshalb von einem Ukrainer auf eine Zigarette eingeladen. (Er musste leider ablehnen.) Frühstück gab es auf der Terrasse. Fast wären wir nicht weitergefahren.

Am zweiten Tag fuhren wir abwechselnd Autobahn und idyllische Landstrassen und sahen ungefähr 2000 Störche.

Wir hofften sehr, wir müssten nicht in ein paar Wochen sagen: wisst ihr noch, damals, als wir die letzte Gelegenheit genutzt haben, zwischen Weissrussland und Kaliningrad die Grenze nach Litauen zu überqueren?!

In Litauen gab es zum ersten Mal wieder dieses magische, nordische Sommerabendlicht, und ich war doppelt froh, dass wir die ganze weite Reise gemächlich mit dem Auto gemacht hatten. „Wenn man zu schnell reist, mit dem Flugzeug, dann kommt zwar der Körper an, aber die Seele kommt nicht hinterher“, hatte ich neulich in einem Buch gelesen, und ich finde, das trifft es genau. Noch zwei Tage vorher hatte ich überhaupt keine Lust gehabt, zurück nach Finnland zu fahren, aber als wir in der Abendsonne an der Grenze zu Kaliningrad entlangfuhren, da war ich langsam so weit, da spürte ich zumindestVorfreude auf die finnischen Sommerabende.

Wir nahmen ein spontanes Abendbad in aufgestautem, goldenem, weichem Moorwasser, und da fiel mir auch wieder ein, dass zu Hause an dem Abend Mittsommer gefeiert wurde.

Erst nach zehn kamen wir im nordlitauischen Šiauliai an, was aber nichts machte, da auch in Litauen Mittsommer gefeiert wurde und alle Restaurants lange geöffnet hatten. Es war warm, hell, laut und voller fröhlicher Leute: als wäre es eine ganz andere Stadt als im Oktober.

23:30 Uhr. „Šiauliai leuchtet“. Aber wie!

Am nächsten Morgen Mittag hatten wir es gar nicht weit bis zu unserem ersten Ziel: der Berg der Kreuze befindet sich nur 12 km nördlich von Šiauliai.

Es ist eigentlich nur ein Hügel, auf dem im 19. Jahrhundert die ersten Kreuze zum Andenken an die bei einem Aufstand gegen das russische Zarenreich umgekommenen Litauer aufgestellt wurden, und auf dem heute zehntausende Kreuze stehen, hängen und liegen. Lange Zeit war der Berg nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch ein Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft. Mehrmals wurden zu Sowjetzeiten die Kreuze zerstört; doch immer wurden sofort neue errichtet.

Heute kann man selbst ein Kreuz mitbringen oder eins an den Buden beim Parkplatz kaufen; es gibt sogar ein umfangreiches Regelwerk zur Aufstellung von Kreuzen: sie dürfen zum Beispiel nicht höher als drei Meter sein.

Diese unvorstellbare Menge von Kreuzen ist jedenfalls sehr beeindruckend.

Eigentlich wollten wir später kurz den Markthallen in Riga einen Besuch abstatten, aber da das Auto sowieso voll war, wir schon unterwegs Mittag gegessen hatten und wir lieber noch eine Stunde an den Strand in Saulkrasti wollten, fuhren wir diesmal nur durch Riga durch. Mit offenen Autofenstern über die Daugava, weil ihr Moorgeruch so toll ist.

Letzte Übernachtung der Reise in Nordlettland. Letztes Mal Packtetris am Morgen.

Dann fuhren wir gemächlich – es war Sonntag und der Verkehr auf der Via Baltica erträglich – mit Zwischenstopp für ein Bad in der badewannenwarmen Ostee nach Tallinn zum Hafen.

Auf der Fähre erreichte unsere Kinder eine Nachricht der Nachbarskinder: „Wenn ihr aus Helsinki kommt, kommt doch kurz bei uns im Mökki zum Schwimmen vorbei! – Nein, das macht nichts, wenn es spät wird, wir gehen sowieso nie vor Mitternacht ins Bett! – Es ist wirklich ganz nahe an der Autobahn!“, und drei Kinder riefen „Bitte, Mami, bitte!“, und so kam es, dass wir abends um elf in einen orangen See sprangen und danach in die Sauna gingen und nochmal in den See sprangen und nochmal in die Sauna gingen und sechs Kinder und ein Hund fröhliches Wiedersehen feierten.

Schöner hätten wir nicht in Finnland wiederankommen können.

Ein Kommentar zu “Reiserückblick (10): Heimwärts

  1. „Bolek und Lolek“…ich kann sogar das Lachen meiner Omi hoeren :-)

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