Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Gelegenheiten beim Schopfe packen (2)

Dieser Sommer war der der beherzt ergriffenen Gelegenheiten. Auch von Gelegenheiten, die Corona erst möglich gemacht hat.

Die „Baltic Queen“ zum Beispiel, die sonst als Fährschiff von Tallinn nach Stockholm fährt, fuhr in diesen Sommerferien stattdessen zwischen Tallinn und Turku, ebenfalls komfortabel über Nacht.

Es ist ja nicht so, dass wir nicht schon genug Schiff gefahren wären in diesem Sommer. Aber manche Gelegenheiten kann man sich einfach nicht entgehen lassen.

Und so bestiegen wir vier Tage nachdem wir aus Island zurückgekommen waren, schon wieder ein Schiff und fuhren für vier Tage nach Tallinn.

Ich habe noch nie so ein leeres Tallinn erlebt. (Noch nicht mal im November.) Nicht einmal die Stricksachenverkäuferinnen an der Stadtmauer waren da. (Etwas, das ich ebenfalls noch nie erlebt habe.) Der kleine Herr Maus war traurig, denn er hatte sich in Island in einen Wollpulver mit Papageientauchern verliebt, der ihm leider schon mindestens eine Nummer zu klein war, und wir hatten ihm versprochen, dass er sich, wann immer wir das nächste Mal in Tallinn wären, er sich dort einen aussuchen dürfe.

Wir verbrachten unsere Zeit coronakonform mit ausgedehnten Spaziergängen ausserhalb des Stadtzentrums. Tallin hat auch ein Citymoor! Und das Tallinner Freilichtmuseum ist so weitläufig wie alles in Estland – wo sogar die Häuser von Plattenbausiedlungen so weit auseinanderstehen, dass anderswo noch zwei Blocks dazwischenpassten – dass wir uns hinterher fühlten wie nach einer langen Wanderung.

Wir stockten unsere Vorräte an Rhabarberlimonade, Britakuchen und preiswertem  Verbandsmaterial – der kleine Herr Maus, der Stuntman der Familie, hat da einen recht hohen Verbrauch – auf, und das Fräulein Maus verfiel in einen Schreibwarenkaufrausch, weil sie das ja nicht kennt, dass man Stifte und Hefte für die Schule selber kaufen muss und die dann kurz vor Schulbeginn in Hülle und Fülle im Supermarkt angeboten werden.

Wir waren eigentlich ein bisschen urlaubsmüde. Aber wir haben es so genossen!

Es war gut, auch diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt zu haben. Denn wer weiss, ob wir in diesen Herbstferien nach Estland fahren können. Als wir zurückkamen, fingen die Infektionszahlen in Finnland gerade wieder an zu steigen.


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November-Tallinn

Als wir noch nicht lange in Turku wohnten, fuhren wir öfter mal nach Stockholm, für einen Tag oder ein Wochenende. Stockholm ist eine schöne Stadt.

Aber im Osten ist mehr Glitter es viel schöner. Und das Essen besser!

Der Wettkampf war leider saumässig nicht sehr gut organisiert, weswegen letztendlich das Fräulein Maus letzten Freitagvormittag schon mal mit ihren Trainerinnen vorfuhr und wir anderen ihr nach Schule und Arbeit sechs Stunden später mit dem selben Schiff hinterherfuhren. Wir verpassten, und das war wirklich traurig, ihren ersten Auftritt in der nicht so neuen Sportart.

Dafür hatten wir dann aber, und das war grossartig, das ganze Wochenende für uns.

Wir spazierten stundenlang durch die Tallinner Gassen, durch die sich im November glücklicherweise keine Touristenströme wälzen. Wir machten einen Grosseinkauf bei den Stricksachenverkäuferinnern an der Stadtmauer. Und stiegen auf die Stadtmauer. Wir assen sehr lecker russisch. Die Kinder hatten sich gewünscht, mal wieder in „das Museum, wo man so Sachen ausprobieren kann“ zu gehen. Leider war das damals nur eine kleine Wanderausstellung vom Tartuer „Ahhaa“, aber in einem Einkaufszentrum in Tallinn gibt es etwas Ähnliches, ein bisschen kleiner, da verbrachten wir zwei vergnügliche Stunden. Den Löwen Balthasar beluden wir mit Britakuchen, Rhabarberlimo, nicht-laktosefreiem Käse, georgischem Rotwein und preiswertem Benzin. (Den nächsten Ausflug nach Tallinn möchte ich komplett mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen. Aber wenn die Zeit so knapp ist, dass man sowieso mit dem Auto nach Helsinki fahren muss, dann lohnt es sich nicht, es am Hafen für viel Geld abzustellen, dann kann man es auch mitnehmen.)

Nur zum Strassenbahnfahren und für das „Strommuseum“ reichte die Zeit nicht mehr.

Müssen wir eben bald wieder hinfahren!


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Wochenende mit Herzchenaugen

Irgendwie hatten wir ja angenommen, des Fräulein Maus‘ Wettkampfkarriere sei zumindest vorläufig erstmal beendet.

Aber dann sassen wir Anfang Oktober in Rauma in einer Pizzeria und mein Handy piepste und die Trainerin des Fräulein Maus fragte, ob das Fräulein Maus eigentlich mitfahren wolle auf einen Wettkampf nach Tallinn, und das Fräulein Maus nickte mit funkelnden Augen und die Trainerin fragte, ob einer von uns Eltern mitkommen würde, und wir beschlossen spontan, alle fünf zu fahren.

Als ob wir uns eine Gelegenheit, nach Estland zu fahren, entgehen lassen würden! Und in Tallinn waren wir – abgesehen von den kurzen Besuchen bei den Wollsachenverkäuferinnen an der Stadtmauer auf dem Rückweg von unseren jeweiligen Herbsturlauben – schon ewig nicht mehr!

Ich quietschte vorfreudig, als der Ähämann uns eine Ferienwohnung in einem alten Holzhaus aufgetan hatte, und es war dann genauso schön, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Von aussen, zugegeben, eher eine Bruchbude, die vor allem dem grossen Herrn Maus ziemlich suspekt war. Und man fragt sich, warum das Ding unter Denkmalschutz steht. Also natürlich nicht. Aber warum keiner was dran tut. Es ist aber so, dass in Estland allüberall unter Hochdruck höchst futuristisch neu gebaut und Altes wunderbar renoviert wird. Aber es dauert eben. Und für manches ist vielleicht auch einfach kein Geld da, obwohl ich noch nie so viele tolle von der EU finanzierte Projekte gesehen habe wie in Estland.

Jedenfalls lieben wir Estland sehr dafür, dass es nicht so ein gelecktes Urlaubsland ist, dass sich da überall Altes neben Neuem, Verfallenes neben Restauriertem findet.

Wie auch bei unserer Ferienwohnung diesmal. Innen war sie höchst modern. Aber das grüne Treppenhaus…! Und der blaue Kachelofen…! <3

Kann jedes Hotel einpacken dagegen!


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Herbstferien, herbstliche

Als wir vor sechs Jahren zum ersten Mal die vier Tage Herbstferien unseres Schulkindes in Estland verbrachten, regnete es ziemlich viel und war so kalt, dass wir dicke Überhosen und Anoraks trugen, und als wir auf den sieben Meter hohen Findling kletterten, schneite es zum ersten Mal in jenem Herbst.

Ich fand das ganz normales Wetter für Mitte Oktober. Aber alle unsere Herbstferien danach waren ausgesprochen sonnig.

Bis zu diesem Jahr. Dieses Jahr regnete es und nieselte, es war neblig und finster und dabei seltsam warm, so dass wir uns unterwegs einer Schicht Wollsachen nach der anderen entledigten. Zwei Stunden schien die Sonne in den vier Tagen.

Es war eigentlich genau so, wie der Herbst sein muss.

Im Mökki den Kamin und die Sauna mit riesigen Holzkloben anzuheizen und Kerzen aufzustellen und in unser neues Lieblingsspassbad zu gehen, fühlte sich bei dem Wetter auch gleich nochmal viel besser an. Wir waren ganz allein am langen, breiten Strand und im weiten Moor. Ich freute mich, weil ich schon ewig keinen Nebel mehr gesehen hatte. Und das Rot der Moore und das Gelb der Laubbäume leuchteten im Herbstgrau besonders stark, als ob in jedem bunten Blatt eine kleine Sonne steckte.

Wanderweg de luxe: mit durchgängigem Rutschschutz!

Baden wäre nicht verboten gewesen – es gab sogar eine Leiter ins Wasser! – nur ins Wasser zu springen. Und erwähnte ich schon, dass ich Estnisch sehr niedlich finde?!


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Grosse Estlandliebe

Der Finne an sich fährt ja hauptsächlich wegen des billigen Alkohols nach Estland.

Wir fahren wegen Britakuchen, Bananensaft, Johannisbeersaft – überhaupt Saft in Glasflaschen! – nicht-laktosefreier Kaffeesahne und Rhabarberlimo.

Wegen der vielen tollen Wanderwege, wegen der Ostsee, die auf der anderen Seite der Finnischen Bucht so ganz anders ist, wegen der winzigen Strässchen, die immer nur durch Wald und Wald und Wald führen, wegen kleiner Timur-und-sein-Trupp-Holzhäuschen, wegen der lustigen Verkehrsschilder, wegen der Sprache, die für jemanden, der Finnisch und Deutsch kann, wirklich niedlich ist, wegen Störchen und Kühen und vor allem deshalb, weil Estland nicht so ein gelecktes und für Touristen hergerichtetes Urlaubsland ist.

Hoffentlich bleibt das noch ganz lange so.


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Ein einsamer Strand

Es war uns schon in den Herbstferien vor zwei Jahren klar, dass dieser Strand im Sommer ganz wunderbar sein muss. (Damals wanderten wir eigentlich nur hin, weil wir den schiefen Leuchtturm sehen wollten.)

Der Strand ist nur mit 4,5 km – eine Strecke; und wenn man nicht den gleichen Weg zurückgehen will, sind es insgesamt 11 km – Fussmarsch über eine sandige Halbinsel zu erreichen, weswegen wir, obwohl es heiss und sonnig war, ganz allein dort waren.

Das Wasser war glasklar und fast karibikblau. Der kleine Herr Maus hielt beim Baden tapfer den verbundenen Arm in die Höhe, bis er die im Rucksack geschmolzene und zum Wiederfestwerden ins Meer gelegte Tafel Schokolade mit dem falschen Arm herausholte. Zum Glück hatten wir damit gerechnet und Wechselverbandszeug dabei.

Ganz an der Spitze der Halbinsel steht nicht nur der alte, langsam verfallende Leuchtturm, sondern es gibt da auch eine – wir haben gemessen – einen ganzen Kilometer ins Meer hineinragende schmale Landzunge, an deren Ende sich die Wellen gegenseitig in die Arme laufen.

Was für ein wunderbarer Ort! ♥


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Ein Leuchtturm in Schwarzweiss

Eigentlich wollten wir nur irgendwo essen gehen. Und vielleicht an einen Strand.

Dann fiel mir ein, dass es ja da diesen Leuchtturm auf dieser Halbinsel ganz weit draussen gibt, bei dem wir damals im Herbst nicht waren, weil man ihn nur im Sommer besichtigen kann. Also fuhren wir hin. (Zu essen gab’s da auch.)

Der Leuchtturm liegt so weit draussen, am allersüdlichsten Zipfel Estlands, dass wir, als wir dort ankamen, erstmal überhaupt keinen Handyempfang mehr hatten und dann die obligatorische Auslands-SMS – „Willkommen in Lettland!“ – bekamen. Tatsächlich ist es von da nach Lettland kürzer als bis zur nächstgelegenen estnischen Stadt.

Den Leuchtturm darf man, das freute uns besonders, besteigen, 248 dröhnende Stufen durch seinen hallenden Betonhals bis hinauf auf die schmale Plattform unterm Leuchtfeuer.

Gern wären wir noch bis zum Ende der Landzunge gelaufen, aber dann fiel uns leicht panisch ein – das vergisst man ja im Urlaub leicht – dass Samstag war und wir noch in die Apotheke mussten um neues Verbandszeug für den kleinen Herrn Maus zu kaufen. (Zum Glück aber sind die Läden in Estland ähnlich komfortabel geöffnet wie in Finnland.) Und eine noch viel schönere und vor allem weniger überlaufene* Landzunge setzten wir einfach auf den Plan für den nächsten Tag.


Also, „überlaufen“ im finnischen oder estnischen Sinn, ehe hier noch Missverständnisse aufkommen… ;-)


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Mökkileben

Uns war es eigentlich völlig egal, wohin in Estland wir fahren würden. Irgendwohin, wo noch ein Mökki für uns Kurzentschlossene frei wäre (und das Meer in der Nähe), und so landeten wir – und schliesslich war es vor zwei Jahren im Herbst schon so schön da – auf Saaremaa.

Mökkiurlaub ist super. Im Hochsommer in Estland genauso wie im Winter in Lappland.

Unser Mökki diesmal – eine ehemalige winzige Bauernkate – hatte leider ein paar… äh… bauliche Eigenheiten, die unseren Urlaub ein bisschen überschatteten. Der Ähämann stiess sich an den niedrigen Türen zu Küche und Bad mehrmals den Kopf, bis er fast eine Gehirnerschütterung hatte. Und der kleine Herr Maus rutschte gleich am ersten Abend durch einen Spalt zwischen mittlerer Saunabank und Saunaofen, und wenn das Fräulein Maus nicht so beherzt reagiert hätte, hätte er sich vielleicht noch mehr verbrannt als den ganzen Unterarm. Statt gemütlich in der Sauna zu sitzen fuhren wir also zurück in die 30 km entfernte Kleinstadt, wo wir in der Notaufnahme sehr freundlich und unkompliziert empfangen wurden und dem kleinen Herrn Maus im fast-mitternächtlichen Abendsonnenschein ein hübscher Verband mit Brandgel angelegt wurde. (Danke, liebe EU, für E 111!)

Aber sonst war es ganz wunderbar. Ausschlafen, Lesen, Heupferde beobachten, Abendbrot überm Lagerfeuer zubereiten, Nichtstun. Umgeben von Grillenzirpen, Kranichrufen, blassblauem Sommerhimmel und nachts aus den Wiesen steigendem Nebel wie im Schlaflied.


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kolmesataakaksikymmentä

„Das war die schönste Schwimmhalle, in der ich je war!“, seufzte eins der Kinder hinterher, und zwei stimmten ein. Und wir Eltern waren eigentlich auch versucht, dem zuzustimmen.

In Finnland ist es ja mit Spassbädern nicht weit her. Und unsere zwei oder drei Versuche, irgendwelche regnerischen Urlaubstage in Deutschland mit einem Schwimmbadbesuch zu verschönern, sind bisher auch allesamt eher skurril gewesen.

Meist scheitert das Vergnügen daran, dass wir alle nach einer halben Stunde vor Kälte zittern, weil es keine Sauna gibt (oder nur zu horrenden Zusatzpreisen). Einmal fuhren wir von Jena aus ins nahegelegene Spassbad mit angeschlossenem „Saunadorf“. Die Frage, ob wir uns den Eintritt fürs Saunadorf leisten wollten oder nicht, erübrigte sich, als man uns an der Kasse erklärte, man könne heute nur Eintritt für Schwimmbad und Sauna kaufen, und ach übrigens, es sei dann heute Nacktbadetag.

Äh. Ja. Was mich an deutschen Bädern ja am meisten irritiert, ist, dass man sich offensichtlich noch nicht mal unter Frauen in der Umkleidekabine nackt zeigt, sondern sich zum Umziehen in so ein Kabuff quetscht, und als logische Folge die meisten dann auch nur mit Badeanzug unter die Dusche gehen – aber in die Sauna geht man ganz selbstverständlich nackt, obwohl da dann sogar Männer dabei sind.

Kleiner Exkurs: in finnischen Schwimmhallen zieht man sich einfach vor seinem Spind aus und geht selbstverständlich nackt duschen. (Falls jemandem das aus welchen Gründen auch immer unangenehm ist, gibt es ein, zwei Umkleidekabinen und ein, zwei Duschen mit Duschvorhang.) Ausser Duschen gibt es in jeder finnischen Schwimmhalle eine Sauna (zum Aufwärmen vor, zwischen und/oder nach dem Schwimmen) zwischen Umkleideraum und Schwimmbecken, logischerweise genauso wie Umkleiden und Duschen nach Männlein oder Weiblein getrennt. Überhaupt wird in Finnland eher getrennt sauniert: ist man irgendwo in die Sauna eingeladen, wird üblicherweise gefragt, ob man mit seiner Familie gehen möchte oder erst alle Frauen und danach alle Männer gemeinsam, und natürlich entscheidet man sich dann meist für letztere Variante, weil man ja Zeit mit seinem Besuch verbringen möchte. Unter engeren Freunden gehen wir auch alle gemeinsam; ebenso auf der mittelfinnischen Forschungsstation, wenn wir um zehn vom allabendlichen Mäusefangen wiederkamen und jemand netterweise so lange Holz nachgelegt hatte, dass wir auch noch eine heisse Sauna geniessen konnten, da ging einfach, wer noch eine Sauna nötig hatte, oder wenn ich mit meinen Bootfahrern irgendwo draussen doch mal die Gelegenheit hatte, eine Sauna zu benutzen, dann gingen wir auch lieber gleich gemeinsam. In der Eisbadesauna wird auch gemeinsam sauniert, da aber sowieso gleich mit Badesachen.

Nacktbadetag also. Immerhin gab es eine Sauna zum Aufwärmen. Unvergessen allerdings – der Damals-noch-nicht-Ähämann und ich waren auch zu Studienzeiten öfter dort – wie dort einmal ein Angestellter mit Glocke herumging und wie ein Marktschreier „Spezialaufguss! Spezialaufguss!“ brüllte und sich daraufhin die grösste Sauna mit 60 Menschen füllte und ich mir immer nur vorstellte, wie die da dann drinnen hocken und wenn es ihnen zu viel wird, dann können sie nicht raus, weil sie in der hintersten von zehn Reihen sitzen und weil sie hinterher gelyncht würden, würden sie mitten im Spezialaufguss die Tür aufreissen, um die Sauna zu verlassen. Oder der dicke, schwitzende Mann, der sich in der Sauna, über deren Tür „Finnische Sauna“ stand, mit dem zur Dekoration im Vorraum aufgestellten Birkenbüschel, das schon längst keine Blätter mehr, geschweige denn frische, die so gut riechen in der Sauna, besass, sondern nur noch aus harten Zweigen bestand, schlug und dabei Anerkennung heischend die Mitsaunierenden ansah: seht her, ich weiss, wie man das macht, in Finnland in der Sauna! Einen Eimer zum Aufguss machen gab es in der „Finnischen Sauna“ übrigens nicht. Der wurde einmal in der Stunde von einem Handtuch und Zähnen – denn der Saunaangestellte war ein Farbiger, von dem ausser den Zähnen und dem um die Hüften gesschlungenen Handtuch in der Dunkelheit nichts zu erkennen war – hereingetragen und zeremoniell über dem, natürlich – Brandschutz, Leute! – elektrischen, Saunaofen ausgeleert und handtuchschwenkend im Raum verteilt. Ich sagte schon, dass unsere Erfahrungen mit deutschen Spassbädern bisher eher skurril waren?!

Jetzt also Estland. Das Spassbad gehört zu einem Hotel, das in der Herbstferienwoche vermutlich zu 90% von Finnen belegt war, denn allüberall hörte man Finnisch, und auf dem Parkplatz stand sogar eine finnische 320. Wir hatten es zufällig entdeckt, und die Kinder hatten vorsichtig gefragt, ob wir denn da mal hingehen könnten, und waren dann vor Freude im Kreis gehüpft, als wir sagten, klar, warum nicht, denn sie dachten, sie müssten in Estland immer nur wandern, hihi. Das Beste am Spassbad ist, dass es mindestens sechs verschiedene lange und sehr lange Rutschen hat. Wir waren an der Kasse ein bisschen irritiert, dass man die Sauna extra bezahlen sollte, weil ich eigentlich angenommen hatte, dass in estnischen Schwimmhallen Sauna genauso dazugehört wie in finnischen. So war es auch – ausser dass sie knallheiss war, aber auch das wusste ich eigentlich schon, dass Sauna in Estland heisser ist als in Finnland, während sich die Finnen immer über die lauwarme schwedische Sauna lustigmachen; es scheint da also einen West-Ost-Gradient zu geben – die Sauna, die man extra bezahlen musste, war ein extra Bereich mit lauter besonderen Saunas. Ähnlich dem Saunadorf in oben beschriebenem thüringischem Spassbad, aber… viel entspannter. Die Kinder wollten ja erst gar nicht mitkommen, sondern lieber bei den Rutschen bleiben – tatsächlich schwärmen sie jetzt aber immer noch davon, wie toll die Saunas dort waren! Man ging da einfach wie in unserer Eisbadesauna mit Badesachen rein. Es gab selbstverständlich Eimer zum Aufgussmachen und selbstverständlich keine Sanduhren. Es gab eine Salz-Dampfsauna, da lag ein Haufen Salz und ein Schäufelchen dazu, und man konnte sich – wozu auch immer das gut sein soll – mit dem Salz einreiben und es dann später noch in der Sauna mit einer Regendusche wieder abspülen, und Erwachsene wie Kinder matschten fröhlich vor sich hin, und keiner guckte, ob der andere auch alles richtig macht und sein hektargrosses Saunatuch auch wirklich korrekt ausgebreitet hat, so dass kein Tröpfchen Schweiss aufs Holz gelangt, und alle Besucher lachten und redeten und kein einziger Schwimmhallenangestellter war da zum Aufpassen, und der kleine Herr Maus sass fünf Minuten mutterseelenallein in der allerheissesten Sauna und erntete Bewunderung von allen anwesenden Erwachsenen und das Fräulein Maus machte Wechselbäder im kalten und warmen Schwimmbecken und der grosse Herr Maus ging im beleuchteten Pool tauchen und dann gingen wir alle nochmal in die Dampfsauna mit dem Salzhaufen, und ja, genau so muss Sauna sein.

„Können wir da mal wieder hingehen?!“, fragen die Kinder seitdem. Aber sicher!

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Herbstferien, viel zu kurze

Vielleicht lag es daran, dass wir diesmal tatsächlich erst – nachdem wir am Mittwoch alle noch brav zur Schule und auf Arbeit gegangen waren – kurz vor Mitternacht ankamen: diesmal fühlten sich die vier Tage Herbstferien extrem kurz an.

Vielleicht aber waren sie einfach nur besonders schön und deshalb so schnell um.

Estland ist so wunderbar. <3