Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Leuchtturmtourismus

An einem Urlaubstag fuhren wir auf die Nachbarinsel.

Zu Ostern hatte ich mich ein bisschen in die Leuchttürme Hiiumaas verliebt, und wir hatten beschlossen, beim nächsten Mal hinzufahren und sie alle zu besichtigen.

Die Fähre, die uns von Saaremaa nach Hiiumaa hinüberschaukelte, hatten wir ebenfalls zu Ostern schon auf der kleinen Werft gesehen, wo sie sich im April gerade zur Wartung befand und wo sie vor fünf Jahren auch gebaut worden war. Das estnische Schiffbauunternehmen Baltic Workboats besitzt übrigens zwei Werften – eine im Dörfchen Nasva auf Saaremaa und eine in Tampa, der drittgrössten Stadt Floridas. Lustig.

Weil die Fähre nur 30 Autos mitnehmen kann und nur viermal am Tag fährt, empfiehlt es sich, rechtzeitig ein e-pilet zu buchen. Leider stellte sich der Tag mit dem schönsten vorhergesagten Wetter als der Tag mit dem schlechtesten Wetter heraus. (Immerhin regnete es nicht ununterbrochen, und immerhin kam, wie immer im Norden, abends noch die Sonne raus.) Und leider stellten sich auch fünf Stunden Aufenthalt auf der Insel als viel zu kurz heraus.

Nämlich. Obwohl Hiiumaa ein bisschen kleiner als Saaremaa ist, sind die Entfernungen für eine Insel immer noch unerwartet gross; allein die eine Halbinsel, auf der einer der Leuchttürme steht, ist 20 km lang. Und dann darf man – das wussten wir vorher nicht – auf die drei grössten Leuchttürme sogar drauf!

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Ristna tuletorn

Ich war schon beim ersten der drei hin und weg. Eine schmale Wendeltreppe führt durch den gusseisernen Turm, der bei jedem Schritt hallt, nach oben, und noch nie zuvor war ich der Linse eines Leuchtturms so nahe! Die Verzierungen an der Plattform und am Geländer kamen mir gleich spanisch so mitteleuropäisch vor, und siehe da: der Leuchtturm wurde seinerzeit in Einzelteilen in Frankreich hergestellt!

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Kõpu tuletorn

Den zweiten, imposantesten der drei Leuchttürme sieht man schon von Weitem. Er steht auf einem Berg Hügel und ist deshalb mit seinem über 100 m über dem Meer befindlichen Leuchtfeuer einer der höchsten Leuchttürme an der Ostsee. Ausserdem ist er nach dem Herkulesturm und dem Leuchtturm von Genua der drittälteste noch funktionierende Leuchtturm der Welt!

Und dann hat er ja diese seltsamen Stützmauern! Tatsächlich war er am Anfang nur ein aus Steinen geschichteter Turm – mit eben diesen Stützmauern, damit er nicht umfiel – den man mit einer Aussenleiter erklettern konnte und auf dem ein Feuer in einem offenen Metallkorb entzündet wurde. Den leuchtturmtypischen Aufbau erhielt er erst später; dabei wurde dann auch nachträglich eine Treppe, über die man noch heute den Leuchtturm besteigt, in die Stützpfeiler gegraben. Die Treppe geht sehr lange sehr steil schräg hinauf, und man muss sich beim Treppensteigen bücken, bis man die sehr enge Wendeltreppe oberhalb der Stützmauer erreicht hat. Teilen der Familie war es nicht ganz geheuer, aber keine*r hat gekniffen, und als wir oben angekommen waren, zog gerade der Himmel auf.

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Tahkuna tuletorn

Der dritte Leuchtturm ist der höchste Estlands, obwohl man es ihm gar nicht ansieht. Er ist – ebenfalls ein Import aus Frankreich – aus gusseisernen Platten zusammengeschraubt, mit beeindruckend grossen Schrauben. Innen hat er was von einem Schneckenhaus – und eine tolle Akustik, wie die beiden Musizierenden der Familie singend herausfanden. Und von seiner Plattform hat man, finde ich, den schönsten Ausblick. (Man sollte allerdings schwindelfrei sein. Man steht 43 Meter über dem Erdboden auf einem schmiedeeisernen Gitter.)

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Wir schafften dann noch einen Abstecher zu zwei weiteren, kleineren Leuchttürmen, bevor wir schleunigst zur Fähre zurückmussten und den Entschluss fassten: auf Hiiumaa müssen wir auch mal Urlaub machen!


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neljäsataakuusikymmentä

Seit ein paar Jahren haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, unsere zehnwöchigen Sommerferien nicht nur für eine grosse, sondern auch noch für eine kleine Reise zu nutzen: ein paar Tage oder eine Woche in Estland, wo die Landschaft wilder, das Essen besser, die Sprache niedlicher und das Meer weiter ist als hier.

:-)

Dass wir im Sommer nochmal auf die Insel Saaremaa fahren wollten, hatten wir diesmal schon zu Ostern beschlossen.

Auch dem etwas gefährlichen Mökki gaben wir eine zweite Chance. (Wir hatten Polstermaterial für die Türrahmen mitgenommen und gingen abwechselnd in die Sauna, so dass dieses Jahr kein Ausflug in die Notaufnahme des Krankenhauses, in dem es damals so ruhig und gelassen zugegangen war, während es ein halbes Jahr später unter einem der ersten und schlimmsten Covid-Ausbrüche in Europa fast zusammengebrochen wäre, nötig war.) Dieses Jahr hatten wir ausserdem drei nette, vierbeinige Mökkinachbarn, und wir begriffen endlich, welches Geräusch wir schon vor drei Jahren Nacht für Nacht gehört hatten: das liebliche Nagen von Holzwürmern.

Wir wanderten zum einsamen Strand mit dem schiefen Leuchtturm, bewunderten einen Meteoritenkrater, Klippen, sprudelnde Karstquellen, Holzhäuser, windschiefe Kirchlein und eine Burg, die man ganz oben auf ihren Wallanlagen umrunden darf, die Herren Maus stürzten sich jubelnd in hohe, aber eiskalte Wellen und bauten stundenlang Sandburgenstädte, und eine 460 – es machten recht viele Finn*innen Urlaub da – sahen wir auch.

Zufallsfund: eine mittelalterliche Kirche im estnischen Nirgendwo.

Kopie der Kanzel des Lübecker Doms. Inklusive deutscher Bibelverse.

Die ist wirklich schön, diese geschichtsträchtige Insel mit Kratern.

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Ostern 2022

Wir haben gemacht, was wir immer machen, wenn hierzulande alle von „Ferien“ sprechen, es sich in Wirklichkeit aber gerade mal um ein verlängertes Wochenende handelt: wir fuhren nach Südosten.

Wir fuhren Donnerstagabend direkt von Arbeit, Klavier- und Harfenstunde los und kamen immerhin noch bis Tallinn, wo sowieso für den nächsten Vormittag ein grösserer Schuheinkauf geplant war. Freitagmittag fuhren wir weiter auf die Insel Saaremaa, eines unserer liebsten Reiseziele in Estland.

Wir liessen uns die Sonne auf die Nasen scheinen. Wir waren endlich mal wieder im Wald. Zwei Familienmitglieder gingen bei 8 Grad Luft- und unter 5 Grad Wassertemperatur – wozu schliesslich gehen wir den ganzen Winter eisbaden?! – anbaden. Wir besichtigten Leuchttürme und liessen uns Ostseesand durch die Finger rieseln. Wir bestiegen einen… äh… interessanten Aussichtsturm. Wir sahen die ersten Störche, Kraniche zogen trompetend über uns hinweg, die Wälder schallten von Buchfinkgesang, und wenn wir abends nach der Sauna auf der Terrasse sassen, flötete die Amsel vom höchsten Baum herunter.

Erst kurz vor Mitternacht am Ostermontag waren wir wieder zu Hause.
Es war der beste und längste Osterurlaub, den wir je hatten.


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Statt Skifahren: Unabhängigkeit feiern (mit schwerem Herzen)

Am 24. Februar feiert Estland seinen Unabhängigkeitstag. Ich fürchte, in diesem Jahr war niemand so recht in Feierlaune.

Ich glaube, die (hoffentlich nur noch wenigen) deutschen Putinversteher können aus ihrer Sicht einfach nicht nachvollziehen, wie sich das anfühlen muss für die Länder der ehemaligen Sowjetunion, dass es kein Wunder ist, dass die alle so schnell wie möglich in die EU und in die Nato wollten. Meine Mutter hat ein einziges Mal in ihrem Leben CDU gewählt: 1990, weil es ihr als die einzige Möglichkeit erschien, ihren Teil dazu beizutragen, dass sich das Rad der Geschichte, dass im Jahr zuvor mehrere Umdrehungen nach vorn gemacht hatte, keinesfalls zurückdrehen würde.

Es war Zufall, aber natürlich auch ausserordentlich passend, dass wir ausgerechnet am Unabhängigkeitstag das estnische Nationalmuseum besuchten. Es wurden Fähnchen verschenkt, und viele Leute kamen fein gekleidet zu einem später stattfindenden Festkonzert.

Im Museum gab es eine Ausstellung über die finnisch-ugrischen Völker, eine mit Alltagsgegenständen aus vielen Jahrhunderten, eine mit Lebensgeschichten, eine über estnische Küche, über Landwirtschaft, über die estnische Sprache. (Wir hatten viel Spass beim estnischen Lehnwörterraten, denn wer Finnisch und Deutsch kann, der ist nicht nur gut dran in Estland, sondern für den ist die Sprache auch unheimlich niedlich.) Vieles konnte man nicht nur angucken, sondern auch anfassen und ausprobieren.

Auf unseren Eintrittskarten wurde unsere Muttersprache codiert, und mit ihnen konnten wir jede Erklär“tafel“ auf Deutsch umschalten. Besser noch, wir konnten uns so viele Erklärungen, wie wir wollten – woher die estnischen Flaggenfarben kommen oder wieso die Wende in Estland mit gelben Klamotten anfing oder warum der estnische Präsident 1997 eine Pressekonferenz auf der Herrentoilette des Tallinner Flughafens gab – auf unseren Eintrittskarten abspeichern und können sie jetzt jederzeit über eine Webseite abrufen.

Dann trieb uns, wie immer, der Hunger aus dem Museum, und wir liefen die anderthalb Kilometer zurück in die Innenstadt.

Und nach dem Mittagessen, obwohl wir schon alle fast platzten, mussten wir nochmal die Gelegenheit zum Torteessen nutzen.

Danach erfüllten wir den Kindern, weil es der letzte Abend war, noch einen Herzenswunsch und liehen ihnen Schlittschuhe aus, mit denen sie eine Stunde auf der vor dem Rathaus angelegten Eisbahn ihre Runden drehen konnten. (Der Ähämann und ich gingen derweil in einer der zahlreichen Kneipen am Rathausplatz einen Cocktail trinken. Grosse Kinder sind toll.)

Apropos Rathaus. Das Tartuer Rathaus hat das schönste und komplizierteste Glockenspiel, das ich je gehört habe.
Es erklingt von früh um neun bis abends um neun alle drei Stunden, jedes Mal mit einem anderen Stück. (Offensichtlich wechseln die Stücke monatlich und werden auch Feiertagen angepasst.) Nachmittags um drei spielte es übrigens das Stück, dass das Fräulein Maus und der kleine Herr Maus gerade auf Harfe und Klarinette gemeinsam üben.

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Ich bitte das schaukelnde Video zu entschuldigen. Es gab kein Erdbeben. Die Welt war nur ein bisschen aus den Fugen geraten.


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Statt Skifahren: Spazierengehen

Am dritten Tag, nachdem abends und nachts ein Schneesturm durchgezogen war, kam endlich die Sonne raus. Also wenigstens ab und zu. Wir packten die Gelegenheit beim Schopf und gingen ein bisschen durch die Stadt spazieren.

Wir fingen mit dem Unigelände an – ich bin übrigens als Doktorandin in einer Graduate School mit Doktorand*innen aus Turku, Jyväskylä und Tartu gewesen; wir trafen uns reihum zu mehrtägigen Seminaren an den jeweiligen Orten, ich bin aber trotzdem noch nie in Tartu gewesen, da uns die Esten damals statt nach Tartu in ein Naturschutzgebiet an der Ostsee einluden – wo auch die beeindruckende Ruine des Tartuer Doms steht, der schon im Livländischen Krieg – immer das Gleiche, schon vor fünfhundert Jahren…! – zerstört wurde.

Vor allem aber wollte ich nach Supilinn, einem Stadtteil voller Holzäuser. Supilinn bedeutet Suppenstadt, und die Strassen dort haben alle Obst- und Gemüsenamen. Witzig.

Wie überall in Estland stehen auch in der Suppenstadt brandneue Häuser neben nahezu verfallenen, renovierte neben solchen, bei denen die Farbe nur noch als Schuppen auf den rohen Holzbalken hängt. Obwohl die neuen Häuser alle sehr schön zum ursprünglichen Strassenbild passen, sind es doch die alten, die roten, gelben und grünen, die mir Herzchenaugen machen.

Erbsenstrasse

Kartoffelstrasse

Beerenstrasse

Am Rand der Suppenstadt erhebt sich riesig Estlands grösste Brauerei hinter den kleinen Holzhäusern. Dort wird nicht nur Bier gebraut, sondern auch Limonade, Saft und alkoholische Mixgetränke hergestellt; unter Anderem unsere Lieblingsrhabarberlimonade. Hinter einer unscheinbaren Tür gibt es sogar einen Werksverkauf, und wir schafften es gerade so, die 1,88 € für vier Getränke, darunter ein alkoholisches, in bar – „No cards. Only money or bottles!“ zusammenzukratzen. Tatsächlich kamen die meisten Kund*innen mit riesigen Müllsäcken voller Pfandflaschen, und die Getränkekästen für leere Pfandflaschen stapelten sich bis unter die Decke. Wir hatten schon fast angefangen zu planen, dass wir am Abreisetag nach Aufsuchen eines Geldautomaten nochmal mit dem Auto vorfahren und uns den Kofferraum voller Rhabarberlimonade, die es in kaum einem Supermarkt noch zu kaufen gibt, und wenn, dann nur noch in kleinen Flaschen – laden würden; der Plan fiel allerdings dem langen Wochenende – Donnerstag war Feiertag und Freitag gleichmal auch geschlossen – zum Opfer.

Melonenstrasse

Selleriestrasse

Kürbisstrasse

Im Sommer, wenn die Gärten grünen und blühen, ist es sicher noch viel schöner in der Suppenstadt. Wir waren nach unserem Spaziergang auch reichlich durchgefroren und gingen deshalb zum Aufwärmen direkt weiter in die Gewächshäuser des Botanischen Gartens.

Dort war es so feuchtwarm, dass ich, nachdem ich mich einer Wollschicht nach der anderen entledigt hatte, gar nicht mehr wusste, was ich noch ausziehen könnte. Am liebsten wären wir einfach dageblieben.

Aber dann knurrte uns der Magen, und es mussten auch noch dringend Socken – fragt nicht! – gekauft werden, und so begaben wir uns doch nochmal ins kalte Grau hinaus, wo es inzwischen wieder angefangen hatte zu schneien.


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Statt Skifahren: Kopfstehen

Eigentlich wollten wir nach Tartu mit dem Zug fahren, denn alles, was wir uns für dort vorgenommen hatten, wäre innerhalb der Stadt und deswegen auch ohne Auto gut zu erreichen. Aber dann hatten wir plötzlich diese ellenlange Einkaufsliste, und naja. Wir hatten vorher sogar gedacht, wir könnten kurz nach Valga fahren, um lettisches Bier zu kaufen, denn schliesslich war es mit dem Zug nur ein Katzensprung von Tartu nach Valga gewesen; tatsächlich sind es aber 85 km einfache Strecke mit dem Auto, und das liessen wir dann doch lieber bleiben.

Und so blieb Balthasar fünf Tage lang stehen, während wir kreuz und quer durch die Stadt – und auch aus der Stadt raus – spazierten. Vor der Stadt, auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens, steht nämlich unter Anderem ein komisches Haus.

Wir liefen über Zimmerdecken, machten Handstand auf Tischen, Betten und Klobecken, ruhten uns neben Deckenlampen aus.

Dann drehten wir uns wieder richtigrum, spazierten ins Stadtzentrum zurück, gingen Mittagessen, holten die Schwimmsachen aus der Ferienwohnung, liefen zur Schwimmhalle, verbrachten mehrere Stunden in einer fast völlig leeren Schwimmhalle mit Schwimmen, Rutschen und Saunieren – es ging da ähnlich entspannt zu wie in der Schwimmhalle in Pärnu – suchten danach schnell einen Supermarkt auf, um Nachschub an Brot und Butter und Quarkriegeln zu kaufen und verspeisten dann in einem Café jeder einen riesigen Palatschinken mit verschiedenen süssen Beilagen als Abendbrot.


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Statt Skifahren: Experimentieren

Die Skiferien sind die einzigen Ferien, in denen ich nicht so gerne wegfahre: es könnte ja sein, es liegt Schnee, das Meer ist zugefroren, die Sonne scheint.

Diesmal hatten wir uns aber doch schon lange vor den Ferien für eine Reise entschieden. Schon seit Jahren wollten wir nach Tartu, Estlands zweitgrösster Stadt, und immer war irgendwas dazwischengekommen. Ausserdem mussten wegen der ausgefallenen Erzgebirgsreise dringend unsere Vorräte an Bier in Flaschen, bezahlbarem Verbandsmaterial und Kopfschmerztabletten, nicht-laktosefreien Milchprodukten sowie anderen Deosorten als den drei hier erhältlichen aufgestockt werden.

Der diesjährige Winter war nicht schlecht. Aber die letzten beiden Wochen vor den Skiferien waren geprägt von grauem Himmel, kaltem Wind und Schneematsch, und die Wettervorhersage für die Skiferienwoche sah auch nicht besser aus. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich deshalb darauf gefreut habe, in den Ferien lauter Dinge in geschlossenen Räumen zu tun: gemütlich zwei Stunden lang Fähre zu fahren, in jede Menge Museen zu gehen, in einer warmen und hellen Schwimmhalle zu planschen, in Cafés und Restaurants herumzusitzen und Essen mit Geschmack und Backwaren ohne Kardamom zu uns zu nehmen.

Wir fingen mit dem „Ahhaa“ an. Dahin wollten wir seit Jahren, seit wir in Tallinn mal eine eine kleine Sonderausstellung von denen gesehen hatten. Die Kinder waren ungewöhnlich schnell angezogen und abmarschbereit, denn sie erinnerten sich noch gut, dass im „Heureka“ in Helsinki sieben Stunden hinten und vorne nicht gereicht hatte.

Wir waren auch im „Ahhaa“ fast sieben Stunden. Aber wir waren fast allein da: die Esten hatten keine Ferien, und die Finnen bleiben immer noch brav im eigenen Land, obwohl es in den letzten Wochen vermutlich nirgendwo in Europa mehr Coronafälle gegeben hat als hier. Man musste nirgends anstehen und man konnte alles so oft ausprobieren wie man wollte. (Nur die Astronautentrainingszentrifuge liess der Museumsmitarbeiter die Herren Maus erst nach zehn Minuten wieder besteigen.)

Nicht zuletzt war das Essen im Museumsrestaurant um Welten besser und der Eintritt mit 35 € für eine Familienkarte nur ein Drittel so teuer wie im „Heureka“.

Allein für diesen einen Museumstag hatte sich die gesamte Reise schon gelohnt.

„Das ist ja wie auf der „Norröna“!“


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Freude, Freude über Freude

Als wir im Sommer Urlaub in Estland machten, wohnten wir in einem Ferienhaus, das nicht nur die aussergewöhnlichste und tollste Einrichtung hatte, die wir jemals erlebt haben, sondern in dem es auch einen Plattenspieler samt einer umfangreichen Schallplattensammlung gab.

Die Kinder waren begeistert. „So habt ihr Musik gehört als Kinder?!“ „Wie funktioniert das denn?“ „Darf ich auch mal?“ Sie waren so begeistert, dass sie sogar Videos vom Musik abspielenden Plattenspieler an ihre besten Freund*innen schickten.

Wir Eltern waren ebenfalls begeistert. Was für eine allumfassende Musiksammlung! Lachend entzifferten wir Dire Straits auf Kyrillisch, erfreuten uns an auf Russisch übersetzten Nirvana-Songtiteln und „Guck mal hier, eine ETERNA-Schallplatte!“ und liessen die Kinder abspielen, was sie wollten.

Und dann kriegte ich Herzchenaugen.
(Vielleicht auch schon Herzchenohren, noch bevor ich einen einzigen Ton davon gehört hatte.)

Auf der Schallplatte ist die schönste Version von „Maria durch ein‘ Dornwald ging“, die ich jemals gehört habe. (Also vielleicht sind darauf von allen bekannten Weihnachtsliedern die schönsten Versionen, die ich jemals gehört habe.) Und Choräle und Volkslieder sind gleichermassen so perfekt gesungen, dass ich immer noch bei jedem Anhören Gänsehaut bekomme.

Das war mal gleich klar, dass diese Aufnahme des Dresdner Kreuzchors von 1984 in unsere Weihnachtsliedersammlung muss.

Mitten im Hochsommer freuten wir uns auf den Advent.

Und jetzt enthält unser Advent ein bisschen Hochsommer. Den mitternachtsblauen Himmel über der Ostsee vor dem Fenster. Das Stückchen Melonenschale, das nötig war, um den Tonarm so weit herunterzudrücken, dass die Schallplatte nicht leierte, aber der tiefe Kratzer, der durch „Alleluja! Freuet euch, ihr Christen alle!“ ging, nicht dazu führte, dass der Kreuzchor bis in alle Ewigkeit „Alleluja!“ sang. Die Erinnerungen an eine wunderbare Reise, die gar nicht geplant war, aber das Wunderbarste war, das der zweite Coronasommer uns beschert hat.


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 9: Riga-Tallinn

Tag 9 war der einzige Ferientag, an dem wir uns den Wecker stellen mussten. Er klingelte um acht.

Draussen vor den Fenstern machte uns Riga den Abschied schwer. Der Dom leuchtete im Morgenlicht, und die Tauben übten Formationsflug.

Nach dem Frühstück machten wir uns durch schmale Gassen, in die die tiefstehende Sonne fiel, und durch immer noch bunte Parks auf den Weg zum Bahnhof.

Bevor wir uns auf den Bahnsteig begaben, statteten wir noch dem Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof einen Besuch ab für einen letzten unbedingt in Lettland zu tätigenden Einkauf.

Es ist nämlich so: im Sommer, an unserem letzten Tag in Riga, als wir abends noch in Jūrmala am Strand waren, mussten wir auf der Rückfahrt noch einen Supermarkt aufsuchen, weil uns Brot und Butter ausgegangen waren. Es war der erste grössere Supermarkt, in dem wir in Lettland einkaufen gingen – vorher hatten wir in Riga nur in einem kleinen Laden um die Ecke  das Nötigste eingekauft – und wir stellten fest, dass er eine beeindruckende Bierabteilung besass. Lauter verschiedene Biere mit lauter verschiedenen schönen Kronkorken! Da ich seit meiner Kindheit, seit es in der Slowakei in den 1980er Jahren schon Limo mit bedruckten Kronkorken gab, Kronkorken sammele, füllte sich der Einkaufskorb recht schnell mit recht vielen Flaschen Bier. Ist ja auch egal, ob wir nun lettisches oder estnisches Bier mit nach Finnland nehmen, dachten wir. (Nur dass wir welches mitnehmen mussten, war ohnehin klar: nicht nur wegen des Preises und des Geschmacks, sondern auch, weil es in Finnland eigentlich nur noch Bier in Dosen gibt. Und Bier in Dosen geht einfach nicht!) Jedenfalls. Zurück in Finnland seufzten wir bei jeder Flasche, die wir aufmachten: „Das lettische Bier ist sooo gut! Das ist das beste Bier, das wir seit langem getrunken haben…!“

Es war also klar, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten. Drei Kilo Honig hatten wir schon im Rucksack. Wenn der Ähämann und ich jeder noch drei Flaschen lettisches Bier nähmen? Oder vier? Ach komm, das kriegen wir schon fort!

Dann bestiegen wir wieder einen lila-gelben Rumpelzug, und dann fuhren wir drei Stunden lang auf goldenen Schienen durch goldene Landschaft wieder zurück zum Grenzbahnhof in Valga.

In Valga gab’s diesmal auf dem Bahnhof ein Wahllokal. Die Esten dürfen ganz offensichtlich ebenso wie wir in Finnland vorwählen, denn der eigentliche Wahltag war ja erst einen Tag später.

Zunächst suchte ein Teil der Familie das Bahnhofsklo auf – die Toiletten in den Zügen waren in den allermeisten Fällen wirklich etwas, was man nur im allerallerhöchsten Notfall benutzt hätte; der kleine Herr Maus hatte sich sogar schon einen Notfallplan, der die Zuhilfenahme einer leeren Limoflasche einschloss, zurechtgelegt – wo man für 20 cent nicht nur ein sauberes Klo und ein Waschbecken mit warmem Wasser und Seife benutzen kann, sondern wo auch, wie vor einer Woche schon, ein Strauss frischer Herbstastern auf dem Fensterbrett stand.

Diesmal hatten wir vier Stunden Aufenthalt in Valga.

Zum Glück fanden wir ein Restaurant, das am Wochenende geöffnet hat und in dem wir vielleicht das beste Essen der ganzen Reise assen. Nachtisch kauften wir später im Supermarkt, vor dem wir ausserdem noch jeder einen Reflektor als Wahlwerbung für Valgas junge Bürgermeisterin in die Hand gedrückt bekamen. Wir laufen jetzt unter Anderem mit sehr authentischen Valga-Souveniers durch die Dunkelheit.

Und dann standen wir, genau eine Woche später, wieder auf dem gleichen Bahnsteig, und diesmal fiel es schwer, in den richtigen Zug, den orangen mit dem Namen, zu steigen. Lieber wären wir mit dem lila-gelben zurück nach Riga gefahren und hätten die Reise nochmal von vorn gemacht.

Leider war es dann die meiste Zeit der dreieinhalbstündigen Fahrt nach Tallinn finster, aber im Zug kann man ja lesen. Und vorlesen.

Genau, als wir in Tallinn ankamen, fing es an, erst nur ein bisschen zu tröpfeln, dann wie aus Kübeln zu schütten, später auch zu hageln (Aua!), und hörte genau dann wieder auf, als wir zwanzig Minuten später durchgeweicht – keiner hatte Lust gehabt, wegen so einem… äh… Schauer die Regensachen aus den Rucksäcken zu zerren – in unserer Ferienwohnung ankamen.

Das war leider kein gemütlicher Spaziergang durch die abendlichen Altstadtgassen. Aber egal. Tallinn ist immer schön. Immerimmerimmer.

***
Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius
Tag 7: Vilnius-Riga
Tag 8: Riga


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

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Tag 1: Turku-Tallinn