Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Finnisierung III

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Eine der schönsten finnischen Eigenschaften ist die Ruhe und Gelassenheit, mit der alles angegangen wird. Ich habe mich auch inzwischen ganz gut angepasst. Was hat meine Mutter für eine Unruhe und Hektik verbreitet, als uns meine Eltern im Januar besuchen waren! Wie hat mich das genervt! Früher wäre mir das nicht einmal aufgefallen.

Aber manchmal erleide ich doch noch den einen oder anderen Rückfall.

Nachdem ich Mitte Juli eigentlich schon eine Woche lang „gewusst“ hatte, dass ich schwanger bin, reichte das Wochenende Pause von der Feldarbeit gerade mal für einen Schwangerschaftstest aus der Apotheke, bevor ich weitere 10 Tage auf Utö Mäuse telemetrieren musste. Ich fand das okay, aber danach wollte ich doch ganz gern mal zum Arzt. Ich ging also ins Terveyskeskus, erzählte, dass ich höchstwahrscheinlich schwanger sei, und fragte, was denn jetzt passieren würde, ob ich jetzt erstmal einen Termin beim Frauenarzt bekäme oder was. „Hast du schon einen Test gemacht?“ „Ja.“ *nick* „Okay, dann kannst du gleich in die Neuvola gehen und dir dort einen Termin machen lassen.“ (Die Neuvola ist die Schwangerenberatung, wo alle Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt werden.) Dort war aber nur die Hebamme anzutreffen, die für unser Wohngebiet gerade nicht zuständig ist. Die, die für mich zuständig gewesen wäre, war im Urlaub. (Natürlich! War ja Juli!) „Das macht aber nichts. Sie kommt in zwei Wochen wieder, und ich gebe dir schon mal ihre Telefonnummer, da kannst du dann anrufen und einen Termin ausmachen.“ In zwei Wochen?! Wo ich doch jetzt schon *rechenrechen* fast in der achten Woche war?! Die Deutsche in mir fing an sich aufzuregen. Da ich als Doktorand die Wahl sowohl zwischen dem kommunalen Terveyskeskus als auch dem Studentenarzt und zu guter Letzt auch noch einer privaten Krankenversicherung habe, wollte ich nichts davon ungenutzt lassen. Bei den Versicherungen bekam ich allerdings gesagt, dass eine private Krankenversicherung nicht für private Arztbesuche während einer Schwangerschaft aufkommen würde. „Wir wollen, dass alle das Neuvola-System nutzen.“ Die Schwester an der Anmeldung beim Studentenarzt dachte ob meiner Eile sogar, ich wolle das Kind abtreiben lassen. „Nein, nein, natürlich nicht!“ *entsetztabwink* „Ja aber was willst du denn dann?“ *erstauntfrag* „Willst du nochmal einen Test machen lassen?“ „Nein,“ *augenroll* „ich traue dem Test, den ich gemacht habe, schon, ich will doch nur wissen, ob auch alles in Ordnung ist, einen Ultraschall oder was auch immer, ich weiss doch auch nicht…“, liessen mich meine deutschen Gene und die Tatsache, dass ich schliesslich zum ersten Mal im Leben schwanger bin, ein letztes Mal gegen die finnische Gelassenheit aufbegehren. „Jaja, da sei mal beruhigt, das machen die alles in der Neuvola. Iss ein bisschen gesund, trink keinen Alkohol, und vor dem vierten Monat ist sowieso keine Eile mit irgendwelchen Untersuchungen.“

Und eigentlich, ja eigentlich fand ich das dann auf einmal toll. Es war trotzdem schwer, noch Wochen und Wochen zu warten, bis wir zum ersten Mal unser Mäusekind im Ultraschall sehen konnten. Es war sehr schön, als es endlich so weit war, und natürlich wünschte ich mir manchmal, ich könnte es öfter sehen, wie es da in mir herumzappelt und wovon ich noch gar nichts merke. Aber das Warten gehört dazu. Nicht zu Unrecht heisst die Schwangerschaft im Finnischen „Warte-“ oder „Erwartungszeit“. Und auch das ist gut so.

Denn nach allem, was ich von deutschen Freundinnen gehört und von deutschen Müttern in verschiedenen Blogs gelesen habe, bin ich sehr froh, dass ich das Mäusekind in Finnland zur Welt bringen werde. Ich fühle mich und mein Kind hier gut aufgehoben und betreut, aber nicht über-überwacht. Wenn ich schon höre, wie oft in Deutschland Schwangere nach dem Ultraschall mit Aussagen wie „Ihr Kind ist eine Woche zu klein / zu gross für sein Alter“ geängstigt werden! Wer bitte glaubt denn ernsthaft daran, dass sich Embryos genau nach Norm entwickeln? Von Kindern später erwartet man doch auch nicht, dass sie in einem bestimmten Alter eine genau definierte Grösse haben! Und dann kann ich mich ja auch des Eindrucks nicht erwehren, dass deutsche Ärzte jeglichen Vorwand nutzen, um eine werdende Mutter von der Notwendigkeit eines Kaiserschnitts zu überzeugen. (Klar, ist ja für den Arzt auch lukrativer.) Eine Freundin von mir wurde nach den ersten Wehen vor die Entscheidung gestellt:“Die Herztöne Ihres Kindes werden schwächer, wollen Sie lieber gleich einen Kaiserschnitt oder noch warten?“ Wie wird sie sich wohl, von Haus aus recht ängstlich und mit biologischen Vorgängen nur wenig vertraut, entschieden haben?! (Sehr bedrohlich kann der Zustand übrigens wohl kaum gewesen sein, wenn als Alternative auch noch Erst-mal-Abwarten zur Debatte stand.) Ultraschall alle vier Wochen, Fruchtwasseruntersuchung und Kaiserschnitt scheinen ja in Deutschland allmählich zur gängigen Praxis zu werden. Nicht, dass das nicht in echten Notfällen alles segensreiche medizinische Errungenschaften wären – aber eine normale Schwangerschaft braucht eben keine grosse Überwachung und keinen Kaiserschnitt am Ende. Und so wird das hier glücklicherweise auch gehandhabt. Darüber bin ich wirklich froh.

Und mittlerweile habe ich ja sogar das Warten gelernt.

[Finnisierung I, II]

2 thoughts on “Finnisierung III

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