“Nur noch 4 Tage”, sagt der Minimäusekindzähler da links. Wir werden sehen. Unglaublich ist es trotzdem.

Angefangen hat das mit dem Minimäusekind im tiefsten Winter. Wir wussten es nicht, ich habe es nicht einmal geahnt, aber das Minimäusekind kam mit uns aus Lappland zurück. Den Schwangerschaftstest machte ich an dem Morgen, bevor wir über das vereiste Meer nach Utö fuhren. Müde und mit einem flauen Gefühl im Magen stapfte ich jeden Morgen durch erst frischen, später matschigen Schnee zu den Fuchsfallen. Richtig schlimm war es, wenn ich auf dem Weg dahin so einen alten, praktisch ungefederten Bus erwischte. (Auch nur das kleinste bisschen geschüttelt zu werden finde ich immer von Anfang bis Ende der Schwangerschaft äusserst unangenehm.) Es war schon Mitte April, als der Schnee so weit weggetaut war, dass ich endlich mit dem Fahrrad dahin fahren konnte. Gleichzeitig war das erste Schwangerschaftsdrittel fast um, und endlich, endlich war ich nicht mehr so müde.
Dann kam der wunderbare, lange Sommer. Er dauerte von Mai bis August, ich genoss es, den schon ziemlich dicken Babybauch in Sommerkleidern spazierenzutragen, und ich kam mir schon immer vor wie eine Mutter von drei Kindern, wenn wir so durch die Gegend zogen – das Mäusemädchen an der einen Hand, das Mäuseknäbchen an der anderen, und das Minimäusekind vorn im Bauch.
Dann kam der Herbst. Ich war froh, dass die Mäusekinder wieder in den Kindergarten gingen, denn langsam wurde es beschwerlich, den ganzen Tag Kinder herumzutragen und hochzuheben. Oh, und diese elende Anzieherei! Nicht nur, dass es schwierig ist, mit dem dicken Bauch auf dem Boden hockend die Kinder in Hosen, Fleecejacken, Handschuhe, Halskrausen, Mützen, dicke Socken und Winteranzüge zu stopfen, ich finde auch kaum noch für mich selbst etwas Passendes zum Anziehen. Meine Lieblingsumstandsjeans hat vor ein paar Wochen in ihrer nun vierten Tragesaison (denn auch das Räupchen wurde darin durch die Weltgeschichte getragen) den Dienst quittiert, meine eigene und nicht einmal des Ähämanns Hose für Spielplatzbesuche passt mehr, die einzigen Regensachen, die mir noch passen, sind der rote Finnennerz, den ich damals für die Feldarbeit so gross gekauft habe, dass er beim Bootfahren noch über meinen Mäusepelz (so eine Art Schneeanzug für Erwachsene) passt – also stehe ich meist mit – äusserst praktisch! – weisser Hose auf dem Spielplatz und sage mir, ist ja nicht mehr für lange.
Und nun ist schon November. Die Herbststürme und die ersten Nachtfröste haben die Bäume kahlgerupft. In vier Wochen ist der erste Advent. Ganz schön lang, so eine Schwangerschaft!

Andererseits – es war doch gerade erst gestern, als ich mit klopfendem Herzen auf der Toilette sass und schon fast enttäuscht war, weil zuerst nur EIN Strich auf dem Schwangerschaftstest erschien. (So beim dritten Mal und mit zwei Kleinkindern vor der Tür, die dringend Einlass begehren, da kann es schon mal vorkommen, dass man den Test gar nicht mehr genau anguckt und erst viel später bemerkt, dass der EINE Strich der eigentliche Teststrich war, während der Kontrollstrich auf sich warten liess – und nicht umgekehrt.) Es war doch erst gestern, als ich das erste Mal in die neuvola ging, als wir das Minimäusekind zum ersten Mal sehen konnten, als ich es zum ersten Mal gespürt habe! Ich liebe es, so ein kleines Menschlein mit mir herumzutragen – und das soll nun in vier Tagen (oder so) schon zu Ende sein? Ganz schön kurz, so eine Schwangerschaft!

Ich habe noch nie wirklich das Ende einer Schwangerschaft herbeigesehnt. Dafür ging es mir immer zu gut, dafür habe ich es immer viel zu sehr genossen. Diesmal, mit den elefantenmässig aufgequollenen Händen und Füssen und mittlerweile acht Fingern, in denen ich quasi gar nichts mehr spüre, und mit den beiden grossen, kleinen Mäusekindern, mit denen ich gern mal wieder richtig toben würde, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich mir vielleicht doch vorstellen könnte, in einziges Mal im Leben ungeduldig auf das Ende einer Schwangerschaft zu warten. Aber nur vielleicht. Ausserdem muss ich jetzt erstmal die flunssa auskurieren, die mir das Mäuseknäbchen netterweise vererbt hat. Hustend und schniefend und überhaupt ziemlich angeschlagen möchte ich das Minimäusekind nicht auf die Welt pressen müssen.

Am nervösesten an der bevorstehenden Geburt macht mich die Aussicht, dass diesmal alles sehr, also wirklich sehr schnell gehen könnte, während ja auch noch die Betreuung der grossen Mäusekinder organisiert werden muss. Allerdings haben wir einen wirklich kurzen Weg zum Krankenhaus (während es in Finnland durchaus üblich ist, bis zum nächsten Krankenhaus mit Geburtsabteilung ein, zwei Stunden Autofahrt einplanen zu müssen), und Betreuungszusagen für die Mäusekinder haben wir von verschiedenen Leuten jeweils für tags, für nachts, für länger und für wenn’s ganz schnell gehen muss.

Und ich merke, wie ich in Gedanken viel öfter bei der Geburt und der Zeit danach bin, als bei der Schwangerschaft. Ich fange an, mich zu verabschieden. Und auf eine Ankunft zu warten. Nur noch vier Tage. Oder so.

Als ich heute früh die Kalenderblätter umwendete, da war ich auf einmal so froh, dass noch in diesem Monat auch über der letzten Spalte in unserem Familienkalender ein Name stehen wird. Dass da keine Lücke mehr sein wird.