Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Schein und Sein

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Als wir damals des Mäusebabymädchens zukünftigen Kindergarten angucken gingen, war mein erster Gedanke: „Hier sieht’s ja aus wie in einem DDR-Kindergarten!“ Dabei habe ich eigentlich gar keine Erfahrung mit typischen DDR-Kindergärten. Meiner befand sich in einer alten Villa statt in einem Plattenbau, hatte einen riesigen Garten, in dem ich mit meiner Freundin Katrin einen Zoo voller Marienkäfer hegte, und ich war sowieso nur Mittagskind und auch nicht jeden Tag da und kann mich an Kindergartenausstattung am besten noch an die kleinen Toiletten erinnern. Die haben mich wohl am meisten beeindruckt.

Des Mäusebabymädchens Kindergarten war damals eigentlich unsere zweite Wahl. Vorher hatten wir uns den nächstgelegenen, ziemlich neuen, ziemlich schönen, angesehen. Aber der war voll. Als wir dann einen Platz im zweitnächstgelegenen bekamen, war es mir schon nach dem ersten Eingewöhnungstag egal, dass dort alles ein bisschen alt und schäbig war, die Kleinsten in der Tür so eine Absperrung hatten, wie wir sie für unsere Meerschweinchen benutzten, und unter der Decke im Flur hässliche Rohrleitungen entlangliefen. Spätestens, als ich am zweiten Eingewöhnungstag das Mäusebabymädchen für eine Stunde allein dort gelassen hatte und sie, als ich zurückkam, schlafend auf dem Arm einer ihrer Betreuerinnen wiederfand, die sich mit ihr aufs Sofa gesetzt hatte, statt sie abzulegen, damit sie nicht wieder aufwacht, wusste ich, dass es ihr dort gut gehen würde. Und das tat es auch. Dem Mäuseknäbchen später auch.

Dennoch, als wir erfuhren, der Kindergarten würde geschlossen, renoviert und anschliessend den schwedischsprachigen Kindergarten aufnehmen, während unsere Kinder samt Betreuern in ein niegelnagelneues Gebäude ein paar hundert Meter weiter ziehen würden, da freute ich mich. Alles neu, das wäre ja doch schön. Dachte ich.

Und, ist es nun schön im niegelnagelneuen Kindergarten?

Das Mäusemädchen freut sich, dass sie zum Mittagsschlaf jetzt im Doppelstockbett oben schlafen liegen und sich ausruhen darf. Das Mäuseknäbchen freut sich, dass er jetzt immer auf so eine kleine Toilette gehen darf statt aufs Töpfchen.

Mir wird immer ganz kalt ob der sterilen Atmosphäre dort. Ich vermisse die liebevoll gemalten Namensschilder und trauere um den grossen Garten mit den Vogelbeerbäumen und Kiefern und Eichhörnchen und dem kleinen Hang zum Schlittenfahren und Autosrunterrollen. Jetzt gibt es zwar tolle neue Spielgeräte, aber keinen Hügel und keine Bäume, und die Kleinen und die Grossen sind durch einen Zaun getrennt. Mir wird das Herz schwer beim Gedanken daran, dass die Geschwister nicht mehr miteinander spielen können – „Heute früh, als wir draussen waren, haben wir beide am Zaun gesessen, das Mäuseknäbchen und ich.“ – und daran, wie die drei kleinen Deutschen – das Mäusemädchen, das Mäuseknäbchen und ihr gemeinsamer bester Freund – jeden Nachmittag zusammen draussen sassen, in irgendein Spiel vertieft, und dass das nun auch nicht mehr geht. Auch alle Gruppennamen sind geändert worden. Es war so toll, nach kleinen Mumins und Myys und Filifjonken rufen zu hören. Jetzt haben die Gruppen so poetische wie nicht kindgerechte Namen wie „Tautropfen“ oder „Morgenröte“. Zum Abholen muss man jetzt jedes Mal klingeln, weil alle Türen ständig verschlossen sein müssen. Das Kuscheltier muss im Kindergarten bleiben. (Nein, es darf auch nicht jeden Tag in den Rucksack gepackt und mitgenommen werden. Denn der Rucksack wird nur freitags gepackt und mit heimgenommen. Denn da die Türen verschlossen sind, müsste der Rucksack ja jeden Tag rausgehängt werden, falls die Kinder schon draussen auf dem Spielplatz sind, wenn sie abgeholt werden.) Und dann diese Reise in den Kindergarten und zurück! Vier Tage lang haben wir sie bisher unternommen, vier verschiedene Wege haben wir ausprobiert. Es bleibt sich gleich. Es dauert zu lange. Es nervt.

Das Schlimmste aber ist die neue Kindergartenleiterin. Ihr penetrantes „Zu Hause ist der beste Platz für ein Kind“, das ich mir im Oktober gleich auf zwei Elternabenden hintereinander anhören musste, ging mir sofort auf die Nerven. Ihr zweitliebster Satz: „Die Kinder sollten bitte unbedingt zum Morgenkreis um halb neun anwesend sein, dafür aber bitte so zeitig wie möglich abgeholt werden nachmittags.“, den wir noch nie, wirklich nie von einer Kindergartenleiterin oder von einem Betreuer selbst gehört hatten, und der in einem Kindergarten mit Kindern von überwiegend Studenten und Uniangestellten noch mehr fehl am Platz ist als in jedem anderen Kindergarten, liess mich langsam begreifen, woher der Wind neuerdings weht. Eine möglichst effiziente Organisation des Kindergartens scheint ab sofort wichtiger zu sein als das Wohl der Kinder und die Bedürfnisse ihrer Familien. Als sie die mehr oder weniger deutliche Kritik mehrerer Eltern daran, dass das Personal und damit ja auch die Bezugspersonen der Kinder relativ oft wechseln, damit abschmetterte, dass sie darauf üüüberhaupt keinen Einfluss hätte und wir diese Kritik „weiter oben“ vorbringen sollten und wir es ja sowieso und überhaupt in der Hand hätten, derlei Dinge bei Kommunalwahlen (!) mitzubestimmen, winkte ich innerlich nur noch ab.
Und dann hat sie noch diese spezielle Abneigung gegen Mütter, die mit Baby zu Hause sind und die grossen Geschwister trotzdem in den Kindergarten bringen. Wo doch zu Hause der beste Platz für ein Kind ist…! Dass es Kinder gibt, die gern mit Gleichaltrigen zusammen sind, statt nur mit der Mutter und kleineren Geschwistern, dass es Kinder gibt, die nur im Kindergarten die Sprache lernen können, die sie bis zum Schulanfang beherrschen müssen, dass nicht wenige Mütter, die ich aus dem Kindergarten kenne, im Mutterschutz nebenher irgendwie versuchen, ihre Doktorarbeit oder irgendwelche Anträge weiterzuschreiben – das alles scheint der guten Frau komplett unbekannt zu sein.

Im Oktober zum Elternabend hiess es noch, es ändere sich nichts ausser den Räumlichkeiten. Ende November wurde uns mitgeteilt, dass mit dem Umzug sowohl das Mäusemädchen als auch das Mäuseknäbchen in eine neue Gruppe kämen, weil ich ja mit Baby zu Hause wäre. Die Logik dahinter habe ich bis heute nicht begriffen. Das Mäuseknäbchen ist jetzt in einer bis auf zwei bekannte Kinder vollkommen neuen Gruppe mit vollkommen neuen Betreuern. Dass das Mäusemädchen schon wieder seine Betreuer wechseln und noch dazu mit lauter Dreijährigen in eine Gruppe gemusst hätte, konnten wir nach viel Kampf und Diskussionen und einer Beschwerde „weiter oben“ gerade noch abwenden. (Aber wie man’s macht, macht man’s natürlich falsch: „Ich will auch neue Betreuer haben, so wie das Mäuseknäbchen!“, sagte das Mäusemädchen am Montag beim Abholen. Aber sicher! ;-) )

Ich weiss, dass wir es trotz allem gut haben. Jedes Kind, das einen Betreuungsplatz braucht, bekommt auch einen, notfalls innerhalb von zwei Wochen. Der Betreuungsschlüssel ist grossartig – 1:4 für unter Dreijährige, 1:7 für die Grösseren. Alle Mahlzeiten gibt’s vom Kindergarten, und bezahlbar ist das Ganze auch. Ich finde die Betreuer alle, ohne Ausnahme, liebevoll und nett und engagiert, und ich mag, wie sie mit den Kindern umgehen. In den letzten vier Jahren haben wir drei verschiedene Kindergartenleiterinnen erlebt, und das hat mich in meiner Vermutung bestätigt, dass man hier nicht sehr nach dem geeignetsten Kindergarten für sein Kind suchen muss, dass alle Kindergärten sowieso in etwa das gleiche Konzept haben und gleich gut sind.

Bis auf die regelbestätigende Ausnahme eben. In diesem Kindergarten bleiben die Kinder jedenfalls nicht. Nicht, solange diese Frau dort was zu sagen hat. Jetzt stehen sie doch wieder auf der Warteliste für den nächstgelegenen Kindergarten.

6 Kommentare zu “Schein und Sein

  1. Ach Mensch, ich verstehe dich gut. Saskia geht ja auch nicht in den nächstgelegenen Kindergarten (500m entfernt), sondern in den Integrationskindergarten (2,5km entfernt). Im ersten Jahr klappte die Integration super, es waren 6 Kinder in ihrer Gruppe, die sich wunderbar um sie kümmerten und bemühten (insgesamt sind es 15 Kinder pro Gruppe). Leider kamen diese 6 Kinder dann alle nach dem ersten jahr in die Schule. Mit den neuen Kleinen kann Saskia aber nicht viel anfangen. Im März hat ihre Lieblingserzieherin gekündigt, ab April kam eine neue (die wir vom Sehen her aber kannten) aus einer anderen Gruppe. Schön. Nach einer Woche wurde sie krank und ist seitdem krank! Es blieb der (männliche) Heilpädagoge und eine Springerin. Im August erkrankte der männliche Erzieher und hat inzwischen gekündigt, ohne zwischendurch nochmal aufzutauchen. Die Springerin stürzte irgendwann Anfang September so blöd, dass sie monatelang wegen ihres Handgelenks ausfiel. Es kam eine Erzieherin aus einer anderen Gruppe (die dort seit April ist als Ersatz für die, die in unsere Gruppe gewechselt ist) und ein Erzieher von einer Zeitarbeitsfirma als Krankheitsvertretung (bis Ende Dezember). Seit Januar haben wir nun eine ganz neue Erzieherin (als Ersatz für den gekündigten Erzieher) und nach wie vor (zum Glück!) die Vertretung aus der anderen Gruppe (wenigstens konstant seit September). (Sieht noch jemand durch?)

    Neuerdings weint Saskia wieder ab und zu, wenn ich sie morgens im Kindergarten abgebe und das bricht mir jedes Mal das Herz. Und eigentlich weiß ich, dass sie sehr gern in den Kindergarten geht (oder ging?) und ich hatte oft genug nachmittags Schwierigkeiten, sie loszueisen. Ich hoffe, es kommt jetzt endlich wieder Ruhe rein und ich habe wieder ein Kind, das sich auf den Kindergarten freut!

    Euch wünsche ich alles Gute und kurze Wartezeiten. (Die Leiterin in unserem nächstgelegenen Kindergarten scheint übrigens vom gleichen Schlag zu sein wie eure neue.)

    LG Graugrüngelb, die zu DDR-Zeiten auch in einem Villen-Kindergarten mit großem Garten war ;-)

  2. Das finnische Konzept ist doch aber in Anlehnung auf das aus den DDR-Zeiten, oder? Ist doch ziemlich oft im Gespräch.

    • Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Wenn man mich fragte, welches Erziehungskonzept die Kindergärten hier haben, würde ich wohl spontan sagen: „Gar keins. Ganz normal eben.“

      Wenn ich vergleiche, was meine Mutter, die zu DDR-Zeiten eine Zeit lang in einer Krippe gearbeitet hat, und eine meiner Freundinnen, die heutzutage Kindergärtnerin in Deutschland ist, erzählen, dann würde ich sagen, ist das hier genau der Mittelweg. Mit dem ich sehr glücklich bin.

  3. :-) Meine Worte – Eine Kita fällt und steht mit der Chefin. Leider fällt unsere gerade ins bodenlose wegen der Chefin und das war mal die stadtbeste Kita, war leider..

  4. Ich wünsche euch ganz arg, dass ihr bald den geeigneten KiGa findet. Euer alter erinnert mich total an *unseren* Obwohl ich den einen KIndergarten im Dorf vor der Nase hatte. Da hätten die Kinder vom zweiten Tag an allein hingehen können, hab ich sie in den anderen geschickt. War oft ganz schön stressig, weil unser Dorf an Hang liegt. (Puh, zweimal am Tag den Zwilligskinderwagen – nein, keine Zwillinge, aber nur 1 Jahr Unterschied- den Berg hochdrücken. Da war ich dann nicht mehr schlank, sondern eher mager) Aber der KiGa war so schön. Vor allem der Graten. Mit den (eher ungepfegten) Bäumen (da konnte man auch mal nen ast abbrechen) einem RiesenSandkasten, einer tollen Schaukel und dem Hang, in den sogar eine Rutsche eingebaut war. Und das coolste: ein Bauwagen :-)

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