Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Ausflug auf Schienen

Vorletztes Wochenende war ein bisschen verrückt.

Der grosse Herr Maus war von Freitag bis Sonntag auf einem Pfadfinderlager.

Das Fräulein Maus kam Samstagfrüh aus Lappland zurück. Der Ähämann holte sie vom Nachtzug ab und fuhr mit ihr und ihrer Harfe direkt weiter nach Helsinki, wo sie am Samstag eine Generalprobe vor kleinem Publikum und am Sonntag ein Konzert vor grossem Publikum hatte. Die beiden blieben über Nacht in Helsinki, um das Hin-und-Hergefahre zu sparen (und damit das Fräulein Maus nach über einer Woche mal wieder ausreichend lange schlafen konnte).

Der kleine Herr Maus und ich verbrachten einen gemütlichen Samstag zusammen und freuten uns auf unseren Sonntagsausflug vor. Weil zusätzlich zur Harfe nur drei Leute ins Auto passen, hatten wir schon vor Wochen entschieden, dass der kleine Herr Maus und ich mit dem Zug nach Helsinki fahren würden. Ausserdem böte sich vier Jahre nach Fertigstellung endlich die Gelegenheit, die neue Metrostrecke nach Espoo auszuprobieren.

Am Sonntag fuhren der kleine Herr Maus und ich in aller Herrgottsfrühe mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Frühstück gab es wie immer bei derlei Gelegenheiten erst im Zug.

(Fürs Protokoll: der halbe Waggon hustete. Die einzigen beiden Masken trugen der kleine Herr Maus und ich. Und ich hatte gedacht gehofft, dass wir wenigstens das in der Coronazeit gelernt hätten: dass man eine Maske aufsetzt, wenn man krank unter Leute geht.)

Die Zugtoiletten haben jetzt übrigens eine neue Inneneinrichtung mit Herzchenaugeneffekt:

Die Steinmänner vom Helsinkier Hauptbahnhof hatten sich dem Anlass entsprechend gekleidet:

Ausserdem gibt es in Helsinki Dinge, die in Turku völlig undenkbar wären. Auf dem Hauptbahnhof weht eine ukrainische Fahne:

Das Zweitbeste nach Zugfahren ist Metrofahren.

(Der kleine Herr Maus zog sich auf der Rolltreppe kurz die Maske von der Nase mit den Worten: „Ich muss doch den guten Metrogeruch riechen!“)

Der Helsinkier Liniennetzplan ist ja recht… äh… überschaubar, aber immerhin gibt es neuerdings acht weitere Stationen Richtung Westen.

Ich habe mich ja erstmal über die lustig illustrierten Verhaltensregeln in den Waggons gefreut:

Vor allem über die drei mittleren, die sind so schön finnisch:

Die neuen Stationen sind schlicht und ein bisschen langweilig, weil sie alle in rot-weiss gehalten sind – Begeisterungsrufe wie in Prag: „Oh, eine ganz grüne Station!“ und „Oh, guck mal, die ist ganz gelb!“ fallen daher leider aus; und wie gern wäre ich mal in Moskau Metro gefahren – aber doch ganz schön und immerhin tief genug unter der Erde – und das ist tatsächlich bemerkenswert, da die Helsinkier Metro nach Osten weitestgehend oberirdisch fährt – dass sogar der kleine Herr Maus mit der Länge der Rolltreppen zufrieden war.

Nach dem Konzert fuhren der kleine Herr Maus und ich noch die restlichen zwei Stationen Richtung Westen und dann von da zurück ins Stadtzentrum; wir stiegen aber nicht am Bahnhof aus, sondern fuhren bis zum Dom, und sieh mal an – das Helsinkier Höhlensystem schliesst auch Metrostationen ein! Hier der Eingang zur Metrostation „Universität“:

Naja, und kurz auf die Domstufen klettern mussten wir natürlich auch noch, bevor uns der Zug zurück nach Turku schaukelte.

Abends freudiges Wiederzusammentreffen aller fünf Familienmitglieder.


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Im Schlaf reisen

Neulich sah ich irgendwo ein Werbevideo, ich glaube, von der EU, für Nachtzüge und dafür, wie praktisch das Reisen im Schlaf ist und wieviel Zeit das spart.

Und da ging mir auf, dass das für uns überhaupt nichts Exotisches (mehr) ist, sondern, seit wir in Finnland wohnen, ein ziemlich normaler Urlaubsanfang. Wenn wir nach Europa fahren, beginnen wir die Reise auf einer Fähre nach Stockholm, über Nacht.

Den Nachtzug nach Rovaniemi, der auch Autos transportiert, haben wir gleich in unserem ersten Winter in Turku für uns entdeckt. Bis die Kinder in die Schule kamen, sind wir jedes Jahr damit in den Winterurlaub nach Lappland gefahren, mit den ganz kleinen Kindern noch in den alten Schlafwagen und später mit den grösseren Kindern in den wunderbaren neuen Schlafwagen.

In Turku lädt man sein mit Skiern und Gepäck beladenes Auto in den Zug, lässt sich im Schlaf knapp 1000 km nach Norden schaukeln, kommt ausgeruht in Rovaniemi an, holt sein Auto aus dem Autowaggon und fährt entspannt die letzten 100 km bis an seinen Urlaubsort. (Das einzig Unentspannte ist, dass man im Winter sehr genau planen muss, was man im Auto lässt, weil nach der Nacht im unbeheizten Autowaggon alles, wirklich alles tiefgefroren ist. Wir lösen das Dilemma üblicherweise mit einem Lebensmittelgrosseinkauf in Rovaniemi direkt nach Ankunft.) Und am Ende kann man seinen Urlaub bis zur letzten Minute geniessen und am Montagmorgen direkt vom Bahnhof aus auf Arbeit und in die Schule gehen.

Teuer ist es auch nicht. Wenn man nicht gerade zur allerbeliebtesten Ferienzeit fährt und lange im Voraus bucht, können – ich habe das gerade eben nochmal gecheckt – vier Personen (in zwei Kabinen) und ein Auto für gerade mal 157 € von Turku nach Rovaniemi reisen. Okay, das hat diesmal bei uns *hüstel* nicht so ganz geklappt, aber die nächste Reise können wir dann hoffentlich auch wieder länger als die coronabedingten gerade mal drei Monate im Voraus buchen.

Jedenfalls waren wir alle sehr vorfreudig, nach sechs (!) Jahren – wie haben wir das nur ausgehalten?! – endlich wieder einen „Schlafzug“ zu besteigen und nach Lappland – in den Winter! – zu reisen.

Zuerst durfte Balthasar einsteigen. Ich hatte beim Ticketbuchen gesagt, dass wir keine Dachbox auf dem Dach haben werden, sehr wohl aber Skier, aber da die Frau ja noch nicht mal wusste, dass die Kabinen im Ober- und Untergeschoss der Schlafwagen unterschiedlich ausgestattet sind, hätten wir uns auch gleich denken können, dass der Autoplatz, den sie uns – „Ja, das passt!“ – buchte, eher nicht der richtige wäre. Der Verladetyp jedenfalls guckte kritisch auf die Skier auf dem Dach und schickte Balthasar nach oben – „Wird sich schon noch ein niedrigeres Auto finden, das mit euch tauschen kann!“ – obwohl für ihn unten ein Platz reserviert war.

Weil zwischen Autoaufladung und Zugabfahrt noch anderthalb Stunden Zeit waren, beschlossen wir, Turkus teuerstem und misslungenstem Bauwerk einen Antrittsbesuch abzustatten und von oben ein bisschen den Rangierarbeiten – Schlafwagen aus dem Depot auf Gleis 7, Autowaggons von Gleis 1 auf Gleis 7, Rangierlok ab, Meerschweinchen dran – zuzugucken.

Als die Rangierlok Richtung Autowaggons rollte, klingelte mein Handy: ob wir bitte doch nochmal zurückkommen und unser Auto nach unten fahren könnten, es wäre doch kein niedrigeres Auto mehr gekommen, zur Not müssten wir eben die Skier abnehmen. Es passte aber zum Glück. Gerade so. Mit Skispitzen nach unten.

Für die verliebene Dreiviertelstunde bis zur Abfahrt verzichteten wir auf weitere Ausflüge und guckten den Rangierarbeiten vom Bahnsteig aus zu.

Es ging dann auch holprig weiter.

Der Schaffner eröffnete uns direkt nach dem Einsteigen, dass die Toiletten in unserem Waggon nicht funktionieren würden und auch bis zum Ende der Reise nicht repariert werden könnten.

Wir hatten ja zugunsten zweier verbindbarer Kabinen sowohl auf das Reisen im Obergeschoss als auch auf Kabinen mit eigener Dusche und Toilette verzichtet – Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das gegangen sein soll, die letzten beiden Male mit fünf Personen in einer Zwei-Bett-Kabine…! – und waren entsprechend wenig begeistert.

Andererseits, da ja eben die Kabinen im Obergeschoss eigene Toiletten haben und sich unten zwei Toiletten befinden, müssen sich maximal acht Leute eine Toilette teilen, und so musste man weder anstehen, noch waren die Klos schon nach einer Stunde total eingesaut.

Du weisst, dass du in Finnland bist, wenn sich ein Töpfchen neben der Erwachsenentoilette befindet.

Ausserdem hatten wir einen Besuch im Speisewagen geplant.

Die finnische Bahn hat nämlich ein eigenes Bier mit dem hübschen Namen „Schienen-Bier“ in einer noch hübscheren Dose. (Es wird übrigens in der nahegelegenen kleinen Limonadenfabrik Brauerei produziert). Der Ähämann wollte mir schon zum Abschluss unserer Herbstferienreise eins kaufen, aber ich wollte lieber auf die nächste Reise warten, denn wann wäre der geeignetere Zeitpunkt, es auszuprobieren, als abends vor dem Schlafengehen im Nachtzug?

Andererseits: sich angesichts der aktuellen Coronasituation in einen Speisewagen setzen?! Wir beschlossen, mit Maske auf mal vorsichtig gucken zu gehen, und waren sehr verblüfft, denn im Speisewagen befand sich ausser dem Kellner kein einziger Mensch. Wir mussten  als erstes unsere Coronapässe vorzeigen, um als zweites gesagt zu bekommen, wir dürften aber gar nicht im Speisewagen essen, sondern nur was zum Mitnehmen kaufen. Und nein, Bier dürfte er uns nicht verkaufen. Es brauchte auch nur drei Minuten und mehrere verwirrte Nachfragen, bis er endlich zur Erklärung das Wort „Restaurantbeschränkungen“ benutzte und ich mir vor den Kopf schlug: stimmt ja, ab 17 Uhr kein Alkoholverkauf mehr und ab 20 Uhr alle Restaurants geschlossen. (Ich komme mittlerweile auch nicht mehr hinterher mit den aktuellen Bestimmungen, und Restaurantbeschränkungen sind das, was mich von allen am wenigsten interessiert.)

Dann eben auch auf dieser Reise kein Bahnbier und stattdessen mitgebrachtes Abendbrot in der Kabine.

Und dann war es auch schon Zeit, sich bettfertig zu machen und in die Eulenbettwäsche zu kriechen.

Generell hat’s die finnische Bahn drauf mit der Lackierung ihrer Waggons, aber dann noch Bettwäsche, passend zur Lackierung der Schlafwagen…! Weil noch Weihnachtszeit war, waren ausserdem überall in der Kabine kleine Aufkleber mit Wichteln versteckt. Man muss sie einfach lieben, die finnische Bahn!

(Ausser für ihr Buchungssystem und ihren telefonischen Kundendienst und dafür, dass sie alle Fahrkarten- und Auskunftsschalter an fast allen ihren Bahnhöfen dichtgemacht haben.)

Als wir aufwachten, waren wir schon in Oulu. Unter normalen Umständen wären wir zum Frühstücken in den Speisewagen gegangen, aber so hatten wir heisses Wasser in der Thermosflasche und Kaffeepulver, Teebeutel und „Zeltkakao“ dabei.

Neuer Autowaggon trifft alten Autowaggon.

Dann holten wir Balthasar aus dem Autowaggon ab, und der zweitschönste Teil des Urlaubs konnte beginnen.

Auf der Rückfahrt funktionierten die Toiletten, dafür war offensichtlich sämtliche Eulenbettwäsche in der Wäsche. Ausserdem hatten wir eine Kabine direkt über den Rädern, speziell über einem Rad mit einer kleinen Unwucht (oder was auch immer), das bei jeder Umdrehung klackerte und die Geschwindigkeit des Zuges anzeigte, und, ich sag‘ mal so, ich habe auch schon besser geschlafen im Zug.

Gute-Nacht-Geschichte wird auch im Zug vorgelesen.

Immerhin wissen wir jetzt, welche Kabinennummer wir das nächste Mal buchen müssen.

(Und wie wir auf die dritte Kabine, weil mittlerweile jedes Kind offiziell ein Bett oder einen Sitzplatz braucht, es aber von Turku nach Rovaniemi laut telefonischem Kundendienst keine Sitzplätze gibt, verzichten können, weiss ich jetzt auch: es gibt natürlich keine durchgehenden Sitzplätze, weil der Zug in Tampere komplett auseinandergenommen und mit einem Zug aus Helsinki zusammengeführt wird, aber man kann durchaus ein Ticket von Turku nach Tampere und ein zweites von Tampere nach Rovaniemi kaufen. Mit vier Betten kommen wir schliesslich auch (noch) auf jeder Fähre hin.)

Es wird nämlich auf jeden Fall ein nächstes Mal geben. Und zwar nicht erst in sechs Jahren.


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 1: Turku-Tallinn

Bei uns ist es ja oft so, dass eine Reise den Anlass zur nächsten gibt.

Diesmal war es so: im Sommer hatte der kleine Herr Maus in Riga bei fast jedem lila-gelben Personenzug, der über die grosse, eiserne Brücke über die Daugava rollte, gefragt: „Können wir nicht auch hier mal Zug fahren?!“

Klar. Warum eigentlich nicht? Noch ehe die Sommerferien beendet waren, hatten wir einen Plan für die Herbstferien.

***

Freitagnachmittag am letzten Schultag vor den Herbstferien. Die beiden Oberstufenschüler der Familie durften „Mittagskinder“ sein. Der kleine Herr Maus, der den kürzesten Schultag und den kürzesten Schulweg hat und keinesfalls die Musikstunde verpassen wollte, kam nach der letzten Stunde unverzüglich heimgeradelt. Der Ähämann und die Kinder schulterten ihre Rucksäcke und liefen zum Bus. Ich ging kurz vor den Dreierkindern aus dem Hort los und einmal quer durchs Stadtzentrum. Gleichzeitig trafen wir am Bahnhof ein.

Wir überlegten gemeinsam, dass unsere letzte gemeinsame Zugfahrt – danach waren nur das Fräulein Maus einmal zur mittelfinnischen Freundin und der Ähämann zwei- oder dreimal auf Arbeit gefahren – die nach Helsinki ins Heureka! war, noch im März 2020, als man vielleicht schon besser nicht mehr Zug gefahren wäre. Kein Wunder, dass wir alle ein bisschen vor Vorfreude, dass der schöne Teil der Reise diesmal direkt in Turku anfing, hüpften!

(Fast hatten wir uns ja schon darauf eingestellt, statt mit dem Zug mit dem Onnibus nach Helsinki fahren zu müssen, weil die Zugtickets zu Beginn und Ende der Herbstferien wahrscheinlich unbezahlbar wären. Aber – zeitige Planung zahlt sich aus: der Ähämann kaufte noch im August, noch vor Ende der Sommerferien, Tickets für uns alle fünf plus eine zusätzliche Sitzreservierung für seinen Rucksack zum sensationellen Preis von 33,00 €. Zugfahren ist ja doch viel schöner. Auch wenn jetzt endgültig alle dem Spielwaggon entwachsen sind.)

Bis auf den Ähämann sassen wir auch alle zum ersten Mal in einem Zug, der von einer Sr3 gezogen geschoben wurde:

Normalerweise hat die finnische Bahn ja keine Verspätung – es sei denn, es muss ein Rohr gewechselt werden oder es wurde ein Elch überfahren, der Sturm hat einen Baum auf die Schienen gekippt oder der Zug ist mit einem Auto zusammengestossen; alles schon erlebt – aber aufgrund unglücklicher Umstände mussten wir kurz vor Helsinki doch eine Stunde lang bibbern, ob wir rechtzeitig zum Hafen kommen würden. Mit 40 Minuten Verspätung kamen wir in Helsinki an.

Das war noch nicht zu spät – aber viel Musse, den Steinmännern am Hauptbahnhof, die seit Pandemiebeginn vorbildlich Maske tragen, zuzuwinken, und die Strassenbahnfahrt vom Bahnhof zum Hafen zu geniessen, hatten wir nicht.

Das neue Fährterminal am Westhafen sahen wir zum ersten Mal aus der Fussgängerperspektive. Es ist so schön geworden! „Fast wie ein Flughafenterminal!“, sagten die Kinder. „Ein bisschen wie die Oodi!“, dachte ich.

Die Fähre war ausgebucht – zumindest die Autoplätze – und wir waren froh, dass wir inzwischen alle geimpft sind und deshalb endlich wieder Buffet gebucht haben. Damit ist nicht nur gleich das Abendbrot erledigt, sondern das spart auch den Kampf um einen bequemen Platz während der Überfahrt, wenn das Schiff so voll ist. Während bei Viking Line das Buffet nach anderthalb Stunden geschlossen wird – und auch schon nach einer Dreiviertelstunde die Vorspeisen abgeräumt werden – kann man bei Tallink, wenn man möchte, in aller Ruhe von Hafen zu Hafen im Restaurant sitzen und sich querbeet und nochmal von vorn durchs Buffet essen. Der Ähämann freute sich, dass wir diesmal beide ein Glas Wein trinken konnten. Das Auto zu Hause zu lassen, hat viele Vorteile.

Halb zehn kamen wir in Tallinn an. Neuerdings muss man für Estland auch so ein Corona-Einreiseformular ausfüllen und vor Einreise entweder geimpft, genesen oder getestet sein, aber keine Sau interessierte sich letztendlich am Hafen dafür.

Die zwei Kilometer Weg vom Hafen zu unserer Unterkunf zogen sich mit den schweren Rucksäcken und zu nächtlicher Stunde ein bisschen, aber die Reisekinder waren viel zu freudig aufgeregt, um zu murren.

Masken kochen, Zähne putzen, ins Bett fallen.
Morgen geht es schon bis nach Riga!


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Skiferien 2020, Tag 5

Den fünften Ferientag verbrachten wir im Museum.

Es regnete, stürmte, und die Enten an der Stromschnelle, auf die sich die Kinder so gefreut hatten, waren auch nicht da. Ein Winter ohne Schnee und Eis ist eben Mist, aus allen erdenklichen Gründen.

Ein perfekter Tag fürs Museum also. Zunächst aber gingen wir mit dem Ähämann mittagessen, in der Hoffnung, dass wir es dieses Jahr länger im Museum aushalten würden und es nicht wegen knurrender Mägen vorzeitig verlassen müssten.

Aber ach…!

Das Vapriikki – oder „diese Museumssammlung“, wie der kleine Herr Maus zu sagen pflegt – ist ebenso wunderbar wie viel zu gross für einen halben Tag. In den Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik befinden sich das Postmuseum, das Eishockeymuseum, ein Naturkundemuseum, ein Mineralienmuseum, das Spielemuseum, ein Museum über den Bürgerkrieg in Tampere – in das man aber nicht mit Kindern gehen soll – ein Medienmuseum sowie mindestens zwei Wechselausstellungen: dieses Jahr eine über Tampere als Theaterstadt und eine über das alte Rom.

Allein im Spielemuseum könnte man den ganzen Tag zubringen, weil man dort jede Menge Computer- und Automatenspiele – von den ersten in den 1970ern entwickelten bis zu den aktuellsten – ausprobieren darf.

Wir spielten ausserdem – passend zu den diesjährigen Skiferien! – Eishockey im Simulator, krochen durch einen engen Gang, um uns das Leben in der Stromschnelle von unten anzugucken, versuchten uns im Morsen von Texten, lasen Briefe berühmter Finnen, guckten uns im Postkino einen Film über die finnische Post zu ungefähr der Zeit, als ich das erste Mal nach Finnland kam, an, der mich die ganze Zeit seufzen liess, denn damals war die finnische Post tatsächlich noch schnell, zuverlässig und hatte eine Filiale in jedem kleinsten Ort. Zum Schluss spielten mir die Kinder – zu dritt kann man ja schon was auf die Beine stellen – ein kleines Theaterstück vor, für das nicht nur die Bühne bereitstand, sondern auch verschiedenste Verkleidungen sowie ein Licht- und Tonmischpult.

Dann hatten die Kinder es gerade so geschafft, alle im Museumskomplex zu findenden Objekte abzuhaken, bis wir wirklich allerspätestens losmussten.

Mit kurzem Zwischenstopp im Waffelcafé im kleinsten Steinhaus von Tampere eilten wir zum Bahnhof.

***

Bahnfahren.

Während wir auf unseren Zug warteten, sah ich zum ersten Mal eine Sr3 in echt. Hm, ja. Muss ich mich erst noch dran gewöhnen, an den Anblick.

Ansonten fühlten wir uns diesmal durchsagenmässig ein bisschen wie auf der „Nils Dacke“, auf der die Nächte sowieso schon immer so kurz sind, aber auf der man noch eine halbe Stunde mit Durchsagen in vier Sprachen wachgehalten wird.

Wir fahren mit fünf Wagen, wir halten dort und dort und dort, ich bin Konduktööri Ville, bitte schon mal die Fahrkarten in der App öffnen, ich komme gleich kontrollieren, das Kaffeewägelchen fährt durch den Zug, bitte keine mitgebrachten alkoholischen Getränke konsumieren, in Turku ist es glatt auf dem Bahnsteig, Vorsicht!

Man kann sie dennoch nur lieben für ihre Informationspolitik, die finnische Bahn. Highlight diesmal – Durchsage vom Schaffner beim Halt in Toijala: „Wir müssen noch auf Passagiere aus dem Süden warten. Es wird ungefähr zehn Minuten dauern und der andere Zug wird am Gleis gegenüber halten, falls also jemand frische Luft schnappen möchte, wäre jetzt eine gute Gelegenheit dazu.“

Am Tisch gegenüber machte ein junger Mann Deutschaufgaben. Irgendwann beugte er sich über den Gang zum Fräulein Maus und fragte sie auf Finnisch, ob sie ihm mal die eine Aufgabenstellung erklären könne. Konnte sie.


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Helsinki-Kurzurlaub, Schlechtwetterversion

Es hätte schlimmer sein können. Denn die Wettervorhersage hatte uns auf Sturm und Dauerregen von Freitagabend bis Sonntagnachmittag vorbereitet – was uns die Vorfreude aber nicht getrübt hatte, denn die liebste Freundin und ich haben Jahr für Jahr die gleichen wetterunabhängigen Pläne für unseren gemeinsamen Helsinki-Kurzurlaub: stundenlang in Cafés sitzen und ungestört reden, stundenlang planlos durch die Stadt laufen und ungestört reden und stundenlang in der Sauna sitzen und ungestört reden.

(Und man kann ja auch nicht jedes Jahr solches Glück mit dem Wetter haben wie wir es letztes Jahr hatten.)

Aber der Regen kam dann erst, als wir schon zwei Stunden kreuz und quer über Suomenlinna spaziert waren und dabei immer noch neue Ecken entdeckt hatten.

***

Politische Sakralarchitektur.

Irritierenderweise habe ich auch erst diesmal gelernt, dass die gewaltige Kirche von Suomenlinna bis zur Unabhängigkeit Finnlands eine orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und allem Drum und Dran war. Dann entschied man, dass gleich zwei orthodoxe Kirchen nicht in das Bild einer finnischen Stadt passen und besonders für Suomenlinna eine Kirche, die an die russische Besatzung erinnert, unpassend ist. Innen drin wurden alle Ikonen und aller Prunk entfernt und ein schlichter evangelischer Altar errichtet, die vier kleinen Zwiebeltürme wurden abgerissen, und der Hauptturm bekam eine neue Turmhaube samt Leuchtfeuer unterm nunmehr nur noch einfachen Kreuz. Die martialische Begrenzung aus Kanonenrohren und armdicken Ketten durfte allerdings stehenbleiben.

***

Suomenlinna-Lektüre.

Das Buch – bisher leider nur auf Finnisch und Italienisch erhältlich – fiel mir letztes Jahr in der Bibliothek in die Hände, und ich nahm es für den grossen Herrn Maus mit. Was ihn dazu brachte, das Buch nach zwei Kapiteln wegzulegen – „Ich kenne diese ganzen Orte da ja gar nicht, und die haben auch alle ganz seltsame Namen!“ – fand ich wiederum besonders toll. Es ist kein Muss, sich auf Suomenlinna auszukennen, um die Handlung zu verstehen – zumal vorn sogar eine Karte, auf der alle wichtigen Plätze eingezeichnet sind, abgedruckt ist – aber es ist andererseits besonders vergnüglich, wenn man den Ort der Handlung so genau kennt. (Ausserdem habe ich mich natürlich schon im dritten Kapitel in die gürteltierähnlichen Erwins, die die Bastionen und unterirdischen Gänge Suomenlinnas bewohnen, verliebt.)

Umgekehrt liebe ich es, Orte aus Büchern aufzusuchen – ich bin auch schon auf Jaroslav Seiferts Spuren durch Prag spaziert – und ohne dieses Buch hätten wir den einzigen Park Suomenlinnas samt Süsswasserteich vermutlich auch dieses Mal immer noch nicht entdeckt!

***

Bahnfahren.

Die liebste Freundin und ich stimmen unsere Reisepläne immer so ab, dass wir möglichst gleichzeitig ankommen und abfahren. So kam ich nach Jahren – ich glaube, das letzte Mal war mit dem kleinen Fräulein Maus im Kinderwagen – mal wieder dazu, Pendolino zu fahren. Allerdings fehlen in Finnland die entsprechenden Kurven fürs richtige Fahrvergnügen. Kann ich auch nächstes Mal wieder Doppelstock-Intercity fahren.

„Die Schaffnerin auf der Hinfahrt sah aus wie eine Balletttänzerin“, erzählte ich dem Ähämann Sonntagabend.
„Ach, Niina?“
„Ja, genau, Konduktööri Niina! Wer das auf der Rückfahrt war, weiss ich nicht, der hatte kein Namensschild dran, und bei der Ansage hab‘ ich’s auch nicht verstanden.“
„Dann war’s vielleicht der savolainen konduktööri, der nuschelt immer so.“
„Der hatte so ’ne riesige Gürteltasche…“
„Ja, genau. Und sieht immer bisschen abgerissen aus…“
„Und schwarze Haare? Und geht so’n bisschen vornübergebeugt?“
„Ja, genau. Das war Savolainen konduktööri!“ (Der hat beim Ähämann seinen Spitznamen daher, dass mal, nachdem er eine Ansage gemacht hatte, der ganze Waggon unisono „Ein Schaffner aus Savo!“ – ausrief, denn die Leute aus Savo sind die Sachsen Finnlands oder so.)

Der Ähämann kennt sie alle.
(Dabei fährt er eine völlig andere Strecke. Finnland ist wirklich ein Dorf.)


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Zug mit Botschaft

Für Freitagabend hatten der Ähämann und ich fliegende Autoübergabe am Bahnhof geplant. Zum Glück hatten wir kurz vorher doch noch alles so geregelt, dass wir beide sowohl zum als auch vom Bahnhof Bus fahren konnten, denn des Ähämanns Zug hatte zum ersten Mal, seitdem er seit August nahezu täglich nach Tampere pendelt, mehr als fünf Minuten Verspätung.

So begab ich mich also schon mal zu meinem Bahnsteig, auf dem der Zug nach Helsinki schon bereitstand, und kriegte erstmal Herzchenaugen: der letzte Waggon war der mit der Speziallackierung!

Nun sind finnische Züge ja sowieso ausnehmend hübsch lackiert: da sind Singschwäne auf den normalen Waggons, fischende Bären auf den Speisewagen, Eulen auf den Schlafwagen und Rentiere auf den Autowaggons nach Lappland. Und überhaupt kann man allerlei nette Sachen auf seine Waggons malen, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt:

Speisewagen.

Und das alles in Grün, weil Zugfahren, so der Slogan der Finnischen Bahn, „die grünste Wahl“ ist.

Nun aber stand da der weisse Waggon mit den Bilderrahmen um die Fenster, von dem ich bisher nur Fotos gesehen hatte. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Finnland hatte die Finnische Bahn einen Wettbewerb für Jugendliche ausgeschrieben unter dem Motto „Im selben Boot Zug“, den eine Sechzehnjährige aus Vaasa gewann. (Hier gibt’s ein nettes Video dazu.) Es gibt diesen Waggon nur einmal, und er wird mal hier und mal da an einen Intercity gehängt und fährt kreuz und quer durch Finnland. Und Freitagabend stand er vor mir, und ich konnte sogar mitfahren!

Unser Zug wartete dann doch noch fünf Minuten auf den aus Tampere, wegen der Umsteiger. Und damit ich den Ähämann nochmal küssen konnte.


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Halt auf freier Strecke

Freitagnachmittag, im Zug von Turku nach Helsinki.

12:04 Uhr: Der Zug ist bis auf den letzten Platz belegt, aber dank der obligatorischen Platzreservierung beim Fahrkartenkauf sitze ich auf genau dem Fensterplatz im Doppelstockwaggon oben, auf dem ich gerne sitzen wollte, alle haben gerade dem Schaffner ihre Handys hingehalten und er hat – „piep, piep“ rechts, „piep, piep“ links – mal eben in 30 Sekunden die Fahrkarten des gesamten Waggons kontrolliert, draussen zieht bepuderte Landschaft vorbei, die Geschwindigkeitsanzeige steht auf konstanten 160 km/h… da bremst der Zug scharf. Bitte nicht schon wieder ein Elch!, denke ich.

12:05 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Es gibt einen technischen Defekt an der Lok. Der Lokführer geht jetzt mal gucken, was da los ist.“ Man sieht den Lokführer in Warnweste vom Steuerwagen am Anfang des Zuges zur Lok am Ende des Zuges stiefeln.

12:10 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Der Lokführer telefoniert jetzt, damit wir die Passagiere auf die eine oder andere Art ans Ziel bringen können.“ Och nö, denke ich, Busfahren hätte ich billiger haben können…

12:15 Uhr: Automatische Ansage vom Band auf Finnisch, Schwedisch und Englisch: „Wir halten wegen eines technischen Defekts und bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

12:25 Uhr: Durchsage vom Lokführer persönlich: „Wir haben also ein Problem mit der Bremse, die hat sich aus irgendeinem Grund automatisch angezogen. Wir arbeiten dran. Für die Passagiere nach Hanko haben wir einen Bus bestellt.“

12:27 Uhr: Das Kaffeewägelchen kommt zum zweiten Mal: „Jemand vielleicht was zu Trinken…?!“

12:30 Uhr: Durchsage vom Lokführer: „Wir müssen ein Rohr wechseln, damit sich die Bremse wieder löst. Das schaffen wir hoffentlich von Hand!“

12:33 Uhr: Der Zug rollt los. Die klemmende Bremse wurde offensichtlich gelöst. (Hoffentlich lässt sie sich auch noch anziehen…!)

12:37 Uhr: Wir halten in Salo. Die Bremse scheint zu funktionieren.

Eine Stunde vor Helsinki sagt der Schaffner neue Anschlusszüge durch und weist auch nochmal auf den Bus nach Hanko hin. In Karjaa steht tatsächlich schon ein Bus direkt neben dem Bahnsteig bereit. Eine halbe Stunde vor Helsinki geht der Schaffner nochmal von Passagier zu Passagier und erstellt neue, personalisierte Reisepläne. Eine Viertelstunde vor Helsinki sagt der Schaffner nochmal alle neuen Anschlusszüge durch, vor allem auch die zum Flughafen, und bittet alle Passagiere, sich wegen Entschädigung gleich an den Kundendienst der Bahn zu wenden.

Mit 35 Minuten Verspätung treffen wir in Helsinki ein.

Am Bahnsteig steht die liebste Freundin, die eigentlich zehn Minuten nach mir ankommen sollte, und lacht: „Das war ja wie meine Zugfahrt von Joensuu…!“

Schon allein für ihre Informationspolitik muss man die finnische Bahn lieben.


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Im Schlaf reisen

Eines der besten Dinge am Lapplandurlaub ist die Anreise.

„Können wir bald mal wieder mit dem Schlafzug fahren?!“ hatten die Kinder früher das ganze Jahr über zwischen zwei Lapplandurlauben genauso sehnsüchtig gefragt wie in den letzten beiden Jahren, in denen wir nicht in Lappland waren.

Und es ist ja auch wirklich ganz wunderbar, so mit Eulen durch die Nacht zu ziehen.

Und dann am späten Vormittag ausgeruht anzukommen, den Herrn Picasso aus dem Waggon mit den Rentieren drauf zu holen und ihn die letzten läppischen 100 km der Reise erledigen zu lassen.

(Und man kann bis zur letzten Minute im Urlaub bleiben und Montagfrüh direkt vom Bahnhof in den Kindergarten, in die Schule und auf Arbeit gehen.)


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Mit Eulen durch die Nacht

Die neuen Schlafwagen der finnischen Bahn sind… ein Traum!

Schade ist nur, dass man sich schon fast gar nicht mehr wie in einem Zug fühlt: das Knacken der langen, langen Waggonkette beim Anfahren, das gleichmässige Tocktock-tocktock der Räder auf den Schienen, das hektische Bim-bim-bim-bim-bim der zahllosen Bahnübergänge – hört man alles nicht mehr. Nur noch das Rauschen der Klimaanlage und die tiefen, schniefenden Atemzüge der Kinder. Keine Bahnhofslaterne blinzelt mehr alle paar Stunden, wenn der Zug in einer Stadt hält, durch den Vorhangspalt. Im oberen Stockwerk wird man dafür geschaukelt wie in einem Schiff: schwankend sass ich mittags im Bahnhofsrestaurant in Rovaniemi, schwankend sass ich gestern auf Arbeit am Schreibtisch; erst etliche Stunden später hörte das auf.

Nicht einmal die Tatsache, dass es in den neuen Schlafwagen nur noch zwei statt drei Betten übereinander gibt, konnte unsere Begeisterung trüben. Im Gegenteil. Auf die neuen Kinderfahrkarten der finnischen Bahn kann man jetzt hinten draufschreiben, von wo nach wo man gereist ist, wer dabei war und was das Schönste an der Zugfahrt war. “Auf dem Fussboden schlafen.” schrieb das Fräulein Maus auf die Hinfahrkarte. Auf die Rückfahrkarte: “Im Zug duschen.”