Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Kuoppatori

So sieht es aus derzeit, das Herzstück unserer Stadt:

Kein Kauppatori*, sondern ein Kuoppatori**.

Das Loch hat sich ausgeweitet bis an die Fundamente der umstehenden Häuser, weil erst an ihnen das Nachrutschen des Erdreichs gestoppt wird. (Der drei Meter hohe Sichtschutz Bauzaun ist somit hinfällig geworden. Er wurde aber unverdrossen noch monatelang immer wieder versetzt und jedes kleinste Guckloch sorgfältig abgedichtet.) Das kleine Fleckchen vor der orthodoxen Kirche, das den Marktverkäufern noch übriggelassen wurde, ist überwiegend leer. Der Nistkastenbauer verkauft schon lange nur noch online und ab und zu in Einkaufszentren. Es steht kein einziger Blumenverkäufer mehr auf dem Markt, nicht einmal die zwei oder drei, die sogar bei -15°C mit Heizlüfter in ihren Ständen ausharrten. Neulich zählte ich zwei Fischstände und einen Kartoffel-Rüben-Möhren-Stand. Sonst nichts.

Man kommt aber auch nicht hin. Der Wegeverlauf ändert sich nahezu täglich. Für Radfahrer ist quasi die ganze Umgebung des Marktplatzes gesperrt. („Schieben erlaubt“ steht unter allen „Radfahren verboten“-Schildern. Wie gnädig!) Normalerweise umfahre ich die Grube weiträumig, aber neulich wollte ich… ich weiss gar nicht mehr so genau… vermutlich zu einem Blumenverkäufer, der dann nicht mal da war… stieg brav von meinem Rad und schob durch den schmalen Durchgang zwischen Grube und Kaufhaus, und als ich schon 3/4 dieser Marktseite passiert hatte, stand da ein armewedelnder Bauarbeiter und leitete alle Fussgänger durch die angrenzende Einkaufspassage, und mich mit meinem Fahrrad schickte er zurück. Die Grube andersum zu umgehen ging auch nicht, weil die andere Marktseite wegen Abriss eines Hauses auch voll gesperrt war. Es blieb mir nichts übrig, als einen Umweg um ein ganzes Häuserviertel zu fahren, um zu den Marktständen zu gelangen. Ich war dann auch ein bisschen ungehalten, als mir eine Frau hinterherrief, hier dürfe ich aber nicht radfahren. „Wenn dieser…“ – und hier wäre mir fast ein böses finnisches Schimpfwort herausgerutscht – „…Toriparkki nicht wäre, gäbe es auch Radwege!!!“, rief ich zurück.

Manchmal möchte man diese Stadt einfach nochmal anzünden.


*wortwörtlich: Kaufmarkt
**wortwörtlich: Grubenmarkt


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Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte (3)

„Bauarbeiten an der Tiefgarage unterm Markt wegen Absackgefahr für mindestens eine Woche unterbrochen“

Spätestens seit dieser Woche ist klar, dass wir wirklich in Schilda leben.

Die Grossbaustelle im Stadtzentrum, die keiner braucht und keiner will, ist fürs Erste stillgelegt. Überraschung, Überraschung steht Turku nämlich nicht auf Fels, sondern auf Ton. „Wir wussten, dass es nicht der geeignetste Platz ist, um eine Tiefgarage zu bauen. Das Ausmass der Absackungen und Erdrutsche hat uns dennoch überrascht.“

Schon vor Wochen war Passanten aufgefallen, dass der Fussweg zwischen Markt und angrenzenden Gebäuden ganz offensichtlich deutlich abgesackt ist. Kein Grund zur Sorge, informierte die Baufirma, alles ganz normal, und wir haben auch brav die betroffenen Gehwegplatten erneuert, damit niemand stolpert.

Kurz darauf war auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes der drei Meter hohe Sichtschutz Bauzaun in die Baugrube gestürzt. Nur wegen der starken Regenfälle und des vielen Schmelzwassers, liess die Baufirma wissen, und der Zaun stand eben sehr nahe am Grubenrand, kein Grund zur Sorge, warum auch, alles ganz normal, wenn man auf Ton baut.

Vielleicht brauchen wir ja bald keine Tiefgarage unterm Markt mehr, weil alle angrenzenden Einkaufszentren und Kaufhäuser in die Tiefgaragenbaugrube gestürzt sind.
Nur um die orthodoxe Kirche wäre es schade.


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Leben auf der Baustelle

Nicht nur, dass wir seit drei Jahren um die Grossbaustelle fürs neue Krankenhaus herumkurven.

(Die, nebenbei bemerkt, ein echtes Schilda ist:
Nach einem Jahr stellte man fest – als einem Passanten (!) die grossen Poren auffielen – dass das Fundament aus minderwertigem Beton gegossen worden war. Woraufhin alles wieder abgerissen werden musste und sich die Bauarbeiten um mindestens ein Jahr verzögerten.
Der brandneue Hubschrauberlandeplatz auf einem schon vor einigen Jahren fertiggestellten neuen Gebäude des Krankenhauses war ein Jahr lang nicht in Betrieb, weil man plötzlich feststellte, dass er dafür, dass direkt daneben ein wirklich hohes neues Krankenhausgebäude entstehen sollte, zu niedrig lag, um die Hubschrauber sicher starten und landen zu lassen, und erstmal nachträglich drei Stockwerke höher gebaut werden musste.
Dass seit drei Jahren die Ampeln an einer Kreuzung, die wegen der Baustelle überhaupt nicht mehr befahrbar ist, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag grün leuchten und Strom fressen, ist da ja schon fast eine Lappalie.)

Nun haben wir eine zweite Grossbaustelle für die nächsten mindestens drei Jahre in der Stadt. Mitten in der Stadt. Auf dem Markt nämlich.

Nicht nur, dass die Marktstände jetzt alle irgendwo auf dem ehemaligen Taxistand zusammengedrängt sind und man wegen der ganzen Bauzäune und -absperrungen da kaum noch hinkommt. Viel schlimmer ist, dass die Busse, die bisher alle am Markt hielten – der auch ausschliesslich Bussen und Taxis vorbehalten war – jetzt durch irgendwelche Nebenstrassen fahren müssen und der zentrale Umsteigeplatz sich auf eine enge, vielbefahrene Parallelstrasse verlagert hat, wo es gerade mal Haltestellenschilder gibt, aber keine Wartehäuschen, keine Bänke, nichts. Unser Schuljahresanfangsprojekt war völlig für die Katz. Zum Glück waren wir schon so oft zu Fuss im Stadtzentrum unterwegs, dass wir den Kindern genaue Erklärungen geben konnten, wo sie ihre neuen Bushaltestellen finden würden. Und noch besser: während wir ihnen erklärten, mit dem Busroutenplaner auf der Hand, wo die Busse jetzt entlangfahren und halten würden, stellten wir fest, dass sie alle drei problemlos Karten lesen und interpretieren können, und so machten sie sich die erste Woche mit ausgedruckten Karten auf den Weg ins Konservatorium und zum Deutschunterricht. Uff.

Und warum das Ganze? Weil die unsägliche Tiefgarage unterm Markt, die keiner will und keiner braucht – und wenn ich sage „keiner“, ist das nicht nur meine persönliche Einstellung dazu, sondern tatsächlich ist die Mehrheit der Turkuer dagegen – nun doch gebaut wird.

Tampere baut eine Strassenbahn.
Helsinki will bis 2025 autofrei sein.
Turku baut eine Tiefgarage mitten ins Stadtzentrum.

Man kann gar nicht so viel mit den Augen rollen, wie man eigentlich möchte.