Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Zwölf Orte im Baltikum

An unserem dritten Urlaubstag verkündete die finnische Gesundheitsministerin, dass für die besorgniserregende Coronasituation in Finnland nicht nur die aus St. Petersburg zurückgekehrten Fußballtouristen verantwortlich zu machen seien, sondern auch die ausländischen Arbeiter und die finnischen Auslandsreisenden.

Ich war kurz davor, etwas anzuzünden.

Verantwortungsvolles Coronawandern.

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Finnischer Meerbusen.

Jede Reise beginnt auf dem Meer.

Diesmal begann sie auf einer fast spiegelblanken Ostsee bei 31°C. Die für die zweistündige Überfahrt auf dem Oberdeck eingepackten langärmeligen Sachen blieben in ihrem Beutel. Im Gegenteil, wir waren froh, als ein bisschen Fahrtwind aufkam.

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Tallinn (1)

Unsere Lieblings-Rhabarberlimonade, die wir erst vor ein paar Jahren in Estland entdeckt hatten, gibt es leider seit Neuestem weder in den Supermärkten der estnischen, lettischen schwedischen oder litauischen Kette. Der Ähämann recherchierte ein wenig und fand heraus, dass es sie nur noch in den wenigen Filialen einer grossen finnischen Supermarktkette, die wir bisher in Estland gemieden haben, gibt. Überhaupt scheint es sämtliche Getränke mit Rhabarber nur da zu geben. Wir entliessen einen uns mitten auf dem Meer zugeflogenen Marienkäfer in die Freiheit, freuten uns über die Familienparkplätze vor dem Supermarkt und luden uns anschliessend die Lücken im Kofferraum mit Rhabarbergetränken voll.

Extrabreite Familienparkplätze haben wir hier übrigens auch vor jedem grösseren Supermarkt, aber nicht so niedliche.
(Ich quietsche auch sehr oft angesichts estnischer Käsepackungen oder Schokoladentafeln.)
((Oder wegen der Niedlichkeit der estnischen Sprache.))

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Tallinna-Narva-maantee (Autobahn Nr. 1)

In Estland kann es passieren, dass man zum Abfahren von der Autobahn wenden muss.
(Zum Auffahren auch.)

Da Estland nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten Geschwindigkeiten ist und sich die Verkehrsdichte ausser auf der Via Baltica in Grenzen hält, funktioniert das recht gut. Wir haben dann diesmal auch gelernt, dass man nach dem Wenden, statt sich direkt in den Verkehr einzufädeln, eigentlich erstmal unverzüglich auf die an diesen Stellen extra angelegte dritte, äusserste Spur fahren und diese dann als Beschleunigungsspur nutzen soll.

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Lahemaa-Nationalpark.

Schon als wir vor acht Jahren die allerersten vier Herbstferientage des Fräulein Maus dort verbrachten, haben wir uns in die Gegend, die schon 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion unter Schutz gestellt wurde, verliebt. Es gibt dort ausgedehnte Urwälder, unendliche Moore und wilde Sandstrände voller Findlinge, aber auch sanft gewellte Felder und Wiesen, auf denen Kühe weiden, Dörfer, die nur aus einer Handvoll gelb oder grün gestrichener Holzhäuschen bestehen, und prächtige Gutshäuser, auf deren Schornsteine die Störche ihre Nester gebaut haben.

Das Beste war: diesmal gingen wir – es war keinen Tag kälter als 28°C – jeden Tag baden. Lahemaa, das Land der Buchten, ist allüberall von der Ostsee umgeben. Der Grossteil der Küste ist mit Schilf zugewachsen, aber es gibt auch Sandstrände, manche mit riesigen Findlingen, die die letzte Eiszeit aus Finnland an die estnische Küste geschoben hat und zwischen denen man in wunderbar klarem Wasser, das auf unserer Seite des finnischen Meerbusens schon seit Juni nicht mehr annähernd so sauber ist, herumschwimmen kann. Sogar in den schwarzen Moorsee durfte man springen – zum Glück hatte ich mich daran erinnert, dass wir so eine Badestelle mitten im Hochmoor schon mal in den vorletzten Herbstferien in einem anderen estnischen Moor entdeckt hatten, und wohlweislich Badesachen in den Rucksack gepackt – er war fast badewannenwarm. Und die Störche waren da – die Jungstörche kurz vorm Ausfliegen und die Eltern unermüdlich Frösche fangend. (Meist neben der Autobahn. Oder hinter dem Traktor, der das erste abgeerntete Getreidefeld umpflügte.) Im Moor wucherte der Sonnentau bis an den Weg und streckte seine klebrigen Fliegenfallen in die Sommerhitze. Die Heidelbeeren wuchsen uns riesig und aromatisch vom Wegesrand in den Mund. Und abends nach der Sauna sahen wir halb elf die Sonne über dem Meer untergehen und liessen uns dabei Abend für Abend von 87364 Mücken und Bremsen zerstechen. (Immerhin juckt es tatsächlich nach 20 Stichen, wie man mir schon in meinem allerersten finnischen Sommer glaubhaft versichert hat, nur noch die ersten fünf Minuten.) Der Himmel blieb die ganze Nacht blau.

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Narva.

Ich bin mit Grenzen aufgewachsen: solchen, die nur ein bisschen gesichert waren, und solchen, von denen man annehmen musste, dass man sie sein Leben lang nicht übertreten dürfen wird. Unsere Kinder sind bisher völlig ohne Grenzen aufgewachsen: wir reisen im Urlaub durch halb Europa und müssen nie irgendwo einen Pass vorzeigen. Wir standen deshalb mit ungefähr den gleichen Gefühlen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – vor der stacheldrahtbewehrten EU-Aussengrenze zwischen Estland und Russland.

Die Städte auf beiden Seiten des Grenzflusses – das estnische Narva und das russische Iwangorod – werden beide von riesigen Festungen beherrscht. Schon seit Jahrhunderten wurde über den Grenzfluss hinweg Krieg geführt und säbelgerasselt.

Auf der Hermannsfeste wehte die estnische Fahne, und die Ausflügler schauten hinüber zur Festung Iwangorod, wo die die russische Fahne wehte und die Ausflügler auf die Hermannsfeste herüberschauten – keine 100 m voneinander entfernt und doch ohne Visum unerreichbar weit weg.

Sowjetischer als in Narva wird’s diesseits der EU-Aussengrenze auch nicht mehr. In Narva steht die letzte Lenin-Statue des Baltikums, vom Stadtzentrum in den Innenhof der Hermannsfeste umgesiedelt, und ich fand die Strasse der Kosmonauten, in der sich wie in der ganzen Stadt geziegelte, unverputzte Wohnblöcke aneinanderreihten, das eine Modell, wie es in allen Städten des Baltikums und wahrscheinlich auch Russlands zu finden ist.

95% der Bevölkerung Narvas spricht russisch; die estnische Bevölkerung durfte nach dem Krieg lange nicht in das komplett zerstörte Narva zurückkehren, stattdessen wurden russische Zuwanderer dort angesiedelt, um die Industrie Narvas am Laufen zu halten bzw. wieder aufzubauen. Es sind auch nur noch 140 km bis nach St. Petersburg. Ein Klacks mit dem Auto. Wenn, ja, wenn.

Wenn man weiterfährt an der Narva entlang nach Norden, bis zu ihrer ebenfalls stacheldrahtbewehrten Mündung in die Ostsee, neben der sich kilometerweite, breite Sandstrände erstrecken, kommt man alle paarhundert Meter an irgendwelchen Soldatenfriedhöfen und Kriegsdenkmälern vorbei.

Eine Welt ohne Grenzen und ohne Krieg, das wär’s…!

Die DDR-Glühlampenmarke hatte übrigens bei aller Freundschaft zu den sozialistischen Bruderländern nichts mit der gleichnamigen estnischen Stadt zu tun: Narva stand in dem Fall für für Stickstoff („N“), Argon („Ar“) und Vakuum („Va“).

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Sillamäe.

Sillamäe ist wie Bielefeld. Nur umgekehrt.

Zu Sowjetzeiten gab es Sillamäe wegen seiner Urananreicherungsanlagen offiziell nicht. Die Stadt war auf keiner Karte verzeichnet – und wir haben lachend festgestellt, dass Google Maps auch im Jahr 2021 noch nicht weiss, auf welcher Seite der Hauptstrasse ein Park und auf welcher ein Wohngebiet ist – die Bewohner hatten keine Postadressen, sondern bekamen ihre Post über Codeanschriften zugestellt, Nicht-Ortsansässige durften die Stadt nur mit Sondergenehmigung, Ausländer überhaupt nicht betreten.

Die Stadt strahlt (haha) heute noch den morbiden Charme verfallender, grössenwahnsinniger Stalin-Prachtbauten aus, den ich auch aus dem Stadtteil meiner Geburtsstadt, in dem ich aufgewachsen bin, kenne. Der grosse Herr Maus fasste es mit „Das ist alles antik, nur nicht echt“ recht treffend zusammen. Am bezeichnendsten für diesen Baustil ist vielleicht das Rathaus von Sillamäe, das mit seinem spitzen Turm einer nordischen evangelischen Kirche ähnelt, ohne die sich die Stadtplaner eine Stadt am Meer nicht vorstellen konnten, obgleich doch Atheismus offizielle Staatsreligion war.

Immerhin sind manche dieser Prachtbauten schon recht hübsch restauriert, Sillamäe hat eine sehr moderne Strandpromenade mit jeder Menge Spielgeräten, Umkleidehäuschen und fest installierten Grillen, und statt einer Urananreicherungsanlage gibt es heutzutage eine Fabrik, die sich auf die Verarbeitung seltener Erden und Metalle spezialisiert hat. Die Arbeitslosigkeit ist trotzdem hoch, die Umwelt vermutlich noch immer verseucht.

Auch in Sillamäe wird überwiegend Russisch gesprochen. Der Ähämann, dem der Rasierschaum ausgegangen war, fand einen kleinen Laden, in dem von Brot und Milch über Drogerieartikel, Klamotten und Süssigkeiten bis zum Wodka alles verkauft wurde – alles in ehemaligen Ostblockstaaten hergestellt – und die Bedienung erfolgte ausschliesslich auf Russisch. Vor der Theke lag die Ladenkatze und räkelte sich in der Sonne, die durch die Eingangstür hereinfiel.

Das Fräulein Maus hat übrigens – zu Recht! – mehr als einmal in diesem Urlaub darüber geschimpft, dass sie statt Russisch Französisch lernen muss.

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Kohtla-Nõmme.

Die nordöstliche Ecke Estlands ist voll von Plätzen, die laut „Nie wieder!“ schreien. Die Schauplätze von Krieg, Vertreibungen, Holocaust, sowjetischer Diktatur und Umweltzerstörung könnte man, so man denn wolle, alle nacheinander an ein, zwei Tagen besuchen, ohne weit fahren zu müssen.

Rund um Kohtla-Nõmme befindet sich ein ausgedehntes Bergbaugebiet mit unter Anderem der höchsten Abraumhalde des Baltikums. (Wir wären gern auf der Rückfahrt von Narva im Abendsonnenschein da raufgestiegen, aber wir fanden den Einstieg nicht.) Der Uranabbau in der Gegend wurde schon 1952 eingestellt, aber bis heute wird Ölschiefer in der Gegend abgebaut und weiterverarbeitet und auch zu Strom und Wärme verbrannt.

(Ein Ort in der Gegend heisst Kiviõli (=Steinöl), was wir genauso lustig fanden wie den Ort Heršpice ein paar Kilometer hinter Austerlitz.)

Im Estnischen Bergbaumuseum kann man sich nicht nur ausgemustertes riesiges Bergbaugerät angucken, sondern auch in einem alten Schacht unter Tage erleben, wie der Ölschieferabbau vonstatten ging. (Oder geht, sehr viel hat sich da nämlich nicht geändert.) Ölschiefer wird sehr knapp unter Tage (oder sogar über Tage) abgebaut, so dass man eher das Gefühl hat, in eine Höhle zu laufen als in ein Bergwerk einzufahren, aber schön fand ich, dass wir alles Gerät, das noch funktionstüchtig ist, vorgeführt bekamen: wir fuhren ein Stück mit einer Grubenbahn, bekamen demonstriert, wie laut so ein Ventilator ist, der nach der Sprengung Rauch und Staub absaugt, und wie sich so ein Schrämlader laut scheppernd vorwärtsbewegt, ohrenbetäubend schon, wenn sich seine Walze nur leer in der Luft dreht statt Gestein aus dem Fels zu kratzen.

Die Spruchbänder mit den sozialistischen Losungen machten offensichtlich auch vor Bergwerksschächten nicht halt: „Wir produzieren ausschliesslich Qualitäts-Ölschiefer“ hängt über der Sortierstation unter Tage.

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Tallinn (2)

In Tallinn kann man die billigsten am wenigsten teuren Corona-Schnelltests in ganz Estland machen lassen.

In einem Kleinbus auf einem Parkplatz an der Ausfallstrasse nach Süden. Das Testpersonal sprach ausschliesslich Russisch. Die Testerin trug ausser einer einfachen medizinischen Maske keinerlei Schutzkleidung, der Mitarbeiter am Computer nicht einmal das.

Die Wartezeit auf das Testergebnis und das Austellen der Visa Testzertifikate verbrachten wir im gegenüber gelegenen Pfannkuchenhaus. Um das Pfannkuchenhaus herum führt die Wendeschleife mehrerer Tallinner Strassenbahnlinien, und wir konnten beim Essen den Strassenbahnen – „Hallo Paula!“, „Hallo Triinu!“, „Hallo Annika!“, „Hallo Sirje!“, „Hallo Kersti!“ – zuwinken.

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Ainaži.

2010 machten wir in Südestland eine Woche Mökkiurlaub. Eines Tages waren wir über Mittag ein bisschen am Strand im Sand buddeln, eine kleine Runde Naturlehrpfad laufen, und danach wollten wir in der nächsten grösseren Stadt mittagessen. Der damals zweijährige grosse Herr Maus sollte vorher aber noch seinen Mittagsschlaf halten, weshalb wir beschlossen, vom Strand aus erst noch der kleinen Landstrasse ein Stückchen weiter nach Süden zu folgen, ehe wir auf die Fernverkehrsstrasse einbiegen und nach Norden Richtung Stadt fahren würden, damit er lange genug Zeit hätte zum Schlafen. Wir fuhren durch verschlafene Dörfer, und als wir durch das dritte davon fuhren, kam uns irgendwas komisch vor. Und tatsächlich – wir befanden uns, ohne dass wir etwas von einer Grenze bemerkt hätten, inzwischen in Lettland!

An diese kleine Strasse und den nicht vorhandenen Grenzübergang erinnerten wir uns diesmal aus zwei Gründen.

Erstens ist der Verkehr auf der E67, der Via Baltica, völlig irre. Auf der zweispurigen Landstrasse fahren die LKWs Stossstange an Stossstange wie auf der rechten Spur einer deutschen Autobahn, es wird halsbrecherisch überholt, auch von Bussen, auch die LKWs sich gegenseitig, und das alles bei Gegenverkehr, der sich genauso verhält, und ohne jegliche Überholspur, manchmal sogar ohne nennenswerten Seitenstreifen, auf den die zu Überholenden ausweichen könnten. Es gibt leider nicht so viele Nord-Süd-Verbindungen im Baltikum, dass man auf eine weniger befahrene Strecke ausweichen könnte, aber wenigstens ab und zu die Gelegenheit, für 20, 30 Kilometer auf kleine Nebenstrassen abzubiegen.

Zweitens braucht man für die Einreise nach Lettland derzeit, wenn man nicht voll geimpft ist, ein negatives Coronatestergebnis. Wenn das von jedem an der Grenze kontrolliert würde, würden wir da bei der Verkehrsdichte sicher ewig im Stau stehen, fürchteten wir. Wir könnten es ja einfach mal probieren, die Grenze statt auf der Via Baltica auf der kleinen Nebenstrasse zu überqueren. Dort wäre ganz sicher nicht so viel los.

Und tatsächlich fanden wir uns ähnlich schnell in Lettland wieder wie vor elf Jahren mit dem schlafenden grossen Herrn Maus im Auto – ohne jegliche Grenzkontrolle. (Schade um die vier – der kleine Herr Maus musste nicht – teuren Coronatests!)

Wir hatten übrigens Glück mit unseren Reisedaten: am Tag nach unserer Einreise nach Lettland stieg sowohl in Estland als auch in Finnland – man weiss ja in so einem Fall immer nicht so richtig, was nun als Einreiseland gilt – die 14-Tage-Inzidenz über den Grenzwert von 75, was bedeutet hätte, dass wir in Lettland in Quarantäne gemusst hätten.

(Tatsächlich hatten wir uns den ganzen Urlaub darauf eingestellt, eventuell in Estland bleiben zu müssen, sollte sich die Coronalage drastisch verschlechtern.)

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Saulkrasti.

Saulkrasti war seit 14 Jahren der Inbegriff unserer Träume. Soweit sie sich auf Strand und Meer bezogen, jedenfalls.

2007 fuhren wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum und Polen in die Slowakei. Der irre Verkehr auf der Via Baltica setzte damals erst in Polen ein; im Baltikum war es recht ruhig auf den Strassen, dafür wurde überall der Ausbau der E67 vorangetrieben. An einer Baustelle wurden wir durch Saulkrasti umgeleitet, mitten durch den langgestreckten Badeort und am kilometerlangen Strand entlang, der mit seinen Dünen und seinem gelben Sand und dem Meer, das ohne Inseln dazwischen bis zum Horizont reichte, ganz anders als die Strände in Südfinnand, unserer in Mecklenburg geprägten Vorstellung von einem Ostseestrand entsprach. Saulkrasti wäre leichter zu erreichen als Zingst. Lass uns da mal hinfahren, wenn wir mal an einen schönen Strand wollen, sagten wir zueinander.

Es hat 14 Jahre gedauert. Dann aber musste es gleich und sofort sein, obwohl wir abends noch bis nach Riga mussten. Zum Glück sind die Abende lang im Sommer im Norden…!

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Rīga.

Riga war #aufgrundderaktuellensituation genauso leer, wie wir uns das erhofft hatten.

Wir zogen vier Tage lang planlos durch die Altstadt, gingen in jede Kirche, stiegen fuhren auf jeden Turm. Mit Verwunderung sah ich von oben zum ersten Mal, dass Riga nicht nur am Meer liegt, so wie Stockholm oder Helsinki oder Tallinn, sondern an einem mächtigen Strom. Die Daugava kommt direkt aus den weiten Mooren Russlands und Weissrusslands und Lettlands; ihr rübensirupfarbenes Wasser bringt den Moorgeruch mit bis in die Stadt.

Wenn es abends zu dämmern anfing – gegen halb zehn, und das ist für uns sensationell zeitig – gingen wir Cocktails bzw. Milchshakes trinken und danach die beleuchtete Stadt anhimmeln. Wenn die Kinder dann kurz vor Mitternacht im Bett lagen, sassen der Ähämann und ich noch lange auf unserem Balkon über den Dächern der Altstadt, lauschten dem fernen Rauschen des Verkehrs auf der grossen Brücke und dem Geschrei der Möwen, die auf den Dächern ihre Nester haben und noch mitten in der Nacht um die Kirchtürme segeln.

Die Rigaer Strassenbahnen haben übrigens O-Bus-Stromabnehmer.

Ausserdem hat Riga eine sehr beeindruckende Nationalbibliothek; sieben Etagen Bücher in moderner Architektur, das letzte grosse Werk des in Lettland geborenen US-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts. Vom 11. und 12. Stockwerk, dem Krönchen, aus hat man einen sehr schönen Blick über die Daugava auf die Stadt. Dafür hätten wir eigentlich am nächsten Tag nochmal wiederkommen müssen, aber eine freundliche Bibliotheksmitarbeiterin fuhr mit uns, weil so wenig los war – wir haben tatsächlich in dem ganzen riesigen Gebäude ausser uns vielleicht noch sechs Menschen getroffen – doch gleich hoch. Dann brachte sie uns zurück ins 7. Stockwerk, von wo wir Stockwerk für Stockwerk nach unten zurückliefen und staunten. (Die Kinder hatten viel Spass mit den gläsernen Fahrstühlen.)

Die befreundete Deutschlehrerin, die sich immer um unseren Garten kümmert, während wir auf Reisen sind, wofür wir ihre Katzen füttern, wenn sie auf Reisen ist, hatte uns bei der Schlüsselübergabe zuallerletzt noch zugerufen: „Geht unbedingt in die Markthallen hinterm Bahnhof!“ Nun ist es so, dass mein Verhältnis zu Markthallen ein eher ungutes ist. Die Markthalle in meiner Geburtsstadt wurde nach der Wende aufwändig restauriert, hat aber mit einem Markt wenig gemein. Turku bildet sich viel auf seine historische Markthalle ein, aber letztendlich findet man da auch nur die üblichen Kaffeeketten, einen ramschigen Souvenierladen und einen einzigen Fleischstand, der wirklich in die Markthalle passt. Aber die Markthallen in Riga, Leute! Es sind fünf Stück ingesamt, ehemalige Zeppelinhallen der deutschen Wehrmacht, und in jeder gibt es etwas anderes: Obst und Gemüse in der einen, Fisch in einer anderen, Brot, Backwaren und Milchprodukte in der nächsten, in der hintersten werden Textilien verkauft und in der, die ein bisschen abseits steht, Fleisch. Rund um die Markthalle befinden sich, ohne Übertreibung, hunderte Marktstände für Obst und Gemüse. Wir gingen von Stand zu Stand, staunten, kauften ein, radebrechten auf Russisch – denn wie überall im Baltikum ist die russische Minderheit nicht sonderlich beliebt, bestreitet aber jegliche Verkaufsstände quasi allein – freuten uns an der Freundlichkeit und Gesprächigkeit der Verkäufer*innen und hatten am Ende fast einen halben Nachmittag da verbracht.

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Schloss Rundāle.

Mitten im lettischen Nirgendwo, nahe der litauischen Grenze, befinden sich 85 Hektar Versailles.

Auch da waren wir 2007 schon mal. Aber wann hat jemand, der schon lange in Finnland lebt, schon mal die Gelegenheit, ein wirklich prächtiges Schloss zu besichtigen?

Schloss Rundāle liess Zarin Anna Iwanowna 1735 als Sommerresidenz (!) für den deutschbaltischen Herzog von Kurland bauen. Das Schloss hat 138 prächtig eingerichtete Zimmer und Säle, von denen man sehr, sehr viele besichtigen kann. „Wer braucht so viele Zimmer?!“, fragten die Kinder. Es ist purer Grössenwahn.

Hinterher fuhren wir – 30 Kilometer über unbefestigte Landstrassen zwischen Feldern, auf denen Störche staksten und Mähdrescher ihre Runden zogen; kein Dorf, nur Staub und Mittagshitze – in die nächstgrössere Stadt, um etwas zu essen. Die Kellnerin fragte uns nach unserem Woher und Wohin und sagte dann lachend: „Ich bin aus Rundāle! Aber ein Schloss haben wir hier auch. Ein grösseres als in Rundāle.“ „Noch grösser?!“, fragten wir ungläubig. Aber: tatsächlich!

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Jūrmala.

Noch ein Strand. 33 km lang und mit dem feinsten Sand, den wir je an der Ostsee unter den Füssen hatten.

„Können wir bis zum Sonnenuntergang hierbleiben?“, fragte das Fräulein Maus, als wir sowieso schon recht spät da ankamen. Nicht ganz. Dafür kamen sie einfach anderthalb Stunden lang nicht wieder raus aus dem lauwarmen Wasser.

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Tallinn (3)

Bereit für die Rückreise.


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neljäsataakuusi, neljäsataaseitsemän, neljäsataakahdeksan

Gestern brachten wir – von und nach Turku fliegt reisebeschränkungsbedingt noch fast immer nichts – die Grosseltern zurück nach Helsinki zum Flughafen.

Auf der Autobahn nach Helsinki sahen wir die 406. Am Flughafen in Helsinki ist gerade so wenig los, dass man kein teures Parkhaus braucht, sondern die kostenlosen 30-Minuten-Parkplätze an der Tankstelle neben dem Mietwagenparkhaus nutzen kann. (Okay, wenn sich das Abholen wegen der ganzen derzeitigen bürokratischen Hürden länger hinzieht als gedacht, muss man die Parkuhr eben nochmal weiterdrehen. Spätestens dann stellt sich aber wirklich Provinzflughafenfeeling ein.) Und dort suchte auch die 407 einen Parkplatz. Und als wir fast wieder zu Hause waren, an der letzten Ampel, da kam uns dann auch noch die 408 entgegen. Sehr erfolgreicher Ausflug.

Auf Wunsch des kleinen Herrn Maus fuhren wir am Flughafen ausserdem einmal die lange Rolltreppe vom Flughafen zum S-Bahn-Bahnhof runter und wieder hoch, danach war es Zeit für ein spätes Mittagessen, und dann suchten wir noch einen Helsinkier Strand auf. Kein Tag ohne Strandbesuch in diesen trockenen, heissen Sommerferien!

Gleich neben dem Strand zogen die Tallinn-Fähren vorbei, und wir haben vorfreudig gewinkt: Übermorgen fahren wir mit!

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neljäsataaviisi

Im Hochsommer wandern ist im finnischen Wald nicht übermässig attraktiv. Nach fünf Wochen täglichen Strandbesuches war es im Moor allerdings auch mal wieder ganz schön.

Das Beste war aber trotzdem, sich nach den acht Kilometern um den grossen Moorsee in dessen weiches, warmes, goldenes Wasser hineinfallen zu lassen.

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Abends gingen der Ähämann und ich aus. Wir fuhren mit dem Rad ins Stadtzentrum, und in der grünen Plattenbausiedlung parkte – der Ähämann, der ja bekanntlich diesen Quatsch nicht mitmacht, machte mich darauf aufmerksam – eine 405.

Im Stadtzentrum steppte übrigens der Bär. Die Restaurantschiffe am Flusskai sowie die beiden zu fahrenden Biergärten umgebauten Autofähren, die nonstop den Fluss auf und ab fahren, waren allesamt brechend voll, und es tönte ein für finnische Verhältnisse unglaublich lautes Stimmengewirr von ihnen ans Ufer. Man könnte meinen, Corona sei vorbei.

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neljäsataaneljä

Vor drei Jahren waren um die Zeit mit uns fünf Autos auf der Autofähre. Diesmal war die Schlange eine halbe Stunde vor Abfahrt schon so lang, dass wir schon ahnten, dass wir diesmal nicht mit draufpassen würden und sofort anfingen, Pläne für die drei Stunden Wartezeit bis zur nächsten Fähre zu machen: zum Beispiel endlich mal wieder den kleinen Lehrpfad ablaufen, der vor vielen Jahren genau die richtige Länge für die Kinder hatte.

Die 404 – ein Reisebus, weit vor uns in der Warteschlange – schaffte es auf die Mittagsfähre, und drei Stunden später kam sie mit der Fähre, auf die der Löwe Balthasar geduldig stellvertretend für uns gewartet hatte, wieder zurück.

Drei Stunden später aber war es im Wikingerdorf auch noch schön. Und weil es im finnischen Sommer abends erst richtig schön wird, gingen wir hinterher auch noch an unseren Zweitlieblingsstrand. Und Eisessen natürlich, kurz bevor der Supermarkt zumachte. Hach, Sommerferien!

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neljäsataakaksi, neljäsataakolme

Am Wochenende waren wir gleich zweimal am Lieblingsstrand.

(Überhaupt waren wir in den vergangenen dreieinhalb Ferienwochen bis auf die drei Tage, die wir in Tallinn waren, jeden Tag wenigstens einmal kurz an irgendeinem Strand. Es ist pünktlich seit Ferienbeginn heiss und trocken – die Natur könnte mal wieder ein bisschen Regen gebrauchen, aber ich tanke dankbar Wärme und Sonne für den Winter.)

Der Ähämann sah schon am Samstag auf dem Heimweg vom Strand die 402 und die 403, aber ich guckte mal wieder in der Gegend rum und verpasste beide. Am Sonntag schaffte es der Ähämann, mich auf dem Weg zum Strand rechtzeitig auf die entgegenkommende 402 aufmerksam zu machen.

Am Montag sahen wir gemeinsam die 403 im Nachbarort. Denn diese Woche ist wieder die schönste Sommerferienwoche, und der Ähämann und ich fahren abwechselnd oder gemeinsam sieben Tage lang eine Harfenistin und einen Klarinettisten hin und her.

(Die gelbe 342 ist übrigens auch wieder im Musiklager.)

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Radtour mit Wasserbus

Weil es neulich so schön war, machten wir das Ganze gestern nochmal als Tagesausflug.

Fahrräder auf den Wasserbus und eine halbe Stunde lang flussabwärts und am Hafen vorbei auf die nächste Insel schippern, den Luxusradweg mit dem Edelasphalt und dem aufgemalten Mittelstreifen bis zur hintersten Spitze der Insel entlangfliegen und auch ein Stückchen Wanderweg fahren, Schafen, Rehen, Hasen und Gänseküken begegnen, in einer Holzvilla mittagessen und in einer anderen kaffeetrinken, Homeoffice am Strand, Schwimmen mit Schiffen, ein paar Geocaches suchen und kurz vor Abfahrt des letzten Wasserbusses Richtung Stadt noch vom schönsten Platz aus der ersten Schwedenfähre zuwinken.

Bester Moment des Tages: die Fähre vorbeiziehen zu sehen und festzustellen, dass das monatelange Gefühl der Bedrückung und des Eingesperrtseins bei ihrem Anblick dem von Erleichterung und Freiheit gewichen ist, weil wir ab sofort wieder mitfahren dürfen – weil auch eine Impfdosis oder jünger als 16 zu sein nun doch reicht, um zumindest ohne Test an Bord gehen und ohne Test zurück nach Finnland einreisen zu dürfen. (Im Ausland besondere Vorsicht walten lassen, freiwillige Quarantäne nach Rückkehr, kostenloser Test mindestens 72 Stunden nach Wiedereinreise, blabla… hab‘ ich kein Problem mit. Hauptsache, wir müssen keine „Quarantänefreie Kreuzfahrt“ machen, sondern dürfen die Fähre als Mittel zum Zweck benutzen!)


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Endlich!

Nach fast zehn Monaten waren wir am Montag wieder in einer öffentlichen Sauna mit natürlichem Gewässer.

In der Sauna am See, die, als wir das letzte Mal dort waren, den letzten Tag geöffnet war. Die neue Sauna ist schon seit Mitte Mai fertig, war aber wegen der Coronabeschränkungen noch bis Sonntag geschlossen.

(Sie war sogar so neu, dass der gerade angeheizte Saunaofen – es ist auch in der neuen Sauna wieder ein Holzofen! – noch qualmte und stank. Erst nach einer Stunde gab sich das, und dann roch das Fichtenholz der neuen Saunabänke ganz wunderbar.)

Der Ähämann hatte sein mobiles Homeoffice dabei und arbeitete mit Blick auf den See, die Kinder und ich wechselten unzählige Male zwischen Sauna und See hin und her. Nicht, dass die Sauna nötig gewesen wäre – es war so heiss, dass es am späten Nachmittag in der Ferne sogar ein bisschen blitzte und donnerte, und das Seewasser war geradezu lauwarm – aber ach, war das wunderbar…! Und wie sehr uns die Eisbadesauna gefehlt hatte den ganzen Winter über…!

Wir blieben bis abends um neun, als die Sonne den See und den Wald golden färbte. Das ist sowieso die schönste Tageszeit.

Passend zum Thema: Finnische Saunakultur steht seit Dezember 2020 auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESO.


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Gewusst wie

Woran freut sich ein Kind, das an der Ostsee aufgewachsen ist – aber an der Seite der Ostsee, wo sie aussieht wie ein grosser See, wo sie keinen Horizont hat und sich sommers nie zu grossen Wellen auftürmt?

Daran, dass es seine Familie davon überzeugen kann, abends so lange am Lieblingsstrand zu bleiben, bis die drei Schwedenfähren vorbeiziehen, um dann in die jeweils 12 Minuten später anrollenden Bugwellen zu hüpfen.

(Mama und Papa zucken nachsichtig mit den Schultern, wenn die Kinder „Wellen! Wellen!!!“ juchzen.)


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kolmesataayhdeksänkymmentäkuusi, kolmesataayhdeksänkymmentäseitsemän

Oder: Schnipsel aus der vergangenen Woche

Als die beste Chefin und ich am Montag Hortkinder abholen gingen, fuhren zwei 397en hintereinander neben uns her. Ich guckte mich nach allen Seiten um, ob vielleicht eine 396 zu entdecken wäre, solange eine der beiden 397en noch in Sichtweite wäre, aber nein. Die 396 kam erst auf dem Rückweg an nahezu der gleichen Stelle gefahren. Gleichzeitig näherte sich von hinten eine Feuerwehr und brauste mit Tatüü-tataa Pii-paa-pii-paa und Blaulicht an uns vorbei. Alle Feuerwehrmänner, die auf der uns zugewandten Seite sassen, winkten fröhlich unserer Kinderschar zu.

***

Am Montag hatte es auch endlich warm werden sollen. Erstmal aber regnete es noch bis Mittag, und als ich halb elf losmusste zur Arbeit, waren immer noch nur 6 Grad, so dass ich unter die Regenjacke doch noch einen Anorak und in die Gummistiefel Wollsocken zog. Nachmittags hatte es zwar aufgehört zu regnen, aber ich fror selbst mit Anorak unter der Regenjacke, Wollsocken in den Gummistiefeln und Mütze auf dem Spielplatz. Erst anderthalb Stunden später, genau wie vorhergesagt, wurde es schlagartig warm. Auf dem Heimweg fuhr ich sehr viele Klamotten in der Fahrradtasche spazieren.

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Am Dienstag waren 20 Grad. In anderen Gegenden Finnlands wurden sogar 25 Grad gemessen. In Nordkarelien fuhren die Leute in kurzen Hosen und T-Shirt Ski.

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Ebenfalls am Dienstag stand ich neben Michael Monroe an der Fussgängerampel. Keines der Hortkinder, die völlig hysterisch werden, wenn Eino und Aapeli über den Schulhof laufen, nahm ihn überhaupt war – unsere Kinder hätten vielleicht wenigstens gesagt: „Der sieht aus wie der Typ, von dem das grosse Foto am Flughafen hängt“ – und ich kam mir sehr alt vor.

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Am Mittwoch konnte man zugucken, wie es grün wurde. (Endlich!) Birkenblätter, Ahornblüten, Grashalme… alles entfaltete sich und streckte sich der Sonne und dem blauen Himmel entgegen.

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Am Donnerstag, passend zum Feiertag, war der wärmste Tag der Woche. Wir besuchten den Tomatenmann und gingen anbaden. Ich hatte befürchtet, nachdem wir jetzt schon seit über einem Jahr nicht mehr in die Eisbadesauna gehen konnten, dass ich mich diesen Sommer erst Ende Juli in die Ostsee trauen würde. Es ging allerdings überraschend gut, nur an Händen und Füssen wurde es sehr schnell unangenehm. Die Sonne wärmte sehr, und von Land her wehte ein warmer Wind. Nur wenn der Wind kurz drehte und vom Meer her kam, fühlte es sich an, als stünden wir vorm geöffneten Kühlschrank.

Die Beine sind nicht von der Sonne rot. Sondern vom kalten Wasser.

Wir hatten den Strand nicht ganz für uns allein.
(Eine harmlose Ringelnatter. Heisst auf Finnisch passenderweise „Strandschlange“.)

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Am Freitag hatte leider niemand in unserer Familie Brückentag. Ich radelte im Zickzack – denn näher am Stadtzentrum wird an den zahlreichen Baustellen auf Radfahrer nicht so fein Rücksicht genommen wie im Nachbarort – auf Arbeit und im Zickzack von Arbeit wieder nach Hause. Während ich über den dank der Baustelle am Krankenhaus zusätzlichen Berg stöhnte und aus dem Augenwinkel auf Nummernschilder guckte und „Einhundertdreizehn“, „Achthundertsiebenundzwanzig“, „Dreihundertsiebenundneunzig“ vor mich hin murmelte… äh, Moment mal… Dreihundertsiebenundneunzig!… war ich dann noch vor dem Wochenende eine Nummer weiter gekommen.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318, 319, 320, 321-322, 323, 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331-332, 333, 334, 335, 336-337, 338, 339, 340, 341, 342, 343-344, 345, 346, 347, 348, 349, 350, 351, 352, 353-355, 356, 357, 358, 359, 360, 361, 362, 363, 364, 365, 366-367, 368, 369, 370, 371, 372, 373, 374-375, 376, 377-378, 379, 380-381, 382, 383, 384, 385, 386-387, 388-389, 390, 391-393, 394, 395]


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Letzte Gelegenheit

Jeder Tag kann jetzt der letzte Sommertag gewesen sein.

Dass wir auch am Sonntag nochmal baden gehen würden, war deshalb selbstredend klar.

Ob wir vielleicht gleich nochmal an den schönen See mit der Sauna fahren könnten, fragte zaghaft der kleine Herr Maus, und der grosse Herr Maus und das Fräulein Maus stimmten – „Oh ja, bitte!“ – ein.

Es war nämlich die letzte Gelegenheit. Nach dem Wochenende würde die alte Sauna abgerissen und eine neue gebaut werden, hatten wir am Tag zuvor auf einem Schild gelesen.

Das ist schade, denn es ist vielleicht die schönste öffentliche Sauna, in der wir je waren. Sie hat nicht einmal Öffnungszeiten – wer hinkommt, holt sich Holz aus dem Schuppen und heizt sie an. Jeder, der schwimmen geht, nimmt einen Wassereimer mit zum Steg und trägt ihn gefüllt zurück in die Sauna.

Eine neue Sauna ist vielleicht modern. Aber sie hat keinen Charme. Das haben wir seinerzeit schon an unserer Eisbadesauna gemerkt.

Tschüss, Kivijärvi-Sauna! Danke, dass wir dich noch kennenlernen und einen letzten echt finnischen Sommertag am See verbringen durften!